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Von Teneriffa über Russland, Tschechien und Ungarn bis nach Thailand spannt sich der Bogen dieser neun Erzählungen; Episoden aus dem Leben, in denen oft auch Frauen eine Rolle spielen. Die Erzählungen berichten von Hoffnungen und Enttäuschungen und von ... Sülze.
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Seitenzahl: 183
Veröffentlichungsjahr: 2020
Von Teneriffa über Russland, Tschechien und Ungarn bis nach Thailand spannt sich der Bogen dieser neun Erzählungen; Episoden aus dem Leben, in denen oft auch Frauen eine Rolle spielen. Die Erzählungen berichten von Hoffnungen und Enttäuschungen und von … Sülze.
Der Autor (Jahrgang 1946) ist Physiker und arbeitete viele Jahre nebenberuflich als Übersetzer. Bei BoD veröffentlichte er 2015 den Roman „Kaiserwalzer“ und 2017 den Roman „Auseinandergelebt“. Er lebt in Thailand.
DIE SCHÖNE ELENA
DER FALL MASLJONOW
BRUNOS BEICHTE
WIDER DEN KNORPELSCHWUND
CLARA-ULRIKE
DAS WEIßE TASCHENTUCH
DAS BLAUE SCHWARZE MEER
IST SÜLZE KUNST?
SIAMESISCHE VERWIRRUNG
Unsere Verabredung mit dem Leben
findet im gegenwärtigen Augenblick statt.
Und der Treffpunkt ist genau da,
wo wir uns gerade befinden.
Buddha
Moskau
„Vorsicht am Bahnsteig, der verspätete Zug aus Wolgograd fährt ein.“ Na, endlich! Über eine Stunde hatte Elena schon auf dem Pavelezkij-Woksal1 auf Nataschas Ankunft gewartet. Die Bremsen quietschten, der Zug kam zum Stehen, die Türen wurden aufgerissen und die Menge der Ankommenden vermischte sich mit den Wartenden. Eine Frau mit schwarzem Umhang und Hochsteckfrisur setzte ihren schweren Koffer auf Elenas Füße und umarmte ihren Enkel. Der ließ vor Schreck über die dicke Oma den Blumenstrauß fallen. Die Lautsprecherstimme, die über Anschlusszüge informierte, ging in all dem „Hallo!“ und „Dobro poschalowatsch2“ unter. Elena befreite ihren Fuß von der Kofferlast und stellte sich auf die Zehenspitzen, um über das Meer von Köpfen, Hüten und Mützen hinwegschauen zu können. Natascha sollte ihren roten Regenschirm als Erkennungszeichen hochhalten, so war es ausgemacht. Endlich, da inmitten der Menschenmenge erspähte Elena den roten Schirm. Er wippte auf und ab, kam immer näher, genau auf sie zu.
Fast hätte Natascha ihre Freundin, mit der sie in einem kleinen Dorf an der Wolga ihre Kindheit und frühe Jugend verbracht hatte, nicht erkannt. Aus dem Dorfmädchen Elena war eine junge Frau geworden, eine Hauptstadtpflanze mit engem Pulli, kurzem Rock und Stöckelschuhen und einer Figur, die selbst hier im Gedränge des Bahnsteigs die Blicke der Männer auf sich zog. Das goldblonde Gestrüpp auf dem Kopf der Dorf-Elena war einer modischen Kurzfrisur gewichen, ein Blond, wie es nur die Natur und keine Chemiemixtur hervorbringen kann. Aber das Hüpfen der Sommersprossen auf ihrem Gesicht wenn sie lächelte war noch wie ehedem. „Hallo, ich grüße das hübsche Fräulein aus der Provinz, Salve Natascha! Ein Jahr lang hast du dich rar gemacht, dabei haben wir uns so viel zu erzählen.“
„Ja, meine schöne Helena, das haben wir. Und wie geht es der Moskwitschka?“ Natascha musterte Elena von oben bis unten. „Einen geilen Rock hast du an, pass auf, dass er dir nicht über den Hintern rutscht! Und erst dein Pulli! Der Ausschnitt! So etwas würde in der Provinz als anrüchig gelten. Fantastisch siehst du aus, megafantastisch“
„Und du erst! Wie eine Dame! Einfach schick. Deine tollen Beine – wie ein Model auf dem Laufsteg. In diesen High Heels kommen sie erst richtig zur Geltung. Aber du zitterst ja! Was ist los? Nataschenka maja, was ist los mit dir?“
Natascha schaute sich ängstlich um. „Das erzähl’ ich dir später. Lass uns erst mal hier verschwinden!“
„Okay. Wir fahren am besten mit dem Bus, das dauert zwar länger als mit der Metro, aber wir müssen nicht umsteigen“, sagte Elena, nahm Nataschas Koffer und bahnte sich einen Weg durch die Menge. „Mein Wohnheim liegt etwas außerhalb des Zentrums. Wir haben eine Woche lang sturmfreie Bude. Meine mongolische Zimmergenossin, die mit dem unaussprechlichen Namen, ist zu ihren Eltern gefahren. Wir können den ganzen Tag reden, und die Nacht dazu. Wir können alles machen, das dir bei dem Wort Moskau einfällt – Shopping, Sightseeing, Freunde treffen, in Museen und Theater gehen …“ Elena vollführte mit den Augen ein gedankliches Sightseeing, lotste Natascha hinaus auf den Bahnhofsvorplatz und schob sie in den Bus, der schon an der Haltestelle stand.
„Ein Mega-Programm für die paar Tage“, brachte Natascha erschöpft hervor.
„Ja, aber diese Tage müssen wir nützen. Carpe diem! Einige Highlights sind schon fest eingeplant. Ich bin gespannt, wie dir unser Szene-Club gefällt.“
„Szene-Club? Was ist das denn?“
„Unser Club ist im Kellergeschoß eines Hotels in der Nähe der Uni. Der Bus fährt daran vorbei, ich zeig ihn dir. Dort verkehren hauptsächlich Künstler und solche, die glauben, welche zu sein. Ich kann dir sagen - Typen gibt es da!“
„Passen Sie doch auf! Treten Sie mit ihren Stöckelschuhen nicht auf meinen Hund“, fuhr eine Frau Elena an und versuchte mit beiden Armen Platz für ihren Mops zu schaffen.
Natascha zog Elena zu zwei Sitzplätzen, die gerade freigeworden waren. „Ja, ich bin neugierig geworden auf deinen Club. Du scheinst dich ja in dieser Szene und ihren Typen gut auszukennen.“
„Ja, mit einem bin ich näher bekannt.“
„Was heißt näher bekannt?“
Der Bus passierte einen Bahnübergang und die Fahrgäste wurden ordentlich durchgerüttelt. Die Frau nahm ihren Mops auf den Arm und tätschelte ihn zärtlich: „Keine Angst Mosik, es ist gleich vorbei.“ Irgendwie sah Mosik seinem Frauchen ähnlich. Elena schaute zum Fenster hinaus, als gäbe es dort etwas Interessantes zu entdecken. Was heißt das, mit diesem Typen näher bekannt zu sein? Wie soll sie das ihrer Freundin erklären, wo sie es doch selbst nicht genau weiß?
Natascha ließ nicht locker: „Was heißt das, näher bekannt?“
„Er ist ein Künstler, und ich bin seine Muse. Gewissermaßen seine Übermuse. Du wirst sehen.“
„Ausgerechnet ein Künstler? Oder einer, der es gern wäre? Was für ein Typ ist das?“
„Keine Angst! Ich habe alles unter Kontrolle. Er heißt Valentin Petrow. Ein Maler, ein Autodidakt; sehr direkt und kompromisslos, etwas exzentrisch. Aus der Kunstakademie haben sie ihn rausgeworfen; es war zu einem Eklat gekommen. Valentin hatte im Malsaal wie verrückt herumgeschrien: ‚Hier malt ihr nur Scheiße, imitiert jeden Stil, nur einen eigenen habt ihr nicht.’ Seitdem hat er Hausverbot, arbeitet in seinem eigenen Atelier und nennt sich Valentino Beriosowo3. Und malt ausschließlich Birken. Mich hat er auch schon als Birke gemalt.“
„Waaas? Das ist doch verrückt oder … pervers.“
„Mir ist es jedenfalls lieber, wie eine Birke auszusehen, als wie ein Alien mit verdrehtem Kopf und seitlich herausstehender Nase. Kennst du Picasso?“
„Lenk nicht ab! Warum malt er gerade Birken, dein Valentino?“
Elena überlegte, ob sie Valentinos Birken-Geheimnis preisgeben sollte. Aber bei Natascha war sie sich sicher, dass es ein Geheimnis bleiben würde, sie war kein Plappermaul. „Seine Mutter hatte ihn als Säugling während eines Picknicks mit Freunden im Wald unter einer Birke schlafen gelegt und dort vergessen. Erst am nächsten Tag – sie war inzwischen einigermaßen nüchtern – erinnerte sie sich des kleinen Valentinos, rannte in den Wald und nahm ihr Baby der Birke wieder weg. Aber pst! Das hat er nur mir erzählt, sonst niemandem“
Natascha lachte laut los, sodass der Mops erschrocken aufschaute. „He, das ist doch frei erfunden!“
„Wer weiß. Die Mutter lebt nicht mehr, hat sich tot gesoffen. Jedenfalls gilt Valentinos Schöpfungswut nur einem Objekt: dem Baum mit der weißen Rinde. Den malt er in allen Variationen. Wenn du aber an ein Birkenwäldchen denkst – heiß geliebt in unserem Mütterchen Russland – dann liegst du völlig falsch. Valentino malt Birken, die von sich selbst nie behaupten würden, Birken zu sein. Was er malt wird erst durch seine künstlerische Intention zur Birke.“
Der Bus fuhr über eine von Stahlträgern und Trossen gehaltene Brücke über die Moskwa. Natascha sah weiße Ausflugsschiffe auf dem Fluss mit winkenden Passagieren an Deck. Es ist Wochenende und Ausflugswetter. Die Moskauer entfliehen ihrer Stadt, hinaus in die Frische der Birkenwälder.
„Was du da erzählst, klingt nach Fanatismus, künstlerischem Fanatismus.“
„Ja, du hast Recht. Seine Malerei hat etwas Fanatisches, aber auch Phantastisches. Wenn er mir eines seiner Bilder zeigt, frage ich nie was es darstellt. Warum auch? Es ist immer Birke. Auch wenn es aussieht wie ein Verkehrsunfall. Dann ist es eben eine umgestürzte Birke.“ Elena legte beide Hände auf die Oberschenkel und spielte mit den rot lackierten Fingern. „Seine Hände sind ständig von Farbklecksen übersäht. Manchmal denke ich, diese Farbkleckse sind das Schönste an seiner Malerei. Aber das liegt wohl eher an den Händen.“
„Kann er denn von seiner Kunst leben?“, fragte Natascha nach einer Weile.
„Nein, verkauft hat er noch nichts. Das sei ein gutes Zeichen, behauptet er.“
„Und wovon lebt er dann?“
Elena zögerte, suchte nach einer möglichst unverbindlichen Auskunft: „Er hat mir erlaubt, ihn mit dem Nötigsten zu versorgen.“
„Aha, jetzt weiß ich, was Übermuse bedeutet. Und woher nimmst du das Nötigste?“
Elena wurde verlegen: „Das ist eine lange Geschichte, verworren und ziemlich Elena-untypisch. Ich erzähl sie dir später. Los, an der nächsten Haltestelle müssen wir raus.“
Die beiden Mädchen schoben sich zum Ausgang. Der Mops knurrte, die Mopsfrau schaute den beiden Mädchen giftig nach und dachte: Eine Birke als Kunstobjekt? So ein Blödsinn, an so eine Kunstbirke würde nicht mal mein Mosik pinkeln.
Die Mädchen warteten an der Haltestelle, bis sich die anderen Fahrgäste verkrümelt hatten. Elena zog den Handgriff des Koffers hoch, kippte den Koffer auf die Rollen und zeigte auf ein Treppen-Piktogramm. „Los, wir müssen nur durch die Unterführung, der große Klotz da drüben ist das Wohnheim.“
Natascha legte ihren Arm auf Elenas Schulter. „Warte! Was heißt das, die Muse eines eingebildeten Künstlers zu sein? Liebst du ihn? Liebt er dich? Ich habe Angst, dass er dir Unglück bringt, dieser halbverrückte Pinselakrobat.“
Wen ihre Freundin liebt, war Natascha schon immer wichtig gewesen, auch damals schon, als es noch um Nachbarsjungen mit strubbligen Haaren und dreckigen Fingernägeln ging. Muse sein und jemanden mit dem Nötigsten versorgen – ist das dasselbe wie lieben?
„Es ist nicht gerade lebensgefährlich, Natascha, doch vielleicht hast du Recht mit deiner Angst. Ich bin wohl dem Birkenmann verfallen, doch an Unglück denke ich nicht mal. Valentino hat mich verhext. Wenn wir zusammen sind, dann gibt es kein Unglücksdenken, überhaupt kein Denken; dann gibt es nur den Augenblick.“
„Ein Fall von Liebestollheit?“
„Liebestollheit?“ Elena fand den Ausdruck nicht unpassend, „ja, vielleicht, oder Liebeswahn. Jedenfalls ist Valentino mein Lehrmeister im Fach Amore, und darin ist er jenseits aller Birkenspinnerei wirklich ein Künstler.“
„Oho, ein Künstler mit Lehrauftrag im Fach Amore. Du hast mich neugierig gemacht.“ Natascha packte ihre Reisetasche und folgte Elena in Richtung der Unterführung. „Ich hoffe, du wirst ihn mir vorstellen.“
„Übermorgen kannst du ihn kennen lernen. Wir planen eine Party im Club.“
„Deine Augen verraten, dass du ihm wirklich verfallen bist. Offenbar leidest du an einer unerforschten Krankheit, an valentinöser Birkulose.“
***
Kaum waren sie in Elenas Studentenbude angekommen, streifte Natascha ihre durchlöcherten Strümpfe ab und wollte sie rasch im Abfalleimer entsorgen. Elena hatte es natürlich bemerkt, die Laufmaschen waren ihr schon aufgefallen, als Natascha ihr am Bahnsteig entgegenkam. „Willst du nicht darüber sprechen?“, fragte sie. „Hat es mit der Zugfahrt zu tun?“
Natascha nickte nur. Sie zog sich aus, duschte und kam danach in ein Badetuch gewickelt ins Zimmer zurück.
„Es ist eine widerliche Geschichte“, begann Natascha, während sie aus dem gardinenlosen Fenster auf das Treiben auf der Straße schaute. Direkt unter ihr stauten sich die Autos auf der vierspurigen Straße, in der Ferne verlor sich das Häusermeer im Dunst. Moskau – die stolze Metropole, Panoptikum der Selbstgefälligkeit. „Mein Geld hatte natürlich nur für ein Platzkartny4 gereicht. Zum Glück war ich allein in diesem Abteil. Aber nicht lange. Noch am Abend, beim ersten Zwischenstopp in Saratow, kamen drei Männer ins Abteil, Arbeiter von einer Moskauer Baustelle. Ein Schwarzhaariger mit fettigen Locken, ein Blonder mit Igelfrisur und einer mit polierter Glatze. Angeblich hießen sie alle drei Iwan. ‚Sagen Sie einfach Iwan1,2,3’. Dabei lachten sie, als hätten sie einen Witz zum Besten gegeben. Sie machten es sich mir gegenüber auf der unteren Liege bequem und verwickelten mich in ein Gespräch. ‚Nach Moskau wollen Sie? Und ganz alleine?’ Offensichtlich kannten sie sich in Moskau gut aus. Sie erzählten von ihren Streifzügen durch die Stadt und protzten mit erotischen Abenteuern, auf deren Ausmalung sie besonderen Wert legten. Ich hätte lieber geschlafen.“
Natascha stockte, schloss die Augen. War sie vielleicht selbst schuld an dem Geschehen im Zugabteil? War sie zu naiv, eine zu leichte Beute gewesen?
„Als ich mich gerade schlafen legen wollte, kramte der schwarzhaarige Iwan eine Flasche mit einer gelblichen Flüssigkeit aus seinem Rucksack. ‚Von meiner Mama, Samogon5 aus Pflaumen’, verkündete er stolz, als wäre von einem Bio-Vitamintrunk die Rede. Mit einer Höflichkeit, die an Nötigung grenzte, schlug er vor, dass ich mal probiere sollte. Natürlich wehrte ich mich, du kennst ja meine Abneigung gegen Alkohol. ‚Du beleidigst meine Mama’, sagte der Mann und schüttelte seine schwarze Mähne. In seiner Stimme lag schon der Hauch einer Drohung. ‚Und mich beleidigst du auch’. ‚Uns alle beleidigst du’, fiel der Glatzkopf ein. Aus Angst trank ich ein winziges Schlückchen, froh, dass ich wenigstens als Erste trinken durfte. Mir wurde augenblicklich übel. ‚Du musst den Tropfen im Mund rotieren lassen, bevor du ihn schluckst’, erklärte der Schmalzlockige mit Expertenmiene.“
Natascha setzte sich aufs Elenas Sofa, stemmte ihre nackten Füße aufs Polster und presste die Knie eng an den Körper. Aus dem Nachbarzimmer drang leise Musik herüber. Ein Mädchen sang „Moskovskije Wetschera“ zur Gitarre. „Inzwischen hatte die Flasche die Runde gemacht und die drei hatten der gelben Brühe kräftig zugesprochen. Nun war die Flasche wieder bei mir. Der Blonde hatte sich neben mich gesetzt und hielt mich an der Schulter fest, während der Schwarzhaarige mir die Flasche an den Mund drückte. Nach dem dritten Schluck begann sich in mir ein Kreisel zu drehen. Der Blonde lehnte mich an die Wand, als wollte er mir helfen, zog mich dann zur Seite, sodass ich fast zum Liegen kam. Da begriff ich, wohin die Reise gehen sollte. Mit letzter Kraft befreite ich mich beim nächsten Flaschenwechsel aus seinem Griff, sprang auf und konnte die Abteiltür erreichen.“
Elena schaute Natascha mit großen Augen an. Sie konnte kaum glauben, was sie da hörte. Natascha nippte am Apfelsaft und erzählte weiter während sie sich die Haare trocken rieb. „Ich stürmte aus dem Abteil, den Gang entlang, hin zur Deschurnaja6, die wegen des Lärms aus ihrem Dienstabteil gekommen war. Ihre bloße Anwesenheit war ein Glück für mich, denn die drei Burschen waren mir auf den Fersen, laut lachend und die Schnapsflasche hoch in der Hand schwenkend. Die Deschurnaja zog mich hinter sich und baute sich breitbeinig im Gang auf. Als die drei Iwans diese gewaltige Person sahen, verschwanden sie immer noch johlend in ihrem Abteil. Die Deschurnaja, eine Frau um die Fünfzig, groß und stämmig wie eine Gewichtheberin, schob mich in ihr Dienstabteil. ‚Ich heiße Mira’ sagte sie, ‚warte hier, Töchterchen’. Sie schloss von außen ab und verschwand in Richtung des Iwan-Abteils.“
Natascha stand auf und schaute wieder zum Fenster hinaus. Am Fuße der Leninberge strahlte das große Rund des Dynamo-Stadions wie ein Feuerrad in der einsetzenden Dämmerung. Vier riesige Scheinwerfermasten tauchten das Spielfeld in gelbes Licht. „Du glaubst es nicht, Elena, es gibt Frauen, die können es mühelos mit drei besoffenen Kerlen aufnehmen, nicht nur rhetorisch. Nach kurzer Zeit kam Mira zurück. Sie hatte keinerlei Blessuren, aber mein gesamtes Gepäck und all meine Sachen bei sich. ‚Dich drei Trunkenbolden ausliefern, Matuschka, das wäre ja noch schöner! Du bleibst bei mir! Iwan123, ha, die haben wohl nicht alle Tassen im Schrank. Denen habe ich ihren Vitamintrunk in die Haare geschmiert. Jetzt stinken sie bis Moskau nach Pflaume’.
Mir war noch immer übel, aber ich fühlte mich sicher wie ein Küken unter dem schützenden Federkleid der Henne. Ich kletterte auf die Liege, die Mira frisch bezogen hatte, krümmte mich zusammen und lauschte dem gleichmäßigen Ba-bum, Ba-bum, Ba-bum der Räder. Ich dachte an unser Dorf, an meine Mutter, meinen Vater und meinen Bruder, an unser behütetes Leben dort.“
Natascha machte eine Pause und begann, ihren Koffer auszupacken. „Dreimal musste ich in jener Nacht aufs Klo. Mamas Selbstgebrannter war ein übles Gesöff. Es wollte da wieder hinaus, wo es hereingekommen war. Jedes Mal begleitete Mira mich auf diesem unappetitlichen Gang. Ich kotzte mir die Seele aus dem Leib. Dann schlief ich bis zum Morgen. Mira hatte inzwischen meinen Blusenknopf angenäht. In Moskau angekommen begleitete sie mich bis auf den Bahnsteig. ‚Leb wohl, Töchterchen. Fahr beim nächsten Mal nicht alleine, oder sag mir Bescheid. Hier ist meine Telefonnummer’.
Das Pflaumenschnapsabteil hielt sie noch verschlossen.“
„Bosche moj 7 “, Elena starrte Natascha fassungslos an, „Bosche moj“, wiederholte sie und stemmte beide Hände gegen die Schläfen. „Was hätte ich bloß gemacht in dieser Situation? Männer gibt es…! Dagegen ist mein Valentino ein harmloser Spinner.“
***
Elena und Natascha hatten sich herausgeputzt für die Party im Szene-Club, legere Tunika über engen Jeans und dazu High Heels in passender Farbe. Natascha hatte fast eine halbe Stunde vor dem Spiegel zugebracht, die Lippen nachgezogen und die Augenbrauen verstärkt, während Elena nur ihrem naturbelassenen Gesicht im Spiegel kurz zugenickt hatte.
Der Club war nicht weit von Wohnheim, nur dreimal um die Ecke. Sie gingen zu Fuß zu diesem ziemlich heruntergekommenen Hotel. Neben der Tür, etwas abseits, saß auf einem wackligen Hocker eine alte Frau mit einem einzigen Blumenstrauß, den sie mit ihrer zittrigen Hand den Vorübergehenden entgegenstreckte. „Nur 3 Rubel“ murmelte sie, ohne Elena und Natascha anzuschauen. Der Zustand der Blumen ließ erahnen, dass sie schon seit dem frühen Morgen hier saß, und dass die Chancen, einen Käufer zu finden, immer geringer wurden.
Das Hotelfoyer war fast menschenleer, eine große kahle Halle, der Boden und alle Wände mit Steinplatten getäfelt. Unter einem Zigarettenautomaten an der linken Wand stand eine Schuhputzmaschine ohne Bürsten. Ein einsamer Mann saß lesend auf einem kunstlederbezogenem Sessel, vor sich auf dem Tisch einen Stapel Bücher. Einziger Schmuck der Halle – ein vielarmiger Lüster an einer Eisenkette. So wurde in den sechziger Jahren gebaut, große ungemütliche Foyers, kleine, noch ungemütlichere Zimmer mit nachgemachten Stilmöbeln; repräsentativ nannte man das.
Die Mädchen gingen auf eine Schwingtür am Ende der Halle zu, über der ein handgemaltes Schild mit der Aufschrift „Club de Visionaire“ prangte und stiegen dann eine breite Treppe hinab in den Keller. Natascha riss erstaunt die Augen auf. So etwas hatte sie nicht erwartet. Schon der erste Raum und sein Interieur erinnerten sie an den Film „Die Pariser Bohème“, der neulich zu später Stunde im Fernsehen kam. Weiß gekalkte Wände, Fußböden aus ungehobelten Brettern, gewölbte Decke aus unverputzten Ziegelsteinen. Gemälde mit wild hingeworfenen Farbexplosionen bedeckten die Wände. Überall standen Skulpturen aus Holz, Stein oder rostigem Eisen herum und dienten zum Teil als Tisch oder Sitz. Kann man sich auf diesen an einer rostigen Kette hängenden Holzbalken mit Bronzeintarsien setzen, oder darf man ihn nur ehrfürchtig betrachten? Und das uralte Sofa? War es von Künstlerhand veredelt, oder war es einfach nur alt und verschlissen? Man wusste nicht, was Kunst und was Möbel war, denn das Möbel sah genauso abenteuerlich aus wie die Kunst. Der zerfledderte Regenschirm in der Ecke konnte ein vergessener Gebrauchsgegenstand sein oder auch Produkt künstlerischer Gebärfreude. Wahrscheinlich hatten alle Künstler, die hier irgendwann zu Gast gewesen waren, ihre künstlerische Duftmarke hinterlassen. Eine Welt, die Natascha bisher nur aus Filmen und Erzählungen kannte. Könnte sie sich wohl fühlen in diesem Durcheinander von Möbel und Dekoration? Vieles erschien ihr als Provokation, als Versuch herauszufinden, wie weit die Akzeptanz der Betrachter reicht. Mitten in diesen Gedanken tippte ihr jemand auf die Schulter. Elena stand hinter ihr mit einem jungen, verlegen lächelnden Mann. „Das ist Valentino. Meine Freundin Natascha aus Wolgograd.“
Etwas linkisch, fast zaghaft gab Valentino Natascha die Hand. „Privet8“ war alles, das er über die Lippen brachte. Dass Elena ihn sofort auf den Mund küsste, war ihm offenbar peinlich.
„Der taut bald auf“, flüsterte Elena Natascha ins Ohr.
Das tat er tatsächlich, nachdem sie an der Bar das dritte Glas geleert hatten. Er taute auf, obwohl er nur Birkensaft, sein Leibgetränk, schlürfte. Er fragte Natascha nach ihrem Studium, er könne sich nicht vorstellen, dass man Sprachen studieren könne, und dann auch noch Deutsch in Wolgograd, wo doch die Stadt mit Deutschland eher negative Erinnerungen verbinde.
„Das ist lange her“, warf Elena ein, „und außerdem hat die Sprache nichts zu tun mit den historischen Ereignissen. Würdest du Französisch ablehnen, weil Napoleon Moskau erobert hat?“
Valentino wollte etwas erwidern, aber da wurden alle Gäste in den Vortragsraum gerufen. Die drei nahmen ihre Gläser und gingen hinüber in den größten Raum des Clubs, in dem uralte Sofas, verschlissene Sessel und Bänke aus dicken Brettern auf Holzböcken als Sitzgelegenheit bereitstanden. Vorn am Rednerpult – ein Mann undefinierbaren Alters mit grauem Vollbart, an der Wand hinter ihm ein Plakat mit dem Thema des Vortrages: Die Rolle des rechten Winkels in der darstellenden Kunst. Der Referent stellte sich als Piere Prjamougolowskij vor. Er lebe in Sibirien, wo er vor ein paar Jahren zwischen Omsk und Tomsk eine Künstlerkolonie gegründet habe. Der rechte Winkel9 sei die Gottheit dieser Kolonie und er, Prjamougolowskij, werde als eine Art Hohepriester anerkannt.
Er sprach frei und wühlte dabei ständig mit beiden Händen im Gestrüpp seines pittoresken Rauschebartes. „Den rechten Winkel gab es schon, bevor der Mensch sich in erster primitiver Kunst versuchte.“ Wieder strich er über seinen Bart, als suchte er nach einer Bestätigung seiner Worte. „Die elementare Gewalt des rechten Winkels wurde lange durch das verdrängt, was der Mensch in seiner gekrümmten Umgebung zu sehen glaubt. Doch was man sieht, ist nicht das, was ist. Tatsächlich ist alles, was wir sehen, eine multiple Komposition aus einer endlichen Menge rechter Winkel. Diese Tatsache für die Augen des Laien sichtbar zu machen, haben die Künstler unserer Kolonie als ihre Aufgabe erkannt.“
