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Kleine-Welt-Geschichten Die Evangelischen in Borgentreich Die Anfänge waren klein und bescheiden. Von ursprünglich wenigen Familien wuchs die evangelische Gemeinde in Borgentreich auf inzwischen über 1200 Mitglieder. Ihre Erlebnisse sind persönliche Geschichten aus einer kleinen Welt, eingebettet in die große Weltgeschichte. Mit anschaulichen Anekdoten und historischen Fakten schlägt Pfarrer Kai-Uwe Schroeter einen weiten Bogen von den Anfängen der Christianisierung bis zur Gegenwart. Dabei fehlen der Humor und die Leichtigkeit ebenso wenig wie der Ernst und das Schwere. Wer aus der Geschichte lernt, der wird sie in Zukunft besser machen.
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Seitenzahl: 133
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Aus der Geschichte lernen zu wollen bedeutet auch die Entschlossenheit oder zumindest die Bereitschaft, es in Gegenwart und Zukunft besser zu machen.
Roman Herzog
Vorwort: Luther war niemals in Borgentreich
Die Christianisierung
Ich habe dich bei deinem Namen gerufen!
Es hallt nach Borgentreich
Körbecke übernimmt
Der Krieg der Konfessionen
Übermut tut selten gut
Die pietistische Erweckung
Das Kirchlein
Anpassung und Widerstand
Schuld und Vertreibung
Erstanden aus Ruinen
Die Heimatvertriebenen kommen
Das Wirtschaftswunder
Die wilden 60er
Bodo räumt auf
Die Ruhe vor dem Sturm
Die neuen – alten - Deutschen
Frau Ziemssen baut
Alles hat seine Zeit
Bis hierher und noch weiter
Um es gleich vorweg zu nehmen: Martin Luther war niemals in Borgentreich! Das ist für jede evangelische Geschichtsschreibung erst einmal eine gewaltige Enttäuschung. Andere Städte wie Eisleben und Wittenberg dürfen den Titel Lutherstadt sogar im Namen führen. Borgentreich darf das nicht. Dafür heißt die Stadt stolz Orgelstadt. Die größte Barockorgel Westfalens steht nämlich in der katholischen Pfarrkirche St. Johannes Baptist, und 1980 wurde im ehemaligen Rathaus ein Orgelmuseum eröffnet, das erste seiner Art in Deutschland. Orgelstadt statt Lutherstadt – wäre damit die Rolle des Protestantismus in dem bezaubernden Städtchen in der Warburger Börde hinreichend beschrieben?
Nein, Martin Luther war zwar niemals in Borgentreich, aber das Entscheidende ist doch: Er hätte durchaus hier gewesen sein können! Zumindest auf der Durchreise. Das ist freilich eine reine Hypothese, aber sie liegt gar nicht so fern, wie es auf den ersten Blick erscheint; denn Martin Luther gehörte bekanntlich dem Orden der Augustiner Eremiten an. Dieser Orden hatte auch in Herford und in Lippstadt Klöster – und das ist gar nicht so weit weg von Borgentreich: zu Fuß nur 70 Kilometer. Ein Katzensprung also, den man in 15 Stunden Fußmarsch bewältigen könnte. Und wir wissen: Der Reformator war gut zu Fuß. Sein weitester Weg führte ihn über die Alpen in die ewige Stadt Rom. Pro Tag schaffte Luther bis zu 40 Kilometern Strecke. Er wäre also bei einem Abstecher aus Lippstadt in zwei Tagen in Borgentreich gewesen. Manche sagen: Hätte Luther das gewusst, hätte er sich die Reise nach Rom sparen können.Hätte, hätte, Fahrradkette. Doch so negativ möchte ich es nicht sehen. Hätte und Könnte sind bekanntlich auch die Konjunktive des Glaubens. Und die waren immerhin ausreichend, die kleine evangelische Kirche in Borgentreich Martin-Luther-Kirche zu nennen. Allerdings geschah dies erst in jüngster Zeit, als das nahe gelegene Gemeindehaus Katharina-von-Bora-Haus getauft wurde. Denn natürlich gehören Martin und Katharina zusammen – und wären gemeinsam als Paar bestimmt auch nach Borgentreich gewandert. Zumindest in den Konjunktiven des Glaubens …
Martin Luther. Fresco von Stig Alenas. Foto: Adobe Stock
Trotzdem berichten Gläubige augenzwinkernd davon, dass Martin Luther in späterer Zeit in Borgentreich erschienen sei. Zwar haben die Luthererscheinungen nicht die Bedeutung im Protestantismus wie die Marienerscheinungen im Katholizismus, auch sind sie theologisch umstritten, trotzdem hat das Leben in der Diaspora viele Legenden über dieses untypisch evangelische Phänomen hervorgebracht. Vorzugweise sind die Erscheinungen des Reformators in Borgentreich rund um die Martin-Luther-Kirche geschehen. So berichtet der Katholik Heinrich S. von einer Erscheinung, die ihn auf der Höhe des evangelischen Friedhofs ereilte:
Im Morgengrauen sah ich im Nebel eine Gestalt auf mich zukommen. Sie war umkleidet mit einer schwarzen Kutte, dem Gelehrtentalar des Mittelalters. Auf dem Kopf trug die Gestalt ein riesiges Barrett, unverkennbar die Luther-Mütze. Die Gestalt sprach, mit Kranach-bleichem Gesichtsausdruck: „Heinrich!“ Und ich antwortet: „Ja, Herr!“ Die Gestalt sprach weiter, es klang gebrochen und abgehackt: „Heinrich! Hier - stehe ich, ich – ka - ka - kann nicht anders.“ Voll Entsetzen ging ich nach Hause. Ich sprach an diesem Tag kein einziges Wort mit meiner Frau, legte mich hin und schlief mich aus. Am nächsten Tag betete ich intensiv den Rosenkranz. War es wirklich Marin Luther gewesen? Oder vielleicht der evangelische Pfarrer im Kostüm seiner Büttenrede? Hätte ich mich in der Nacht in der Karnevalssitzung doch nicht so sinnlos volllaufen lassen …
Die Geschichte der Evangelischen in Borgentreich ist voller Anekdoten und Legenden. Aber auch voller Fakten! Ich habe versucht, die Fakten aus den bekannten Quellen der Geschichtsbücher herauszuarbeiten. Sie sind im Literaturverzeichnis vermerkt. Vieles habe ich jedoch von Zeitzeugen erzählt bekommen, die anonym bleiben möchten. Ich will aber kein historisches Buch vorstellen, sondern ein Zeugnis des Bruchstückhaften. Nicht, wie es gewesen ist, interessiert mich in erster Linie, sondern wie die beteiligten Menschen ihre Zeit verstanden haben – und was wir heute daraus lernen können. Roman Herzog sagte einmal: Aus der Geschichte lernen zu wollen bedeutet auch die Entschlossenheit oder zumindest die Bereitschaft, es in Gegenwart und Zukunft besser zu machen.
Die Kleine-Welt-Geschichten aus Borgentreich stelle ich in den großen Zusammenhang der Weltgeschichte. Denn das Kleine ist immer ein Teil des Großen. Im besten Fall ist das, was ich in diesem Buch darstelle, ein Zeugnis des Glaubens. Möge es uns für das persönliche Leben, wie auch für das Leben unserer Gemeinde, neue Impulse geben. Es besser zu machen, wie Roman Herzog sagte, oder aber uns einfach nur als Teil einer großen Gemeinde Jesu Christi zu verstehen.
So klein die Anfänge der Protestanten in Borgentreich auch waren, sie beginnen nicht erst mit der Reformation. Bekanntlich sind Protestanten auch nur Christen, deshalb blicken wir auf die Christianisierung des Landes. Von Borgentreich reden wir natürlich auch schon, bevor es den Ort Borgentreich gab. Denn schließlich gab es noch nie einen weißen Fleck auf Gottes schöner Welt und Landkarte. Dazu gehen wir in das 8. Jahrhundert n.Chr. zu Karl dem Großen und den alten Sachsen. Nanu, wird der geschichtsvergessene Zeitgenosse sich wundern, was haben denn die Ostdeutschen mit Ostwestfalen zu tun? Doch wer im Geschichtsunterricht aufgepasst hat, weiß natürlich, dass es nicht um die heutigen Sachsen geht. Die müssten eigentlich Neusachsen heißen oder so ähnlich. Hier geht es um die Altsachsen. Die lebten im achten nachchristlichen Jahrhundert im heutigen Westfalen. Was hat sie dorthin gebracht? In den Geschichtsbüchern lesen wir, dass sie aus dem Norden Europas kamen. Dort ist es bekanntlich finster, vom Sonnenlicht her betrachtet. Und wer will schon im Dunkeln wohnen? Also brachen die Sachsen aus der Finsternis auf und zogen in den sonnigen Süden. Und wo ist es sonniger als in Borgentreich? Zwar gab es ja, wie gesagt, den Ort noch nicht, aber wir denken ja global und meinen die Landschaft, wenn wir von Borgentreich reden. Da liegt die Weser natürlich nicht weit entfernt, relativ gesehen. Und relativ liegt vieles in der Nähe von Borgentreich.
Karl d. Große lässt die Sachsen 782 n. Chr. in der Weser taufen. Unbekannt 1890
Doch so sonnig die Gegend um Borgentreich auch ist, weiter im Süden wird es bekanntlich immer noch sonniger. Das wussten auch die Franken, die vorher hier lebten, und zogen einfach weiter gen Süden. Sie hinterließen den nachfolgenden Altsachsen das Land, aber auch ihr geistiges Erbe. Und das war das Christentum, denn die Franken waren ja bekanntlich früher christianisiert. So schlagen wir den Bogen noch einmal zurück in das Jahr 496 n.Chr., als der Großkönig Chlodwig in der Kathedrale von Reims getauft wurde. Diese großartige Kathedrale gehört zwar nicht mehr direkt zum Borgentreicher Land, sondern liegt in Frankreich, aber als Meilenstein in der Geschichte des Christentums gehört sie gewissermaßen auch zur Vorgeschichte von Borgentreich.
Bei der Taufe von Chlodwig wird jedenfalls offenbar, wie sehr sich das Christentum von seinen Anfängen von Jesus Christus entfernt hatte. Für mich persönlich bedeutet mein christlicher Glaube immer, dass ich mich für den Frieden einsetze. So reihte ich mich voller Überzeugung in die Menschenkette für den Frieden auf dem Dortmunder Kirchentag ein. Und wenn ich die Quellen studiere, besteht kein Zweifel daran: Jesus lehnte Gewalt ab und setzte sich für den Frieden ein!
Das hatte Chlodwig offenbar anders verstanden. Er stand vor einer Entscheidungsschlacht im Rheinland gegen die Alemannen, jenem dritten großen westgermanischen Stamm neben den Franken und den Sachsen. Chlodwig gelobte, sich taufen zu lassen, wenn er die Schlacht gewinnen würde. Nach dem Sieg löste er das Gelöbnis ein, und die Franken taten es ihm gleich, dazu verpflichtet durch die germanische Gefolgschaftstreue. Man kann sich heute in die Stimmung, die damals herrschte durch Wagners Tristen und Isolde hineinversetzen, wo Marke singt: Sieh ihn dort, den treu'sten aller Treuen… Treue bedeutete damals: Alle wurden Christen, aus Treue zu ihrem König Chlodwig.
Man hat sich ja daran gewöhnt, geschichtliche Ereignisse nicht zu kommentieren, sondern hinzunehmen. Und trotzdem wage ich die Behauptung, dass Chlodwig das Christentum grob missverstanden hat. Es gibt nur ein Entweder-Oder: Entweder ist Christus ein Kriegsgott – oder wir reihen uns in die Menschenkette für den Frieden ein. Gibt es da noch etwas aufzuarbeiten? In welchem Geschichtsbuch ist zu lesen, dass die Christianisierung komplett an der Gesinnung Jesu vorbeiging?
Historisch ist es ein Faktum, dass Chlodwigs eigene Taufe und die Gefolgschaftstreue seiner Franken das Land christlich machten. Diese treuen Christen errichteten später in den Jahren 772-775 auch Kirchen im Land, so auf der Eresburg in Obermarsberg. Jetzt sind wir wieder ganz in der Nähe von Borgentreich, denn hier verlief damals auch die Grenze zwischen dem Frankenreich und den Sachsen, etwa auf der heutigen Grenze Westfalens zum Landesteil Nordrhein und zu Hessen. Karl der Große hatte geschworen, die alten Sachsen entweder zu vernichten – oder zu christianisieren. Sicherlich hatten die Franken es bedauert, die sonnige Gegend um Borgentreich überhaupt freigegeben zu haben. Vielleicht wollten sie zurück. Aber auch der heidnische Glaube der feindlichen Sachsen ging Karl dem Großen mächtig auf den Zeiger. Die glaubten an Wodan als dem obersten Gott. Donar war der Gott des Blitzes, Freyda war die Göttin der Fruchtbarkeit … und so weiter und so fort. Alles ein Gräuel für den alten Karl. Dazu kam noch die militärische Gefährlichkeit der alten Sachsen. Ihre Kamikaze-Mentalität machte sie zu unberechenbaren Gegnern. So glaubten ihre Helden fest daran, dass sie durch den ehrenvollen Tod für ihren Stamm und die Familie zur Belohnung direkt in das Walhalla einziehen dürften. Allen voran war durch den Militärführer Widukind ein wirklich streitbarer Gegner erwachsen. Also blieb Karl nur die Alternative, die Sachsen zu vernichten oder zu christianisieren.
Christianisieren kann man auf zweierlei Art. Das Neue Testament kennt nur die friedliche Missionierung – oftmals sogar unter Einsatz des Lebens für die Missionare. Der Apostel Paulus hat niemals Gewalt gegenüber Menschen ausgeübt. Er hat vielmehr Gewalt erleiden müssen, ohne sich jemals gewehrt zu haben. Damit hat Paulus den Geist Jesu überzeugend repräsentiert. Eigentlich hätte man meinen müssen, dass nun Frieden und Gewaltverzicht grundsätzlich für das Christentum gegolten hätten. Immerhin waren die neutestamentlichen Schriften zu keinem Zeitpunkt verschollen gewesen. Man hätte sie nur lesen oder sich übersetzen lassen müssen. Dann hätte man gewusst: Es geht bei der neutestamentlichen Christianisierung immer nur um die freiwillige Annahme des Glaubens aufgrund von innerer Überzeugung. Die Taufe ist das Zeichen der inneren Umkehr und der neu gewonnenen Glaubenseinstellung, die Jesus als den Mittler zu Gott anerkennt.
Im Gegensatz zu diesen klaren Aussagen des Neuen Testaments steht die Zwangstaufe. Taufe und Zwang sind zwei Wörter, die nichts miteinander zu tun haben – und auch im Ursprung des Christentums niemals etwas zu tun haben sollten. Eine erzwungene Taufe ist ein Widerspruch in sich.
Karl zwang die alten Sachsen zu Massentaufen an den Pader- und Lippequellen, noch bevor die Leute den neuen Glauben richtig verstanden hatten. Die Täuflinge mussten das uns heute noch geläufige Taufgelübde ablegen, das durch eine Absage an den Teufel ergänzt wurde: Ich widersage allem Teufelswerk und -wort; Donar und Wodan und Saxnot und all den Unholden, die ihre Genossen sind.
Es macht Karl theologisch nichts aus, dass er aus der Froh -Botschaft des Neuen Testaments eine Droh- Botschaft gemacht und ein Taufverständnis eingeführt hatte, das durch keine Quelle im Neuen Testament gerechtfertigt werden konnte. Das Missverständnis von Christus als einem Kriegsgott, das schon bei Chlodwig angelegt war, setzte sich offenbar fort. Als schließlich Widukind im Jahr 785 n. Chr. getauft wurde, war Karl selbst anwesend. Er wurde sogar Taufpate und machte seinem ausgewachsenen Patenkind wertvolle Geschenke. Widukind hatte keine Probleme damit, den neuen Glauben anzunehmen. Immerhin passte das missverstandene Christentum in sein Weltbild: Der Christengott, vertreten durch Karl mit seinen Franken, hatte sich als der Stärkere erwiesen - das überzeugte auch vom altsächsischen Standpunkt aus.
Das alles gehört weitläufig zur Vorgeschichte Borgentreichs. Schließlich haben Ausgrabungen bei Großeneder gezeigt, dass es bereits 4900 Jahre v.Chr. hier Siedlungen gegeben hat. Eigentlich hätten wir also bei Adam und Eva anfangen müssen. Aber da hätten sich die Historiker darüber streiten müssen, ob Borgentreich außerhalb oder innerhalb des Garten Edens gelegen hätte. Die Befürworter verweisen auf das Liebestal, das sich entlang des Maschbaches erstreckt und im Sommer geradezu paradiesisch anmutet. Bloß die Quellenlage ist leider zu dürftig, um darüber ein abschließendes Urteil zu fällen. Ob die ersten Menschen am Maschbach ihre Liebe zueinander entdeckt haben, oder ob es doch zwischen den Bächen Euphrat und Tigris gewesen ist, ist einzig und allein eine Sache des Glaubens. Immerhin stehen im Liebestal 140 Apfelbäume, die ganze Geschichte mit Adam und Eva hätte sich also hier abspielen können … und kann sich zur Not immer noch abspielen.
Im Jahr 1280 wird Borgentreich zum ersten Mal als Borguntriche in den geschichtlichen Quellen erwähnt. Was für ein Name! Man fühlt sich geradezu an das Wort aus Jesaja 43,1 erinnert: Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Auch wenn es nicht durch den HERRN selbst geschah, der Borgentreich aus der Taufe hob, so war es jedenfalls der Paderborner Bischof Otto von Rietberg, der vom Kölner Erzbischof die Erlaubnis zur Stadtbefestigung erhielt. Noch erhalten ist die Wüstung Emmerke im Stadtgebiet von Borgentreich, gelegen zwischen Borgentreich und Bühne. Erwähnt wurde das Dorf Emmerke bereits 920 unter dem Namen Ambrike. Das Dorf ging vermutlich infolge der Gründung der Stadt Borgentreich im späten 13. Jahrhundert unter, da die Bevölkerung von Emmerke in die neue Stadt umsiedelte.
In den unruhigen Zeiten von 1444 bis 1449 wurde Emmerke vollständig niedergebrannt, als böhmische Kriegsvölker mit vielen tausenden von Soldaten durch die Warburger Börde heimwärts zogen. Die 1,5 Meter dicken Mauern der Kirche haben die Verwüstung überstanden.
Wüstung Emmerke, Foto: Schroeter
Nach einer Sage sollen die Glocken der Kirche des Dorfes Emmerke nahe der Mühle in einem tiefen Brunnen versenkt worden sein. Zur Mitternachtsstunde soll man heute bei besonderen Anlässen den Schall der Glocken vernehmen können. Aber diese Sage ist auch wieder einer der Konjunktive des Glaubens.
Der ostwestfälische Raum entwickelte sich zu einer reich gegliederten Klosterlandschaft. Von Corvey und Marienmünster im Osten bis Herzebrock und Clarholz im Westen, von Dalheim und Hardehausen im Süden bis Enger und Herford im Norden. Und Borgentreich lag mittendrin in dieser Klosterlandschaft, zwar ohne eigenes Kloster, aber immer Anteil nehmend an den geistlichen Strömungen der Zeit. Das Schild, das heute an der A44 direkt vor der Autobahnabfahrt Warburg steht, trägt den Hinweis Weltkulturerbe Corvey. Das weist auf die unmittelbare Nähe zu dem Kloster. Von der Abfahrt sind es nur 53 Kilometer. Nur? Wie gesagt, in Ostwestfalen spielen Entfernungen eine untergeordnete Rolle. Es geht um die gefühlte Nähe. Insofern liegt Borgentreich auch in der Nähe von fast allem …
Doch zurück zur Autobahnabfahrt Borgentreich (auf dem Schild steht zwar Warburg, aber das ist nur die Straße, die nach Borgentreich führt). Jeder Besucher des Weltkulturerbes, der von südlich der Diemel-Linie kommt, fährt unweigerlich durch Borgentreich. Deshalb spielte hier in der Zeit vor Martin Luther natürlich der Reliquienkult eine besondere Rolle. In Corvey liegen die Knochen des Heiligen Vitus. Wer in die Nähe der Knochen kommt, erfährt eine wundersame Heilung von Krankheiten wie Epilepsie, Krämpfe, Tollwut, Bettnässen, Gehörlosigkeit und Augenkrankheiten. Da Borgentreich nur 35 Kilometer von den Knochen entfernt liegt, sind wundersame Spontanheilungen nicht ausgeschlossen.
Der Reliquienkult war aber für Martin Luther und seine Mitstreiter einer der Hauptanlässe, Kritik an der Katholischen Kirche zu üben. Heute fragen sich manche, ob das mit der Kirchenspaltung wirklich sein
