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Mit Blick auf das heutige Russland zeichnet dieses Buch einen spezifisch russischen Weg im Rahmen der Geschichte Europas nach. Es schildert die Grundlinien und Grundprobleme der russischen Geschichte seit ihren Anfängen, gibt einen Überblick über die wichtigsten politischen Ereignisse und erörtert langfristige Kontinuitäten. Was man unbedingt über die russische Geschichte wissen sollte, wird hier knapp und einprägsam zusammengefasst.
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Veröffentlichungsjahr: 2024
Andreas Kappeler
RUSSISCHE GESCHICHTE
C.H.Beck
Cover
Inhalt
Textbeginn
Titel
Inhalt
Vorbemerkung zur 9. Auflage
Vorwort
I. Grundlagen
Der Gegenstand der russischen Geschichte
Geographische Gegebenheiten
Ethnische Grundlagen: Rus’, Russland und die Russen
II. Epochen der politischen Geschichte
Kyjiver Reich (10.–13. Jahrhundert)
Mongolenherrschaft und Aufstieg Moskaus (13.–15. Jahrhundert)
Moskauer Reich (15.–17. Jahrhundert)
Staatsbildung und Zentralisierung
Expansion und Krise
Russländisches Imperium (1700–1917)
Peter der Große
Katharina II.
Reformen und Industrialisierung
Die erste Revolution und ihre Folgen
Revolution und Bürgerkrieg (1917–1921)
Sowjetunion (1922–1991)
Die Atempause der Neuen Ökonomischen Politik
Stalins Revolution von oben
Entstalinisierung und Stagnation
Gorbačevs Perestrojka und die Auflösung der Sowjetunion
Russländische Föderation (ab 1991)
Der Angriffskrieg gegen die Ukraine
III. Problemfelder
Mächtiger Staat und passive Gesellschaft
Die Autokratie und ihre Wurzeln
Schwache Gegenkräfte
Modifikationen des Herrschaftssystems bis 1917
Diskontinuitäten und Kontinuitäten im Sowjetsystem
Demokratie im neuen Russland?
Privilegierte Eliten und geknechtete Unterschichten
Adel und Leibeigenschaft
Protest der Unterschichten
Neue Eliten in der Sowjetunion
Die Welt der Bauern und die Welt der Städte
Alltag im russischen Dorf
Stadtluft macht nicht frei
Urbanisierung und Ruralisierung der Stadt
Frauen und Männer
Grenzen der patriarchalischen Ordnung
Frauenemanzipation
Abwehr und Expansion
Sammeln der Länder der Goldenen Horde im Osten
Defensive und aggressive Faktoren im Westen
Die Außenpolitik des postsowjetischen Russlands
Russen und Nichtrussen
Entstehung des Vielvölkerreiches
Nationalitätenpolitik im Zarenreich
Nationsbildung in der Sowjetunion
Bevölkerungswachstum und Kolonisation
Hohe natürliche Zuwachsraten
Migrationen
Extensivität und verzögertes Wirtschaftswachstum
Ackerbau als Basis
Industrialisierung durch den Staat
Heiliges Russland und orthodoxe Staatskirche
Orthodoxie und Kirche als historische Kräfte
Unterordnung der Kirche unter den Staat
Hochkultur und Volkskultur
Verwestlichung in der Neuzeit
Avantgarde Europas
Sozialistischer Realismus
Europa und Asien
Das eurasische Erbe der Mongolen
Russland und Europa
IV. Schluss: Kontinuität und Brüche
Anhang
Zeittafel
Hinweise auf weiterführende Literatur
1. Gesamtdarstellungen
2. Darstellungen einzelner historischer Epochen
3. Werke zu einzelnen Themenbereichen
4. Hilfsmittel
Karten
Register
Zum Buch
Vita
Impressum
Der im Februar 2022 begonnene und schon drei Jahre andauernde Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine hat unseren Blick auf Russland und seine Geschichte verändert. Weit zurück liegen die Erwartungen, dass sich Russland nach dem Ende der Sowjetunion in kurzer Zeit in ein «normales» demokratischen europäisches Land verwandeln werde. Jetzt ist Russland wieder eine Despotie und ein Polizeistaat, ein gefährlicher Feind, der den Westen herausfordert.
Russlands Krieg gegen die Ukraine ist auch ein Krieg der Erinnerungen. Vladimir Putin glaubt an die Macht der Geschichte und setzt die Geschichte als Waffe ein. Historische Rechtfertigungen des Krieges finden sich in seinen Ansprachen kurz vor dem Einmarsch der russischen Armee in die Ukraine, am ausführlichsten schon in einer längeren historischen Abhandlung «Über die historische Einheit der Russen und Ukrainer» vom Juli 2021. Russen und Ukrainer sind laut Putin «ein Volk», weil sie sich in Sprache, Religion und Geschichte nahestehen. Er übersieht, dass sich die Ukrainer in postsowjetischer Zeit immer mehr als Willensnation, die mehrere Sprachgruppen umfasst, versteht. Er spricht der Ukraine eine eigene Geschichte ab, erst im 20. Jahrhundert habe Lenin die «künstliche ukrainische Nation» geschaffen.
Unter dem Eindruck des Angriffskrieges ruft man dazu auf, die Geschichte Russlands umzuschreiben und die aggressive Außenpolitik, die Brutalität der Kriegsführung und die Passivität der russischen Gesellschaft als Konstanten hervorzuheben. Es ist nicht zu bestreiten, dass man diese Elemente in der Geschichte Russlands findet und sie auf die Gegenwart einwirken. Eine alternativlose Zwangsläufigkeit der historischen Entwicklung hin zu Putins Polizeistaat gab es meines Erachtens aber nicht. Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine ist zwar eine Zäsur in der russischen Geschichte, doch ist ihre Bedeutung noch nicht abzusehen. Als Historiker denke ich in langen Zeiträumen.
Ich schreibe deshalb meine «Russische Geschichte» nicht um, sondern lasse den Text weitgehend unverändert. Ich habe ein kurzes Kapitel zum Krieg gegen die Ukraine hinzugefügt und mit Blick auf die Gegenwart einzelne Änderungen oder Ergänzungen vorgenommen. Das betrifft auch ukrainische Orts- und Personennamen, die ich nicht mehr, wie lange üblich, in der russischen Form, sondern in der ukrainischen anführe, also Kyjiv statt Kiev, Volodymyr statt Vladimir.
Wien, im Oktober 2024
Gegenstand der russischen Geschichte ist seit dem Beginn der modernen Historiographie fast immer der Staat gewesen. Die fest verankerte Auffassung von einer über tausendjährigen staatlichen Tradition Russlands ließ nur ausnahmsweise andere Bezugspunkte wie das russische Volk oder den geographischen Raum zu. Zwar stellten seit dem Ende des 19. Jahrhunderts ukrainische Historiker die Kontinuitätslinie Kyjiv-Moskau-St. Petersburg in Frage, indem sie das Kyjiver Reich exklusiv für die ukrainische Nationalgeschichte reklamierten.
Umstrittener war und ist die Frage, ob die russische Geschichte 1917 zu Ende gegangen sei. Die Russische Revolution bedeutete einen tiefen Bruch und führte zu einer neuen politischen Ordnung, zu einer neuen herrschenden Ideologie, zu neuen Eliten und unter Stalin zu einer tiefgreifenden Umwälzung der gesamten Gesellschaft. Andererseits zeigte sich schon nach dem Ende des Bürgerkriegs und noch deutlicher in der Stalinzeit, dass die Sowjetunion die Nachfolge der Großmacht Russland angetreten hatte.
Die Frage nach der Kontinuität russischer Geschichte stellt sich nach dem Kollaps der Sowjetunion neu. Das postsowjetische Russland steht vor der Aufgabe, seine Geschichte neu zu schreiben. Dabei knüpft man an die Zeit vor dem Oktober 1917 an. Allerdings entsprechen Russlands Grenzen nicht denen des zarischen Vielvölkerreiches vor 1917, sondern denen des ethnisch relativ einheitlichen Moskauer Staates im 17. Jahrhundert – die wichtigste Ausnahme sind die Gebiete des nördlichen Kaukasus mit Tschetschenien, die Russland erst in der Mitte des 19. Jahrhunderts eroberte. Manche Russen stellen sich heute die Frage, ob der Staat immer noch als zentraler Bezugspunkt der russischen Geschichte dienen kann oder ob im Zuge nationaler Umbesinnung als neue Kategorie das Volk, die ethnische Gruppe, herangezogen werden muss. Gehören die fast ausschließlich von Nichtrussen bewohnten Gebiete Polens, Finnlands, Armeniens oder Mittelasiens, die in verschiedenen Perioden zum russischen oder sowjetischen Staat gehörten, zur russischen Geschichte? Sind andererseits die Millionen seit 1917 aus Russland ausgewanderten Russen und die Millionen ethnischer Russen im sogenannten «Nahen Ausland» Gegenstand der russischen Geschichte?
Völker ohne staatliche Kontinuität wie die Deutschen oder Ukrainer hatten schon seit jeher die ethnische Gruppe (das Volk) zum wichtigsten Subjekt ihrer Geschichte erklärt. Für die meisten Russen war eine solche Sicht bis vor Kurzem neu und irritierend. Erschwerend kommt hinzu, dass nicht unbestritten ist, wer als Russe zu gelten hat: Gehören nur die Großrussen zum russischen Volk oder auch die sprachverwandten orthodoxen Belarussen und Ukrainer? Ist vielleicht nicht die Sprache, sondern die Orthodoxie das entscheidende Integrationskriterium? Oder definiert sich ein Russe doch über den Staat, der vor 1917 und heute nicht nach der ethnischen Gruppe der Russen (russkie) benannt ist, sondern mit dem supraethnischen Terminus Rossija (Russland)?
Ich werde mich an das bis heute vorherrschende staatliche Gliederungsprinzip halten und den folgenden Abriss der politischen Geschichte (Teil 2) mit dem Kyjiver Reich beginnen und mit der Russländischen Föderation enden lassen. Da die Russen mit Ausnahme des Kyjiver Reiches, das seinen Schwerpunkt in der heutigen Ukraine hatte, den Kern dieser Staaten bildeten, stehen sie als ethnische Gruppe im Mittelpunkt. Dabei darf nicht vergessen werden, dass die Geschichte all dieser Staatswesen nicht nur Geschichte der Russen, sondern auch zahlreicher anderer Völker war.
«Es gibt einen Faktor, der wie ein roter Faden durch unsere ganze Geschichte läuft, der in sich sozusagen ihre ganze Philosophie enthält und der gleichzeitig wesentliches Element unserer politischen Größe und wahre Ursache unserer geistigen Ohnmacht ist – das ist das geographische Faktum», so der russische Philosoph Petr Čaadaev in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Seiner These von der großen und ambivalenten Wirkungskraft der geographischen Gegebenheiten auf die russische Geschichte ist grundsätzlich zuzustimmen. Sie wird allerdings problematisch, wenn sie zu deterministischen Kurzschlüssen führt wie «Der Weite des russischen Raums entspross die weite russische Seele» oder «Das Fehlen natürlicher Grenzen erforderte in Russland eine Diktatur, um äußere Feinde erfolgreich abwehren zu können».
Offensichtlich ist der Einfluss geographischer Gegebenheiten auf die wirtschaftlichen Verhältnisse. Das rauhe, kontinentale Klima und die wenig ertragreichen Ackerböden haben der Landwirtschaft in allen Perioden der russischen Geschichte Probleme bereitet: Vom Mittelalter bis zur Gegenwart hören wir periodisch von Missernten, die meist auf Dürren oder plötzliche Kälteeinbrüche zurückgeführt werden. Die fruchtbaren Schwarzerdeböden, deren Erträge allerdings durch Trockenheit gefährdet werden, lagen in den Steppengebieten des Südens und Südostens, die lange von Reiternomaden kontrolliert wurden. Nur die Kosaken drangen seit dem 15. Jahrhundert den Flüssen nach in die Steppe vor, ostslavische Ackerbauern rückten erst seit der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts allmählich nach.
Traditioneller Lebensraum der Russen war deshalb der Wald: Holz war bis ins 20. Jahrhundert das weitaus wichtigste Bau- und Brennmaterial. Waldgewerbe wie die Waldbienenzucht oder die Jagd stellten lange bedeutende Wirtschaftszweige dar, und Wachs und Pelze waren über Jahrhunderte die wichtigsten Exportgüter Russlands. Auch die geistige Welt russischer Bauern blieb lange von der von Geistern und Nymphen beseelten Welt des Waldes bestimmt. Wald und Sümpfe behinderten den Verkehr, der deshalb in der Regel über die Flüsse ging, die das wichtigste raumgliedernde Element Russlands darstellen. Doch blieben die Mündungen der Flüsse lange unter der Kontrolle anderer Mächte. Die Kontinentalität Russlands, das erst spät Zugang zu eisfreien Meeren erhielt, verzögerte die Entwicklung des Außenhandels und damit auch die von Fernkaufleuten ausgehenden kapitalistischen Impulse.
Deutlich ist auch der Zusammenhang von Geographie und Demographie: Der riesige, kaum durch natürliche Grenzen gegliederte, weitgehend flache Raum der Russischen Tafel und ihrer Fortsetzung im Osten förderte die Mobilität der Bevölkerung. Die kontinuierlichen Migrationen russischer Bauern wurden erleichtert durch die Verkehrswege der großen Flusssysteme vom Dnjepr über Don und Wolga bis zu den Strömen Sibiriens und ihren Nebenflüssen. Die sich aus der ständigen Abwanderung ergebende niedrige Bevölkerungsdichte und die relativ großen Reserven an Land und Rohstoffen förderten eine extensive Wirtschaftsweise und zwangen Russland nicht zu einer Intensivierung der Anbaumethoden oder der Technologie.
