Komm, lass uns Hummeln suchen! - Stefan Braun - E-Book

Komm, lass uns Hummeln suchen! E-Book

Stefan Braun

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Beschreibung

Während einer komatösen Erkrankung seines Bruders fühlt sich Julian Berger einsam und von seinen Eltern vernachlässigt. Als er zu seinem zwölften Geburtstag Rollschuhe geschenkt bekommt, entwickelt er eine bisher ungewohnte Achtsamkeit für die Natur und findet in ihr den Halt, den er in seiner Familie vermisst. Als er auf einer seiner Rollschuhfahrten zufällig beobachtet, wie seine gleichaltrige Nachbarin Sina sexuell bedrängt wird, kann er ihr helfen, zu entkommen. Es entwickelt sich eine behutsame Freundschaft zwischen den beiden Jugendlichen, in der sie sich gegenseitig Kraft geben, mit ihren Schicksalsschlägen umzugehen.

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Seitenzahl: 173

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Inhaltsverzeichnis

Kapitel EINS

Kapitel ZWEI

Kapitel DREI

Kapitel VIER

Kapitel FÜNF

Kapitel SECHS

DANKSAGUNG

EINS

Der Tag, an dem Julians Bruder krank wurde, begann mit dem schrillen Alarm des Weckers auf dem Nachttisch.

»Sebastiaaan«, rief Julian laut, als der Wecker zum vierten Mal klingelte, ohne dass sein Bruder reagierte. Genervt sprang Julian aus dem Bett, klatschte mit der Hand auf den Knopf und schaltete den Wecker selbst aus.

»Sebastian!«, wiederholte er, während er sich neben ihn auf die Bettkante setzte.

Sein Bruder öffnete müde die Augen, zog sich die Decke über den Kopf und drehte sich auf die andere Seite.

Julian schüttelte still den Kopf, aber ließ von ihm ab. Den Spaß, ihn wachzurütteln, würde er ausnahmsweise aufschieben – zu dringend musste er auf die Toilette. Rasch schaltete er seinen eigenen Wecker aus (der meist nur ein paar Minuten später läutete) und ging ins Bad. Als er zurückkam, lag Sebastian immer noch unter seiner Bettdecke.

Julian zog die Decke zurück, rüttelte an Sebastians Schulter und grinste.

»Lass mich«, stöhnte sein Bruder.

Julian stutzte. Sebastian sah ziemlich gequält aus.

»Ist alles OK bei dir?«, fragte er.

»Ich glaub, ich bin krank«, sagte Sebastian.

Julian berührte Sebastians Stirn. »Du hast Fieber. Ich sag Mama Bescheid.«

Er verließ das Zimmer und ging in die Küche, in der seine Mutter Susanna bereits begonnen hatte, Frühstück vorzubereiten. Julian setzte sich auf die Eckbank am Küchentisch und wartete auf sein Müsli.

»Sebastian kann heute nicht in die Schule«, sagte er. »Er ist krank.«

»Wirklich?«, sagte Susanna beunruhigt und stellte zwei Müslischalen auf den Tisch.

Julian nickte. »Seine Stirn ist heiß. Ist Papa schon los?«

»Ja«, sagte Susanna und rührte für Julian einen Kakao an. Dann stellte sie ihn auf den Tisch und sagte: »Ich geh mal Fieber messen«.

Julian sah aus dem Küchenfenster. Heute war Freitag, der letzte Schultag vor den Pfingstferien, und die Sonne schien bereits kräftig. Was sie wohl in den Ferien machen würden? Eine Reise hatten sie nicht geplant, aber er konnte mit Sebastian etwas unternehmen, sobald er wieder gesund war. Und er würde sich mit Markus treffen, seinem besten Freund, mit dem er in eine Klasse ging.

Als Julian zurück in sein Zimmer ging, um sich anzuziehen, saß Susanna an Sebastians Bett und streichelte ihm vorsichtig über den Kopf.

»Und?«, fragte Julian.

»Neununddreißig Fieber«, sagte Susanna. »Ich muss dringend in die Apotheke und ein paar Sachen besorgen.« Sie stand auf, gab Julian einen Kuss und wünschte ihm einen guten Tag in der Schule.

Julian lief das Treppenhaus abwärts und verließ das Haus. Draußen war es frisch. Aber wenn es beim Wetter der letzten Tage bliebe, würde es bis zum Mittag sommerlich warm werden. Um in den Fahrradkeller zu gelangen, musste Julian eine schwere Stahltür aufschließen und sein Fahrrad über eine kurze Treppe nach oben tragen. Das war für ihn schon längst zur Routine geworden. So lange er denken konnte, wohnten sie hier, im fünften Stock eines Mehrfamilienhauses. Ihre Wohnung hatte drei Zimmer, und eins davon teilte er sich mit seinem Bruder. Sebastian war etwa drei Jahre älter als Julian, der in die sechste Klasse ging und in ein paar Wochen endlich seinen zwölften Geburtstag feiern würde.

Julian schwang sich aufs Fahrrad. Auf halbem Weg zur Schule traf er Markus. Wie immer versuchten sie, einen Großteil der Strecke freihändig zu fahren. In der Klasse waren sie dafür bekannt. Ihre Mitschüler witzelten regelmäßig, warum sie nicht ihre Hausaufgaben morgens auf dem Fahrrad machten, wenn sie doch ihre Hände für nichts anderes bräuchten. Aber so verrückt waren sie nicht. Ihre Hände waren stets bereit, den Lenker zu greifen, wenn sie nicht gerade in ein paar Runden Schere, Stein, Papier verwickelt waren.

Am Schultor herrschte eine ausgelassene Stimmung. Die älteren Jahrgänge versammelten sich meist hier, um vor dem Unterricht zu rauchen und sich zu unterhalten. Die beiden Jungs lotsten ihre Fahrräder durch Rauchwolken und fröhliches Stimmengewirr in Richtung Fahrradständer. In ihrer Klasse war die Stimmung ebenfalls gut. Alle freuten sich auf die anstehenden Ferien. Der Unterricht startete dagegen zäh – mit Geschichte und einer Doppelstunde Mathematik. Geradezu hämisch schien die Sonne zu den Fenstern herein, während sie vorchristliche Jahreszahlen ein- und die letzten Buchstaben des Alphabets ausklammerten.

»Pst, Julian«, flüsterte Markus ihm zu. »Was machst du nachher?«

Julian drehte sich unauffällig zu Markus und gab leise zurück: »Sebastian und ich entwickeln gerade eine App.«

Markus staunte. »Cool, seit wann kannst du programmieren?«

»Gar nicht. Das macht mein Bruder. Wir überlegen uns aber zusammen, was die App können soll.«

»Kann ich mitmachen?«, fragte Markus.

»Klar.« Julian prüfte, ob der Lehrer etwas von ihrem Dialog mitbekam. Aber Fehlanzeige. »Ich ruf dich an, wenn ich zu Hause bin«.

Plötzlich fiel ihm ein, dass Sebastian Fieber bekommen und zu Hause geblieben war. Im Flüsterton sagte er zuMarkus: »Sebastian ist krank, ich glaube das wird heute nichts. Er hat Fieber.«

Nach dem Matheunterricht hatten sie Deutsch. Im Klassenzimmer wurde es warm. Schwitzend brachten sie eine Inhaltsangabe zur Insel der blauen Delfine aufs Papier, bevor sie mit Vollgas in die große Pause starteten. Als um halb zwei endlich die Schulglocke läutete und die Schüler in die Ferien entließ, lagen sich die Mädchen noch minutenlang in den Armen, als würde die Welt untergehen. Die Jungs verabschiedeten sich dagegen mit einem Kopfnicken, radelten bei ungetrübtem Sonnenschein sogleich in den Ferienbeginn und in surrende Schwärme merkwürdiger Insekten hinein, die nur darauf bedacht zu sein schienen, mit ihnen auf Augenhöhe zu fliegen. Als Julian zu Hause ankam, klebten unzählige geflügelte Körper in seinem Gesicht und ein Zettel am Küchentisch. Er erkannte Susannas Schrift.

Lieber Julian,

deinem Bruder geht es nicht gut. Wir sind im Krankenhaus. Papa kommt nachher wieder, um dich abzuholen. Bitte warte einfach auf ihn.

Bis später, Mama

Erschrocken legte Julian den Zettel zurück auf den Tisch. Sebastian hatte Fieber. Warum musste er deshalb ins Krankenhaus? Fieber hatten sie beide schon oft gehabt. Man fühlte sich schlapp und unwohl, bekam Wadenwickel oder ein Medikament. Aber seit wann musste man deshalb ins Krankenhaus?

Unschlüssig ging er durch die Wohnung, schaute in jedes Zimmer. Alles war still. Plötzlich fühlte er sich sehr allein. Sein Blick fiel auf Sebastians Bett. Dessen Schlafanzug lag grob zusammengefaltet auf der Zudecke. Aus Kindertagen hatte er einen kleinen Löwen als Kuscheltier, den er selten ins Bett nahm – nun lag er zwischen Kissen und Wand. Vermutlich hatte er ihn gestern zum Einschlafen aus dem Schrank geholt, weil er sich krank gefühlt hatte. Julian setzte sich auf Sebastians Bett und nahm den Löwen in seinen Arm.

Was hatte sein Bruder?

Plötzlich fiel ihm etwas ein. Vor ein oder zwei Wochen hatte Sebastian erzählt, dass er Probleme mit seinen Fingern hatte, oder so ähnlich. Julian wusste nicht mehr, wie er es ausgedrückt hatte. Aber die letzten Tage war es Sebastian schwergefallen, auf der Tastatur zu tippen, um den Code für ihre App zu schreiben.

Ängstlich presste er seinen Rücken gegen die Wand und umklammerte den Löwen noch fester. Wann kam sein Vater endlich nach Hause, um ihn abzuholen? Er griff nach Sebastians Schlafanzug und roch daran. Das beruhigte ihn etwas. Plötzlich erinnerte er sich an einen Abend vor vielen Jahren, als ihre Eltern sie zum ersten Mal allein gelassen hatten. Julian fünf, Sebastian acht, hatten sie den Aufbruch ihrer Eltern schlagkräftig nach Worten unterstützt; sie fanden es äußerst spannend, allein zu sein. Ihre Eltern hatten ihnen erklärt, für ein gutes Stündchen zu den Nachbarn in der Wohnung nebenan gehen zu wollen und sie bei ihrer Wiederkehr hoffentlich schlafend vorzufinden. Als die Tür hinter ihnen ins Schloss fiel, fielen die Brüder zunächst über das Speiseeis im Kühlschrank her und dann über sich selbst, als sie eine Kissenschlacht erster Sahne veranstalteten. Julian würde nie vergessen, was für einen Spaß sie an diesem Abend hatten – und welch ängstliche Aufregung sie nach Anbruch der Dämmerung erlebten...

Der Abend kam mit rascher Dunkelheit. Da sie mit ihren Eltern um neun rechneten, vereinbarten sie, um halb neun ins Bett zu gehen und eine Kassette zu hören. Zwar waren Kassetten längst aus der Mode gekommen, aber ihr Vater hatte ihnen vor langer Zeit seinen alten Rekorder geschenkt, mit-samt einigen Hörspielen aus den Neunzigern, die er in seiner Jugend gehört hatte. Am besten gefiel ihnen die Folge Poltergeist von den drei Fragezeichen. Sie hatten sie schon unzählige Male gehört.

Beim Zähneputzen, als sie sich mit Zahnbürste im Mund und Zahnpasta an den Händen durch die Wohnung jagten, fühlten sie sich noch unbesiegbar. Doch als sich Trägheit auf ihr Gemüt legte und die Wohnung in heimlichem Licht lag, wich ihnen alle Wärme aus den Gliedern und sie verkrochen sich schnell in ihre Betten. Sebastian legte eine Hörspielkassette ein, während es draußen zu gewittern begann. Still lauschten sie den drei Detektiven, fanden aber weder Ruhe noch Schlaf. Viel eher breitete sich Unwohlsein in ihnen aus. Aber noch behielten sie ihre aufkeimende Angst für sich.

Das Hörspiel endete. Ein Moment Stille, nur mit dem leeren Rauschen der Bänder angefüllt. Dann jenes laute, plötzliche, die Stille zerreißende Klacken, als der Knopf hochsprang, den sie zum Abspielen der Kassette gedrückt hatten. Und danach – Totenstille. Selbst das Gewitter war vorübergezogen.

Diese Totenstille, in der sie beide ihre Eltern schrecklich vermissten, durchbrach ein Knacken. Wenngleich ein Knacken in einer alten Wohnung nichts Ungewöhnliches ist, setzte sich Julian kerzengerade auf, sein Herz pochte vor Angst.

»Hast du das auch gehört?«, fragte er so leise wie möglich. »Glaubst du, da ist jemand?«

»Ich glaube nicht«, sagte sein Bruder beruhigend. »Aber lass uns nachsehen.«

Schon schlug er die Bettdecke zurück und stand auf. Leise folgte Julian ihm über den weichen Teppich, was gar nicht so einfach war. Schmerzhaft trat er auf mehrere Legosteine, aber er gab keinen Mucks von sich. Sebastian öffnete die Tür, vorsichtig tapsten sie in den Flur. Die Kälte der Fliesen unter den Fußsohlen breitete sich im ganzen Körper aus. Sebastian fand den Schalter, knipste das Licht an und sorgte damit für ein wenig Beruhigung, denn alles war in bester Ordnung. Kein Einbrecher machte sich bei ihnen zu schaffen. Ein Blick auf die Uhr – halb zehn. Sie krochen zurück ins Bett. Aber Julian war immer noch unwohl zumute.

»Kannst du zu mir ins Bett kommen?«, fragte er seinen Bruder.

Ohne zu zögern kam Sebastian zu ihm. Dankbar drehte Julian sich auf die Seite, aber empfand nach kurzer Zeit erneut Unruhe. Leise fragte er: »Bist du noch da?«

»Ja«, beruhigte ihn Sebastian.

Julian aber, der stets mit dem Gesicht zur Wand einschlief, fehlte die Gewissheit. Er hatte Angst, Sebastian könne plötzlich verschwunden sein. Also öffnete er die Schublade seines Nachttisches und zog einen dicken Wollfaden heraus, an dessen Enden ein Bleistift und ein Radiergummi befestigt waren. Normalerweise benutzte er den Stift zum Malen. Sein Vater hatte irgendwann mit dem Wollfaden einen Knoten um Bleistift und Radiergummi gemacht, damit er beides immer parat hatte. Er löste die Knoten auf, nahm ein Ende des Fadens in die Hand und bat seinen Bruder, das andere Ende festzuhalten. Als Julian seine Augen schloss, spürte er die sanfte Spannung des Fadens und wusste, dass Sebastian noch neben ihm war und ihn beschützte. Kurz danach löste sich die Spannung des Fadens an Julians Ende ...

Es rasselte im Türschloss. Friedbert, sein Vater, kehrte heim. Julian sprang auf, lief in den Flur und rief: »Papa, was ist mit Sebastian?«

Friedbert zog sich mit besorgter Miene die Schuhe aus und legte ein paar Sachen ab. »Wir wissen es nicht«, sagte er kopfschüttelnd. »Er hat hohes Fieber und ist apathisch. Vielleicht ein Virus. Oder eine allergische Reaktion.« Suchend sah er sich um, wirkte zerstreut. »Ich muss ein paar Sachen packen für Mama und Sebastian. Mama wird heute Nacht im Krankenhaus bleiben.«

Rasch packte er eine kleine Tasche, während Julian im Flur wartete. Er wagte es nicht, sich von der Stelle zu bewegen, als würde jede seiner Bewegungen Sebastians Gesundheit beeinträchtigen können. Erst als Friedbert ihm die Anweisung gab, sich anzuziehen, folgte er.

So schnell es ging, fuhren sie zum Krankenhaus. Als sie ankamen und von einer Krankenschwester zu Sebastians Zimmer geführt wurden, fanden sie es leer vor. Friedberts Gesicht veränderte sich: zuerst flackerte ein Hoffnungsschimmer darüber – war Sebastian entlassen worden, weil es ihm wieder besser ging? – dann versteinerte es sich und er folgte der Schwester zurück zum Empfang. Als diese in einem Hinterzimmer verschwand, griff Julian nach Friedberts Hand. Sie war eiskalt. Nervös starrten sie auf die Tür, bis sie sich wieder auftat und die Schwester herauskam. In der Hand hielt sie ein Klemmbrett mit Zetteln. Sie legte es vor Friedbert ab und legte einen Stift darauf. »Ihr Sohn wurde auf die Intensivstation verlegt. Sie müssten mir bitte diese Formulare ausfüllen, damit ich Sie hinbringen kann.«

Nervös nahm Julians Vater die Formulare entgegen und reichte sie wenig später ausgefüllt zurück. Daraufhin führtedie Schwester sie durch die kahlen Flure in einen anderen Abschnitt des Krankenhauses. Still lief Julian hinterher, wagte nicht zu sprechen und umklammerte Sebastians Löwen, den er ihm mitbringen wollte. Die Schwester sagte, dass Sebastian in einem Isolierzimmer für Quarantänepatienten untergebracht worden sei und sie sie nur bis in den Flur davor mitnehmen könne. Das Isolierzimmer befand sich am Ende eines langen Flurs. Dort, ganz am Ende auf einem Stuhl sitzend, sahen sie Susanna, die mit tränenverschmiertem Gesicht aufblickte und ihnen entgegenkam, als sie sie sah.

»Sie haben ihn in dieses Zimmer gebracht«, schluchzte sie und zeigte auf das letzte Zimmer im Flur. »Sie glauben, er habe ein Virus. Ich darf nicht mehr zu ihm!«. Ihre Stimme brach ab und sie vergrub ihr Gesicht an Friedberts Schulter.

Wenig später kam der Oberarzt, führte sie in sein Arztzimmer und bat sie, Platz zu nehmen.

»Ihr Sohn hat hohes Fieber«, begann der Arzt, »erhöhte Entzündungswerte und krampfartige Störungen des Bewegungsapparates und der Skelettmuskulatur. Wir kennen die Ursache noch nicht. Diese Symptomatik kann bei Entzündungen der Hirnhaut oder der Rückenmarksnerven auftreten, etwa durch eine Virusinfektion nach einem Zeckenbiss. Aber sie kann auch andere Ursachen haben. Beispielsweise könnten die Krämpfe durch einen epileptischen Anfall ausgelöst worden sein, zeitgleich mit einem gewöhnlichen Infekt, der das Fieber verursacht.« Er atmete tief ein und aus. »Vorsorglich haben wir Ihren Sohn in Quarantäne verlegt. Wir müssen jetzt weitere Untersuchungen vornehmen und die Ergebnisse abwarten.«

Er blätterte durch einige Formulare auf seinem Schreibtisch. »Neben denen von Ihnen ausgefüllten Aufnahme-Formularen benötige ich noch detaillierte Informationen über seinen Gesundheitszustand in den letzten Wochen und Monaten. Gab es irgendwelche Auffälligkeiten, körperliche Symptome, Stimmungsschwankungen, Konzentrationsschwierigkeiten ...«

Zum ersten Mal sah er auch Julian an.

Mit brüchiger Stimme sagte Susanna: »Er hat erzählt, dass er in der Schule Schwierigkeiten beim Schreiben hat. Mit der eigentlichen Bewegung, meine ich. Den Stift richtig zu führen. Ich wollte nächste Woche mit ihm zum Arzt, wir hatten es diese Woche nicht geschafft.« Sie schluchzte.

»Die letzten Tage konnte er nicht so gut tippen«, platzte es aus Julian heraus. »Ich meine, auf der Computertastatur.«

Der Arzt nickte ein paar Mal.

»Hatte Ihr Sohn schon mal epileptische Anfälle?«

»Nein«, sagten Julians Eltern zeitgleich.

»Und sind Sie in letzter Zeit verreist?«

Seine Eltern verneinten.

Der Arzt blätterte noch kurz in seinen Unterlagen, dann erklärte er Julians Eltern die anstehenden Untersuchungen. Bevor er sie entließ, bat er Julian, kurz draußen im Flur auf seine Eltern zu warten. Julian setzte sich auf einen Stuhl und starrte ungeduldig die Tür zum Arztzimmer an. Am liebsten hätte er durch sie hindurchgeguckt. Er lauschte, um die Stimmen hinter der Tür zu verstehen. Aber sie waren zu leise, außerdem war da ein nerviges Piepen auf dem Flur.

Endlich öffnete sich die Tür und seine Eltern kamen heraus.

Julian sprang auf. »Was ist los?«, fragte er, aber seine Eltern antworteten nicht. Als hätten sie ihn gar nicht gehört.

»Mama?«, wiederholte er seine Frage. »Was hat der Arzt zu euch gesagt?«

Friedbert streichelte kurz den Arm seiner Frau und gab ihr einen Kuss. Dann legte er seine Hand zwischen Julians Schulterblätter, schob ihn leicht an und sagte: »Komm, fahren wir nach Hause.«

Julian gehorchte und ging mit seinem Vater durch den stillen Krankenhausflur. Doch schon nach ein paar Schritten blieb er abrupt stehen und drehte sich um. Seine Mutter stand immer noch vor der Tür des Arztzimmers.

»Mama, komm!«, sagte Julian.

Für eine Sekunde starrte Susanna ihn gedankenverloren an. Dann schüttelte sie den Kopf. »Ich bleibe hier. Wir können ihn jetzt nicht allein lassen.«

Julian sah zu seinem Vater. »Bleiben wir auch hier?«

»Nein«, sagte Friedbert. »Deine Mutter bekommt hier ein Zimmer und wir kommen morgen zu den Besuchszeiten wieder. Das haben wir gerade mit dem Oberarzt so besprochen.«

»Können wir nicht auch ein Zimmer bekommen?«, flehte Julian.

Friedbert verneinte. »Das geht nicht. Wir kommen morgen wieder. Komm!«

Er nahm Julian an die Hand und sie verließen schnellen Schrittes das Krankenhaus.

Julian fühlte sich ungerecht behandelt. Er wollte auch bei Sebastian sein. Wieso konnten sie nicht alle bei ihm bleiben? Beinahe hätte er seine Gedanken laut ausgesprochen, aber er spürte Friedberts Anspannung und sagte nichts. Enttäuscht starrte er aus dem Fenster auf die vorbeiziehende Landschaft.

Als sie zu Hause ankamen, war seine Enttäuschung abgeklungen. Irgendwie war er auch froh, zu Hause zu sein. Nach dem Abendessen zog Friedbert sich ins Wohnzimmer zurück und schaltete den Fernseher ein. Julian ging in sein Zimmer, blätterte in einem Buch und machte sich bald bettfertig. Er schaltete ein Hörspiel ein und wollte sich gerade hinlegen, als sein Blick auf Sebastians Bett fiel. Er vermisste Sebastian. Und auch seine Mutter. Es war komisch ohne sie. Wann sie wohl zurückkamen? Kurzentschlossen legte er sich in Sebastians Bett und deckte sich zu. Augenblicklich fühlte er sich besser. Jetzt merkte er, wie müde er war. Er schloss seine Augen und lauschte dem Hörspiel. Kurz darauf fiel er in einen tiefen Schlaf.

Das Wochenende war für Julian eine Geduldsprobe. Vor- und nachmittags fuhr Friedbert mit ihm für eine Weile ins Krankenhaus. Jedes Mal wäre er am liebsten geradewegs zu Sebastian ins Zimmer gerannt, um endlich bei ihm zu sein. Aber die Quarantäne war nicht aufgehoben. Sie mussten also warten.

Am Montag passierte endlich etwas. Julian und sein Vater waren gerade auf dem Weg ins Krankenhaus, als Susanna sie übers Handy anrief.

»Sebastian wird aus der Quarantäne entlassen!«, sagte sie und erklärte, dass Sebastian keine Krankheitserreger habe, die einen Aufenthalt im Isolierzimmer notwendig machten, und dass er auch kein Fieber mehr habe. Julian, der über die Fernsprachanlage im Auto mithörte, konnte spüren, wie ihnen allen ein Stein vom Herzen fiel. Aufgeregt rief er: »Kommt Sebastian heute mit nach Hause?«

»Nein, mein Schatz«, sagte Susanna. »Anscheinend sind seine Blutwerte nicht in Ordnung und es stehen jetzt ein paar Untersuchungen an, die während der Quarantäne nicht durchgeführt werden konnten.«

Als Julian und Friedbert im Krankenhaus eintrafen, führte eine Arzthelferin sie in das Zimmer, in das Sebastian verlegt worden war. Susanna war bereits da und hielt Sebastians Hand. Er saß aufrecht im Bett und ein Strahlen ging über sein Gesicht, als Julian und Friedbert ins Zimmer kamen.

»Sebastian!«, rief Julian, stürmte zu seinem Bruder und umarmte ihn. »Wie geht’s dir?«

»Gut«, sagte Sebastian und sah Julian mit leuchtenden Augen an. »Ich war gerade in der Röhre!«

Susanna wandte sich ihnen erklärend zu. »Er kommt gerade aus einer MRT-Untersuchung.«

»Diese Röhre«, sagte Sebastian zu seiner Mutter, während sie ihm den Kopf streichelte, »du wärst da drin gestorben mit deiner Platzangst!«

»Das glaube ich!«, sagte Susanna und lachte.

Ihr Lachen löste Freude in Julian aus. Die vergangenen Tage hatte keiner von ihnen gelacht. Endlich war alles wieder gut. Neugierig fragte er: »Was passiert in dieser Röhre?«

»Da scannen sie dein Gehirn«, sagte Sebastian und grinste.

»Nein, wirklich?«, sagte Julian ungläubig. Aber er glaubte sich zu erinnern, schon mal was davon gehört zu haben. Hatte nicht ein Freund seiner Eltern davon erzählt? Der hatte allerdings einen Kreuzbandriss vom Skifahren gehabt.

Julian dachte nicht weiter darüber nach. Er war so aufgeregt, dass er gar nicht wusste, worüber er zuerst sprechen sollte.

»Kann Markus bei unserer App mitmachen? Ich habe ihm davon erzählt und wir haben schon neue Ideen!« In Wahrheit hatte er in den vergangenen Tagen keinen Moment an die App gedacht. Und mit Markus hatte er auch nicht weiter darüber gesprochen. Aber er wollte seinem Bruder einfach eine Freude bereiten. Ihr Projekt hatte ihnen bisher sehr viel Spaß gemacht.

»Ja, er kann gerne m-m-mitmachen«, sagte Sebastian.

Einen Moment waren alle still.

»Ist alles OK?«, fragte Julian geradeheraus. »Warum stotterst du?«

»Ich weiß nicht«, sagte Sebastian und sah fragend seine Eltern an.

Plötzlich klopfte es an der Tür und ein Arzt kam herein. »Frau Berger, Herr Berger«, grüßte er und gab Ihnen die Hand. »Dr. Kobiella, ich bin der Chefarzt.« Er nickte Julian kurz zu, ging zu Sebastian und legte die Hand an seine Schulter.

»Und, wie geht es dir?«

»Gut«, sagte Sebastian nur.