KODIAK - Clemens Lorei - E-Book

KODIAK E-Book

Clemens Lorei

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Beschreibung

Gewalt zu vermeiden und zu verhindern, erfordert viel. Einsatzkräfte erleben jeden Tag Situationen, in denen Gewalt präsent ist. Sie in die Lage zu versetzen, Gewalt zu verhindern und zu vermeiden oder nur mit geringer Intensität einzusetzen, ist Ziel von Deeskalation. Zu deeskalieren kann und muss gelernt werden. Dieses Lernen soll durch das Modell kommunikativer Deeskalation in alltäglichen Konfliktsituationen (KODIAK) unterstützt werden. KODIAK möchte Polizeibeamt*innen helfen Fertigkeiten zu entwickeln, um Konflikte in alltäglichen Einsätzen zu bewältigen. KODIAK bietet Orientierung für zielgerichtetes Deeskalieren in solchen Einsatzsituationen.

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Seitenzahl: 185

Veröffentlichungsjahr: 2024

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KODIAK

Modell zur kommunikativen Deeskalation in alltäglichen Konfliktsituationen

ISBN 978-3-86676-860-4

Schriften des Instituts für Kriminologie und Präventionsforschungder Hessischen Hochschule für Öffentliches Management und Sicherheit (HÖMS)

Band 1

Clemens Lorei, Kerstin Kocab, Tim Haini, Kristina Menzel, Hermann Groß, Rainer Bachmann & Thomas Greis

Modell zur kommunikativen Deeskalation in alltäglichen Konfliktsituationen

ISBN 978-3-86676-860-4

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Das Werk einschließlich aller seiner enthaltenen Teile inkl. Tabellen und Abbildungen ist urheberrechtlich geschützt. Nachdruck, Übersetzung, Vervielfältigung auf fotomechanischem oder elektronischem Wege und die Einspeicherung in Datenverarbeitungsanlagen sind nicht gestattet. Kein Teil dieses Werkes darf außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ohne schriftliche Genehmigung in irgendeiner Form reproduziert, kopiert, übertragen oder eingespeichert werden.

© Urheberrecht und Copyright: 2024 Verlag für Polizeiwissenschaft, Prof. Dr. Clemens Lorei, Frankfurt

Alle Rechte vorbehalten.

Verlag für Polizeiwissenschaft, Prof. Dr. Clemens LoreiEschersheimer Landstraße 508 • 60433 FrankfurtTelefon/Telefax 0 69/51 37 54 • [email protected]

Printed in Germany

Vorwort der Institutsleitung

Prävention insgesamt und insbesondere die Prävention von Gewalt ist einer der zentralen Themenbereiche der Kriminologie. Gewalt und dem Schutz vor ebendieser kommt nicht zuletzt durch die Auswirkungen auf das Sicherheitsgefühl eine solch hohe Bedeutung zu. Die Präventionsforschung ist daher eine zentrale Aufgabe der anwendungsorientierten Kriminologie.

Der Deeskalation wird bei der Prävention von Gewalt eine zentrale und umfassende Wirkung in Konfliktsituationen zugesprochen. Im polizeilichen Kontext kann Deeskalation sowohl präventiv zur Verhinderung von Gewalt gegen Einsatzkräfte, aber auch zur Vermeidung von Gewalt durch Einsatzkräfte als Wirkmechanismus angesehen werden. Deeskalation stellt somit einen Ansatz dar, der die Verbindung dieser beiden zunächst widersprüchlich wirkenden Felder knüpft. Es handelt sich hier jedoch letztendlich nur um zwei Seiten derselben Medaille. Gerade auch vor dem aktuellen Hintergrund von immer stärker zunehmenden Angriffen auf Einsatzkräfte in allen Bereichen – sowohl Polizei, Rettungsdienst als auch Feuerwehr sind laut PKS 2024 betroffen – scheint es lohnenswert, Deeskalationsverhalten und die Forschung auf diesem Gebiet weiterzuentwickeln und zu fördern. Mit dem Ziel, die zu schützen, die tagtäglich den Schutz anderer gewährleisten.

Prof. Dr. Kristin Wolf

Leiterin des Instituts für Kriminologie und Präventionsforschung an der Hessischen Hochschule für Öffentliches Management und Sicherheit

Vorwort der Autoren

„Mit einer geballten Faust kann man keinen Händedruck wechseln.“

(Indira Gandhi, 1994, The Guide, Bände 42 - 45, Seite 185, Verlag Christian Labour Association of Canada)

„Es gibt keinen Weg zum Frieden, denn Frieden ist der Weg.“

(Mahatma Gandhi, 1951: Welt und Wort, Band 6, Seite 367, Verlag Heliopolis-Verlag Ewald Katzmann)

Gewalt zu vermeiden und zu verhindern, erfordert viel. Einsatzkräfte erleben jeden Tag Situationen, in denen Gewalt präsent ist. Sie in die Lage zu versetzen, Gewalt zu verhindern und zu vermeiden oder nur mit geringer Intensität einzusetzen, ist Ziel von Deeskalation. Zu deeskalieren kann und muss gelernt werden. Dieses Lernen soll durch das Modell kommunikativer Deeskalation in alltäglichen Konfliktsituationen (KODIAK) unterstützt werden. KODIAK möchte Polizeibeamt*innen helfen, Fertigkeiten zu entwickeln, um Konflikte in alltäglichen Einsätzen zu bewältigen. KODIAK bietet Orientierung für zielgerichtetes Deeskalieren in solchen Einsatzsituationen.

Die Autoren bedanken sich bei der Hessischen Hochschule für Öffentliches Management und Sicherheit für die finanzielle Förderung des Forschungsprojektes sowie der Unterstützung von weiteren Projekten zur Deeskalation. Ein ganz besonderer Dank geht an die Kolleginnen und Kollegen aus Deutschland, Österreich, der Schweiz und aus Luxemburg für die kritische Durchsicht und umfangreichen Anmerkungen zu einem ersten Entwurf des Modells.

Clemens Lorei, Kerstin Kocab, Tim Haini, Kristina Menzel & Hermann Groß, Hessische Hochschule für Öffentliches Management und Sicherheit

Rainer Bachmann, Polizeipräsidium Frankfurt

Thomas Greis, Sicherheitsakademie Wien

Inhalt

1Ziele des Modells

2Theoretische und empirische Basis

2.1Grundlagen der Kommunikation

2.2Definition wesentlicher Begriffe

2.2.1Deeskalation

2.2.2Deeskalationstechniken, -taktiken und -strategien

2.2.3Stufenmodell

2.2.4Ziele und zielgerichtetes Handeln

2.3Einstellung zu gewaltfreien Konfliktlösungen

2.4Deeskalationstrainings

2.4.1Verhältnis von Trainings zueinander

2.4.2Zur Effektivität von Deeskalationstrainings

2.5Modelle polizeilicher Verhandlungen

2.5.1Behavioral Influence Stairway Model (BISM)

2.5.2S.A.F.E. Model

2.5.3Structured Tactical Engagement Process (STEPS)

3Anwendungsbereich des Modells

4Axiomatische Annahmen des Modells

4.1Maximal mögliche Gewaltfreiheit

4.2Eigensicherung als Basis polizeilicher Deeskalation

4.3Deeskalation als stetiger Teil polizeilicher Interaktion

4.4Zielgerichtetheit polizeilichen Handelns

4.5Polizeiliche Handlungsverantwortung

4.6Verantwortung der Polizeiorganisation

5Deeskalationstechniken und -strategien

6Stufenmodell deeskalierendes polizeiliches Handeln

6.1Stufen des Modells

6.1.1Moment des Kontaktes

6.1.2Stufe „Sicherheit“

6.1.3Stufe „Beziehung“

6.1.4Stufe „Beruhigung“

6.1.5Stufe „Lageklärung“

6.1.6Stufe „Lösungssuche“

6.1.7Stufe „Lösungsumsetzung“

6.2Stufenbewertungen

6.3Wechsel zum unmittelbaren Zwang

7Strategien, Taktiken und Techniken auf den Stufen

7.1Strategien, Taktiken und Techniken der Stufe „Sicherheit“

7.2Strategien, Taktiken und Techniken der Stufe „Beziehung“

7.3Strategien, Taktiken und Techniken der Stufe „Beruhigung“

7.4Strategien, Taktiken und Techniken der Stufe „Lageklärung“

7.5Strategien, Taktiken und Techniken der Stufe „Lösungssuche“

7.6Strategien, Taktiken und Techniken der Stufe „Lösungsumsetzung“

7.7Stufenübergreifende Strategien, Taktiken und Techniken

8Nonverbale Kommunikation

8.1Aspekte der nonverbalen Kommunikation im Moment des Kontaktes

8.2Aspekte der nonverbalen Kommunikation auf der Stufe „Sicherheit“

8.3Aspekte der nonverbalen Kommunikation auf der Stufe „Beziehung“

8.4Aspekte der nonverbalen Kommunikation auf der Stufe „Beruhigung“

8.5Aspekte der nonverbalen Kommunikation auf der Stufe „Lageklärung“

8.6Aspekte der nonverbalen Kommunikation auf der Stufe „Lösungssuche“

8.7Aspekte der nonverbalen Kommunikation auf der Stufe „Lösungsumsetzung“

9Hinweise zur Pädagogik und Didaktik

9.1Lernlevel

9.1.1„Base-Level“

9.1.2„Advanced-Level“

9.1.3„Expert-Level“

9.2Stufen des Kompetenzerwerbs

10Exemplarische Anwendung

10.1Fall 1: randalierender Rocker

10.1.1Falldarstellung

10.1.2Analyse des Falles „Techniken“ nach Lorei, 2020 (S. 70)

10.1.3Anwendung des Deeskalationsmodells auf den Fall 1

10.1.4Fazit zur Anwendung des Deeskalationsmodells auf den Fall 1

10.2Fall 2: Einsatz in einem Krankenhaus

10.2.1Falldarstellung

10.2.2Analyse des Falles „Techniken“ nach Lorei, 2020 (S. 68)

10.2.3Anwendung des Deeskalationsmodells auf den Fall 2

10.2.4Fazit zur Anwendung des Deeskalationsmodells auf den Fall 2

11Ausblick

12Literatur

1Ziele des Modells

Zweifelsohne existieren zahlreiche Tipps, Schulungen, Programme und Trainings für die Kommunikation im polizeilichen Einsatz. Regelmäßig handelt es sich dabei um (mehr oder minder systematische) Sammlungen von Strategien und Techniken, welche allgemein oder in spezifischen Situationen mit Bürger*innen optimieren möchten. Dabei spielen deeskalierende Aspekte im Rahmen der bürgerorientierten Polizeiarbeit sowie insbesondere im Zusammenhang mit Gewalt immer wieder eine herausragende Rolle. Daneben existieren Modelle für die Kommunikation, die vor allem das Verhandeln in speziellen polizeilichen Einsatzlagen in den Fokus rücken. Diese haben einen spezifischen Rahmen, wie spezialisierte Verhandlungsteams, und setzen auf besondere Einsatzstrategien und polizeiliche Taktiken (vgl. Brisach, Dudenhausen, Stock, Ziemke, Schmitz, Ritter & Baurmann, 2001). Dabei sind die adressierten Polizeigegenüber als Geiselnehmer*innen, Attentäter*innen, Bedroher*innen, Entführer*innen oder in ähnlichen Rollen in sehr speziellen Situationen und psychischen Zuständen. Diese Modelle und Konzeptionen für Verhandlungen sehen ihren Schwerpunkt nicht in alltäglichen Routineeinsätzen, sondern fokussieren auf spezielle Situationen.

Das Modell kommunikativer Deeskalation in alltäglichen Konfliktsituationen (KODIAK) zielt hingegen auf die nicht spezialisierten Streifenpolizist*innen in alltäglichen Einsätzen ab. Dabei ist es das Hauptziel des Modells, den handelnden Polizeibeamt*innen eine Orientierung, aber keine Vorschrift zu geben, wie sie systematisch und zielgerichtet deeskalierend kommunizieren können ohne die Eigensicherung zu vernachlässigen. Das Modell erhebt dabei nicht den Anspruch, dass sich für alle alltäglichen Einsatzsituationen Lösungen ableiten lassen und zwingend nach ihm gehandelt werden muss. Es versteht sich als Perspektive mit einer Erweiterung der Handlungsoptionen. Es ist mehr eine Heuristik denn ein Algorithmus. Das Modell bietet dabei einen Orientierungsrahmen, der eine komplexe dynamische Situationen vereinfacht und strukturiert. Damit ist natürlich auch das Risiko verbunden, zu stark zu vereinfachen und ein rigides Verhalten nahezulegen, welches auf die Abfolge der Stufen des Modells fixiert ist. KODIAK ist jedoch an der Kompetenz der handelnden Person orientiert. Auf einer grundlegenden Fähigkeitsstufe, die gerade eine starke Strukturierung und Vereinfachung für die/den Handelnde*n erfordern kann, bietet KODIAK einen entsprechenden Rahmen (siehe Kapitel 9). Höhere Fertigkeitspotenziale ermöglichen ein sich Lösen von der strikten Stufenabfolge und ein eher paralleles Bearbeiten der durch die Stufen repräsentierten Deeskalationsaspekte.

KODIAK soll ebenso eine Theorie darstellen, an der sich Personen orientieren können, wenn sie deeskalierend wirken wollen. Es wird ein theoretischer Rahmen gebildet, der helfen soll, Ideen in Einsatzlagen zu generieren, die eine mögliche Lösung darstellen können. Es soll weiterhin hilfreich sein, um Situationen zu analysieren und aus ihnen zu lernen. In persönlicher Reflexion, in dienstlicher Nachbereitung oder in Trainings soll es helfen, Einsatzverhalten und Reaktionen des polizeilichen Gegenübers zu verstehen und entsprechend eigenes Handeln zu optimieren. Dabei werden im Modell Ansätze beschrieben, die praktisch bewährt, empirisch belegt sowie theoretisch begründet sind. Das Modell ist offen, zukünftig neue bewährte Konzepte in die Struktur aufzunehmen.

Das Modell fokussiert bewusst auf alltägliche Standardeinsätze der Polizei. Darauf aufbauend kann es spezifisch angepasst und/oder erweitert werden, wenn dies notwendig erscheint, wie z. B. bei besonderen Zielgruppen, wie alkoholisierte Personen (vgl. Todak & White 2019), psychisch Kranke (Biedermann & Ellrich, 2022), Menschen mit Kommunikationshindernissen und bei besonderen Anlässen (wie z. B. suizidale Personen, Bedrohungslagen).

Die seltenen Evaluationen von Deeskalationsstrategien und -trainings zeigen bisher nur deren beschränkte Effektivität auf (siehe Kapitel 2.4.2). Es wird angenommen, dass dies vor allem auf zwei Faktoren zurückzuführen ist: Einerseits können Techniken und Strategien, welche ohne systematische Einordung und theoretischen Rahmen Anwender*innen angeboten werden, in der Praxis eher zufällig und ohne passenden Anlass eingesetzt werden. Dabei wird die Wirksamkeit einer Strategie oder Technik nicht zur Entfaltung kommen, wenn die Situation eine ganz andere Technik oder Strategie erfordert. Nur klare Ausführungsbedingungen und Anwendungsziele bieten die Grundlage für die Evaluation der Effektivität von vermittelten Techniken und Strategien. Doch diese Bedingungen werden häufig nicht systematisch in einem Bezugsrahmen formuliert. Deshalb soll das Modell genau einen solchen anbieten. Einen weiteren problematischen Punkt im Zusammenhang mit Deeskalation, den das Modell lösen soll, stellt die Akzeptanz von Deeskalation und den damit verbunden Techniken und Strategien dar. Nur zu reden und damit auch Deeskalation, wird in der Polizei mitunter als Schwäche verstanden, und es wird befürchtet, dass Deeskalation die Eigensicherung gefährde. Deshalb schließt das Modell kommunikativer Deeskalation in polizeilichen Alltagseinsätzen die Eigensicherung und die Anwendung unmittelbaren Zwanges explizit mit ein und zeigt auf, dass Deeskalation und Eigensicherung kein Widerspruch sind, sondern stets miteinander verbunden sind. So beinhaltet das Modell ausdrücklich die Sicherheit der beteiligten Personen sowie die Übergangspunkte zum Einsatz von Gewalt. Das Modell sieht Deeskalation als ein Handeln aus einer Position der Stärke heraus: Eine gewaltfreie Lösung einer potenziell gewalthaltigen Situation wird angeboten, obwohl, oder gerade weil man in der Lage ist, sie auch mit Gewalt lösen zu können und nicht, weil man befürchtet, sie eben nicht mit Gewalt lösen zu können (Position der Schwäche). Deeskalation ist in diesem Sinne also ein Zeichen von Stärke und eben nicht von Schwäche.

Letztendlich ist es der Anspruch des Modells kommunikativer Deeskalation in alltäglichen Konfliktsituationen (KODIAK), dass man es schulen und erlernen kann. Dies bedeutet, dass Elemente und die Gesamtheit des Modells erlernt werden können und Deeskalation nicht im Sinne einer Kunst oder eines Talentes „gegeben“ oder eben nicht „gegeben“ ist. Reden kann (fast) jeder, zielgerichtet und taktisch versiert kommunizieren muss man lernen und es auch wollen.

Für den Bereich Verhandlungen in mehr oder minder besonderen Einsatzlagen existiert bereits eine lange Tradition und es wurden verschiedene Modelle formuliert und etabliert (vgl. Kapitel 2.5). Das hier postulierte Modell steht mit diesen weder in Konkurrenz, noch stellt es eine Alternative dar. Der wesentliche Unterschied zu diesen Modellen der Verhandlung ist sowohl das Zusammenarbeiten in einem umfassenden Team sowie die persönliche Präsenz der deeskalierenden Personen in der Lage, während Verhandlungsteams mitunter mehr oder minder abgesetzt agieren (aber auch „face to face“ verhandeln). Dies hat zur Folge, dass deeskalierenden Personen durch ihre Anwesenheit in der Situation im Angesicht potenzieller Gewalttäter*innen den möglichen Gefahren unmittelbar ausgesetzt und auch insgesamt persönlich wesentlich involvierter sind (z. B. emotional oder auch durch gegen sie persönlich gerichtete Aktionen). Durch solche reale Eigengefährdung oder auch nur das Befürchten einer persönlichen Gefahr kann sich die kognitive Informationsverarbeitung und insbesondere Bewertung verändern (Nieuwenhuys, Canal Bruland, & Oudejans, 2012; Nieuwenhuys, Savelsbergh & Oudejans, 2012; Nieuwenhuys, Savelsbergh & Oudejans, 2015). Dies beeinflusst Entscheidungen und Einsatzhandeln. Auch scheinen der Lage unmittelbar ausgesetzte Einsatzkräfte im Laufe eines eskalierenden Einsatzes immer mehr emotional zu handeln, denn rational Optionen abzuwägen (Ohlemacher, Feltes & Klukkert, 2008). Damit hat hier die Eigensicherung der deeskalierenden Personen (neben der Sicherheit der anderen Personen in der Lage) eine sehr hohe Bedeutung bzw. höchste Priorität, wie sie in den Modellen der Verhandlungen von Spezialeinheiten nicht existiert bzw. nicht vorrangig thematisiert wird (aber auch da natürlich Eigensicherung sowie die Sicherheit von z. B. Geiseln höchste Priorität besitzt). Ähnlich bedeutsam sind damit auch die eigene Stressbewältigung und Emotionsregulation, da durch die eigene Anwesenheit in der Lage die persönliche Gefährdung und hohe Involviertheit Stress und Emotionen intensiviert sind. Darüber hinaus ist das Deeskalieren in Alltagseinsätzen im Schwerpunkt vor allem meist eine Einzelleistung. Denn wenn auch bei Zweierstreifen eine andere Einsatzkraft anwesend ist, scheint diese mitunter durch andere Aufgaben gebunden zu sein. Dabei ist eine Unterstützung der oder des primär sprechenden Kolleg*in durch z. B. einen Sprecherwechsel situativ hilfreich. Bei Verhandlungen von Spezialeinheiten werden die kommunizierenden Beamt*innen kontinuierlich durch Beratung von außen oder ein Team unterstützt, welches arbeitsteilig agiert. In Alltagseinsätzen sind meist auch nicht die taktischen Ziele durch eine Polizeidienstvorschrift (PDV) vorgeschrieben und mit Zwischenschritten etc. versehen. Kein*e Polizeiführer*in gibt hier einen Auftrag oder eine Befehlsliste, sondern das Einsatzziel sowie sämtliche Zwischenziele werden von der Einsatzkraft selbst gesetzt und verfolgt. Durch all diese Unterschiede zu Situationen von Verhandlungsgruppen ergibt sich für die deeskalierenden Personen eine sehr hohe kognitive Belastung, weshalb die für die Deeskalation erforderliche Selbststeuerung eine Herausforderung darstellt. Dadurch kann sich z. B. eine schlechtere Kontrolle der nonverbalen Kommunikation ergeben (vgl. Lorei & Litzcke, 2014), und Reflexionen auf der Metaebene erscheinen erschwert. Durch die hohe persönliche Involviertheit kann es auch zu einer reduzierten Empathie kommen, weil ja die eigene Position sehr salient und präsent ist (vgl. dazu auch den fundamentalen Attributionsfehler sowie Akteur-Beobachter-Unterschiede, Bierhoff, 1998). Deshalb soll das Modell die Komplexität einer solchen alltäglichen Einsatzlage reduzieren und Orientierung für zielgerichtetes Handeln geben. Damit soll in Ein-sätzen, die durch Stress geprägt sind, Einsatzkräften geholfen werden, kognitiv noch in der Lage zu sein, zielgerichtet zu deeskalieren. Mitunter werden sicherlich Stufen nur kurz durchlaufen oder auch gleichzeitig bedient (aktives Zuhören dient gleichzeitig der Beziehung, Informationssuche und auch dem Beruhigen, vgl. Abschnitt 7.7). Aber für zielgerichtetes Handeln wird überwiegend eine Stufe des Modells im Vordergrund stehen und die Stufen in ihrer Abfolge gemäß dem Modell nacheinander durchlaufen.

Ziele des KODIAK-Modells:

Es soll Orientierung bei der systematischen und zielgerichteten Deeskalation in Alltagseinsätzen geben (Orientierungsfunktion). Dabei reduziert es die Komplexität und strukturiert die Situation (Transparenzfunktion) und bietet empirisch (Evidenzbasiertheit) und theoretisch (Theoriefundiertheit) bewährte Optionen (Handlungsfreiheit) an. Es berücksichtigt dabei die Eigensicherung (Sicherheitsgarantie) und den Übergang von Deeskalation zu unmittelbarem Zwang (Ganzheitlichkeit polizeilichen Einsatzhandelns). Es stellt die Basis für Lernen dar (Ermöglichung von kontinuierlichem Lernen).

2Theoretische und empirische Basis

In einem Großteil polizeilicher Einsätze müssen Polizeibeamt*innen mit anderen Personen interagieren. Regelmäßig besteht dabei ein Konflikt zwischen den anderen Personen (z. B. bei einem Streit zwischen diesen) oder zwischen der Polizei und dem polizeilichen Gegenüber. Dabei kann Gewalt ein Teil der Konfliktaustragung sein. Diese Gewalt kann zwischen den polizeilichen Gegenübern stattfinden, z. B. als häusliche Gewalt, als Teil eines Raubes oder im Rahmen eine Körperverletzung. Sie kann aber auch die Polizei miteinschließen, wenn Polizeibeamt*innen angegriffen werden oder diese mit Gewalt eine Maßnahme durchsetzen müssen. Es ist festzustellen, dass mehr oder minder konflikthafte oder auch gewalttätige Interaktionen mit polizeilichen Gegenübern Teil des Polizeialltages sind (Baier & Ellrich, 2022). Letztendlich ist die Polizei u. a. genau dazu als Institution installiert, ausgestattet und ausgebildet.

Aber auch wenn Polizei befugt ist, Gewalt auszuüben, muss die dienstliche Ausübung von Gewalt sehr sorgsam erfolgen. Dies bedeutet, dass sie möglichst zu vermeiden ist und nur in Form des unmittelbaren Zwangs als letztes Mittel nach den Regeln der Verhältnismäßigkeit eingesetzt werden soll. Professionelles polizeiliches Handeln versucht Konflikte primär kommunikativ zu lösen. Kommunikation wird damit zum wichtigsten Einsatzmittel zur Erfüllung polizeilicher Aufgaben. Dies spiegelt sich in Deutschland im Leitfaden 371 zur Eigensicherung und in der Polizeidienstvorschrift 100 wider. Ebenso wird Kommunikation in den USA als Handlungsmaxime angesehen (IACP 2017, S. 3):

1. An officer shall use de-escalation techniques and other alternatives to higher levels of force consistent with his or her training whenever possible and appropriate before resorting to force and to reduce the need for force.

2. Whenever possible and when such delay will not compromise the safety of the officer or another and will not result in the destruction of evidence, escape of a suspect, or commission of a crime, an officer shall allow an individual time and opportunity to submit to verbal commands before force is used.

So sehen es auch erfahrene Einsatzkräfte selbst, wenn sie die Kommunikation als „die stärkste Waffe“ bezeichnen und angeben, dass fast alle Situationen (aber eben nicht alle!) durch eine bestimmte und adressatengerechte Kommunikation durch Einsatzkräfte bewältigt werden können (Herr, Leuschner, Jaroschek, Balaneskovic, Niewöhner & Lorei, 2023, S. 69). Dies kann wiederum das Vertrauen der Bürger in die Polizei stärken, was wiederum mit geringeren verbalen und physischen Übergriffen zum Nachteil von PVB durch Jugendliche einhergeht (Baier & Ellrich, 2014) und somit Polizeibeamt*innen selbst schützt.

2.1Grundlagen der Kommunikation

Im Folgenden sollen einige Aspekte der allgemeinen Grundlagen der Kommunikation zum Überblick dargestellt werden, damit im weiteren Verlauf darauf Bezug genommen werden kann und die Ausgangspunkte für das Modell kommunikativer Deeskalation in polizeilichen Alltagseinsätzen definiert werden können. Für eine umfassende Darstellung kommunikativer Grundlagen insbesondere auch mit Polizeibezug sei auf Nettelnstroth (2014) verwiesen.

Es wird vom Sender-Empfänger-Modell nach Shannon und Weaver (1949) bzw. den erweiterten Versionen davon (vgl. Nettelnstroth, 2014) ausgegangen. Auch wenn im Nachfolgenden mitunter von Sender*innen und Empfänger*innen gesprochen wird, wird von einem bidirektionalen Informationsfluss im Sinne einer Interaktion ausgegangen und nicht von einem unidirektionalen. Dabei wird angenommen, dass Menschen miteinander interagieren und kommunizieren, um eine bestimmte Absicht, ein bestimmtes Ziel zu erreichen, wie dies nach Schulz von Thun (1981) mit der Appell-Seite einer Nachricht zum Ausdruck gebracht wird. Entsprechend kann man von einer erfolgreichen Kommunikation sprechen, wenn die an einer Kommunikation beteiligten Personen ihr Ziel erreichen und die gewünschte und beabsichtigte Wirkung eintritt. Gestört ist die Kommunikation, wenn die an einer Kommunikation beteiligten Personen ihr Ziel nicht erreichen und somit die gewünschte und beabsichtigte Wirkung ausbleibt. Zum Beispiel kann die Kommunikation von A als gelungen bezeichnet werden, weil A sein oder ihr Ziel erreicht hat, z. B. dass B etwas tut. B kann die Kommunikation aber als gestört wahrnehmen, weil er/sie sich z. B. zu einer Handlung von B gezwungen fühlte, die er/sie eigentlich nicht tun wollte. Beabsichtigt meint dabei nicht unbedingt eine bewusste Intention. Regelmäßig dürfte diese dem/der Sender*in nicht umfassend präsent sein.

Unstrittig ist, dass polizeiliches Handeln, wie bereits oben erwähnt, in alltäglichen Einsätzen sehr oft auf das polizeiliche Gegenüber ausgerichtet ist und somit Polizist*innen in vielen Einsätzen mit anderen Menschen interagieren müssen. Da man in Interaktionssituationen nicht nicht-kommunizieren kann (Watzlawick, Beavin, & Jackson, 1969), herrscht damit auch in Polizeieinsätzen Kommunikation. Im Zusammenhang mit dem Modell kommunikativer Deeskalation in alltäglichen Konfliktsituationen wird zusätzlich davon ausgegangen, dass jegliche Kommunikation im polizeilichen Einsatzkontext einen Aspekt der Deeskalation bzw. Eskalation beinhaltet. Es wird also stets eskaliert oder deeskaliert. Dies basiert auf dem Auftreten von Konflikten oder der latenten Möglichkeit dazu in polizeilichen Interaktionssituationen. Dies steht auch in Bezug dazu, dass Kommunikation nicht nur Sachaspekte umfasst, sondern auch immer Aspekte der Beziehung der Interaktionspartner tangiert (Watzlawick, Beavin & Jackson, 1969; Schulz von Thun, 1981). Damit ist jegliche Kommunikation bzw. Interaktion in diesem Zusammenhang auch immer auf die Beziehung ausgerichtet. Kommunikation ist damit auch stets (mehr oder minder) konfliktbezogen. Dabei kann dies bezüglich des Eskalationspotenzials eskalierend, stagnierend oder deeskalierend sein. Deeskalation setzt also nicht erst im Laufe einer polizeilichen Maßnahme ein, sondern findet bereits von Beginn des Aufeinandertreffens von Polizei und polizeilichem Gegenüber statt. Die handelnden Polizeibeamt*innen können sich also nicht entschließen, Maßnahmen zur Deeskalation oder Eskalation zu beginnen, sondern sie tun dies bereits bei Einsatzbeginn implizit und gezwungenermaßen. Dies ist entscheidend: Eskaliert ein*e Polizeibeamt*in in einer Interaktionssituation unbewusst von Beginn an, werden seine/ihre bewussten, aber erst spät im Einsatzverlauf eingesetzten Deeskalationsbemühungen möglicherweise nicht sofort zum Erfolg führen (können). Deeskalation setzt also nicht erst dann ein, wenn eine Interaktion bereits verfahren ist und sich derart zugespitzt hat, dass Fronten verhärtet sind, die Interaktion höchst emotional und wenig rational verläuft und die Konfliktparteien sich lieber gegenseitig „mit in den Abgrund reißen“ wollen, als ein kleines Stück von ihrer Position abzurücken (Glasl, 1980). Wer an dieser Stelle des Konfliktverlaufes erst mit Deeskalation (bewusst und explizit) anfangen möchte, ist sehr oder sogar zu spät dran. Entsprechend wird Deeskalation in der Praxis mitunter als Präventionsmöglichkeit gesehen, um Konflikte zu vermeiden (Todak & White, 2019). Ein falsches Verständnis von Deeskalation kann mitunter auch erklären, warum Kritiker des Deeskalationsansatzes von Strategien und Techniken der Deeskalation wenig überzeugt sind. Dies hat nämlich weniger mit dem Leistungspotenzial dieser Techniken und Strategien zu tun, als mit einem falschen Verständnis von Deeskalationsverläufen. So kann ein unbewusstes und unbeabsichtigtes Eskalieren zu Beginn einer Interaktion nicht einfach durch das quasi technische Einsetzen einer Deeskalationsstrategie/-technik ungeschehen gemacht werden. Denn ist z. B. die Beziehung zwischen den Interaktions-parteien „ruiniert“, kann dies nicht mit einem einfachen Kommunikationstrick egalisiert werden. Hat einer der Interaktionspartner den anderen respektlos behandelt, so benötigt es wahrscheinlich intensiver Deeskalationsarbeit, um z. B. ein danach gezeigtes empathisches Verhalten glaubhaft erscheinen zu lassen. Deeskalationstechniken sind also keine Notfalltechniken, die man einsetzt, wenn gar nichts anderes mehr geht und man sich unmittelbar vor einer Gewalt-Katastrophe befindet. Deeskalation erfordert vielmehr vorausschauendes, präventives Handeln, welches kritische Situationen zu verhindern hilft. So lassen sich damit Situationen (potenziell) entschärfen, bevor sie gefährlich werden. Dabei wird nicht ignoriert, dass Angriffe auf Polizeibeamt*innen existieren, die sich eher plötzlich ereignen (Schmalzl, 2005) und damit auch vermutlich wenig Interaktion zwischen der Polizei und den Bürger*innen aufweisen. Jedoch beinhalten viele Polizeieinsätze Interaktion und weisen entsprechend einen Konfliktverlauf