Wo die Zukunft sitzt - Stefan Braun - E-Book

Wo die Zukunft sitzt E-Book

Stefan Braun

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Beschreibung

Den Möglichkeitssinn schärfen Unsere Gesellschaft verändert sich heute so schnell wie nie zuvor. Die Zukunft wird immer weniger vorhersehbar. Gerade für junge Menschen ist es daher essenziell, im Umgang mit Unsicherheit gestärkt zu werden. Die Schule sollte dabei eine zentrale Rolle einnehmen. In seinem Essay skizziert Stefan Braun eine Vision von Schule, die nicht die Konzepte der Vorgängergeneration reproduziert, sondern die Zukunft in den Blick nimmt. Dafür gilt es, die Offenheit der Schüler:innen zu fördern und ihren Möglichkeitssinn zu schärfen. Wenn sie lernen, wie sie mit disruptiven Veränderungen umgehen können, z. B. anhand von Simulationsszenarien, kann Schule zu einer maßgeblichen Akteurin bei der Gestaltung der nächsten Gesellschaft werden. Mit seiner philosophischen Ausrichtung ist dieses Buch dank zahlreicher Beispiele dennoch nah an der Schulrealität. Es ermöglicht eine Diskussion über die Schule von morgen auch jenseits pädagogischer Zirkel und lässt Leser:innen mit seiner frischen und lebendigen Sprache ohne überbeanspruchte Schlagworte ganz neu über Schule nachdenken. Der Autor: Stefan Braun, Dr. phil.; Studium Lehramt der Sekundarstufen I und II in den Fächern Deutsch, ev. Theologie und Philosophie; Promotion in Neuerer Deutscher Literaturwissenschaft; ausgebildeter Schulentwicklungsbegleiter; Lehrer; Autor im Themenfeld Bildung und Systemtheorie.

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Seitenzahl: 91

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Carl-Auer

Stefan Braun

WO DIEZUKUNFTSITZT

Plädoyer für eine Schuleder Möglichkeiten

2025

Mitglieder des wissenschaftlichen Beirats des Carl-Auer Verlags:

Prof. Dr. Dr. h. c. Rolf Arnold (Kaiserslautern)

Prof. Dr. Wolf Ritscher (Esslingen)

Prof. Dr. Dirk Baecker (Dresden)

Dr. Wilhelm Rotthaus (Bergheim bei Köln)

Prof. Dr. Ulrich Clement (Heidelberg)

Prof. Dr. Arist von Schlippe (Witten/Herdecke)

Prof. Dr. Jörg Fengler (Köln)

Dr. Gunther Schmidt (Heidelberg)

Dr. Barbara Heitger (Wien)

Prof. Dr. Siegfried J. Schmidt (Münster)

Prof. Dr. Johannes Herwig-Lempp (Merseburg)

Jakob R. Schneider (München)

Prof. Dr. Bruno Hildenbrand (Jena)

Prof. Dr. Jochen Schweitzer † (Heidelberg)

Prof. Dr. Karl L. Holtz (Heidelberg)

Prof. Dr. Fritz B. Simon (Berlin)

Prof. Dr. Heiko Kleve (Witten/Herdecke)

Dr. Therese Steiner (Embrach)

Dr. Roswita Königswieser (Wien)

Prof. Dr. Dr. Helm Stierlin † (Heidelberg)

Prof. Dr. Jürgen Kriz (Osnabrück)

Karsten Trebesch (Dallgow-Döberitz)

Prof. Dr. Friedebert Kröger (Heidelberg)

Bernhard Trenkle (Rottweil)

Tom Levold (Köln)

Prof. Dr. Sigrid Tschöpe-Scheffler (Köln)

Dr. Kurt Ludewig (Münster)

Prof. Dr. Reinhard Voß (Koblenz)

Dr. Burkhard Peter (München)

Dr. Gunthard Weber (Wiesloch)

Prof. Dr. Bernhard Pörksen (Tübingen)

Prof. Dr. Rudolf Wimmer (Wien)

Prof. Dr. Kersten Reich (Köln)

Prof. Dr. Michael Wirsching (Freiburg)

Dr. Rüdiger Retzlaff (Heidelberg)

Prof. Dr. Jan V. Wirth (Meerbusch)

Reihe »update gesellschaft«

hrsg. von Matthias Eckoldt

Umschlagentwurf: B. Charlotte Ulrich

Redaktion: Celine Eßlinger

Layout und Satz: Melanie Szeifert

Printed in Germany

Druck und Bindung: CPI books GmbH, Leck

Erste Auflage, 2025

ISBN 978-3-8497-0582-4 (Printversion)

ISBN 978-3-8497-8525-3 (ePub)

© 2025 Carl-Auer-Systeme Verlag

und Verlagsbuchhandlung GmbH, Heidelberg

Alle Rechte vorbehalten

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

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Carl-Auer Verlag GmbH

Vangerowstraße 14 · 69115 Heidelberg

Tel. +49 6221 6438-0 · Fax +49 6221 6438-22

[email protected]

Inhalt

Einleitung

Kombinieren – Markieren – Wege gehen

Einfach mal frei

Schule, warum gibt es Dich eigentlich?

Wir bauen ein Haus

Ruhe – Freiraum – Möglichkeiten!

Zukunft als Angelpunkt

Die Bauhaus-Idee – durchaus nicht eskapistisch!

Möglichkeiten – Faktizität – Bildung

Welt und Schule

Resümee

Literatur

Es ist eine Freude, Lehrer zu sein. Es ist eine Freude, junge Menschen auf ihre Zukunft vorzubereiten –eine Zukunft, die es in dieser Art bislang noch niegab. Erstmals wird zukünftig nämlich Möglichesund Wirkliches unmerklich ineinander übergehen.

Es ist – mindestens teilweise – eine Freude, Schülerzu sein. Man startet mit Neugier und Motivation.Man will ins Leben. Man spürt schon Zukunft in sich. Man genießt es, damit ernstgenommen zu werden.So sollte es sein.

Einleitung

RolfGeorg ist Lehrer am städtischen Gymnasium. Er unterrichtet die 10c in Geschichte. Eine Unterrichtsreihe zum Ersten Weltkrieg steht an. Herr Georg ist motiviert. Er will es – wie immer – sehr gut machen. Auf seinem Schreibtisch lagern viele Unterrichtsmaterialien. Der Frühlingsblumenstrauß, den er hier gestern in eine Vase stellte, muss weichen. Es gibt, so wird ihm klar, zu seinem Thema wirklich sehr viele Quellensammlungen und reichhaltig gute didaktische Materialien. Rolf Georg hat vor allem konkrete methodische Hinweise im Blick. Nun startet er mit seinen Vorbereitungen …

Eine Situation, die modernen Lehrern1 vertraut ist. 24 Jahre sind es jetzt her – also eine Generation – seit der »PISA-Schock« Wellen schlug. Da ist es an der Zeit, Schule noch einmal ganz neu in den Blick zu nehmen. In einer frischen Art. Mit einer unverbrauchten Sprache. Zwischenzeitlich veränderten sich die gesellschaftlichen Kräftefelder rund um Schule (also ihre Bezugskontexte) enorm. Einerseits wurde das, was sich zum Millenniumswechsel ankündigte, drängender. Der Klimawandel etwa – er ist heute in der Häufung von Extremwetterereignissen greifbar wie nie zuvor. Und andererseits kam Neues hinzu: Migrationskonflikte in vorher unbekannter Dimension, die Pandemie, ein Krieg in Europa. Und digitales Leben erreichte signifikant unser aller Alltag.

Schule steht da genau mittendrin und hat – ob sie will oder nicht – damit zu tun. Sie bereitet junge Menschen nämlich auf ein Leben vor, in dem sie sich mit all dem auseinanderzusetzen haben. Zu Beginn des Jahrtausends justierte man Schule neu: hin auf ein innovatives Lernverständnis und eine quantifizierende Outputlogik. Hier tat sich vieles. Aber wie und wohin, so mag man fragen, wird ihre Reise nun weitergehen?

Darüber einmal ganz in Ruhe nachzudenken – dazu lädt Sie dieses Buch ein. Es leuchtet in die Verwerfungen hinein. Was gestern noch sicher schien, das kann in der Hochdynamik unserer Zeit nämlich morgen schon heiß zur Diskussion stehen. Auf der anderen Seite: Heute noch bedenklich Erscheinendes gedanklich zuzulassen, das ist hilfreich für übermorgen – etwa im Sinne von Hans Ulrich Gumbrecht. Der plädiert in seiner Gegenwartsanalyse Unsere breite Gegenwart ganz grundsätzlich dafür, sich anzugewöhnen, ab und zu spielerisch und unbefangen scheinbar Selbstverständliches zu hinterfragen und Dinge ungewohnt und neu in weite Räume zu stellen.2

Ministerien und schulische Landesinstitute tun alles, um Schule am Laufen zu halten – und sie besser zu machen. Man weiß dort: Schule braucht ständig neue, frische Gedanken an runden Tischen. Der folgende Beitrag versteht sich als Plädoyer dafür, genau damit immer weiterzumachen, und er lädt breite Kreise ein, dabei mitzuhelfen. Denn wohl fast jeder hat mit Schule und Lernen zu tun. Nicht nur Schüler und ihre Eltern, nicht nur Lehrer und Schulleitungen oder Verantwortliche in der Schuladministration beschäftigen sich mit Schule. Uns allen ist klar, dass man nie auslernt. Lernen durchzieht unsere Berufskarrieren, ja unser ganzes Leben, bis zum Schluss. Und: Was Schulen tun, das ist am Ende auch deshalb für uns alle wichtig, weil es dabei hilft, in folgenden Jahrzehnten souveräne und verantwortliche Entscheider am Start zu haben. Schule ist wichtig für unsere Gesellschaft. Schule geht uns alle an.

Also: Horchen Sie mit mir einmal in Schule hinein. Was geht in ihr vor? Wie konnte sie sich als das behaupten, was sie heute ist? Und welche Optionen warten auf sie in der Zukunft? Steigen wir dazu einmal ganz konkret ein und schauen uns an, wie Lehren und Lernen heute so läuft.

  1Ich verwende zur besseren Lesbarkeit das generische Maskulinum und meine damit alle Geschlechter.

  2Vgl. Gumbrecht (2010), S. 12.

Kombinieren – Markieren – Wege gehen

In Rolf Georgs Materialfundus finden sich verschiedenste Anleitungen für den Aufbau von Schulstunden. Er kommt in sein Element. Sich auf diesem bereits so vielfältig beackerten Feld Klarheit zu verschaffen, das ist ganz sein Ding! Im Gewirr der vielen Wege will er einen neuen, vormodellierten Lernpfad für seine Schüler definieren. Er kocht sich einen Tee und macht sich dazu auf, eine neue Fährte zu legen.

Herrn Georgs Unterrichtsvorbereitungen machen etwas deutlich: Ob Orientierung vonnöten ist, das steht nicht in simplem Verhältnis zu fehlenden oder bereits vorhandenen Orientierungsstrukturen. Klarheit über meine Wege benötige ich nämlich nicht nur, wenn es mir an Wegzeichen mangelt, sondern auch, wenn es Hinweise und Wege schon reichlich gibt. Unser aller Welt fließt an Strukturen über. Die Summe an verfügbaren Pfaden, Anleitungen und Routinen ist groß, vielleicht übergroß. Unsere Welt ist vollgestellt. Und nicht trotzdem, sondern eben deshalb scheint unser Bedürfnis nach neuen Wegen und Anleitungen groß wie nie. Wir spüren ein Bedürfnis, die bestehenden Angebotsfluten nochmals zu überbieten, und erfinden die Dinge inmitten dessen, was es schon gibt, immer wieder neu. So schaffen wir für uns Klarheit in einer Welt, die zwar auf alle Fragen ihre Antworten schon parat zu haben scheint – dabei aber gleichzeitig oft so ratlos ist. Im Ganzen führt dies zu einer Strukturinflation. Unsere Welt wird voller und voller: Die Zahl der Verkehrszeichen nimmt zu, Log-ins allerorten im Internet, Bürokratie dreht sich immer weiter in unsere Handlungskontexte hinein (und höhnt den Bekenntnissen zur Entbürokratisierung), von Datenschutzprozeduren ganz zu schweigen …

So also auch in unseren Schulen. Lehren heißt heute: Lernwege konstruieren. Lehren heißt heute: algorithmischstrategisch am Werk sein. Das (Erschließungs-)Prozedere steht im Vordergrund. Lernen als eine Art Geocaching. Und wenn Herr Georg – umgeben von all den Varianten bereits vorliegender Unterrichtsverläufe – zwischen diesen hin und her wandert, wenn er die ihm bereits vorliegenden Materialien zu eigenen Lernlandschaften neu zusammenfügt, dann tut ihm das gut. Er hat den Eindruck: »Ich habe einen tollen Beruf! Er ermöglicht mir, meine Wege für meine Schüler zu finden. Er ermöglicht mir, mich frei auszuleben.«

Aber Halt! Ist darunter tatsächlich »Freiheit« zu verstehen? Geben wir uns heute – insbesondere als Erwachsene – allein mit vorhandenen Puzzlestücken zufrieden, die wir nur noch zusammenfügen müssen? Ist das allein schon frei: wählen zu können zwischen Möglichkeiten? Was morgen auf uns zukommt, wird immer ungewisser. Deshalb sollte auch Schule einen Freiheitsgeist verkörpern, der offen genug ist, um mit der Offenheit unserer Welt mithalten zu können. Freies Denken und Möglichkeitssinn in die Schulen! – angesichts einer Zukunft, in der alles möglich zu sein scheint. Wir alle können uns nämlich sicher sein: Auf mittlere Frist wird in unserer Welt kein Stein mehr auf dem anderen bleiben.

Ja, unsere Gesellschaft bewegt sich ins Offene wie wohl keine Gesellschaft vor ihr. Was kommt, kommt oft unverhofft und schnell. So haben wir ständig Bedarf an vollständig frischen Wegen und Lösungen – und damit auch an Personen, die fit dafür sind, die geübt sind in schneller, selbstbewusster und nachhaltig-durchdachter Kreativität.

Kommst Du an einer Schule vorbei, so mach Dir klar, welche Zukunftspotenziale dort schlummern. So viel Lebenswille, so viel Bereitschaft in den jungen Menschen, die dort in den Bänken sitzen. Diese Klientel – wenn wir es ihr gestatten – weckt uns, indem sie uns überrascht: »Wir sind es, denen ein ganz anderes Leben bevorsteht als dasjenige, das ihr führt. Helft uns dabei, darauf vorbereitet zu sein.«

Kann Schule das? Ja, so soll hier behauptet werden: Schule kann das!

Timo aus der 10c sitzt morgens im Bus und fährt zur Schule. Er denkt an die vor ihm liegende Schulstunde. Herr Georg hat schon angekündigt, was auf dem Plan steht: »Erster Weltkrieg.« Klar, das würde wieder aufwendig – wie immer bei Herrn Georg. Timo gehört zu einer »Fachgruppe«, die (als Hausaufgabe) Materialien zu sichten hatte. Man konnte sich entscheiden, in welcher Gruppe man arbeiten wollte. Wie der Mann Zeit findet, das alles so genau zu planen, das ist ihm ein Rätsel. Timo interessiert sich für die Weltkriege, er liest sogar zu Hause gerade ein Buch darüber. Cool, die Vorstellung, dass er jetzt zu Hause säße. Dann würde er darin weiterlesen. Mehr als ans Thema selbst denkt er, wenn er sich den anstehenden Unterricht vorstellt, an die Dinge, die Herr Georg für die Stunde vorbereitet haben wird: Es wird wieder Gruppenrollen geben.

Er hat reichhaltig Erfahrung mit solchen »Lernparcours«, wie sie Herr Georg plant.Timo wird den »Zeitnehmer« wählen, da hat er, wenn es zu tief ins Inhaltliche geht, eine Ausrede: »Sorry Leute, ich achte drauf, dass wir fertigwerden – also sputet Euch. Herr Georg gibt uns nicht noch einmal zehn Minuten drauf.« Klingt doch gut.