Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Vom Auswandern träumen viele, wenige tun es, und noch weniger finden darin die Lösung ihrer Probleme. Kann man durch Flucht auf die andere Seite des Erdballs in einer Kultur wie Thailand, die so völlig verschieden ist von der unseren, glücklich werden? Man kann, wenn man fähig ist, den "Zauber, der jedem Anfang innewohnt", zu entdecken und nicht danach strebt, jedes Rätsel lösen zu wollen.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 238
Veröffentlichungsjahr: 2022
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Wie jede Blüte welkt und jede Jugend Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe, Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern. Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe Bereit zum Abschied sein und Neubeginne, Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern In andre, neue Bindungen zu geben. Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.
Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten, An keinem wie an einer Heimat hängen, Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen, Er will uns Stuf´ um Stufe heben, weiten. Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen; Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise, Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.
Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde Uns neuen Räumen jung entgegen senden, Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden, Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!
Hermann Hesse
Für meine langjährige Lebensgefährtin Frau Premmika Pansirisopa, der ich für Unterstützung und wertvolle Hinweise danke.
Kapitel I.
Kapitel II.
Kapitel III.
Kapitel IV.
Kapitel V.
Kapitel VI.
Kapitel VII.
Kapitel VIII.
Kapitel IX.
Kapitel X.
Kapitel XI.
Kapitel XII.
Kapitel XIII.
Kapitel XIV.
Kapitel XV.
Kapitel XVL
Kapitel XVIL
Kapitel XVIII.
Kapitel XIX.
Kapitel XX.
Kapitel XXI.
Kapitel XXII.
Kapitel XXIII.
Kapitel XXIV.
Kapitel XXV.
Ja, wollen mich denn alle zum Narren halten. Seit Stunden kratze ich hier in den Betonfugen herum. Bin ich zum Unkrautvernichter mutiert? Die Reinigung und Pflege des Gehweges vor dem Haus obliegt dem Grundstückseigentümer. Das haben sich die Herren vom Stadtrat fein ausgedacht. Der Gehweg gehört nicht zu meinem Grundstück – was geht mich also dessen Pflege an? Wenn ich das schon höre: Obliegt. Da liegt mir also etwas ob. Ob es mir passt oder nicht. Das Hemd klebte an Brust und Rücken wie eine Käsescheibe auf der Butterstulle. Zwischen Kopf und Mütze bildete sich ein Gemisch wie im Kolben einer Dampfmaschine. Fehlt nur noch, dass mich die Damen, die hinter den Gardienen in Morgenrock und Lockenwicklern mein Treiben beobachten, bei der Inquisition anschwärzen. Wegen Sonntagsarbeit. Für mich als Rentner gilt Sündenerlass!
Er richtete sich mühsam auf, kratzte ausnahmsweise nicht in den Gehwegritzen, sondern sich am Kopf. Warum eigentlich das Unkraut nicht einfach spießen lassen? Es kommt eh wieder hervor, in spätestens drei Wochen. Die Natur will es so. Warum sich fragwürdigen, menschgemachten Regeln beugen?
Weil wir Deutsche sind?
Abbrennen! Der Gedanke munterte ihn auf. Das Unkraut einfach mit der Flamme eines Brenners vernichten. Wie sein Nachbar. Doch der hatte dabei seine neue Thujahecke mit abgefackelt. Auch keine Lösung! Nur nichts überstürzen, vielleicht hat er beim Mittagessen eine Idee.
Heinz ging ins Badezimmer, wusch sich den Dreck von den Händen, ließ den Dampf unter der Mütze ab, zog sein verschwitztes Hemd aus und sprach mit seinem Spiegelbild. Seit er alleine lebt, sprach er oft mit sich selbst. Oder er belegte Dinge seines Haushaltes mit Namen. „Na, Kurt“, sagte er, wenn er die Kühlschranktür öffnete, „da war auch schon mal mehr drin.“ Kurt antwortete mit dem tiefen Summen seines Kompressors. Hätte ihn jemand beobachtet, hätte er auf geistigen Defekt getippt. Erster Akt der Verblödung.
Er ging in die Küche und schaute hinaus auf den Forsythienbusch, der in voller Blüte stand, als könne der ihm eine Idee für das Mittagessen einflüstern. Seit seine Frau vor drei Jahren ausgezogen war (wir haben uns auseinandergelebt), war er gezwungenermaßen sein eigener Koch.
Er suchte in Schränken und im Kühlschrank nach etwas, das sich zu einem Mittagessen kombinieren ließe. Er fand gut durchwachsenen Schinken, Fertig-Bratkartoffeln und Eier. Er gab etwas Olivenöl in die Pfanne und legte den Schinken dazu.
Auseinandergelebt – und das Leben vor dem auseinander? Während es in der Pfanne brutzelte, gingen ihm Phantasiebilder durch den Kopf: Eine Frau und ein Mann müssen, wenn sie weiterkommen wollen, über eine hohe Mauer. Die Frau: Mach mal die Räuberleiter! Als sie oben war, sagte sie Tschüs und verschwand auf Nimmerwiedersehen auf der anderen Seite der Mauer.
Nachdem der Schinken leicht angebraten war, und durch die Küche ein würziger Duft waberte, gab er die Bratkartoffeln und eine fein geschnittene Zwiebel dazu und rührte kräftig um.
Beim Sprung über die Mauer hätte sie gern das Schild ICH BRAUCH DICH NICHT MEHR vor sich hergetragen, wenn sie die Hände frei gehabt hätte. Doch sie hielt mit beiden Händen Sophie, ihre gemeinsame Tochter, damals elf Jahre alt, fest an sich gepresst. Keine Chance für ihn. Ein deutsches Gericht überträgt nach der Scheidung das Sorgerecht dem Vater nur, wenn die Mutter asozial, kriminell oder drogensüchtig ist. Das war die Mutter nicht.
Heinz schlug zwei Eier über die Bratkartoffeln, gab Salz und Pfeffer dazu, rührte nochmal kräftig um, stellte den Herd ab und gab das Ganze auf einen Teller. Dazu ein Glas Rotwein aus der letzten Lieferung von Ginodetto aus der Toskana. Guten Appetit sagte er zu sich selbst, weil es niemanden gab, dem er es hätte sagen können.
Nach dem Essen nahm er das Weinglas, ging hinaus auf die Terrasse und steckte sich eine Pfeife an. Der Winter hatte sich verabschiedet, nur an schattigen Stellen unter der Tanne hatten sich Schneereste gehalten. Der Himmel hing wie eine lasierte blaue Glocke über Erlangen. Hier in dem ruhigen Vorort war der geschäftige Lärm der Stadt jenseits des Flusses nur als leises Rauschen zu vernehmen. Auf der Wiese vor der Terrasse drückten die Krokusse ihre blauen Köpfe aus dem Gras, und die Narzissen waren kurz davor, ihre drallen Knospen explodieren zu lassen.
Nach Sophies Auszug war er in ein tiefes, schwarzes Loch gefallen. Nicht schnell und hart, sondern wie in Zeitlupe, und im Fall fühlte er seine Hoffnungen auf Sophie mehr und mehr schwinden. Mit sich in die Tiefe riss der Fall all die Erinnerungen an die Zeit mit ihr, ein Bilderbuch der gemeinsamen Unternehmungen. Klar, manches Mal hatte er auch den allzu strengen Vater gespielt. Das kommt bei Kindern nicht gut an. Erst später, viel später, wenn sie selbst Kinder haben, dämmert es ihnen … vielleicht.
Er schenkte sich noch ein Glas Wein ein und schaute sich um: Ich lebe in einem viel zu großem Haus, mit zu viel Möbeln, einem komplett eingerichtetem Kinderzimmer und einem Büro im Souterrain, die ich beide nicht mehr brauche. Und der Garten? Ich muss ihn pflegen, aber nutze ihn kaum. Und ich kratze das Unkraut aus den Ritzen im Gehweg. Die Leere in seinem Kopf näherte sich langsam der Betriebsamkeit eines Aquariums ohne Fische. Nur noch aufsteigende Luftblasen. Er schaute auf die rote Flüssigkeit in seinem Glas und fragte sich: Was tun? Es gibt drei Möglichkeiten: Alkohol bis zum Exzess? Oder einen Strick nehmen? Für das eine bin ich zu bieder und zu feige für das andere. Aber das sind nur zwei. Und die dritte Möglichkeit: Weit, weit weg, eine möglichst große räumliche Distanz schaffen. Hermann Hesse kam ihm in den Sinn: „Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden, wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!“
Südamerika? Australien? Kanada? Oder vielleicht Tahiti – wie Gauguin? Bananen nicht bei EDEKA kaufen, sondern vom Baum pflücken. Aber weder kann ich malen, noch gebe ich mich der Illusion hin, beim Empfang mit Orchideen begrüßt zu werden. Es lebt sich gut in Erlangen, aber ich bin nicht mit der Stadt verwachsen. Ich bin kein Franke; das verrät schon mein sächsischer Dialekt. Ich bin ein Heimatloser.
Er räumte das Geschirr in die Spülmaschine (die auf den Namen Clara hörte), schenkte sich noch ein Glas Wein ein, setzte sich an den Computer und rief Seiten von Reise-Agenturen auf. Plötzlich schien es, als stünde ihm die ganze Welt offen. Ein Gefühl, an das er noch vor wenigen Jahren, als er seine möglichen Reisziele an einer Hand abzählen konnte, nicht im Traum gedacht hätte. Was ihn da vom Display anlachte, war verlockend – selbst wenn es nur zur Hälfte stimmte. Blitzblanker Himmel, weißer Strand, blaues Meer und antike Ruinen. Und dazu moderate Preise. Tunesien zum Beispiel: Zehn Tage, Fünfsterne-Hotel, all inclusive für neunhundert Euro! Tunesien war zwar nicht weit, weit weg, aber immerhin … Die Ruinen des antiken Karthago mit eigenen Augen sehen! Ihm war, als würde Hannibal persönlich ihm zunicken.
Die meisten Stewardessen sind hübsch; das scheint zum Geschäftsmodell der Airlines zu gehören. Aber die Stewardessen von Thai Airways in ihren Uniformen waren eine Augenweide. „Do you want to sit at a window?”, wurde Heinz von einem dieser uniformierten Zauberwesen mit pechschwarzen und hochgesteckten Haaren gefragt. Natürlich wollte er.
Der Riesenvogel A380 war nur mäßig besetzt. Die obere Etage war gänzlich leer. Heinz machte es sich am zugewiesenen Fensterplatz bequem. Seine beiden Nachbarsitze waren frei. Elf Stunden Flug bis Bangkok – genügend Zeit, für einen Blick zurück.
Tunesien war ein Erfolg und ein Misserfolg zugleich. Das Hotel war super und die Vollverpflegung auch. Am Abend konnte er an der Bar gratis Getränke ausprobieren, deren Namen – außer Gin Tonic – er noch nie gehört hatte. Die Menschen waren freundlich, das Meer blau und der Strand weiß und sauber. Von den politischen Unruhen, die im Land herrschten, spürte man nichts. Aber Karthago! Was die Römer in drei Kriegen mit dieser Stadt gemacht hatten – einfach unglaublich. Nachdem Hannibal mit seiner Alpenüberquerung die Römer das Fürchten gelehrt hatte, beendete der römische Senator Cato jede Sitzung des Senats mit den Worten: „Im Übrigen bin ich der Meinung, dass Karthago zerstört werden muss“. Und das haben die Römer wörtlich genommen. Was man heute von dieser einst blühenden Stadt noch sieht, ist niederschmetternd. Ein Meer von herumliegenden Steinbrocken, kaum Inschriften, von Gebäuden ganz zu schweigen. Ein Lehrbeispiel dafür, wie Imperien untergehen können – restlos und für immer.
Doch am Ende der Tunesienreise gab es für Heinz noch ein Schmankerl: Die Reiseagentur richtete eine Abschiedsfeier mit Preisausschreiben aus. Zehn Fragen, eine davon: Wie ist der Name von Hannibals Bruder. Keiner wusste es – nur Heinz. Das war natürlich Zufall, aber diesem Zufall verdankte er den 1. Preis – eine 10-tägige Reise nach Thailand, Flug und Unterkunft, inklusive Frühstück, gratis.
Heinz schaute durchs Bullauge hinaus in das endlose Blau des Himmels, das daunenhaft aufgeplusterte Bett der Wolken unter ihnen und dann auf die Schlange vor der Toilette. Nur zwei Männer, das kann nicht so lange dauern. Frauen brauchen meist länger – warum auch immer. Die Toilette war mit einer Vakuumanlage ausgerüstet. Ein Sog zog die Exkremente mit schlürfendem Ton in die Tiefe. Was würde passieren, käme man diesem saugendem Schlund mit diversen Teilen zu nahe?
Noch acht Stunden bis Bangkok. Thailand? Ist es das weit, weit weg, das ich suche?
Vorn in der ersten Klasse wurde Sekt serviert. Das sah er gerade noch, bevor der Vorhang zugezogen wurde. Dom Perignon und wahrscheinlich auch Kaviar … die leben im Flieger wie die Made im Speck. Menschen erster Klasse! Angeblich sind alle Menschen gleich, doch das Füllhorn senkt sich nicht auf alle gleichermaßen. Diese Ungleichheit hatte er beim Arzt selbst schon erfahren. Als Privater musste er nie in einem überfüllten Wartezimmer sitzen, sondern war immer der Nächste bitte. Worüber aufregen? Jede Leistung hat ihren Preis. Die Leistungen variieren und die Preise auch. Das ist der Unterschied zwischen Kaviar oder Hühnchen mit Reis. Jetzt eine rauchen! Aber das dürfen nicht mal die in der ersten Klasse.
Geweckt wurde er fünf Stunden später von der kleinwüchsigen Schönen mit den hohen Wangenknochen und den hochgesteckten Haaren, die ihn aus dem Schlaf herauslächelte und ihm ein duftendes Tablett vor die Nase stellte. Nach dem Kaffee spürte er schon, dass der Flieger an Höhe verlor. Vor dem Bullauge tauchten die Hochhäuser Bangkoks auf, zwischen ihnen ein Gewusel von niedrigen Hütten und breiten Straßen, teilweise drei übereinander.
Auf dem Weg über endlose Gänge des Terminals schlug ihm heiße Luft entgegen, auf der Stirn bildeten sich Schweißperlen und in den Achselhöhlen nasse Flecken. In Deutschland war Winter, und entsprechend war er angezogen. Die Abfertigung im Terminal des Suvarnabhumi-Airports: Ein Foto, klick, ein Stempel, klack, und er hatte ein Visum für dreißig Tage. Dann an der erstbesten Wechselstelle zehn Euro in dreihundertachtzig Baht getauscht. Das war sein erster Fehler. Außerhalb des Flughafens gibt es dafür vierhundert Baht.
In der Empfangshalle – ein mächtiges Gewusel von Menschen, ein Ameisenhaufen mit Physiognomien aus allen Ecken der Welt. Inder mit bunten Turbanen, Araber mit langen, weißen Gewändern, schwitzende Europäer und laut lärmende Amerikaner, und natürlich Thailänder. Eine kleinwüchsige Frau mit schwarzen Haaren und feingliedrigem Gesicht trug ein lärmendes Kind auf dem einen Arm, mit dem anderen zog sie einen riesigen Rollkoffer durch die Menge. Ein junger Mann trat an ihn heran und zeigt ihm einen Geldschein mit dem Bild eines gekrönten Mannes und der Zahl 500. Auf Englisch murmelte er: „Ten Euro“. Obwohl Heinz mit Kopfschütteln zu verstehen gab, dass er nicht interessiert war, lächelte ihn der Mann freundlich an und verschwand wieder in der Menge. Pärchen umarmten sich, als hätten sie sich Jahrzehnte nicht gesehen und müssten alles Entbehrte jetzt nachholen, andere versuchten den Augenblick des Abschieds hinauszuzögern. Küssen in der Öffentlichkeit ist offensichtlich verpönt, aber Umarmen – das geht. Eine leichtbekleidete Schöne, die ihm zur Begrüßung einen Orchideenkranz hätte umhängen wollen, sah er nicht, aber dafür ein Schild mit seinem Namen, hochgehalten von einem jungen Mann in hellblauem Hemd und Jeans. Auf der Brust prangte das Signum des Reiseveranstalters, der ihm diese Reise nach Thailand spendiert hatte. Heinz ging zu ihm, machte den Wai und sagte: „Sawadii khrap1“. Aus der kleinen Broschüre, die er schon in Tunesien bekommen hatte, wusste er, dass man sich in Thailand zur Begrüßung nicht die Hand gibt, sondern die Handflächen in Höhe des Gesichtes aneinander legt – eben den „Wai“ macht. Der Mann im blauen Hemd machte ebenfalls den Wai, sagte „Sawadii khrap“ und danach „Do you speak English?“ Ohne auf eine Antwort zu warten, setzte er hinzu: „Welcome to Thailand. My name is Sakorn, I am the driver to take you to Pattaya.“ Er schnappte sich Heinz’ Koffer und zog ihn in Richtung Parkhaus. Nach Verlassen des Flughafengebäudes steckte er sich eine Zigarette an und Heinz holte seine Pfeife heraus. Elf Stunden ohne Pipe – eine Marter für einen Raucher. Während des Rauchens entspann sich ein Gespräch, von dem Heinz nur wenig verstand. Offensichtlich war es Englisch was Sakorn von sich gab, aber Thai-Englisch war eine für Heinz unbekannte Modifikation. Außerdem übertönte der Lärm im Umfeld – ankommende und abfahrende Autos und Busse, startende Flieger – die Unterhaltung. So nickte Heinz nur hin und wieder und war froh, als Sakorn seine Kippe wegwarf und ihn ins Parkhaus zu seinem Auto, einem silbergrauen Toyota Pickup, dirigierte.
Nach einer halben Stunde hatten sie das Weichbild von Bangkok verlassen. Heinz stellte die Sitzlehne etwas nach hinten und streckte die Beine aus. Obwohl ihn die Linksfahrerei irritierte, genoss er das Gefühl, dass er nun weit weg war, weit, weit weg.
Fünfzehn Stunden hatte er tief und fest geschlafen nach dem megalangen Flug und der dreistündigen Autofahrt. Nicht mal die Geräusche der Klimaanlage hatte er bewusst wahrgenommen. Als er die Augen aufschlug schaute er nach oben auf die Unterseite eines Schilfdaches, dann auf das breite Bett, auf dem er lag, die Anrichte mit dem Fernseher und die Miniküche. Dann dämmerte es ihm: weit, weit weg, in meiner Hütte im Resort „Lucky Sun“.
In Shorts und T-Shirt trat er aus der Hütte und zog die Augen zu engen Schlitzen zusammen. Die Sonne stand wie ein Glutball über einem makellos blauen Himmel. Gestern bei der Ankunft in Bangkok hatte eine dichte Dunstglocke über der Stadt gehangen. Heute glich das, was er sah, wirklich dem Wetter, mit dem Thailand im Internet beworben wird. Ein Blick auf die Uhr – schon zehn Uhr. Rasch duschte er, zog sich an, trat ins Freie und folge dem Hinweisschild „Restaurant“.
Im Frühstücksraum – Männer jeden Alters und vereinzelte Pärchen, die Männer in Überzahl. Ein Mann um die Fünfzig mit kurzem Bürstenschnitt und kantigem Gesicht saß alleine an einem Vierertisch. Heinz steuerte darauf zu und machte sein Gesicht zum Fragezeichen. „Is the place free?“
Der Bürstenschnitt legte sein Besteck neben den Teller und lüftete den Hintern leicht vom Stuhl: „Aber ja, setz dich.“
„Woher wissen Sie, dass ich Deutscher bin?“
„Na, erstens habe ich einen Riecher für Teutonen, und zweitens – ich hab’s einfach mal versucht. Und drittens duzen wir uns hier alle. Hi, ich bin Dirk aus Hannover.“
„Okay, ich bin Heinz aus Erlangen.“
„Aha, kenne ich, Erlangen, der Appendix von Nürnberg. Du bist neu hier?“
„Ja, gestern Abend angekommen. Und du?“
„Oh, ich bin schon eine Woche hier und werde wahrscheinlich noch ein, zwei Wochen dran hängen …“ Dirk erzählte, dass er jedes Jahr in Thailand Urlaub mache, manchmal vier Wochen, manchmal auch länger. „Tolles Wetter und schöne Mädchen – was will man mehr!“ Das Ei löffelte er nicht aus der Schale, sondern – was gar nicht zu ihm passte – ganz weich gekocht aus einem Glas.
„What do you want?“ Eine junge Frau in weißem T-Shirt, Minirock und ebenso kurzer Schürze stand neben dem Tisch. Sie mochte um die Dreißig sein, klein von Wuchs, ein hübsches, typisch asiatisches Gesicht, lange schwarze Haare, die ihr bis zum Popo reichten. Mit ihren dunklen Augen schaute sie Heinz an, dass er sich wünschte, ihre Frage würde nicht nur das Frühstück betreffen. Weil er benommen dreinschaute, fuhr sie fort: „We have English breakfast, continental breakfast or Thai breakfast.“
„Continental breakfast, please.“
Sie notierte etwas auf ihren Block und schwenkte davon.
„Das war Irada“, sagte Dirk. „Eine der Bedienungen hier. Du wirst noch andere kennen lernen und genauso große Augen machen.“
Heinz köpfte sein Ei und suchte vergeblich nach einem Salzstreuer, während Dirk an seinem Kaffee nippte und sich eine Zigarette ansteckte. Er sei geschieden, erzählte Dirk, schon seit fünf Jahren und habe eine kleine Möbelfirma mit vier Beschäftigten. Keine Massenware, sondern Spezialanfertigung nach Wunsch der Kunden. Es gäbe noch Leute, die nicht zwischen IKEA-Kisten wohnen wollen. Dabei lachte er und wölbte stolz die Brust. „Ja, erfolgreich sein ist keine Frage des Schicksals, sondern eine Frage des eigenen Wollens und Könnens.“ Er fuhr sich mit der Hand über seinen Bürstenschädel und versuchte Rauchringe zu blasen. Dann trank er seinen Kaffee aus und drückte die Zigarette in den Aschenbecher. Im Aufstehen sagte er: „So long! Übrigens, wir haben hier im Resort einen Shuttle-Dienst. Wann immer du willst, wirst du ins Zentrum von Pattaya kutschiert und auch wieder abgeholt. Du musst es nur rechtzeitig bei Mathias, dem Resort-Chef, im Büro anmelden. Ich fahre morgen früh ins Zentrum. Wenn du Lust hast, könntest du dich anschließen.“
„Wie weit ist es denn bis zum Zentrum und zum Beach?“
„Von hier bis zum Beach, also ins Zentrum, fährt man je nach Verkehr etwa 20 Minuten.“
„Okay, dann bin ich dabei.“
„Gut, dann bis morgen früh. Wir treffen uns um zehn vorn am Parkplatz.“
Nach dem Frühstück – es war bereits nach Elf und das Thermometer war auf über dreißig Grad gestiegen – trat Heinz hinaus auf den Vorplatz des Restaurants, dehnte und reckte sich, hob die Arme über den Kopf und gähnte ungeniert. Links von ihm lagen locker aufgereiht an die zwanzig Hütten für die Gäste, alle im thailändischen Stil aus natürlichen Materialien mit viel Bambus und spitzen Schilfdächern. Rechts von ihm – ein langgezogenes Haus, offensichtlich Wirtschaftsgebäude und Unterkunft für das Personal. Auf der freien Fläche dazwischen – ein großer Swimming-Pool. Die Sonne lag gleißend auf Wiesen und Wegen. Ein Wiedehopf hackte, den Kamm gespreizt, mit seinem langen Schnabel in der Wiese herum. Überall Palmen und andere exotische Gewächse.
Heinz setzte sich auf eine der Sonnenliegen am Pool, schloss die Augen und dachte an … nichts.
Am nächsten Morgen – Heinz schaute auf die Uhr. Punkt Zehn. Der silbergraue Pickup stand da, aber von Sakorn und Dirk keine Spur. Vom Parkplatz aus hatte Heinz freie Sicht durch das Resort, über den Pool hinweg bis zu Restaurant. Das Klappern von Geschirr und lautes Lachen später Frühstücksgäste drang bis zum Parkplatz. Der schon warme Morgen kündigte einen heißen Tag an.
Er wurde ungeduldig und schaute wieder und wieder auf die Uhr. Ist Dirk etwa schon losgefahren? Nein, war er nicht, er tauchte nach einer Viertelstunde auf und schaute Heinz verwundert an: “Du? Schon hier?“
„Ich meinte, wir hätten uns für Zehn verabredet?“
„Um Zehn bedeutet in Thailand nicht punkt Zehn, sondern so … naja, irgendwie so um Zehn herum, kaum davor, eher danach. Aber sieh mal, da kommt schon Sakorn. Fast pünktlich, es kann losgehen.“
Vor der Shopping Mall „Central Festival“ an der Beach Road hielt Sakorn an und sagte „Voila“. Das hatte er von einem französischen Gast aufgeschnappt, und nach seinem Verständnis hieß das: Wir sind da.
Dirk schaute auf die Uhr. Er schien es eilig zu haben. „Ich habe einiges zu erledigen. Wir könnten uns so um sechs wieder hier treffen, dann noch einen Happen essen und gemeinsam zurück zum Resort fahren.“
Das war Heinz sehr recht. Er tauchte unter in der Schar von Touristen, die die Landseite der Beach Road bevölkerten, er schaute in einige Souvenirläden hinein, ohne etwas zu kaufen. In einem Straßenrestaurant bestellte er ein Singha-Beer. Drei Thai-Frauen an einem Vierertisch machten ihm freundlich lächelnd Platz bevor sie ihre lebhafte Unterhaltung fortsetzten. Manchmal redeten alle drei gleichzeitig und wedelten dabei mit den Händen. Heinz hielt sich an seinem Bierglas fest und verstand kein Wort. Als er gerade seinen Marsch hatte fortsetzten wollen, machten sie ihm mit Gesten verständlich, dass er in ihre Mitte rücken sollte. Oh weh, dachte Heinz. Aber sie wollten nur ein Foto machen. Ein Selfie zu viert – da muss man schon eng zusammenrücken. Was würden sie wohl über ihn sagen, wenn sie das Foto ihren Freunden zeigen? Als er sich wieder befreit hatte, lächelten die Frauen ihn an, als wäre man nun schon miteinander bekannt. Wahrscheinlich hatten sie in dem allgemeinen Wortgeprassel ihre Namen genannt. Aber da war sich Heinz nicht sicher, weshalb er ihnen seinen Namen nicht aufdrängte. Er hätte gern noch einen guten Tag gewünscht, aber wie? Im Sprachführer blättern? Er kam sich dumm vor, dumm und unhöflich. Er wird ein paar Vokabeln lernen müssen, und dann … Abwarten, jedes Ding hat seine Zeit.
Als die Beach Road einen scharfen Knick nach links, weg vom Meer, machte, ging es geradeaus nur für Fußgänger weiter. „Walking Street“ stand in großen Lettern auf einem Transparent über dem Eingang zu dieser Gasse. Laut Reiseführer ist dies die Haupt-Vergnügungsmeile von Pattaya. Aber was vor ihm lag sah nicht nach Vergnügungsmeile aus. Ein düsterer Schlauch, flankiert von Etablissements, die aussahen wie eine schlechte Las-Vegas-Kopie, Las Vegas mit heruntergelassenen Jalousien. Alles machte einen verlassenen Eindruck, wären da nicht die Müllmänner gewesen, die mit ihrem Laster von Haus zu Haus zuckelten.
Heinz kehrte um und ging die Beach Road auf der Seeseite zurück. Es war gerade Flut. Der Strand war nur ein schmaler Sandstreifen, auf dem sich die Sonnenanbeter drängten. Er hätte am liebsten die Schuhe ausgezogen und wäre unten am Saum des Wassers gelaufen. Auf dem breiten von Palmen gesäumten Gehweg war ein Gedränge, als hätten sich die Menschen hier zu einer Demonstration getroffen. Ein dunkelhäutiger Bub mit zerrissenem T-Shirt kurvte mit lautem Geschrei auf seinem Skateboard geschickt zwischen den Spaziergängern hindurch. Die meisten waren Ausländer, weiße Ausländer, die – so Dirk – von den Thais Falang genannt werden. Chinesen sind keine Falang, auch nicht Japaner oder Koreaner. Inder sind auch keine Falang, aber Australier und natürlich Europäer und Amerikaner. Offiziell müsste es Farang heißen, aber das können die Thais nicht aussprechen. Für sie ist das r zwischen zwei Vokalen wie die Querlatte zwischen den beiden Ständern beim Hochsprung – ein schwer zu nehmendes Hindernis.
Amerikaner zu erraten war leicht: sie gerieren sich ungeniert in der Öffentlichkeit, kauen ihren chewing gum und sprechen laut. Russen (auch Farang) sprechen leise und wenn sie doch mal laut werden, erkennt man sie am stark gerollten R. Ein japanisches Paar stand am Wegrand und schaute versonnen aufs Meer. Was Heinz nicht entging, waren die Mädchen, die einzeln alle paar Meter wie eine Girlande am Wegrand standen, als würden sie auf jemanden warten. Bei manchen war der Schmelz der Jugend schon deutlich verblasst; wahrscheinlich hatten sie mal gut ausgesehen, jetzt waren sie nur noch gut geschminkt. Hochhackige Schuhe an schlanken Füßen, zierliche bis vollschlanke Figuren, für jeden Geschmack etwas. Wenn ein Farang bei einem dieser Mädchen stehen blieb, steckte dieses schnell das Smartphone weg, setzte eine einladende Maske auf und murmelte einen Preis. Heinz blieb nicht stehen, aber hingeschaut hat er schon.
So gelangte er schließlich wieder zu seinen Ausgangspunkt beim Einkaufstempel „Central Festival“, etwa in der Mitte der Beach Road zurück. Da er noch viel Zeit hatte, beschloss er die Beach Road noch auf der Meerseite bis zum anderen Ende, wo sie sich wieder vom Meer trennt, zu erwandern und dann auf der Landseite zurück zu seinem Treffpunkt zu gehen.
Es war erst Fünf, als er dort ankam – viel Zeit noch bis zum Treff mit Dirk. Und, dass Dirk wirklich um sechs erscheint, war mehr als zweifelhaft. Also rein ins „Central Festival“. Wie sieht ein thailändischer Konsumtempel von innen aus?
Eine halbe Stunde reichte, um festzustellen: Ein thailändischer Konsumtempel sieht genauso aus wie ein deutscher Konsumtempel oder einer irgendwo sonst auf der Welt. Einzige Ausnahme: Es gibt Stände mit typisch thailändischem Angebot: Buddha-Statuen aus Gips, folkloristische Textilien, kunstgewerbliche Gegenständen aller Art aus Bast und Bambus usw. Guter und schlechter Geschmack vereint in der Hoffnung auf Käufer.
Heinz floh aus dem Konsumtempel, setzte sich vor dem „Central Festival“ auf eine Bank, steckte sich eine Pfeife an und wartete auf Dirk. In Gesellschaft seiner Pfeife hatte er immer die besten Ideen. Doch jetzt wollte er an nichts denken, einfach die Menschen an sich vorbeidefilieren lassen und warten.
Dirk kam gegen halb sieben, verabschiedete sich von seiner Begleiterin, einer jungen Thai, etwa halb so alt wie er, und entschuldigte sich wortreich wegen der Verspätung. Im selben Moment kam Sakorn mit seinem Toyota um die Ecke. Der entschuldigte sich nicht, war aber gut gelaunt und öffnete wie ein Hotelportier die Wagentüren.
Während der Fahrt schlug Dirk vor: „Wir könnten uns kurz vor dem Resort absetzen lassen. Dort gibt es ein gutes Restaurant, wo man preiswert essen kann.“
„Abgemacht. Gut und preiswert klingt gut.“
Die Frösche quakten und die Zikaden zirpten, während Dirk und Heinz sich einen Platz an der Brüstung suchten. Das Restaurant, auf Holzpfählen über einen See gebaut, war hauptsächlich von Einheimischen besucht. Die beiden Farang bekamen ein Kissen unter den Allerwertesten geschoben. Heinz holte seine Pfeife heraus und Dirk steckte sich eine Zigarette an. „Nun erzähle“, sagte Dirk, als der Kissen-Mann verschwunden war.
„Da gibt es nicht viel zu erzählen“, begann Heinz und versuchte Rauchringe zu blasen. „Ich bin die Beach Road rauf und runter, habe mich unters Volk gemischt und versucht, mich durch die auf dem Gehweg abgestellten Motorbikes zu schlängeln.“
„Ja, die Motorbikes – eine echte Plage. Erstens schwirren sie wie die Mücken massenhaft herum, und zweitens beachten sie keinerlei Regeln. Sie blinken rechts, wenn sie nach links fahren, oder sie blinken überhaupt nicht, schlängeln sich halsbrecherisch zwischen Autokolonnen hindurch und stellen ihr Vehikel ab, wo es ihnen gerade passt. Und wenn du mal einen mit Helm siehst – was eigentlich Vorschrift ist – dann ist es, als hättest du ein Exemplar einer seltenen Art entdeckt. Und weiter?“
„Die berühmte Walking Street war eine herbe Enttäuschung. Nur geschlossene Buden und kaum Menschen, wenn man mal von der Müllabfuhr absieht.“
„Ja, in die Walking Street solltest du nicht vor Acht gehen. Tagsüber ist dort tote Hose. Die Menschen, vor allem die Mädchen, die dort leben und arbeiten, sind nachtaktive Vögel; sie schlafen tagsüber, und wenn es dunkel wird, fangen sie an zu zwitschern.“
Ein junges Mädchen in auberginefarbenen Minirock und weißem T-Shirt unterbrach die Unterhaltung der beiden: „What you want?“ Zwischen Zeige- und Mittelfinger wippte sie mit dem Bleistift über ihrem Schreibblock, ohne ihn zu berühren. Nachdem sie die Bestellung notiert hatte, ging sie davon und wackelte dabei mit dem Popo, als würde sie über einen Laufsteg schreiten. Heinz machte große Augen, Dirk strich sich über seinen Bürstenschädel. Die Frösche quakten und die Zikaden zirpten.
Dirk ließ nicht locker. „Und was war noch, heute?“
„Ich habe Bekanntschaft mit drei Thai-Ladys gemacht.“
„Oh, gleich drei! Und worüber habt ihr euch unterhalten?“
„Wir haben nichts gesprochen, nur gelächelt und die drei haben miteinander palavert.“
Dirk strich sich wieder mit der Hand über seinen Bürstenschädel und ließ Rauch ab. „Wenn eine Thai dich anlächelt, kann das schon etwas bedeuten, muss aber nicht. Wer weiß, was sie untereinander getuschelt haben. Hast du etwas verstanden?“
„Rein gar nichts.“
„Und was hast du gemacht?“
