Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Verharmlost als Mittel, um kreativer und leistungsstärker zu werden, hat Kokain in Europa eine gefährliche Akzeptanz in allen Gesellschaftsschichten gefunden. Meistens wird Kokain als Pulver in der Partyszene, im Büro oder gar auf Baustellen konsumiert, und dabei wird völlig übersehen, wie gefährlich es ist. Was oft aus Neugier oder als Spaß beginnt, führt häufig in eine fatale Abhängigkeit. An einem ausgelassenen Abend mit seinen Freunden probiert ein 22-jähriger junger Mann zum ersten Mal Kokain und gerät kurz darauf in den Teufelskreis dieser zerstörerischen Droge. Die Veränderung geschieht rapide: Aus dem klugen, zielstrebigen und begabten jungen Studenten wird ein verzweifelter Mensch mit einer schweren Suchterkrankung. Und obwohl er alles versucht, die Sucht hinter sich zu lassen, ist das Verlangen nach der Substanz stärker. Die Eltern begleiteten ihren Sohn durch die dreijährige Sucht und unterstützten ihn bei seinen Ausstiegsversuchen, die letztlich misslingen. Diesen Weg beschreibt seine Mutter Marina Jung in eindrücklichen Worten. Da man in der Öffentlichkeit und selbst in gewissen Fachkreisen viel zu wenig über die Droge und ihren Wirkcharakter weiß, hat sie ihre Erfahrungen aufgezeichnet. Dabei verknüpft sie Fakten und Erkenntnisse zu einer multiperspektivischen Sichtweise. Die Leserinnen und Leser können dadurch nachvollziehen, warum Kokain besonders unberechenbar und gefährlich ist und was eine Suchterkrankung mit der betroffenen Person und mit dem sozialen Umfeld macht. Und schließlich führt die Autorin die Leserinnen und Leser in die Lebensrealität von suchtkranken Menschen, unter anderem auch durch Texte und Fallbeispiele von Betroffenen.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 269
Veröffentlichungsjahr: 2025
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
MARINAJUNG
Das Buch basiert auf wahren Begebenheiten. Die Namen der Personen undeinzelne biografische Angaben sind zum Schutz der Privatsphäre verändert.Davon ausgenommen sind Personen, die ihre Erfahrungen im Umgang mitSucht in Büchern, Podcasts, Videos, Printmedien oder in Vorträgen öffentlich gemacht haben. Die Details zu meinem Sohn Benedict, meinem Mann undmir selbst sind wahrheitsgetreu dargestellt.
Die Autorin und der Verlag bedanken sich für die großzügige Unterstützung bei
Ernst Göhner Stiftung, Zug
Hürlimann-Wyss Stiftung, Zug
Kulturförderung Kanton Zug und Swisslos
Stadt Zug: Soziale Dienste
Stiftung JOBEMA, Zug
Eine ungenannt sein wollende Stiftung
Der rüffer & rub Sachbuchverlag wird vom Bundesamt für Kultur mit einem Strukturbeitrag für die Jahre 2021–2025 unterstützt.
Zweite Auflage Frühjahr 2025
Alle Rechte vorbehalten
Copyright © 2025 by rüffer & rub Sachbuchverlag GmbH, Zürich
www.ruefferundrub.ch
»WEISSER DRACHE«
Music: Benjamin Bazzazian, Johannes Gehring
Lyrics: Tarek Ebene
© 2020 BMG Rights Management GmbH / K.I.Z. Edition and Johannes Gehring Publishing Designee
Mit freundlicher Genehmigung von Budde Music und Hal Leonard Europe GmbH
Bildnachweis:
Cover: © Efe Kurnaz | unsplash.com
Porträtfoto der Autorin: Privatbesitz
E-Book-Konvertierung: Bookwire GmbH
ISBN 978-3-907351-40-6
eISBN 978-3-907351-39-0
Vorwort von Prof. Dr. Boris B. Quednow
1 Verwaiste Eltern
2 Vom Habenwollen zum HabenmüssenDer Schritt in die Unfreiheit
3 Von Dopamin und DiagnosekriterienDer Sucht auf der Spur
4 Gelegentlich, wöchentlich, täglichWie Kokain in ein Leben dringt
5 Suchtgedächtnis und Erlaubnis gebende GedankenWarum Rückfälle dazugehören
6 Existenzielle KrisenWarum Crack den Absturz ins Bodenlose garantiert
7 Ein Kartenhaus bricht zusammenOder vom moralischen Kompass, der verloren geht, und von anderen Nebenwirkungen
8 Bangen und HoffenWenn Angehörige versuchen, das Unmögliche möglich zu machen
9 Scham, Stolz und LiebeWarum Beziehungen nichts nützen und trotzdem unverzichtbar bleiben
10 Von Optimismus, Tiefpunkten und StigmatisierungWarum die Suchterkrankung schwer fassbar bleibt
11 Ursache von SuchtWeshalb die Frage nach dem Warum nicht weiterführt
12 Kreative Lösungen und HilflosigkeitWarum kontrollierter Konsum nicht funktionieren kann
13 Herkömmliche und neue TherapieansätzeWarum die Substanzforschung gefordert bleibt
14 KokainsuchtEine chronische Krankheit mit Todesfolge
15 Was Angehörige, Freundinnen, Experten und Politikerinnen tun könnenUnd warum Haltungsänderungen zur Entstigmatisierung beitragen
Anhang
Quellen
Anmerkungen
Beratung für Angehörige
Dank
Biografie der Autorin
Für alle Angehörigen von suchtkranken Menschen
Mit diesem Buch legt Marina Jung ein bewegendes und wachrüttelndes Zeugnis darüber ab, wie sehr das soziale Umfeld davon betroffen ist, wenn eine Person unter einer Substanzkonsumstörung leidet. Die Auswirkungen einer solchen Störung auf Angehörige, Freundschaften und das Arbeitsumfeld werden gesellschaftlich und politisch, aber auch klinisch und wissenschaftlich oft immer noch viel zu wenig wahrgenommen und berücksichtigt. Dies hat mehrere Gründe: Zum einen betrachten viele Kliniker:innen und Forscher:innen Substanzkonsumstörungen heute als vor allem biologisch determinierte Erkrankungen, die auf einer individuellen Störung von Hirnfunktionen und Lernmechanismen beruhen. Dabei werden die psychosozialen Gründe und Folgen des Konsums oft ausgeblendet. Zum anderen ist es die Stigmatisierung von Konsumstörungen und die damit verbundene immense Scham, die Angehörige und andere Sekundärbetroffene oft in den Hintergrund treten lässt, wodurch sie auch für die Forschung meist schwer zu greifen sind. Und schließlich sehen westlich-liberale Gesellschaften Substanzkonsum häufig als Frage der individuellen Freiheit und Selbstverantwortung an, womit die soziale Perspektive auf Konsum und Konsumstörungen oft ausgeblendet wird.
Der gesellschaftliche Umgang mit Substanzkonsumstörungen wird bis heute von Mythen und Vorurteilen dominiert, aus denen Fehlschlüsse resultieren, die manchmal auch vor Fachpersonen nicht haltmachen. Durch die gekonnte Integration des persönlich Erlebten mit dem aktuellen Fachwissen gelingt es der Autorin, viele dieser Mythen erfolgreich infrage zu stellen. So glauben viele Menschen nach wie vor, Sucht sei ein Zeichen von Charakter- oder Willensschwäche. Manchmal wird sogar die Meinung vertreten, die von einer Konsumstörung betroffenen Personen hätten es nicht besser verdient, weil sie ihren Zustand letztendlich sich selbst zuzuschreiben hätten. Diese Annahmen sind grundlegend falsch, denn Substanzkonsumstörungen sind biopsychosozial herleitbare psychiatrische Erkrankungen, die meist chronisch verlaufen und eine hohe Morbidität und Mortalität aufweisen.
Ein weiterer Mythos lautet, dass nur Menschen mit bereits bestehenden psychiatrischen oder sozialen Problemen eine Substanzkonsumstörung entwickeln könnten, womit die Annahme verknüpft ist, dass nur eine kleine Minderheit betroffen sei und der große Rest der Bevölkerung kontrolliert konsumieren könne – ein Irrtum, der die Verbreitung solcher Störungen unterschätzt. Das Risiko, eine Substanzkonsumstörung zu entwickeln, ist tatsächlich größer, als viele annehmen. Ein relevantes Beispiel ist das Rauchen (und hier sind alle Nikotinprodukte eingeschlossen): Eine von drei Personen, die einmal mit dem Rauchen anfangen, entwickelt irgendwann in ihrem Leben eine Nikotinabhängigkeit. Angesichts ihrer Verbreitung wäre es aber absurd anzunehmen, dass alle abhängig Rauchenden eine psychiatrische Störung aufweisen (zumindest jenseits der Nikotinkonsumstörung). Beim Konsum von Heroin und anderen hoch potenten Opiaten entwickeln eine von vier und beim Kokain eine von fünf Personen langfristig eine Substanzkonsumstörung. Das Abhängigkeitspotenzial einer Substanz ist allerdings nur eine theoretische Größe und variiert z.B. mit dem Alter (je jünger, umso höher) und dem Geschlecht (Frauen präferieren oft andere Substanzen als Männer). Auch Verbreitung und Verfügbarkeit beeinflussen das Risiko. Bei nicht legalen Substanzen wird das Potenzial eher unterschätzt, weil vulnerable Gruppen einen beschränkteren Zugang zu den Substanzen haben. Auch die kulturelle Einbettung spielt eine Rolle, z.B. inwieweit eine Normativierung des Konsums stattgefunden hat und Konsumregeln und Konsumrituale im sozialen Alltag integriert sind. So wissen wir bei alkoholischen Getränken intuitiv, zu welchem Zeitpunkt wir wie viel trinken können, um sozial nicht aus der Rolle zu fallen – ein Wissen, das sich beispielsweise für Cannabis und Kokain noch nicht entwickelt hat. Unter gewissen Voraussetzungen kann also (fast) jede und jeder eine Konsumstörung entwickeln – sie ist schlicht lernbar.
Ein letzter Mythos umfasst das liberale Ideal der Selbstverantwortung, in dem wiederum die Vorstellung zutage tritt, dass Menschen, welche die Kontrolle über ihren Konsum verloren haben, es nicht besser konnten, ihre Verantwortung nicht wahrgenommen haben und damit selbst schuld seien. Dieses Buch zeigt jedoch eindrücklich, dass Substanzkonsum von Anfang bis Ende ein soziales Phänomen bleibt. Er beginnt fast immer in sozialen Situationen und endet häufig in Einsamkeit und sozialer Ausgrenzung. Auf diesem Weg liegt enormes individuelles wie soziales Leid, welches dieses Buch so überaus ergreifend veranschaulicht. Substanzkonsum also als alleiniges Problem der Selbstverantwortung zu betrachten umfasst die Komplexität des Phänomens nicht. Zwar mag das Argument noch für den Erstkonsum einer Substanz gelten, bei jedem weiteren Konsum wird aber die Selbstverantwortung Stück für Stück ausgehebelt, da sich ein äußerst löschungsresistentes Suchtgedächtnis etabliert, das nach und nach die Kontrolle über das Verhalten übernimmt. Damit wird die Selbstverantwortung schleichend mit der Fremdsteuerung durch die Substanz ersetzt – dies ist das eigentliche Wesen einer Substanzkonsumstörung. Auch dieser Umstand wird im hier vorliegenden Buch eindrucksvoll deutlich.
Zuletzt verändern Substanzen wie Kokain die soziale Interaktionsfähigkeit, was für die Betroffenen wie für ihr Umfeld eine schwere Bürde darstellt. Auch davon erzählt dieses Buch. Substanzkonsum betrifft daher nie nur das Individuum, sondern findet immer in einem sozialen Kontext statt. Dieser soziale Kontext muss drogenpolitisch stärker berücksichtigt werden, denn jede Liberalisierung der Drogenpolitik jenseits der Entkriminalisierung des Konsums setzt primär auf das Argument der Selbstverantwortung und blendet damit die sozialen Kontinuitäten und Konsequenzen aus.
Dies ist ein wichtiges Buch für alle, die die Phänomene »Kokain« und »Sucht« verstehen wollen, und ebenso für alle, die mit vom Konsum betroffenen Menschen umgehen, seien sie nun Angehörige, Beratende, Kliniker:innen oder Forschende. Dieses Werk füllt eine gähnende Lücke, indem es den vielen belasteten Angehörigen von Menschen mit Substanzkonsumstörungen eine Stimme gibt. Mehr noch, es reicht den Betroffenen die Hand, um einen anderen, vielleicht hilfreicheren Umgang mit dem Phänomen Substanzkonsum zu finden. Zuletzt ein persönliches Wort: Obwohl sich der Verfasser dieses Vorworts seit 25 Jahren theoretisch mit dem Thema Substanzkonsum auseinandersetzt, hat er in diesem beeindruckend mutigen Buch viel gelernt.
Boris B. Quednow, Professor für Experimentelle Pharmakopsychologie und Psychologische Suchtforschung an der Universität Zürich
Wieder einmal wage ich es. Mit Respekt und ganz behutsam nehme ich die goldfarbene Schachtel aus meinem Schrank. Ich weiß, was sich darin befindet, dennoch bin ich aufgeregt. Ich setze mich auf den Boden und hebe sacht den Deckel an. Sie ist meine persönliche Schatztruhe, daher die Farbe. Ich lege den Deckel neben die Schachtel, werfe einen ersten Blick auf den kostbaren Inhalt und spüre, wie sich meine Augen mit Tränen füllen. Was sich in der Schachtel befindet, mag für Außenstehende banal klingen: ein Buch, ein Cap, zwei USB-Sticks, ein Schächtelchen mit Mini-Jasskarten, eine Blechdose mit Blumenmuster, eine Militärmütze, zwei fast vollständig abgebrannte Kerzen in einem Plastikbehälter, eine ziemlich abgewetzte Plüschkatze – und ein abgegriffenes Stehaufmännchen. Das ist der Gegenstand, nach dem ich gesucht habe.
Tränen laufen über meine Wangen, als ich die Holzfigur in die Hand nehme, ich ertrinke in Erinnerungen. In dieser goldfarbenen Schachtel befinden sich Gegenstände meines Sohnes, darunter persönliche Lieblingsstücke, die er auf seinem Schreibtisch und neben dem Bett aufgestellt hatte. Benedict ist am 5. November 2020 gestorben, er wurde 26 Jahre alt.
Seit Benedicts Tod ist in meinem Leben nichts mehr, wie es einmal war. So viele Fragen und nur wenige Antworten. Emotionen, die ich früher nicht kannte. Werte, Bedürfnisse, Beziehungen, die sich grundlegend verändert haben, wie ich mir dies nie hätte vorstellen können. In der Zwischenzeit habe ich verstanden, dass Trauer nicht nur ein Gefühl, sondern auch ein Prozess ist. Und ich habe erkannt, dass es mir am besten geht, wenn ich mich auf diesen Prozess einlasse. Dieser Prozess ist noch nicht abgeschlossen, bei Weitem nicht. Nach Benedicts Tod musste ich nämlich feststellen, dass die Theorie des ersten Trauerjahres, derzufolge der Schmerz nach dieser Zeitspanne eine Linderung erfahren soll, für mich nichts anderes als eine Mär bleibt. Trauer lässt sich nicht begrenzen, schon gar nicht durch eine Theorie. Trauer kann man nicht lernen, weder aus Büchern noch aus Erfahrungen Dritter. Trauer ist nichts, das man wegtherapieren kann. Trauer bleibt etwas ganz Persönliches.
Für mich ist Benedicts Tod ein anhaltender Verlust, der mit nichts anderem zu vergleichen ist und der sich schwer in Worte fassen lässt. Es ist dieses Gefühl der Leere, des Verlorenseins, der Einsamkeit. Es ist dieses Gefühl der unendlichen Liebe, das sich mit unerträglichem Schmerz vereint und zu einem neuen Gefühl wird, für das es keinen Namen gibt. Gemeinhin sagt man, dass das Leben nach einem Schicksalsschlag weitergehe. Von außen betrachtet mag das stimmen. Mein inneres Erleben aber ist ein ganz anderes: Seit mehr als vier Jahren drehen sich meine Gedanken im Kreis, auch, aber nicht nur wegen der Umstände von Benedicts Tod. Unser Sohn ist an Drogen gestorben. Innerhalb kürzester Zeit, im Verlauf von nur gerade vier Jahren hat Kokain seine Seele und sein Leben zerstört. Benedicts Leiden war grenzenlos. Gelitten haben aber auch viele Menschen in seinem sozialen Umfeld.
Kokain ist eine Kopfdroge. Wer diesen Dämon im Kopf hat, wird ihn nicht mehr los. Er verlockt, fordert, manipuliert und ruiniert: den sozialen Status, Beziehungen, das Leben. Eine solche Entwicklung in der Familie oder im Freundeskreis mitzuerleben ist für alle Beteiligten eine emotionale Grenzerfahrung. Sucht hat nichts mit Willensschwäche zu tun, Sucht ist eine Krankheit. Allerdings ist diese Krankheit nicht einfach zu fassen, zumindest für jene nicht, die unvorbereitet mit der Suchterkrankung einer nahestehenden Person konfrontiert werden. Ich war auf die Suchterkrankung meines Sohnes nicht im Geringsten vorbereitet, um in dieser Ausnahmesituation richtig reagieren zu können, was richtig in diesem Zusammenhang auch immer heißen mag. Dies habe ich allerdings erst später realisiert. Kokain hat nicht nur Benedict, sondern auch mich völlig aus der Bahn geworfen.
Als ich feststellte, dass mein Sohn Kokain konsumierte, habe ich versucht, mich der Suchtthematik anzunähern. Da sich die Ereignisse jedoch bald schon überstürzten, fehlten Kraft und Energie für sorgfältige Recherchen und für eine zielführende Herangehensweise an diese Problematik. Nach Benedicts Tod ging ich dazu über, alles zu lesen, zu hören und zu sammeln, was ich zum Thema Sucht und speziell zu Kokain auftreiben konnte. Ich wollte verstehen, was uns geschehen war. Vielleicht erhoffte ich mir auch, dass mein Schmerz kleiner würde, wenn es mir gelingen sollte, das Suchtgeschehen zu durchschauen. Meine Hoffnung wurde nicht erfüllt. Aber je mehr ich las, desto deutlicher wurde mir bewusst, wie wenig ich damals gewusst hatte. Je mehr ich recherchierte, desto klarer sah ich die Unbeholfenheit, mit der wir in die damalige Situation hineingerutscht waren. Je tiefer ich in die Materie eintauchte, desto häufiger formulierte ich den Wunsch: »Wenn wir dies doch nur schon damals gewusst hätten.«
Solche Feststellungen fließen auch heute noch in die regelmäßigen Diskussionen zwischen meinem Mann und mir ein. Ob wir Benedicts Tod mit mehr Wissen, mit einer anderen Haltung und mit weniger hilflosem Verhalten hätten verhindern können, weiß ich nicht. Was ich aber weiß: Mit den heutigen Erkenntnissen hätten wir die damalige Lebensqualität aller Beteiligten verbessert, wir hätten Benedicts Leiden verringert und die Chance auf – langfristige – Genesung erhöht. Dennoch: Sucht ist eine chronische Erkrankung, die tödlich enden kann. Benedicts Schicksal belegt dies auf traurige Art und Weise. Doch letztlich ist es müßig, aus heutiger Sicht darüber nachzudenken, was wir damals falsch gemacht haben. Dass wir heute vieles anders handhaben würden, ist auf die Erkenntnisse zurückzuführen, die wir in der Zwischenzeit gewonnen haben.
Seit dem Beginn von Benedicts Erkrankung 2017 bis heute sind einige Jahre vergangen. Sie haben mir alles abverlangt. Noch immer hadere ich häufig, und ich bin nicht mehr die gleiche Frau, die ich zu Lebzeiten von Benedict war. Mittlerweile habe ich verstanden, dass ich mein altes Leben nie mehr haben werde.
Auf der Suche nach einem neuen Inhalt für ein neues Leben stellt sich zwangsläufig die Sinnfrage. Welchen Sinn ergibt die Suchterkrankung eines jungen Menschen, der mit vielen Talenten gesegnet war, welchen Sinn ein Drogentod? Welchen Sinn ergibt es, wenn ein Kind vor seinen Eltern stirbt, was so gar nicht der natürlichen Reihenfolge entspricht? Wenn mit dem Tod eines Einzelkindes eine ganze Familienstruktur wegbricht? Wenn Eltern »verwaisen«? Wenn der Ehemann einer Frau stirbt, wird diese zur Witwe. Wenn ein Kind seine Eltern verliert, wird es zur Waise. Wie aber werden Eltern bezeichnet, die ihr Kind verlieren? Es gibt in unserer Sprache keinen Begriff dafür. Welchen Sinn soll ein Leben noch haben, wenn es vermeintlich sinnlos geworden ist? Ist es sinnvoll, die Sinnfrage zu stellen? Wäre es vielleicht einfacher, Benedicts Erkrankung als Laune der Natur zu bezeichnen? Fragen über Fragen, auf die es keine einfachen Antworten gibt.
Loslassen, wenn man festhalten möchte, und weitergehen, wenn man versucht ist, stehen zu bleiben, gehören zu den wichtigen Lebensaufgaben. Nach Jahren der Verzweiflung, die mir manchmal den Lebensatem raubten, habe ich gelernt, dass negative und positive Gefühle nicht im Widerspruch zueinander stehen müssen. Und auch dank ein paar für mich erhellenden Momenten habe ich für mich entschieden, dass ich weitergehen möchte. Ich mache weiter, so mein bewusster Entscheid. Schritt für Schritt, selbst wenn es nur kleine Schritte sind. Tag für Tag. Ohne zu wissen, wohin mich diese Reise führen wird. Die Herausforderung des Loslassens gestaltet sich für mich nach wie vor komplex. Will ich mein Kind denn überhaupt loslassen? Selbst wenn ich mir manchmal vorstelle, wie es wäre, wenn Benedict exakt in diesem Moment zur Türe hereinkäme, habe ich verstanden, dass mein Sohn auf dieser irdischen Welt nicht mehr ist. Gleichzeitig spüre ich deutlich, dass meine Beziehung zu ihm nie enden wird. Kann ich den Schmerz zurücklassen und die Liebe bewahren? Soll ich mein Mantra der kleinen Schritte auch hier anwenden? Soll ich der Sinnfrage etwas weniger Bedeutung beimessen, damit sie an Schwere verliert? Vielleicht kann ich beginnen, mich zu fragen, welche Konsequenzen und welche Bedeutung Benedicts Tod für mich denn haben könnten.
Nach menschlichem Ermessen war Benedicts Leben eindeutig zu kurz. Kurz bedeutet aber nicht bedeutungslos oder gar minderwertig. In seinem vermeintlich kurzen Leben hat unser Sohn nicht nur mich, sondern auch seinen Vater und viele andere Menschen reich beschenkt. Benedicts Geschichte hat mich persönlich geprägt wie nichts anderes in meinem Leben. Ich gehe heute anders auf Menschen zu, Beziehungen haben einen anderen Stellenwert als früher. Menschen am Rande der Gesellschaft nehme ich heute wahr, früher habe ich einen Bogen um sie gemacht. Ich realisiere, dass sich meine Werthaltungen deutlich verändert haben. Ein Geschenk? Ein Auftrag? Eine Konsequenz aus meiner Verlusterfahrung?
Von Relevanz in meiner Situation ist das Fach- und Erfahrungswissen, das ich mir zu Kokain und zu grundsätzlichen Suchtfragen angeeignet habe. Und wieder die Feststellung: Ich wünschte, dass ich die heutigen Erkenntnisse schon damals gehabt hätte. Kokain erfährt aktuell einen Hype, das Pulver durchzieht alle Gesellschaftsschichten. Die Zahl der Userinnen und User nimmt stetig zu – nicht zuletzt aufgrund der einfachen Verfügbarkeit der Substanz, die auf Wunsch sogar rasch und diskret nach Hause geliefert wird. Akzentuiert wird der Kokainkonsum neuerdings durch Crackszenen, die auch in der Schweiz in verschiedenen Städten wie Pilze aus dem Boden schießen.
Alle, die Kokain konsumieren, haben ein soziales Umfeld: Eltern, Partner, Kinder, Freunde, Arbeitskolleginnen. Und diese Angehörigen werden, ob sie wollen oder nicht, früher oder später mit dem Substanzkonsum der ihnen nahestehenden Person konfrontiert werden. Wenn sie vergleichbare Erfahrungen machen wie wir, dann werden sie sich hilflos, ohnmächtig, verzweifelt, orientierungslos fühlen. Im besten Fall finden sie den Weg zu einer guten Suchtberatungsstelle, im schlechtesten Fall bleiben sie allein, weil Angst, Schuld und Scham sie davon abhalten, Hilfe zu suchen. Über eine Suchterkrankung zu sprechen ist in breiten Kreisen unserer Gesellschaft tabu. Abhängigkeitserkrankungen sind wie alle psychischen Erkrankungen mit einem Stigma behaftet. Würde sich die Situation dieser Angehörigen vielleicht verbessern, wenn sie das wüssten, was wir damals nicht gewusst haben? Wäre es für sie hilfreich, Fach- und Erfahrungswissen zu Kokain in konzentrierter Form zu erhalten?
Ich bin weder Ärztin noch Psychologin und auch keine Suchtberaterin. So gesehen, bin ich wenig legitimiert, über eine Abhängigkeitserkrankung zu berichten. Doch ich habe zwölf Jahre in einer psychiatrischen Klinik gearbeitet und in meinem Berufs- und Beratungsalltag als Leiterin Sozialberatung und Job Coaching miterlebt, was Kokainkonsum bei Betroffenen und Angehörigen anrichten kann. Konsumierende leben nicht selten ein Leben am Limit, und Angehörige erfahren in ihrer Verzweiflung häufig ihre physischen und psychischen Grenzen. In erster Linie aber war und bin ich Mutter eines kokainabhängigen Sohnes, dessen Leiden und existenzielles Ringen ich während vier Jahren hautnah miterlebt habe. Auch ich habe meine Grenzen immer wieder gespürt, auch ich war oftmals verzweifelt und wusste nicht mehr weiter. Darüber möchte ich berichten. Weil es wichtig ist, über das Tabuthema »Sucht« zu sprechen. Und weil ich der Kokainabhängigkeit ein Gesicht und den betroffenen Angehörigen eine Stimme geben möchte.
Kokain hat einen »guten« Ruf, verspricht die Substanz doch Euphorie, Leistungssteigerung, Wachheit, Selbstbewusstsein – zumindest zu Beginn des Konsums. Kokain macht aber auch gierig, egoistisch, emotionslos und birgt ein großes Abhängigkeitspotenzial. Für Menschen, die von Kokain abhängig werden, ist die Substanz die Hölle. Eine Sucht kann bereits nach wenigen Konsumeinheiten oder aber schleichend über die Zeit entstehen. Benedicts Suchterkrankung hat sich auf dramatische Weise und in rasantem Tempo manifestiert. Gerade deshalb ist sie geeignet, Entwicklung, Verhalten und Leiden rund um eine Abhängigkeitserkrankung exemplarisch zu dokumentieren. So gesehen könnte man sagen, dass es sich im vorliegenden Buch um die Dokumentation einer Abhängigkeitserkrankung im Zeitraffer handelt.
In erster Linie möchte ich Angehörigen von Personen mit einer Abhängigkeitserkrankung zur Seite stehen. Ich möchte das Unaushaltbare mit ihnen aushalten, ihnen vermitteln, dass die schwierigen Gefühle, die sie belasten, normal sind. Ich möchte ihnen Anregungen geben für eine andere Haltung der suchtkranken Person gegenüber, und ich möchte in konzentrierter Form all das Wissen vermitteln, das ich damals nicht hatte. Wenn ich Sie, liebe Angehörige, auf Ihrem Weg ein kleines Stück begleiten kann, und wenn Sie den einen oder anderen Input aus unserer Geschichte mitnehmen, dann hat es sich gelohnt, mich hinzusetzen und meine Erfahrungen festzuhalten.
Und schließlich möchte ich ein gutes Wort einlegen für die vielen Kokainkonsumierenden, die sich irgendwann nicht mehr liebenswürdig, einfühlsam und charmant präsentieren, sondern durch arrogantes, egoistisches und kaltes Auftreten irritieren und ihre Angehörigen herausfordern. Die gute Nachricht: Die Wesenszüge, die Angehörige bei ihren konsumierenden Liebsten so sehr vermissen, sind nicht verloren gegangen. Sie sind unter dem Mantel der Sucht verborgen, wo sie darauf warten, wieder hervorgeholt zu werden. Studien belegen zwar, dass mit intensivem Kokainkonsum oftmals kognitive und soziale Einschränkungen einhergehen, die zu einem Ich-Zerfall führen. Doch haben Forscher ebenso herausgefunden, dass die Defizite wieder abgebaut werden können, wenn der Konsum entfällt.1 Dennoch muss bereits an dieser Stelle unmissverständlich festgehalten werden, dass der Weg, eine Kokainsucht zu überwinden, steinig, lang und mit vielen Mühsalen gepflastert ist. Anders als bei einer Opiat- oder Opioidabhängigkeit, bei der Betroffenen mit einer Substitution der Substanz geholfen werden kann, gibt es für Kokain (noch) nichts Vergleichbares – keine Ersatzdroge und kein Medikament, wie beispielsweise Methadon bei einer Heroinabhängigkeit, die Entzugserscheinungen lindern und das Risiko von Rückfällen reduzieren. So ist es denn eine besonders anspruchsvolle Aufgabe, Kokainkonsumierende auf ihrem Genesungsweg zu begleiten. Manchmal hält man es fast nicht aus, das Leiden mitanzusehen. Und es will kaum gelingen, Rückfälle mitzutragen. Man könnte verzweifeln.
Auf dem Boden vor mir liegt noch immer die goldfarbene Schachtel, darin eines der letzten Bücher, das Benedict gelesen hat. Es heißt: »Raus aus dem Schneckenhaus! Nur wer draußen ist, kann drinnen sein.«2 Ich realisiere, wie gut der Titel zu meinem eigenen Vorhaben passt. Das Cap trug Benedict jeweils zum Skaten, es ist verschwitzt. Die beiden USB-Sticks enthalten Fotos von seinen kreativen Arbeiten. Das Schächtelchen mit Mini-Jasskarten erinnert mich an die Zaubervorführungen, mit denen er sein Publikum begeisterte, beispielsweise an meinem 50. Geburtstag. Die Erinnerungen daran sind ein Geschenk. In der kleinen Blechdose mit dem Blumenmuster befinden sich seine Milchzähne. Er hatte sie aufgehoben, ich rieche daran, sie sind geruchlos. Aber ich weiß noch ganz genau, wie Benedict gerochen hat. Auch Gerüche sind Erinnerungen, die Militärmütze beweist es.
Die beiden Kerzen haben auf Benedicts Grab gestanden, von Freundinnen und Freunden mit persönlichen Widmungen versehen. Auch sie haben gelitten – und leiden noch immer. Die Plüschkatze war das Vorläufermodell unserer Katze Maurus, die ebenfalls zur Familie stieß. Das Stehaufmännchen, es mag paradox klingen, aber mein Sohn war in der Tat ein Stehaufmännchen, in vielerlei Hinsicht. Auch da: Erinnerungen. Und nun soll mich Benedicts Stehaufmännchen durch mein Buchprojekt und durch meinen zukünftigen Trauerprozess begleiten, damit ich wieder aufstehen kann, wenn ich einbreche.
Ich will dankbar bleiben für die vielen guten und einzigartigen Andenken, die mich mit Benedict verbinden. Stefan Zweig stellt dazu fest: »Niemand ist fort, den man liebt. Liebe ist ewige Gegenwart.«3 Irgendwo habe ich einmal gelesen, das Leben sei mit einer Kette zu vergleichen, auf der die kostbaren Momente wie Perlen aufgereiht seien. Meine Benedict-Kette ist lang, sie ist das wertvollste Schmuckstück, das ich besitze.
Ein paar Fragen stellen sich mir noch. Darf ich Benedicts Geschichte erzählen? Finde ich eine Sprache für sein und mein inneres Erleben, für meine Gefühle, die ich auch heute vielfach als verwirrend erlebe? Steht es mir zu, seine Erkrankung und sein suchtgetriebenes Verhalten öffentlich zu machen? Kann ich ihm gerecht werden?
Wir haben in der Familie immer wieder über die Suchtthematik und das Leid und Elend des Drogenkonsums gesprochen. In diesem Zusammenhang beklagte Benedict mehrfach, dass ihn niemand verstehen könne und dass niemand nachvollziehen könne, was er erlebt habe und fühle. »Vielleicht schreibe ich darüber einmal ein Buch«, meinte er. Den Titel wisse er bereits: »Die Welt, in der ich nicht lebte.« Viel später bin ich in einem Fachbuch auf folgenden Satz gestoßen: »Ein Mensch kann lebendig tot sein, nämlich dann, wenn er einem Suchtmittel vollkommen verfallen ist.«4 Und daraus meine Erkenntnis: Das muss es sein, was Benedict mit dem Nichtverstehen- und Nichtnachvollziehenkönnen gemeint hatte. Dass die Absicht, darüber zu schreiben, durchaus ernst gemeint war, belegt ein blaues Notizbuch, das wir in seinem Zimmer fanden. Auf der ersten Seite beschreibt Benedict, wie er nach einem dreitägigen Rückfall im Zug sitzt. Er philosophiert über den flüchtigen Augenblick einer Begegnung mit einer ihm nahestehenden Person, die er in einem vorbeifahrenden Zug zu erkennen meint. Er fühlt sich wie elektrisiert und ist gleichzeitig beschämt von der Vorstellung, dass sie ihn in seinem desolaten Zustand erkannt haben könnte. Zwei Züge, die sich kreuzen, zwei Welten, zwei Leben, unterschiedliche Destinationen.
Unser Sohn hat sein Leben in der Abhängigkeit, sein Ringen um Abstinenz und seinen Kampf gegen den Kokainteufel in vielen Texten, Aufzeichnungen und WhatsApp-Nachrichten festgehalten und damit ein berührendes wie erschütterndes Vermächtnis hinterlassen, das – wie die goldfarbene Schachtel – für mich von unschätzbarem Wert ist. Benedict hat ganz viel zu sagen. Und ich kann vielleicht Übersetzungsarbeit leisten, wenn ich mich bemühe, in seine Welt einzutauchen, um seine Botschaften ein Stück weit zu entschlüsseln. Ich meine, dass es in seinem Interesse ist, dass ich es mindestens versuche.
In Konsumsituationen habe ich Benedict hin und wieder verachtet. Manchmal ist es mir nicht mehr gelungen, zwischen Person und Verhalten zu unterscheiden. Mehr als einmal habe ich ihn durch mein Verhalten und meine Worte entwürdigt. Ich war verzweifelt, schämte mich und fühlte mich ohnmächtig. Ich stellte meine eigenen Gefühle in den Vordergrund und habe mir dadurch den Zugang zu Benedicts Leiden und Nöten verwehrt. In solchen Situationen habe ich meinen Sohn als Drogenkonsumenten und nicht als Suchtkranken gesehen. Dies zu erkennen tut mir heute unendlich leid. Durch die Beschäftigung mit Benedicts Geschichte hat sich meine Haltung verändert. Auch darüber will ich berichten.
Mit der gefestigten Absicht, dieses Buchprojekt in Angriff zu nehmen, erhält Benedicts traurige Geschichte vielleicht auch für andere eine Relevanz: Für Angehörige, die sich mit der Kokainabhängigkeit einer geliebten Person konfrontiert sehen, und für weitere Interessierte, die Kokain und die Angehörigenperspektive nicht unberührt lassen.
Februar 2025
Marina Jung
Die Anfänge von Benedicts fataler Kokaingeschichte gingen an uns vorbei. Mit seinen 22 Jahren war unser Sohn erwachsen und – obwohl er noch in der elterlichen Wohnung lebte – selbstbestimmt im Leben unterwegs. Zudem wirkt durch die Nase geschnupftes Kokain nur für kurze Zeit, während 30 bis 90 Minuten. Wird Kokain am Abend und dazu in kleiner Menge eingenommen, ist es problemlos möglich, am folgenden Morgen normal zu funktionieren, ohne dass einem der Konsum ins Gesicht geschrieben steht. Und so bekam selbst das nähere Umfeld vom Beginn von Benedicts Kokainjahren nichts mit. Erst später, als die Nebenwirkungen nicht mehr zu übersehen waren, erzählte er uns, wie es zum Erstkonsum gekommen war.
Im Kreis seiner Kollegen verbringt unser Sohn Anfang 2016 einen Abend in Zürich, man genießt die unbeschwerte Leichtigkeit des Seins, zu der der Alkohol seinen Beitrag leistet. Die Nacht ist lang, die Stimmung ausgelassen, der Besuch in einer Bar steht ebenfalls auf dem Programm. Und in dieser Bar konsumiert Benedict seine erste Linie Kokain, spontan, weil er »es« einfach einmal probieren will. Er geht auf die Toilette, wo er zufällig auf einen Mann trifft, der gerade dabei ist, mit einer Kreditkarte weißes Pulver auf seinem Handy zu einer Linie zu formen. Benedict fragt ihn, ob er ihm etwas davon abgeben würde, was dieser macht. Doch dann ist Benedict enttäuscht. Das Kokain hält nicht, was es verspricht. Kann irgendwie nicht sein, denkt er sich, wenn doch alle von der Großartigkeit dieser Substanz berichten. Er führt die ernüchternde Erfahrung auf den konsumierten Alkohol zurück und beschließt, das Experiment zu einem späteren Zeitpunkt zu wiederholen. Der Zweitkonsum geht dann tatsächlich in die gewünschte Richtung, und danach weiß Benedict auf der Stelle, dass er dieses unbeschreibliche Gefühl wieder erleben will. Nur wenige Wochen später steht er nach einem Arztbesuch am Bellevue, einem belebten Platz in Zürichs Zentrum. Und dann ist er plötzlich da, dieser Gedanke: Wäre cool, mir jetzt eine Linie Kokain zu gönnen. Benedict erschrickt – und erfasst die Gefahr: Wenn ich diesem Impuls jetzt nachgebe, ist das nicht gut für mich. Er spürt es, doch er gibt nach und beschafft sich die Substanz.
Fortan ging ihm das weiße Pulver nicht mehr aus dem Kopf. Er wollte es haben, immer wieder, unter allen Umständen. Und so wurde aus einem neugierigen Habenwollen ein gieriges Habenmüssen. Dieser Wandel vollzog sich rasch. Benedict, dem Freiheit und Unabhängigkeit alles bedeuteten, hatte die ersten Schritte in die Unfreiheit getan. Bereits in jüngeren Jahren war es ihm wichtig, Entscheide eigenverantwortlich zu treffen. Wenn bei schulischen, beruflichen oder organisatorischen Fragestellungen Optionen innerhalb der Familie diskutiert wurden, hörten wir von unserem Sohn wiederholt den Satz: »Aber ich werde selbst entscheiden.« Man mag es als gewisse Sturheit sehen, dass Benedict geneigt war, Empfehlungen zu negieren, um uns Eltern und in erster Linie sich selbst zu beweisen, dass er durchaus in der Lage war, eigene Wege zu gehen. Leider musste er schmerzlich erfahren, dass Drogen nicht frei machen, nie. Sie treten in ein Leben, und plötzlich sind sie das Leben.
Neugier gehörte zu Benedicts Persönlichkeit, Furchtlosigkeit auch. Er hatte vor nichts Angst und verspürte schon früh einen unbändigen Willen nach Abenteuern. Manchmal war er ein bisschen crazy, emotional überbordend, wild. Bezeichnend für seinen Drang, Grenzen zu überschreiten, ist eine Situation, die sich 2001 zutrug, Benedict war damals sieben Jahre alt. Wir zogen in eine neue Wohnung. Auf der Terrasse gab es eine Regenrinne, die auf das Dach des Hauses führte. Spontan kletterte Benedict daran hoch, angeblich, weil er wissen wollte, wie es da oben aussah. Ob er die Aussicht genoss, vermag ich nicht zu beurteilen. Ich weiß aber bestens, wie ich den Rufen folgte, die mich vom Dach herab erreichten. Benedict wusste nämlich nicht, wie er wieder herunterkommen konnte. Das Ende dieser Geschichte ist rasch erzählt: Ich organisierte aus der Nachbarschaft einen Bauarbeiter samt Leiter, der mein Kind aus seiner misslichen Situation befreite. Damals konnte ich dies noch tun – eine Leiter, um kokainabhängige Personen aus ihrer Sucht zu retten, gibt es nicht.
Neugier, Furchtlosigkeit und die Suche nach einem gewissen Kick begleiteten Benedict durch seine Kinder- und Jugendjahre: beim Biken und Klettern, auf dem Skateboard, beim Balancieren auf der Slackline oder auf dem Trampolin. Auch im jungen Erwachsenenalter, und hier ganz besonders bei den Durchhalteübungen im Militär: Je härter und anspruchsvoller die Anforderungen, desto freudiger und motivierter ließ er sich auf sie ein. Den 100-Kilometer-Marsch in der Offiziersschule feierte er als Highlight, auf das er sich schon Wochen im Voraus freute. Benedict interessierte sich für alles und jedes und ganz speziell für das Ausloten und Austesten von Grenzen. Als auf dem Zugerberg ein neuer Pumptrack, eine mit herausfordernden technischen Features angereicherte Mountainbike-Strecke, eröffnet wurde, gehörte er zu den Ersten, die das Abenteuer wagten – immerhin mit Helm, aber mit kurzen Hosen und ohne Schutzausrüstung jeglicher Art. Als er mit aufgeschlagenen Knien und blutigen Ellbogen wieder zu Hause eintraf, stellte er nicht ohne Befriedigung fest: »Läck, isch das geil gsi.«
Trotz seiner Unerschrockenheit war Benedict alles andere als ein rauer Kerl. Er hatte eine zarte, verletzliche Seele, war extrem einfühlsam und verstand es, Gefühle und Stimmungen anderer mit bemerkenswerter Empfindsamkeit wahrzunehmen. Vor ihm ließen sich eine schlechte Laune oder Sorgen nicht verheimlichen. Mein Sohn konnte mich lesen wie niemand sonst.
Benedict war der Typ junger Mann, den alle mochten: groß, gut aussehend, hilfsbereit, charmant, rhetorisch begabt und mit guten Umgangsformen. Die Nachbarn schätzten ihn, weil er nie ohne einen freundlichen Gruß an ihnen vorbeiging. Im Bus freundete er sich mit einem Altersheimbewohner an, weil er vermutete, dass dieser einsam sei. Dem betagten Ehepaar in unserer Straße trug er die schwere Einkaufstasche bis vor die Haustür, weil er befürchtete, dass die beiden ob der Last zusammenbrechen könnten. Benedict hinterfragte sich und das Leben, interessierte sich für Biografien, für philosophische und religiöse Texte. Er war ein Suchender und ein immer wieder Zweifelnder. In seinen Unterlagen fand ich nach seinem Tod ein Mindmap, das den Titel trägt »Wer bin ich?« Strahlenförmig angeordnet beschrieb unser Sohn seine Persönlichkeit mit ein paar wenigen Worten: aufmerksam, zuvorkommend, liebevoll, emotional, empathisch, begeisterungsfähig, musikalisch, kreativ, humorvoll, nachdenklich, schwermütig, hinterfragend, selbstkritisch. Und in die Mitte seiner Aufstellung platzierte er: Stehaufmännchen.
Benedicts Pubertät überstanden wir alle verhältnismäßig unbeschadet. Größere Eskapaden oder Katastrophen blieben weitgehend aus. Von den zur Entwicklung eines jungen Menschen gehörenden Grenzüberschreitungen hörten wir in gewissen Fällen später. Oder auch nicht, was aber nicht relevant war. Zigaretten rauchte Benedict nicht, und Alkohol war nie ein nennenswertes Thema. Im Freundeskreis wurde zwar Alkohol getrunken, doch zu Hause oder an Familienfeiern bevorzugte Benedict Cola mit Eis und Zitrone oder seinen geliebten Eistee. Cannabis probierte er ein paarmal aus, wie wir später erfuhren. Da er die Substanz aber weder mochte noch vertrug, ließ er sie schon bald links liegen.
In der Familie sprachen wir über Drogen und thematisierten insbesondere die Gefahren des Kiffens. Wir lasen »Wir Kinder vom Bahnhof Zoo« – das Buch faszinierte Benedict – und stellten gemeinsam fest, wie gefährlich harte Drogen seien. Während einer gewissen Phase entwickelte Benedict großes Interesse an Substanzen und deren Wirkungen. Sogenannte Tripberichte, wie sie in einschlägigen Foren zu finden waren, ver
