Klassenfahrt -  - E-Book

Klassenfahrt E-Book

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Beschreibung

In Erzählungen, Comics und Interviews erzählen 50 Personen von ihren Erfahrungen mit Klassismus. In unterschiedlichen Formaten geht es um Themen wie Gesundheit, Geld, Scham, Sexualität und Zugänge. Wir erfahren was Erfrischungsgetränke, Scheibenkäse, Snackautomaten, Star Trek und ein Teller mit Klassismus zu tun haben. Die Erzählenden sprechen über Trauer, Wut und Stärke und thematisieren Widersprüche. Durch das Teilen verschiedener Erfahrungen wird sichtbar, dass wir weiterhin in einer Gesellschaft leben, in der Klassenzugehörigkeit und Klassenherkunft strukturell Teilhabe regeln. Der Sammelband ist eine Einladung über diese Themen zu sprechen. Eine Sammlung zum Nachdenken, Sensibilisieren, Lachen und Neugierde stillen.

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Seitenzahl: 296

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar

Julian Knop & Frede Macioszek (Hg.)

Klassenfahrt

63 persönliche Geschichten zu Klassismus und feinen Unterschieden

1. Auflage 2022

ISBN 978-3-96042-824-4

© edition assemblage

Postfach 27 46 | D- 48041 Münster

[email protected] | www.edition-assemblage.de

Eigentumsvorbehalt:

Dieses Buch bleibt Eigentum des Verlages, bis es der gefangenen Person direkt ausgehändigt wurde.

Zur-Habe-Nahme ist keine Aushändigung im Sinne dieses Vorbehalts.

Bei Nichtaushändigung ist es unter Mitteilung des Grundes zurückzusenden.

Umschlag: Momo Schaak und Carina Büker

Satz: Carina Büker | edition assemblage

Lektorat: Anne Grunwald (Textfeile)

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH

Inhalt

Einleitung

Es wird zu Hause gegessen (Thi Loc Le)

Mutter mit Klasse (MC Griotte)

Zwei Lehrerinnen (Julian Knop)

Zwischen Scham und Zugehörigkeit (Frede Macioszek)

Schnöselkotze (Jana Ziegler)

Gemüsebrühe-Diät (Momo)

Happy End – Wo die guten Filme aufhören (Anna Scharmin Shakoor)

Was machen deine Eltern? (L)

Klassen-Teiler (Niels Jung)

Die Gruppe (Julian Knop)

Klasse und Psychotherapie – ein Gespräch (Julian Knop und Martina Stang)

Arbeiterkinder studieren nicht (Jutta S.)

Beam me up, Scotty (Jenny Dam)

Ich, 29, Single, suche … (Julian Knop)

Wenn ich kein Prolet wär’ … (Kira Fellner)

Wie kann ich Ihnen helfen? (Ostblockschlampe)

Freundschaft und Tüten (Ostblockschlampe)

Familienturbulenzen (Ostblockschlampe)

„Es müsste geklärt werden, ob Sie aufgrund Ihrer Erkrankung und Ihrer familiären Situation überhaupt in der Lage sind, an der Promotion zu arbeiten“ (Jakub Fischer)

Alienbaby (Kathleen)

Eine Reise als „richtiger Kevin“ durch die Bildungsinstitutionen Schule und Universität (Kevin Brunotte)

Der universitäre „Schnösel“ (Zuzana Kobesova)

Die Spende (Anna Di Biase)

Zugänge zu Informationen (Chris Höppner)

Die Zeichen der Armut (Julian Knop)

Das ‚arme‘ Kind oder Der Blick der Anderen (Chris Höppner)

crown am ende der leiter (Angela)

Der Zirkus (Julian Knop)

Die Sache mit Weihnachten (Tanja Abou)

Mit dem Kopf durch die Wand (Daniel S.)

Klassismus von links (Athanasios Tsirikiotis)

Käsekrater und Plastikkäse (Frede Macioszek)

Ohne Titel (Klee)

Ein Unfall. Autosoziobiografisches Fragment (David Prinz)

Gespräch mit einer Kämpferin (Antonia Knop und Julian Knop)

„Wir müssen alle kürzer treten“ (Dennis B.)

Eat the rich middle class (Nelo Locke)

Das Zimmer hinter der Wand (Wiktoria Gradzka)

Liebe Mẹ (Phu)

Geholt, um zu arbeiten – und um Arbeiter*innen zu bleiben (Maja Bogojević und Thao Nguyen)

Von Klassenproblemen zu Klasse(n) Skills (Sina)

Halbe Hähnchen vs. Coq au vin (Zara Zerbe)

Klassik und klassistische Kackscheiße (Frede Macioszek)

Wieder mal ’ne klasse Party … (Momo)

„Darf ich..?“ (Un-)Ansprechbarkeit von Klassismuserfahrungen in linken Zusammenhängen (Dohle Kjack)

Ich vertraue euren Worten nicht (Ute Larsen)

Ein Gespräch übers Aufwachsen (Jutta und Momo)

Gesundheit ist nicht alles, aber ohne Gesundheit ist alles nichts (Hanna Begić)

Was isst das? (Julian Knop)

Der Bruch, der bleibt (Marlena Julia Dorniak)

Das Tellerchen (Anna Zawadzka)

Vom Leben und Kämpfen und Sterben meiner Mutter (Danja Duţă)

Judithi (Judith Klemenc)

Strafrecht & Ressourcen (Chris Höppner)

Mein Leben ohne Harvard-Hoodie (Mareice Kaiser)

Ohne Titel (Lea Ebeling)

London (Die Reisende)

LET’S TALK ABOUT SEXism (Sarah De Sanctis)

Duell (Jonas Dokarzek)

Nudelwoche (Hannah Essing)

Erben (Julian Knop)

Danksagung

Einleitung

Willkommen in unserem Sammelband!

Dieser Sammelband ist das Ergebnis eines spontanen Einfalls – hervorgegangen aus persönlichen Erlebnissen und Erfahrungen und letztendlich auch aus den gesellschaftlichen Umständen, in denen wir leben. Uns war es wichtig, Sichtbarkeit für das Thema zu schaffen. Wir, Frede Macioszek und Julian Knop, sind im Frühjahr 2020 zusammengekommen, um die öffentliche Thematisierung von Klasse, Klassenunterschieden und Klassismus um weitere Sichtweisen und Erfahrungen zu ergänzen. Gerade hatten wir erfahren, dass zwei großartige Sammelbände von Francis Seeck und Brigitte Theißl sowie Riccardo Altieri und Bernd Hüttner1 dem Thema einen Schub geben würden und wir freuten uns über die steigende Sichtbarkeit. Vor allem in wissenschaftlichen und linke(re)n Kontexten konnten wir sehen, wie die langwierige Thematisierung von Klassismus durch Einzelpersonen und Gruppen – etwa in der Frauen- und Lesbenbewegung der BRD in den 1980ern und 1990ern, in Hochschulreferaten einzelner Universitäten und in der politischen Bildungsarbeit – langsam Räume ein Stück weit geöffnet hat. Durch die Einführung von und Proteste gegen Hartz IV, mietenpolitische Fragestellungen und Proteste, Netzaktivismus, Romane, Sachbücher und wichtige Streiks, etwa von Pflegekräften, wurde Klassismus sichtbarer. Wir sind dankbar für die wichtigen Kämpfe, in denen zahlreiche Personen sich seit Jahren engagieren.

„Klassenfahrt“ will der Thematisierung von Klassismus eine weitere Seite hinzufügen. In Erfahrungsberichten und persönlichen Texten über tagtägliche Situationen wird sichtbar, was Klassismus heißt und wie sich Klassismus zeigt. Der Sammlung liegen viele Einzelerfahrungen unterschiedlicher Personen zugrunde. In ihrer Gesamtheit lassen sie jedoch eine Struktur erkennen, von der jede*r von uns Teil ist. Wir verstehen Klassismus als übergreifende Struktur. Neben theoretischen Einordnungen und großen kapitalismuskritischen Fragestellungen ist es uns jedoch wichtig, Menschen, die Klassismus erfahren, zu zeigen: Andere Menschen teilen eure Erfahrungen. Ob in der Schule, in Jobcentern, in Freund*innenschaften, in linken Strukturen, in Wohnzimmern oder in Küchen. Ihr seid auch nicht allein mit Gefühlen wie Scham, Neid und Verletztheit!

50 Personen teilen in der vorliegenden Sammlung ihre eigenen Erfahrungen. Viele von ihnen veröffentlichen hier erstmals einen Text oder eine ihrer Zeichnungen. Die Autor*innen zeigen sich verletzlich, lassen uns ihre Scham und ihre Wut spüren und zeigen ihre Stärke. Wir freuen uns, dass unser Sammelband Personen Selbstsicherheit gegeben hat und sich so viele sicher genug gefühlt haben, ihre Erfahrungen zu teilen!

Die Beiträge sind ebenso wie ihre Verfasser*innen vielfältig: In Erfahrungsberichten, Erzählungen, Interviews, Zeichnungen, Gedichten und einem Märchen geht es um Themen wie Gesundheit, Geld, Scham, Sexualität, Selbstzweifel, Ressourcen und Zugänge. Wir hätten uns nicht vorstellen können, dass wir über unseren Open Call weit über hundert Einreichungen erhalten würden. Wir hatten gehofft, jedoch nicht geglaubt, dass es uns gelingen würde, vielfältige Erfahrungen und Sichtweisen auf das Thema zeigen zu können – und wurden positiv überrascht. Nun gibt es Beiträge aus weißen, PoC und Schwarzen Perspektiven, von in Westdeutschland und Ostdeutschland Geborenen, von Personen, die oder deren (Groß-)Eltern als sogenannte Spätaussiedler*innen, Vertrags- und Gastarbeiter*innen nach Deutschland gekommen sind, von Personen, die sich in den Kategorien heterosexuell, homosexuell und queer wiederfinden, von Menschen mit verschiedenen Körpern, chronisch krank und/oder be_hindert, von trans* und nicht-binären Personen sowie Menschen verschiedener Generationen und Jahrgänge. Viele – und uns ist wichtig, das hervorzuheben – vereinen verschiedene Erfahrungen in sich und finden sich in verschiedenen Positionen wieder.

Nur einzelne Erfahrungsberichte stammen von Personen, die keine ‚Klassenreise‘ hinter sich haben, nicht studiert sind oder studieren. Wir selbst haben eine ‚Klassenreise‘ hinter uns oder durchlaufen sie gerade. Dass nur wenige Personen, die nicht studieren oder studiert haben, hier ihre Erfahrungen teilen, sehen wir als eine Leerstelle unseres Sammelbandes. Wir fragen uns: Wen konnten wir nicht erreichen und wie können wir mit diesen Leerstellen umgehen? Es fehlen zum Beispiel Beiträge von Personen, die keinen Zugang zu klassischer Schulbildung oder wissenschaftlichen Kontexten haben, von Personen, die in Obdachlosigkeit leben, Personen, die Eltern von einigen von uns sein könnten. Trotzdem sind wir froh über die Themen und Positionen in diesem Buch, die Klassismuserfahrungen umfassend, jedoch nicht vollständig zeigen.

Wir hoffen, dass unser Sammelband ein Sprechen über Klasse und eigene Erfahrungen erleichtert: dass sich Personen, die Klassismuserfahrungen haben, ermutigt fühlen, diese zu teilen und dass in ihrer Klassenherkunft und -zugehörigkeit privilegierte und nicht-privilegierte Personen zusammenkommen.

Was ist Klassismus und wie zeigt er sich?

Klassismus ist die Diskriminierung aufgrund der sozialen Position und/oder sozialen Herkunft. Klassismus zeigt sich immer wieder: in verschiedenen Institutionen – in Schulen, in Jobcentern, in Heimeinrichtungen, in Universitäten, in Verwaltungsbehörden, in Gerichten, im Gesundheitswesen –, in Freund*innenschaften und Partner*innenschaften, in Familien, in Schlagzeilen und Zeitungsartikeln, im Fernsehen, und in unterschiedlichen Situationen, in denen es um verschiedene Themen gehen kann.

Soziale Positionen und soziale Herkunft können sich zeigen, wenn es um Geld, Sprache, Geruch, Geschmack, Namen, Wissen, Wohnorte, Körper, Sexualität, Gesundheit und Gepflogenheiten geht: Wer hat Eigentum oder wird Häuser oder Geld erben? Wer kann sich eine halbjährliche Zahnprophylaxe leisten oder Schönheits-OPs? Wer kann sich eine private Psychotherapie leisten, wenn gesetzliche Therapeut*innen keinen freien Platz haben? In welchen Stadtteilen ist die öffentliche Nahverkehrsverbindung zur Oper schlecht? Wer wohnt in Plattenbausiedlungen und wer in Einfamilienhäusern? Wer spricht wie über Politik und vertritt selbstsicher Positionen? Wie zeigt sich Sexismus je nach Klassenzugehörigkeit? Wie wirkt sich Fatshaming je nach Klassenzugehörigkeit aus? Wie ist es für sogenannte Gastarbeiter*innen, Vertragsarbeiter*innen, Spätaussiedler*innen und jüdische Kontingentgeflüchtete und ihre Kinder und Enkel*innen, wenn (Hoch-)Schulabschlüsse aus ihren Herkunftsländern nicht anerkannt werden? Wenn Zugänge aufgrund fehlender Kenntnisse der deutschen (Laut-)Sprache verwehrt werden? Solche Fragen können helfen, Klassismus zu verstehen.

Klassismus zeigt sich zudem in Gefühlen, Einstellungen, Entscheidungen und (erlernten) Umgangsformen. Es geht also nicht nur um ‚Wer‘-Fragen, sondern auch um ‚Wie‘-Fragen: Wie groß ist der Stress, wenn eine Person gerade keinen Job finden kann? Wie schnell kann der Stress zu einer psychischen Herausforderung werden oder zu weiteren Krankheiten führen? Wie selbstsicher kann jemand in die Sauna, ins Theater oder in eine Verwaltungsbehörde gehen? Wie groß ist die Scham, zuzugeben, dass nicht Zeit, sondern Geld fehlt, um essen zu gehen?

Unsere soziale Herkunft und unsere soziale Position sollen uns zeigen, wer wir sein können, wer wir sein sollen. Sie regulieren unsere Scham, Sicherheits- und Zugehörigkeitsgefühle. Die Selbstverständlichkeit, mit der wir soziale Räume und Situationen für uns einnehmen und Personen als ‚nicht zugehörig‘ erkennen, ist erlernt. Klassistische Erfahrungen verhindern oft, dass wir Unterstützung als etwas wahrnehmen, das selbstverständlich ist und uns zusteht. Klassismus zeigt sich in dem wiederkehrenden Gefühl, nicht ‚dazuzugehören‘.

Wir sehen Klasse nicht als etwas Unveränderliches. Wie könnten wir, in einem System, in dem Aufstiegs- und Abstiegsgeschichten eben jenes immer wieder stabilisieren? Klassismus ist ein System, das zu Verletzungen und Erniedrigungen führt und schlussendlich tötet. Über Klassismus zu sprechen, soll dafür sensibilisieren und dabei helfen, sich zu vernetzen und zu verbünden. Wenn wir Klassismus thematisieren, ist das eine strategische Entscheidung, den Verhältnissen etwas entgegenzusetzen, um sie zu verändern.

Wie ist es, ein Buch zu Klassismus zu schreiben?

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass wir unbedingt ein Buch zum Thema Klassismus herausbringen wollen. Viele kennen die erdrückenden Gefühle, die fehlende Selbstsicherheit, die mit dem Schreiben einhergehen. Über den Stellenwert von Literatur in unserer Gesellschaft ließe sich ein eigenes Buch schreiben. Für einige Personen ist es identitätsstiftend, belesen zu sein, während vielen der Zugang dazu fehlt. Ein Buch ist eine Form, etwas Beständiges zu schaffen. Was in einem Buch steht, scheint wahr zu sein. Zugleich verarbeiten wir die Inhalte jeweils auf unsere ganz eigene Weise und Leser*innen können in selbstgewählten Geschwindigkeiten viele Orte erreichen und verschiedene Sichtweisen kennenlernen.

Uns war es wichtig, vielfältige Formen zu ermöglichen, sich an diesem Buch zu beteiligen. Wir haben unterschiedliche Textformate willkommen geheißen – das Format sollte möglichst wenige Hürden erzeugen. Ganz besonders hat uns gefreut, dass wir so viele Zeichnungen und Comics erhalten haben. Einige Personen haben mit ihren Eltern gesprochen, die sich nicht vorstellen konnten, selbst etwas zu schreiben, aber offen dafür waren, ihre Erfahrungen zu teilen. In Interviews, Erinnerungen oder von anderen verschriftlichten Texten konnten Erfahrungen von Personen erzählt werden, die sonst nicht Teil dieses Sammelbands hätten sein können.

Wir waren überwältigt davon, wie viele Personen die Offenheit zeigten, von den Herausforderungen und Härten des (Über-)Lebens im Klassensystem zu erzählen. Uns wurden schon nahezu fertige Texte geschickt, erste großartige Gedanken oder zaghafte Nachfragen, ob uns ein Text geschickt werden könnte. Ohne ein bestehendes Vertrauensverhältnis haben wir Schilderungen sehr persönlicher Erlebnisse und verletzender Erfahrungen erhalten, resignierte Erzählungen, gewaltvolle Geschichten, hoffnungsvolle Texte und Einreichungen voller Stärke. Der Open Call hat Personen veranlasst, über ihre eigenen Erfahrungen nachzudenken, über sie zu schreiben und sie zu teilen. Wir haben als Herausgeber*innen eine große Verantwortung gespürt, sensibel mit den Einreichungen umzugehen. Leider ist ein Buch ein begrenztes Format. Vor allem, wenn es bei einem kleinen Verlag erscheint und Kosten eine Rolle spielen, ist die Zahl von Seiten endlich. Und auch unsere eigene Kraft ist endlich – bis zum Erscheinen unseres Sammelbandes erledigen wir alles, was damit zusammenhängt, ehrenamtlich, neben unserer Lohnarbeit. An unserer Erschöpfung merken wir, dass die Kommunikation keine Kleinigkeit war. Unweigerlich haben wir uns die Frage gestellt, ob es die Erfahrung, nicht zugehörig zu sein, noch einmal reproduziert, wenn wir Menschen absagen. Und Hand aufs Herz: Vermutlich ist das so. Wir haben versucht, das mit Kommunikation abzufedern, und haben die Rückmeldung erhalten, dass so viel Kommunikation eher ungewöhnlich ist für einen Sammelband, trotzdem fühlt es sich falsch an, nicht jede Einreichung hier zu sehen.

Um vielfältige Sichtweisen und Erfahrungen in unserem Sammelband abzubilden, haben wir uns für kürzere Beiträge entschieden. Kein Text ist über zwölf Seiten lang. Wir haben es den Verfasser*innen nicht einfach gemacht, schließlich wollen Erfahrungen erzählt und in einen Kontext gerückt werden. Den kurzen Texten wohnt, wie wir finden, eine Kraft inne, eine Klarheit und eine Schnörkellosigkeit, die für sich sprechen. Wir sind froh über diese Entscheidung. Sie ermöglicht es den Leser*innen, die Beiträge in selbstgewählter Dosierung zu genießen und gleichzeitig Strukturen hinter Einzelerfahrungen zu erkennen. Die kurzen Texte helfen auch beim Verdauen: Einige sind einfach(er) zu lesen, andere können schwer(er) zu lesen sein.

Es gibt Themen, die sich durch viele Einreichungen gezogen haben. Essen ist eines davon. Ebenso sind Eltern und Herkunftsfamilie ein wiederkehrendes Thema. Wir haben zudem zahlreiche Einreichungen zum Thema Studieren/Studium erhalten und uns nur für einzelne entschieden, um Studium und Studieren nicht zum Schwerpunkt dieses Sammelbands werden zu lassen.

Empfehlungen zum Lesen und eine Warnung

Wir haben beim Lesen selbst gemerkt, wie nahe uns Texte und Zeichnungen gegangen sind. Gleichzeitig haben wir uns gefreut, wie viele Personen ihre eigenen Erfahrungen so offen und nahbar geteilt haben. Einige Beiträge erzählen fragender, nüchterner, humorvoller, schließen jedoch verletzende und erniedrigende Erfahrungen ein. In einigen geht es um Themen wie physische Gewalt, Sexismus, Rassismus, erniedrigende Jobcenter-Erfahrungen, Suizid, Sucht, physische und psychische Gesundheit, Sexarbeit.

Wir haben uns gegen Triggerwarnungen2 vor einzelnen Texten und Comics entschieden. Denn wir können nicht wissen, welche Themen Personen triggern (können), kennen nicht jeden Trigger und glauben, es gibt viel zu viele Trigger, die wir teils durch unsere eigenen Positionierungen und Privilegien nicht sehen können. Stattdessen wollen wir für unsere ganze Sammlung eine Triggerwarnung aussprechen. Als Herausgeber*innen empfehlen wir euch – unabhängig von eurer eigenen Klassenzugehörigkeit und Klassenherkunft – aufmerksam und sensibel mit den Texten und Zeichnungen, mit euch und euren Gefühlen umzugehen. Schaut auf euch selbst und überlegt, was euch guttun könnte, wenn euch Situationen nahegehen und eigene (Gewalt-)Erfahrungen hervorholen.

Für einige Personen mit Klassismuserfahrungen ist unser Sammelband vielleicht sogar der erste Anstoß, ihre eigenen Erfahrungen als Teil einer Struktur zu sehen. Einige Texte und Zeichnungen können schwierig(er) zu lesen sein für eine*n selbst – und Trigger können plötzlich sein. Wir wollen euch nahelegen, sorgsam zu euch selbst zu sein – holt euch eine Tasse Tee, setzt euch zu Freund*innen, um weiterzulesen, überlegt, ob ihr, wenn ein Thema für euch schwierig ist, wirklich weiterlesen wollt oder was euch stattdessen guttun könnte. Noch ein Hinweis für Personen, die von Klassismus betroffen sind und für die unser Sammelband ein Erstkontakt mit dieser Art der Auseinandersetzung ist: Zu erkennen, dass Erniedrigungen in bestimmten Situationen, sei es in der Schule, im Jobcenter oder im Studium, gewollt sind und eins nicht als einzige*r solche Erfahrungen macht, kann Selbstsicherheit geben – es kann jedoch zunächst auch verletzen.

Zum Schluss wollen wir noch Danke sagen: für den Kauf dieses Exemplars und die Unterstützung, die damit einhergeht. Wir freuen uns, wenn ihr den Sammelband weiterempfehlt, zum Beispiel Personen, die noch wenig mit dem Thema in Berührung gekommen sind. Wir freuen uns auch, wenn ihr in euren Lieblingsbibliotheken nach der Bestellung des Sammelbandes fragt und so Personen in den Genuss des Lesens kommen, die sich das Buch nicht selbst kaufen (können).

Wir sind Teil einer Klassengesellschaft, die sich leider nicht so einfach stürzen lässt und die strukturell Teilhabe regelt. Wir wollen euch ermuntern weiterzudenken: Wie können wir uns solidarisch zeigen in (tagtäglichen) Situationen, in denen sich Klassismus zeigt? Was können wir unternehmen, um Einzelnen Verletzungen und Erniedrigungen zu ersparen? Wie können wir gegen Ungleichbehandlungen, die gewaltvoll oder tödlich sein können, vorgehen, gerade wenn sie Teil von Strukturen sind? Wie kann Umverteilung aussehen? Was kann Teilhabe heißen – finanzielle, kulturelle und soziale? Tauscht euch aus, tretet Gruppen bei, teilt eure Erfahrungen, schämt euch nicht für eure Privilegien oder Diskriminierungserfahrungen, sprecht über Klassen und Klassismus, verändert etwas! Ihr könnt Veränderungen herbeiführen, selbst wenn es nicht so scheint!

Es wird zu Hause gegessen

Meine Armbanduhr zeigte 19:25 Uhr. Ich hatte also noch gut 20 min, bis mein Zug einfahren würde. Das Gleis war weitgehend leer, denn zurzeit verreisten nicht viele Menschen – sehr unüblich für den Hauptbahnhof. Mein Blick fand unter der Rolltreppe einen Snackautomaten und langsam lief ich zu dem leuchtenden Kasten.

Wirklich hungrig war ich nicht, es ist eher eine Gewohnheit von mir, Snackautomaten zu inspizieren. Fein säuberlich aufgereiht strahlten mir bunte Plastiktütchen entgegen. Alles überteuert, alles überzuckert. Nur an Nährstoffen fehlt es. Neben den Riegeln und Chips bekannter Marken erblickte ich etwas seltsam Vertrautes. Ah, Mamas Kuchen …

Die Zugfahrt ins Stadtzentrum war damals etwas Aufregendes für uns gewesen. „Endlich neue Sachen!“, dachte ich mir jedes Mal. An einem dieser Tage hatte meine Mutter am Bahngleis einen abgepackten Apfelkuchen aus dem Automaten gezogen.

Diese absurde Präzision bei einem Fertigkuchen ist spannend: gleichmäßig gebräunte Teigoberfläche, in der Mitte rautenförmige Aussparungen, die ein einheitliches Flechtmuster ergeben. Ich sah unter dem glänzenden Teig eine dünne Schicht Marmelade schimmern. „Schon hübsch“, dachte ich mir. „Wie hübsch!”, sagte Mama in unserer Sprache, brach das Gebilde in Stücke und gab mir etwas ab. Nach ihrem ersten Bissen strahlte ihr Gesicht. Nickend drehte sie die Verpackung in der Hand, als genehmigte sie die Existenz des Produkts. „Sehr lecker! Sehr aromatisch!”, lautete ihr Urteil. Seitdem war es unser kleines Ritual, vor der Bahnfahrt eines der kleinen Küchlein aus dem Automaten zu kaufen.

In den Zug eingestiegen, setzte ich mich hin. Dieser Apfelkuchen hatte mich überrascht, wie ein vertrautes Gesicht, das man unerwartet in einer Menge findet. Knisternd öffnete ich die Folie und ein Bissen holte mich auf den Boden der viel zu süßen Realität zurück. Ist das eklig! Schnell versuchte ich, den apfellosen Glukose-Geschmack mit Wasser herunterzuspülen. Irgendwie klar, dass Mama etwas so Minderwertiges lobt. Der Gedanke jagte mir glühende Scham in die Wangen. Essen verrät so vieles über Menschen. Und unser Essen entblößte unser mickriges Einkommen und unsere Kultur – eine nicht-deutsche Kultur. Unsere Familie gab sich zwar viel Mühe, die anderen Familien zu imitieren, doch es gelang uns nie. Irgendetwas enttarnte stets das Schmierentheater. Wir aßen auch Kuchen, aber lobten ein billiges Produkt in den höchsten Tönen. Eine Familie von Amateur*innen.

Restaurants kannte ich lange nur aus dem Fernsehen als Kulisse für fiktive Geschichten von Menschen mit Geld. Werbespots von Burger essenden Kids aus Amerika, Filme mit schick angezogen Frauen in einem eleganten Café: Sie alle lachten und kicherten mir entgegen. „Ich will das auch!“, dachte sich mein junges Gehirn. Die Vorstellung, dass andere Menschen für eine*n das Essen kochen, wurde mein geheimes Verständnis von Wohlstand. Essen ohne Aufwand. Konsum ohne Arbeit.

„Wir werden kein Geld verschwenden und in der Stadt essen!“, schimpften meine Eltern mit mir, wenn meine Augen auf die flimmernden Leuchtreklamen von Fastfoodketten schielten. Das war zu dem Zeitpunkt das Einzige, was unser Geld ermöglichte. „Es wird zu Hause gegessen!“, beendeten sie die Diskussion, ehe sie angefangen hatte.

„Doch, Mama“, lautete meine stille Antwort, „irgendwann werde ich genug Geld haben, um es für Essen zu verschwenden!“ In mir wuchs eine Abneigung gegen ihre krampfhafte Sparsamkeit. In meiner verzweifelten Sehnsucht, so zu sein wie meine Schulfreundinnen, aß ich so oft wie möglich mit ihnen bei einer schlechten Fastfoodkette3. Die minderwertigen Fleischpatties trockneten gräulich auf unseren Sägemehlbrötchen, während wir den nächsten Einkaufsbummel planten. So sah meine Illusion der Zugehörigkeit aus.

„Die Fahrkarten, bitte!“

Meine Reise in alte Erinnerungen wurde unterbrochen. Wo sind wir überhaupt? Ich zeigte meine Karte auf meinem Handy vor und las „Wolfsburg“ auf den Anzeigetafeln. Die Fahrt verging wie im Flug. Als ich das Handy wegstecken wollte, fiel mein Blick auf meine Lunchbox. Ich hatte mir eine Kleinigkeit für die Reise eingepackt, weil ich kein Geld für unnötige Snacks ausgeben wollte. „Warum Geld für schlechtes Essen verschwenden, wenn man es besser machen kann?“, hörte ich mich zu Freund*innen sagen. Mir wurde etwas komisch, als ich das alte Paradigma meiner Eltern in der eigenen Denkweise wiedererkannte. Der Apfel fällt halt nicht weit vom Stamm …

Anders als meine Eltern musste ich in meinem Leben nie ernsthaft hungern. Es fiel nie eine Mahlzeit aus, meine Brotdose war stets gefüllt. Mama und Papa wissen hingegen, was echter Hunger ist. Sie durchlebten ihn in ihrer Heimat, sie durchlebten ihn nach ihrer Ankunft in Deutschland. Die geringe Sozialhilfe reichte damals nur für die Grundversorgung. Bei der Ernährung ihres Kindes wollten sie jedoch keine Kompromisse eingehen. Sie selbst aßen das Günstigste vom Günstigsten, kochten das billige Suppenfleisch für mehrere Mahlzeiten auf und saugten hinter zugezogenen Gardinen an den weißen Knochen. Sie wollten nicht, dass die Nachbar*innen ihre Armut sahen. Ich aber musste nie hungern. Ich aß das, wovon sie als Kind geträumt hatten.

„In Kürze erreichen wir Hannover Hauptbahnhof.“

Mein Blick wanderte erneut zum Apfelkuchen und mein Hals schnürte sich zu. Meine herablassende Art ekelte mich. Ist mir Zugehörigkeit wirklich so wichtig, dass ich meine eigene Mutter verspotten muss? Erneut glühten meine Wangen, nun jedoch aus Wut über meine eigene Ignoranz. Ich nahm einen weiteren Bissen von dem Kuchen. Er war immer noch viel zu süß, doch er erinnerte mich an das leise Strahlen meiner Mutter von früher. Ich mochte diese Erinnerung. Ich bin stolz auf meine Familie von vermeintlichen Amateur*innen.

Der Zug hielt an. Ich stieg aus und konnte es kaum erwarten, mit meinen Eltern zu essen.

Thi Loc Le, bald Lehrerin für die Fachbereiche Kunst und Deutsch. In ihrer Freizeit beschäftigt sie sich mit Identität und Kultur von BIPoCs in einer mehrheitlich weißen Gesellschaft. Der gängige Schulkanon ist ihrer Meinung nach sehr weiß und sehr männlich. Aus diesem Grund findet sie es wichtig, mit Kindern Wissensproduktion kritisch zu hinterfragen. Ihr Sonnensternzeichen ist Fische.

Mutter mit Klasse

Eine Kolumne zum Sich-leisten-Können des ‚Mutterglücks‘

Die Frage meiner Ex-Gynäkologin, „Sie sagten, Sie seien in einer Beziehung … und … worauf warten Sie dann mit dem Kinderkriegen, Sie werden ja nicht jünger?“, trifft mich ins Mark. Wer sagt, dass ich überhaupt Kinder austragen oder haben möchte? Wer sagt, dies ließe sich einfach mit einem „Los geht’s“ erledigen? Kinderkriegen ist Luxus (Verhütung auch). Ich antworte mit einem „Äääähhhh …“, während ich mich in einem Tagtraum verliere. Vor meinem inneren Auge ploppt ‚die perfekte Familie‘ auf, wie ich sie schon zu oft auf Wahlplakaten, in Zeitungen und Filmen gesehen habe. Cis, hetero, weiß, able-bodied und mit offensichtlich genug Geld, um es in ein Hochglanzkatalog-Einfamilienhaus plus einen absolut straßenuntauglichen Retro-Kinderwagen investieren zu können.

Meine Gyn erzählt etwas von „Ü-30 nimmt die Fruchtbarkeit rapide ab“. „Puff“, macht die Traumblase und ich finde mich in der Realität wieder. Ich blicke auf Beine einer Schwarzen Frau im Gyn-Stuhl, mit Job, aber ohne finanzkrisensicheren ‚Karriereplan‘ und denke an meine Beziehung. Ups, sie ist kein er, derzeit joblos und schon gar nicht der Scheich (ja, der Stereotypen-Alarm schrillt laut), den ich in meiner Kindheit plante zu heiraten, sollte ich nicht selbst genug Geld für meinen Fullhouse-Cabrio-Traum verdienen. Statt ein Haus zu besitzen, wohnen wir freiwillig in WGs, ohne familienfreundlichen Minivan, weil mein Geld nicht einmal für die Fahrerlaubnis gereicht hat. „Braucht in der Stadt eh kein Mensch“, antwortet mein inneres Ich der wieder aufkeimenden Scham. Fürs hippe Lastenfahrrad reichte es bisher auch nicht, immerhin hab’ ich eine bezuschusste Busfahrkarte, was mich zurück zum unpraktischen Retro-Kinderwagen bringt. Für mich würde es wohl eher ein Tragetuch werden, schön die Hände frei für Einkaufstüten. Ja, ich meine eins wie die, mit denen afrikanische Eltern seit Jahrhunderten Kinder durch die Gegend tragen, auch wenn sie nicht aus einem Wolle-Viskose-Mix gemacht sind.

Was also mein Traum vom ‚Mutterglück‘ ist, kann ich mir kaum selbst beantworten, denn träumen zu können ist Luxus – Kinder zu kriegen und zu haben bedeutet Stress. Zuhause angekommen frage ich also die Suchmaschinen um Rat. Ich gebe „Mutter“ und „queere Mütter“ ein – die Hits beide Male weiß und bürgerlich – nicht hilfreich. Ich schaue beim LSVD und einem Familienplanungszentrum nach. Vom Thema Kinderkriegen mit kaum Geld, dafür Schulden, keine Spur. Nicht überraschend, denn schon lang wird ausgeblendet, dass sich Elternschaft leisten können schon immer auch eine Frage des Geldes gewesen ist. Die Probleme reichen von Zwangssterilisierungen armer Gebärfähiger bis hin zu illegalisierten Abtreibungen aus finanzieller Not, die bis heute insbesondere die Leben von BIWoC des globalen Südens gefährden.

Vom Statistischen Bundesamt lerne ich, dass ein Kind bis zum 18. Lebensjahr ca. 130.000 Euro kostet, Betreuung exklusive. „Haha“, denke ich, „ab wann soll ich mir das denn leisten können?“, und lande wieder bei: „Sie werden ja nicht jünger.“ Ich denke an meine eigene Zeit bis zur Festanstellung, werde von der altbekannten Existenzangst ergriffen und denke: „Nee, nicht für meine Kinder!“ Ebenfalls exklusive ist die ‚Homo-Kinderkrieg-Pauschale‘. So nenne ich das Geld, das Queers in der Regel brauchen, um überhaupt erst einmal Eltern zu werden. Seien es die Kosten für Insemination, In-Vitro-Fertilisation und Hormone oder eine Adoption. Mein steigendes Alter spielt Letzterer jedenfalls nicht in die Hände. ‚Immerhin‘ habe ich es zur Akademikerin gebracht, check. Dann wiederum entscheiden über das nötige Motivationsschreiben Personen, die eher keinen blassen (ja, Wortspiel) Schimmer haben, was ein Aufwachsen als Schwarzes Kind und in einer finanziell armen Familie bedeutet – strukturelle Diskriminierung ahoi! Diesen voyeuristischen Seelenstriptease-Einblick möchte ich gar nicht erst gewähren. Dafür den bürgerlichen Standardtanz monogamer Ehe und Zusammenwohnen performen müssen? Nicht mein Traum. Ein weißes Kind adoptieren und dann für die Schwarze Nanny gehalten werden? Befreundete BIPoC um Samen bitten, Geld, aber eben auch rechtliche Sicherheit sparen? Alles nicht so easy.

Zwischen Studiumsschulden, dafür viel arbeiten, dann wenig Rente kassieren, Familie interkontinental leben und Zeit- sowie Energieverlust, um mit alltäglichen Diskriminierungen umzugehen, frage ich mich schon, wie ich mir Kinder finanziell, zeitlich und emotional leisten und dabei selbst gesund bleiben soll. Gesundheit und Selbstfürsorge sind im Klassismus aber ja eh nicht vorgesehen, also was soll’s? Dann denke ich wieder an die Zeit, die Kinder benötigen und wie wenig ich abzugeben habe. Zack, droht das Urteil auch ach-so-emanzipierter Frauenrechtler*innen der 1. und 2. Welle um die Ecke zu biegen, bei mir handele es sich um eine ‚Rabenmutter‘, ein Bild, mit dem Schwarze und ökonomisch benachteiligte Frauen nur allzu gern belegt werden. Ain’t I a woman? Ain’t I a possible mother?

Nix mit Auszeit, die zum normierten Traum mittlerweile fast selbstverständlich dazu gehört, denn das Elterngeld von einem reduzierten schlechten Gehalt bleibt eben zu wenig, gerade in einer Großstadt. Queer und Schwarz aufs Land? – Nein, danke. Beide arbeiten, keine Nanny oder Großeltern, die das Kind mit Öko-Essen, selbstgebackenem glutenfreien Kuchen und Pippi-Langstrumpf-Geschichten (ach, sie hätte so cool sein können) versorgen. Die Familie aus dem Senegal zu Besuch? Geht nicht ohne Visum, Visum geht nicht ohne Geld. Wie schnell dann doch die Wertung droht, das Kind werde vernachlässigt. An die meisten Alleinerziehenden da draußen: Ihr wisst, wovon ich rede. Beim ‚Mutterglück‘ geht es mir also nicht nur ums Mutterwerden, sondern auch ums Muttersein und -bleiben.

Auch wenn materielle Not nicht mit Unglück gleichzusetzen ist, fragt mein internalisierter Klassismus: Kann ich verantwortungsvoll für meine Kinder in spe sorgen? Mein Idealismus fragt: In welche Welt würde ich meine Kinder setzen? Eine, in der sich ökonomische Not, Klimakatastrophe, Gewalt- und Diskriminierungserfahrungen Generation um Generation fortsetzen, Klischee Afrika Bild um Bild reproduziert wird? Aber wer, wenn nicht Menschen, die so viele Hürden überwinden und Überlebensskillz entwickeln mussten, soll in der Lage sein, Kinder zu kriegen?

Ich antworte mir, allen Zweifler*innen und jedem Mehr-weiße-Babys-aus-hetero-Familien-AfD-Plakat, das schreit: „Und was ist Ihr Grund, für Deutschland zu kämpfen?“: Ja, Deutschland, so wie du derzeit bist, schaff’ dich am besten ab. Ich kämpfe für deine Neu-Erfindung, in der es auch die queeren, BIPoC und armen Eltern aller Gender schaffen, Kinder zu bekommen, wenn sie wollen. Worauf ich warte? Äääähhhh … Geld, das vom Himmel oder endlich nicht mehr nur vom Erbe fällt, mehr Zeit durch Diskriminierungsfreiheit, rechtlich geschützte Mehrelternschaft ohne Uralt-Abstammungsrecht, free In-Vitro-Fertilisation für alle und no shame for any or no job. Mein Kindertraum ist kein Glück, auch keine Selbstverständlichkeit oder Pflicht, sondern Zeugnis meines und unseres Überlebenswillens und Widerstandes. Den „Geschafft!“-Stolz, gebe ich dann an meine Kinder doppelt zurück, die nicht ‚mein ganzes Leben‘, sondern ein wichtiger Teil davon sind!

MC Griotte liest gern, aber seltener, als ihr lieb ist, arbeitet systemisch, zu Antidiskriminierung und Empowerment auch mit Kindern, ist Aktivistin und glaubt – Glas halb voll – an ihre Rap-Karriere ab 40.

Zwei Lehrerinnen

Die Realschule in meinem Dorf habe ich gerne besucht. Meine Mutter hatte das so entschieden, auf Empfehlung der Grundschullehrerin. Ich weiß bis heute nicht, wie meine Mutter zu dieser Entscheidung kam. War es auf Grund der Noten, die eigentlich gut genug waren für einen Besuch des nächstgelegenen Gymnasiums? Wollte sie mir den langen Weg in die nächste Stadt (ganze 45 Minuten) nicht zumuten? Oder waren am Ende die Bildungsbiografie meiner Mutter und der Wunsch, dass ich handfeste Bildung erhalte, ausschlaggebend?

Den Deutschunterricht mochte ich sehr. Seit ich mich erinnern kann, begleiten mich Bücher und Geschichten. Stundenlang erhellte der Strahl meiner Lampe die Lesehöhle unter meiner Bettdecke, wo gewiefte Detektiv*innen Kriminalfälle lösten oder eine Gruppe abenteuerlustiger Kinder eine Insel entdeckte. Einmal habe ich es fast übertrieben, die Hitze der Glühbirne brannte ein Loch in die Decke und ich musste versuchen, den Beweis meiner umtriebigen Nächte zu verstecken. Vielleicht hat das Lesen meine Fantasie so sehr beflügelt, dass das Erfinden von Geschichten, von Held*innen und bösen Monstern, ein großer Spaß für mich wurde.

Trotzdem waren die Deutschstunden eine Herausforderung. Mein Schriftbild war für andere unlesbar, nie habe ich einen Stempel für schönes Schreiben in mein Heft bekommen. Selbst heute muss ich mich anstrengen, wenn ich möchte, dass andere mein Geschriebenes lesen können. Dazu schlichen sich die absurdesten Fehler in jeden Text, den ich zu Papier brachte. Ob „sch” oder „ch”, „d” oder „t”, „s” oder „ss”, das richtige Schreiben von Wörtern war etwas, das für mich so unmöglich war wie für andere, 100 Meter unter 10 Sekunden zu laufen (auch das ist übrigens für mich immer unmöglich gewesen). Wenn ich ehrlich bin, war es eigentlich so, dass ich meinen kreativen Gedankenfluss nicht von Kleinigkeiten wie Regeln zur Rechtschreibung und Zeichensetzung bremsen lassen wollte. Die benoteten Diktate kannten nur die höchsten Zahlen als Bewertung und meine Aufsätze wurden jedes einzelne Mal herabgestuft. Von 1 auf 2, von 2 auf 3. Eine Enttäuschung. Fortwährend.

In der fünften, sechsten und siebten Klasse förderte jemand meine Deutschliebe mit Hingabe. Frau Maaß war es scheinbar egal, ob ich Rechtschreibfehler machte. Ich hielt mich freiwillig stundenlang in Bibliotheken auf, trotz oder viel mehr gerade wegen meiner nicht-akademischen Herkunft (dort gab es immerhin unbegrenzt viele Bücher zum Lesen, ohne sie kaufen zu müssen). Sie muss gesehen haben, wie viel Spaß ich an Literatur hatte, wie Geschichten und Worte mich zu fesseln vermochten und wie meine eigene Fantasie im Geschriebenen Realität wurde. Ich erinnere mich gut daran, wie ich ihr meinen ersten selbstgeschriebenen Text zum Lesen gab. Eine Detektivgeschichte. Frau Maaß ermutigte mich, weiterzuschreiben, bestärkte mich, mir selbst zu vertrauen. Ich erinnere mich auch, dass Frau Maaß nicht davor zurückschreckte, die Regeln der Institution Schule zumindest zu beugen. In einem Akt, den ich heute als Nachteilsausgleich bezeichnen würde, bekam ich Unterstützung für meine mangelhafte Rechtschreibung. Finger, die sich auf mein Heft legten und mir bedeuteten, die Buchstaben ganz genau anzuschauen. Wörter, leise, langsam und deutlich in mein Ohr gehaucht, sanfte Bestärkung, mir noch etwas Zeit zu lassen und mein Geschriebenes noch einmal zu lesen. Damals wie heute bin ich dankbar dafür. Im Hier und Jetzt habe ich Bezeichnungen für Unterschiede und Ungerechtigkeiten in unserer Gesellschaft und die bedingungslose Unterstützung berührt mich mehr als je zuvor.

Alles änderte sich, als Frau Maaß beschloss, der Provinz den Rücken zu kehren. Ihr Abschied machte mich traurig, ich spürte, dass die Zeit der Hilfestellung und Bestärkung zu Ende gehen könnte.

Frau Müller hielt Einzug in unsere Klasse und mit ihr kamen die Selbstzweifel, die Hoffnungslosigkeit, das Gefühl, dumm und unfähig zu sein, und dann die Wut. Auf mich, der ich es immer noch nicht schaffte, die Wörter so zu schreiben, wie meine Lehrkräfte sie gerne gehabt hätten. Auf Frau Müller, die all diese Gefühle in mir hervorrief. Auf Frau Maaß, die mich verlassen hatte. Meine geschriebenen Texte bekamen schlechtere Noten, meine Portfolios und meine Mitarbeit ebenso. Unterstützung wie zuvor konnte ich nicht mehr erwarten. Dafür wurden mir beständig meine Grenzen aufgezeigt. So fragte ich nach der Mitarbeit an einem lokalen Zeitungsprojekt, ob und wie ich Journalist werden könne? Nein, das würde ich wohl nicht schaffen. Ob ich Wörter und Satzstellungen so wie meine Lieblingsautor*innen frei und grenzenlos verwenden könne? Nein, ich müsse erst selbst ein Buch veröffentlichen. Der Unterton verriet mir, dass dies in den Augen von Frau Müller ein chancenloses Unterfangen war. Schon damals beschlich mich das Gefühl, dass Frau Müller einen eigenen Plan für mich hatte, der nicht dem meinem entsprach. Wohl wissend, wie die jeweiligen Familienverhältnisse der Schüler*innen waren, hatte sie wohl eine ganz bestimmte Vorstellung davon, welche Türen und Wege uns offenstanden. Und für mich, dessen Mutter alleinerziehend war und einen Hauptschulabschluss hatte, konnte mit Sicherheit kein akademischer Weg vorgesehen sein.

Frau Maaß und Frau Müller zeigten mir nachdrücklich und einschneidend, was es heißt, aus einfachen Verhältnissen zu kommen und auf Unterstützung angewiesen zu sein. Die Eine tat alles, um mich zu befähigen, die gläserne Decke zu durchbrechen. Die Andere mauerte Glasbaustein für Glasbaustein um mich herum.

Julian Knop lebt in Berlin-Kreuzberg. Er ist politischer Bildner und arbeitet zu Demokratie- und Vielfaltsbildung und Konflikten. Sein Klassenaufstieg wurde noch nicht durch einen universitären Abschluss gekrönt. Schreiben und lesen mag er immer noch gerne.

Zwischen Scham und Zugehörigkeit

Ich war zu einer Tagung eingeladen: Sexualität(en) (er)leben. Zwischen Scham und Sex-Positivität. Hin und wieder kriege ich über die Lohnarbeit, der ich nachgehe, und von Freund*innen, die in Lehre und Forschung tätig sind, Hinweise auf Tagungen weitergeleitet. Es handelte sich um eine dieser Tagungen, die sich an Wissenschaftler*innen und Kulturschaffende richtete. Und so fand ich mich in Zeiten von Corona zu Hause in unserer Küche wieder, um an der Tagung teilzunehmen.

pejorativ. homogen. heterogen. redundant. Reziprozität. negieren. obligatorisch. Positionierung. restriktiv. ephemer. Nexus. relevant. vehement. poststrukturalistisch. peripher. Regulierung. suggestiv. signifikant. pointiert. technokratisch. renitent. promiskuitiv. privilegiert-situiert. Forschungsthemen. Vorträge. Präsentationen. Veröffentlichungen. Themenschwerpunkte. Lehraufträge. Promotionsvorhaben.

Die Vorträge und Einführungen der Vortragenden rauschten an mir vorbei und zunehmend verstärkte sich das Gefühl, nicht folgen zu können. Zweifel überholten meine mühsam antrainierte Selbstsicherheit und die Fragen, ob das hier der ‚richtige‘ Ort sei, ich überhaupt hier ‚hingehöre‘, hallten immer lauter in mir nach.

Weil noch hinzukam, dass es die erste Tagung war, bei der ich selbst einen Vortrag hielt und nicht nur zuhörte, war ich ganz schön nervös.

Einen kurzen Text zu meiner Person hatte ich der Moderation des Themenblocks, dem mein Vortrag zugeteilt worden war, gerade noch rechtzeitig vor Tagungsbeginn zugeschickt. Und plötzlich war die größere Pause, nach der ich meinen Vortrag zu klassistischen Zuschreibungen von weiblichen Sexualitäten halten sollte, so gut wie vorbei. Ich strich meinen Pullover glatt und schaute noch, ob mein Goldkettchen gut sitzt, das mir in solchen Situationen und Räumen Sicherheit gibt.

„Guten Tag, ich heiße Sie herzlich zu unserem nächsten Panel willkommen. Wir haben ja schon einige spannende Vorträge zu Promotionsprojekten heute gehört. In unserem nächsten Panel soll es um sexistische Strukturen gehen. Das Panel eröffnen wird Frede Macioszek.

Frede Macioszek hat seinen4