Klima, Viren, Kurven - Armin Nassehi - E-Book

Klima, Viren, Kurven E-Book

Armin Nassehi

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Beschreibung

Unablässig fordert Greta Thunberg hinsichtlich der dramatischen Klimaveränderungen, die der Weltgemeinschaft bevorstehen, dass es Zeit sei, sich angesichts von faktenbasierten wissenschaftlichen Erkenntnissen zusammenzuschließen und "das Richtige zu tun", to unite behind the science, wie sie es nennt. Aber, was heißt das genau? Was bedeutet, auf die Wissenschaft zu hören? Armin Nassehi geht dieser Frage in seinem Beitrag in Kursbuch 202 nach: Wieso tun wir nicht das, was nötig wäre? Wo wir es doch etwa in der Corona-Krise so unhinterfragt und reibungslos hingekriegt haben, das wissenschaftlich Richtige zu tun? Kann es in einer funktional differenzierten Gesellschaft mit ihrer verteilten Intelligenz überhaupt einen Ort geben, ein Zentrum, eine eindeutige Instanz, von der aus eine konzertierte Verhaltensweise der Gesellschaft, "wie aus einem Guss", koordinierbar wäre?

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Seitenzahl: 27

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Inhalt

Armin NassehiKlima, Viren, KurvenWas heißt, auf die Wissenschaft zu hören?

Der Autor

Impressum

Armin NassehiKlima, Viren, KurvenWas heißt, auf die Wissenschaft zu hören?

Die Klimaaktivistin Greta Thunberg hat im September des letzten Jahres eine viel beachtete Rede vor dem US-Kongress in Washington, D. C., gehalten, in der sie wie stets die Bedeutung der Wissenschaft hervorhob. Auf die Wissenschaft sei zu hören. An die Adresse der US-Senato­ren sagte sie: »Instead, you must unite behind the science. You must take action. You must do the impossible. Because giving up can never ever be an option.« To unite behind the science meint tatsächlich, dass die Wissenschaft hier als die entscheidende Legitimationsquelle für die eigenen Forderungen adressiert wird. Es bedeutet: Es sind keine Parti­ku­larinteressen, die als Legitimationsquelle herangezogen werden, es ist keine weltanschauliche oder ideologische Forderung, keine, die auch anders ausfallen könnte. Es sind die Fakten selbst, die die Wissenschaft zusammentragen kann und hinter denen man sich zu vereinigen habe. Zwar sagt das Zitat auch, dass man the impossible tun müsse, nicht auf­geben dürfe, aber die Fakten lägen immerhin vor. Die Probleme liegen wo­anders, bei den Senatoren etwa.

Das ist es, was den performativen Sinn von Wissen ausmacht. Wer etwas weiß, muss es nicht glauben oder nur meinen. Was wir wissen, oder besser: der Gegenstand unseres Wissens liegt geradezu positiv vor – und defizitär erscheint uns Wissen dann, wenn diese performative Möglichkeit nicht wirklich gegeben ist, nämlich wenigstens den Ein­druck zu erwecken, dass das Gesagte eine empirische Faktizität besitzt. Auf die Frage, wo der Bahnhof zu finden sei, zu antworten, man glaube, an der dritten Kreuzung rechts abbiegen zu müssen, ist mit einem Unsicherheitsfaktor versehen. Wir würden nicht sagen, dass die Antwort einen Sprecher präsentiert, der eine von ihm unabhängige Faktizität auf­sagen kann, der etwas wirklich weiß.

Etwas wirklich zu wissen, bedeutet genau genommen, einen Sachver­halt so zu präsentieren, dass er auch unabhängig vom Sprecher gilt, der also nicht nur glaubt oder auch nur meint. Wissen müsste reproduzier­bar sein. Wissen muss so daherkommen, dass es wirklich gilt. Wissen muss sagen können, was der Fall ist – und für voraussetzungsreichere Fragen danach, was der Fall ist, hat sich die Wissenschaft ausdifferenziert, die nicht nur glaubt und meint, sondern sogar nachvollziehbar ma­chen muss, wie man zu Aussagen über bestimmte Faktizitäten kommt. Die Er­wartung an Wissenschaft ist es gewissermaßen, durch eine bestimmte Form der Beobachtung (Forschung, Methoden, theoretische Voran­nah­men, womöglich apparativ ermöglichter Zugang zu einer zu untersuchen­den Realität) eine geradezu beobachtungsunabhängige Re­a­lität und Faktizität zu erzeugen.

Wohlgemerkt: Ich spreche hier nicht von der Wissenschaft selbst. Es sind keine wissenschaftstheoretischen oder wissenschaftsphilosophischen Aussagen, nicht einmal wissenschaftliche Aussagen über die Wis­senschaft, die ich bis jetzt präsentiert habe, sondern nur die Erwartung an Kommunikationsakte oder -inhalte, die als Wissenschaft ausgeflaggt oder rezipiert werden. Es geht um die performative Erwartung an Wissenschaft: belastbares Wissen zu erzeugen, das mit einer Sicherheit aus­­ge­stattet wird, Faktizität oder faktische Sachverhalte eindeutig bezeichnen zu können, um daraus etwa Entscheidungsgründe oder Orien­tierung oder Bestätigung beziehungsweise Widerlegung von The­sen generieren zu können.