Klassenfeinde - Kinga Széchényi - E-Book

Klassenfeinde E-Book

Kinga Széchényi

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Beschreibung

Es ist 1951. Frühmorgens klingelt es an der Tür. Tausende von Familien in Budapest und anderen ungarischen Städten erhalten den Deportationsbefehl. Sie haben 24 Stunden Zeit, ihr Zuhause zu verlassen. Sie werden enteignet, in abgelegene Dörfer umgesiedelt oder in Arbeitslager geschickt. Betroffen sind Intellektuelle, Unternehmer, ehemalige Spitzenbeamte, Offiziere, Aristokraten, wohlhabende Bauern, unbequeme "Genossen" und all jene, die das kommunistische Regime als Staats- und Klassenfeind deklariert. Kinga Széchenyi beschreibt die Geschichte der Deportationen in Ungarn in den 1950er Jahren. 36 Zeitzeugen berichten anschaulich und aufwühlend aus dem Alltag deportierter Familien. Wir erinnern uns nicht gerne, aber wir müssen uns erinnern... wir müssen uns an diese Ereignisse erinnern, um gegen zukünftige Diktaturen kämpfen zu können. Mit diesen Worten leitet Kinga Széchenyi ihr Buch ein, das sich mit der internen Deportation und dem Versuch der Eliminierung ungarischer Eliten durch das ungarische kommunistische Regime auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges befasst. Dieses akribisch recherchierte und sehr persönliche Buch erzählt detailliert die Geschichte der Internierung der ungarischen Oberschicht (Aristokratie, Militärs, Unternehmer) sowie der wohlhabenderen Bauern unter dem Regime von Mátyás Rákosi (1947-1953). Die ungarische Geschichte unter der Führung von Rákosi war geprägt von diktatorischer Kontrolle und Gräueltaten von beispiellosem Ausmaß. Rákosi und seine Mitstreiter waren ungarische Kommunisten, die zwischen dem ersten und dem zweiten Weltkrieg in der Sowjetunion indoktriniert und ausgebildet worden waren und nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs nach Ungarn zurückgeschickt wurden. Die ungarischen Kommunisten übernahmen schnell die totale Kontrolle über das Land, das damals von sowjetischen Truppen besetzt war, wie es auch in den anderen Ländern Mittel- und Osteuropas der Fall war. Das ungarische Regime unter der Führung von Rákosi übte eine totale, diktatorische Kontrolle aus, während sie selbst Marionetten der Sowjetunion waren. In der proletarischen Diktatur werden ausgewählte Gesellschaftsschichten und Gruppierungen zu Feinden und Sündenböcken erklärt. Im Falle Ungarns waren das diejenigen, die noch oder bis 1945 Privateigentum besaßen, in hohen zivilen oder militärischen Positionen tätig waren und deren Vorstellungen von der kommunistischen Ideologie abwichen. Die Machthaber versuchten, die breite Bevölkerung davon zu überzeugen, dass diese "Klassenfeinde" Schuld an der desolaten Lage des Landes seien. Das Rákosi-Regime war gekennzeichnet durch Hausdurchsuchungen, Abhöraktionen, Verhaftungen, dem Verschwinden von Personen, Säuberungen und Schauprozessen. Viele Menschen wurden inhaftiert, in Internierungs- und Zwangsarbeitslager gesteckt und viele tausend Familien wurden deportiert. Wie in der Sowjetunion war das Versprechen der ungarischen Diktatur Freiheit und Gleichheit, die mithilfe eines brutalen und gleichgeschalteten Systems durchgesetzt werden sollte. Der erste Teil dieses Buches beschreibt die Gräueltaten des Rákosi-Regimes und präsentiert das Ergebnis umfangreicher Recherchen in historischen Dokumenten und Archiven. Im zweiten Teil des Buches berichten die Deportierten selbst über ihre Erfahrungen. Diese persönlichen Erinnerungen und Lebensgeschichten von Frauen und Männern veranschaulichen die privaten Tragödien und die langfristigen Folgen der Deportationen in Ungarn. Es ist das Verdienst von Kinga Széchenyi, in diesem Band einen systematischen Überblick zu den Grundlagen und Rahmenbedingungen der Deportationen zu geben und dem Leser vielfältige Einblicke in die Lebenswelt der Deportierten zu ermöglichen - ganz nach dem Motto: nur wer weiß, wozu Diktaturen imstande sind und wie ihre Mechanismen funktionieren, kann sie wirkungsvoll bekämpfen.

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Seitenzahl: 883

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Klassenfeinde

Die Geschichte der Deportationen in Ungarn während der kommunistischen Schreckensherrschaft

Seubert Verlag

Impressum

©Seubert Verlag 2021

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes (auch Fotokopien, Übersetzung, Digitalisierung) ist ohne Zustimmung des Medieneigentümers unzulässig. Dies gilt ausdrücklich für die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen jeder Art und von jedem Betreiber.

©Kinga Széchényi, 2016

Deutsch von Kálmán und Dénes Széchényi, gekürzte und überarbeitete Ausgabe.

Gesamtproduktion: Seubert Verlag, Marktoberdorf. Titel: Gabriele Wahl, Füssen

ISBN Softcover: 978-3-947092-13-0

ISBN Hardcover: 978-3-947092-14-7

ISBN eBook: 978-3-947092-15-4

[email protected] www.seubert-verlag.de

In Erinnerung an meine Mutter und Großmutter, die die Deportation und ihre Folgen mit Würde getragen haben.

Inhalt

Inhalt

Einführung

Danksagung

Vorwort zur englischen Übersetzung

Teil 1 Die Geschichte der Deportationen

Klassenfeinde

Vorgeschichte

Gulag

Einfluss der Sowjetunion

Kominform – Sowjetisierung

Deportationen in den Ostblockländern

Deportationen in Ungarn

Kampf gegen die Kulaken

Prozesse, Internierung und Zwangsarbeit

Recsk

Vergeltungsmaßnahmen gegen die Kirche

Arbeitsdienst

Die unterschiedlichen Formen der Deportation

Die Rechtslage

Deportationen aus Budapest und nach Hortobágy

Deportationen nach Hortobágy

Deportationen aus Budapest

Deportationsausschuss und Deportationslisten

Die Orte der Deportation

Die Deportationen im Spiegel der Presse

Berichte und Ausnahmen

Spätere Anträge auf Befreiung und Neuansiedlung

Registrierung von Adressen

Überwachung

Arbeit

Erlaubnis zum Verlassen des Deportationsorts

Ausbildung

Behandlung, Vorschriften

Wohnungen und Eigentum der Deportierten

Kontakte mit der lokalen Bevölkerung

Wie lange dauerten die Deportationen?

Das Regime ist todkrank

Stalins Tod

Die Beschlussfassung im Juni

Die Rede von Imre Nagy

Obdachlos und unter Aufsicht

Das Amnestiegesetz

Vollzug des Amnestiegesetzes

Nach den internen Deportationen

Arbeitssuche

Schul- und Hochschulbildung

Die Auswirkungen der Deportationen

Deportationen nach 1953

Regelungen zu beschlagnahmtem Besitz

Rehabilitierung und Renten

Entschuldigung, Entschädigung

Was geschah mit den Führern?

Die Deportationen im Spiegel der Medien

Deportationen in Siebenbürgen, Rumänien

Teil 2 Lebenserinnerungen von Deportierten

Einführung

Dr. László Ágostházi

Margit Ágostházi

Lajos Badi

Judit Bárczay

Miklós Beliczey

Dr. Vilmos Cech

Lívia Szy (Frau István Ágoston)

Mária Ágoston Dános

Sári Déry (Miklós Almásy) (1911–1952)

Péter Eötvös

Die Familie Galavics

Stephen Gergátz

András Bóné

Nagy Lili (Antal Bereczky), Dr. Gabriella Jantsits

Amália Zappe (Frau Ádám Bocskor)

Klára Majzik

Mrs. Zsigmond László Beöthy

Irén Csipkés (Frau Zoltán Szives)

Róza Bárczay (Frau Zoltán Jalsoviczky)

Ritta Hager

Ferenc Novák

Gizella Somlay

Tamás Farkas

Lajos Esterházy

Miklós Szécsen

Judit Rados (Frau Gyula Kormos)

Edit Udvardy (Frau Ádám Csilléry)

Alexa Nádosy

Mária Orbán

Egon Haris

Fidél Seidl

Hanna Szathmáry-Király Horváth

Éva Tassy Becz

Gábor Teleki

Hajnalka Homér (Frau László Magyarossy)

Kinga Széchényi

Bibliografische Angaben

Abkürzungen

Glossar

Einführung

Dieses Buch beschäftigt sich mit einer Zeit, an die wir zwar ungern zurückdenken, an die wir uns aber erinnern müssen. Unser Kampf gegen die Willkür wird effektiver sein, wenn wir uns die Geschehnisse jener Zeit vergegenwärtigen. Vielleicht gibt dieser Gedanke den Opfern jener Zeit Trost, auch wenn sie damit keine Wiedergutmachung erfahren. Es ist die Zeit, die von Mátyás Rákosi geprägt wurde. Seine Verfügungen haben fast alle Gesellschaftsschichten in Ungarn schwer getroffen. Die Rákosi -Ära verkörperte die „Diktatur des Proletariats“ und ihre Staatsform war die „Volksdemokratie“. Es lohnt, sich die Absurdität beider Begriffe auf der Zunge zergehen zu lassen. An die Stelle des Proletariats traten selbsternannte Diktatoren: Mátyás Rákosi und seine Erfüllungsgehilfen, Ernő Gerő, Mihály Farkas, József Révai sowie die von den Sowjets nominierten Führer. Dieses Staatssystem hatte mit dem Konzept der Demokratie nichts zu tun.

Vielmehr war das System eine Diktatur, ein totalitäres Regime nach sowjetischem Muster. Ein System, in dem die Gesellschaft – nach Hannah Arendts Definition – mit Ideologie und Terror regiert wurde. Welches sind die Merkmale eines solchen Systems? Der Staat kontrolliert nicht nur die politischen Institutionen und die Wirtschaft, sondern auch das Denken, die Lebensform und das Verhalten der Menschen. Es herrscht eine einzige Partei. Der meist selbsternannte Parteiführer verfügt über unbeschränkte Regierungsmacht, die er in der Regel missbraucht und er baut gewöhnlich einen Personenkult um sich auf. Die Rolle des Parlaments ist bedeutungslos, es entsteht ein Ein-Parteien-Staat. An die Stelle der unabhängigen Presse tritt die Zensur. Selbständige Gedanken werden als gefährlich angesehen und unterdrückt. Die gesteuerte Presse manipuliert das Denken der Menschen. Das System steht Religion und Kirche feindselig gegenüber und versucht, den Glauben durch Parteiideologie zu ersetzen. Die Freiheitsrechte, wie Vereinigungs-und Versammlungsrecht, sind begrenzt.

In der Diktatur des Proletariats wurden bestimmte Schichten und Gruppen der Gesellschaft als Feinde und Sündenböcke gebrandmarkt, zum Beispiel all jene, die Privatbesitz hatten, vor 1945 über Vermögen verfügten oder eine hohe zivile oder militärische Position bekleideten. Die Machthaber tun alles dafür, um diese Sichtweise anderen Gesellschaftsschichten aufzuzwingen. Hausdurchsuchungen, Lauschangriffe, Verhaftungen, das Verschwindenlassen von Personen, Säuberungen sowie Schauprozesse prägen die Ära. Viele Menschen landen in Gefängnissen sowie in Internierungs- und Zwangsarbeitslagern. Viele werden deportiert. Die Machthaber treffen mit diesen Maßnahmen nicht nur die Betroffenen. Ihr Ziel ist vielmehr die Einschüchterung der ganzen Gesellschaft. Ihr Apparat ist die Polizei, vor allem die politische Polizei und das umfangreiche System der Bespitzelung.

Mit der Verstaatlichung kommt der überwiegende Teil des Privateigentums in staatliche Hand, die Wirtschaft wird vollständig vom Staat kontrolliert. Das Fehlen des freien Wettbewerbs behindert die Entwicklung der Wirtschaft. Einige Wirtschaftssektoren werden auf Kosten anderer wichtiger Sektoren zwangsweise und realitätsfremd entwickelt. Unter solchen Umständen lebt die Gesellschaft in ständiger Existenzangst. Dies wird durch übermäßige Ausgaben für Armee und Rüstungsindustrie noch verschärft.

Dieses System wurde in Ungarn von Kommunisten etabliert, die aus der Sowjetunion zurückkehrten. Wie in der Sowjetunion wurde ein brutales Unterdrückungssystem installiert. Der erste Teil des Buches beschäftigt sich mit den Zwangsmaßnahmen des Rákosi-Regimes, insbesondere mit den Deportationen.

Meine Arbeit stützt sich auf heute öffentlich einsehbare Schriftstücke aus Staatsarchiven. Ich schildere die Vorgeschichte der Deportationen, die rechtlichen Grundlagen der Zwangsmaßnahmen, die Registrierung der zu Deportierenden sowie die Deportationen selbst und die Einschränkungen im Leben der Deportierten.

Zwar wurden 1953 die Deportationen durch ein Amnestiegesetz aufgehoben. Die Deportierten konnten jedoch nicht in ihre ursprünglichen Wohnorte zurückkehren. Sie erhielten weder Wohnungen noch bewegliche Güter zurück. Sie standen weiterhin unter polizeilicher Aufsicht. Und sie wurden jahrzehntelang diskriminiert, beispielsweise bei der Stellen- und Studienplatzvergabe. Mit einem Wort: sie konnten den Stempel des „Klassenfeindes“ nicht loswerden.

Im zweiten Teil des Buches kommen die Deportierten selbst zu Wort. Diese persönlichen Dokumente machen die Tragödie lebendig – in Lebenserinnerungen, Tagebuchauszügen, Briefen und Interviews.

Danksagung

Dieses Buch ist das Ergebnis jahrelanger Recherche. Besonders danke ich meinem Mann, Dr. András Prékopa, Mitglied der Akademie der Wissenschaften. Er war der erste Leser und Kritiker meines Buches. Er gab mir nützliche Hinweise bezüglich Konzeption, Inhalt und Form. Meine Töchter Mónika und Judit unterstützten mich mit ihren Fragen. Meine Schwester Erzsébet half meinen Erinnerungen mit vielen Fakten auf die Sprünge. Mit ihrer Hilfe entstand ein vollständigeres Bild über die Epoche, das unsere Kindheit bestimmte und unser späteres Leben wesentlich beeinflusst hat.

Ich möchte den Archivaren danken, die mich bei der Dokumentenrecherche unterstützten. Insbesondere Róbert Kis-Kapin, der mit unermüdlicher Arbeit die meisten der gesuchten Dokumente fand. Fener Éva Sarnyai und Barbara Bank vom historischen Archiv der Staatssicherheitsdienste, Klára Katona vom ungarischen Staatsarchiv und Isabella Papp vom Archiv des Komitats Szolnok. Miklós Torma aus Martonvásárhely verdanke ich die Anregung, über die Zwangsmaßnahmen zu schreiben, die in Siebenbürgen/Rumänien ergriffen wurden.

Der zweite Teil des Buches besteht aus Memoiren, Interviews, Tagebuchauszügen und Briefen. Gerne denke ich an die Zeit zurück, diese Dokumente zu sammeln, Interviews vorzubereiten und geeignete Ausschnitte aus Briefen auszuwählen. Heute kommt es mir vor, als ob ich alle die Menschen, mit denen ich zu tun hatte, schon immer gekannt hätte, als ob wir befreundet gewesen wären, auch mit denjenigen, die ich nicht persönlich treffen konnte. Uns verbindet das gemeinsame Schicksal.

Deportierte Jugendliche konnten während der Deportation und lange danach nicht studieren. Für die Recherche der entsprechenden Vorschriften danke ich dem Bildungs- und Kulturhistoriker István Mészáros und danke Katalin Süle für einschlägige Dokumente. Ich danke Márta Molnár und József Schells für ihre Dokumentation über die Bildung der Jugend.

Kinga Széchenyi

Vorwort zur englischen Übersetzung

Zur Zeit der ungarischen Deportationen in den 1950er Jahren wusste die westliche Welt zwar viel, aber nicht genug über die Verbrechen des kommunistischen Systems. Später, als fast jeden Tag etwas Schreckliches in der Welt geschah, gerieten diese Ereignisse in Vergessenheit. Die Beschäftigung mit dieser schrecklichen Zeit zeigt, wie das System funktionierte, und warnt die Nachwelt davor, ähnlichen Ideologien, Experimenten und Methoden zum Opfer zu fallen; sie zeigt auch die Folgen der kommunistischen Diktatur in der Gesellschaft und bei den Individuen. Diese Folgen sind bis heute in vielen Lebensbereichen zu spüren.

Deutlich wird auch die Heuchelei des kommunistischen Systems. In der Theorie geht es um Gleichheit und Demokratie. In der Praxis sind machthungrigen Führer am Werk, die Autorität durch Terror und antidemokratische Mittel an sich reißen.

Dieses Buch ist ein ausführliches Portrait über das Rákosi-Regime und seine brutalen Verbrechen gegen die Bürger Ungarns. Es wird dem westlichen Leser helfen, diese Zeit zu verstehen und die Mechanismen zu erkennen, mit denen die Menschen von ihren kommunistischen Führern und auch von der Sowjetunion unterdrückt wurden.

Erwähnenswert ist, dass es nicht Institutionen oder Regierungen sind, die die Erinnerung an die Gräueltaten wach halten, sondern die ehemaligen Opfer, die wesentlich dazu beitragen, die Erinnerung an all jene aufrechtzuerhalten, die am meisten gelitten haben.

Die Opfer der Verbrechen des Kommunismus dürfen nicht vergessen werden, damit sich solches Unrecht nie mehr wiederholt.

Teil 1 Die Geschichte der Deportationen

Klassenfeinde

Die Deportierten, ähnlich wie alle andere Opfer der kommunistischen Zeit, mussten das Erlebte verdrängen, um weiterzuleben. Es war nicht ratsam, über das erfahrene Unrecht zu sprechen. Ein Gedankenaustausch fand nur innerhalb des engen Familien- oder Freundeskreises und zwischen Schicksalsgenossen statt.

Doch jetzt ist die Zeit der Erinnerung gekommen, damit wir für uns und die Geschichte Konsequenzen ziehen. Das Vergessen ist zwar wichtig für das Individuum, doch die Aufgabe von Gesellschaft und Nachwelt ist es, die damaligen Ereignisse ins Gedächtnis zu rufen. Es muss uns gelingen, Vergessen und Erinnern in Balance zu bringen.

Auch heute noch ist zu beobachten, dass Gesprächspartner verständnislos reagieren, wenn die Deportationen zur Sprache kommen. Unsere Landsleute fragen nicht nach. Noch weniger die Ausländer. Die Machthaber des kommunistischen Systems wollten die Deportationen neben anderen Gräueltaten lange Zeit verschleiern. Es dauerte lange, bis das Unrecht eingeräumt wurde. Wirkliche Reue der Täter und eine angemessene Rehabilitation der Betroffenen sind bislang ausgeblieben.

Anhand von zwei Dokumenten soll gezeigt werden, welche Rechte es damals im Prinzip in Ungarn gab und welche Rechte die UNO durchsetzen wollte.

Verfassung der Ungarischen Volksrepublik von 1949 (Auszüge)

§ 57. Die Volksrepublik Ungarn gewährleistet die persönliche Freiheit und Unverletzlichkeit der Bürger, Respekt für Briefgeheimnis und Privatwohnung.

§ 58. Die Volksrepublik Ungarn sichert die Freiheitsrechte für alle Arbeitenden in ihrem Hoheitsgebiet.

Allgemeine Erklärung der Menschenrechte 1949 (Auszüge)

§ 1. Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geist der Brüderlichkeit begegnen.

§ 3. Jeder hat das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit der Person.

§ 4. Niemand darf in Sklaverei oder Leibeigenschaft gehalten werden; Sklaverei und Sklavenhandel sind in allen ihren Formen verboten.

§ 5. Niemand darf der Folter oder grausamer, unmenschlicher oder erniedrigender Behandlung oder Strafe unterworfen werden.

§ 8. Jeder hat Anspruch auf einen wirksamen Rechtsbehelf bei den zuständigen innerstaatlichen Gerichten gegen Handlungen, durch die seine ihm nach der Verfassung oder nach dem Gesetz zustehenden Grundrechte verletzt werden.

§ 9. Niemand darf willkürlich festgenommen, in Haft gehalten oder des Landes verwiesen werden.

§ 12. Niemand darf willkürlichen Eingriffen in sein Privatleben, seine Familie, seine Wohnung und seinen Schriftverkehr oder Beeinträchtigungen seiner Ehre und seines Rufes ausgesetzt werden. Jeder hat Anspruch auf rechtlichen Schutz gegen solche Eingriffe oder Beeinträchtigungen.

§ 13. (1) Jeder hat das Recht, sich innerhalb eines Staates frei zu bewegen und seinen Aufenthaltsort frei zu wählen.

§ 17: (1) Jeder hat das Recht, sowohl allein als auch in Gemeinschaft mit anderen Eigentum innezuhaben. (2) Niemand darf willkürlich seines Eigentums beraubt werden.

§ 18. Jeder hat das Recht auf Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit; dieses Recht schließt die Freiheit ein, seine Religion oder Überzeugung zu wechseln, sowie die Freiheit, seine Religion oder Weltanschauung allein oder in Gemeinschaft mit anderen, öffentlich oder privat durch Lehre, Ausübung, Gottesdienst und Kulthandlungen zu bekennen.

§ 19. Jeder hat das Recht auf Meinungsfreiheit und freie Meinungsäußerung; dieses Recht schließt die Freiheit ein, Meinungen ungehindert anzuhängen sowie über Medien jeder Art und ohne Rücksicht auf Grenzen Informationen und Gedankengut zu suchen, zu empfangen und zu verbreiten.

§ 21. (1) Jeder hat das Recht, an der Gestaltung der öffentlichen Angelegenheiten seines Landes unmittelbar oder durch frei gewählte Vertreter mitzuwirken. (2) Jeder hat das Recht auf gleichen Zugang zu öffentlichen Ämtern in seinem Lande.

§ 26. Der Hochschulunterricht muss allen gleichermaßen entsprechend ihren Fähigkeiten offenstehen.

§ 28. Jeder hat Anspruch auf eine soziale und internationale Ordnung, in der die in dieser Erklärung verkündeten Rechte und Freiheiten voll verwirklicht werden können.

§ 30. Keine Bestimmung dieser Erklärung darf dahin ausgelegt werden, dass sie für einen Staat, eine Gruppe oder eine Person irgendein Recht begründet, eine Tätigkeit auszuüben oder eine Handlung zu begehen, welche die Beseitigung der in dieser Erklärung verkündeten Rechte und Freiheiten zum Ziel hat.

Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, auf die in mehreren westlichen Zeitungen 1951 zum Zeitpunkt der Deportation Bezug genommen wird, irritierte Mátyás Rákosi sehr. Er berief sich darauf, dass Ungarn noch kein UN-Mitglied sei und deshalb die Bestimmungen der Erklärung für das Land nicht gelten.

Im Mai 1951 begannen die Deportationen der „Klassenfremden“, oder verschärft ausgedrückt der „Klassenfeinde“, oder laut Tageszeitung „Freies Volk“, der ehemaligen Ausbeuter aus Budapest. Vorbild für den Begriff des Klassenfeinds war der „Volksfeind“ der französischen Revolution.

Wer waren Klassenfeinde im Kommunismus? Es waren Menschen, die nicht aufgrund eines Tatbestands, sondern aufgrund folgender Kriterien verfolgt wurden: weil sie mit dem neuen System nicht sympathisierten, aufgrund ihrer Abstammung oder weil ihre Verwandten vor dem Krieg führende Positionen inne gehabt hatten oder vermögend gewesen waren, obwohl der Großteil der Vermögen zum Zeitpunkt der Deportation bereits enteignet oder verstaatlicht worden war. Diese Menschen wurden als „unerwünschte Elemente“ bezeichnet. Man konnte sie nicht vor Gericht stellen, weil kein Straftatbestand gegen sie vorlag. Jede beliebige Person, vom Säugling bis zum Greis, konnte ein „unerwünschtes Element“ sein.

Der Begriff „Feind“ besaß eine große psychologische Bedeutung in diesem Unrechtsregime: jede Person konnte jederzeit zum „Feind“ werden. Mit der Deportation konnte man einen Großteil der Bevölkerung in Schach halten.

Die Deportation war nur eines der Phänomene und Grausamkeiten, mit denen die Diktatur unter Mátyás Rákosi Krieg gegen verschiedene Schichten und gesellschaftliche Klassen des eigenen Volkes führte, mit dem Ziel, sie vollkommen auszuschalten.

Zwar stehen die Deportationen aus Budapest im Fokus dieses Buchs, aber es soll auch auf Deportationen nach Hortobágy eingegangen werden und auf Deportationen, die vor dem Mai 1951 und nach 1953 stattfanden.

Eines der wesentlichen Merkmale dieser Zeit war, dass die Menschenrechte mit Füßen getreten wurden, die Deportation waren ein besonders perfides Bespiel dafür. Diejenigen, die in der ersten Hälfte der fünfziger Jahre deportiert wurden, wurden Opfer eines Systems, das nach Sündenböcken suchte. Die Sündenböcke waren aber nicht nur unter den Deportierten, man findet kaum eine Gesellschaftsschicht oder Klasse, der später nicht der gleiche Vorwurf gemacht wurde.

Die Jagd auf die Klassenfeinde begann 1946, als József Révai in der Tageszeitung „Freies Volk“ gegen reaktionäre, antikommunistische und klassenfremde Personen polemisierte. Der Dritte Kongress der Kommunistischen Partei definierte die „antidemokratischen Elemente“ im September 1946: Dazu gehörten ehemalige Grundbesitzer, Großkapitalisten, reiche Bauern (Kulaken), die obere Schicht des Klerus und hochrangige Beamte.

Dieses Vorgehen entspricht dem sowjetischen Vorbild. Es ist bekannt, dass Stalin nach dem 2. Weltkrieg mit neuer Energie und mit bereits in der Vergangenheit erprobten Methoden gegen die Klassenfeinde kämpfte.

Über die Deportation und die im Gefängnis oder Zwangsarbeitslager verbrachen Jahren durfte man lange Zeit weder sprechen noch schreiben. 1972, neunzehn Jahre nach der Auflösung der Lager in Hortobágy, erschien ein Artikel in der Tageszeitung „Magyar Nemzet“ (Ungarische Nation) über Zsigmond Somssich, der zusammen mit seiner Mutter in ein Zwangsarbeitslager deportiert worden war. Der Artikel enthielt keine antisozialistische Aussage, doch er löste einen Skandal aus.1 Die Tageszeitung der kommunistischen Partei „Volksfreiheit“ kritisierte den Artikel scharf. Der zuständige Journalist der „Ungarischen Nation“ wurde bald darauf entlassen, wenig später beging er Selbstmord. Das Schweigen war „Gesetz“.

György Faludy beschrieb seine Freilassung aus dem Zwangsarbeitslager in Recsk so: „Der Offizier warnte uns, dass das Gesetz sechs Jahre Haftstrafe vorsieht für den Fall, dass wir die Umstände, Gründe und den Ort unserer Gefangenschaft offenbaren. Er gab uns den Rat, die Anfragenden anzuzeigen und unseren Familienmitgliedern zu sagen, dass wir auf einer Studienreise in der Sowjetunion waren.“2 Die Rückkehrer aus dem sowjetischen Gulag erhielten von den ungarischen Behörden ähnlich gute Ratschläge.

Später, in der Periode der Entspannung, behandelten einige literarische Werke und Filme die Deportation. Die Deportationen aus Budapest sind Thema des Filmes von Ferenc Téglássy mit dem vielsagenden Titel „Nie, nirgendwo, niemanden“. Ein anderes Beispiel ist Gábor Görgeys Film „Galopp auf dem Blutacker“. Störend und unangemessen in diesen Filmen ist die Bagatellisierung oder sogar humorvolle Präsentation der Ereignisse. Dies trifft auch auf den Kunstfilm „Du zerrissenes Leben“ (1983) zu, der nur für Zuschauer unterhaltsam ist, die die Deportation nicht durchgemacht haben. Bei ehemals Deportierten löst dieser Film große Bitterkeit aus, da der Drehbuchautor und Regisseur die tragische Situation in vielerlei Hinsicht nicht verstanden hat und das von ihm präsentierte Bild schlichtweg falsch ist. Bei Autoren wie Gábor Görgey und Péter Esterházy, die selbst deportiert waren, führt ihr Galgenhumor natürlich zu einer ganz anderen Bedeutung.

Wenn heute über die Deportationen gesprochen wird, halten viele die Vergebung wichtiger als das Aufdecken der Fakten, oder gar das Erinnern. Es wird nicht einmal in Erwägung gezogen, die Täter zu bestrafen. Sie haben die grausamen sowjetischen Methoden übernommen, verordnet und diese auf verschiedenen Ebenen vollstreckt. Auffallend sind die Gleichgültigkeit, das Verschweigen und der gravierende Mangel der Faktenkenntnisse. Ich persönlich kenne einen Landsmann und Intellektuellen, der in den 1950er Jahren bereits erwachsen war und zur Zeit des Regimewechsels behauptet hat, niemals in seinem Leben etwas über die Deportationen gehört zu haben. Oft werden die Deportationen auch angesichts anderer Grausamkeiten verharmlost.

Was ist der Grund für die Unwissenheit außer der Gleichgültigkeit? Möglicherweise glauben noch heute viele linksorientierte Menschen im Westen, dass die Ideen des Kommunismus zwar grundsätzlich richtig sind, dass deren Implementierung in der Sowjetunion und ihren Satellitenstaaten jedoch misslang.

Doch was ist die Bilanz dieses Misslingens? 100 Millionen Menschen wurden getötet3, zahllosen Menschen wurde das Leben zur Hölle gemacht und viele Länder wurden in ihrer Entwicklung für lange Zeit zurückgeworfen und blockiert.

Doch wie konnte das passieren? Weil Menschen die Kontrolle an sich rissen, die nur an der Macht interessiert waren und mit ihren Mitteln und Methoden einen Großteil der Gesellschaft zerstörten.

Lange Zeit wurden die diktatorischen Merkmale des sowjetischen Systems totgeschwiegen, obwohl Staaten entstanden, in denen unzählige Bürger ihre Heimat verlassen mussten und die Zurückgebliebenen diskriminiert, bloßgestellt oder sogar liquidiert wurden. Privatbesitz wurde enteignet und die konfiszierten Güter wurden zerstört oder sie verfielen, weil sie nicht angemessen genutzt wurden. Dies fügte den Ländern und seinen Bürgern weiteren Schaden zu.

Man könnte so weit gehen zu sagen, dass der Westen viele Länder für den Sieg im Krieg an Stalin ausgeliefert hat und damit indirekt zu den schweren Verbrechen der Sowjets beigetragen hat, die das Leben ganzer Regionen zugrunde gerichtet haben. Anlässlich des 60 . Jahrestags des Kriegsendes wurde dieses Problem aufgeworfen, stieß aber auf keine große Resonanz. 2005 sagte Präsident George W. Busch in Lettland mit Verweis auf das Abkommen in Jalta: „Der Versuch, die Freiheit zugunsten der Stabilität zu opfern, teilte und machte den Kontinent unsicher. Die Knechtschaft von Millionen in Mittel- und Osteuropa ist einer der großen Irrwege in der Geschichte Europas“4.

In den besetzten Ländern, auch in Ungarn, wurden Verbrechen nicht nur von der sowjetischen Besatzungsmacht begangen. In jedem Staat des Sowjetblocks existierte eine sogenannte „Avantgarde“, die den sowjetischen Interessen diente. Diese Avantgarde bestand aus zwei Gruppen: die eine kam nach langer Emigration aus Moskau heim, die zweite formierte sich zu Hause. Insgesamt waren es zum Ende des zweiten Weltkriegs einige Tausend Personen. Aus diesen Gruppen bildeten sich die machthungrigen kommunistischen Parteien, die Staatssicherheitsbehörden, die Polizei, und weitere Organe der Staatsmacht. Sie alle beteiligten sich daran, die Macht zu ergreifen und sich die anderen Parteien einzuverleiben, zu zermürben oder zu eliminieren. Zur Machtausübung wurden Menschen ohne Schulbildung engagiert, die leicht zu kontrollieren und einzuschüchtern waren. Die Machtinhaber arbeiteten oft gegen die Interessen des eigenen Volkes und Landes. Meist folgten die lokalen Kommunisten den Anweisungen der Sowjets. Fakt ist, dass Stalin Anweisungen an Mátyás Rákosi gab, entweder über die sowjetischen Ratgeber, oder auch direkt. In seinem Buch 5 benennt der aus Ungarn stammende Paul Lendvai Stalins Verbindungsmann zu Rákosi, Stalins Sekretär Alexandr Poszkrebiseven.6 Lendvai bezieht sich unter anderem auf die Veröffentlichung von János M. Rainer.7

Die Deportationen führten zur Ausschaltung und Zerstörung bestimmter gesellschaftlicher Schichten und Klassen. Ich möchte nicht nur auf die Deportationen aufmerksam machen, sondern auch an diejenigen erinnern, die die Tortur der Deportation mit Würde ertrugen, sich mit der hoffnungslos scheinenden Situation nicht abfanden und mit ihrem Vorbild andere aufrichteten. Die Zeit der Deportation war nur der Anfang einer schweren Prüfung, weil die Deportation und ihre Folgen ihr ganzes Leben, ihre Denkweise und ihr Verhalten bestimmten oder beeinflussten. József Saád formulierte treffend: „In jener Nacht wurden lebenslang wirkende Bescheide ausgehändigt.“8

Heute leben noch einige Menschen, die sich an die Deportationen erinnern können. Sie sprechen und schreiben über eigene Erfahrungen und ihr damaliges Ausgeliefertsein. Von den Personen, die damals im mittleren Alter oder noch älter waren, sind nur noch wenige am Leben. Unter ihnen gab es jedoch einige, die Memoiren geschrieben haben, beispielsweise Mária Semsey Dadányi Miklósné9, Borbála Pallavicini-Andrássy10 und Iván Jeszenszky11.

Das Forschen nach Dokumenten ist nicht leicht, das vorhandene Material ist unvollständig, viele Bescheide wurden nicht dokumentiert, weil die Machthaber oft nur verbale Entscheidungen trafen. Nach Meinung einiger Forscher vernichteten „fürsorgliche Hände“ viele Dokumente schon in den 60er Jahren, die Vernichtung der Dokumente während des Regimewechsels 1989 ist heute allgemein bekannt.

In meiner Arbeit habe ich versucht, neben den persönlichen Erinnerungen auch die heute noch auffindbaren Dokumente zu berücksichtigen. Die gesammelten Erinnerungen, Interviews, zeitgenössischen Zeitschriften und Briefe enthalten weitere Fakten und Informationen, die diese Dokumente ergänzen: die Art und Weise der Durchführung der Deportationen, das Alltagsleben der Deportierten und die erlittenen Demütigungen und Diskriminierungen.

Beim Lesen der Erinnerungen müssen wir berücksichtigen, dass viele Jahre seit der Deportation vergangen sind. In einer so langen Zeit können sich Erinnerungen verändern und subjektiver werden. Dennoch lassen sich objektivierbare Tatsachen herausschälen. Wenn auch einige Details in Vergessenheit geraten sind, hinterließen die wichtigsten Momente unauslöschliche Spuren bei den Deportierten und ihren Nachkommen. Erstaunlicherweise führte die Scham vieler Befragten dazu, dass sie allzu bittere Erinnerungen verschwiegen. So wagten nur wenige davon zu erzählen, dass sie keinerlei finanzielle Mittel besessen oder Hunger gelitten hatten. Warum? Weil sie sich dafür aufgrund ihrer Erziehung bis heute schämen. Ganz offensichtlich ist auch, dass das Alter zum Zeitpunkt der Deportation ganz wesentlich die Erinnerung geprägt hat. Erst die Erzählungen aus verschiedenen Perspektiven ergeben ein vollständiges Bild.

Die auffindbaren Dokumente veranschaulichen die Entscheidungen und Handlungsweisen der Behörden und spiegeln die Funktionsweise der Verwaltung wider sowie die Verschleierung und Verfälschung der Tatsachen. Die Brutalität der angewandten Methoden bei der Durchführung der Deportationen wird aber nur aus den erzählten Erinnerungen spürbar. Von Fall zu Fall müssen die Dokumente mit Vorbehalt, Zweifel und gesundem Menschenverstand gelesen werden. Wer die Zeit nicht erlebt hat, tut sich mit der Interpretation der Dokumente schwer. Und letztlich wirft die gründliche Überprüfung der Dokumente unzählige neue Fragen auf.

In den folgenden Kapiteln werden wir uns mit den Listen der aus Budapest Deportierten beschäftigen. Diese Listen befinden sich im Historischen Archiv des Staatssicherheitsdiensts (ÁBTL). Nach Auskunft der Beteiligten sind diese Dokumente mit vielen Fehlern behaftet: ganze Familien, einzelne Familienangehörige und Kinder fehlen, oder ihre Namen wurden fehlerhaft geschrieben. So habe ich die vom ÁBTL erstellte Liste mit den nach Kőtelek im Komitat Szolnok deportierten Personen mit der im Komitat Szolnok vorliegenden Liste verglichen und festgestellt, dass die beiden Listen nicht übereinstimmen. Die „vorläufige“ ÁBTL-Liste, datiert auf den 23. Mai 1951, führt die „Eingewiesenen“ (sprich Deportierten), die zugewiesene Adresse und den Namen des zur Aufnahme Verpflichteten auf. Allerdings erhielt meine Familie, die Teil der ersten Gruppe der Deportierten war, den Deportationsbefehl bereits am 21. Mai und am 22. Mai wurden wir zu unserem Zwangswohnort gebracht. Im Archiv von Szolnok befinden sich Kopien der Dokumente, die Personen vor Ort zur Aufnahme von Deportierten verpflichten. Diese wurden im Zeitraum vom 12. bis zum 17. Mai ausgestellt und sind daher vier bis neun Tage früher datiert als die Deportationsbescheide. Wann wurden aber die Bescheide zugestellt? Eine interessante Frage, da am 21. Mai, als die ersten Deportationsbescheide in Budapest zugestellt wurden, noch niemand etwas von den Plänen Rákosis wusste, auch die Anwälte nicht.

Ich habe versucht, eine „lebendige Geschichte“ mit Hilfe von Interviews, Erinnerungen und Tagebüchern zusammenzustellen. Dies war aus mehreren Gründen keine leichte Aufgabe: Viele Zeitzeugen haben ihre schmerzhaften Erinnerungen noch nicht verarbeitet, wollten keine alten Wunden aufreißen, sind ob ihres Schicksals verbittert und verschlossen oder fürchten sich immer noch vor Repressalien und nannten, wenn sie sich überhaupt äußerten, keine Namen. Aber wenn wir nicht jetzt über diese Zeit reden und schreiben, wird es bald keine Zeitzeugen mehr geben. Die Aufarbeitung der Geschehnisse könnte dazu führen, dass Wunden heilen und zu Beruhigung führen, auch wenn die Erinnerungen schmerzhaft sind. Lernen wir von denjenigen, die bereit waren, über ihre Erinnerungen zu sprechen und darüber, mit welcher inneren Haltung sie die Traumata und Nachwirkungen der Deportation überwinden konnten.

Glücklicherweise gab es aber auch viele Zeitzeugen, die einen großen Beitrag leisteten. Sie sprachen nicht nur über ihre eigenen Erinnerungen, sondern auch über die ihrer Eltern und Großeltern. Sie machten mich auf viele wichtige Fakten aufmerksam, die mir bis dahin unbekannt waren. Viele hatten bereits Abstand zum Erlebten gewonnen. Besonders berührte mich, dass viele Menschen die Kraft hatten, auch unter den bitteren Umständen das Gute, die Solidarität der Menschen und die Schönheit der Landschaft zu würdigen. Sie profitierten von den Erfahrungen und Lehren der Deportationszeit in ihrem weiteren Leben. Unvergesslich bleiben für mich die Haltung und die Würde, mit denen erwachsene Menschen die schweren Prüfungen überstanden und ihren Kindern ein Vorbild waren. Möge die „lebendige Geschichte“ dazu beitragen, diese Zeit zu rekonstruieren und Material für spätere, detailliertere historische Beschreibungen bereitzustellen.

Unsere Nachkommen sollen wissen, wie ihre Vorfahren behandelt wurden und welche Rolle Rache, Vergeltung, Umformung der Gesellschaft, Forcierung überdimensionierter Industrieprojekte und Pläne zur großräumigen Umgestaltung der Natur hatten, worunter Millionen von Menschen leiden mussten. Dies ist auch deshalb wichtig, weil es Lager wie damals in Recsk oder Hortobágy auch heute noch gibt. Man vermutet, dass in China Millionen von Menschen in Arbeitslagern leben. Und Familien in Nordkorea schmachten unter schrecklichen Umständen in Gefängnissen und Lagern.

Spannend ist auch die Frage, wie es gelingt, die für die Durchsetzung einer Diktatur notwendigen Handlanger zu finden? Wie bringt man tausende oder gar zehntausende Menschen dazu, ihre eigenen Landsleute gefangen zu halten, einzuschüchtern, zu misshandeln und zu quälen? Tatsache ist, dass diese Vollstrecker ebenfalls eingeschüchtert wurden, Angst um sich und ihre Familie hatten. Damit lässt sich jedoch nicht alles erklären! Wenn sie ihre Taten verantworten müssen, verteidigen sie sich mit Stereotypen wie „es wurde befohlen“ oder „aus Angst“. Dies erklärt jedoch nicht die willkürliche und sinnlose Grausamkeit, die oft weit über die Weisungen und Befehle hinausging.

Wenn Wachen, Polizisten oder sogar Ärzte versuchten, sich humaner zu verhalten, wurden sie oft binnen kurzer Zeit von ihrem Posten entfernt, versetzt, fallweise entlassen und sogar bestraft. Hilfe konnten die Deportierten in erster Linie von Verwandten, Freunden, Nachbaren, Ärzten oder Pfarrern vor Ort erwarten.

1 Gudenus János, Szentirmay László: Összetört címerek. Mozaik, Budapest, 1989. 47–48. o.; Kristóf Att ila: ...ha eljön az ido. Magyar Nemzet, 2007. november 18.

2 Faludy György: Pokolbéli víg napjaim. Magyar Világ Kiadó, Budapest, 1989. 461. o.

3 Courtois, Stéphane, et al.: The Black Book of Communism. Translated Jonathan Murphy, Cambridge, 1999. 12. o.

4 Präsident George W. Bush in Riga, Lettland, 7. Mai 2005. Das Weiße Haus, Presseamt, 7. Mai 2005.

5 George W. Bush elnök beszéde Rigában. A Fehér Ház Sajtóosztályának közleménye. 2005. május 7.

6 Lendvai, Paul: The Hungarians. Princeton University Press, Princeton, New Jersey, 2003. 433. o.

7 Rainer M. János: Távirat Filippov elvtársnak és Rákosi üzenetei Sztálin titkárságának. 1956-os Intézet Évkönyve, 1998, Budapest.

8 Kitaszított ak I. Szerkesztett ék: Füzes Miklós, Hantó Zsuzsa, Saád József. Alterra, Budapest, 2001. 54. o.

9 Dadányi Miklósné Semsey Mária: Az álmok szertefoszlanak – Egy kitelepítés krónikája, Budapest–Miskolc–Hortobágy. Gordius Könyvek, Budapest, 1996.

10 Pallavicini-Andrássy Borbála: Kitelepítési és 1956-os naplója. Gondolat, Budapest, 1990.

11 Jeszenszky Iván: Kitelepített ek. Alterra, Budapest, 1998.

Vorgeschichte

Während des 2. Weltkrieges und danach wurden zahlreiche Menschen aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu Rassen, Ethnien oder Klassen verfolgt, liquidiert, deportiert oder umgesiedelt. Die Politik der Rassendiskriminierung stammt aus Deutschland, aber die Vorstellung von ethnisch homogenen Nationalstaaten kann man auch bei Politikern und Sozialwissenschaftlern in anderen Ländern finden. Ihre Pläne konnten, im Vergleich zu Deutschland, nur teilweise umgesetzt werden. Neben dem deutschen Rassismus und Nationalismus führte auch die Politik der Sowjetunion zu großen Veränderungen in der Bevölkerungsstruktur. Vorrangiges Ziel war die Vernichtung feindlicher, antikommunistischer Klassen und Gruppen, um eine sogenannte klassenlose Gesellschaft zu verwirklichen. Aber auch die ethnische Zugehörigkeit hatte in der Sowjetunion eine große Bedeutung. Nachdem die Eliten zahlreicher Minderheiten sowie die Klassenfeinde beseitigt worden waren, wurden auch Angehörige anderer Nationalitäten umgesiedelt. So wurden Tschetschenen, Inguschen, Wolga-Deutsche, Tataren auf die Krim, nach Mittel-Asien oder in menschenleere Regionen Sibiriens umgesiedelt. Andere Gründe für Umsiedlungen waren die Aufrechterhaltung der inneren Sicherheit (als vorbeugende Maßnahme) und die kollektive Vergeltung gegen ganze Gruppen. Tamás Stark befasst sich ausführlich mit den mitteleuropäischen Deportationen und Umsiedlungen.

Am 16. Dezember 1944 beschloss das Staatsicherheitskomitee der UdSSR, dass jeder deutsche Mann zwischen 18 und 44 Jahren und jede deutsche Frauen zwischen 18 und 30 Jahren aus den von der Roten Armee besetzten Ländern in Arbeiterlager der Sowjetunion gebracht werden müssten. So kamen 200 bis 250.000 Ungarn bzw. Ungarndeutsche in Sowjetische Gefangenschaft. Die Vollstrecker mussten aus jedem Land eine vorgeschriebene Anzahl von Gefangenen in Sowjetische Arbeitslager („Malenkij-Robot“) schicken. Diese mussten Wiederaufbauarbeiten unter schrecklichen Umständen in der Sowjetunion leisten. Außer Deutschen wurden auch Ungarn mit deutschen Namen deportiert und wenn die vorgeschriebene Zahl der Gefangenen nicht erreicht worden war, wurden Menschen wahllos an Bahnhöfen oder auf Straßen gefangengenommen, um das Soll zu erfüllen. So kamen zusammen mit den Kriegsgefangenen insgesamt über 800.000 Ungarn in Gefangenschaft und landeten in Arbeitslagern. 200.000 von ihnen kehrten nie nach Ungarn zurück.12

Nach dem 2. Weltkrieg wurden die Deportationen, Umsiedlungen und Internierungen fortgesetzt, ergänzt mit Volksgerichtsurteilen und Gefängnisstrafen. Die Konferenz von Potsdam beschloss, in Europa lebende Deutsche für die Sünden Deutschlands mit Ausweisung zu bestrafen. In Ungarn war mit der Durchführung der Ausweisung das Kontrollkomitee der Alliierten beauftragt. Per Dekret (12330/1945 M.E.) ordnete die Ungarische Regierung die Ausweisung der Deutschen in Ungarn an, die sich bei der letzten Volkszählung als Deutsche ausgegeben hatten, die ihren ungarischen Namen in Deutsch geändert hatten oder Mitglied von Volksbund oder von einer bewaffneten Einheit waren. Vom 1946 bis 1948 wurden 177 bis 240.000 Personen deutscher Nationalität aus Ungarn vertrieben, unter Leitung des sogenannten Volkspflegebüros (People’s Care Office).13

Im Rahmen der Vereinbarung zum Volksaustausch zwischen Ungarn und der Tschechoslowakei (27. Februar 1945), die anstelle der geplanten, aber von den Westmächten nicht gebilligten einseitigen Vertreibung der Ungarn aus der Tschechoslowakei zustande kam, wurden 179.000 Ungarn und Slowaken gezwungen umzusiedeln. In den Jahren 1944 und 1945 flohen etwa 100.000 Ungarn aus Rumänien nach Ungarn.14

12 Stark Tamás: Népességmozgás Közép-Kelet-Európában – Üldözés, kitelepítés, 1939–48. História, 2004. 5. 3–12. o.

13 Stark Tamás: Népességmozgás Közép-Kelet-Európában – Üldözés, kitelepítés, 1939–48. História, 2004. 5. 12. o.

14 Ebda.12. o.

Gulag

Schon im zaristischen Russland existierte ein Lagersystem für Zwangsarbeit in Sibirien, welches später dem Gulag entsprach. Anne Appelbaum beschreibt im Vorwort ihrer Arbeit verschiedene Varianten der Verbannung und Zwangsarbeit von der Antike bis zur Neuzeit, nicht nur in Russland und in der Sowjetunion, sondern auch anderswo. Ihrer Meinung nach war Stalin großer Bewunderer von Zar Peter, der durch Zwangsarbeit von Gefangenen und Leibeigenen viele Institutionen aufbauen ließ, die das damalige Russland näher an die entwickelten Staaten in Westeuropa brachten. Direkt nach der Revolution im Sommer 1918 forderte Lenin, dass nicht vertrauenswürdige Personen aus den Großstädten in Konzentrationslager gesperrt werden müssten. Dementsprechend wurden Großkapitalisten, Kaufleute, Aristokraten und andere potentielle Feinde in Konzentrationslager verschleppt. 1921 waren bereits 84 Lager in Betrieb. Anfänglich wollte man die Feinde des Volkes in diesen Lagern umerziehen. Ab 1929 wurden die Aufgaben der Lager erweitert. Stalin wollte die Industrialisierung der Sowjetunion mit Hilfe der Zwangsarbeit beschleunigen und die in den nahezu unbewohnbaren nördlichen Regionen vorhandenen Bodenschätze abbauen. Diese Pläne forderten immense Opfer.15

In Gulags wurden neben politischen Gefangenen auch gemeinrechtlich Verurteilte gefangen gehalten, von denen viele wegen geringfügiger Ordnungswidrigkeiten verurteilt worden waren. Die Machthaber erklärten immer mehr Verhaltensformen für strafbar. Anna Appelbaum berichtet in ihrer Arbeit über mindestens 476 Lagerkomplexe, die sich aus Tausenden von unabhängigen Lagern zusammensetzten. In einem Lager wurden zwischen einigen Hundert bis hin zu mehreren Tausend Häftlingen interniert. Die Lager wurden von den Häftlingen selbst errichtet, die dort unter schrecklichen Bedingungen gehalten wurden. In den Jahren 1929 bis 1953 waren durchschnittlich zwei Millionen Menschen in den Lagern. Bis zum Tod Stalins waren insgesamt 18 Millionen Sowjetbürger in einem Gulag. In einigen Jahren überstieg laut Appelbaum die Zahl der in den Lagern eingesperrten und zur Arbeit gezwungenen Häftlinge verschiedener Nationalitäten vier Millionen. Das Schwarzbuch des Kommunismus 19539 schätzt die Zahl der Gefangenen in den verschiedenen Gulag-Lagern auf 2.750.000. Darüber hinaus wurden ungefähr sechs Millionen Menschen verbannt und deportiert. Sie durften die ihnen zugewiesenen Dörfer nicht verlassen. Obwohl sie nicht eingesperrt waren, können auch sie als Zwangsarbeiter betrachtet werden, ähnlich wie die Kulaken, die unter Stalin in den 30er Jahren nach Sibirien, Kasachstan und in andere dünn besiedelte Gebiete der UdSSR verbannt wurden. Deren Anzahl wird von Appelbaum in den Jahren 1930 bis 33 auf mehr als zwei Millionen geschätzt. In dieser Zeit wurden zudem hunderttausende von Kulaken festgesetzt und in Gulags gebracht. Mátyás Rákosi schreibt zur Lösung der „Kulaken-Frage“ in der UdSSR: „Stalin sagte, die Kulaken sollten nicht immer liquidiert werden, indem man sie aus ihren Dörfern wegbringt und einige Tausend Kilometer entfernt aussetzt. Es gab Orte, in denen diese Methode nachteilig gewesen wäre, weil das ganze Dorf oder ein großer Teil aus reichen Kulaken bestand. An solchen Orten wurden Kommandos organisiert und die Kulaken mussten in ihren eigenen Dörfern unter militärischer Aufsicht arbeiten. Sobald sie einsahen, dass dies einer Verbannung vorzuziehen war, fanden sie sich mit ihrem Schicksal ab. Später wurden sie von Kolchosen verschlungen.“16

Lange Haftstrafen oder Zwangsarbeit warteten auf diejenigen, die während der großen Hungersnot versuchten, Lebensmittel zu stehlen. Solche Taten wurden als Verbrechen gegen das Volkseigentum gewertet. Für die Gesellschaft gefährliche und unerwünschte Personen wurden mit Hinweis auf zwei sowjetische Gesetze (1934, 1935) in Zwangswohnorte verbannt. Diese sahen für obigen Personenkreis ein Aufenthaltsverbot von ein bis fünf Jahren in der Hauptstadt, in größeren Städten sowie in Industriezentren vor. Zudem müssen die großen Umsiedlungs-und Deportationswellen während des Krieges erwähnt werden, unter denen viele ethnische Gruppen und Nationalitäten gelitten haben. Das Instrument der Verbannung, besonders gegenüber intellektuelle Dissidenten, verwendete man auch später in der UdSSR.

„Besondere Siedler“ nannte man in der UdSSR die Kulaken, die Deklassierten, die Pfarrer und die Personen, die sich gegen die Kolchosen entschieden, die kein Kolchosemitglied werden wollten und die jährlich weniger als vorgeschrieben in den Kolchosen arbeiteten. Die besonderen Siedler wurden ebenfalls mit Deportation bestraft, deren Anfänge schon in den früheren Stadien der kommunistischen Herrschaft zu finden sind. Die Dauer der Verbannung wurde nicht festgelegt, ähnlich wie später bei den ungarischen Schicksalsgenossen. Oft durften die Deportierten ihren Zwangsaufenthaltsort auch nach Wiedererlangung ihrer staatsbürgerlichen Rechte nicht verlassen. Dieser Überblick zeigt die sowjetischen Vorbilder für die ungarischen Deportationen, Verbannungen und Internierungen.

Noch ein paar Worte zur Geschichte des Gulags. Nach Stalins Tod wurden viele Lager in der UdSSR im Rahmen der Amnestie geschlossen. Aber sehr viele Lager wurden in veränderter Form in der UdSSR weiterbetrieben, dort wurden neben Gemeinverbrechern auch politische Gefangene, Dissidenten, antisowjetische Elemente und all diejenigen inhaftiert, die es wagten, ihr Missfallen gegenüber dem bestehenden System zum Ausdruck zu bringen. Erst 1987, zur Zeit Gorbatschows (dessen Großvater auch Zwangsarbeiter im Gulag war) wurden die Lager allmählich geschlossen.

1953 war ein Wendepunkt in den „Volksdemokratien“, so auch in Ungarn. Der bislang herrschende Terror wurde gemildert. Infolge des Amnestiegesetzes des ungarischen Ministerpräsidenten Imre Nagy wurden viele Menschen aus den Gefängnissen entlassen, die Deportationen wurden beendet und die Zahl der Internierungslager wurde reduziert.

15 Appelbaum, Anne: Gulag. Doubleday, New York, 2003. XXIX–XL. o.

16 Rákosi Mátyás: Visszaemlékezések 1940–56. Napvilág Kiadó, Budapest, 1997. 848. o.

Einfluss der Sowjetunion

Die nach dem zweiten Weltkrieg von der Sowjetunion besetzten Volksdemokratien gründeten teilweise sofort nach 1945, teils erst Anfang der 50er Jahre ihre Internierungs-und Arbeitslager und begannen mit Deportationen. Dabei stellt sich die Frage, ob dies unter sowjetischem Druck geschah oder ob den Sowjets nachgeeifert wurde. Sicherlich spielten beide Aspekte eine Rolle, da Vergeltung und Zwangsmaßnahmen zu den in der UdSSR bewährten Methoden zählten. Zudem war der Einfluss der aus der UdSSR heimgekehrten Politiker groß, die dort die Stalinistische Praxis kennengelernt hatten. Festzuhalten bleibt, dass sie nur mit Unterstützung der sowjetischen Besatzer die Macht in ihren Ländern ergreifen konnten.

1945 traten die sowjetischen Truppen als Besatzer auf, selbst die Sowjets hielten sich nicht für Befreier von Ungarn. Stalins Ziel war die Sowjetisierung der besetzten osteuropäischen Länder. Dies dauerte länger als gedacht. Aus diesem Grunde wollten die heimgekehrten Kommunisten zunächst die Unterstützung der großen Massen gewinnen und erst danach das Sowjetsystem schrittweise einführen. So entstand zunächst ein Mehrparteisystem, in dem die Sowjets ihren Einfluss über die Kontrollkommission der Alliierten (SZEB) geltend machten, in der sie die Siegermächte ausgebremst und alle Macht an sich gerissen hatten. Es fragt sich, warum die Alliierten dies zuließen? Die Sowjets mischten sich praktisch überall ein, in die Regierungsgeschäfte des Landes, in die Wirtschaftspolitik und auch in die Vergeltungsmaßnahmen. Obwohl die Kleinbauerpartei die Wahlen im November 1945 gewann, ordnete Marschall Vorosilov, der Chef der SJU (Special Interrogation Unit) an, dass eine große Regierungskoalition mit Beteiligung der Kommunisten gebildet und ein Kommunist Innenminister der Regierung werden müsse.

Kominform – Sowjetisierung

Die Resolutionen des Informationsbüros der Kommunistischen- und der Arbeiterpartei (Kominform) zeigen den verstärkten sowjetischen Einfluss. Das Informationsbüro wurde 1947 gegründet. Mit ihm wollte die UdSSR den Informationsfluss zwischen den kommunistischen Parteien in Ost- und Westeuropa koordinieren und Stalin ein Mittel in die Hand geben, die kommunistischen Parteien und deren Führer von Moskau aus zu lenken. Mit ihm hätte Stalin den einzelnen Ländern noch leichter Anweisungen geben und die zum Kominform gehörenden Staaten zu einer einheitlichen Außenpolitik zwingen können. Vor der Gründung des Kominform im Mai 1947 schieden die italienischen und französischen Kommunisten aus den Koalitionsregierungen aus. Stalin hielt dies und weitere Ereignisse, wie das Wirtschaftshilfsprogramm (Marshall-Plan) und die antikommunistische Propaganda der USA, für die Ursache der Schwächung des kommunistischen Einflusses in Ost- und Westeuropa.

Im September 1947, auf der Gründungskonferenz des Kominform im polnischen Szklarska Poreba, stellte der Sowjetische Delegierte Zsdanov (Stalin war abwesend) fest, dass es zwei Lager auf der Welt gibt: das imperialistische und antidemokratische Lager, dessen Ziel die Etablierung der amerikanischen Weltherrschaft sei und das antiimperialistische und demokratische Lager, das von der Sowjetunion angeführt wird. In Szklarska Poreba wurde beschlossen, dass Belgrad Sitz des Kominform werden sollte.

Charles Gáti schreibt über dieses Treffen, dass die Vertreter von Jugoslawien und der UdSSR die französische und italienische Partei angegriffen hätten, da diese Parteien nicht mehr mitregierten. Milovan Gyilasz, Vertreter von Jugoslawien, instrumentalisiert von den Sowjets, legte dar, dass es nicht reicht, bei Wahlen gute Ergebnisse zu erreichen und im Parlament zu kämpfen. Es müsse auch zu härteren Methoden gegriffenen werden.17 Dies führte zu schwerwiegenden Ereignissen bereits im November desselben Jahres. In beiden Länder kam es zu Streiks und Ausschreitungen. In Italien gab es auch Todesopfer.18 Die Ungarn, Polen und Tschechoslowaken mussten sich dafür rechtfertigen, warum die Sowjetisierung nicht schneller fortschreitet. In Polen gab es starken Widerstand gegen die von den Sowjets unterstützte Machtübernahme der Arbeiterpartei. Die Tschechen zeigten Interesse am Marschall-Plan, was jedoch die sowjetische Führung ablehnte. Die ungarische Delegation reiste in der Überzeugung zu dem Kominform-Treffen, dass sie ihre Aufgaben gut und effizient erledigte. Die Kommunisten wollten die vollständige Macht zu einem späteren Zeitpunkt übernehmen. Sie dachten an eine stufenweise Machtübernahme. Wichtige Schritte der Vorbereitung waren bereits getan: Béla Kovács, der Generalsekretär der Kleinbauerpartei, war bereits von den sowjetischen Militärbehörden festgenommen und in die Sowjetunion verschleppt worden. Der Prozess gegen die „Ungarische Brüdergemeinschaft“ (Magyar Testvéri Közösség) war abgeschlossen und Ministerpräsident Ferenc Nagy und andere Politiker wurden zur Emigration gezwungen. Es sei auch erwähnt, dass im September 1947 das Politische Komitee bereits die Pläne für die Vereinigung der Kommunistischen Partei mit der Sozialdemokratischen Partei ausgearbeitet hatte. Die Grundlagen des Einparteisystems wurden bereits gelegt und die vollständige Machtübernahme beschleunigte sich.

Diese Maßnahmen wurden nicht nur in Ungarn, sondern auch in anderen Mittel- und Osteuropäischen Ländern umgesetzt. Ein-Parteien-Diktaturen lösten die Koalitionsregierungen auf Bestreben der Sowjetunion und mit Hilfe der einheimischen Kommunisten ab, unterstützt durch Einschüchterungen, Gewalt und Wahlfälschung. So entstanden die Volksrepubliken. In der Ausgabe von 7. April 1948 der alle zwei Wochen erscheinenden Zeitschrift des Kominform unter dem Namen „Für dauerhafte Frieden und Volksdemokratie“ (Tartós békéért, népi demokráciáért) finden wir wichtige Informationen in dem Artikel mit dem Titel „Vorbereitungen der Vereinigung der Arbeiterparteien in Ungarn“ (das heißt der Kommunistischen und der Sozialdemokratischen Partei): Die Führer beider Parteien trafen sich am 18. März. Der stellvertretende Generalsekretär der Kommunistischen Partei, Mihály Farkas erklärte, die neue Partei werde zwar nicht als kommunistische Partei bezeichnet, aber sie gebe die kommunistische Ideologie nicht auf. Die Hauptaufgabe lautet jetzt, sagte Genosse Farkas, den rechten Flügel der Sozialdemokratischen Partei zu entfernen…

Nach der Verwirklichung des Einparteiensystems haben die europäischen Volksdemokratien bilaterale Verträge geschlossen und sich mit ähnlichen Verträgen auch an die UdSSR gebunden. Dies führte dazu, dass die UdSSR und ihre Verbündeten in internationalen Foren mit einer Stimme sprachen und die kommunistischen Parteien der Volksdemokratien auch in der Innenpolitik identische Ansichten hatten.19

Charles Gáti zitiert József Révai, wonach die Sowjetische Kommunistische Partei und auch Stalin selbst entscheidende Anreize und Unterstützung „zur Verdeutlichung der Entwicklungsperspektiven“ gegeben haben. Auf dem Kominform-Treffen 1947 „wurde erkannt, dass die Volksdemokratie in einer Zwischenphase der Verdrängung der kapitalistischen Elemente nicht stehenbleiben darf“. Bei diesem Treffen wurde entschieden, dass alles Notwendige für die volle Machtübernahme getan wird. Auf der Konferenz im September 1948 wurde festgestellt, dass „die sozialistische Transformation nicht auf die Städte beschränkt werden darf, sondern auch die Dörfer umfassen muss. Dies sei eine Grundvoraussetzung. Vorbild sei die UdSSR, die Volksdemokratien könnten zwar unterschiedliche Formen annehmen, aber es dürften keine wesentlichen Unterschiede zur Sowjetunion geben. Beim Kominform-Treffen in Bukarest wurde beschlossen, dass es nur einen Weg zum Sozialismus gibt. „Sonderwege“ der Länder wurden ausgeschlossen. Auf Vorschlag der Sowjets wurde beschlossen, die Landwirtschaft in Kolchosen zu organisieren. Das Thema „Sonderweg“ tauchte schon beim ersten Kominform-Treffen auf. Tito meinte, dass es nicht notwendig sei, dass jeder Staat dem Weg der Großen Oktoberrevolution folge.20 Mátyás Rákosi erwiderte jedoch im November 1948: „Seitdem die Fragen des Aufbaus der Sozialismus auch bei uns an der Tagesordnung sind, wird es immer deutlicher, dass die Grundzüge des sozialistischen Aufbaus der UdSSR allgemeine Gültigkeit haben.“21 Als Musterschüler von Stalin hätte sich Rákosi auch nicht anders äußern können. Nach seiner Rückkehr von diesen Konferenzen hielt József Révai die Änderung der Wirtschaftspolitik und die Beseitigung der Bourgeoisie für die wichtigsten Aufgaben. Die sorgfältige Durchsicht aller Kominform-Beschlüsse und -Richtlinien ergibt ein recht vollständiges Bild zum Programm der Sowjetisierung, einschließlich der Bloßstellung und Beseitigung der Klassenfeinde und der Bourgeoisie.

Die Zentrale des Kominform befand sich zuerst in Belgrad, etwas später wurde sie aufgrund von Problemen mit Jugoslawien nach Bukarest verlagert. Am 28. Juni 1948 verurteilte das Informationsbüro die Politik der Jugoslawischen Kommunistischen Partei, und Jugoslawien wurde aus dem Kominform ausgeschlossen. Der Hauptgrund dafür war, dass Tito Jugoslawien nicht den sowjetischen Interessen unterwerfen, sondern einen Sonderweg wählen wollte. So war Tito mit Stalins Plan zur übereilten Gründung der Kolchosen nicht einverstanden. Er dachte an eine Balkan-Föderation mit den Ländern Bulgarien, Albanien und später auch Griechenland. Tito wollte die kommunistischen Revolutionäre in Griechenland unterstützen. Natürlich gefiel dieser Plan Stalin nicht, weil er die einzelnen Staaten der Föderation schwerer hätte kontrollieren können, und der Plan gefährdete auch die zwischen der Sowjetunion und den Westmächten bestehende territoriale Aufteilung. Ein weiterer Grund für den Ausschluss war, dass Tito Stalin offen kritisierte und sich mit Stalin ebenbürtig führte, dieser aber keinen Rivalen duldete. Er befürchtete, dass sich Titos Haltung auf andere osteuropäischen Länder übertragen könnte. All dies führte neben dem Ausschluss Jugoslawiens aus dem Kominform auch zu einem Embargo gegen Jugoslawien.

In der Ausgabe vom 12. Juli 1948 der Zeitschrift „Für dauerhafte Frieden und Volksdemokratie“ erschien ein Bericht über das Treffen des Kominform in Bukarest. Demnach verweigerten die jugoslawischen Kommunisten die Teilnahme an einer Sitzung, in der sie verurteilt werden sollten. „Das Informationsbüro stellt fest, dass das Zentralbüro der JKP sich aus der Familie der Schwesterparteien, der Einheitsfront der Kommunisten und damit auch aus dem Informationsbüro selbst ausschließt.“ Titos Jugoslawien, anders als die anderen Länder, akzeptierte die Hilfe des Marschall-Plans und hielt Handelsbeziehungen mit den Westen aufrecht. Da nicht alle kommunistischen Parteimitglieder in Jugoslawien mit dem Ausschluss aus dem Kominform einverstanden waren, verfolgte Tito die Anhänger des Kominform. Nach Richard West22 wurden ab Herbst 1948 zwölftausend Kominformisten in das Arbeitslager Goli Otok verschleppt.

Nach der Abspaltung Jugoslawiens begannen die Parteien in den restlichen sozialistischen Staaten die Jagd auf Abweichler. Der Ausschluss Jugoslawiens hatte in Ungarn weitreichende Folgen. Er trug vor allem zur Kriegsvorbereitung, zum Ausbau der Rüstungsindustrie und zur Stärkung der Armee bei, was die Wirtschaft stark belastete. Er war auch Anlass für zahlreiche Prozesse und die Deportationen in grenznahe Gebiete und in die Region Hortobágy. Viele Menschen wurden nur deshalb nach Hortobágy deportiert, weil sie Kontakt zu in Jugoslawien lebenden Personen hatten oder gehabt hatten. Die Kominform-Richtlinien legten die Leitlinien der antijugoslawischen Politik fest. Sie offenbarten die Befürchtung Stalins, dass andere volksdemokratischen Staaten dem Beispiel Jugoslawiens folgen könnten. Ab diesem Zeitpunkt wurden Säuberungen und Schauprozesse innerhalb der Partei nach sowjetischem Muster durchgeführt.

1949 entschied der Kominform, feindselige Elemente mit allen Mitteln zu eliminieren. Dazu waren alle Methoden recht. Es wäre interessant zu analysieren, wie die einzelnen Volksdemokratien ihre Vergeltungs- und Präventivmaßnahmen angeglichen haben. In der Arbeit von Stanislav J. Kirschbaum ist zu lesen, dass die antireligiösen Maßnahmen der Slowakei und Ungarns fast gleichzeitig und mit sehr ähnlichen Methoden stattfanden. In der Slowakei wurden Mönche am 13. und 14. April 1950 zunächst in ausgewählte Klöster und danach in Lager gebracht, anschließend wurden die Mönchsorden aufgelöst. Die Aktion wurde im August mit der Verschleppung der Nonnen fortgesetzt.23 Ähnliche Aktionen, mit denen wir uns noch beschäftigen werden, begannen in Ungarn im Juni 1950. Im gleichen Zeitraum fanden Schauprozesse und Deportationen auch in anderen Ländern statt.

17 Gáti, Charles: Demokratikus átmenet a háború utáni Magyarországon, Történelmi Szemle, 1986. I.

18 Hitchcock, William I.: The Struggle for Europe, New York, Anchor Books, 2003. 90.

19 Balogh Sándor: Megjegyzések a magyarországi népi demokratikus fejlodés nemzetközi és belso feltételeihez. Történelmi Szemle, 1986. I.

20 Gáti, Charles: Demokratikus átmenet a háború utáni Magyarországon. Történelmi Szemle, 1986. I.

21 Törvénytelen szocializmus. Szerkesztett e: Révai Valéria, Zrínyi Kiadó, 1991. 45. o.

22 West, Richard: Tito. Carroll & Graf Publishers, Inc., New York, 1999. 234. o.

23 Kirschbaum, Stanislaw J.: A History of Slovakia. St. Martin’s Griffin, New York, 1995. 233. o.

Deportationen in den Ostblockländern

Die ersten großflächigen Deportationen wurden 1949 in Rumänien durchgeführt. Die als Kulaken bezeichneten ehemaligen Großgrundbesitzer, die ihren nach der Verstaatlichung übriggebliebenen Grund von maximal 21 Hektar (50 Morgen) bewirtschafteten, wurden innerhalb einer einzigen Nacht verschleppt. Ihre Dokumente wurden mit dem Vermerk D.O. (Domikiliu Obligatoriu, Zwangswohnort) versehen. Dort „wohnten“ sie in Kellern, auf Dachböden und anderen unmöglichen Orten. Sie durften ihren Wohnort nicht verlassen, mussten sich in bestimmten Abständen bei der Polizei melden und hatten die schwersten Arbeiten zu verrichten. Vielen Kulaken wurden enteignet und erhielten als „Entschädigung“ schlechteren Boden in anderen Gebieten.

Der rumänische Leidensweg setzte sich mit den Deportationen in das Donaudelta fort, wo die Deportierten unter beklagenswerten Umständen als Zwangsarbeiter ausgebeutet wurden. Die Aufhebung der Zwangswohnorte und die Auflösung der Lager erfolgten erst 1963. Einige Menschen waren bis zu vierzehn Jahre Zwangsarbeiter.

In der Tschechoslowakei begann nach Dessewffy-Szántó im Jahr 1952 eine bedeutende Deportationswelle aus den größeren Städten auf das Land. Diese Maßnahmen wurden zwar ein Jahr später zurückgenommen, dennoch konnten die Deportierten nicht in ihre Häuser zurückkehren. In Bulgarien war die Deportation in Zwangswohnorte in einem Gesetz von 1948 geregelt und war entweder eine vorübergehende oder eine dauerhafte Maßnahme. Die Deportierten durften ihren Wohnort nicht verlassen und mussten sich regelmäßig bei der örtlichen Polizeistation melden. In den sowjetisch besetzten Gebieten Deutschlands wurde ebenfalls über deportationsähnliche Aktionen berichtet. In Polen wurde im Herbst 1950 ein Dekret von 1945 wiedereingeführt, demzufolge das Niederlassungsrecht am ursprünglichen Wohnsitz von Personen, die eine Gefahr für das wirtschaftliche und soziale Leben des Landes darstellten, bis zu fünf Jahre aberkannt werden konnte.24

24 Dessewffy Tibor, Szántó András: Kitörő éberséggel. Lapés Könyvkiadó, Budapest, 1989.

Deportationen in Ungarn

Die Deportationen in Ungarn folgten dem sowjetischen Muster. Die den Machthabern missliebigen Bürger, denen keine Verletzungen von Gesetzen vorgeworfen werden konnten, wurden ohne Gerichtsurteil in verschiedene Regionen Ungarns verschleppt.

Die Deportationen in Ungarn fielen in das dunkelste Kapitel des Rákosi-Regimes. Menschen lebten in ständiger Angst und mussten bei jedem Klingeln an der Tür befürchten, vom Staatssicherheitsdienst abgeholt zu werden. Das wichtigste Mittel der damaligen Politik war die Einschüchterung großer Gesellschaftsteile, um diese zu kontrollieren und die Macht zu sichern. Diese Methode gipfelte in Prozessen, in denen sogar Kommunisten übereinander herfielen und sich gegenseitig verurteilten und hinrichteten. Als Jugoslawien im Jahr 1948 auf Vorschlag der Sowjetunion aus dem Kominform ausgeschlossen wurde, begannen auch in den anderen sozialistischen Staaten die Säuberungen. Heute wissen wir, dass zwischen 1948 und Mitte der 50er Jahre ein Viertel der ungarischen Bevölkerung Opfer von Unrecht wurde.25 Dazu gehörten ohne Anspruch auf Vollständigkeit Gefängnisstrafen, Internierungen und Prozesse gegen Kulaken, Klassenfeinde und kirchliche Personen. Bis heute gibt es keine verlässlichen Angaben zur Zahl der Inhaftierten und Hingerichteten in Ungarn26.

Aus dem südlichen Grenzgebiet wurden bereits ab 1948 Familien deportiert. Es folgten die Deportationen in die Zwangsarbeitslager von Hortobágy und die Deportationen aus Budapest ab 1951. Außerdem wurden im großen Stil Kulaken-Familien deportiert, die im besten Fall nur ihre Häuser und Höfe verlassen mussten oder in ein anderes Dorf umgesiedelt wurden. Meist wurden sie jedoch nach Hortobágy gebracht, wo sich ein Großteil der deportierten Kulaken aufhielt.

Viele Einzelpersonen und Familien wurden mehrfach bestraft. So wurden Kulaken zuerst wegen kleinerer Vergehen zu Geldbußen verurteilt (Beispiele: der Mist im Hof befand sich zu nahe am Brunnen, der Hund hatte kein Trinkwasser, der Bauer verrichtete nach Einschätzung der Behörden seine Arbeit nicht rechtzeitig oder nicht gut genug). Anschließend folgten Gefängnisstrafen. Schwere Strafen wurden auch für landwirtschaftliche Verfehlungen verhängt, die Liste dafür war lang: das abgegebene Fett war ranzig, ein Produkt nicht rechtzeitig gesät oder eingebracht, die Zuckerrüben waren zu eng oder mit zu großem Abstand gepflanzt und vieles mehr. Die schwersten Strafen für Kulaken waren die Vertreibung aus den eigenen Häusern, die Deportation nach Hortobágy oder Gefängnisstrafen.

Die Mehrfachbestrafung findet sich auch in Budapest. Ein Beispiel dafür ist die Familie Dadányi. Nach der Belagerung von Budapest wurde Miklós Dadányi von einer russischen Einheit festgenommen und zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion geschickt. Nach seiner Rückkehr wurde er interniert. 1950 wurde die Familie Dadányi nach Miskolc deportiert und ohne vorherige Ankündigung bei alten Freunden einquartiert. Die Familie durfte Miskolc nicht verlassen, musste sich wöchentlich bei der Polizei melden und hatte öffentliche Plätze der Stadt zu meiden. Zudem durfte sie nur schwere körperliche Arbeit verrichten. Die Tochter durfte das Gymnasium nicht weiter besuchen und wurde Wasserträgerin in einer Fabrik. Später musste Miklós Dadányi erneut ins Gefängnis, seine Frau und seine Tochter wurden vorübergehend verhaftet. Schließlich wurde die ganze Familie, auch der nicht deportierte Sohn, der den Sommer mit seiner Familie in Miskolc verbrachte, in ein Zwangsarbeiterlager in Hortobágy gebracht.27

Auch vor den Massendeportationen aus Budapest kam es sporadisch vor, dass Familienangehörige von in Prozessen verurteilten oder hingerichteten Personen deportiert wurden. Hatten die Verurteilten eine gehobene Position in der Kommunistischen oder Sozialdemokratischen Partei, wurden die Angehörigen nicht in Dörfer, Sommerküchen oder Ställe deportiert, sondern in Städte und relativ annehmbare Häuser, in die sie ihre Möbel mitnehmen konnten. Man kümmerte sich um ihre Unterbringung und versorgte sie mit Arbeit. Sie konnten erst 1956 in die Hauptstadt zurückkehren. Im Gegensatz zu anderen Deportierten wurden sie finanziell und moralisch rehabilitiert.

Ein MOL-Bericht vom 21.September 1950 gibt Informationen über andere Gründe für Deportationen. Im Bericht wird die Deportation von sechs Familien aus Budapest geschildert. Es wird die Anzahl der Personen, die Wohnadresse der Familien und die Größe ihrer Wohnungen genannt, der Grund für die Deportation jedoch nicht. Den Grund erfahren wir aus einer handschriftlichen Notiz: die Hamsterei.28 Der Hamsterei konnte jemand bezichtigt werden, der aus Sicht der Behörden mehr Lebensmittel oder andere Güter besaß, als unbedingt notwendig war. Die Mindeststrafe für ein solches Vergehen waren Beschämung und Beschlagnahme: Die Person wurde im nächstgelegenen Geschäft neben die Ware gestellt, die sie „gehortet“ hatte und ihr Name wurde unter die Ware geschrieben. In der Folge wurde die ganze Familie mit Deportation bestraft. Der letzte Satz des Berichts lautet: „Morgen werden wir einen Vorschlag für weitere Deportationen machen.“ Die wichtigste Information gibt eine weitere handschriftliche Notiz des Verfassers des Berichts: „Bitte stellen Sie sicher, dass in den Zeitungen schon morgen darüber berichtet wird, was für Proleten (!) (ein Wort ist hier unleserlich), Kinder und Familienmitglieder in die Wohnungen der aus Budapest deportierten Reaktionäre eingezogen sind.“ Diese Deportationen ähneln dem oben geschilderten Fall der Familie Dadányi. Sie wurden auch wegen Lebensmittel-Hamsterei deportiert, obwohl die Lebensmittel aus eigener Produktion stammten. Dies konnten sie mit Dokumenten belegen, aber diese Tatsache interessierte die Behörde nicht, die die Deportation durchführte.

Ein anderes Dokument aus dem ungarischen Staatsarchiv, das an das Sekretariat von Rákosi geschickt worden war, berichtet von einer weiteren Form der Deportation: Imre Demecs, Abteilungsleiter des Bezirksrats, wohnhaft in Nográdsipek, wurde einzig und allein aufgrund einer anonymen Anzeige verhaftet und zusammen mit seiner Familie deportiert.29 Es sind diese einzelnen dokumentierten Schicksale, die zur Frage führen, wie viele andere Familien aus ähnlichen Gründen verschleppt und deportiert wurden.

25 Berend Tamás: Vortrag 1982

26 Fehérváry István: Die Welt der Gefängnisse in Ungarn. Verlag Vereinigung der politischen Gefangenen in Ungarn, 1990.

27 Dadányi Miklósné, Semsey Mária: „Az álmok szertefoszlanak – Egy kitelepítés krónkája, Budapest-Miskolc-Hortobágy. Gordinus könyvek, Budapest, 1996, S. 37-52.

28 MOL-276-65/183.

29 MOL-276-65/184.

Kampf gegen die Kulaken

1945 wurden Großgrundbesitz und größere Höfe ohne Entschädigung verstaatlicht. Ein Teil des Landes wurde an Landarbeiter und Tagelöhner vergeben, die kein oder zu wenig Land besaßen. Sie erhielten durchschnittlich vier bis fünf Morgen (2,3 bis 2,9 Hektar). Die Umverteilung von Grund und Boden machte die kommunistische Partei populär. Bald stellte sich jedoch heraus, dass die neuen Landwirte ihr Land nicht ohne landwirtschaftliche Maschinen bewirtschaften konnten. Ein anderer Teil des Landes wurde in volkseigene Güter (Staatsgüter) überführt, in denen Lohnarbeiter beschäftigt waren.

Eine von den Kommunisten verfolgte Gesellschaftsschicht waren die Kulaken. Die Kampagne gegen die Kulaken begann nach der Rede von Rákosi 1948, in der er die Gründung landwirtschaftlicher Genossenschaften ankündigte.

Als Kulaken wurden Landwirte mit einen Grundbesitz von mehr als 25 Morgen (14 Hektar) bezeichnet. Zudem beschäftigten sie Angestellte, was nach kommunistischer Lesart als Ausbeutung galt. Allerdings fiel es nicht auf, dass zu dieser Zeit außer den „Eliten“ des Systems nur wenige Leute Angestellte hatten. Später galten auch Landwirte mit weniger als 25 Morgen Grundbesitz als Kulaken sowie andere Gewerbetreibende wie Restaurant- oder Mühlenbesitzer. Ein Großteil der Kulaken wurde deportiert.

Das Vorbild zur Schaffung landwirtschaftlicher Genossenschaften war der Kolchos in der Sowjetunion, ohne Berücksichtigung ungarischer Besonderheiten. In seinem 1967 erschienenen Buch30 berichtet Mátyás Rákosi darüber, wie er seine frühere Tätigkeit sieht und wie er sich für die Schaffung der Genossenschaften zu entschuldigen versucht: „Als ich 1945 nach Ungarn zurückkehrte, wusste ich nicht, welche Erfahrungen die Sowjetunion in der Landwirtschaft und in der Industrie gemacht hatte.“ Er verweist auf die Tatsache, dass er nach seiner Entlassung aus ungarischer Haft und der Reise in die Sowjetunion 1940 andere Aufgaben hatte: „Vier Monate später begann der Große Vaterländische Krieg, und es besteht keine Notwendigkeit zu erklären, dass ich während dieses Krieges andere Aufgaben und Probleme hatte, als mich in die Fragen des wirtschaftlichen Aufbaus der Sowjetunion zu vertiefen.“ Rákosi schreibt, dass zur Zeit der Organisation der Genossenschaften ungarische Delegationen die sowjetischen Kolchosen vor Ort studierten. Er konnte Stalin überzeugen, den kritischen ungarischen Bauern gut funktionierende Kolchosen zu zeigen. Rákosi zufolge gewannen die Mitglieder der Delegation positive Einblicke, mit einer Ausnahme: „Die großen Delegationen wurden in Moskau in kleinere Gruppen aufgeteilt und zu verschiedenen Kolchosen gebracht. Aus Versehen, oder vielleicht auch bewusst, kam eine Gruppe nach Zentralasien. Sie war vom Anblick schmutziger, fensterloser Lehmhäuser kirgisischer und kasachischer Dörfer schockiert. Kein Mitglied dieser Gruppe wollte nach seiner Rückkehr einer Kolchose beitreten.“31

Die ungarische Bauernschaft klammerte sich ganz selbstverständlich an ihr Land. Nur wenige traten einer Kolchose freiwillig bei, sie wollten ihre Selbständigkeit nicht verlieren. Die Mehrheit der Mitglieder früher Kolchosen waren arme Bauer, Landarbeiter, Tagelöhner und ehemalige Bauerknechte. Und selbst diese Menschen waren sehr zurückhaltend und wollten ihren Landbesitz nicht aufgeben. Ihre einzige Motivation, den Kolchosen beizutreten, war der Umstand, dass sie kein Werkzeug hatten, um ihr Land zu bearbeiten. Noch schwieriger war es, die mittelgroßen Bauern für die Kolchosen zu gewinnen. Für sie lohnte sich die eigenständige Landwirtschaft und sie konnten damit ihren Lebensunterhalt erwirtschaften. Die reiche, gutsituierte Bauernschaft galt grundsätzlich als Gegner der Kolchosen. Deshalb wurden sie als Klassenfeinde isoliert und nicht in den Kolchosen aufgenommen.

Ein weiteres Zitat aus dem Buch von Rákosi zeigt seine Einstellung gegenüber reichen Bauern: „Jedes kommunistische Kind weiß, dass der Kulak laut Lenin zur gefährlichsten Bevölkerungsgruppe gehört, die nach der Niederlage der Kapitalisten übriggeblieben ist.“32 Auf dem zweiten Kongress der Ungarischen Arbeiterpartei, bei dem angemahnt wurde, den Kampf gegen Klassenfeinde zu intensivieren, sagte Rákosi: „Schauen wir uns die Stärke des Feindes an. Die Stärke der besiegten Kapitalisten, dem Überbleibsel der ehemals herrschenden Klasse, ist deutlich größer, als ihre bloße Zahl. Unsere Statistiken über Kulaken zählen all jene nicht auf, die 15 bis 25 Morgen Land besitzen und gleichzeitig eine Kneipe, eine Drehmaschine oder einen Traktor haben, Handel treiben oder ein anderes Unternehmen führen. Ihre Zahl geht in die Tausende und zusammen mit den bereits bekannten Kulaken umfassen sie mehr als hunderttausend Familien. Außerdem sagte Lenin: Ein Kleinbetrieb bringt ständig, täglich, stündlich und spontan und massiv Kapitalismus und Bourgeoise hervor.“ Und an anderer Stelle sagt Rákosi: „Die mittelgroßen Bauern wurde seit der Befreiung deutlich wohlhabender. … In den letzten sechs Jahren wurden etliche neue Landwirte vermögend. Sie wurden aufgrund ihrer Vermögenssituation und aufgrund ihres Verhaltens Kulaken. Die wirtschaftliche Macht der Kulaken und ihr politischer Einfluss sind viel größer, als es gemäß der Größe des Ackerlandes zu vermuten wäre.“33

Auf dem Kongress wurde beschlossen, die staatlichen Organe zu stärken beim Aufspüren und beim Kampf gegen Klassenfeinde.

Es erwies sich als politischer Fehler, die Bauern in Kolchosen zu zwingen. Der Widerstand war groß und die landwirtschaftliche Produktionsmenge nahm nicht wie geplant zu, sondern war rückläufig. Die staatlich verordneten Abgabequoten und die künstlich niedrig gehaltenen Preise für landwirtschaftliche Produkte führten zu einer Verarmung der Bauern. Neben den Abgabequoten mussten Grundsteuern und andere Gebühren gezahlt werden, die oft genug nicht aus den Einnahmen gedeckt werden konnten. War ein Landwirt nicht in der Lage, die vorgegebenen Quoten abzuliefern, so wurde der gesamte Besitz mit Unterstützung von Polizei und Staatssicherheitsdienst eingezogen. Sogar das Saatgut für das nächste Jahr wurde beschlagnahmt. Konnte der Bauer dann im nächsten Jahr seine Äcker nicht bewirtschaften, wurde er zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Auch geringste Abweichungen bei der vorgegebenen Produktionsmenge oder Qualitätsmängel konnten zu drastischen Geld- und Gefängnisstrafen führen.

Auch die Neuordnung der landwirtschaftlichen Flächen gehörte zu den Zwangsmaßnahmen. Bauern mussten ihr Land zugunsten der Genossenschaften abtreten und bekamen im Ausgleich dafür