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Ob die persönlichen Ansichten von Journalisten ihre Publikationsentscheidungen beeinflussen, ist eine in der Kommunikationswissenschaft viel diskutierte Frage. Andrea Weitzel zeigt in einer vergleichenden Befragung deutscher und italienischer Journalisten am Beispiel der Eurokrise nicht nur, dass Kollegen, Vorgesetzte und die redaktionelle Linie größere Bedeutung haben als die persönlichen Ansichten. Sie geht auch einen Schritt weiter und prüft mit einer Reihe von Pfadanalysen, welche Bedingungen den Einfluss individueller Ansichten begünstigen: Wichtig sind u.a. die Nähe zur Mehrheitsmeinung und das Meinungsklima in der Redaktion. Neben vielen Gemeinsamkeiten treten bemerkenswerte Unterschiede zwischen den Journalisten beider Länder zu Tage.
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Seitenzahl: 377
Veröffentlichungsjahr: 2021
Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag
Reihe Medienwissenschaft
Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag
Reihe Medienwissenschaft Band 40
Andrea Weitzel
Kollegenorientierung im Journalismus
Eine vergleichende Analyse der Publikationsentscheidungen deutscher und italienischer Journalisten zur Eurokrise
Tectum Verlag
Andrea Weitzel
Kollegenorientierung im Journalismus
Eine vergleichende Analyse der Publikationsentscheidungen deutscher und italienischer Journalisten zur Eurokrise
Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag, Reihe: Medienwissenschaft; Bd. 40
D77
Zugl.: Mainz, Univ., Diss., 2019
Originaltitel: Individuelle Sichtweisen im redaktionellen Kontext
Determinanten der Publikationsentscheidungen deutscher und italienischer Journalisten am Beispiel der Eurokrise
© Tectum Verlag – ein Verlag in der Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden 2021
ePDF: 978-3-8288-7673-6
(Dieser Titel ist zugleich als gedrucktes Werk unter der ISBN 978-3-8288-4609-8 im Tectum Verlag erschienen.)
ISSN: 1861-7530
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Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek
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Danksagung
Die vorliegende Studie ist eine überarbeitete Fassung meiner Dissertation, die der Fachbereich 02 – Sozialwissenschaften, Medien, Sport der Johannes Gutenberg-Universität Mainz im November 2019 als Inauguraldissertation zur Erlangung des akademischen Grades eines Doktors der Philosophie angenommen hat. Über fünf Jahre hat mich dieses Projekt gedanklich beschäftigt: Tagsüber und oft auch nachts, unter der Woche und an vielen Wochenenden. Während dieser Zeit konnte ich mich immer auf die Unterstützung und den Rat meines Doktorvaters Professor Dr. Hans Mathias Kepplinger verlassen. Ihm gilt mein größter Dank! Unsere persönlichen Gespräche haben mich stets vorangebracht und motiviert. Wenn ich gezögert oder gezweifelt habe, hat er mir Mut zugesprochen. Und auf 130 Kilometer Distanz hatte er ein erstaunlich gutes Gespür, wann ich Zeit brauchte und wann ein bisschen Druck angebracht war. Danken möchte ich auch Professor Dr. Marcus Maurer für die Anfertigung des Zweitgutachtens und Professor Dr. Thorsten Faas, der zweimal Gutachten für eine Bewerbung zur Promotionsförderung angefertigt hat.
Für die Übersetzung der Fragebögen und der Anschreiben danke ich Katrin Pougin, Anne Weitzel, Dominique Thiel, Gerd Rust, Stephan Elkins, Ángel Arrese und Alfonso Vara. Bedanken möchte ich mich auch bei den Journalistinnen und Journalisten, die sich Zeit genommen haben, die Fragen zu beantworten und weitere Anmerkungen zu formulieren.
Meine Begeisterung für sozialwissenschaftliche Forschung hat Hans Schmalenbach bereits in der Schulzeit geweckt und gefördert. Iris Romberg hat mich vom ersten Semester an als Freundin begleitet, große Teile der Dissertation Korrektur gelesen, hilfreiche Anregungen gegeben und immer ein offenes Ohr gehabt.
Ich danke meinem Mann Michael für seine Unterstützung und meinen Kindern Antonia und Valentin für ihre Nachsicht.
Marburg, im November 2020 Andrea Weitzel
Vorwort
Die vergleichende Studie von Andrea Weitzel zum Einfluss der handelnden Personen auf die aktuelle Berichterstattung in Deutschland und Italien betritt aus zwei Gründen Neuland. Zum einen erfasst sie die Publikationspräferenzen anhand eines konkreten, in beiden Ländern bedeutenden Themas – der Berichterstattung über den Euro und die Eurokrise. Zum anderen ermittelt sie die relative Bedeutung von vier Ebenen – den individuellen Berufsauffassungen der befragten Journalisten und ihren thematisch relevanten Einstellungen und Meinungen, den wahrgenommenen Sichtweisen von Kollegen und Vorgesetzten sowie den generellen Vorgaben durch die redaktionellen Linien der erfassten Zeitungen. Zudem berücksichtigt sie die jeweiligen nationalen Kommunikationskulturen. Aus den genannten Gründen vermittelt ihre vergleichende Journalistenbefragung besonders realistische Informationen über den Prozess der Nachrichtenproduktion in Deutschland und Italien.
Die Verfasserin beschreibt anhand ihrer Befragungsergebnisse Gemeinsamkeiten und Unterschiede der individuellen Dispositionen deutscher und italienischer Journalisten sowie ihre Handlungsmöglichkeiten in ihrem redaktionellen Umfeld. Grundlage sind vereinfachte Tabellen mit Prozentangaben, vielfach ergänzt durch Mittelwerte. Bereits hier zeigt sich ein breites Spektrum von Gemeinsamkeiten der Journalisten beider Länder, vor dem sich gravierende Unterschiede in einzelnen Sachfragen besonders deutlich abheben. So vertreten die deutschen Journalisten zum Euro ähnlich positive Meinungen wie die heimische Bevölkerung. Sie berichten folglich für ein ähnlich gestimmtes Publikum, während die italienischen Journalisten mit ihren positiven Meinungen mit einer eher negativ gestimmten Bevölkerung rechnen müssen. Nach den Ansichten italienischer Journalisten besitzt der Staat erheblich mehr Verantwortung für ein breites Spektrum wirtschaftlicher Probleme als nach Ansicht ihrer deutschen Kollegen. Vor allem sollte er Unternehmen unterstützen, „denen es schlecht“ geht. Schon diese beiden Beispiele zeigen, dass die Berichterstattung deutscher und italienischer Zeitungen auf unterschiedlichen Voraussetzungen beruht. Diese Unterschiede werden paradoxer Weise durch eine verblüffende Gemeinsamkeit verstärkt: die weitaus meisten Journalisten beider Länder sehen nur eine sehr geringe Distanz zwischen ihren Meinungen und den Meinungen der Kollegen. Entsprechend groß dürfte der in verschiedene Richtungen wirkende Gruppendruck bei der Berichterstattung über beispielsweise staatliche Hilfen für Unternehmen sein.
Im zweiten Teil ihrer Untersuchung analysiert die Verfasserin den Einfluss der wirtschaftspolitischen Einstellungen der Journalisten sowie ihrer Meinungen zum Euro auf ihre Meinung zu konkreten Maßnahmen sowie zur Publikationswürdigkeit von entsprechenden Meldungen. Diese Analysen führt sie, weil zwischen den Journalisten beider Länder keine nennenswerten sozialen Beziehungen bestehen, sinnvoller Weise getrennt für die deutschen und italienischen durch. In das grundlegende Analysemodell führt sie schrittweise weitere Variablen ein, etwa die Anpassungsbereitschaft der Befragten an ihre Kollegen, und prüft jeweils, ob sie einen signifikanten Beitrag zur Erklärung der simulierten Nachrichtenauswahl leisten. Auf diese Weise entsteht gut nachvollziehbar ein komplexes und realistisches Bild von den Voraussetzungen der aktuellen Berichterstattung über den Euro und die Eurokrise in Deutschland und Italien. Zudem wird deutlich, dass sich individuelle Sichtweisen von Journalisten im Rahmen ihrer sozialen Einbettung nur moderat auf den Tenor der Berichterstattung auswirken. Ihr Einfluss beruht – von spektakulären Ausnahmen abgesehen – nicht darauf, dass sie im Einzelfall die Berichterstattung stark prägen, sondern darauf, dass sie im Einklang mit ihren Kollegen die Sichtweisen des Publikums – abhängig von den vorhandenen Meinungen – langfristig bestärken oder in eine andere Richtung lenken.
Mainz, im November 2020 Professor (em.) Dr. Hans Mathias Kepplinger
Inhalt
Danksagung
Vorwort
Abbildungsverzeichnis
Tabellenverzeichnis
1 Einleitung
2 Berichterstattung und Bevölkerungsmeinung zur Eurokrise
2.1 Die Eurokrise in der Berichterstattung
2.2 Die Sichtweise der Bürger
3 Journalistische Nachrichtenauswahl
3.1 Zum Verhältnis von Realität und Berichterstattung
3.2 Modelle der Einflussfaktoren auf die Nachrichtenauswahl
4 Strukturelle Bedingungen
4.1 Merkmale des politischen Kontexts
4.2 Merkmale der Mediensysteme
4.3 Verfassungsrechtliche Stellung und Pressefreiheit
4.4 Pressefreiheit: äußere Einflüsse auf journalistische Arbeit
4.5 Politische Kommunikationskultur
4.6 Journalismuskultur
5 Institutionelle Bedingungen
5.1 Redaktionsorganisation
5.2 Redaktionelle Linie
5.3 Redaktionelle Kontrolle
5.4 Kollegenorientierung
6 Individuelle Bedingungen der Akteure
6.1 Die Rolle der Journalisten
6.1.1 Rollenerwartungen
6.1.2 Rollenkonzeption
6.1.3 Rollentypologien
6.1.4 Rollenverhalten und -umsetzung
6.2 Nachrichtenkultur: Muster der Berichterstattung
6.3 Einstellungen und Meinungen
7 Studie
7.1 Der Fragebogen
7.2 Untersuchungsanlage
7.3 Grundgesamtheit und Stichprobe
7.3.1 Vorbemerkung
7.3.2 Grundgesamtheit
7.3.3 Medienauswahl
7.3.4 Journalistenauswahl
7.4 Rücklauf
7.5 Portraits der Vergleichsgruppen
7.6 Analysestrategie
8 Ergebnisse
8.1 Rollenverständnis deutscher und italienischer Journalisten
8.2 Einstellungen und Meinungen der Journalisten
8.2.1 Meinung zur Europäischen Union und zum Euro
8.2.2 Einstellung zur wirtschaftlichen Verantwortung des Staates
8.2.3 Meinung zu den Maßnahmen der Krisenbekämpfung
8.2.4 Einschätzung der Publikationswürdigkeit der Meldungen
8.2.6 Bereitschaft zu gruppenkonformem Verhalten
8.3 Redaktionsbedingungen der Journalisten
8.3.1 Redaktionelles Meinungsspektrum
8.3.2 Die Kollegenmeinung
8.3.3 Übereinstimmung mit dem Chefredakteur
8.3.4 Die redaktionelle Linie
9 Modell der Publikationsentscheidung
9.1 Der Einfluss der individuellen Faktoren
9.2 Einfluss der gruppenbezogenen Faktoren
9.3 Der Einfluss der institutionellen Faktoren
9.4 Wie man die Publikationsentscheidungen erklären kann
10 Schlussfolgerungen
10.1 Zusammenfassung der Ergebnisse
10.2 Schwierigkeiten und Einschränkungen
10.3 Diskussion der Befunde
Literaturverzeichnis
Anhang
Abbildungsverzeichnis
Abbildung 1: Einflussfaktoren im Journalismus – Integratives Mehrebenenmodell
Abbildung 2: Analyse-Ebenen der Forschung über Nachrichtenauswahl
Abbildung 3: Modell des Einflusses professioneller und nicht professioneller Faktoren auf Nachrichtenentscheidungen
Abbildung 4: Typologie der Journalisten
Abbildung 5a: Pfadmodell der individuellen Einflussfaktoren für deutsche Journalisten165
Abbildung 5b: Pfadmodell der individuellen Einflussfaktoren für italienische Journalisten
Abbildung 6a: Vergleich der Wirkung des Rollenverständnisses bei der Meldung zur Einführung von Eurobonds
Abbildung 6b: Pfadmodell mit dem Faktor Rollenselbstverständnis für deutsche Journalisten
Abbildung 6c: Pfadmodell mit dem Faktor Rollenselbstverständnis für italienische Journalisten
Abbildung 7a: Vergleich der Wirkung des Meinungsklimas bei der Meldung zur Einführung von Eurobonds
Abbildung 7b: Pfadmodell mit dem Faktor Meinungsklima für deutsche Journalisten
Abbildung 7c: Pfadmodell mit dem Faktor mit Meinungsklima für italienische Journalisten
Abbildung 8a: Vergleich der Wirkung der Anpassungsbereitschaft bei der Meldung zur Einführung von Eurobonds
Abbildung 8b: Pfadmodell mit dem Faktor Anpassungsbereitschaft für deutsche Journalisten
Abbildung 8c: Pfadmodell mit dem Faktor Anpassungsbereitschaft für italienische Journalisten
Abbildung 9a: Vergleich der Wirkung der Distanz zur Mehrheitsmeinung der Kollegen bei der Meldung zur Einführung von Eurobonds
Abbildung 9b: Pfadmodell mit den Faktoren Kollegenmeinung und Distanz zur Mehrheitsmeinung für deutsche Journalisten
Abbildung 9c: Pfadmodell mit den Faktoren Kollegenmeinung und Distanz zur Mehrheitsmeinung für italienische Journalisten180
Abbildung 10a: Pfadmodell mit den Faktoren Kollegenmeinung, Distanz zur Kollegenmeinung und Meinungsklima für deutsche Journalisten
Abbildung 10b: Pfadmodell mit den Faktoren Kollegenmeinung, Distanz zur Kollegenmeinung und Meinungsklima für italienische Journalisten
Abbildung 11a: Pfadmodell mit den Faktoren Kollegenmeinung, Distanz zur Mehrheitsmeinung und Anpassungsbereitschaft für deutsche Journalisten
Abbildung 11b: Pfadmodell mit den Faktoren Kollegenmeinung, Distanz zur Mehrheitsmeinung und Anpassungsbereitschaft für italienische Journalisten
Abbildung 12a: Vergleich der Wirkung der Übereinstimmung mit dem Chefredakteur zur EU bei der Meldung zu koordinierter Wirtschaftspolitik
Abbildung 12b: Pfadmodell mit dem Faktor Übereinstimmung mit dem Chefredakteur zur EU-Mitgliedschaft für deutsche Journalisten
Abbildung 12c: Pfadmodell mit dem Faktor Übereinstimmung mit dem Chefredakteur zur EU-Mitgliedschaft für italienische Journalisten
Abbildung 13a: Vergleich der Wirkung der Übereinstimmung mit dem Chefredakteur zum Euro bei der Meldung zur Einführung von Eurobonds
Abbildung 13b: Pfadmodell mit dem Faktor Übereinstimmung mit dem Chefredakteur zum Euro für deutsche Journalisten
Abbildung 13c: Pfadmodell mit dem Faktor Übereinstimmung mit dem Chefredakteur zum Euro für italienische Journalisten
Abbildung 14a: Vergleich der Wirkung der europapolitischen redaktionellen Linie bei Meldung zur stärkeren Koordinierung der Wirtschaftspolitik
Abbildung 14b: Pfadmodell mit dem Faktor europapolitische redaktionelle Linie für deutsche Journalisten
Abbildung 14c: Pfadmodell mit dem Faktor europapolitische redaktionelle Linie für italienische Journalisten
Abbildung 15a: Vergleich der Wirkung der wirtschaftspolitischen redaktionellen Linie bei der Meldung zur Implementierung eines Konjunkturprogramms
Abbildung 15b: Pfadmodell mit dem Faktor wirtschaftspolitische redaktionelle Linie für deutsche Journalisten
Abbildung 15c: Pfadmodell mit dem Faktor wirtschaftspolitische redaktionelle Linie für italienische Journalisten
Tabellenverzeichnis
Tabelle 1: Vertrauen in politische Institutionen und Massenmedien
Tabelle 2: Ausgewählte Zeitungen und Nachrichtenmagazine
Tabelle 3: Stichprobengröße und Ausschöpfungsquote
Tabelle 4: Soziodemografische und berufliche Merkmale der Journalisten
Tabelle 5: Berufs- und Rollenverständnis von Journalisten
Tabelle 6: Faktoren des Rollenverständnisses
Tabelle 7: Meinung von Journalisten und Bürgern zur EU-Mitgliedschaft
Tabelle 8: Meinung von Journalisten und Bürgern zum Euro
Tabelle 9: Vergleich der wirtschaftspolitischen Grundüberzeugungen
Tabelle 10: Vergleich der wirtschaftspolitischen Einstellungen
Tabelle 11: Meinung zu Maßnahmen der Krisenbekämpfung
Tabelle 12: Zusammenhang zwischen der Meinung zu Staatsintervention (Index) und der individuellen Meinung zu den Maßnahmen
Tabelle 13: Struktur der Meinung zu den Maßnahmen der Krisenlösung
Tabelle 14: Meldungen
Tabelle 15: Publikationswürdigkeit der Meldungen
Tabelle 16: Berücksichtigung der Kollegenmeinung beim Verfassen von Beiträgen
Tabelle 17: Redaktionelles Meinungsspektrum zur Eurokrise
Tabelle 18: Zusammenhang zwischen eigener Meinung und zugeschriebener Publikationswürdigkeit in Abhängigkeit von Meinungsklima und Land
Tabelle 19: Vermutete Mehrheitsmeinung der Kollegen
Tabelle 20: Distanz zwischen eigener Meinung und vermuteter Mehrheitsmeinung der Kollegen
Tabelle 21: Zusammenhang zwischen Distanz zur Mehrheitsmeinung der Kollegen und dem redaktionellen Meinungsklima
Tabelle 22: Mittelwertunterschiede bei der Distanz zur Mehrheitsmeinung der Kollegen zwischen Journalisten mit wahrgenommenen heterogenen vs. homogenen Meinungsklima
Tabelle 23a: Übereinstimmung mit dem Chefredakteur in Bezug auf EU-Mitgliedschaft
Tabelle 23b: Übereinstimmung mit dem Chefredakteur in Bezug auf den Euro
Tabelle 24a: Europapolitische Linie der Redaktionen
Tabelle 24b: Wirtschaftspolitische Linie der Redaktionen
Tabelle 25a: Übersicht zum Anteil erklärter Varianz der Publikationsentscheidung deutscher Journalisten
Tabelle 25b: Übersicht zum Anteil erklärter Varianz der Publikationsentscheidung italienischer Journalisten
Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird ausschließlich die männliche Schreibweise verwendet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten gleichwohl für alle Geschlechter.
1 Einleitung
Eine Analyse der Berichterstattung zur Eurokrise in zehn Ländern zwischen 2010 und 2012 ergab, dass „a widely shared European representation of this crisis does not exist […] national identities and interests still matter and these remain stronger than the idea of European identity itself“ (Mancini und Mazzoni 2015, S. 177). Die Unterschiede reichten vom Umfang der Berichterstattung über die Gewichtung einzelner Aspekte bis zur Darstellung und Bewertung von Akteuren, Maßnahmen und Folgen. Die Berichterstattung war stärker von dominanten Sichtweisen einzelner Länder geprägt als von politischen und wirtschaftlichen Schlüsselereignissen (Kepplinger et al. 2015, S. 61). Nationale Unterschiede überlagerten auch Unterschiede zwischen verschiedenen Zeitungstypen. Es gebe zwar durchaus Ähnlichkeiten in der Berichterstattung der europäischen Staaten, Unterschiede blieben jedoch wichtig (Mancini und Mazzoni 2015, S. 178). Nationale Interessen ihres Landes könnten für die Berichterstattung der Medien maßgeblich sein. In der deutschen Berichterstattung wurde die Einführung von Eurobonds abgelehnt mit der Begründung, Deutschland müsse dann die Schulden der anderen Länder bezahlen. Übernahmen Journalisten diese Sichtweise von den Politikern – oder Politiker von Journalisten? Die Berichterstattung zur Eurokrise zeigt, dass Journalismus an nationale Normen, Institutionen, Publika und Themen gebunden ist (Scholl und Weischenberg 1998). „Selbst vermeintlich globale Themen und Ereignisse werden national sehr unterschiedlich berichtet, weil sie durch Herausstreichen nationaler Bezüge ‚domestiziert‘ und in die jeweiligen Wahrnehmungswelten und Rezeptionsprismen eingeordnet werden“ (Esser 2004, S. 154).
Eine Ursache der Unterschiede zwischen dem beobachteten Geschehen und seiner Darstellung kann das Selbstverständnis der Journalisten sein. In früheren Befragungen gaben 93 Prozent der Politikjournalisten an, es sei ihre Aufgabe, „das Publikum möglichst neutral und präzise zu informieren“. Nur eine Minderheit von 13 Prozent wollte „dem Publikum eigene Ansichten präsentieren“ oder „die politische Tagesordnung beeinflussen und Themen auf die Agenda setzen“ (20 Prozent). Eine Mehrheit von 60 Prozent der befragten Journalisten wollte „Kritik an Missständen üben“ (Weischenberg et al. 2006, S. 284; Lünenborg und Berghofer 2010, S. 37–40). Als „Politiker mit anderen Mitteln“ sahen sich aber nur 12 Prozent (Köcher 1985, S. 90; Malasomma 1991, S. 118). Etwas mehr als die Hälfte (57 Prozent) der deutschen Journalisten sagte 2014/15, es sei ihre Aufgabe das Publikum zu erziehen (Hanitzsch et al. 2016, S. 2). Auf der anderen Seite stimmte die Hälfte der vom Bayerischen Rundfunk Befragten der Aussage zu, dass Medien an ihnen und ihren Problemen vorbeireden (van Eimeren und Egger 2016, S. 19). Die „Kehrseite der gestörten Publikumsbeziehung ist die intensive Orientierung an Berufskollegen“ (Donsbach 1981, S. 168). Die Kollegen dienen als Ersatz für das diffuse Publikumsbild und zur Validierung der eigenen Meinung, diagnostizierte (Donsbach 1982, S. 212–213).
Eine Ursache der unterschiedlichen Darstellung des gleichen Geschehens kann auch die in verschiedenen Ländern unterschiedliche Verbindung zwischen Journalismus und Politik sein. Sie ist einerseits notwendige Voraussetzung der journalistischen Arbeit, andererseits verlangt die Aufgabe der Medien als Kritik- und Kontrollinstanz eine Distanz zu Politikern und politischen Institutionen. Auch organisatorische Zwänge schränken die Wahrnehmung der Kritik- und Kontrollfunktion ein. Journalisten haben wenig Zeit für Recherche, sind hohem Selektionsdruck ausgesetzt und stehen im Wettbewerb um Leser, Zuschauer und Zuhörer. Dies kann zu mehr konformer und weniger kritischer Berichterstattung innerhalb der Länder führen (Wahl-Jorgensen 2014, S. 307). Die Beziehung zwischen Bevölkerung, Medien und Politik kann man als Dreiecksbeziehung beschreiben. Danach besteht eine Kluft zwischen Bevölkerung und Journalisten sowie eine enge Verbindung zwischen Journalisten und politischen Akteuren.1 Ein Drittel der vom Institut für Publizistik Befragten war der Meinung, die Medien würden als Sprachrohr der Mächtigen dienen (Schultz et al. 2017, S. 253).
Ein Teil der angesprochenen Probleme ist vermutlich eine Folge des Berufsverständnisses von Journalisten und ihrer damit verbundenen Nachrichtenauswahl. Die Schwierigkeit der Nachrichtenselektion besteht darin, dass „the facts are not simple, and not at all obvious, but subject to choice and opinion“ (Lippmann 1965 (1922), S. 218). Bei vielen Nachrichtenentscheidungen fehlen objektive Beurteilungskriterien (Donsbach 2004, S. 136–137). Um ihre Wahrnehmung der Realität zu überprüfen, orientieren Journalisten sich an ihren Kollegen. Durch viele Gespräche kennen sie die Sichtweisen der Kollegen. Innerhalb der Redaktion bzw. des Ressorts etabliert sich ein bestimmtes Meinungsklima. Die Bereitschaft von Journalisten, bei emotional aufgeladenen Diskussionen ihren Standpunkt in einem redaktionellen Beitrag zu vertreten, hängt nach der Theorie der Schweigespirale davon ab, ob sie glauben, mit ihrem Standpunkt zur öffentlichen Mehrheit oder Minderheit zu gehören (Noelle-Neumann 1980). Ein weiterer Faktor ist die Disposition, sich gruppenkonform zu verhalten oder das Handeln unabhängig von der Gruppe der Kollegen auszurichten. Journalisten beachten auch Kollegen bei anderen Medien. Ähnliche Darstellungen fassen sie als Bestätigung der eigenen Entscheidungen auf (Kepplinger 1979, S. 14). Ihre intensive Kollegenorientierung begünstigt ähnliche Realitätssichten und ähnliche Realitätsdarstellungen.2 Bei der Berichterstattung über die europäische Staatsschuldenkrise (2010–2012) waren die Narrative zu den Akteuren „EU“ und „Europäische Zentralbank“ innerhalb der Länder homogen (Barbieri und Campus 2015, S. 73). Schon zu Beginn war die Berichterstattung konsonant, dies verstärkte sich für einige Themen im Zeitverlauf. Im Falle der langfristigen Krisenlösung wurden die Unterschiede zwischen den Ländern aber geringer (Salgado et al. 2015, S. 120–121). Vor allem bei Konflikten bilden sich im Journalismus gegensätzliche Lager: Während der von Unsicherheit geprägten Orientierungsphase der Wirtschafts- und Finanzkrise 2008/2009 glichen sich die Bewertungen der FAZ und SZ einander an. In der anschließenden Routinephase zeigten sich entgegengesetzte Bewertungen in beiden Zeitungen (Geiß 2013, S. 104).
Den ersten Studien zur Nachrichtenauswahl, den sogenannten Gatekeeper-Studien (White 1950; Gieber 1956; Snider 1967), lag ein Bild vom Journalisten als passiven Vermittler zugrunde. Die Nachrichtenauswahl wurde als eine Art Wirkungsprozess verstanden, in dem die Ereignisse als Ursachen und die Beiträge als Wirkungen betrachtet wurden (Kepplinger 1989, S. 9). In den Nachrichtenwert-Studien (Lippmann 1965 (1922); Galtung und Ruge 1965; Sande 1971; (Østgaard 1965; Sande 1971; Schulz 1976) wurde die Berichterstattung als Folge des Zusammenwirkens der objektiven Eigenschaften von Ereignissen – den Nachrichtenfaktoren – und der journalistischen Realitätsvorstellungen – den Nachrichtenwerten der Nachrichtenfaktoren – konzipiert. Die Publikationswürdigkeit einer Meldung, gemessen anhand ihres Umfangs und ihrer Platzierung, ist abhängig von der Anzahl der Nachrichtenfaktoren und der Intensität jedes einzelnen Nachrichtenfaktors (Kepplinger 2000, S. 105). Mit Kepplingers Zwei-Komponenten-Theorie der Nachrichtenauswahl sind gute Prognosen für den Umfang der Meldungen möglich (Kepplinger und Bastian 2000; Kepplinger und Ehmig 2006). Unterschiede in der Berichterstattung über Krisen und Konflikte kann man mit der Nachrichtenwert-Theorie jedoch nicht erklären (Kepplinger 2000, S. 114). Ein explizit für Krisen und Konflikte entwickelter Ansatz ist die von Hans Mathias Kepplinger entwickelte Theorie der instrumentellen Aktualisierung. Kepplinger erweitert das klassische Modell der Nachrichtenauswahl um die finale Perspektive: Journalisten verfolgen Ziele und wählen bei der Nachrichtenauswahl geeignete Mittel, um diese Ziele zu erreichen. Damit ändert sich ihre Rolle: Sie sind nicht mehr neutrale Vermittler von Informationen, sondern aktive, engagierte Akteure des Geschehens.3 Ein Test der Theorie instrumenteller Aktualisierung ist mit der vorliegenden Studie jedoch nicht möglich.4
Eine andere Forschungstradition betrachtet Journalisten als Akteure in komplexen Strukturen, die ihren individuellen Absichten Grenzen setzen. Walter Gieber (1956) untersuchte die Einbindung von Journalisten in den Kontext von Redaktionen, Warren Breed (1955b) die Anpassung von Journalisten an Kollegenerwartungen und die Internalisierung von Rollenerwartungen. Die Vermutung liegt nahe, dass Journalisten, deren Sichtweise zu einem konkreten Konflikt mit der Sichtweise ihres Vorgesetzten übereinstimmt, größere Chancen haben, ihre Sichtweise in den redaktionellen Beitrag einzubringen. Die Bedeutung des nationalen Kontexts hoben Siebert, Peterson und Schramm in „Four theories of the press“ (Siebert et al. 1956) hervor. Ihre „Grundannahme […] ist die These, daß die Presse bzw. die Massenmedien immer die Form und das Kolorit der sozialen und politischen Strukturen annimmt (annehmen), in die sie eingebettet ist (sind)“, so Kunczik (1988, S. 59–60) Die rechtlichen Grundlagen der journalistischen Tätigkeit haben keinen unmittelbaren, jedoch einen mittelbaren Einfluss auf die Publikationsentscheidungen von Journalisten, indem sie das Rollenverständnis prägen.
In dieser Arbeit wird ein Modell der Nachrichtenentscheidung entworfen, das mehrere Faktoren berücksichtigt und ihr Zusammenwirken erklären will. Der Einfluss des Rollenselbstverständnisses wird mit der Rollentheorie und der Einfluss des redaktionellen Kontexts mit der Bezugsgruppentheorie erklärt. Mittels Moderations- und Pfadanalysen können direkte und indirekte Effekte auf die Nachrichtenentscheidungen modelliert und ihr relativer Anteil geschätzt werden. Damit wird der Einfluss anderer Faktoren, wie z.B. politische PR und Propaganda, keineswegs bestritten, er ist schlichtweg nicht Gegenstand der vorliegenden Untersuchung. Zum einen würde damit die Komplexität des Erklärungsmodells steigen, zum anderen wäre das Erhebungsinstrument umfangreicher und der Rücklauf geringer ausgefallen. Historische Entwicklungen sind nur Gegenstand der Untersuchung, sofern es für die Erklärung der Publikationsentscheidung notwendig ist.
Geplant war eine vergleichende Analyse auf der Basis einer mittleren Länderzahl, in der Regel fünf bis sieben Länder. Dafür wurden zwei von der Eurokrise relativ ungefährdete Staaten (Deutschland und Frankreich) und zwei gefährdete Staaten (Italien und Spanien) ausgewählt. Die Auswahl wurde um Großbritannien ergänzt, das zur Zeit der Studienplanung Mitglied in der Europäischen Union, aber nicht Mitglied der Eurozone war. Für alle fünf Länder wurden Stichproben gebildet, der Fragebogen in die Landessprachen übersetzt und die Befragung durchgeführt. Aufgrund einer, trotz mehrfacher Nachfassaktion, sehr geringen Beteiligung5 der Journalisten in Frankreich, Spanien und Großbritannien, wird der Vergleich auf Deutschland und Italien beschränkt werden.
Zunächst soll geklärt werden, welches Rollenverständnis deutsche und italienische Journalisten haben und inwiefern sich dieses unterscheidet. In Zusammenhang mit dem Rollenverständnis steht auch die Frage, ob die Journalisten bereit sind, Informationen, die ihre eigene Sichtweise stützen, eher publizieren als Informationen, die ihrer Sichtweise widersprechen. Dafür muss die Sichtweise der Journalisten auf die Eurokrise erfragt werden. Und welche Ansichten nehmen die Journalisten bei ihren Kollegen wahr? Gibt es eine Mehrheitsmeinung oder gibt es innerhalb der Redaktion mehrere Positionen zur Eurokrise? Welche Rolle spielen der Chefredakteur und die Kollegen bei der Publikationsentscheidung? Orientieren sich Journalisten bei dem Verfassen von Beiträgen an der vorgegebenen, redaktionellen Linie ihres Blattes?
Die vorliegende Untersuchung strebt Antworten auf zwei Fragen an:
Erstens: Welchen Anteil haben individuelle Ansichten von Journalisten, Faktoren des Redaktionskontexts und des Berufsverständnisses auf die Nachrichtenauswahl und -aufbereitung?
Zweitens: Wie wirken sich verschiedene redaktionelle Kontexte und verschiedene Rollenverständnisse auf die Relevanz der individuellen Ansichten in der Nachrichtengebung aus?
Als Grundlage dafür wird in Kapitel 2 die Eurokrise, anhand derer die Nachrichtenauswahl von Journalisten untersucht werden soll, skizziert. Zuerst werden einzelne Ergebnisse der Studie Euro Crisis in the Media besprochen. Die Darstellung konzentriert sich auf nationale und mediengattungsspezifische Unterschiede in der Berichterstattung. Anschließend wird die Meinung der Bürger in beiden Ländern anhand von Eurobarometer-Daten umrissen. In Kapitel 3 werden die Einflussfaktoren auf Nachrichtenentscheidungen skizziert und verschiedene Typologien dieser Faktoren dargestellt. In Kapitel 4 geht es um die strukturellen Bedingungen: politisches System, Mediensystem, Stellung der Medien in der Gesamtgesellschaft. Kapitel 5 beschäftigt sich mit den institutionellen Bedingungen politischer Kommunikation: Welche Bedingungen finden Journalisten in den Redaktionen vor und in welcher Weise schränken sie die Handlungsoptionen des Journalisten ein? Das Rollenselbstverständnis der Journalisten, die daraus resultierende Nachrichtenkultur sowie der Einfluss von Einstellungen und Meinungen auf die Publikationsentscheidung werden in Kapitel 6 skizziert.
Die Untersuchungsanlage wird in Kapitel 7 vorgestellt. Nachdem Fragebogen und Erhebungsverfahren dargestellt wurden, wird die Grundgesamtheit definiert und abgegrenzt. Die Stichprobenbildung erfolgt in zwei Schritten. Nach der Darstellung des Rücklaufs werden die Vergleichsgruppen der teilnehmenden Journalisten portraitiert. Kapitel 8 skizziert die deskriptiven Ergebnisse. Der Schwerpunkt liegt auf dem Ländervergleich. In Kapitel 9 werden die entwickelten Annahmen in Form von zu testenden Hypothesen formuliert und das ausgearbeitete Modell der Nachrichtenauswahl dargestellt. Kapitel 10 fasst die Ergebnisse zusammen, zeigt Schwierigkeiten und Schwächen der Untersuchung auf und erörtert die Implikationen für die Journalismusforschung und die Praxis.
1 Die Beziehung zwischen Journalisten und Politikern sei „adversarial one moment and symbiotic the next“, schreiben Nielsen und Kuhn (2014, S. 14). Die Autoren weisen außerdem darauf hin, dass Politiker die Nähe zu Medieneigentümern und Journalisten suchen, um die Berichterstattung in ihrem Sinne zu beeinflussen.
2 Kepplinger (2000, S. 39) bemerkte, dass sich die Sichtweisen von Journalisten besonders in Krisen und Konflikten weit von den Sichtweisen der fachlich ausgewiesenen Experten und der verfügbaren Statistiken entfernen. Er begründet dies damit, dass Journalisten sich am Verhalten der Kollegen orientieren. Aufgrund der Zirkularität des Prozesses ist die Berichterstattung in solchen Situationen eher ein Echo der vorangegangenen Beiträge als eine Reaktion auf das aktuelle Geschehen.
3 Jay G. Blumler und Michael Gurevitch (1995, S. 3) diagnostizierten in ihrem Buch „The Crisis of Public Communication“ Mitte der 1990er Jahre: „Over the past quarter of a century, the media have gradually moved from the role of reporting on and about politics, ‚from the outside“ as it were, to that of being an active participant in, shaping influence upon, indeed an integral part of, the political process.“
4 Der ursprünglich geplante Test der instrumentellen Aktualisierung beruhte auf der Annahme, der Konflikt, dessen Höhepunkt zwischen 2010 und 2012 war, würde sich während der Studienplanung im Jahr 2014 fortsetzen. In den folgenden Jahren schwelte der Konflikt um die Staatsverschuldung zwar, er wurde jedoch überlagert von anderen Themen, die die öffentliche Wahrnehmung dominierten. Dazu gehörten u.a. der Krieg in der Ostukraine, Terror im Irak, in Afghanistan und Somalia, der Krieg in Syrien und die Flüchtlingskrise im Jahr 2015. Die grundlegende Voraussetzung für einen Test der instrumentellen Aktualisierung, die Messung der Konfliktsicht von Journalisten auf dem Höhepunkt eines Konflikts, war damit nicht gegeben.
5 Insgesamt wurden 3.200 Journalisten um die Teilnahme an der Befragung gebeten. Davon haben 316 Journalisten den Fragebogen vollständig ausgefüllt: 142 italienische, 130 deutsche, aber nur 15 britische, 17 französische und 11 spanische Journalisten. Für die spanischen Journalisten gab es kein umfangreiches Auswahlverzeichnis, sodass in der ersten Welle nur ca. 250 Journalisten angeschrieben wurden. In der zweiten Welle wurden die Chefredakteure der ausgewählten Zeitungen gebeten, den Fragebogen an die Politik- und Wirtschaftsjournalisten in der Redaktion weiterzuleiten. Auch diese Behelfsmaßnahme erwies sich als nicht erfolgreich.
2 Berichterstattung und Bevölkerungsmeinung zur Eurokrise
Ausgehend von der Bankenkrise im Jahr 2008/09, entstand auch eine Krise der Realwirtschaft. Die Entwicklung der Staatsschulden wurde zu einer handfesten Krise, die den Euro als Gemeinschaftswährung in Frage stellte. Bedingt durch den Binnenmarkt und enge Verflechtungen der Volkswirtschaften, betraf die Eurokrise alle Staaten der Europäischen Union, wenn auch in unterschiedlichem Maße. Im Verlauf der Krise wurden unterschiedliche nationale Interessen und historisch gewachsene Einstellungen zum Verhältnis von Staat und Markt deutlich.6 Arrese und Vara benannten vier Charakteristika der Krise: Sie sei erstens neuartig und komplex, zweitens international und national, drittens vielschichtig und systemisch, zudem habe sie viertens technische und populäre Elemente (Arrese und Vara 2015, S. 150). Aufgrund der immensen Komplexität der Krise, ihrer Ursachen, Akteure und Lösungsmöglichkeiten stellte sie hohe Anforderungen an Journalisten: Wie vermittelt man Informationen an die Bürger und wie geht man mit Unsicherheit um? Die Eurokrise erfüllte alle Merkmale, die eine besondere Aufmerksamkeit und Behandlung von europäischen Journalisten rechtfertigen. Sie war verbunden mit einer signifikanten Krise, die nicht nur alle europäischen Staaten betraf. Sie hatte Auswirkungen auf die Zukunft der betroffenen Länder, auf die Zukunft des europäischen Projekts und auf die Beziehungen der Länder untereinander. Informationen zur Eurokrise waren meistens angereichert mit Konflikt- und Leidens-Elementen, die es für Journalisten besonders interessant machten (Salgado et al. 2015, S. 104).
2.1 Die Eurokrise in der Berichterstattung
Eine Inhaltsanalyse der Berichterstattung zur Eurokrise in zehn europäischen Ländern wurde von Forscherteams aus diesen Ländern durchgeführt (Picard 2015).7 In jedem Land wurden vier Zeitungen untersucht: die führende Wirtschaftszeitung, eine liberale und eine konservative Zeitung sowie eine Boulevardzeitung. Die Analyse erfasste 11 kritische Zeitpunkte8, die als zentrale Ereignisse zwischen Februar 2010 und Juli 2012 identifiziert wurden. Insgesamt wurden 13.718 Artikel untersucht, davon 2.280 Artikel aus deutschen Zeitungen und 1.894 Artikeln italienischer Zeitungen (Nienstedt et al. 2015, S. 23). Die wichtigsten Themen der Berichterstattung waren – alle Länder zusammen betrachtet – die Opfer der Eurokrise, Verantwortlichkeit, kurzfristige und langfristige Maßnahmen zur Lösung und Konsequenzen der Krise. Die Ursachen der Krise spielten in der Berichterstattung eine untergeordnete Rolle (Nienstedt et al. 2015, S. 24). Sie wurden in deutschen Medien (36 Prozent) doppelt so häufig thematisiert wie in italienischen Medien (18 Prozent). Als häufigste Ursache wurde in beiden Ländern die nationale Wirtschaftspolitik genannt. In der italienischen Berichterstattung folgte an zweiter Stelle das Fehlverhalten privater Finanzakteure und an dritter Stelle die Struktur des Eurosystems. In der deutschen Berichterstattung wird dies ähnlich gesehen, lediglich die Struktur des Eurosystems wurde seltener als Krisenursache identifiziert (Nienstedt et al. 2015, S. 24–28). Ein grundlegender Unterschied zwischen der Berichterstattung beider Länder zeigte sich in der Thematisierung von schädlichen und nützlichen Aspekten des Euros. In der deutschen Berichterstattung wurde der Nutzen des Euro doppelt so oft hervorgehoben wie der Schaden, in der italienischen wurde dagegen fünfmal so oft der Schaden durch die Gemeinschaftswährung thematisiert (Nienstedt et al. 2015, S. 25). Auch bei der Thematisierung von Nutznießern und Opfern der Krise wurden die national-zentrierte Perspektive und die polarisierende Gegenüberstellung deutlich: Deutschland war laut Darstellung der Medien Nutznießer der Krise – Italien, Griechenland und Spanien waren Opfer. In der deutschen und der italienischen Berichterstattung wurde die Verantwortung für die Bewältigung der Krise den Mitgliedern der EU/Eurozone als Gruppe und supranationalen Organisationen zugeschrieben.
Zur kurzfristigen Lösung der Krise wurden in der Hälfte aller Artikel Kredite von Eurostaaten und der Europäischen Zentralbank genannt. Deutschland und Italien unterschieden sich hierbei nicht. Wenn Kredite vorgeschlagen wurden, dann wurde in 58 Prozent der Artikel nach Krediten von anderen Ländern verlangt – mit Supervision.9 Sparmaßnahmen wurden mit 21 Prozent doppelt so häufig thematisiert wie Wachstumspolitik mit 11 Prozent. Bei Sparmaßnahmen gab es keinen Unterschied (16 vs. 17 Prozent), allerdings wurde Wachstumspolitik lediglich in acht Prozent der deutschen, jedoch in 13 Prozent der italienischen Artikel thematisiert. Weniger als im Durchschnitt war ein möglicher Schuldenschnitt in beiden Ländern Gegenstand der Berichterstattung (sieben vs. fünf Prozent).
In gut der Hälfte der Artikel, die langfristige Lösungsmaßnahmen thematisierten, wurden nationale Strukturreformen angesprochen. In der italienischen Presse war der Anteil mit 39 Prozent geringer als in Deutschland mit 56 Prozent. Mehr Macht / Zuständigkeiten für die Europäische Union wurde in 18 Prozent der deutschen und 21 Prozent der italienischen Artikel für die langfristige Krisenlösung diskutiert. Ein großer Unterschied bestand in der Nennung eines Auseinanderbrechens der Eurozone: Weniger als jeder zehnte deutsche Artikel, aber jeder fünfte italienische Artikel thematisierte dies. Die italienische Presse thematisierte ein Auseinanderbrechen der Eurozone überdurchschnittlich häufig (Nienstedt et al. 2015, S. 36–37).
Ein Drittel der Artikel enthielt Aussagen zu den möglichen Konsequenzen der Eurokrise. Gemessen am Verhältnis von positiven zu negativen Konsequenzen lässt sich sagen, dass Deutschland und Griechenland die optimistischsten und Italien und Polen die pessimistischsten Länder waren. Dass die Eurozone weiterhin bestehen bleibt, wurde in 33 Prozent der deutschen Artikel, jedoch nur in 11 Prozent der italienischen Artikel geäußert. Umgekehrt nannten nur drei Prozent der deutschen Artikel das endgültige Auseinanderbrechen der Eurozone als mögliche Konsequenz, während dies in 16 Prozent der italienischen Beiträge der Fall war (Nienstedt et al. 2015, S. 37–38).
Die Berichterstattung zu den Ursachen, Effekten, Verantwortlichkeiten und Maßnahmen ergab in der Gesamtheit kein einheitliches Bild, keinen einheitlichen Erzählstrang. Die gefundenen Widersprüche können damit erklärt werden, dass sie in verschiedenen Artikeln auftauchten und dass die Erzählung in einzelnen Artikeln in sich stimmig war. In der italienischen Presse gab es wenige Stimmen, die die Auffassung vertraten, die Schuldenländer müssten ihre Probleme selbst lösen. Wenig Gehör fanden auch Sparmaßnahmen und Strukturreformen in der italienischen Berichterstattung. Die Forderung nach Krediten von anderen Ländern oder Institutionen war umso präsenter. Die italienische Berichterstattung wies den stärksten Euro-Skeptizismus unter den Euroländern auf. Dies manifestierte sich im höchsten Anteil von Artikeln, die ein Auseinanderbrechen der Eurozone als langfristige Konsequenz thematisierten. Ein mögliches Auseinanderbrechen der Eurozone wurde häufiger prophezeit als der Fortbestand der Eurozone (Nienstedt et al. 2015, S. 41). In Deutschland war die dominierende Sichtweise, dass die nationale Politik einiger Länder Ursache der Krise sei, die Mitglieder der Eurozone müssten gemeinsam eine Lösung finden, und als kurzfristige Lösung wurde die an Supervision gebundene Vergabe von Krediten am häufigsten genannt. In Italien herrschte eine andere dominierende Sichtweise: Ursache der Krise waren demnach die Startbedingungen des Euros. Verantwortlich für die Lösung der Krise seien supranationale Organisationen wie der Internationale Währungsfonds (IWF), und als Maßnahme zur Lösung wurden Kredite favorisiert – im Unterschied zur deutschen Berichterstattung – ohne Supervision (Kepplinger et al. 2015, S. 50).
Nun stellt sich die Frage, wie die Unterschiede in der Berichterstattung zustande gekommen sind: Lag es an den individuellen Sichtweisen der Journalisten bezüglich der Wirksamkeit der Lösungsmaßnahmen? Dann müssten sich auch die individuellen Sichtweisen der deutschen und der italienischen Journalisten unterscheiden. Oder kann man Unterschiede in der Berichterstattung auf die Sichtweisen in den Redaktionen, den redaktionellen Linien, den Chefredakteuren zurückführen? Hier spielt es zudem eine Rolle, unter welchen Bedingungen die Journalisten in beiden Ländern arbeiten. Unterschiede in der Redaktionsorganisation können sich auf das Einbringen der individuellen Sichtweisen in die Berichterstattung auswirken.
2.2 Die Sichtweise der Bürger
Eurobarometer-Daten belegen, wie die europäischen Bürger die Wirtschafts- und Finanzkrise wahrgenommen haben.10 Auf die Frage, welcher Akteur am besten geeignet sei, die Krise zu bewältigen, zeigten sich nur sehr geringe Unterschiede zwischen der deutschen und der italienischen Bevölkerung. In etwa ein Viertel der Bürger hielt die Europäische Union für den geeignetsten Akteur. 17 bzw. 18 Prozent hielten die nationale Regierung für den besten Akteur. Dass die G20 am besten geeignet seien, die Krise zu lösen, sagten 16 Prozent der Deutschen, aber nur neun Prozent der Italiener. Der Internationale Währungsfonds (IWF) wurde von 11 Prozent der Deutschen und 14 Prozent der Italiener als effektivster Akteur angesehen.11
Zwei Drittel der Deutschen und der Italiener waren der Meinung, die EU habe ausreichend Macht und Werkzeuge, um die Interessen der Europäer in der globalen Wirtschaft zu verteidigen. Ein Konsens bestand auch für die Notwendigkeit einer stärkeren Zusammenarbeit der EU-Mitgliedstaaten, um die Krise zu bewältigen. Dieser Aussagen stimmten 93 Prozent der deutschen und 86 Prozent der italienischen Bevölkerung zu.
Eine auf EU-Ebene angesiedelte Bankenaufsicht ist Deutschen (75 Prozent) wichtiger als den Italienern (59 Prozent). Dass die EU eine wichtigere Rolle bei der Regulierung von Finanzdienstleistungen haben sollte, finden jeweils zwei Drittel der Befragten. Die Zustimmung für Bußgelder für die Regierungen der EU-Mitgliedstaaten, die zu viel ausgeben oder Kredite aufnehmen, ist in Italien mit 60 Prozent größer als in Deutschland mit 48 Prozent. Für eine Regelung, bei der die EU den nationalen Haushaltsplänen zustimmen muss, sprechen sich 54 Prozent der Italiener und 46 Prozent der Deutschen aus. Weitere langfristige Maßnahmen auf europäischer Ebene sind die Einführung einer Finanzmarkttransaktionssteuer und gemeinsame Staatsanleihen, sogenannte Eurobonds. Hier wurden Unterschiede zwischen Deutschen und Italienern deutlich: Die Steuer auf Finanzmarkttransaktionen befürworteten fast drei Viertel der Deutschen, aber nur gut jeder vierte Italiener. Die Einführung von gemeinsamen europäischen Staatsanleihen fand nur bei zwei von zehn Deutschen Zustimmung, aber bei fast vier von zehn Italienern (Europäische Kommission 2013b).
Der Aussage „unser Land braucht Reformen, um sich der Zukunft zu stellen“ fand große Akzeptanz, nämlich bei 87 Prozent der Deutschen und 92 Prozent der Italiener. Um die Einstellungen der Befragten zum öffentlichen Schuldenstand und der Notwendigkeit, das Haushaltsdefizit zu reduzieren, wurden zwei verschiedene Frageformulierungen ermittelt. Der Aussage „Maßnahmen, um das öffentliche Defizit zu reduzieren, können nicht aufgeschoben werden“, stimmten 85 Prozent der Deutschen und 80 Prozent der Italiener zu. Dagegen waren nur 40 Prozent der deutschen und 36 Prozent der italienischen Bürger der Meinung, „Maßnahmen für die Reduzierung des öffentlichen Defizits und Schulden in unserem Land haben momentan keine Priorität“. Beides zusammen zeigt, dass die öffentliche Meinung in Europa Reformen bzw. Sparmaßnahmen zunehmend als dringlich einstufte (Europäische Kommission 2013b). Nun stellt sich die Frage, wie Journalisten in Deutschland und Italien zu Reformen und Sparmaßnahmen zur Lösung der Eurokrise stehen. Vertreten die Journalisten ähnliche Ansichten wie die Bevölkerung oder gibt es eine Kluft zwischen den Ansichten von Bürgern und Journalisten?
6 Die Wirtschafts- und Finanzkrise infolge der Pleite der amerikanischen Großbank Lehman Brothers sowie die Banken- und Staatsschuldenkrise im Euroraum infolge der Pleite Griechenlands im Februar 2010 werden im weiteren Verlauf vereinfachend als Eurokrise bezeichnet.
7 Untersucht wurde die Berichterstattung in Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien, Spanien, Griechenland, Belgien, Finnland, den Niederlanden und Polen. Der Untersuchungszeitraum erstreckte sich von Februar 2010 bis Juli 2012.
8 Je sieben Tage vor und sieben Tage nach dem Ereignis ergibt 165 Erscheinungstage und 6.600 Zeitungsausgaben.
9 Gemeint ist die sogenannte Troika, eine Gruppe von Repräsentanten verschiedener Institutionen (der EU-Kommission, der IWF und die EZB), die an der Finanzierung der bailout-Programme beteiligt sind.
10 Neben dem zweimal jährlich erhobenen Eurobarometer stehen sogenannte Flash- und Special-Eurobarometer Umfragen zur Verfügung. Unter dem Titel „Die Europäer, die Europäische Union und die Krise“ wurden zwischen 2010 und 2014 insgesamt acht Berichte veröffentlicht.
11 QC2a: „Welcher der folgenden Akteure ist Ihrer Meinung nach am besten in der Lage, wirksame Maßnahmen gegen die Auswirkungen der Finanz- und Wirtschaftskrise zu ergreifen?“ (Europäische Kommission 2014).
12 Frage Q9: „Do you think that the degree to which economic policy, including budgetary policies, is coordinated in the euro area is appropriate? Should there be more or less coordination among euro-area governments?“ (Europäische Kommission 2013a, S. 48–49).
3 Journalistische Nachrichtenauswahl
3.1 Zum Verhältnis von Realität und Berichterstattung
In der wissenschaftlichen Debatte gibt es verschiedene wissenssoziologische Positionen zum Vorhandensein und zur Erkennbarkeit von Realität (Berger und Luckmann 2003). Aus der Perspektive radikaler Konstruktivisten gibt es keine objektive Realität, über die die Massenmedien berichten könnten. Demnach stellt die Berichterstattung ein Konstrukt dar, und Journalisten besitzen ein Monopol für die Definition von Realität. Die anderen beiden Positionen gehen von einer objektiv erkennbaren Realität aus, sie unterscheiden sich in der Beurteilung, inwieweit die Darstellung der Realität durch die Massenmedien möglich ist. Aus der Perspektive von gemäßigten Konstruktivisten gibt es eine erkennbare Realität. Nach ihrer Ansicht ist es jedoch nicht Aufgabe der Medien, die wissenschaftlich erkennbare Realität darzustellen. So verzeichnen Statistiken Tatsachen, sie besitzen aber keine soziale Bedeutung. Es ist Aufgabe der Massenmedien, Tatsachen zu interpretieren und ihnen dadurch eine allgemeine Bedeutung zu geben. Aus der Perspektive der Realisten gibt es eine objektiv erkennbare Realität und es ist Aufgabe der Medien diese Realität so weit wie möglich angemessen darzustellen. Deshalb sind systematische Vergleiche zwischen erkennbarer Realität, und Realitätsdarstellungen möglich und sinnvoll (Shoemaker und Reese 1996, S. 7). Die erwähnten Sichtweisen sind bedeutsam für die Interpretation der Ergebnisse von systematischen Inhaltsanalysen der Medienberichterstattung, z.B. über Krisen und Konflikte sowie der Anlage und Durchführung von Untersuchungen zu den Ursachen der Nachrichtenauswahl. Dabei kann man mehrere Forschungsrichtungen unterscheiden.
Erstens, Gatekeeper-Studien13: Sie wurden von David Manning White (1950) begründet und von Walter Gieber (1956) fortgeführt. Journalisten wirkten im Prozess der Nachrichtenauswahl als passive Vermittler, die über Publikation oder nicht-Publikation entschieden. Durch den Vergleich von Agenturmaterial und der Berichterstattung, sogenannte Input-Output-Analysen, konnte erstens eine Realitätsdarstellung festgestellt werden und zweitens konnten Aussagen zu den Selektionskriterien durch das Notieren einer Begründung für die Nicht-Berücksichtigung einer Meldung gemacht werden. Der von White im Februar 1949 befragte und beobachtete Redakteur einer mittelgroßen amerikanischen Zeitung wies zwei Drittel der Meldungen aus Platzgründen zurück. Ein weiteres Drittel wurde als uninteressant eingestuft, weshalb White die Schlussfolgerung zog, die Nachrichtenauswahl sei auch subjektiv und erfolge auf der Basis persönlicher Werte, Erfahrungen und Einstellungen (White 1950, S. 390). Snider konnte die Ergebnisse in einer Replikationsstudie mit demselben Redakteur („Mr. Gates“) weitgehend bestätigen. Gründe für die Auswahl waren die eigenen Vorlieben und die Vorstellungen von den Wünschen des Publikums (Snider 1967, S. 427). Eine andere Richtung bekam die Gatekeeper-Forschung mit der Studie von Walter Gieber, der den Redakteur als „caught in a strait jacket of mechanical details“ (Gieber 1956, S. 432) beschrieb. Er charakterisierte den Redakteur als passiv und mit strukturellen Überlegungen beschäftigt.
Zweitens, Nachrichtenwert-Studien: Sie gehen auf eine Anregung von Walter Lippmann zurück. Die Auswahl von Nachrichten für die Publikation, sowie die Entscheidungen über ihre Platzierung und Größe sind Folgen einer Wechselbeziehung zwischen Ereigniseigenschaften und journalistischen Selektionskriterien, aufgrund derer die Ereignisse berichtenswert oder die Nachrichten publikationswürdig sind. Neben den Eigenschaften der Ereignisse, die mit Nachrichtenfaktoren erfasst werden, sind die Vorstellungen der Journalisten von der Berichtenswürdigkeit die Ursachen der Nachrichtenauswahl. Zunächst wurden die Begriffe Nachrichtenfaktor und Nachrichtenwert synonym verwendet. Die Differenzierung brachte Winfried Schulz ein, indem er den Nachrichtenwert einer Meldung aus der Summe und der Intensität ihrer Nachrichtenfaktoren ableitete. Die Grundannahme von Schulz lautete: „Je mehr eine Meldung dem entspricht, was Journalisten für wichtige und mithin berichtenswerte Eigenschaften der Realität halten, desto größer ist ihr Nachrichtenwert“ (Schulz 1976, S. 30). Nach Kepplinger beruht jede nicht rein zufällige Auswahl auf zwei Kriterien – im konkreten Fall auf den Nachrichtenfaktoren einer Meldung sowie dem Nachrichtenwert der Nachrichtenfaktoren aus Sicht von z.B. Redakteuren bei Qualitätszeitungen und Boulevardmedien. Diese können sich erheblich unterscheiden (Kepplinger und Weißbecker 1991, S. 330).
Drittens: news bias-Studien.14 Hier geht es um den Nachweis einer verzerrten Berichterstattung. In Konflikten oder Wahlkämpfen wird der Nachweis erbracht, dass die Berichterstattung systematisch eine Partei oder einen Kandidaten bevorzugt, indem sie häufiger und umfangreicher über diesen Akteur berichtet (Kerrick et al. 1964; Klein und Maccoby 1954). Der Sinn von Bias Studien liegt darin, die Konstruktionsprinzipien von Bias aufzudecken. „Es stellt sich die Frage, welche Merkmale der Welt in den Nachrichten mit der redaktionellen Linie korrelieren“, so Hagen (1992, S. 445). Ob eine Realitätsdarstellung objektiv oder verzerrt ist, kann man auf einem Kontinuum festhalten. Berücksichtigt man, ob der Bias offen oder versteckt ist und ob er beabsichtigt oder unbeabsichtigt ist, dann kann man anhand der „typology of news bias“ vier Arten von Bias unterscheiden. Wenn die Verzerrung offensichtlich und beabsichtigt ist, handelt es sich um Parteilichkeit. Dazu zählen Leitartikel, die politische Kandidaten unterstützen, Meinungskolumnen und Anzeigen. Bei Propaganda handelt es sich ebenfalls um beabsichtigte Parteilichkeit, sie soll jedoch versteckt bleiben. Unbeabsichtigter bias ist sichtbar und unbeabsichtigt, wie die überlegte Auswahl von Themen, die als publikationswürdig aufgefasst werden. Zum vierten Typus gehört Ideologie, die unbeabsichtigten und versteckten Bias enthält, der in Texte eingebettet ist (McQuail 1999, S. 191–194).
„Keines der drei vorangegangenen Modelle charakterisiert für sich allein betrachtet das Verhältnis von Berichterstattung und Realität angemessen“, resümierte Kepplinger (2011i, S. 58), weil sie die Intentionalität des Handelns von politischen Akteuren und die Intentionalität der journalistischen Selektionsentscheidung ausblenden. Am Anfang der Wirkungskette stehe eine Zwecksetzung – die Publikation oder die erwarteten Publikationsfolgen. Erst nach der Zwecksetzung und der Mittelwahl politischer Akteure beginne der Ursache-Wirkungsprozess, der durch die Selektionsentscheidung der Journalisten als intervenierende Variable unterbrochen werde (Kepplinger 2011i, S. 55). Wenn Journalisten bestimmte Zwecke verfolgen, sind die Selektionskriterien geeignete Mittel um Publikationsfolgen zu erreichen (Kepplinger 2011i, S. 56).15
3.2 Modelle der Einflussfaktoren auf die Nachrichtenauswahl
Die Selektionskriterien von Journalisten kann man in intrinsische und extrinsische Kriterien unterteilen: Rein berufsspezifische, sachliche und überindividuelle Kriterien der Nachrichtenauswahl werden als intrinsische Selektionskriterien bezeichnet. Zu den intrinsischen, rein professionellen Selektionskriterien gehören außerdem organisatorische Zwänge wie die rechtzeitige Verfügbarkeit von Meldungen, die Art ihrer Aufmachung, die Nachrichtenlage zum Zeitpunkt der Entscheidung usw. (Kepplinger 1989, S. 11; Flegel und Chaffee S. H. 1971, S. 649). Professionelle Spielregeln haben einen homogenisierenden Effekt auf das Medien- und Nachrichtenangebot – insbesondere die Regeln der Nachrichtenauswahl (Ruß-Mohl 2010, S. 23). Zu den intrinsischen Selektionskriterien gehören die Nachrichtenfaktoren und ihre Nachrichtenwerte. Extrinsische Selektionskriterien sind nicht-professionelle, nicht sachbezogene und folglich individuelle Gründe. Hierzu gehören die tatsächlichen oder vermeintlichen Ansichten von Verlegern oder direkten Vorgesetzten, Einflüsse von Interessengruppen sowie die subjektiven Sichtweisen von Journalisten. Nachrichtenfaktoren mit hohem Nachrichtenwert sind zwar eine notwendige, jedoch keine hinreichende Bedingung für die Publikation einer Meldung. Da es erheblich mehr Ereignisse mit hohem Nachrichtenwert gibt, müssen Journalisten sich notwendigerweise auf andere Kriterien als den Nachrichtenwert der Nachrichtenfaktoren stützen (Kepplinger 2000, S. 107).
Das Akteurs-Modell systematisiert, welche Akteursgruppen Einfluss auf die journalistische Nachrichtenauswahl besitzen. Die wichtigste Einflussquelle sind Journalisten als Einzelpersonen oder als Gruppenmitglieder, die Nachrichten auswählen und aufbereiten. Eigentümer und Manager von Kommunikationsunternehmen können über die redaktionelle und andere Weisung Einfluss auf den Inhalt nehmen, obwohl sie keine genuin journalistischen Aufgaben wahrnehmen. Anzeigenkunden können versuchen, Einfluss auf den redaktionellen Teil der Berichterstattung zu nehmen oder ihre Interessen werden, um eine weitere Zusammenarbeit sicherzustellen, von den Journalisten berücksichtigt. Politische Machtgruppen, Parteien, Verbände oder Organisationen können ihren Einfluss mittelbar über die Eigentümer und Manager oder unmittelbar bei den Redakteuren geltend machen. Informationen sind die Währung, in der bezahlt wird, u.a. auch durch Verweigerung. Wirtschaftliche Machtgruppen, die nicht durch die Vergabe oder Verweigerung von Anzeigenaufträgen einwirken, setzen andere ökonomische oder juristische Mittel ein. Hierzu gehören u.a. Schadenersatzklagen. Schließlich nimmt auch die Öffentlichkeit im Verbreitungsgebiet der Zeitung Einfluss auf den Medieninhalt, indem ihre Wertvorstellungen Berücksichtigung finden (Kepplinger 2011i, S. 50).
Bei der Erklärung der Nachrichtenauswahl kann man unabhängige und abhängige Variablen unterscheiden. Zwischen beiden kann man intervenierende betrachten, deren Ausprägung den Einfluss der unabhängigen Variablen steuert. Beispiele hierfür sind die Distanz zwischen Ereignis- und Berichtsort, die Anzahl der beteiligten Personen und die Dauer des Geschehens. Die Ausprägungen einiger Nachrichtenfaktoren erfassen objektive Eigenschaften. Dazu gehört die Distanz zum Ereignisort. Andere beruhen auf Zuschreibungen. Dazu gehört die kulturelle Nähe zwischen Ereignis- und Berichtsregion. Auch die Entscheidung, was ein Ereignis ist, beruht auf einer Zuschreibung. Selbst wenn zwischen den Individuen hohe Übereinstimmung besteht, beruht diese „zumindest teilweise auf Konsens und nicht auf Erkenntnis“, so Kepplinger (Kepplinger 2011i, S. 50–51).
Mehrere Autoren haben Systematisierungen der Einflussfaktoren erstellt. Sie lassen sich auf verschiedenen Ebenen verorten. Dazu gehört das „Modell zur systematischen Erfassung von Faktoren, welche ein Journalismus-System konstituieren“ (Scholl und Weischenberg 1998, S. 20–22), auch Zwiebel-Modell genannt. Aufgrund seiner Operationalisierbarkeit erlaubt es, diese Einflüsse zu identifizieren. Es ist ein Analyseraster, das heuristischen Zwecken dient. Die äußerste Schicht bildet der Normenkontext. Dem Mediensystem sind die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, historische und rechtliche Grundlagen, Kommunikationspolitik sowie professionelle und ethische Standards zugeordnet. Die zweite Schicht ist der Strukturkontext. Zu den Faktoren der Medieninstitutionen gehören ökonomische und politische Imperative, organisatorische und technische Imperative. Der Funktionskontext besteht aus Medienaussagen, dazu zählen Informationsquellen und Referenzgruppen, Berichterstattungsmuster und Darstellungsformen, Konstruktionen von Wirklichkeit, Wirkungen und Rückwirkungen. Die innerste Schicht bildet der Rollenkontext. Zu den Merkmalen der Medienakteure gehören demographische Merkmale, soziale und politische Einstellungen, Rollenselbstverständnis und Publikumsimage, Professionalisierung und Sozialisation (Scholl und Weischenberg 1998, S. 20–22).
Einen ähnlichen Aufbau hat das von Esser entworfene Modell. Den Schalen16Gesellschaftssphäre, Medienstruktursphäre, Institutionssphäre und Subjektsphäre (vgl. Abbildung 1) ordnete er relevante Einflussfaktoren zu, die dem Journalismus jedes Landes seine nationale und kulturelle Identität verleihen. Von den Schalen gehen handlungsprägende Einflüsse und Beschränkungen auf die Akteure im Systeminnern aus, wobei die Akteure dennoch handlungsfähig bleiben. Essers Arbeit operiert mit einem offenen Systembegriff und berücksichtigt innerhalb des Systems Akteure als intentional handelnde Personen. Der Stellenwert der Subjektsphäre lässt sich präziser bestimmen, wenn man folgende Annahmen Essers berücksichtigt:
