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Die Ukraine ist der zweitgrößte Staat Europas, doch bis zur russischen Invasion im Februar 2022 stand sie im Bewusstsein der Deutschen ganz im Schatten Russlands. Das galt auch für ihre Geschichte – ein Versäumnis, das sich mit dem vorliegenden Standardwerk des renommierten Osteuropahistorikers Andreas Kappeler korrigieren lässt. Das Buch informiert über die wichtigsten Ereignisse und Zusammenhänge, setzt der noch immer vorherrschenden russozentrischen Perspektive eine ukrainische gegenüber und versucht gleichzeitig, nationale Mythen der Ukraine kritisch zu überprüfen. Dabei wird nicht nur die Geschichte der Ukrainer vom Mittelalter bis zur Gegenwart, sondern auch die der in der Ukraine lebenden Polen, Russen, Juden und Deutschen berücksichtigt. Das Buch enthält eine neue Vorbemerkung und ein neues Nachwort.
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Veröffentlichungsjahr: 2024
Die Ukraine ist der zweitgrößte Staat Europas, doch steht sie im Bewusstsein der deutschen Öffentlichkeit ganz im Schatten Russlands. Das gilt auch für ihre Geschichte. Dieses Buch informiert über die wichtigsten Ereignisse und Zusammenhänge, setzt der vorherrschenden russozentrischen Perspektive eine ukrainische gegenüber und versucht gleichzeitig, ukrainische nationale Mythen kritisch zu überprüfen. Dabei wird nicht nur die Geschichte der Ukrainer vom Mittelalter bis zur Gegenwart, sondern auch die der in der Ukraine lebenden Polen, Russen, Juden und Deutschen berücksichtigt. Die aktualisierte Neuauflage erfasst den im Februar 2022 ausgelösten Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine bis zum Oktober 2023. Der weiteren Orientierung dienen fünf Karten, eine Zeittafel, ein Glossar und ein ausführliches Literaturverzeichnis.
Andreas Kappeler ist em. Professor für Osteuropäische Geschichte an der Universität Wien und Mitglied der Österreichischen und der Ukrainischen Akademie der Wissenschaften. Bei C.H. Beck sind von ihm erschienen: Rußland als Vielvölkerreich (52022), Die Kosaken (2013), Russische Geschichte (82022) und Ungleiche Brüder. Russen und Ukrainer vom Mittelalter bis zur Gegenwart (Neuausgabe 2023).
Andreas Kappeler
Kleine Geschichte
Vorbemerkung zur 9. Auflage
Einleitung
1. Ukraine und Ukrainer: Geographische und ethnische Gegebenheiten
2. Das Kyjiver Reich und der Streit um sein Erbe
3. Galizien – Wolhynien – Litauen – Polen: Die Ukraine im 13. bis 16. Jahrhundert
4. Die Dnipro-Kosaken und die Entstehung des Hetmanats
5. Die Ukraine um 1700
6. Die Integration in das Russische Reich im 18. Jahrhundert und die Teilungen Polens
7. Die Ukraine unter Zar und Kaiser und die Anfänge der ukrainischen Nationalbewegung in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts
8. Modernisierung und Nationalbewegung bis 1914
9. Die Ukraine vor dem Ersten Weltkrieg
10. Krieg, Revolution und gescheiterte Staatsbildung 1914–1920
11. Die Ukrainische Sowjetrepublik: Nationsbildung in den zwanziger, Terror in den dreißiger Jahren
12. Die Ukrainer außerhalb der Sowjetunion zwischen den Weltkriegen
13. Die Ukraine zwischen Stalinismus und Nationalsozialismus im Zweiten Weltkrieg
14. Tauwetter und neuer Frost: Die Ukraine 1953–1985
15. Der Zusammenbruch der Sowjetunion und die Entstehung eines unabhängigen Staates
16. Die Ukraine in der politischen und wirtschaftlichen Transformation (1991–2004)
17. Die Orange Revolution und ihre Folgen
18. Der Euro-Majdan, die Einmischung Russlands und die Destabilisierung der Ukraine
Nachwort zur 9. Auflage
Zeittafel
Glossar
Literaturverzeichnis
Personenregister
Karten
Die Ukraine
Die Ukraine um 1700
Die Ukraine um 1900
Die Ukraine zwischen den Weltkriegen
Die Ukraine heute
Der am 24. Februar 2022 ausgelöste Angriffskrieg Russlands stellt die Existenz des ukrainischen Staates und der ukrainischen Nation radikal in Frage. Weite Teile des Landes sind von russischen Truppen besetzt, zahlreiche Ortschaften sind teilweise zerstört. Zehntausende junger Ukrainer sind im Krieg getötet oder verwundet worden, Millionen von Frauen und Kindern sind ins Ausland geflüchtet. Die Ukraine ist in ihren Grundfesten erschüttert. Dennoch leisten die Ukrainerinnen und Ukrainer bewundernswerten Widerstand und zeigen eine große Resilienz. Der Krieg geht weiter, ohne dass sein Ende abzusehen wäre.
Mit dem Krieg gegen die Ukraine ist der Bedarf an Informationen über ihre Geschichte angewachsen. Diesem gesteigerten Interesse versucht die vorliegende Neuauflage der «Kleinen Geschichte der Ukraine» Rechnung zu tragen. In einem umfangreichen Nachwort wird das Geschehen vom Jahr 2018 bis zum Herbst 2023 geschildet, wobei dem Krieg und seiner Interpretation breiter Platz eingeräumt wird. Obwohl sich unser Blickwinkel auf die Geschichte der Ukraine und besonders ihres Verhältnisses zu Russland verändert hat, verzichte ich auf eine Überarbeitung der «Kleinen Geschichte der Ukraine», die mit jeder Neuauflage weniger klein wird. An den Grundzügen der Erzählung und der Interpretationen halte ich fest.
Wien, im Oktober 2023
Am 24. August 1991, nach dem Scheitern des Moskauer Putsches, erklärte das ukrainische Parlament die Unabhängigkeit der Ukraine. Am 1. Dezember 1991 sprachen sich in einer Volksabstimmung 90 Prozent der Bevölkerung der Ukraine für die Unabhängigkeit aus. Der Abfall der Ukraine, der nach ihrer Einwohnerzahl und Wirtschaftskraft hinter der Russischen Föderation wichtigsten Republik, versetzte der Sowjetunion den Todesstoß. Noch im selben Monat lösten die Präsidenten Russlands, der Ukraine und Weißrusslands die UdSSR auf und ersetzten sie durch die lose Gemeinschaft unabhängiger Staaten.
Die Ukraine, der hinter Russland territorial zweitgrößte Staat Europas, wurde mit ihrem Eintritt in die europäische Staatenwelt also gleich zu einem wichtigen politischen Akteur. Zwar vollzieht sich die Staatsbildung unter großen Schwierigkeiten, doch muss mit der Ukraine, die mit etwa 45 Millionen ungefähr gleich viele Einwohner hat wie Spanien, gerechnet werden.
Das plötzliche Auftreten der Ukraine in der europäischen Politik kam für den Westen überraschend. Man hatte das große Land im Südwesten der Sowjetunion während Jahrzehnten kaum wahrgenommen. Die über 40 Millionen ethnischen Ukrainer, die an Bevölkerungszahl unter den europäischen Nationen hinter Russen, Deutschen, Briten, Franzosen und Italienern an sechster Stelle stehen, wurden in der Regel als regionale Sondergruppe der Russen betrachtet. Im öffentlichen Bewusstsein, in Medien, Politik und Wissenschaft waren die Ukrainer und ihr Land kaum präsent. Das gilt auch für die ukrainische Geschichte, die in Mittel- und Westeuropa als Gegenstand von Forschung und Lehre nur ein bescheidenes Dasein fristete.
Weshalb sind die Ukrainer und die Ukraine im westlichen Ausland und ganz besonders in Deutschland kaum zur Kenntnis genommen worden? Antworten darauf gibt die Geschichte. Die Ukrainer standen über weite Strecken ihrer Geschichte im Schatten der benachbarten Staatsvölker, zunächst der Polen, dann der Russen. Mit Ausnahme einiger kurzer Perioden hatten sie keinen eigenen Staat. Die dominanten Gesellschaften, Kulturen und Sprachen übten große Anziehungskraft auf Oberschichten und sozial aufsteigende Gruppen der Ukrainer aus. Dieser Prozess wurde im 19. und 20. Jahrhundert verstärkt durch mehrere Wellen einer bewussten Russifizierungspolitik vonseiten der zarischen und sowjetischen Regierung. Große Teile der ukrainischen Eliten wurden deshalb seit dem 16. Jahrhundert polonisiert, seit dem 18. Jahrhundert russifiziert, und die Entwicklung der ukrainischen Literatursprache und Hochkultur wurde mehrfach unterbrochen.
Polen und Russen anerkannten die Ukrainer nicht als eigenständige Nation, sondern betrachteten sie meistens als Bestandteil ihrer eigenen Nation. Wie Äußerungen von Persönlichkeiten aus allen politischen Lagern von Solženicyn über Gorbačev bis zum Moskauer Bürgermeister Lužkov belegen, fanden sich die meisten Russen nicht damit ab, dass die Ukraine ein unabhängiger Staat geworden war, der Anspruch auf Gleichberechtigung mit Russland erhob. Diese Haltung hat das Ausland im Wesentlichen übernommen: Die Ukrainer galten bis vor Kurzem auch in Deutschland als Russen, ihre Sprache als russischer Dialekt, ihre Geschichte als russische, polnische oder sowjetische Geschichte.
Wenn die staatliche Kontinuität fehlt und die Existenz der Nation umstritten ist: Welches kann dann der Gegenstand einer ukrainischen Geschichte sein? Die Geschichte eines Raumes, eines Volkes oder doch die Geschichte von Staaten? Fragen, die sich nicht nur für die Ukrainer stellen, sondern auch für die Geschichte anderer junger Nationen wie der Tschechen, Letten, Italiener oder Deutschen, während sie für alte staatstragende Nationen wie die Franzosen oder Russen weniger akut sind.
Geschichte wird aus der jeweiligen Gegenwart heraus geschrieben. So kann sich eine heute verfasste ukrainische Geschichte auf den neuen ukrainischen Staat beziehen. In der Unabhängigkeitserklärung vom August 1991 beruft sich das ukrainische Parlament auf eine tausendjährige staatliche Tradition der Ukraine. Gemeint ist die Stufenfolge vom Kyjiver Reich des 10. bis 13. Jahrhunderts über das Fürstentum Galizien-Wolhynien des 13. und 14. Jahrhunderts, das als teilweise ukrainisch interpretierte Großfürstentum Litauen des 14. bis 16. Jahrhunderts und das Hetmanat der Dnipro-Kosaken im 17. Jahrhundert bis zum kurzlebigen Hetmanat von 1918 und der Ukrainischen Volksrepublik der Jahre 1918–1920.
Eine Geschichte des ukrainischen Staates bezöge sich auf das heutige Territorium, das mit dem der ehemaligen Ukrainischen Sowjetrepublik identisch ist. Folgte man diesem Kriterium konsequent, so müsste man die Geschichte dieses Raumes durch alle Epochen bis zurück zur Urgeschichte verfolgen. Damit würden die antiken griechisch-römischen Kolonien am Schwarzen Meer und die Steppenkulturen von den Skythen bis zu den Tataren Bestandteile der ukrainischen Geschichte. Diesen Richtlinien folgen zahlreiche Gesamtdarstellungen, die inner- und außerhalb der Ukraine geschrieben worden sind.
Die tausendjährige staatliche Tradition ist allerdings ein nationaler Mythos. Über lange Perioden ihrer Geschichte war die Ukraine Bestandteil fremder Staaten. Die wichtigsten dieser Staaten waren das Großfürstentum Litauen, das Königreich Polen (ab 1569 vereint als Polen-Litauen), dann das Russische Reich, das Habsburger Reich, im 20. Jahrhundert Polen und die Sowjetunion. Seit dem 17. Jahrhundert war die Ukraine auf mehrere Herrschafts- und Kulturräume aufgeteilt, was wesentlich dazu beigetragen hat, dass sich ihre Teilregionen unterschiedlich entwickelt haben. Erst die gewaltsame Stalin’sche Expansionspolitik im Zweiten Weltkrieg führte zur Vereinigung praktisch aller ukrainischen Gebiete in einem, im sowjetischen Staat.
Aus der staatslosen Situation des 19. und frühen 20. Jahrhunderts heraus sah die junge ukrainische Historiographie nicht den Staat, sondern das ukrainische Volk als ihren wichtigsten Untersuchungsgegenstand. Andere in der Ukraine lebende ethnische Gruppen wie Juden, Polen oder Russen wurden damit aus der ukrainischen Geschichte weitgehend ausgeklammert, obwohl sie während langer Perioden wichtige Teile der Elite und der städtischen Mittelschichten stellten. Ein Vorteil dieser Perspektive liegt darin, dass sie die Ukraine als historischen Raum mit veränderlichen Grenzen betrachten kann; die Krim oder die Steppe werden so erst im 18. Jahrhundert zum Gegenstand der ukrainischen Geschichte. Schwierig zu beantworten ist die Frage nach dem Beginn der ukrainischen Geschichte als Volksgeschichte. Sie ist verknüpft mit dem umstrittenen Problem der Ethnogenese des ukrainischen Volkes. Darauf komme ich im folgenden Kapitel zurück.
Das geographische Kriterium ist noch diffuser als das staatliche und ethnische, denn einen klar abgegrenzten Naturraum Ukraine gibt es nicht. Vielmehr definieren die Geographen den Raum Ukraine in der Regel ebenfalls als heutiges Staatsgebiet oder als Siedlungsgebiet der Ukrainer (vgl. Kapitel 1).
Keines der genannten Kriterien (Staat, heutiges Staatsterritorium, Volk, geographischer Raum) kann den Untersuchungsgegenstand einer ukrainischen Geschichte befriedigend bestimmen. Mein Zugang ist deshalb ein flexibler und dynamischer: Ukrainische Geschichte sehe ich als Geschichte des Raums, in dem die Ukrainer als Bevölkerungsmehrheit lebten. Ich projiziere demnach die heutigen Grenzen ihres Siedlungsgebietes oder Staates nicht auf die Geschichte zurück. Die in der Ukraine lebenden Nicht-Ukrainer werden jedoch mitbehandelt, nicht aber die nach Russland und Sibirien oder nach Nordamerika und Westeuropa ausgewanderten Ukrainer.
Die Ukraine und die Ukrainer fristeten im Bewusstsein des westlichen Auslandes nicht immer ein Schattendasein. Vor allem die Dnipro-Kosaken hatten schon im 17. und 18. Jahrhundert das Interesse westeuropäischer Autoren geweckt. Am Ende des 18. Jahrhunderts erschien in Halle die erste wissenschaftliche «Geschichte der Ukraine und der Cossacken» aus der Feder des aus Ungarn stammenden Johann Christian von Engel (1770–1814). Sie ist für zwei Jahrhunderte die einzige von deutscher Hand geschriebene Gesamtdarstellung der ukrainischen Geschichte geblieben. Im 19. Jahrhundert verdrängte die nationale russische Historiographie die Ukraine allmählich aus dem Geschichtsbewusstsein. Das historische Erbe der Ukraine, die man offiziell als «Kleinrussland» bezeichnete, wurde auch im Westen zu einem Bestandteil der russischen Geschichte.
In der Volksüberlieferung und in den Traditionen der partiell russifizierten Elite der Ukraine hielt sich indessen ein eigenständiges historisches Bewusstsein. Es wurde im Laufe des 19. Jahrhunderts von der ukrainischen Nationalbewegung aufgenommen und weiterentwickelt. Eine ganze Reihe hervorragender Figuren der nationalen Bewegung waren Historiker, so Nikolaj (Mykola) Kostomarov (1817–1885), Sohn eines Russen und Verfasser des ersten politischen Programms der ukrainischen Nationalbewegung, und Volodymyr Antonovyč (1834–1908), der sich vom polonisierten Adligen zum ukrainischen Patrioten wandelte und Begründer der populistisch orientierten, auf das ukrainische Volk ausgerichteten historischen Schule wurde.
Sein berühmtester Schüler war Mychajlo Hruševs’kyj (1866–1934), der zunächst in Kyjiv wirkte, dann Professor für osteuropäische, de facto für ukrainische Geschichte in Lemberg und eine zentrale Persönlichkeit der Nationalbewegung wurde. Sein historisches Hauptwerk ist eine sehr breit angelegte, ukrainisch geschriebene «Geschichte der Ukraine-Rus’» in zehn zwischen 1898 und 1937 erschienenen Bänden, die allerdings nur bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts führt. Der erste Band ist auch in deutscher Übersetzung herausgekommen. Das Gesamtwerk ist auch ins Englische übertragen worden. Hruševs’kyj galt seit den 1930er Jahren in der Sowjetunion als bürgerlich-nationalistischer Historiker; erst seit 1989 können Nachdrucke seiner Werke wieder erscheinen.
Gegen den populistischen Haupttrend der ukrainischen Historiographie erhob sich um die Jahrhundertwende Widerspruch. Der erste Vertreter einer neuen Schule, die die Rolle des ukrainischen Adels und der staatsbildenden Prozesse stärker betonte, war der aus dem polnischen Adel stammende Vjačeslav Lypyns’kyj (1882–1931). Diese Schule fand eine Reihe von Anhängern unter den Historikern der ukrainischen Emigration, die in der Zwischenkriegszeit in der Tschechoslowakei, in Polen und Deutschland lebten. Damals waren die Ukrainer in Deutschland viel mehr präsent als heute, so etwa durch die Aktivitäten des Ukrainischen Wissenschaftlichen Instituts in Berlin. Hier wirkten Dmytro Dorošenko und Borys Krupnyc’kyj, von denen Gesamtdarstellungen der ukrainischen Geschichte in englischer bzw. deutscher Sprache vorliegen.
Eine zweite Welle von Emigranten verließ die Ukraine im Zweiten Weltkrieg und strömte zunächst nach Deutschland. Die Ukrainische Freie Universität, die von Prag nach München verlegt worden war, wurde nach dem Krieg zu einem Zentrum ukrainischer Forschung in Deutschland. Hier wirkte Natalja Polons’ka-Vasylenko, deren ausführliche Gesamtdarstellung der ukrainischen Geschichte auch in deutscher Sprache erschienen ist. Die meisten ukrainischen Emigranten verließen aber Deutschland schon bald und ließen sich in Nordamerika nieder. Unter ihnen waren auch Historiker wie Ivan L. Rudnytsky und Omeljan Pritsak, die den Grund für die ukrainische Historiographie in den USA und Kanada legten. In Nordamerika entstanden bedeutende Forschungszentren wie das Ukrainian Research Institute an der Harvard-Universität und das Canadian Institute of Ukrainian Studies in Edmonton. Aus dem Harvard Institut, an dem zunächst Pritsak, dann Roman Szporluk und Serhii Plokhy den Hruševs’kyi-Lehrstuhl für ukrainische Geschichte innehatten, gingen einige bedeutende Historiker der jüngeren Generation hervor, unter ihnen Frank E. Sysyn, Paul Robert Magocsi, Orest Subtelny und Serhii Plokhy, den drei letztgenannten verdanken wir wertvolle Gesamtdarstellungen der ukrainischen Geschichte. In der ukrainischen Historiographie außerhalb der Ukraine ist die nordamerikanische Forschung quantitativ und qualitativ führend.
In der Sowjet-Ukraine hatte man zunächst ebenfalls an das Erbe der vorrevolutionären Historiographie angeknüpft. So wirkte Hruševs’kyj in den zwanziger Jahren an der Ukrainischen Akademie der Wissenschaften in Kyjiv. Gleichzeitig wurde versucht, eine marxistische Geschichtsschreibung zu begründen, die bald auch nationalukrainische Töne anschlug. Mit der Wendung Stalins zum Sowjetpatriotismus und gegen die Entfaltung der nationalen Kulturen setzte ein langer Frost ein. Viele Historiker kamen in den «Säuberungen» ums Leben, und die Geschichtsschreibung wurde den Dogmen der Zentrale unterworfen. Diese beruhten weniger auf den marxistischen Lehren des Klassenkampfs als auf nationalen Axiomen wie der Führungsrolle der Russen als ältere Brüder der anderen Sowjetvölker oder der immerwährenden Völkerfreundschaft. Der ukrainischen Geschichte wurde damit ihr Eigenwert abgesprochen; eine Existenzberechtigung hatte sie nur im Rahmen der Geschichte Russlands. Folgerichtig wurde noch im Jahre 1954 mit großem Pomp das dreihundertjährige Jubiläum des Anschlusses der Ukraine an Russland begangen und bei dieser Gelegenheit die Progressivität dieses nun als «Wiedervereinigung» (vossoedinenie) bezeichneten Aktes kanonisiert.
Am Ende der fünfziger und in den sechziger Jahren vollzog sich wie in anderen Ländern des Ostblocks eine Aufweichung der Generallinie, und einige ukrainische Historiker versuchten, die stalinistischen Dogmen vorsichtig infrage zu stellen. Die Zentrale reagierte zu Beginn der siebziger Jahre sehr heftig auf solche Tendenzen, die als nationalistisch bezeichnet wurden. Auch der Sturz des ukrainischen Parteichefs Šelest im Jahre 1972 hing damit zusammen. Unter seinem Nachfolger Ščerbyc’kyj begannen «Säuberungen» unter der ukrainischen Intelligenz, auch unter den Historikern, und das kulturelle Leben in der Ukraine erlebte eine neue Zeit der Dürre. Die ukrainischen Historiker wurden dermaßen geknebelt, dass sie entweder schweigen, auf harmlose Themen ausweichen oder zu linientreuen Dogmatikern werden mussten. Nicht wenige wählten den letzten Weg, sodass das Niveau der ukrainischen Historiographie in den siebziger und frühen achtziger Jahren erheblich sank. Eine Ausnahme bildeten einzelne Zweige der Mediävistik.
Seit die Fesseln gefallen sind, knüpft die ukrainische Geschichtsschreibung an die verschütteten Traditionen an. Zahlreiche historische Werke des 19. und frühen 20. Jahrhunderts werden neu aufgelegt, die Arbeiten der Emigranten erstmals gedruckt und übersetzt. Bisher unzugängliche Quellen werden erschlossen, Tabuthemen wie die Nationalbewegung, die Hungersnot von 1932/33 und der Stalinsche Terror aufgearbeitet. An die Stelle der sowjetischen Ideologie ist die nationale Meistererzählung getreten, die die ukrainische Nation und die junge Staatlichkeit historisch legitimiert. Gleichzeitig greift die ukrainische Historiographie neue Themenfelder, Methoden und Theorien auf, doch harren zahlreiche Probleme einer wissenschaftlichen Untersuchung. Außerhalb der Ukraine und Nordamerikas beschäftigen sich nach wie vor nur relativ wenige Historiker mit der ukrainischen Geschichte. Am wichtigsten ist die polnische Historiographie, die vor allem zur Epoche des 16. bis 18. Jahrhunderts, als weite Teile der Ukraine zu Polen-Litauen gehörten, und zur Geschichte Galiziens wichtige Beiträge geleistet hat. Nicht vergessen sollte man die russische Historiographie, die vor allem zur mittelalterlichen Geschichte der Ukraine bedeutende Arbeiten beigesteuert hat. Die deutschsprachige Geschichtsforschung hat sich dagegen bis vor Kurzem wenig mit der Ukraine beschäftigt. Es gibt weder Institute noch Professuren für ukrainische Geschichte, und innerhalb des Universitätsfaches Osteuropäische Geschichte hat sich bisher keine Ukrainistik etabliert. Dennoch haben in den letzten 15 Jahren jüngere Historikerinnen und Historiker wichtige Studien zur ukrainischen Geschichte vorgelegt. (siehe das Literaturverzeichnis auf S. 431–442).
Die vorliegende «Kleine Geschichte der Ukraine» (1. Auflage 1994) ist der seit zwei Jahrhunderten – seit dem 1796 erschienenen Werk von Engel – erste Versuch einer deutschsprachigen Gesamtdarstellung aus der Feder eines Nicht-Ukrainers. Sie setzt sich zum Ziel, über die Grundzüge der Geschichte der Ukraine und der Ukrainer vom Mittelalter bis zur Gegenwart zu informieren. Der Schwerpunkt liegt auf der neueren Geschichte und auf der inneren Entwicklung; die internationalen Zusammenhänge werden nur knapp skizziert. Die chronologische Darstellung wird zweimal unterbrochen, um einen systematischen Überblick über die Ukraine um 1700 und vor dem Ersten Weltkrieg zu geben. Auf einen Anmerkungsapparat wird verzichtet; Hinweise auf weiterführende Arbeiten in westlichen Sprachen gibt das Literaturverzeichnis. Zur Orientierung dienen eine Zeittafel, ein Glossar und fünf Karten.
Ein Ziel dieses Buches besteht darin, der im Westen vorherrschenden russozentrischen Optik, die die Ukraine (wenn überhaupt) nur als Randgebiet Russlands zur Kenntnis nimmt, eine ukrainische Perspektive entgegenzusetzen. Sie ist von der nationalukrainischen Historiographie seit Hruševs’kyj entwickelt worden, ohne deren grundlegende Arbeiten dieses Buch nicht hätte geschrieben werden können. Diese gerade in Deutschland weitgehend unbekannte Sicht der Geschichte Osteuropas kann zur Korrektur mancher Klischees und traditionell einseitiger Interpretationen beitragen. Auch negative Stereotypen des Ukrainers wie die des unverbesserlichen Nationalisten und Antisemiten, des verräterischen Kosaken und Partisanen (von Chmel’nyc’kyi und Mazepa über Petljura bis Bandera) oder des einen verdorbenen slawischen Dialekt sprechenden primitiven Bauern gilt es zu überprüfen.
Auch die Traditionen und Mythen der national-ukrainischen Geschichtsschreibung können jedoch nicht vorbehaltlos übernommen werden. Einzelne im Rahmen der Nationalbewegung und der politischen Auseinandersetzung mit Polen, Russland und der Sowjetunion entstandenen Auffassungen erfordern eine kritische Beleuchtung. Dabei müssen auch die Interpretationen der polnischen, russischen und jüdischen Historiographie berücksichtigt werden. An Streitfragen ist kein Mangel, von den Kontroversen über den Charakter des Kyjiver Reiches und der Eingliederung der Ukraine in das Moskauer Reich über die divergierenden Ansichten über die Zeit der Revolution und des Bürgerkriegs, die Chancen der ukrainischen Staatsbildung oder die Verantwortung für die schrecklichen Judenpogrome und über die Rolle der Ukrainer im Zweiten Weltkrieg bis hin zur Interpretation der Orangen Revolution und des Euro-Majdan.
Generell muss die Geschichte der Ukraine im Rahmen der übernationalen Reiche, zu denen sie gehört hat, betrachtet werden. Gleichzeitig darf die Geschichte der Ukrainer nicht losgelöst werden von der Geschichte der anderen ethnischen Gruppen, die in der Ukraine lebten. Allerdings kann auf die Geschichte dieser Gruppen – der Juden, Polen, Russen, Deutschen, Ungarn, Griechen, Armenier, Bulgaren und Rumänen – im Rahmen dieses Buches nur knapp eingegangen werden. Im Vordergrund steht die Geschichte der Bevölkerungsmehrheit, der Ukrainer.
Aus der polyethnischen Tradition der ukrainischen Geschichte ergibt sich das Problem der Schreibweise von Orts- und Personennamen. In der historischen Literatur in westlichen Sprachen erscheint die wichtigste Stadt Ostgaliziens in vier Varianten, als L’viv (ukrainisch), L’vov (russisch), Lwów (polnisch) oder Lemberg (deutsch). In anderen Fällen stehen sich nur die ukrainische und russische Variante gegenüber, also Kyjiv oder Kiev, Charkiv oder Char’kov, Pidhirnyj oder Podgornyj usw. In der Regel verwende ich die ukrainische Form der ukrainischen Namen, mit der Ausnahme von Lemberg (ukr. L’viv) und Odessa (ukr. Odesa), die sich im Deutschen eingebürgert haben. Die Transliteration folgt den wissenschaftlichen Regeln, gibt also russisch/ukrainisch ч mit č, ш mit š, ж mit ž und ц mit c, russisch ы bzw. ukrainisch и mit y wieder.
Mein Dank gilt Harald Binder, Rudolf Mark, Dieter Pohl und Veronika Wendland, die Teile des Manuskripts gelesen und wertvolle Korrekturen und Anregungen eingebracht haben. Ganz allgemein danke ich allen Kolleginnen und Kollegen aus der Ukraine, aus Nordamerika und Deutschland, die mir mit ihren Arbeiten und in zahlreichen Gesprächen Probleme der ukrainischen Geschichte nahegebracht haben.
*
Ukraine bedeutet Grenzland. Zunächst bezeichnete der Begriff Ukraïna die Regionen an der Grenze zur Steppe, der Trennlinie zwischen den sesshaften und nomadischen Zivilisationen, die für die ältere Geschichte Osteuropas von grundlegender Bedeutung war. Die Lage am Steppenrand ist denn auch ein Grundelement der ukrainischen Geschichte, das manifest wurde sowohl in ständigen Einfällen der Reiternomaden wie in der Vermittlung zwischen Sesshaften und Reiternomaden, zwischen slawischchristlicher und turko-tatarischer islamischer Welt. Bis ins 18. Jahrhundert machte die ostslawische Siedlung an der Steppengrenze halt. Die Steppen nördlich des Schwarzen Meeres, die heutige Südukraine, blieben die Domäne der Reiternomaden und sind erst seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts von ukrainischen, russischen, deutschen und südslawischen Bauern allmählich besiedelt worden. Nur die Kosaken waren schon seit dem 16. Jahrhundert an den Flüssen weiter vorgestoßen, und die Dnipro-Kosaken als typische Grenzland-Bevölkerung spielten in der frühneuzeitlichen Geschichte der Ukraine eine hervorragende Rolle.
Neben dem Steppenrand und der Küste des Schwarzen Meeres im Süden bilden die Karpaten im Westen eine weitere natürliche Grenze der Ukraine, wobei eine kleine Gruppe von Ukrainischsprachigen auch jenseits der Karpaten, in der Karpaten-Ukraine oder Transkarpatien, siedelt. Im Nordwesten kann man das Sumpfgebiet des Pryp’jat’ in Polesien als natürliche Grenze zu Weißrussland ansehen. Im Übrigen sind die Grenzen der Ukraine jedoch weitgehend offen. Das Relief ist überwiegend flach; weite Teile der Ukraine gehören ebenso wie der Großteil Polens und Russlands zur osteuropäischen Tiefebene. Ausnahmen sind die Karpaten und ihr Vorland, bedingt auch die hügeligen Platten Podoliens und des Donezbeckens.
Das weitgehende Fehlen natürlicher Grenzen im Westen und Osten hatte wie im Falle Polens und Russlands Auswirkungen auf die Geschichte der Ukraine. Die offenen Grenzen erleichterten das Eindringen fremder Mächte. Die Ukraine wurde immer wieder zum Schauplatz bewaffneter Auseinandersetzungen, von den Grenzkriegen mit den Reiternomaden über die Nordischen Kriege des 17. und frühen 18. Jahrhunderts, die russisch-türkischen Kriege des 18. und 19. Jahrhunderts bis hin zu den beiden Weltkriegen. Die benachbarten Großmächte im Westen (Polen, Ungarn, Österreich) und Osten (Russland) brachten wiederholt Teile der Ukraine unter ihre Herrschaft und betrachteten die Ukraine meist nicht als ebenbürtiges, eigenständiges Land, sondern als Grenzland, als Ukraina ihres eigenen Staates. Dass für die Ukraine die offenen Grenzen weniger als im Falle Russlands oder Polens auch Expansion gegen außen ermöglichten, hat nicht geographische, sondern historisch-politische Ursachen.
Zum anderen führte die Grenzlage dazu, dass die Ukraine immer wieder eine bedeutsame Rolle als Vermittlerin zwischen West und Ost spielte. Die Ukraine lag am Kreuzpunkt von Handelswegen zwischen Schwarzem Meer und Ostsee und zwischen dem Orient und Mitteleuropa. Die Ukraine war Grenzland der Ostslawen zu Westslawen und Ungarn, Grenzland der Orthodoxie zur römisch-katholischen Welt. Als Sinnbild dieser Grenzlage kann die Kyjiver Sophienkathedrale gelten, die bedeutendste orthodoxe Kirche des ostslawischen Mittelalters, die im Innern prachtvolle byzantinische Mosaiken aufweist und von außen den Anblick einer Barockkirche bietet.
Das Gebiet der Ukraine zeichnet sich aus durch seine fruchtbaren Böden. Gegen drei Viertel des Territoriums sind von Schwarzerdeböden bedeckt; nur im Nordwesten überwiegen wenig fruchtbare Podsolböden und Sümpfe. Im Westen und Norden dominierte der Laubwald, dessen Bestand im Laufe der Geschichte allerdings stark zurückging; im Nordwesten gibt es auch Nadelwald. Im Kerngebiet der Ukraine folgt als mittlere Vegetationszone die Waldsteppe, die gegen Süden allmählich in die baumlose Wiesensteppe übergeht. Neben den Böden begünstigt auch das Klima der Ukraine den Ackerbau. Es ist kontinental, doch erheblich milder als in Russland, sodass die Vegetationsperiode länger dauert. Allerdings sind die Winter viel kälter als in West- und Mitteleuropa. Die vor allem im Osten und Süden relativ geringen Niederschläge konzentrieren sich auf die wichtige Wachstumsperiode des Frühsommers. In der Steppe stellen die trockenen, im Winter kalten Ostwinde eine Gefahr für die Landwirtschaft dar. Dennoch sind die natürlichen Bedingungen vor allem für Getreideanbau in der Ukraine gut.
Teilgebiete der Ukraine sind reich an Bodenschätzen: Die Steinkohlelager des Donez-Beckens im Osten und die Eisenerzvorkommen im Süden, besonders bei Kryvyj Rih am unteren Dnipro, waren die wichtigsten Motoren der Industrialisierung des Russischen Reiches. In Galizien wurden Erdöl und Salz gewonnen.
Von großer Bedeutung für die Geschichte ganz Osteuropas waren die Flüsse. Der wichtigste Fluss der Ukraine ist der Dnipro, der ihr Territorium in zwei Hälften schneidet. Der Dnipro war als Handelsweg von der Ostsee zum Schwarzen Meer, «von den Warägern zu den Griechen», seit dem frühen Mittelalter von Bedeutung. Eine Behinderung der Flussschifffahrt stellten bis zur Errichtung der großen Flusskraftwerke allerdings die Stromschnellen an seinem Unterlauf dar, während die Übergänge zu den Flusssystemen der Ostsee und der Wolga seit jeher leicht zu überwinden waren. In der ukrainischen Überlieferung, in Volksliedern und Literatur, ist der Dnipro ein Symbol für die ukrainische Nation geworden. Er war das Lebenselement der ukrainischen Kosaken, und an seinem Steilufer liegt das Grab des Nationaldichters Ševčenko:
«Wenn ich sterbe, so bereitet mir mein Grab,
Wo die Steppe weit sich breitet in der Ukraine:
Dass ich sehe, wie die Felder sich mit Saaten füllen,
Dass ich höre, wie der wilde Dnipró rauscht.»
(«Vermächtnis» von 1845)
Ebenfalls zum Schwarzen Meer ergießen sich die parallel zum Dnipro verlaufenden Flüsse südlicher Bug (Buh oder Boh) und Dnister (Dnjestr), deren Einzugsgebiet die westliche und südwestliche Ukraine ist. Sie sind als Wasserstraßen längst nicht so bedeutsam wie der Dnipro. Zum Asowschen Meer fließt der Don, dessen Nebenfluss Donez der wichtigste Fluss der Ostukraine ist. Teile der Westukraine sind über das Flusssystem des (westlichen) Bug, der in die Weichsel mündet, mit der Ostsee verbunden. Die Lage nahe der Wasserscheide zwischen Schwarzem Meer und Ostsee war eine wichtige Voraussetzung für die Entstehung der Stadt Lemberg. Die Ukraine war lange ein kontinentales Land; erst seit dem Ende des 18. Jahrhunderts hat sie direkten Zugang zum Meer. Die Anlage von Häfen am Schwarzen Meer, in erster Linie von Odessa (ukr. Odesa), hat die Vermittlerrolle der Ukraine zum Mittelmeerraum wesentlich verstärkt.
Die geographischen Gegebenheiten und historischen Besonderheiten lassen fünf Teilregionen der Ukraine hervortreten (vgl. Karte 1):
1. Das zentrale Gebiet um Kyjiv zu beiden Seiten des Dnipro. Es wird aufgrund der unterschiedlichen historischen Entwicklung unterteilt in die rechtsufrige Ukraine (mit Wolhynien und Polesien), die bis zum Ende des 18. Jahrhunderts zu Polen-Litauen gehörte, und die linksufrige Ukraine, das ehemalige Hetmanat der Dnipro-Kosaken, das seit der Mitte des 17. Jahrhunderts ein (zunächst autonomer) Bestandteil Russlands war.
2. Die Ostukraine, untergliedert in die sogenannte Sloboda-Ukraine um Charkiv im Norden und das Donez-Becken (Donbass) im Süden.
3. Die südliche Ukraine, das Steppengebiet nördlich des Schwarzen Meeres, das oft auch als «Neurussland» bezeichnet wird, mit offenen Grenzen im Westen zum südlichen Bessarabien, im Süden zur Krim und im Osten in die Gebiete der Don- und Kuban-Kosaken.
4. Die in mehrere Teil-Landschaften gegliederte Westukraine mit Galizien (oder Ostgalizien) um Lemberg im Westen, der nördlichen Bukowina und dem westlichen Podolien im Süden und den am (westlichen) Bug gelegenen Regionen Podlachien und Cholmer Land im Norden, die heute zu Polen gehören und überwiegend von Polen besiedelt sind.
5. Die Karpaten-Ukraine im äußersten Südwesten, die man unterteilen kann in die Gebirgsregion und in das im Einzugsgebiet der Theiß gelegene Transkarpatien.
Erst im Laufe von Jahrhunderten wurde der regionale Begriff Ukraine auch zur Bezeichnung des Volkes. Der Begriff «Ukraina» mit der Bedeutung Grenzland taucht erstmals in den Chroniken des 12. und 13. Jahrhunderts für Grenzgebiete des Kyjiver Reiches in der heutigen Ukraine auf. Seit dem 16. Jahrhundert wird der Raum am mittleren Dnipro von Ukrainern und Polen häufiger als Ukraine bezeichnet. Im Laufe des 17. Jahrhunderts wird der Begriff Ukraine mit dem Hetmanat der Dnipro-Kosaken verbunden und gelegentlich auf Volk und Sprache ausgedehnt. Volkslieder und Hochliteratur verwenden den Terminus immer häufiger, und auch im Ausland beginnt er sich einzubürgern, wie die «Description d’Ukranie» von Beauplan aus dem Jahre 1651 zeigt.
Neue Impulse zur Durchsetzung der Begriffe Ukraine und Ukrainer gingen im 19. Jahrhundert von der ukrainischen Nationalbewegung im Russischen Reich aus. Als im Ersten Weltkrieg Nationalstaaten begründet wurden, wurden sie mit dem Ethnonym ukrainisch bezeichnet. Dies galt nicht nur für die Ukrainische Volksrepublik im Osten, sondern auch für den Staat der ehemals österreichischen Ruthenen, die Westukrainische Volksrepublik. Auch die in der Folge geschaffene Unionsrepublik der Sowjetunion hieß Ukrainische Sowjetrepublik.
Mindestens bis ins 17. Jahrhundert hatte allerdings nicht das Ethnonym Ukrainer, sondern der Kollektivbegriff Rus’ vorgeherrscht, der schon für die Bevölkerung des Kyjiver Reiches üblich gewesen war. Rus’ oder Rusyn blieb unter litauischer und polnischer Herrschaft die Selbstbezeichnung der ostslawischen Bevölkerung, also der Ukrainer und Weißrussen, ebenso ihre Fremdbezeichnung durch Polen und Ausländer, oft in der lateinischen Form Rutheni. In den ukrainischen Gebieten, die nicht unter russischer Herrschaft standen, blieben die Begriffe Rus’ und Rusyn bis ins 20. Jahrhundert lebendig, in der Karpaten-Ukraine bis zum heutigen Tag. Nach der lateinischen Form Rutheni wurden die Ukrainer des Habsburger Reiches deutsch Ruthenen genannt. Im Deutschen werden Ukrainer und auch Weißrussen deshalb nicht selten mit dem Begriff Ruthenen bezeichnet.
Die Ostslawen im Moskauer Reich, die Großrussen, wurden dagegen in Polen-Litauen und in weiten Teilen Westeuropas als Moskowiter, ihr Staat als Moscovia bezeichnet. Daneben gab es allerdings auch den Oberbegriff Russia für alle Ostslawen. Gleichzeitig war im Moskauer Reich der Begriff Rus’ mit dem Adjektiv russkij (russisch) als Selbstbezeichnung ebenfalls lebendig geblieben und wurde schon früh in den Titel des Herrschers übernommen. Später kam als neuer Begriff Rossija (Russland) hinzu, und das Petrinische Reich wurde dann bewusst nicht als russisches (russkaja), sondern übernational als Russländisches Imperium (Rossijskaja imperija) bezeichnet. Analog dazu heißt das heutige Russland Russländische (Rossijskaja, nicht Russkaja) Föderation.
Im Russischen (eigentlich Russländischen) Reich kam seit der Angliederung des Hetmanats der Dnipro-Kosaken der Begriff «Kleinrussland» (Malorossija) als Name der Ukraine auf. Der Terminus stammt aus dem kirchlichen Bereich; der Patriarch von Konstantinopel bezeichnete im 14. Jahrhundert die Diözesen im Südwesten als «kleine Rus’» im Gegensatz zu denen der «großen Rus’» im Nordosten. Kleinrussland wurde zur offiziellen Bezeichnung der Ukraine im Russischen Reich. Obwohl sie ursprünglich nicht herabsetzend gemeint war, wurde sie von den Ukrainern im 19. Jahrhundert so empfunden.
Es herrscht also ein ziemliches Wirrwarr an Ethnonymen. So standen im 19. Jahrhundert die Bezeichnungen Ukrainer, Kleinrussen und Ruthenen nebeneinander. Ihr Gebrauch war und ist stark von politischen Zielen und nationalen Emotionen bestimmt. Die Ukrainer betonen die Kontinuität des Begriffs Rus’ von der Kyjiver Zeit bis zur Gegenwart in Abgrenzung zu den moskowitischen Großrussen. Die zarische Regierung zog den Namen Kleinrussen vor, um die Zugehörigkeit der Ukrainer zum «allrussischen Volk» zu unterstreichen.
Ich verwende im Folgenden durchgehend den heute gebräuchlichen Begriff, also Ukraine und Ukrainer, für alle Epochen ihrer Geschichte. So verfährt man in der Regel ja auch in der Geschichtsschreibung anderer Länder, die lange keinen Staat besaßen, wie Estlands, Italiens oder Deutschlands. Der Versuch, Anachronismen zu vermeiden und jeweils den für eine Epoche oder eine Region üblichen Terminus zu verwenden, schafft Verwirrung. Ein Wechsel des Ethnonyms würde auch die ethnische Kontinuität der Ukrainer verschleiern.
Nach den Namen zur Sache, dem ukrainischen Volk oder Ethnos. Zahlreiche ethnische Gruppen, die keinen eigenen Staat, eine unvollständige Sozialstruktur und keine eigene Literatursprache und Hochkultur hatten, sind überall in Europa im Laufe des 19. Jahrhunderts zu Nationen geworden. Die einen wie die Tschechen oder Finnen haben den Prozess der Nationsbildung schnell und erfolgreich durchlaufen, andere mit großen Verzögerungen und Rückschlägen. Zu dieser zweiten Gruppe gehören die Ukrainer. So kommt es, dass sie als Nation lange nicht fest integriert waren und von außen oft nicht als eigenständige Nation betrachtet werden.
Die Existenz einer Nation oder einer ethnischen Gruppe, eines Volkes, mit objektiven Kriterien nachzuweisen ist nicht möglich. Dennoch gibt es eine Reihe von Faktoren, die in der Regel als Bausteine für Nationen dienen.
Ein auch im Falle der Ukrainer wichtiger Faktor ist die Sprache. Dabei muss jedoch bedacht werden, dass die Frage, ob eine Sprache selbständig oder Dialekt einer anderen Sprache sei, von der Linguistik allein kaum zu beantworten ist. So sind sich die Sprachwissenschaftler auch im Falle des Ukrainischen oft uneins gewesen. Heute herrscht allerdings Konsens darüber, dass das Ukrainische eine eigenständige Sprache ist. Während die meisten ukrainischen Forscher das Ukrainische als selbständigen Zweig der slawischen Sprachen ansehen, gilt es in der nichtukrainischen Wissenschaft in der Regel als eine der drei ostslawischen Sprachen (neben dem Weißrussischen und Russischen). In diesem Fall ist umstritten, wann sich das Ukrainische vom Gemein-Ostslawischen abgespalten habe. Gab es eine ukrainische Sprache schon im Kyjiver Reich? Oder erst im 14. oder erst im 16. oder gar im 19. Jahrhundert? Diese Fragen spielen eine Rolle im russisch-ukrainischen Streit um das Erbe des Kyjiver Reiches, auf den ich im nächsten Kapitel eingehen werde.
Wie andere junge Nationen haben auch die Ukrainer keine kontinuierliche Tradition einer Schriftsprache. Bis ins frühe 18. Jahrhundert diente das in seiner Struktur südslawische Kirchenslawisch als wichtigste Literatursprache. Das Kirchenslawische nahm im Laufe der Zeit immer mehr regionale Besonderheiten an, doch gab es auch rückläufige Bewegungen, indem das Kirchenslawische mehrfach von ukrainischen, polnischen und lateinischen Elementen gereinigt wurde. Dies trug dazu bei, dass zwischen Kirchenslawisch und Volkssprache eine Kluft erhalten blieb.
Im Großfürstentum Litauen, zu dem der größte Teil der Ukraine vom 14. bis 16. Jahrhundert gehörte, gab es neben der kirchenslawischen Literatursprache eine ostslawische Amtssprache. Sie war aber – so die Mehrheit der Forschung – stärker weißrussisch als ukrainisch geprägt, auch wenn vor allem im Süden Ukrainismen häufig waren. Diese ostslawische Kanzleisprache diente im 16. und 17. Jahrhundert auch in der Ukraine als weltliche Literatursprache im staatlichen Bereich. Mit der schrittweisen Eingliederung der Ukraine in das Königreich Polen gewannen das Lateinische und Polnische als Amts- und Literatursprachen an Bedeutung. In den westlichen Gebieten blieb der Einfluss des Polnischen bis ins 20. Jahrhundert wichtig, doch konnte sich hier auch das Kirchenslawische lange halten.
In den Gebieten der Ukraine, die an Russland fielen, setzte sich im Laufe der Zeit das Russische als Literatursprache weitgehend durch. Dies wurde im Laufe des 18. und frühen 19. Jahrhunderts möglich, als auch in Russland das bis dahin dominierende Kirchenslawische durch die neue russische Literatursprache ersetzt wurde. Die Machtmittel des Staates und die steigende Attraktivität der verwestlichten russischen Hochkultur trugen zur raschen Verbreitung des Russischen unter den Gebildeten der Ukraine bei.
Die weit überwiegende Mehrheit der Bevölkerung der Ukraine sprach aber weiter die ukrainische Volkssprache. Im 17. Jahrhundert taucht sie auch gelegentlich in schriftlichen Quellen, in Briefen und privaten Aufzeichnungen, auf, ohne sich aber gegenüber dem Kirchenslawischen durchzusetzen. Die Volkssprache diente dann als Grundlage für die moderne ukrainische Literatursprache. Nach ersten Versuchen am Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts war es das Werk des genialen Dichters Ševčenko, das eine erste Synthese brachte. Die Rolle Ševčenkos lässt sich mit derjenigen Puškins für die russische Literatursprache vergleichen.
Infolge des Verbotes ukrainischsprachiger Publikationen im Russischen Reich und der Verlagerung des kulturellen Lebens ins österreichische Galizien nahm die Literatursprache in den Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg zahlreiche westukrainische Elemente auf. Die ukrainische Literatursprache wurde so zu einer Synthese verschiedener Dialekte. Dies wurde dadurch erleichtert, dass das Ukrainische wie das Russische oder Polnische relativ einheitlich ist und dialektale Unterschiede geringer sind als etwa im Deutschen oder Italienischen.
Eine wichtige Etappe in der Standardisierung der modernen ukrainischen Literatursprache waren dann die kulturell liberalen zwanziger Jahre in der Ukrainischen Sowjetrepublik. Die später folgende erneute Russifizierung führte dazu, dass das Ukrainische in der Sowjet-Ukraine seine Stellung als dominierende Hochsprache wieder verlor. Wer Karriere machen wollte, sprach und schrieb Russisch, und das Ukrainische wurde erneut provinzialisiert. Im neuen Nationalstaat gewinnt das Ukrainische als einzige Staatssprache gegenüber dem Russischen allmählich an Boden.
Als Baustein für ethnische Gruppen und Nationen kann neben der Sprache auch die Religion dienen; man denke an die Serben und Kroaten, die sich durch ihre Konfession, kaum aber durch ihre Sprache voneinander unterscheiden. Das Bekenntnis zur Orthodoxie war denn auch ein wichtiges Kriterium, mit dem sich die Ukrainer von den Polen, Ungarn, Tataren und Türken abgrenzten. Zur Abgrenzung von den Russen konnte die orthodoxe Konfession dagegen nicht dienen, sodass sie als Faktor der ethnischen Identität in der russischen Ukraine keine große Rolle spielte. In der Westukraine war dagegen durch die Union von Brest am Ende des 16. Jahrhunderts die mit Rom Unierte Kirche entstanden, die in Galizien zu einer ukrainischen Nationalkirche wurde. Die konfessionelle Spaltung der Ukrainer in Orthodoxe und Unierte komplizierte andererseits ihre nationale Integration.
Als dritter Faktor der ethnischen Gruppe oder Nation gilt die Gemeinsamkeit der kulturellen und historischen Traditionen. Sie dient national gesinnten Ukrainern zur Abgrenzung von den Russen. Es wird hervorgehoben, dass die Ukrainer im Gegensatz zu den isolierten Moskowitern immer enge Verbindungen zum römisch-katholischen Abendland unterhalten hätten und aus dem Westen freiheitliche Traditionen, eine ständische Verfassung und kulturelle Strömungen wie Scholastik, Humanismus, Reformation und Barock übernommen hätten. Auch wenn diese Gegensätze zu den «barbarischen Moskowitern» von nationalistischen Ukrainern zum Teil übersteigert werden und vergessen wird, dass sich auch Russland seit dem 18. Jahrhundert gegenüber dem Westen öffnete: Die Prägung durch westliche Einflüsse in Spätmittelalter und früher Neuzeit war für die Nationsbildung der Ukrainer von großer Bedeutung. Neben der Brückenfunktion zum Westen muss auch die Randlage zur Steppe noch einmal genannt werden, die vor allem in Gestalt der Kosaken die politische Kultur der Ukrainer wesentlich beeinflusst hat. Im Gegensatz zu Russen und Polen verfügen die Ukrainer über keine kontinuierliche staatliche Tradition, sodass die Volkstraditionen besondere Bedeutung erlangt haben.
Es könnten noch weitere objektive Faktoren als Bausteine für ein ukrainisches Ethnos herangezogen werden. Es sollte aber schon deutlich geworden sein, dass in Sprache, Kultur und historischer Tradition die ethnische Gruppe der Ukrainer spätestens seit dem 16. Jahrhundert deutlich hervortritt. Wissenschaftlich beweisen kann man mit der Aufzählung solcher Faktoren die Existenz einer ethnischen Gruppe, eines Volks oder einer Nation allerdings nicht. Als notwendiger weiterer Faktor muss das subjektive Bewusstsein hinzutreten: Ein Volk oder eine Nation muss sich selber für ein Volk oder eine Nation halten. Im Falle der Ukrainer lässt sich ein solches Bewusstsein ethnischer Eigenständigkeit seit dem 16. Jahrhundert in den Quellen nachweisen. Ein modernes Nationalbewusstsein setzte sich aber nur langsam durch und wurde erst im 20. Jahrhundert auch auf breitere soziale Schichten übertragen.
Zusammenfassend kann man sagen, dass objektive und subjektive Kriterien für ein eigenständiges ukrainisches Volk schon früh auftreten, dass aber die Nationsbildung der Ukrainer immer wieder unterbrochen und verzögert worden ist. Diese Diskontinuität trägt wesentlich dazu bei, dass die Ukrainer bis in unsere Tage das Bild einer wenig stabilen, immer wieder gefährdeten Gemeinschaft zeigen. Diese Labilität, die verschärft wird durch das traditionelle Überlegenheitsgefühl der Russen und Polen gegenüber dem sogenannten unhistorischen Bauernvolk, manövriert manche Ukrainer in eine Verteidigungsposition hinein, macht sie besonders empfindlich für Kritik und fördert zuweilen ein kompensatorisch-übersteigertes Nationalbewusstsein.
Infolge der unterschiedlichen historischen Entwicklung kann man einzelne Subgruppen des ukrainischen Ethnos unterscheiden. Wichtig ist bis heute die Trennlinie zwischen den Ukrainern im Westen, die erst seit dem Zweiten Weltkrieg in einem von Russen geprägten Staat lebten, und den übrigen Ukrainern. Während die Ukrainer im Zentrum, Süden und Osten relativ einheitlich sind, gibt es unter den Westukrainern der Karpatenregion einige Sondergruppen: die Rusynen Transkarpatiens und die Huzulen, Bojken und Lemken des Karpatengebirges. In der Ethnogenese dieser Gruppen spielte die Nachbarschaft zu Polen, Slovaken, Ungarn und Rumänen eine bedeutende Rolle. Die Rusynen oder Rusnaken werden zum Teil als eigenes Ethnos, ja sogar als viertes ostslawisches Volk betrachtet. Im Osten der Ukraine gibt es fließende Übergänge der Ukrainer zu den Weißrussen in Polesien und zu den Großrussen in den östlichen Grenzgebieten.
Schließlich muss noch einmal betont werden, dass die Ukraine immer auch von Nicht-Ukrainern bewohnt war. Die gute Verkehrslage der Ukraine zog seit dem Mittelalter Handel treibende Vertreter mobiler Diasporagruppen – Juden, Karäer, Armenier, Deutsche, Griechen und Roma – an. Infolge der Zugehörigkeit der Ukraine zu Polen-Litauen und Russland kamen größere Gruppen von Polen, Juden und Russen ins Land, seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zusätzlich deutsche, rumänische, südslawische, griechische und tschechische Kolonisten. In der Ukraine lebten Vertreter unterschiedlicher Glaubensgemeinschaften, Orthodoxe, Katholiken, Griechisch-Katholiken, Altgläubige, Armenier (Gregorianer und Unierte), Juden, Karaim, Muslime, Mennoniten, Baptisten und andere. Die Ukraine hatte also immer einen polyethnischen und multireligiösen Charakter; dies hat eine Darstellung ihrer Geschichte zu berücksichtigen.
Das Kyjiver Reich des 10. bis 13. Jahrhunderts war einer der großen politisch, wirtschaftlich und kulturell blühenden Herrschaftsverbände des mittelalterlichen Europa. Obwohl die Ostslawen mit erheblicher Verspätung gegenüber Süd- und Westeuropa in die schriftlich überlieferte Geschichte eintraten, gelang es ihnen in erstaunlich kurzer Zeit, ein wirtschaftliches, militärisches und kulturelles Niveau zu erreichen, das den Vergleich mit anderen europäischen Reichen der Zeit nicht zu scheuen brauchte. Kaum je in ihrer späteren Geschichte lagen die Ostslawen in ihrem Entwicklungsstand so nah an Mittel- und Westeuropa wie im 11. Jahrhundert. Das Kyjiver Reich, dessen Zentrum am mittleren Dnipro lag, ist deshalb als Goldenes Zeitalter in das Geschichtsbild der Ukrainer eingegangen. Während die Ukrainer in späteren Jahrhunderten von Krakau, Vilnius, Warschau, Moskau, Petersburg oder Wien aus regiert wurden, lag in dieser Zeit der Kern eines Großreiches im Herzen der Ukraine.
Das Kyjiver Reich entstand im 9. Jahrhundert auf der Basis ostslawischer Stammesverbände. Ein wichtiger Anstoß zur Herrschaftsbildung kam von den Warägern, normannischen Kriegern und Kaufleuten aus Skandinavien. Sie gaben dem Reich auch ihren Namen, Rus’, der bald zum Volksnamen aller Ostslawen werden sollte und bis heute im Namen der Russen weiterlebt. Sie stellten die Herrscherdynastie der Rurikiden, deren erste historische Gestalten Oleg (Helgi), Igor (Ingvar) und Olga (Helga) noch germanische Namen hatten, während der nächste Fürst Svjatoslav schon einen slawischen Namen trug. Impulse zur Herrschaftsbildung kamen auch vom turksprachigen Steppenvolk der Chasaren, das eine Tributherrschaft über die südlichen Stämme der Ostslawen ausübte. Das Kerngebiet des Reiches und seine wichtigsten Städte Kyjiv und Novgorod lagen zwischen Ostsee und Schwarzem Meer, am «Weg von den Warägern zu den Griechen» (so die älteste Chronik). Handels-, Kriegs- und Raubzüge in das mächtige Byzantinische Reich gehörten zu den wichtigsten Aktivitäten seiner Oberschicht.
Von Konstantinopel aus übernahm das Kyjiver Reich am Ende des 10. Jahrhunderts offiziell das Christentum byzantinischer Prägung. Fürst Vladimir (ukrainisch Volodymyr) erhielt bei dieser Gelegenheit die purpurgeborene Schwester des oströmischen Kaisers zur Frau, eine Ehre, die selbst den abendländischen ottonischen Kaisern nicht zuteilgeworden war. Damit wurde die Kyjiver Dynastie Mitglied der mittelalterlichen Familie der Könige und trat in der Folgezeit in Heiratsverbindungen mit Herrscherhäusern ganz Europas, von Polen über Skandinavien und Deutschland bis nach Frankreich. So heirateten Kaiser Heinrich IV. und der französische König Heinrich I. Prinzessinnen aus der Rus’. Vom Grenzland an der Steppe aus pflegten die Kyjiver Fürsten intensive Kontakte zu den islamischen Wolgabulgaren und zu den Reiternomaden. Die Kumanen (Polowzer), die in der Mitte des 11. Jahrhunderts die Petschenegen als Herren über die Steppe nördlich des Schwarzen Meeres abgelöst hatten, führten ungezählte Raubzüge gegen die Kyjiver Rus’, die mit Gegenschlägen beantwortet wurden. Daneben standen die Ostslawen aber auch in intensiven Handelsbeziehungen zu den Polowzern, und zahlreiche ostslawische Fürsten nahmen Polowzerinnen zur Frau.
Das Herrschaftsgebiet des Kyjiver Reiches erstreckte sich von der Steppengrenze im Süden und Südosten bis nach Karelien im Norden, von den Karpaten und den Grenzen Polens im Westen bis an die obere Wolga und die Oka im Nordosten. Es umfasste alle Ostslawen und zusätzlich zahlreiche finnisch- und baltischsprachige Stämme. Sein Schwerpunkt lag im fruchtbaren Süden am mittleren Dnipro, nahe der Steppengrenze, dem Schwarzen Meer und dem byzantinischen Weltreich zugewandt. Hier befanden sich das Herrschaftszentrum Kyjiv und die wichtigen Fürstentümer Černihiv (Černigov) und Perejaslav. Das Nebenzentrum Novgorod lag im Norden der Achse zur Ostsee. Im Zwischengebiet gewannen die Fürstentümer Polock an der Düna und Smolensk am oberen Dnipro zusehends an Bedeutung. Zu weiteren wichtigen Regionalzentren wurden im Laufe des 11. und 12. Jahrhunderts die Fürstentümer Galizien (Halyč) und Wolhynien im Südwesten und das Fürstentum Vladimir-Suzdal’ im Nordosten, im Einzugsgebiet der Wolga.
Das große Reich war eine lockere Föderation einzelner Länder, die als Fürstentümer von Mitgliedern der herrschenden Rurikiden-Dynastie regiert wurden. An ihrer Spitze stand der Fürst von Kyjiv, der in ostslawischen Quellen vermehrt als Großfürst, in westlichen Quellen als König (rex) erscheint. Das Fehlen klarer Erbfolgeprinzipien führte jedoch zu ständigen Machtkämpfen. In der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts bildete sich das Prinzip des Seniorats, des Ältestenrechts, heraus, nach dem der Älteste der Sippe jeweils Fürst von Kyjiv werden sollte. Nach seinem Tode wurde er durch seinen ältesten Bruder ersetzt, der zuvor in einem anderen Fürstentum regiert hatte. In ständiger Rotation rückten Fürsten in Herrschaftssitze mit höherem Prestige auf, sodass sich zunächst kaum Territorialherrschaften bildeten. Allerdings führte das Senioratsprinzip schon bald zu neuen Machtkämpfen, oft in der Form von Onkel-Neffen-Konflikten. Die ständigen kriegerischen Auseinandersetzungen der Fürsten, in die nicht selten die Polowzer einbezogen wurden, trugen zur Destabilisierung des Herrschaftssystems bei.
Den Fürsten standen ihre Gefolgschaften (družina) zur Seite, deren Mitglieder die Oberschicht des Kyjiver Reiches bildeten. Dieser frühe ostslawische Adel war an den Fürsten gebunden und lebte in erster Linie von Kriegszügen, Ämtern und vom Fernhandel im fürstlichen Dienst. Der erbliche Grundbesitz gewann erst allmählich eine größere Bedeutung. Die meisten Bauern waren frei und entrichteten dem Fürsten und seinen Beauftragten Abgaben. Als Arbeitskräfte wichtig waren die zum Teil aus Kriegsgefangenen rekrutierten Sklaven. Da die Gefolgsleute in der Regel gemeinsam mit ihrem Fürsten von einem Herrschaftszentrum zum anderen rotierten, blieben sie ebenfalls ein mobiles Element ohne feste regionale Verwurzelung.
Die meisten Adligen lebten in den Fürstensitzen, den wichtigsten Städten. Im Kyjiver Reich blühten das Städtewesen, Handwerk und Handel, besonders der Fernhandel mit Byzanz, dem Orient (über die Wolgabulgaren) und Mitteleuropa (über die Ostsee und zu Lande). Die Stadtbevölkerung war über das Vece, die Volksversammlung aller Freien, auch an politischen Entscheidungen beteiligt. Kyjiv soll im 11. Jahrhundert gegen 40000 Einwohner gezählt haben und gehörte damit zu den größten Städten Europas. Auch ausländische Besucher waren von Kyjiv beeindruckt. «In dieser großen Stadt, die das Haupt des Königreiches ist, gibt es mehr als vierhundert Kirchen und acht Märkte», heißt es (wohl etwas übertrieben) in der Chronik des Zeitgenossen Thietmar von Merseburg schon zu Beginn des 11. Jahrhunderts.
Die Kirche des Kyjiver Reiches war vom byzantinischen Vorbild geprägt. Die Patriarchen von Konstantinopel ernannten die Metropoliten von Kyjiv, bis auf wenige Ausnahmen Griechen. Kirchen- und Literatursprache wurde jedoch nicht das Griechische, sondern das auf südslawischer Basis geschaffene und in Bulgarien schon als Kultursprache eingeführte Kirchenslawische, das auch den Ostslawen verständlich war. Wie im Byzantinischen Reich wirkten Kirche und Fürst in Harmonie eng zusammen, wobei die weltliche Macht der stärkere Partner war. Als Wirtschafts- und Kulturzentren waren die Klöster von großer Bedeutung, an ihrer Spitze das Kyjiver Höhlenkloster, das zum Vorbild der ostslawischen Klöster wurde.
Die im Gefolge der Christianisierung aufblühende ostslawische Kultur übernahm direkt oder indirekt (über die Südslawen) die Traditionen der byzantinischen Kultur, der führenden christlichen Zivilisation der damaligen Welt, und entwickelte sie schöpferisch weiter. Eine besondere Blütezeit war die Regierungszeit des Fürsten Jaroslav (1036–1054), der den Beinamen «der Weise» erhielt. Zahlreiche Werke wurden aus dem Griechischen ins Kirchenslawische übersetzt. Unter den eigenständigen literarischen Schöpfungen wären zu nennen die im Kyjiver Höhlenkloster entstandene «Erzählung von den vergangenen Jahren» (die sogenannte Nestor-Chronik), der «Traktat über Gesetz und Gnade» des ersten ostslawischen Metropoliten von Kyjiv, Ilarion, und das einzige bedeutende weltliche literarische Werk, das «Lied von der Heerfahrt Igors», das den Feldzug eines kleinen Fürsten von Novgorod Seversk (Sivers’k), eines Teilfürstentums von Černihiv, gegen die Polowzer besingt. Die prächtigen, nach byzantinischem Vorbild errichteten Kirchen, allen voran die Kyjiver Sophienkathedrale mit ihren schönen Fresken und Mosaiken, erinnern noch heute an das Goldene Zeitalter des Kyjiver Reiches.
Die Erinnerung an eine Zeit, als das Reich von Kyjiv ein mächtiges, gleichberechtigtes Glied des internationalen Systems war, als Handel, Städtewesen, Architektur und Literatur blühten, kontrastiert im ukrainischen Geschichtsdenken mit späteren Epochen, in denen die Ukraine zu einer peripheren, vernachlässigten Provinz fremder Reiche wurde und Städtewesen und Hochkultur einen Niedergang erlebten.
Die lockere Herrschaftsstruktur, der zunehmende Druck vonseiten der Polowzer und der damit zusammenhängende Rückgang des Handels mit dem Byzantinischen Reich schwächten im 12. Jahrhundert das Herrschaftszentrum im Süden des Kyjiver Reiches. Gleichzeitig verselbständigten sich die einzelnen Länder; ihre Fürsten blieben immer häufiger in ihren angestammten Territorien und vererbten sie an ihre direkten Nachkommen. Ihre Bindung an Kyjiv und damit auch der Zusammenhalt des Reiches lockerten sich. Im Laufe des 12. Jahrhunderts verlagerte sich der politische, demographische und wirtschaftliche Schwerpunkt von den Gebieten um Kyjiv auf die Peripherie. Obwohl Kyjiv im Jahre 1169 vom Fürsten Andrej Bogoljubskij von Vladimir-Suzdal’ erobert und zerstört worden war, blieb es Sitz des Metropoliten und Symbol für die Einheit der Rus’.
Zu wichtigen neuen Machtzentren wurden die Fürstentümer Polock und Smolensk (die etwa dem späteren Siedlungsgebiet der Weißrussen entsprechen), die auf den Ostseeraum orientierten Stadtrepubliken Novgorod und Pskov im Nordwesten, das Fürstentum Vladimir-Suzdal’ im Nordosten (die zentralen späteren Gebiete der Großrussen) und die Fürstentümer Galizien und Wolhynien in der westlichen Ukraine.
Der Mongolensturm, der in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts ganz Osteuropa überrollte, verstärkte diese zentrifugalen Tendenzen noch. Der Nordosten geriet unmittelbar unter die Herrschaft der mongolischen Goldenen Horde, die den Großfürsten einsetzte und einen Tribut verlangte. Damit orientierte sich der Nordosten des alten Kyjiver Reiches für eine gewisse Zeit stärker nach Asien und wurde vom übrigen Europa isoliert. Gegenüber anderen Mitgliedern der Rurikiden-Dynastie setzten sich hier im 14. Jahrhundert die Fürsten von Moskau durch und gingen daran, ein neues Großreich aufzubauen. Im Nordwesten konnte die Novgoroder Republik ihre relativ demokratische innere Ordnung und ihre äußere Autonomie auch in der Mongolenzeit behaupten und ihre Handelsbeziehungen zum Westen, vor allem zur Hanse, ausbauen. Das Fürstentum Polock im Westen kam in der zweiten Hälfte des 13. und endgültig im 14. Jahrhundert unter die Herrschaft der Großfürsten von Litauen. Die Fürstentümer Galizien und Wolhynien im Südwesten wurden vom Fürsten Roman um 1200 erstmals vereinigt. Damit entstand ein neues Machtzentrum im Spannungsfeld zwischen der Steppe, Kyjiv, Polen und Ungarn. Es umfasste ein Territorium, das einen bedeutenden Teil des späteren ukrainischen Siedlungsgebiets umschloss. Ich komme im folgenden Kapitel darauf zurück.
Über die Frage nach dem Erbe des Kyjiver Reiches und seinem ethnischen Charakter führen die nationalen Historiographien der Ukrainer und Russen seit dem 19. Jahrhundert einen erbitterten Streit, der bis heute nicht entschieden ist. Es handelt sich im Kern nicht um eine wissenschaftliche, sondern um eine politische Auseinandersetzung, in der es letztlich um die Frage geht, ob die Ukrainer als eigenständiges Volk gelten können.
In der vorrevolutionären russischen Historiographie und in ihrer Nachfolge auch in vielen deutschen Geschichtswerken ist im Mittelalter kein Platz für die Ukrainer. Das Kyjiver Reich gilt hier als erster russischer Staat, dessen politischer, demographischer, wirtschaftlicher und kultureller Schwerpunkt sich seit dem 12. und verstärkt seit dem 13. Jahrhundert nach Nordosten verlagerte. Die Fürstentümer Vladimir-Suzdal’ und Moskau werden als direkte Erben des Kyjiver Reiches angesehen, was mit dynastischen, kirchlichen und kulturellen Verbindungen belegt wird. Die Stufenfolge Kyjiver Reich – Moskauer Reich ist spätestens seit dem 16. Jahrhundert im russischen Selbstverständnis präsent, und auch in Deutschland wird die russische Geschichte gemeinhin in die Epochen des Kyjiver, des Moskauer, des Russischen und des Sowjetischen Reiches gegliedert.
Gegen diese Koppelung zwischen Moskauer und Kyjiver Reich wandten sich zahlreiche ukrainische Historiker. Beispielhaft dafür ist ein programmatischer Aufsatz Hruševs’kyjs aus dem Jahre 1904 mit dem Titel «Das übliche Schema der ‹russischen› Geschichte und die Frage einer rationellen Gliederung der Geschichte des Ostslawentums». Für Hruševs’kyj stehen nicht mehr Dynastie und Staat, sondern das Volk im Zentrum der Geschichte. Das staatstragende Volk des Kyjiver Reiches waren seiner Ansicht nach die Ukrainer:
«Wir wissen, dass der Kyjiver Staat, sein Recht, seine Kultur, die Schöpfung eines Volkes, nämlich der Ukrainer-Rus’, waren, der Staat von Vladimir und Moskau dagegen die Schöpfung eines anderen, des großrussischen Volkes.»
Die wichtigsten ostslawischen Stämme hätten im Gebiet der heutigen Ukraine gewohnt, die sozio-politische Struktur und Kultur des Kyjiver Reiches habe sich grundlegend von derjenigen im Nordosten unterschieden. Die Großrussen seien aus der Akkulturation finnischsprachiger Stämme mit den rückständigen slawischen Vjatičen entstanden, eine Migration slawischer Stämme aus dem Kyjiver Gebiet nach Nordosten habe es in größerem Umfang nicht gegeben. Vladimir-Suzdal’ und Moskau hätten sich von der Kyjiver Tradition völlig gelöst und erst später künstlich wieder eine Verbindung zu Kyjiv hergestellt, um ihren umfassenden Herrschaftsanspruch zu legitimieren. Hruševs’kyj setzt das Verhältnis Vladimir-Suzdal’s, Moskaus und Russlands zu Kyjiv und der Ukraine in Parallele zum Verhältnis Galliens und Frankreichs zu Rom und Italien.
In der sowjetischen Historiographie wurde das Kyjiver Reich als ostslawisch interpretiert. Es galt als «gemeinsame Wiege» der drei ostslawischen Völker, die damals noch eine Einheit gebildet hätten. Erst die Verlagerung nach Nordosten und der Mongolensturm hätten seit dem 14. Jahrhundert zur Ausdifferenzierung von Großrussen, Ukrainern und Weißrussen geführt. Die Kyjiver Epoche wird also als gemeinsames historisches Erbe der Großrussen, Ukrainer und Weißrussen betrachtet. Diese Auffassung haben auch viele westliche Historiker, Sprach- und Literaturwissenschaftler übernommen.
Die sowjetische Interpretation hatte sich somit vom Anspruch der Russen auf das Alleinerbe des Kyjiver Reiches gelöst. Allerdings verband sich mit der These von der ethnisch einheitlichen Wiege der Ostslawen besonders seit 1954 die Zielvorstellung ihrer Wiedervereinigung, wie sie zwischen 1654 und 1945 stattgefunden und in der sowjetischen Völkerfamilie ihre Erfüllung gefunden habe. Die Wiedervereinigung der Ostslawen erscheint in dieser Interpretation als erster Schritt zu ihrer Wiederverschmelzung zu einem einheitlichen Volk im Rahmen der Sowjetunion. De facto interpretierte die sowjetrussische Geschichtsschreibung das Kyjiver Reich nicht selten als russischen Staat. Dazu trug bei, dass der Staat, seine Bewohner, ihre Sprache und Literatur in der Regel als altrussisch bezeichnet wurden, nie aber als altukrainisch.
Damit sind wir erneut bei den Ethnonymen, die das Problem erheblich komplizieren. Das Kyjiver Reich und seine slawischsprachige Bevölkerung werden in den Quellen als Rus’ bezeichnet, wobei der Begriff teilweise auf das ganze Reich, teilweise nur auf seine Kerngebiete am mittleren Dnipro bezogen ist. Dass dieses Ethnonym ursprünglich die nordgermanische Führungsschicht des Kyjiver Reiches bezeichnete, was bis heute von zahlreichen russischen und ukrainischen Historikern bestritten wird, ist hier nicht von Belang.
Wie soll man aber diesen Terminus in modernen Sprachen wiedergeben? Im Ukrainischen und auch im Polnischen gibt es keine Probleme: Rus’ und das entsprechende Adjektiv rus’kyj werden von den Bezeichnungen für Russland und die Russen (Rosija/Rosja und rosijskyj/rosyjski) geschieden. In der russischen Geschichtsschreibung verwendet man für die ältere Geschichte heute zwar meist auch den Begriff Rus’, doch das Adjektiv dazu lautet russkij und ist damit identisch mit dem Begriff russisch, der als Substantiv ‹Russe› bedeutet. Auch wenn man den Terminus drevnerusskij (altrussisch) verwendet, liegt die Identifikation der Bewohner der Kyjiver Rus’ mit den Großrussen nahe, nicht aber mit den Ukrainern, die ja einen völlig anderen Namen tragen. Die Übersetzung von Rus’ mit Russland und vor allem von rus’kyj mit russisch ist in den meisten übrigen Sprachen übernommen worden. Auch in Deutschland spricht man meist von altrussischer Geschichte, Sprache und Literatur, wenn von der Kyjiver Rus’ die Rede ist.
Wie ist die Kontroverse um den Charakter und das Erbe des Kyjiver Reiches zu bewerten?
Das Kyjiver Reich war kein ukrainischer oder russischer Nationalstaat, sondern wie die meisten vormodernen Herrschaftsverbände ein Vielvölkerreich, das nicht nur von Slawen, sondern auch von finnisch-, baltisch- und turksprachigen Stämmen bewohnt war. In der Elite spielten zunächst Normannen, dann auch Griechen und Südslawen eine bedeutende Rolle. Die Mehrheit der Bevölkerung bestand aus Ostslawen, die sich jedoch nicht in die drei heutigen sprachlich-ethnischen Gruppen, sondern in zahlreiche Stämme gliederten. Eine sprachliche Zuordnung dieser Stämme ist nicht möglich, war die Schriftsprache der Zeit doch das Altkirchenslawische, das erst mit der Zeit regionale Elemente aufnahm.
In der ukrainischen Forschung wird betont, dass aufgrund der Ergebnisse der Archäologie, Anthropologie und Sprachgeschichte die Ukrainer als einzige Ostslawen autochthone Urslawen seien, während die Weißrussen stark von baltischen, die Großrussen von finno-ugrischen Elementen geprägt seien. Zweifellos vermischten sich die Ostslawen mit anderen ethnischen Gruppen, doch gilt dies auch für die Ukrainer, bei denen man iranische und türkische Einflüsse feststellen kann. Die Auffassung einer früh beginnenden Differenzierung der Ostslawen aufgrund unterschiedlicher Einflüsse und Substrate erscheint mir als plausibler als die offizielle sowjetische These, dass sich die Weißrussen und Ukrainer erst unter litauischer Herrschaft als eigenständige Ethnien konsolidiert hätten, zumal in diesem Fall die beträchtlichen Unterschiede zwischen Weißrussen und Ukrainern nicht erklärt sind. Ohne Zweifel war die Ethnogenese der drei ostslawischen Völker aber ein lang andauernder Prozess, der in der Kyjiver Zeit begann, aber nicht zum Abschluss kam.
Sind die Ukrainer oder die Russen die wahren Erben der Kyjiver Rus’? Das Territorium des Kyjiver Reiches umfasste die ursprünglichen Kernsiedlungsgebiete aller drei ostslawischen Ethnien. Unbestreitbar ist sein politisches Zentrum um Kyjiv heute von Ukrainern bewohnt. Doch wird von Ukrainern gern unterschlagen, dass auch das heute großrussische Novgorod und das heute russische, früher weißrussische Smolensk zum Kerngebiet des Kyjiver Reiches gehörten. Die nordöstlichen Gebiete lagen zunächst peripher, doch bildete sich dort in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts ein neues Machtzentrum, dessen Fürsten wiederholt Kyjiv in ihren Besitz brachten.
Zur Bevölkerung des Kyjiver Reiches gehörten die Vorfahren aller drei ostslawischen Ethnien. Die schon vor 150 Jahren vom russischen Historiker Pogodin aufgestellte These, die Bevölkerung am mittleren Dnipro sei von der Steppengrenze nach Nordosten geflohen, ist heute weitgehend aufgegeben worden zugunsten eines teilweisen Abflusses der Bevölkerung in die Gebiete von Galizien und Wolhynien im Westen. Als Bewohner der Kerngebiete um Kyjiv können deshalb die Vorfahren der Ukrainer gelten.
Politisch trat im 14. Jahrhundert zunächst das Großfürstentum Litauen das Haupterbe des Kyjiver Reiches an. Zu seinem wichtigsten Konkurrenten wurde der Großfürst von Moskau, der von der Kyjiver Dynastie der Rurikiden abstammte. Nachdem im 17. und 18. Jahrhundert die meisten Gebiete der Kyjiver Rus’ an das Russische Reich gefallen waren, erschien Russland als deren natürlicher Erbe.
Auch in kirchlich-religiöser Hinsicht hatte der Moskauer Herrscher die besseren Karten, besonders als der litauische Konkurrent 1386 zum römisch-katholischen Glauben übertrat. Nachdem Kyjiv bis zum Ende des 13. Jahrhunderts das unbestrittene religiöse Zentrum der Rus’ geblieben war, siedelte der Metropolit etwa um 1300 erst nach Vladimir, dann nach Moskau über. Die Übernahme dieser Erbschaft durch Moskau wurde in der Folge durch die Schaffung eines eigenen Kyjiver Metropolitensitzes in Polen-Litauen wieder infrage gestellt. Im Jahr 1988 wurde das Problem der kirchlichen Kontinuität aktuell: Wem sollten die prunkvollen Tausendjahrfeiern der Christianisierung der Rus’ gelten, einer russischen oder einer ukrainischen Kirche?
Zusammenfassend: Eindeutig kann man sagen, dass ein exklusiver Anspruch der Russen auf das Erbe der Kyjiver Rus’ nicht haltbar ist. Die Argumente der Ukrainer (Territorium und Bevölkerung) wiegen eher schwerer als die von den Russen genannten dynastischen, politischen und kirchlichen Kontinuitäten. Es ist nicht einzusehen, dass Kyjiver Herrschergestalten wie Vladimir der Heilige oder Jaroslav der Weise als Russen bezeichnet werden, dass die Stadt Kyjiv mit ihrem kulturellen Erbe und den bis heute erhaltenen Denkmälern des Höhlenklosters und der Sophienkathedrale von den Russen beansprucht werden soll. Daraus kann man zunächst den Schluss ziehen, dass die Bezeichnung Russland für das Kyjiver Reich, Russen für seine Bevölkerung und Russisch oder Altrussisch für seine Sprache, Literatur oder den Herrschaftsverband in die Irre führen.
Das Kyjiver Reich war aber auch kein ukrainischer Staat, wie die ukrainische Historiographie dies zum Teil postuliert hat. Zum einen umfasste es nicht nur die Vorfahren der Ukrainer, sondern auch die der Groß- und Weißrussen. Zwar ist es wahrscheinlich, dass sich die ostslawischen Stämme im 10. bis 13. Jahrhundert sprachlich und kulturell voneinander unterschieden haben. Dass im Kyjiver Reich aber die drei heutigen ostslawischen Völker als voll entwickelte ethnische Gemeinschaften existiert hätten, ist nicht nachgewiesen. Zur Bezeichnung des Kyjiver Reiches und seiner Bevölkerung taugen deshalb die Begriffe «russisch» und «ukrainisch» nicht. An ihre Stelle sollten für das Reich und seine Bevölkerung die Substantive Rus’ und Ostslawen und das Adjektiv ostslawisch treten.
Die Eliminierung der Bezeichnung «russisch» für die Epoche des Kyjiver Reiches ist wegen ihrer deutlichen politischen Implikation eines Vorrangs der Russen vor den Ukrainern dringend geboten. Wenn der russische Exklusivanspruch, der sich in der Terminologie spiegelt und auch nach dem Ende der Sowjetunion noch immer lebendig ist, einmal überwunden ist, verliert wohl der ganze Streit seine Brisanz. Denn nüchtern gesehen, ist er völlig überflüssig, wird doch mit modernen nationalen Denkkategorien operiert, die dem Mittelalter fremd waren.
Das wichtigste Bindeglied zwischen dem Kyjiver Reich und der späteren politischen Geschichte der Ukraine war das Fürstentum Galizien-Wolhynien. Hier, im südwestlichen Grenzland des Kyjiver Reiches, in sicherer Entfernung von der Steppe, bildeten sich einige Besonderheiten heraus, die für die spätere Geschichte der Ukraine charakteristisch bleiben sollten. Zwar standen Galizien und Wolhynien wie die übrigen Fürstentümer der Ostslawen seit dem 13. Jahrhundert unter mongolischer Oberherrschaft, doch war diese erheblich lockerer als im Nordosten. Gleichzeitig unterhielten sie enge Beziehungen zu den Ländern Mitteleuropas. Das hieß zum einen ständige Konflikte mit Polen und Ungarn, das hieß andererseits direkte Verbindungen in Handel, Politik und Kultur.
