Kleine Pille, große Folgen - Isabel Morelli - E-Book

Kleine Pille, große Folgen E-Book

Isabel Morelli

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Beschreibung

Seit über 50 Jahren gehört die Antibabypille zu den meistverwendeten Methoden der Schwangerschaftsverhütung. Sie wurde als Befreiung der weiblichen Sexualität gefeiert und ermöglichte vielen Frauen eine selbstbestimmte Empfängnisverhütung. Allerdings kämpfen Frauen auch schon genauso lange mit den unangenehmen oder sogar gesundheitsschädlichen Nebenwirkungen, über die sie häufig nicht im Vorhinein aufgeklärt wurden. Isabel Morelli schafft mit diesem Buch Klarheit. Sie zeichnet die Entwicklung der Pille nach und ordnet die gesellschaftliche Bedeutung und die Risiken und Nebenwirkungen des überschätzten Medikamentes ein. Was macht die Pille genau mit dem Körper, wie bringt sie den Hormonhaushalt durcheinander, wie beeinträchtigt sie den natürlichen Zyklus und die Schilddrüsenfunktion, und wie beeinflusst sie Leber oder Darm? Und welche hormonfreien Verhütungsalternativen gibt es, wenn ich auf die Pille verzichten möchte?

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Seitenzahl: 212

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Isabel Morelli

Kleine Pille, große Folgen

Isabel Morelli

Kleine Pille,große Folgen

Was dir keiner überdie Antibabypille erzählt

Originalausgabe

1. Auflage 2020

Verlag Komplett-Media GmbH

2020, München

www.komplett-media.de

E-Book ISBN: 978-3-8312-7061-3

Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird bei Personenbezeichnungen und personenbezogenen Hauptwörtern in diesem Buch die männliche Form verwendet. Entsprechende Begriffe gelten im Sinne der Gleichbehandlung grundsätzlich für alle Geschlechter. Die verkürzte Sprachform hat nur redaktionelle Gründe und beinhaltet keine Wertung.

Lektorat: Redaktionsbüro Julia Feldbaum, Augsburg

Korrektorat: Redaktionsbüro Diana Napolitano, Augsburg

Satz: Daniel Förster, Belgern

Umschlaggestaltung: Guter Punkt, München

E-Book-Herstellung und Auslieferung: Brockhaus Commission, Kornwestheim, www.brocom.de

Dieses Werk sowie alle darin enthaltenen Beiträge und Abbildungen sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung, die nicht ausdrücklich vom Urheberrecht zugelassen ist, bedarf der vorherigen schriftlichen Zustimmung des Verlags. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Bearbeitungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Speicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen sowie für das Recht der öffentlichen Zugänglichmachung.

Inhalt

Einleitung

Die Geschichte der Pille

Emanzipation oder der Untergang der Frauengesundheit?

Kämpferin für sexuelle Befreiung: Margaret Sanger

Pionierinnen und Pioniere auch in Europa

Die Schattenseiten der Erfolgsgeschichte

Die Kirche und die Pille

Es war einmal in Deutschland

Die Probleme auf den Punkt gebracht

Lücken im Lehrplan

Wie sexualpädagogischer Unterricht aussehen sollte

Der Gynäkologe: Freund oder Feind?

Das traurige Ergebnis

Besser spät als nie: Alles, was du wissen musst!

Darf ich vorstellen? Dein Zyklus!

Das Mysterium Menstruation

Hormone – Taktgeber im System

Die Wirkweise der Pille

Bei Risiken und Nebenwirkungen …

Nicht ernst genommen?

Was dir keiner über die Pille erzählt …

Pille und Partnerwahl

Die Pille in der Pubertät

Weibliche Attraktivität unter Einfluss der Pille

Wachstum der Gebärmutter beeinträchtigt!

Pille und Zahngesundheit

Von schrumpfenden Eierstöcken und verlorenen Eizellen

Beeinträchtigter Muskelaufbau

Pille versus Schilddrüse

Pille und Augen

Veränderung der weiblichen Gehirnstruktur

Pille und Darm

Chronisch-entzündliche Krankheiten

Pille und Leber

Die Pille verbraucht Vitamine und Mineralstoffe

Pille und Periode

Pille und Psyche

Der PCOS-Irrtum

Nutzen-Risiko-Verhältnis

Gynäkologen und ihre Liebe zur Antibabypille

Der Vorwurf

Die erschreckende Wahrheit

Wie mit Pillen-Patientinnen Geld eingespart wird

Das Problem mit den Weiterbildungen

Die »Einhörner« der Gynäkologie

Story time – Was Frauen berichten

Isabel, 31 Jahre: hormoneller Totalschaden

Nathalie, 25 Jahre: Thrombose und Schlaganfall mit 21

Sabrina, 26 Jahre: Depressionen, Selbstmordgedanken, Libidoverlust

Nathalie, 28 Jahre: Libidoverlust, Migräne, Sinusitis

Anna, 21 Jahre: Schmerzen beim Sex, vaginale Trockenheit

Maria, 27 Jahre: Horror nach dem Absetzen

Betty, 26 Jahre: manipulierte Partnerwahl

Dani, 32 Jahre: Migräne, Hashimoto, Fehlgeburt

Melli, 29 Jahre: Aller guten Dinge sind drei

Anne, 28 Jahre: psychiatrische Klinik, Antidepressiva

Daniela, 28 Jahre: Depressionen, Blasenentzündungen und Migräne

Jasmina, 24 Jahre: Faktor-V-Leiden übersehen, Lungenembolie

Alessandra, 32 Jahre: erfolglose Absetzversuche und Hashimoto

Leonora, 27 Jahre: Leichenfingerkrankheit und schlechte Leberwerte

Susanna, 24 Jahre: Herzinfarkt mit 19

Angelina, 30 Jahre: Gewichtsabnahme, Haarausfall und Stimmungsschwankungen

Bianca, 25 Jahre: Gewichtszunahme, Heuschnupfen und anhaltende Müdigkeit

Keine Sicherheit ohne Hormone?

Von Männern, Frauen und Verantwortung

Links und Buchmpfhlungen

Danksagung

Anmerkungen

Einleitung

Jeden Tag schlucken weltweit Millionen Frauen und Mädchen allen Alters die Antibabypille. Seit mittlerweile 57 Jahren sind orale Kontrazeptiva auf dem Markt und in dieser Zeit zum beliebtesten Verhütungsmittel der Welt aufgestiegen.

Noch nie zuvor in der Geschichte der Menschheit haben so viele absolut gesunde Menschen, völlig freiwillig und ohne es weiter zu hinterfragen, dauerhaft ein so starkes Medikament eingenommen.

Bis zur Markteinführung der ersten Antibabypille in Amerika hätte es niemand für möglich gehalten, dass man Medikamente tatsächlich auch an gesunde junge Frauen verkaufen könnte. Ein Jackpot für die Pharmaindustrie. Sie gehörte schon zu den umsatzstärksten Industrien der Welt, als Medikamente noch ausschließlich zur Behandlung von Symptomen und Krankheiten gedacht waren. Doch mit dieser neu entdeckten Zielgruppe gingen die Umsätze natürlich steil nach oben. Bis heute ist die Antibabypille, die übrigens nur in Deutschland einen solch plakativen Namen trägt, weltweit das meist verschriebene Medikament.

Anfangs hatte niemand damit gerechnet, dass dieser Plan aufgehen könnte. Verständlich. Was für ein verrückter Gedanke. Wie sollte man es auch schaffen, dass Frauen auf der ganzen Welt täglich ein Medikament schlucken, dessen Nebenwirkungen im schlimmsten Fall tödlich sind? Eine Pille, die hoch dosierte synthetische Hormone enthält. Eine kleine Tablette, die damals so neu auf dem Markt war, dass man noch gar nicht abschätzen konnte, welche irreversiblen Folgen auf die Nutzerinnen zukommen könnten. Eine Pille, die nicht nur Einfluss auf das Hormonsystem, sondern auch auf den gesamten Körper und die Psyche hat.

Welche Frau wäre schon dazu bereit, solch ein Medikament einzunehmen, und das »nur«, um eine Schwangerschaft zu vermeiden?

Einige Jahrzehnte später war ich eine dieser Frauen! Und da du diese Zeilen gerade liest, wirst auch du eine dieser Frauen sein. Willkommen im Klub.

Nachdem ich 2010 die Pille abgesetzt hatte, startete meine persönliche gesundheitliche Horrorgeschichte. Das war auch der Zeitpunkt, an dem mein Interesse an der Antibabypille, ihrer Geschichte, der Wirkweise, den Nebenwirkungen und vor allem den damit verbundenen körperlichen Zusammenhängen geweckt wurde. Je mehr ich recherchierte und über dieses oft verharmloste Verhütungsmittel lernte, desto häufiger fragte ich mich:

Wie um alles in der Welt ist es möglich, dass dieses Medikament auch nach so vielen Jahrzehnten »voller Nebenwirkungen« immer noch so beliebt ist? Wissen die Frauen eigentlich, was sie seit Jahren schlucken?

Wahrscheinlich nicht. Denn mittlerweile hat sich die Antibabypille nicht nur zum beliebtesten Verhütungsmittel entwickelt, sondern auch zu einer unheimlich angesagten Lifestyledroge. Gerade junge Mädchen in der Pubertät schwören auf diese »Schönheitspille«. Leichtere Periode, größere Brüste, reinere Haut, vollere Haare, weiblichere Figur, und das alles vereint in einer kleinen, harmlosen Tablette? Klingt nach der optimalen Lösung für alle pubertären Probleme. Was für eine tolle Erfindung!

Doch was ist der Preis für die vermeintlich sichere Verhütung und die optischen Vorteile?

Depressionen, Libidoverlust, Stimmungsschwankungen, Migräne, Schädigungen der Leber, Zysten, Gallensteine, Übelkeit, Schilddrüsenfunktionsstörungen, Magen- und Darmprobleme, um nur einige zu nennen. Im schlimmsten Fall steigt auch noch das Risiko, an bestimmten Krebsarten zu erkranken sowie eine Thrombose oder eine Lungenembolie zu erleiden. Nach so vielen Jahren und der Kenntnis über die Unmengen von Nebenwirkungen und Folgen wird es Zeit, sich zu fragen, ob wir tatsächlich noch bereit sind, diesen Preis zu zahlen!

Diskussionen über Pro und Contra, Studien und Mythen über orale Kontrazeptiva gibt es schon seit der Markteinführung in den 1960er-Jahren. Doch es ist leider wirklich nicht einfach, fundierte Informationen zu finden. Tatsächlich wurden mögliche Nebenwirkungen und Folgen der hormonellen Verhütung schon von Beginn an gern verschwiegen, abgestritten, bagatellisiert, geleugnet oder weggelächelt. Um also einen wirklichen Überblick zur Wirkweise der Pille und den eventuellen Beeinträchtigungen der allgemeinen Frauengesundheit, der einzelnen Organe und des Hormonsystems zu bekommen, bedarf es viel Geduld, Literatur und noch mehr Recherche. Mich hat diese Recherche mittlerweile knapp acht Jahre gekostet, in denen ich etliche Fachbücher gelesen, Interviews geführt und viel kompetente Unterstützung von ausgewählten Medizinern bekommen habe. Das Ergebnis findet sich fein säuberlich zusammengefasst in diesem Buch.

Jede Frau sollte die Möglichkeit haben, an alle diese wichtigen Informationen zu gelangen, um sich selbst eine Meinung zu bilden. Das ist die Grundvoraussetzung, um selbstverantwortlich über die Sexualität, Gesundheit und Verhütung entscheiden zu können.

Wissen ist Macht!

Die Geschichte der Pille

In unserer heutigen modernen Welt sprechen wir nur noch selten über die so weit entfernte Vergangenheit. Für die Jüngeren unter uns gehören »Handys«, Telefonzellen und Röhrenfernsehgeräte schon zur Steinzeit. Der einzige, meist unfreiwillige Kontakt mit der menschlichen Geschichte passiert in der Schule. Doch auch wenn man im Geschichtsunterricht viel über Steinzeit, Antike, Königreiche, Kriege und den Mauerfall lernt, bleibt ein Thema leider immer im Verborgenen: die Geschichte der Verhütung.

Emanzipation oder der Untergang der Frauengesundheit?

Tatsächlich versuchten Menschen schon seit dem Urknall, ungewollten Schwangerschaften den Kampf anzusagen. Dabei entstanden sehr abenteuerliche Theorien, und man griff zu heute unvorstellbaren Hilfsmitteln. Beispielsweise verwendeten die Damen zu Casanovas Zeiten im 18. Jahrhundert eine halbe ausgepresste Zitrone als eine Art antikes Diaphragma. Das Zitronen-Diaphragma wurde vaginal eingeführt und vor dem Muttermund platziert. So hoffte man einerseits, den Spermien durch die Säure den Garaus machen zu können und andererseits, den »überlebenden« den Weg zur Eizelle zu versperren.

Kondome bestanden früher zuerst aus kratziger Baumwolle und anschließend aus dem Blinddarm von Lämmern oder auch der Blase von Fischen. Es gab auch eine Zeit, in der sich Frauen vor dem Sex Krokodil- oder Elefantenkot einführten. Auch bei dieser Variante ging Frau davon aus, dass der Kot eine spermientötende Wirkung hat und zusätzlich den Muttermund bedeckt. Diese kreativen, aber wenig wirksamen Verhütungsmethoden verschwanden mit der Zeit und machten Platz für Innovationen.

Mit der Erfindung der Spirale, der richtigen Latexkondome und der Diaphragmen hatte man zwar schon einen großen Sprung gemacht, doch auch diese Methoden waren damals noch nicht so sicher wie heute Ganz besonders das Einsetzen von Spiralen war früher ein echtes Problem. Im Gegensatz zu den vielen verschiedenen Exemplaren in allen möglichen Formen und Größen, die uns heute zur Verfügung stehen, gab es damals nur eine Spirale. Diese musste »blind« eingesetzt werden, da es natürlich noch keinen Ultraschall gab und auch sonst keine Möglichkeiten, eine Gebärmutter richtig auszumessen. Komplikationen, Entzündungen, Schmerzen und schlimme Nebenwirkungen waren die Folge.

Erschwerend kam hinzu, dass Empfängnisregelung und Sexualität absolute Tabuthemen waren. Heute ist es kaum vorstellbar, aber in der damals sehr konservativen Zeit war es verboten, Verhütungsmittel öffentlich zugänglich zu machen.

Ebenfalls gesetzlich verboten waren Pornografie, die offene Kommunikation über Sexualität und auch das Verbreiten von Informationen über Verhütung. Selbst Kondome gab es lange Zeit nur auf Rezept in Apotheken oder auf dem Schwarzmarkt Leider war auch das Wissen um den weiblichen Zyklus und die Fruchtbarkeit noch nicht so ausgereift wie heute, denn auch die sehr sichere und natürliche symptothermale Methode gab es damals noch nicht. Frauen wussten nicht, wann sie fruchtbar sind und wann nicht. So versuchte man, sich anders zu helfen. Neben den nur schwer zu ergatternden Kondomen und Diaphragmen war es für Frauen ganz normal, sich nach dem Geschlechtsverkehr die Scheide auszuspülen, häufig zu niesen oder auf und ab zu springen, um die Spermien wieder auszuscheiden. Selbstverständlich führten diese unzuverlässigen Versuche, die kleinen flinken Spermien von der Eizelle fernzuhalten, nicht zum Erfolg. Im Gegenteil: Es führte zu Babys. Zu vielen Babys.

Kämpferin für sexuelle Befreiung: Margaret Sanger

Tatsächlich war es eine Frau, die sich vorgenommen hatte, für dieses Problem eine Lösung zu finden. Margaret Sanger. Eine Feministin, Aktivistin und Menschenrechtlerin, die über die amerikanischen Landesgrenzen hinaus polarisierte. Sie ist der Hauptgrund dafür, dass die Empfängnisregelung in den USA in allen Facetten enttabuisiert, legalisiert und für jede Frau zugänglich wurde.

Margaret Sanger wurde im September 1879 geboren und wuchs somit in einer Zeit auf, in der es weder zugängliche und sichere Verhütung noch die Möglichkeit einer legalen Abtreibung gab. Schwangerschaften und Geburten waren damals eine sehr gefährliche Angelegenheit.

Natürlich war die Medizin noch nicht so weit wie heute. Es gab auch keine Betreuung während der Schwangerschaft durch Hebammen und Ärzte, wie wir es heute kennen. Gestosen (Schwangerschaftserkrankungen unklarer Ursache) mit Symptomen wie z. B. Bluthochdruck, Eiweiß- und Wassereinlagerungen, Leber- und Nierenfunktionsstörungen, aber auch

Anämien waren relativ häufig anzutreffen. Hausgeburten waren die Normalität, und man hatte Glück, wenn man eine erfahrene Hebamme erwischte, denn Ärzte waren damals zwar in der Theorie einigermaßen gut ausgebildet, hatten aber von der Praxis wenig Ahnung. Tatsächlich waren sie den Hebammen, die meist über langjährige Erfahrung verfügten. in Sachen Geburtshilfe deutlich unterlegen. Das war auch der Grund, warum Ärzte bei Hausgeburten gar nicht gern gesehen waren und nur im absoluten Notfall geholt wurden. Notfälle waren dann z. B. unstillbare Blutungen, Eklampsie (Krampfanfälle und/oder mit Bewusstlosigkeit, Koma) oder auch ein durch Rachitis (aufgrund von Vitamin-C-Mangel) verformtes, zu enges Becken. Oft lagen Frauen auch schon tagelang in den Wehen, das Kind war längst nicht mehr am Leben, und dem Arzt blieb leider nichts anderes übrig, als das Kind zu zerstückeln, um es aus dem Mutterleib zu holen, um so wenigstens die Mutter zu retten. Auch das Wochenbettfieber war damals noch sehr verbreitet und führte fast immer zum Tod. Bei dieser Infektionskrankheit – auch Kindbettfieber genannt – handelt es sich um eine Blutvergiftung aufgrund mangelnder Hygiene.

Ein weiteres häufiges Problem waren Vielgebärende. Durch die unzureichenden Verhütungsmöglichkeiten wurden Frauen während ihrer gebärfähigen Zeit immer wieder schwanger und bekamen dementsprechend viele Kinder, wenn sie sie nicht durch Fehlgeburten verloren. Der dadurch überbeanspruchte Frauenkörper hatte dann oft geburtstechnisch große Probleme. Oft lag auch schon in der Schwangerschaft eine Plazentainsuffizienz vor, wodurch das Ungeborene nicht mehr adäquat mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgt werden konnte.

Margaret Sangers Mutter überstand ganze 18 Schwangerschaften, davon leider nur elf Lebendgeburten, bevor sie im jungen Alter von nur 49 Jahren starb. Angetrieben von der dramatischen Geschichte ihrer Mutter und dem Willen, etwas an dieser Situation zu ändern, wurde Margaret Krankenschwester. Sie arbeitete viele Jahre in Krankenhäusern und fokussierte sich auf Schwangerschafts- und Geburtshilfe. Während ihrer Tätigkeit war sie viele Jahre mit dem Leid, dem Elend und der Hilflosigkeit vieler Frauen konfrontiert. So fasste sie endgültig den Entschluss, etwas zu verändern.

Margarets Ziel war es, Informationen über verschiedene, damals aufgrund der verbotenen offenen Kommunikation noch eher unbekannte Methoden zur gezielten Empfängnisregelung zu verbreiten. So würde die Wahrscheinlichkeit, ungewollt schwanger zu werden, wenigstens um einen kleinen Teil sinken.

1912 startete Margaret, mittlerweile Mutter von drei Kindern, eine verbotene Kolumne über die »Verhütung unerwünschter Schwangerschaften« in einer New Yorker Zeitung, die sich aufgrund der rechtlichen Lage nicht lange hielt. Doch das brachte die Feministin nicht von ihrem Plan ab, denn es war erst der Anfang. Bevor Margaret in den 1950er-Jahren die ersten Schritte in Richtung Antibabypille machte, leistete sie Enormes für die Frauenwelt. Ihre Biografie füllt ganze Bücher, und es fällt mir wirklich schwer, mit diesen wenigen Zeilen ihrem Kampf für Emanzipation und das weibliche Recht am eigenen Körper gerecht zu werden. Nachdem ihre Kolumne gestrichen wurde, veröffentlichte sie mit ihrem Mann eine Broschüre namens »Family Limitation«. In diesem knapp 16 Seiten umfassenden Heftchen erklärte sie unter anderem, wie Frauen nach dem Akt eine Scheidenspülung vornehmen können, informierte über den damals für Männer als gesundheitsgefährdend geltenden Coitus interruptus und beschrieb, wie Kondome »richtig« für die Wiederverwendung ausgespült und getrocknet werden müssen. Ja, Kondome hingen damals noch auf Wäscheleinen. Auch mit dieser Broschüre riskierte Margaret Sanger eine Haftstrafe, denn in Amerika war die Weitergabe von Verhütungsinformationen wegen Unanständigkeit verboten.

Zwei Jahre später legte Margaret mit der Gründung von »The Woman Rebel«, einem monatlichen Rundbrief mit Informationen zu Frauenhygiene und Verhütung, nach. Darin propagierte sie erneut das Recht der Frau auf ihren eigenen Körper. Diesmal ließ der Haftbefehl allerdings nicht lange auf sich warten, woraufhin die rebellische Feministin nach Europa flüchtete.

In ihrer Abwesenheit wurde Margaret eine überaus bekannte und respektierte Persönlichkeit. Ihre Geschichte, ihr Ziel und ihr Kampf brachten der Aktivistin viel Sympathie ein. Als sie nach einem Jahr nach New York zurückkam, um sich ihrer ersten von insgesamt acht noch folgenden Anklagen zu stellen, waren viele Menschen im Big Apple auf ihrer Seite und protestierten für ihre Freilassung. Mit Erfolg. Die Anklage wurde wegen des öffentlichen Drucks fallen gelassen. Von dem Triumph beflügelt und wegen der großen Nachfrage, begann sie nun, auch öffentliche Vorträge über Geburtenkontrolle zu halten, um ihr Wissen weiterzugeben.

EINE KLINIK FÜR ALLE

1916 strebte Margaret Sanger wieder nach etwas Größerem. Etwas, mit dem sie dem weiblichen Geschlecht noch mehr helfen könnte. Gemeinsam mit ihrer Schwester Ethel eröffnete sie die erste US-amerikanische Klinik für Geburtenkontrolle. Da es solch eine Einrichtung noch nicht gab und die beiden Schwestern nicht abschätzen konnten, ob sich tatsächlich Patientinnen finden würden, verteilten sie in den Tagen vor der Eröffnung Flyer an alle Haushalte in der näheren Umgebung. Die Flugblätter waren plakativ, provokativ und mit folgender Botschaft auf Englisch, Italienisch und Jiddisch:

Mütter! Könnt ihr euch eine große Familie leisten?

Wollt ihr noch mehr Kinder kriegen?

Wenn nicht, wieso kriegt ihr sie dann? Nicht töten,

Nicht Leben verweigern, sondern verhüten!

Ausgebildete Krankenschwestern

informieren sicher und gefahrlos …

Sag es deinen Freundinnen und Nachbarinnen.

alle Mütter willkommen.1

Margaret und Ethel waren sich trotz der Werbung sehr unsicher, ob am Tag der Eröffnung auch nur eine Frau zu ihnen finden würde. Zu groß könnte die Angst der Frauen sein, mit dem Besuch der Klinik das Gesetz zu brechen. Doch ganz offensichtlich war die Angst vor einer erneuten Schwangerschaft noch viel größer. Der Andrang, den die beiden Schwestern am Morgen des 16. Oktober 1916 beim Öffnen der Klinik vorfanden, übertraf jede Erwartung. Margaret Sanger erinnert sich an diesen bedeutsamen Tag auch in ihren Memoiren.2 Dort schreibt sie von den unendlich langen Schlangen von Frauen auf der Straße, die viele Stunden draußen in der Kälte standen, um endlich in die Praxis zu gelangen. Unter ihnen waren Protestantinnen, Jüdinnen und überraschenderweise auch eine Menge Katholikinnen. Ab dem Tag der Eröffnung war die Klinik jeden Tag überfüllt. Patientinnen kamen aus ganz Amerika, um das »Geheimnis« zu erfahren. Das Geheimnis, das es ihnen ermöglichte, nicht noch mehr Kinder auf die Welt bringen zu müssen.

Doch bereits nach neun Tagen wurde Margaret Sanger wieder ein Strich durch die Rechnung gemacht. Die Klinik wurde von Polizisten gestürmt, die wartende Frauen wie Schwerverbrecher behandelte, Margaret und ihre Schwester wurden verhaftet und abgeführt. Während der Razzia wurden alle Kondome, Pessare, Diaphragmen und alle Informationsbroschüren konfisziert. Erneut landeten die Schwestern hinter Gittern. Die Anklage der Staatsanwaltschaft lautete »Illegale Verbreitung von Informationen zur Empfängnisverhütung«. Eine Kollegin und Freundin der beiden wurde ebenfalls angeklagt. Sie musste sich wegen dem »Vertrieb obszöner Literatur und öffentlicher Propaganda für Geburtenkontrolle« verantworten.

LEGALITÄT FÜR VERHÜTUNG

Doch der Fall von Margaret und ihrer Schwester sollte ein Präzedenzfall werden, denn tatsächlich wurden sie nicht nur freigesprochen, sondern ebneten auch den Weg für die legale Aufklärung zur Empfängnisverhütung. Der Richter fand nämlich eine Ausnahmeregelung für den Paragrafen, der die Verhütung bisher verboten hatte. Laut dieser Ausnahme, die zugegeben schon sehr weit ausgelegt war, wurde Ärzten erlaubt, Beratung zur Empfängnisregelung zu geben und Verhütungsmittel zu verschreiben, wenn dadurch Krankheiten vorgebeugt oder Beschwerden geheilt werden könnten. Natürlich traf diese Ausnahmeregelung nicht auf Schwangerschaften zu, denn eine Schwangerschaft ist schließlich keine Krankheit. Der Richter bezog sich aber listigerweise mehr auf die festgelegte Definition des Wortes Krankheit. Demnach war Krankheit eine »Veränderung im Zustand des Körpers oder seiner Organe, welche die Ausübung der Lebensfunktionen stört oder unterbricht und Schmerz und Leid zu verursachen droht: Leiden, Übel, Störung«. Demzufolge war eine Schwangerschaft also doch als Krankheit anzusehen . Dieser Präzedenzfall von Margaret und Ethel war ein Befreiungsschlag für die Verhütung und ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung.

Ab diesem Zeitpunkt war die Mutter aller Feministinnen nicht mehr zu stoppen. In den nächsten Jahren gründete sie in Amerika verschiedene Organisationen und Vereine zur Aufklärung von Verhütungsthemen und setzte sich damit für die Legalisierung der Empfängnisregelung ein. Zu den Vereinen gehörten unter anderem die »American Birth Control League«, das »Committee on Federal Legislation for Birth Control«, das »Birth Control International Information Center« und auch der Vorreiter für das heute uns allen bekannte ProFamilia, damals unter dem Namen »International Planned Parenthood Federation«.

Margaret Sanger eröffnete die erste legale Klinik für Geburtenkontrolle und leistete Mithilfe an der ersten Weltverhütungskonferenz in Genf. Sie schaffte Großartiges!

Doch trotz allem, was sie in ihrem Leben schon erreicht hatte und wie vielen Frauen sie hatte helfen können, es war ihr noch nicht genug. Margaret klärte zwar auf und half, so gut sie konnte, aber mit den damals unsicheren Methoden waren auch ihr ab einem gewissen Punkt die Hände gebunden. Sie wünschte sich »Verhütung, die man schlucken kann wie Aspirin«.

DIE ERSTE PILLE

1951 war es dann so weit. Die mittlerweile 72-jährige Feministin holte sich für ihre Vision Unterstützung aus der Wissenschaft. Gregory Pincus war Biologe und Wissenschaftler. Er beschäftigte sich eigentlich mit der Fruchtbarkeit der Frau. Ihm war es als Erstem gelungen, ein Kaninchen künstlich zu befruchten.3 Da Fruchtbarkeit und Verhütung sehr nah beieinanderliegen, war er der richtige Mann für diesen Job. Pincus kannte sich aus und forschte schon länger an den Wirkungen von dem für die Pille so wichtigen Hormon Progesteron. Ihn hatte Sanger mit ihrer Idee der verhütenden Pille sofort mit an Bord. Allerdings brauchten die beiden für die anstehenden Forschungen noch das nötige Budget. Hier kommt die zweite Frau ins Spiel: Cathrin Mc-Cormeg, eine sehr gut betuchte Biologin und großer Fan von Margarets Arbeit . Auch Cathrin hatte ihre eigene Leidensgeschichte, die sie zu einer absoluten Befürworterin der sicheren und legalen Verhütung machte. Ihr Mann erkrankte nach ihrer Hochzeit an Schizophrenie, weshalb sie keine Kinder mit ihm bekommen wollte und daher sehr großen Wert auf sichere Empfängnisregelung legte. Mit ihrem Investment konnten die ersten Forschungen beginnen. Tatsächlich gelang es Pincus nach einiger Zeit, eine hormonelle Verhütung auf Progesteronbasis zu entwickeln. Der erste Versuch erfolgte noch in Form einer täglichen Injektion, da ihm ein Progesteronwirkstoff in Tablettenform fehlte. Glücklicherweise hatte ein weiterer Wissenschaftler, Carl Djerassi, diese Form von synthetischem Progesteron schon erfolgreich hergestellt.4 Mithilfe der Progesteronnachbildung Norethisteron konnte Pincus dann die erste Antibabypille herstellen. Nach den erfolgreichen Tierversuchen war die Pille bereit für die ersten klinischen Studien. An diesem Punkt standen Sanger, McCormeg und Pincus aber vor ihrem nächsten Problem: Keiner von ihnen war Arzt und daher auch nicht berechtigt, Versuche an Menschen durchzuführen. Gemeinsam wandten sie sich mit ihrem Vorhaben an den Gynäkologen und Fertilitätsspezialisten Dr. John Rock. Mit seiner Hilfe konnte die erste klinische Studie in den Armenvierteln Puerto Ricos stattfinden. Bis heute ist nicht ganz klar, wie viele Frauen an dieser Studie teilnahmen. Einige Quellen sprechen von 100 Frauen, andere von über 500 Probandinnen. Sicher ist aber, dass sie die Antibabypille ohne Aufklärung über mögliche Risiken und Nebenwirkungen einnahmen. Auch Ärzte und Studienleitung wussten nicht, was passieren würde. Laut den Ergebnissen dieses neunmonatigen Testlaufs stoppte die neu entwickelte Pille bei korrekter Anwendung zu 100 Prozent den Eisprung und machte somit über die Dauer der Einnahme unfruchtbar. Das erste orale Kontrazeptivum war geboren, theoretisch zumindest.

Zugelassen wurde die Pille 1957 unter dem Namen »Enovid« als Medikament zur Behandlung von Menstruationsschmerzen. Die verhütende Wirkung stand nur im Kleingedruckten auf der Rückseite der Packung.

Doch diese »Nebenwirkung« der neuen Pille machte schnell die Runde, und wie durch ein Wunder bekamen innerhalb der ersten zwei Jahre bereits über eine halbe Million Amerikanerinnen plötzlich »Menstruationsschmerzen«. Anhand dieser beeindruckenden Verkaufszahlen erkannte man schnell den Marktwert. Enovid war ein potenzieller Money-Maker und wurde schließlich am 11. Mai 1960 als Verhütungsmittel zugelassen. Nur fünf Jahre später gab es allein in Amerika sechs Millionen Nutzerinnen.5

Diese Erfindung veränderte alles. Frauen hatten ihre Fruchtbarkeit das erste Mal in der Hand, konnten selbstbestimmt leben, Sex genießen. Durch die neu erlangte Kontrolle und damit einhergehende Freiheit war es ihnen erstmals möglich, zu studieren, eine Karriere anzustreben und ein Leben abseits der Hausfrau und Mutterrolle zu leben. Die Antibabypille war ein Befreiungsschlag für die Frauenwelt und der erste wichtige Schritt in der Emanzipationsentwicklung.

Margaret Sanger hatte ihr Ziel erreicht. Bis zu ihrem Tod 1967 reiste sie durch die ganze Welt und berichtete über die grandiosen Erfolge der Antibabypille. Das war ihr Lebenswerk.

Pionierinnen und Pioniere auch in Europa

Auch bei uns in Europa gab es Frauen wie Margaret Sanger. Großartige Feministinnen, die sich nicht nur für die Gleichstellung von Mann und Frau einsetzten, sondern auch Informationen über Verhütungsmittel forderten, deren öffentlichen Zugang und für die Streichung des § 218 kämpften.

MARIE STRITT

Marie Stritt (1855–1928) war eine gebildete Tochter aus gutem Hause und sozialpolitisch sehr engagiert. In Vorträgen, Aktionen und Aufrufen forderte sie die Gleichstellung von Mann und Frau. Ihre große Empörung über diese rechtliche Ungleichheit brachte sie 1894 dazu, den ersten deutschen Rechtsschutzverein für Frauen in Dresden zu gründen. Hier wurden Frauen kostenlos beraten und erhielten rechtliche Unterstützung in Fragen von Scheidung, Gerichtsverfahren, Berufstätigkeit, Sorgerecht, Verwaltung des eigenen Vermögens usw.

Ein großer Teil der Hilfe suchenden Frauen waren schwangere, sitzen gelassene Kellnerinnen und Dienstmädchen. Das war mit ein Grund, warum sich Marie Stritt auch für die Streichung des § 218 stark machte. Sie vermittelte oft zwischen den verschiedenen Frauenorganisationen, war Vorsitzende des Bundes Deutscher einsetzten, sondern auch Informationen über Verhütungsmittel forderten, deren öffentlichen Zugang und für die Streichung des § 218 kämpften.

Frauenvereine, dann Vorsitzende des deutschen Verbandes für Frauenstimmrecht und später Stadträtin in Dresden.

ALETTA JACOBS

Aletta Jacobs (1854–1929) war die erste Frau in den Niederlanden, die als Ärztin eine Zulassung erhielt. 1879 war sie als Hausärztin in Amsterdam tätig. Schon während ihrer Ausbildung in einem Krankenhaus in Amsterdam wurde sie tagtäglich mit den katastrophalen Auswirkungen von häufigen Schwangerschaften konfrontiert und erlebte hautnah, was das mit Frauenkörpern machte. Nach vielen Gesprächen mit den betroffenen Frauen wurde ihr klar, dass weitere Schwangerschaften nicht verhindert werden können, wenn als Verhütungsmöglichkeit lediglich die Enthaltsamkeit zur Verfügung steht. Hier musste sie etwas tun, etwas verändern und suchte lange Zeit nach einer Lösung.

Dann erweckte ein Artikel des Flensburger Arztes Dr. Wilhelm Mensinga (18361910) Alettas großes Interesse. Auch er hatte beobachtet, wie sehr Frauen, besonders die aus ärmeren Verhältnissen, langsam zugrunde gingen. Nicht nur, weil der Körper mit den vielen Schwangerschaften einfach überfordert war, sondern auch, weil die Frauen gar nicht wussten, wie sie die vielen Kinder satt bekommen sollten. Auch er wollte diesen Zustand ändern.

Nach vielen Versuchen entwickelte er das erste Pessar, das sogenannte Occlusiv-Pessar. Das war eine Gummikappe mit einem federnden Rand, die durch die Scheide eingeführt und vor dem Muttermund platziert wurde und so Schwangerschaften verhinderte Aletta Jacobs testete diese neue Verhütungsmethode erfolgreich bei einigen ihrer Patientinnen und bot das Occlusiv-Pessar nach Dr. Mensinga dann 1881 allgemein an.