Kognitive Kommunikationsstörungen - Julia Büttner - E-Book

Kognitive Kommunikationsstörungen E-Book

Julia Büttner

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Beschreibung

In diesem Band werden die äußerst heterogenen klinischen Störungsbilder kognitiver Kommunikationsstörungen vor dem Hintergrund ihrer komplexen Phänomenologie vorgestellt. Besondere Aufmerksamkeit wird dabei auf die Störungen der interpersonellen Kommunikation in face-to-face-Interaktionen sowie bei der Produktion und Rezeption von Informationsstrukturen mündlicher und schriftlicher Texten gerichtet. In einem zweiten Schritt werden die vielfältigen ätiologischen, anatomischen und pathogenetischen Aspekte kognitiver Kommunikationsstörungen dargestellt. Diagnostische Methoden und Instrumente werden ausführlich beschrieben und erläutert. In einem nächsten Schritt geht es um die vielfältigen therapeutischen Ansätze und Verfahren, und es werden Aspekte der Alltagsorientierung der Behandlungen und zu Möglichkeiten der Angehörigenarbeit dargelegt. Insgesamt wird das komplexe Zusammenspiel kognitiver und sprachlicher Leistungen bei kommunikativen Handlungen aus den neuropsychologischen und neurolinguistisch-sprachtherapeutischen Perspektiven beleuchtet. Diese Darstellungen werden zusätzlich in interessanten klinischen Fallbeispielen anschaulich illustriert. Ziel ist dabei, aus den Perspektiven verschiedener Disziplinen einen fundierten Überblick über die Vielfalt der klinischen Störungsbilder zu vermitteln und dabei diagnostische und therapeutische Ansätze und Verfahren interdisziplinär transparent zu machen.

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Veröffentlichungsjahr: 2018

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Julia Büttner

Ralf Glindemann

Kognitive Kommunikationsstörungen

Fortschritte der Neuropsychologie

Band 19

Kognitive Kommunikationsstörungen

Dr. Julia Büttner, Dr. Ralf Glindemann

Herausgeber der Reihe:

Dr. Angelika Thöne-Otto, Prof. Dr. Herta Flor, Prof. Dr. Siegfried Gauggel, Prof. Dr. Stefan Lautenbacher, Dr. Hendrik Niemann

Dr. Julia Büttner, geb 1979. 1999–2005 Studium der klinischen Linguistik, Pädagogik und Psychologie in Bamberg und München. Seit 2005 therapeutische Tätigkeit als klinische Linguistin (BKL) in der neurologischen Rehabilitation. Seit 2009 Dozentin im Studiengang Sprachtherapie (LMU München). 2013 Promotion. Seit 2016 wissenschaftliche Mitarbeiterin an der LMU München, Studiengang Sprachtherapie. Forschungsschwerpunkte: Exekutivfunktionen, Pragmatik und neurogene Kommunikationsstörungen.

Dr. Ralf Glindemann, geb. 1950. 1970–1984 Studium der Linguistik, Literaturwissenschaften, Pädagogik, Politologie und Soziologie in Hamburg, Berlin und Braunschweig. 1986 sprachwissenschaftliche Promotion. 1985–1987 Studium der Neurolinguistik in Brüssel. 1988–1992 wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Klinik für Neurologie der Uniklinik RWTH Aachen. 1992 bis 2015 Leiter der Neurolinguistik in der Klinik für Neuropsychologie im Klinikum Bogenhausen, München. Anschließend Beteiligung an Projekten der Entwicklungsgruppe Klinische Neuropsychologie (EKN) an der LMU München.

Wichtiger Hinweis: Der Verlag hat gemeinsam mit den Autoren bzw. den Herausgebern große Mühe darauf verwandt, dass alle in diesem Buch enthaltenen Informationen (Programme, Verfahren, Mengen, Dosierungen, Applikationen, Internetlinks etc.) entsprechend dem Wissensstand bei Fertigstellung des Werkes abgedruckt oder in digitaler Form wiedergegeben wurden. Trotz sorgfältiger Manuskriptherstellung und Korrektur des Satzes und der digitalen Produkte können Fehler nicht ganz ausgeschlossen werden. Autoren bzw. Herausgeber und Verlag übernehmen infolgedessen keine Verantwortung und keine daraus folgende oder sonstige Haftung, die auf irgendeine Art aus der Benutzung der in dem Werk enthaltenen Informationen oder Teilen davon entsteht. Geschützte Warennamen (Warenzeichen) werden nicht besonders kenntlich gemacht. Aus dem Fehlen eines solchen Hinweises kann also nicht geschlossen werden, dass es sich um einen freien Warennamen handelt.

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[email protected]

www.hogrefe.de

Satz: ARThür Grafik-Design & Kunst, Weimar

Format: EPUB

1. Auflage 2019

© 2019 Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG, Göttingen

(E-Book-ISBN [PDF] 978-3-8409-2818-5; E-Book-ISBN [EPUB] 978-3-8444-2818-6)

ISBN 978-3-8017-2818-2

http://doi.org/10.1026/02818-000

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Inhaltsverzeichnis

1 Einführung in die kognitiven Sprach- und Kommunikationsstörungen

1.1 Sprachliche und kognitive Leistungsbereiche der Kommunikation

1.2 Epidemiologische Daten

1.3 Taxonomien und terminologische Varianten

2 Beschreibung der Störungstypen

2.1 Störungen im Interaktionsverlauf

2.1.1 Die Verschränkung der Perspektiven und die Aktivierung von Orientierungswissen

2.1.2 Störungen des kommunikativen Handelns

2.1.3 Abweichungen vom Thema

2.1.4 Antriebsstörungen und verändertes Aktivationsniveau

2.1.5 Mangel an Störungsbewusstsein

2.1.6 Sprachliche Abweichungen

2.2 Störungen im Produzieren und Verstehen von Texten

3 Ätiologien der kognitiven Kommunikationsstörungen

4 Anatomische und pathogenetische Aspekte der kognitiven Kommunikationsstörungen

4.1 Schädigungen des frontalen Cortex

4.2 Rechtshemisphärische Läsionen

4.3 Subkortikale Läsionen

5 Diagnostik

5.1 Checklisten zu pragmatischen Fähigkeiten und strukturierte Anamnese

5.2 Fragebögen zur Selbst- und Fremdeinschätzung

5.3 Gesprächsanalysen

5.4 Testverfahren zu pragmatischen und semantisch-lexikalischen Fähigkeiten

5.4.1 Kommunikativ-pragmatisches Screening

5.4.2 Der MEC-Test

5.4.3 Untersuchung der Wortflüssigkeit

5.4.4 Screening zur Wortfindung

5.4.5 Nonverbaler Semantiktest (NVST)

5.5 Textproduktion und -rezeption

5.6 Überblick zu Testverfahren für kognitive Kommunikationsstörungen

5.7 Fremdsprachige Testverfahren

6 Behandlung kognitiver Kommunikationsstörungen

6.1 Therapie kommunikativer Handlungen in situativen Kontexten (Einzel- und Gruppentherapien)

6.1.1 Turn-Taking-Training

6.1.2 Therapien zu situationsadäquaten Handlungen

6.1.3 Arbeit am gemeinsamen Thema

6.1.4 Therapie der sozialen und kommunikativen Kompetenz

6.1.5 Gruppentherapie Sprachplanung

6.1.6 Kognitiv-pragmatisches Training

6.2 Therapien der makropropositionalen Verarbeitung mündlicher und schriftlicher Texte (Einzel- und Gruppentherapien)

6.2.1 Texttherapie: Training des systematischen Textverständnisses

6.2.2 Hierarchisches makrostrukturelles Training

6.3 Therapien der kognitiv-sprachlichen Symptome

6.3.1 Verbesserung semantischer und lexikalischer Fähigkeiten

6.3.2 Metaphern-Training und Therapie zur Verbesserung des Verstehens von Pointen

6.3.3 Ansätze aus der Therapie von Aphasien

6.4 Alltagsorientierung und Wiedereingliederung in privaten und beruflichen Alltag

6.4.1 Übungen in authentischen Situativen vor Ort (AOT-Therapie/Invivo-Training)

6.4.2 Angehörigenarbeit

7 Fallbeispiele

7.1 Fallbeispiel KH: dysexekutive Symptome, sprachliche Auffälligkeiten und geringes Störungsbewusstsein

7.1.1 Status bei Aufnahme

7.1.2 Anamnese und Befund

7.1.3 Therapieziele

7.1.4 Therapieverlauf

7.1.5 Fazit

7.2 Fallbeispiel DR: schwere Kommunikationsstörung nach SHT

7.2.1 Status bei Aufnahme: neuropsychologische und sprachtherapeutischen Diagnostik

7.2.2 Eigen- und Fremdanamnese

7.2.3 Therapieziele

7.2.4 Therapieverlauf

7.2.5 Fazit

8 Literatur

9 Glossar

Karten

Entscheidungshilfen zur Therapie von Störungen bei der Verarbeitung von Textinformationen

|1|1 Einführung in die kognitiven Sprach- und Kommunikationsstörungen

Das Erkenntnisinteresse an hirnorganisch bedingten Störungen der Kommunikation betrifft zunächst vielfältige neurolinguistische Perspektiven. Bei der Betrachtung solch komplexer Verarbeitungsprozesse und zwischenmenschlicher Interaktionen bedarf es unbedingt auch eines differenzierten neuropsychologischen Zugangs. Wir wenden uns hier also einem ausgeprägt interdisziplinären Thema zu, das auch interdisziplinär bearbeitet werden muss (vgl. Drechsler, 2000). Dabei wird zunehmend deutlich, dass die traditionelle heuristische Trennung sprachlich-kommunikativer Aspekte von kognitiven Planungs-, Aktivierungs-, Steuerungs- und Kontrollfunktionen exekutiver Prozesse für das Verständnis vieler kommunikationsrelevanter Leistungen wenig hilfreich ist (vgl. z.B. Davis, 2012).Auch die Beteiligung von Gedächtnis- und Aufmerksamkeitsleistungen spielt in den betroffenen Prozessen eine wichtige Rolle (Car & Hinckley, 2012; van Dyke, 2012). Die Neurolinguistik entwickelt sich in diesem Sinne zunehmend zur kognitiven Neurolinguistik oder zur Neurokognition der Sprache (De Bleser, 2010). Sprachverarbeitungs- und Kommunikationsprozesse sind ohne die Einbeziehung kognitiver Parameter kaum mehr abbildbar. Friederici (2003) stellt beispielsweise ein „neurokognitives Modell des Sprachverstehens“ vor, oder De Bleser (2000) nennt eines ihrer Kapitel die „kognitive Neuropsychologie der Schriftsprache“.

Wir werden in dieser Arbeit zeigen, wie sehr kommunikative Fähigkeiten vielfältige kognitive und sprachliche Leistungen voraussetzen und wie komplex beide Aspekte kommunikativen Handelns miteinander konfundiert sind. Wir werden darüber hinaus herauszuarbeiten versuchen, wie wichtig dieses Verständnis der Störungsmechanismen für die Entwicklung und Anwendung diagnostischer und therapeutischer Vorgehensweisen ist.

1.1 Sprachliche und kognitive Leistungsbereiche der Kommunikation

Am auffälligsten sind im Kanon der neurogenen Störungen des Kommunikationsprozesses auf den ersten Blick zunächst sprachsystematische Symptome, wie sie uns bei den Aphasien vorliegen. Betroffene Patienten verfügen oft nicht mehr sicher über ein ausreichendes Repertoire an verbalen (und nonverbalen) Zeichen, sie können Dinge nicht mehr benennen, Wörter und Sätze |2|nicht mehr eindeutig verstehen, keine grammatischen Strukturen mehr generieren oder sie können beispielsweise nicht mehr nachsprechen, lesen oder sich unbeeinträchtigt schriftlich äußern (Glindemann, Ziegler & Kilian, 2002). Die Aphasiologie kann auf eine lange wissenschaftshistorische Tradition zurückblicken; die Aphasietherapie wird unter den neuropsychologischen Disziplinen sicherlich als die traditionsreichste und am intensivsten erforschte angesehen (Goldenberg, 2017, S. 99). Aphasische Symptome und Störungsprofile sind inzwischen gut beschrieben (Basso, 2003; Huber & Ziegler, 2000; Weniger, 2003), sie lassen sich heute psychometrisch anspruchsvoll untersuchen (vgl. etwa Blömer et al., 2015; de Bleser et al., 2004; Huber et al., 1983) und es liegt eine Vielzahl therapeutischer Interventionsverfahren vor (vgl. z.B. Abel, 2007; Glindemann, 2006; Holland & Forbes, 1993).

Kognitive Kommunikationsstörungen und die Möglichkeiten ihrer Diagnostik und Therapie sind bisher im Vergleich zu den Aphasien noch weniger ausführlich erarbeitet worden, obwohl sie auf die alltäglichen Interaktionen der Betroffenen zumeist deutliche Auswirkungen haben. Uns begegnen im klinischen Alltag immer wieder Patienten, die in Alltagssituationen am Arbeitsplatz, bei der Ausbildung und in ihrer gesamten Lebensführung versagen mussten, stigmatisiert wurden und scheiterten, weil ihre kognitive Symptomatik nach einer erworbenen Hirnschädigung beispielsweise in Ermanglung geeigneter Diagnoseverfahren nicht angemessen erkannt werden konnte. Betroffene galten in ihrem sozialen Umfeld als eigenartig oder chaotisch, weil die teilweise diskreten dysexekutiven Probleme nicht angemessen eingeschätzt werden konnten. Solche Patienten wirken (und sind oft tatsächlich) eher planlos und in ihren Handlungen teilweise unkontrolliert, ihre Alltagskommunikation ist immer wieder wenig erfolgreich und es gelingt ihnen nicht, auf den Punkt zu kommen.

Wir haben es hier also eher mit Störungen der Organisation des Kommunikationsprozesses zu tun (Kaczmarek, 1984). Dabei handelt es sich nicht um ein umschriebenes Störungsbild, sondern wir sehen uns konfrontiert mit ausgesprochen heterogenen Pathomechanismen und sehr vielfältigen klinischen Erscheinungsformen. Bei entsprechenden Störungsprofilen kann die Vermittlung von reinen Sachinformationen ebenso beeinträchtigt sein wie die Realisierung von damit verbundenen kontextbezogenen komplexen Intentionen (Illokutionen), die unterschiedliche kommunikative Handlungen charakterisieren. Es kann zu deutlichen Fehleinschätzungen kommen, zu Missverständnissen und bei ausgeprägterer Symptomatik zu abweichendem Verhalten bis hin zu kommunikativen Krisen. Dabei misslingt es den Betroffenen unter anderem, aus konventionellen Vorgaben des Kontextes ein Situationsmodell für die Handlungsplanung und deren Nachvollzug zu generieren. Es gelingt ihnen also nicht, die umfassende Repräsentation eines Gespräches oder eines geschriebenen Textes zu realisieren (Ferstl & Kintsch, 1999; Togher et al., 2014). Außerdem können Betroffene eigene Teilhandlungen und solche, die von |3|ihren Interaktionspartnern vollzogen werden, nicht sinnvoll hierarchisieren. Ursache-Wirkung-Beziehungen können nicht folgerichtig eingeordnet werden. Auch Abstraktionen werden nicht angemessen vollzogen, erkannt und nachvollzogen (vgl. Glindemann, 2009). Betroffene stehen beispielsweise rhetorischen Figuren, Metaphern und Pointen sowie ironischen Äußerungen nicht selten eher hilflos gegenüber (Brownell et al., 2013) . Sie verlieren aufgrund gestörter Aufmerksamkeits- und Speicherfunktionen auch das handlungsleitende Konzept; nicht selten gerät das gemeinsame Thema in Gefahr (vgl. Glindemann & von Cramon, 1995). Diese Symptome werden bei der Verarbeitung von Informationsstrukturen schriftlicher Texte auf besondere Weise deutlich; kognitive Schemata und Skripts können bei der Realisierung kohärenter Informationsstrukturen nicht erfolgreich einbezogen werden und beispielsweise misslingt das Bilden von Inferenzen (Büttner, 2014a; Coelho et al., 1995). Diese Prozesse unterliegen insgesamt häufig einer mangelnden Störungseinsicht (Karnath, 2003; Müller, 2013, S. 12 f.).

Erfolgreiche kommunikative Handlungen setzen in der Regel einerseits halbwegs intakte sprachliche Leistungsbereiche voraus; also mindestens eine unauffällige Verarbeitung sprachlicher Bedeutungs- und Lautstrukturen sowie deren grammatische Verknüpfung. Gleichzeitig müssen die Kommunikationspartner in ausreichendem Maße auch über weitgehend ungestörte Exekutivfunktionen verfügen sowie über ausreichende Gedächtnis- und Aufmerksamkeitsleistungen, um im kommunikativen Prozess gemeinsam Sinn oder Bedeutungen realisieren zu können.

Die Abbildung 1 skizziert, dass Kommunikationspartner (KA und KB), die miteinander interagieren, gleichzeitig auf sprachliche und kognitive Leistungsbereiche zurückgreifen können müssen, um Kohärenz und Verständigung herstellen zu können. Die Notwenigkeit des Zugriffs auf diese Leistungsbereiche besteht bei der Realisierung aller unserer kommunikativen Handlungen; bei alltäglichen Fragen und Antworten ebenso wie beim Berichten von Ereignissen oder bei längeren Diskussionsbeiträgen, beim Zeitungslesen oder beim Schreiben einer SMS.

Betroffene mit Aphasie leiden in ihrer Kommunikation wahrscheinlich mehr unter Defiziten in Leistungsbereichen, die sich an der Oberfläche eher als sprachliche Symptome manifestieren, obwohl auch sie über kognitive Fähigkeiten verfügen können müssen. Sie müssen beispielsweise behalten, was sie gefragt wurden und was sie darauf antworten wollten. Sie müssen während des Sprechens oder Verstehens z. B. auch erinnern, wie eine längere Äußerung begonnen wurde. Und sie müssen sich auch entscheiden, in welcher Reihenfolge die Darstellung von Sachverhalten sinnvoll und kohärent ist und welche vielleicht weniger wichtigen Details sie vernachlässigen sollten. Dabei können wir nach dem heutigen Stand unseres Wissens noch nicht genau absehen, in welchem Ausmaß sie auch auf kognitive Ressourcen zurückgreifen |4|müssen, wenn sie sich beispielsweise bei der Aktivierung von Einträgen in einem ihrer mentalen Output-Lexika aus einer großen Auswahl konkurrierender Möglichkeiten für ein treffendes Wort entscheiden oder wenn sie ihren Äußerungen syntaktische Formate zugrundelegen, die den Erfolg ihrer kommunikativen Absichten unterstützen.

Abbildung 1: Verschränkung kognitiver und sprachlicher Leistungsbereiche im kommunikativen Prozess zwischen den Kommunikationspartnern KA und KB

Patienten mit kognitiven Kommunikationsstörungen sind weniger auffällig auf der sprachlichen Ebene ihrer kommunikativen Handlungen, aber sie zeigen Symptome bei deren Organisation, bei der Auswahl der Inhalte ihrer |5|Äußerungen, bei der interaktiven Arbeit an gemeinsamen Themen und bei der mangelnden Einbeziehung der Perspektive ihres Gegenübers. Hier fehlen ihnen oft ein stringenter Plan und die Möglichkeit, ihn kontrolliert und angemessen zu realisieren. Die Fokussierung auf das Wesentliche gelingt ihnen oft nicht und sie haben Probleme bei der Einhaltung konventionalisierter oder sozial akzeptierter Handlungsmuster.

Wichtig ist dabei, dass die beschriebenen Symptome und komplexen Störungsprofile schon aufgrund der hier nur skizzierten Vielfalt und Heterogenität möglicher Konstellationen der Pathomechanismen und ihrer kommunikativen Konsequenzen außerordentlich deutlich variieren können. Das ist nicht nur diagnostisch eine große Herausforderung, sondern auch die Behandlungsansätze müssen von Patient zu Patient unterschiedlich sein und bedürfen zur Erreichung alltagsrelevanter Ziele spezifischer und individueller Interventionen (vgl. auch Stadie & Schröder, 2009).

Was soll nun also angesichts dieser Komplexität der interagierenden Phänomene unter kognitiven Kommunikationsstörungen verstanden werden? Schließlich verursachen nicht nur dysexekutive Symptome Probleme in der Kommunikation. Wir haben auch gesagt, dass beispielsweise Patienten mit amnestischen Symptomen, die also nicht behalten können, worum es in einem Gespräch gerade geht (Schuri & Schneider, 2002) ebenso erfolglose Interaktionspartner sind wie diejenigen, die sich einem aktuellen Kommunikationsprozess nicht aufmerksam zuwenden können und daher den interaktiven Verlauf nicht mehr überschauen. Insofern verursachen diese klassischen neuropsychologischen Syndrome natürlich auch Störungen im Handlungs- und Verständigungsprozess, ohne dass sie wegen ihrer vielfältigen anderweitigen Auswirkungen auf den Alltag der Betroffenen lediglich auf den Aspekt einer Kommunikationsstörung reduziert werden können. Ähnlich verhält es sich beispielsweise bei Patienten, die nicht zeitlich oder zur Situation orientiert sind und deshalb unzutreffende Sachverhalte konfabulieren; hier kann die Kommunikation ebenfalls in Gefahr geraten, ohne dass diese Orientierungsstörungen allein als Kommunikationsstörung charakterisiert werden sollten.

Die klinische Erfahrung lehrt uns, dass kognitive Kommunikationsstörungen in der Regel mit gestörten Exekutivfunktionen einhergehen (Baddeley, 1986; Karnath & Kammer, 2003), welche nach erworbener Hirnschädigung die Fähigkeit zum Planen, zum Problemlösen und zur Initiierung und Kontrolle kommunikativer Handlungen beeinträchtigen. Dazu gehören auch Störungen bei der Fokussierung der Aufmerksamkeit, bei der Hemmung irrelevanter Informationen und Prozesse, beim Task Management, bei der Planung der Abfolge von Handlungsschritten zur Zielerreichung und beim Monitoring von Handlungsfolgen, was ebenso Arbeitsgedächtnisleistungen erfordert (Matthes-von-Cramon & von Cramon, 2000, S. 393).

|6|Auf Kommunikationsstörungen im Zusammenhang mit demenziellen Störungsbildern, die den neurologischen teilweise gleichen, die aber letztlich anders einzuordnen und zu behandeln sind, können wir in diesem Band aus Platzgründen nicht eingehen.

Wir verstehen im Folgenden unter kognitiven Kommunikationsstörungen Einschränkungen im interpersonellen mündlichen und schriftlichen Handlungs- und Verständigungsprozess durch:

dysexekutive Symptome beim Planen, Problemlösen und Monitoring kommunikativer Handlungen,

und/oder Einschränkungen bei Abstraktionsleistungen sowie bei der Konzeptbildung im interaktiven Prozess sowie bei der Verarbeitung von Textinformationen,

und/oder Störungen der Gedächtnis- sowie Aufmerksamkeitsleistungen,

und/oder Enthemmungsphänomene wie ein erhöhter verbaler Output mit thematischen Abschweifungen,

und/oder einen durch Antriebsstörungen bedingten deutlich reduzierten verbalen Output,

und/oder eine reduzierte Wortflüssigkeit, Wortwahlstörungen und mögliche Überlagerungen durch aphasische Symptome.

Häufig gehen mit kognitiven Kommunikationsstörungen weitere kognitive Störungsbilder wie Anosognosie etc. einher.

1.2 Epidemiologische Daten

Zur generellen Prävalenz kognitiver Kommunikationsstörungen liegen bisher keine gesicherten Daten vor. Dies ist sicherlich durch die Variabilität der Symptome kognitiver Kommunikationsstörungen bedingt, kann aber zusätzlich durch die heterogene Terminologie bedingt sein (vgl. Kapitel 1.3). Besonders die Überlagerung kognitiver und sprachsystematischer Defizite, wie sie bei multiläsionalen und diffusen Erkrankungen (z. B. durch Axonschäden nach Schädel-Hirn-Trauma, SHT) auftreten können, erschwert eine Differentialdiagnose. Bei vaskulären und traumatischen Hirnschädigungen können aphasische und kognitive Kommunikationsstörung einander auch überlagern. Das Fehlen geeigneter Diagnostikinstrumente erschwert im deutschsprachigen Raum zudem die Erhebung der Häufigkeit entsprechender Kommunikationsstörungen.

Die Notwendigkeit von Diagnostik und Therapie zeigt eine Erhebung von Lehman-Blake et al. (2002): Von den untersuchten Probanden mit rechtshemisphärischer Läsion zeigten 96 % ein kognitives oder kommunikatives Defizit, wovon 26 % auf eine verminderte Wortflüssigkeit fielen. Die Schwierigkeit, |7|die Ergebnisse der Studien zu Kommunikationsstörungen nach rechtshemisphärischen Läsionen zu vergleichen, liegt in der Heterogenität der jeweiligen Studiendesigns und in der inhomogenen Probandenauswahl. Häufig werden Probanden mit einer Läsion der A. cerebri media rechts ausgewählt, wobei unklar bleibt, ob damit rechtshemisphärische Läsionen mit oder ohne Beteiligung frontaler Funktionskreise impliziert sind (McDonald, 1993).

Für einige Subgruppen von kognitiven Kommunikationsstörungen liegen bereits Prävalenzdaten vor. Da es sich dabei nicht immer um sehr hohe Fallzahlen handelt, können diese Zahlen eher als Trendaussagen aufgefasst werden. Die Prävalenz kognitiver Kommunikationsstörungen nach rechtshemisphärischen Schädigungen wurde auf etwa 50 % geschätzt (Benton & Bryan, 1996; Joanette et al., 1991). Neuere Erhebungen gehen von bis zu 80 % aus (Abusamra et al., 2009; Lehman-Blake et al., 2003) wobei die zugrundeliegende Symptomatik sehr heterogen ist. Sie reicht von schweren Defiziten in semantischen Kategorisierungsaufgaben bis hin zu subtilen Defiziten auf Diskursebene (Übersicht in Mackenzie & Brady, 2008). Angaben zur Prävalenz von kommunikativen Beeinträchtigungen beruhen wegen des Mangels an standardisierten Testinstrumenten oft nur auf Einschätzungen des Fachpersonals. Im klinischen Alltag werden Kommunikationsstörungen nach rechtshemisphärischen Läsionen häufig erst dann diagnostiziert, wenn zusätzlich zu den kognitiv-sprachlichen Defiziten eine Dysarthrie oder Dysprosodie vorliegt (Lehman-Blake et al., 2003). Auch Kommunikationsstörungen nach Schädigung des Frontalhirns und/oder nach SHT werden in der Fachliteratur als häufige Beeinträchtigung genannt. In einer größeren Untersuchung von traumatisch bedingten Kommunikationsstörungen führt Lurija (1947, 2001) mit 61 % von 394 Patienten in der Akutphase eine hohe Prävalenz an. In der postakuten Phase bestanden in dieser Erhebung (Lurija & Métraux, 2001) noch bei 43 % Symptome von Kommunikationsstörungen, wobei nach linkshemisphärischen Läsionen die größten Beeinträchtigungen vorlagen. In neueren Arbeiten wird ebenfalls die Variabilität der kommunikativen Beeinträchtigungen nach frontalen Läsionen berichtet (McDonald, 2008; Zalla et al., 2002). Für den deutschsprachigen Raum liegen bislang keine Erhebungen zur Prävalenz kognitiver Kommunikationsstörungen vor. Das hängt auch damit zusammen, dass Defizite auf komplexer linguistischer Ebene (z. B. Textrezeption, sprachliche Analogien) oder beim kommunikativen Handeln in Gesprächen nicht routinemäßig erfasst werden (Lê et al., 2012, vgl. auch Kapitel 3).

1.3 Taxonomien und terminologische Varianten

|8|Tabelle 1: Taxonomien und Terminologische Varianten für kognitive Kommunikationsstörungen1

Terminologische Variante

Referenz