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"Kommt Krieg in Europa?", ein historisches Werk von Hubert Renfro Knickerbocker, beleuchtet die Geschehnisse des Ersten Weltkriegs in Europa mit großer Detailtreue. Als renommierter US-amerikanischer Journalist, Publizist und Pulitzer-Preisträger, bietet Knickerbocker in seinem Buch eine gründliche Analyse der historischen Ereignisse sowie der politischen und sozialen Zustände dieser Epoche. Er ist besonders dafür bekannt, in seinen Artikeln und Vorträgen das amerikanische Publikum über die Bedeutung und die möglichen Folgen eines Beitritts der Vereinigten Staaten zum Zweiten Weltkrieg aufzuklären und zu sensibilisieren.
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Veröffentlichungsjahr: 2024
Europa steht im Zeichen der Uniform.
Wird es in den Krieg ziehen?
Europa, zusammengedrängt auf einen Raum, der um ein Drittel kleiner ist als das Gebiet der Vereinigten Staaten, beherbergt heute sechs Millionen Uniform tragende Männer, die auf seinen Straßen paradieren und seinen Chausseen patrouillieren, die an den Grenzen Wachtdienst tun, die manövrieren und Scheinkämpfe ausfechten.
Wenn ein Regisseur in Amerika ein entsprechendes Bild zeigen wollte, müßte er acht Millionen Amerikaner in Khaki kleiden. Man denke an das Amerika der Kriegszeit, in dem es halb so viel Soldaten gab. Das Khaki herrschte vor. Man verdoppele die Anzahl der Soldaten, und das Bild wird genau das militärische Aussehen Europas wiedergeben.
Jeder neunte der im Alter zwischen fünfzehn und neunundvierzig Jahren stehenden Männer, die es in Europa ohne Rußland gibt, trägt Uniform. In dieser Altersklasse zählt man fünfundfünfzig Millionen Männer vom Schuljungen bis zum Mann, der im Begriff steht, sich zur Ruhe zu setzen. Heute, in Friedenszeiten, tragen sechs Millionen davon das Feldgrau, Himmelblau und Khaki der regulären Heere, das Braun, Schwarz und Khaki der irregulären Truppen.
Europa ist in Angst. In seinen fünf bewaffneten Lagern wartet der Kontinent heute wie noch nie seit 1914 mit aufgepflanztem Bajonett. Worauf wartet er?
Im französischen Lager, das noch immer das größte ist, stehen Frankreich, Polen, Jugoslawien, die Tschechoslowakei, Rumänien, Belgien, alle Länder, die im letzten Krieg gewonnen haben, was sie haben wollten.
Im deutschen Lager stehen Deutschland, Österreich, Ungarn und Bulgarien, alle Länder, die im letzten Krieg verloren haben, was sie haben wollten, und es heute wieder bekommen wollen.
Im italienischen Lager ist Italien, das Land, dem es im letzten Krieg nicht gelungen ist, sich alles zu holen, was es haben wollte.
Im neutralen Lager stehen die Schweiz, Holland, Spanien, die skandinavischen und die baltischen Staaten, alle kleinen Länder, die sich am letzten Krieg nicht beteiligt haben und heute beim Gedanken an einen zweiten Krieg entsetzt sind.
Im englischen Lager sind die Briten, das einzige Volk, das vom Handel lebt und darum ein vitales Interesse daran hat, den Frieden zu erhalten. Sie haben heute den Schlüssel zu Frieden oder Krieg in der Hand.
Ganz fern am Rande des Kontinents ist die Sowjet-Union, die zu sehr in Angst und Sorge vor Japan lebt, um für Europa mehr als ein großer Machtfaktor der Zukunft zu sein und eine Drohung, die Frankreich gegen Deutschland ausspielen zu können hofft.
Allen Lagern gemeinsam, und zwar als Einziges gemeinsam, ist die Furcht. Die Franzosen fürchten, daß Deutschland wieder aufrüstet, um Frankreich zu zermalmen, die Polen zu vernichten, die Grenzen der Kleinen Entente zu zersprengen, alle achtzig Millionen Deutsche unter dem Hakenkreuz-Banner zu vereinen und den Kontinent unter die Herrschaft der Braunhemden zu stellen.
Die Deutschen fürchten, daß die Franzosen einen »Präventiv-Krieg« führen werden. Ein Präventiv-Krieg ist ein Krieg, von dem man meint, man könne ihn heute gewinnen und damit einen Krieg verhüten, von dem man fürchtet, man könnte ihn morgen verlieren. Es gibt vielleicht einige Deutsche, die ihre Phantasie mit folgendem Bild abmartern:
Der französische Außenminister bittet eines Tages den deutschen Botschafter um seinen Besuch. »Eure Exzellenz«, sagt der Minister, »sowohl Ihre Nation wie die meine lieben den Frieden. Ihre Regierung hat immer wieder unermüdlich Erklärungen in diesem Sinne abgegeben. Wir sind einig in unserer Friedensliebe. Unglückseligerweise scheinen jedoch gewisse Institutionen in Ihrem Lande nicht unseren gemeinsamen Wunsch zu teilen.
Wir haben heute den Beschluß gefaßt, Ihnen bei der Entfernung dieser Institutionen behilflich zu sein, die in so flagranter Weise die Friedenswünsche Ihrer Regierung sabotieren. Hier ist eine Liste von Munitions- und Flugzeugfabriken. Die französische Luftflotte wird diese Hindernisse, die sich unserer dauernden Freundschaft in den Weg stellen, innerhalb von vierundzwanzig Stunden aus der Welt schaffen. Mittlerweile haben Eure Exzellenz reichlich Zeit, der Bevölkerung der in Betracht kommenden Gebiete bekannt zu geben, daß sie sich aus den Zonen, die wir aufsuchen, entfernen möge.«
Vierundzwanzig Stunden später steigt eine Unzahl französischer Flugzeuge auf. Sie sind mit Karten aus den berühmten »Geheimdossiers« des französischen Nachrichtendienstes versehen und suchen die Institutionen auf, in denen Frankreich eine Bedrohung seiner Sicherheit erblickt. Ein Regen von Brisanzbomben geht nieder. Wo aber würde das Echo ihrer Detonationen ein Ende finden?
Rings um Österreich lagern andererseits mit aufgepflanztem Bajonett die Heere Italiens, der Tschechoslowakei, Jugoslawiens, Ungarns und Deutschlands. Sie belauern die Kräfteabnahme des neuen »kranken Mannes« von Europa, und jeder einzelne von ihnen gibt scharf obacht, daß keiner der anderen das Erbe stehle.
Ferner ist der alte Streit um Danzig da. Es existiert die Frage der polnisch-russischen Beziehungen. Es existieren die italienisch-französischen Differenzen, die italienisch-jugoslawischen Differenzen, die jugoslawisch-bulgarischen Differenzen, die rumänisch-russischen Differenzen, die Saarfrage.
Italien hegt viele Befürchtungen, die akuteste darunter aber ist die, Österreich könnte nationalsozialistisch, de facto, wenn auch nicht de jure, ein Teil Deutschlands werden, was zur Folge hätte, daß eine Nation von zweiundsiebzig Millionen deutschen Nationalsozialisten direkt an der italienischen Grenze leben würde.
Das neutrale Lager ist am heftigsten beunruhigt über die Aussicht des Pan-Germanismus, über die Möglichkeit, daß ein wieder aufgerüstetes Deutschland wirklich den Versuch machen könnte, die Deutschen Dänemarks und der Schweiz sowohl wie die vielen anderen Millionen Deutscher in der Kleinen Entente und Polen in Hitlers Drittem Reich zu vereinen.
Was Europa in panischen Schrecken versetzt hat, ist der Name Hitlers. Ein Jahr ist es her, daß er hier in der Reichskanzlei in der Wilhelmstraße stand und die Beifallsrufe einer vor Begeisterung rasenden Menge entgegennahm.
Im Verlauf dieses Jahres hat die politische Konstellation auf dem Kontinent große Wandlungen durchgemacht. Nicht eine einzige internationale Beziehung in Europa ist ganz dieselbe geblieben, die sie war, ehe Hitler Kanzler wurde. Insofern scheint also die Meinung der Welt ihr erstes Urteil zu bestätigen: »Hitler bedeutet den Krieg.«
Aber ist das richtig? Kommt Krieg?
Eine Möglichkeit zur Beantwortung dieser Frage ist es, zu Hause darüber nachzudenken. Eine andere besteht darin, daß man die Ursprungsorte dieser zahlreichen europäischen Konflikte aufsucht und an Ort und Stelle seine Untersuchungen anstellt; daß man versucht, im Einzelnen festzustellen, wie sich die Machtergreifung Hitlers – der eine große neue Faktor in Europa – ausgewirkt hat, und sich ganz allgemein bemüht die Tatsachen zusammenzutragen, die eine Beantwortung der Frage »Kommt Krieg?« ermöglichen.
Es wird notwendig sein, in Monarchien, in Ländern der Diktatur und in solchen der Demokratie mit gewöhnlichen Sterblichen und Königen, mit Chauffeuren und Außenministern, mit Generalstabchefs, mit Journalisten und Politikern zu sprechen. Die Reise wird von Berlin ausgehen, sie wird den Antwortsuchenden nach Danzig führen, nach Gdingen, Warschau, Stolpce an der russisch-polnischen Grenze, nach Prag, Wien, Eisenerz in der Steiermark, nach Budapest, Bukarest, Sofia, Belgrad, Sarajewo, »wo der letzte Krieg angefangen hat«, nach Triest, Fiume und Schuschak, nach Rom, Genf, in das Saargebiet, nach Paris, Brüssel, Berlin und London.
An allen diesen Orten herrscht neben den vielen lokal bestimmten, speziellen Befürchtungen eine große, überwältigende gemeinsame Furcht. Das ist die Furcht davor, daß ein Krieg, von wo immer er auch käme, alle Nationen in seinen Strudel reißen und die Zivilisation des Abendlandes vernichten würde. Selbst Amerika kann es sich nicht leisten, dieser allgemeinen Meinung Europas gegenüber gleichgültig zu bleiben.
Die Frage »Kommt Krieg?« geht alle an.
In dieser Stadt Danzig ist das Leben von zehn Millionen Europäern und Amerikanern gerettet worden. So groß waren nämlich die Verluste an Menschenleben auf den Schlachtfeldern der Jahre 1914-1918, und mindestens ebenso groß würden die Verluste im nächsten Krieg sein. Dieser Krieg hätte in Danzig seinen Ausgang nehmen können. Heute ist es klar, daß hier der Krieg nicht beginnen wird, und Hitler, der »Kriegsmacher«, ist als Herr über Danzig Hitler, der Friedensstifter, geworden.
Denn heute ist Danzig nationalsozialistisch, und zum erstenmal seit dreizehn Jahren lebt Danzig im Frieden mit den Polen. Zum erstenmal seit dem Krieg hat Danzig aufgehört, in der Liste der wahrscheinlichen Kriegsherde an erster Stelle zu stehen. Diese Stelle war ihm so sicher, und die Aussichten darauf, den Krieg hier zu verhüten, waren so gering, daß es heute keine Übertreibung bedeutet, diese Friedensnachricht so aufzumachen wie sonst eine Kriegsmeldung und sie in der Zahl der geretteten Menschenleben auszudrücken.
Aber was hat Amerika mit Danzig zu tun? Wie sollte das Leben von Amerikanern davon abhängen, was in dieser alten Hanse-Stadt geschieht, die zu Deutschland gehörte, ihm fortgenommen, zu einer Freien Stadt unter der Herrschaft des Völkerbundes und zu einem Hafen für Polen gemacht wurde? Was hat der neue Friede zwischen dem nationalsozialistischen Danzig und Polen mit den Vereinigten Staaten zu tun?
Nicht mehr als folgendes. Es gab einen bösen Traum, der mehr als alles andere den Schlaf der europäischen Staatsmänner störte. Sie sahen Hitler in Deutschland zur Macht gelangen. Sie sahen, wie seine Sturmabteilungen alle Nazifeinde in die Knie zwangen, bis sie sich unterwarfen. Sie wußten, daß Danzig bei den Wahlen des vorjährigen Mai nationalsozialistisch werden würde. Sie malten sich aus, wie die Sturmabteilungen Polen in die Knie zwingen würden.
Aber unmittelbar vor dieser Stadt stehen die Regimenter Polens. Zwei Stunden höchstens würden die Polen brauchen, um diese Stadt einzunehmen. Sie nehmen sie ein. Die Sturmabteilungen, für den Kampf mit einem regulären Heer nicht genügend gut ausgerüstet, ergeben sich nicht, und ihre Brüder gleich jenseits der Grenze im deutschen Ostpreußen kommen ihnen zu Hilfe. Die Polen marschieren in Ostpreußen ein. Deutschland mobilisiert, und die zwei Millionen fünfhunderttausend seiner braunen Sturmabteilungen, seiner schwarzen Schutzstaffeln, seines Stahlhelm und seiner Reichswehr werden zu den Waffen gerufen. Frankreich eilt zu den Fahnen. Die Belgier, die Tschechen, die Rumänen und die Jugoslawen halten ihre Verträge mit der Trikolore und schultern das Gewehr. Das Völkerbundssekretariat ringt die Hände.
Der Krieg ist im Gange. Ganz Europa steht in Flammen. England sieht zu. Könnte es neutral bleiben? Die Meinung ganz Europas geht einmütig dahin, daß es das nicht könnte. Amerika sieht zu. Wäre es für uns möglich, neutral zu bleiben? Alles, woraus wir Schlüsse ziehen können, sind die Erfahrungen des letzten Krieges.
In seinem Buch »The Shape of Things to Come« läßt H. G. Wells seinen »Letzten Kriegszyklon 1940-1950« in Danzig losbrechen. Hier, auf dem Danziger Bahnhof, findet der große englische Seher einen unglückseligen polnisch-jüdischen Geschäftsreisenden, der, von einem Orangenkern in seinem falschen Gebiß geplagt, den Kopf zum Fenster hinausstreckt, einem Danziger SA.-Mann eine Grimasse schneidet und damit eine Prügelei veranlaßt, die mit dem europäischen Krieg und dem Zusammenbruch der Zivilisation endet.
Vor einem Jahr lag dies noch durchaus im Bereich des Möglichen. Heute ist es unvorstellbar.
Was geschah, als die Nationalsozialisten bei den Stadtwahlen zweiundfünfzig Prozent der Stimmen bekamen und die Macht an sich rissen mit einem gewaltigen Aufgebot von Braunhemden, das in die Herzen aller Polen und Juden in dieser Stadt Furcht jagte und Europa den Atem anhalten machte?
Was geschah, nachdem die Nationalsozialisten ihre Macht befestigt, ihre politischen Gegner aus den Ämtern gejagt, die Polizei nazisiert und in Danzig ganz allgemein jene strenge »Gleichschaltung« herbeigeführt hatten, die heute für ganz Deutschland charakteristisch ist und hundertprozentigen, äußersten Gehorsam gegen Hitler bedeutet. Was geschah, als, mit anderen Worten, Danzig eine Provinz Hitlers wurde?
Darüber gab Dr. Hermann Rauschning, Präsident des Danziger Senats und Bevollmächtigter Hitlers, Auskunft. Dr. Rauschning ist ein überzeugender Friedensfreund. Er und sein junger Mitarbeiter, Herr Georg Streiter, waren glaubwürdige Anwälte der nationalsozialistischen Friedensliebe, und wenn Hitlers wahre Absichten in Europa in ihrer Gesamtheit nach diesen beiden Vertretern beurteilt werden können, sind die Aussichten auf den Frieden in der Tat hoffnungsvoll. In seinen Räumen in dem großen alten Regierungsgebäude und auch in dem soliden und würdevollen Heim des Senatspräsidenten erzählte Dr. Rauschning in großen Zügen von den Vorgängen. Seine Darstellung stimmte mit denen der Polen und der Neutralen überein.
Folgendes waren die Ereignisse, die der Ostfront Deutschlands ein völlig neues Gesicht gaben:
Die Nationalsozialisten errangen ihren Wahlsieg am 28. Mai 1933. Sie ergriffen die Macht am 20. Juni. Am 4. Juli besuchte Dr. Rauschning Warschau und erwies den Polen seine Reverenz. Dieser Besuch war eine politische Sensation ersten Ranges: ein Hitleranhänger, das nationalsozialistische Haupt Danzigs, geht nach Warschau und reicht den Polen die Hand!
Im August unterzeichnete Danzig Verträge mit Polen, die den Polen in Danzig praktisch alle Rechte der Danziger Bürger gewährten, wogegen Polen versprach, einen größeren Teil seines Handels nach Danzig zu lenken und fünfundvierzig Prozent des polnischen Exports und Imports über Danzig zu leiten. Diese Vereinbarungen brachten praktisch die Hauptpunkte der Differenzen zwischen Danzig und Polen zum Verschwinden.
Die Polen waren verblüfft, argwöhnisch, aber erfreut. Dr. Rauschning schlug bessere gesellschaftliche Beziehungen vor, und zum ersten Male begannen Polen und Deutsche auf freundschaftlicher Grundlage einander entgegenzutreten. Dr. Rauschning stiftete einen Silberpokal für ein Fußballwettspiel zwischen Danzig und Warschau. Das Unglaubliche geschah, und Polen trafen sich mit Danziger Deutschen auf dem Spielfeld. Danzig gewann, aber die Polen schrien Hurrah! Der polnische Gesandte in Danzig, Casimir Papee, stiftete einen Pokal für Boxkämpfe zwischen Danzig und Warschau. Warschau gewann, aber die Danziger schrien Hurrah!
Versprechungen sind billig. Aber was die Nationalsozialisten in Danzig geleistet haben, ist imposant. Seitdem Danzig Freie Stadt ist, haben seine Streitigkeiten mit Polen den Völkerbundsrat 259mal beschäftigt. Als die Nationalsozialisten die Regierungsgewalt übernahmen, gab es noch vierunddreißig unerledigte Streitfragen zwischen der Stadt und Polen. Die zehn wichtigsten dieser Differenzen sind bereits beigelegt.
Bevor die Nationalsozialisten an der Macht waren, erklärten sie in der Wahlpropaganda auf Flugblättern: »Der Kampf um die Wiedereingliederung Danzigs in das Deutsche Vaterland ist seinem Ende nahe. Der Sieg ist in unseren Händen.« Als der nationalsozialistische Führer an der Macht war und die Geschicke der Stadt leitete, eilte er nach Warschau und versicherte den Polen, Danzig wünsche vor allem anderen den Frieden und dauernd gute Beziehungen mit Polen.
»Ich halte ein gutes Einvernehmen«, erklärte Dr. Rauschning, »und darunter verstehe ich ein endgültiges, dauerndes gutes Einvernehmen zwischen Danzig und Polen, für durchaus möglich. Der Krieg ist nicht mehr, wie es einmal schien, unvermeidlich. Wir Nationalsozialisten wissen, daß ein Krieg nichts Nutzbringendes ist.«
»Ja, aber das wußte man 1914 auch.«
»Richtig, aber damals wußten es nur wenige Menschen, und heute weiß es jeder, der eine verantwortliche Stellung und Machtvollkommenheit hat. Ich kann mir vorstellen, daß die politischen und wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Deutschland und Polen so eng und so freundschaftlich werden könnten, daß die Gebiets- und die Grenzfrage aufhören von Interesse zu sein. Damit will ich nicht sagen, daß wir auf den Korridor verzichten oder unsere Hoffnung auf die Wiedervereinigung Danzigs mit dem Reich aufgeben könnten, aber ich kann mir eines sehr wohl denken: wenn diese Fragen auf eine Reihe von Jahren zurückgestellt und nicht mehr diskutiert würden, könnte sich sehr leicht die Möglichkeit ergeben, daß sie nach Ablauf dieses Zeitraums gar keine Streitfragen mehr wären.«
»An wie viele Jahre denken Sie? Würden Ihnen zehn Jahre als Dauer eines solchen Waffenstillstandes als möglich erscheinen?«
»Ja«, antwortete Dr. Rauschning mit einem gewinnend aufrichtigen Ausdruck. »Zehn Jahre.«
Die Zahl, die der Senatspräsident nannte, stimmt genau überein mit der Zeitdauer, zu der sich Hitler für seinen Nichtangriffspakt mit Polen entschlossen hat. Im Danzig Hitlers stimmt alles mit dem Deutschland Hitlers überein. Wenn, in den Zeiten vor Hitler, Brüning einen Nichtangriffspakt mit Polen abgeschlossen hätte, wäre er von Danzig als Verräter verflucht worden. Heute hat Hitler einen Waffenstillstand zwischen Danzig und Warschau anbefohlen. Der Waffenstillstand ist in Kraft. Seine Lehre für Europa ist: Hitler kann den Frieden erhalten, wenn er will.
Niemand hat je geglaubt, daß er seine Sturmabteilungen in Danzig in der Hand behalten könnte. Aber sie gehorchten ihm mit solcher Disziplin, daß heute neutrale Beobachter erklären, Danzig sei eine der bestgeordneten Städte der Welt.
Der Waffenstillstand zwischen Danzig und Warschau mag ein von taktischen Gründen diktierter Waffenstillstand sein, der Hitler Zeit zum Wiederaufrüsten gewährt. Aber er bedeutet mindestens für eine Reihe von Jahren Frieden in diesem Winkel der europäischen Wahlstatt.
Die erste Station der Europa-Reise zur Beantwortung der Frage »Kommt Krieg?« bringt die Antwort: »Nein.«
Polen wird niemals den Korridor an Deutschland ausliefern. Heute hat Deutschland einen Waffenstillstand mit Polen. Aber wenn Deutschland dauernden Frieden mit Polen wünscht, wird es seine Ansprüche auf den Korridor aufgeben müssen. Wenn Deutschland den Korridor wünscht, wird es Polen besiegen müssen, um ihn zu bekommen.
Das ist zur Zeit der stärkste Eindruck, den man bei einem Besuch in der bemerkenswertesten Stadt Europas gewinnt. Diese Stadt, inmitten jenes Korridors gelegen, der seit fünfzehn Jahren allgemein als sichere Ursache des künftigen Krieges gilt, ist die einzige in Europa, die nicht von der Depression erfaßt ist, die einzige, wo mit halsbrecherischer Geschwindigkeit gebaut wird, wo der Verkehr dröhnt und die Geschäfte blühen. Und diese Stadt existierte nicht einmal, als der Korridor geschaffen wurde.
Es ist die jüngste Stadt in Europa. Sie ist der jüngste Hafen der Welt. Und schon hat er ein Dutzend großer von Alters her berühmter Häfen überflügelt.
Abgesehen von Männern der Schiffahrt und Politikern kennen heute wenige Menschen außerhalb Polens auch nur den Namen dieses merkwürdigen Ortes. Auf polnisch heißt er Gdynia. Auf deutsch Gdingen. Vor zehn Jahren wohnten hier einige hundert Fischer an der Küste, und sogar Polen und Politiker wußten nicht das geringste von dem Küstennest.
Heute steht auf der Spitze einer Klippe im Osten der Stadt ein gewaltiges Kreuz, das nachts weithin das funkelnde Licht elektrischer Lampen aussendet. Es erstrahlt über einer Stadt mit 47 000 Einwohnern. Es schimmert über einem Hafen, in dem heute mehr Güter umgeschlagen werden als in Amsterdam oder Kopenhagen, als in Le Havre oder Bordeaux, mehr als in Bremen oder Stockholm, als in Stettin oder Danzig.
Wo jetzt dieses elektrische Kreuz steht, wird ein großer Dom gebaut werden. Für Polen wird dieser Dom das Allerheiligste der Nation sein. Denn Gdingen ist die einzige Stadt, die im neuen Polen geboren ist. Polen, das nicht reich ist, hat mehr als 100 Millionen Dollar Gold für Gdingen ausgegeben. Aber das ist noch nicht einmal ein Bruchteil dessen, was Gdingen für Polen bedeutet.
Gdingen bedeutet die Entschlossenheit Polens, aus dem neugeschaffenen Land wirtschaftlich einen Erfolg zu machen. Es bedeutet Polens festen Willen, sich seinen Zugang zur See zu wahren. Vor allem aber bedeutet es die Absicht Polens, den Korridor zu behalten, jedem Polen auch nur den leisesten Gedanken auf einen Verzicht darauf unmöglich zu machen.
Als der polnische Korridor vor fünfzehn Jahren von deutschen in polnische Hände überging, geschah dies, weil Wilson sich damit einverstanden erklärte, daß Polen einen Zugang zur See haben sollte. Die Tschechoslowakei besaß keinen solchen Zugang. Die Tschechoslowakei benutzte die Häfen anderer Länder, und sie hat keinen Schaden davon gehabt. Es gibt eine ganze Menge von Argumenten, mit denen sich beweisen ließe, daß das unlösbarste Problem Europas nicht entstanden wäre, wenn man den Korridor niemals aus Deutschland herausgeschnitten hätte. Mit der Schaffung des Korridors wurde eine existierende Situation über den Haufen geworfen. Sie wurde die Ursache zu Deutschlands Hauptbeschwerde. Auch bevor Hitler zur Macht kam, gab es von den Kommunisten bis zu den Nationalsozialisten nicht einen Deutschen, der nicht schwor, früher oder später müßte der Korridor zu Deutschland zurückkommen.
Denn ohne den Korridor, erklärten die Deutschen, können wir nicht leben. Er schneidet Ostpreußen vom Reich ab. Er trennt ein Glied von unserem Leib.
Das alles war vor fünfzehn Jahren richtig. Wenn man heute auf der Klippe steht, die Gdingen überragt, muß man die Beobachtung machen, daß eine gewaltige Wandlung vor sich gegangen ist. Die Deutschen wanderten aus dem Korridor ab, als er polnisch wurde. Statistiken der Deutschen selbst besagen, daß rund neunhunderttausend Deutsche zum Teil von den Polen aus Polen ausgewiesen, zum Teil von Deutschland herausgeholt wurden, und zwar recht viele davon aus dem Korridor selbst. So ist, was einst der Bevölkerung nach deutsch war, jetzt polnisch geworden.
Und hier, wo vor zehn Jahren ein paar Fischer ihre Netze auswarfen, ist ein großer polnischer Hafen entstanden. Über ihn gehen vierunddreißig Prozent des gesamten polnischen Außenhandels.
Heute transportieren die Polen durch den Korridor in nordsüdlicher Richtung nach Gdingen und Danzig zwölf Millionen Tonnen Waren im Jahr. Das sind rund siebzig Prozent des gesamten polnischen Außenhandels. Und Deutschland transportiert quer durch den Korridor in ostwestlicher Richtung zwischen Reich und Ostpreußen nur zwei Millionen Tonnen im Jahr.
Damit haben die Polen heute eine ganz neue Situation geschaffen. Sie haben die Tatsachen geschaffen für die Beweisführung, daß der Schaden Polens größer wäre als der Gewinn Deutschlands, wenn der Korridor heute an Deutschland zurückfiele.
Aber das sind bloß die wirtschaftlichen Überlegungen. Polen sieht heute im Korridor noch etwas ganz anderes. Polen ist ein neuer Staat, herausgeschnitten aus Rußland, Deutschland und Österreich-Ungarn. Es mußte jeden Augenblick bereit sein, um seine Existenz zu kämpfen. Einen Krieg hat es bereits geführt und gewonnen, den gegen Rußland. Militärische Überlegungen müssen für Polen von größerer Bedeutung sein als für viele andere Länder.
Militärische Überlegungen bringen Warschau zu dem unerschütterlichen Entschluß, den Korridor zu behalten und Gdingen weiter auszubauen. Als im Jahre 1919 der Krieg mit Rußland ausbrach, streikten in Danzig deutsche Arbeiter und weigerten sich, Munition für Polen zu verladen. Sie sympathisierten mit den Roten. Dies war einer der Gründe dafür, daß Polen sich, sowie es sich vom Krieg erholt hatte, dazu entschloß, sich einen eigenen Hafen zu bauen.
Ein Blick auf die Karte zeigt einem einen weiteren zwingenden militärischen Grund, weshalb Polen den Wunsch hat, daß der Korridor nicht an Deutschland zurückkomme. Die Grenze Ostpreußens ist nur 110 bis 120 Kilometer von Warschau entfernt, eine Strecke, die ein rasches Bombenflugzeug in weniger als dreißig Minuten zurücklegt. Wenn Deutschland nun heute, wie ein scharfsinniger Pole bemerkte, den Wunsch verspüren sollte, zum Zweck eines Überraschungsangriffes auf Warschau Truppen nach Ostpreußen zu werfen, müßte es das auf dem Seeweg tun. Schiffstransporte sind leicht zu beobachten. Es wäre dann schwer, Warschau im Schlaf zu überraschen. Hätte aber Deutschland den Korridor wieder, so könnte es insgeheim so viel Truppen, wie es nur wollte, durch den Korridor an die ostpreußische Grenze, einen Katzensprung von Warschau, schaffen.
Aus allen diesen Gründen ist Polen heute unerschütterlich entschlossen, den Korridor zu behalten. Polen ist überzeugt davon, daß eine Aufgabe des Korridors nichts anderes bedeuten würde als eine Aufforderung zu einer neuen Zerstückelung, zu einer neuen Teilung, und damit den Tod des polnischen Staates.
Heute aber ist das Panorama Gdingens die beste Propaganda für Polen. Da unter uns ragen in die stahlgrauen Gewässer der Ostsee mehr als drei Kilometer lange Wellenbrecher hinaus. Zehn Kilometer lange Quais sind von Magazinen gesäumt, die einen Flächenraum von 122 000 Quadratmetern einnehmen.
Fünfzig Schiffe sind heute in Gdingen gedockt, und in dem alten Hafen von Danzig lagen gestern nur acht Schiffe. Danzig ist als Hafen siebenhundert Jahre alt. Gdingen ist zehn Jahre alt. Im vergangenen Frühjahr war der Warenumschlag Gdingens zum erstenmal größer als der Danzigs.
Wir gingen zum Hafen hinunter. Eisenbahngeleise durchziehen die Stadt in einem dichten Netz, auf dem der Verkehr niemals abreißt. In dem neuen Personenbahnhof hält ein Güterzug mit einer funkelnden stählernen Laufplanke, die frisch aus einer polnischen Fabrik kommt. In den letzten fünf Jahren sind jährlich 20 000 Passagiere im Hafen angekommen und abgereist. Im Jahre 1924 wagten sich 29 Schiffe in den jungen Hafen. 1932 fuhren 3610 Schiffe in Gdingen ein und aus. Im Jahr 1924 hatte der Hafen einen Gesamtumschlag von 10 167 Tonnen; 1933 betrug er mehr als sechs Millionen Tonnen. Das heißt, daß von allen großen Häfen des Kontinents nur Rotterdam, Antwerpen, Hamburg und Marseille einen größeren Verkehr aufzuweisen haben. Mehr als eine Million Tonnen jährlich kommen auf polnischen Schiffen durch Gdingen.
Man muß Gdingen mit eigenen Augen gesehen haben, um fest davon überzeugt zu sein, daß Polen den Korridor niemals ohne Kampf aufgeben wird. Jetzt haben die Deutschen versprochen, nicht gegen die Polen zu kämpfen. Sie sprechen noch davon, Gdingen zu kaufen und Polen für die Rückgabe dieses Korridors an Deutschland einen Korridor durch das Memelgebiet zu geben. Dies mag einer der deutschen Hintergedanken beim Abschluß des Nichtangriffspaktes mit Polen gewesen sein. Aber wenn man Gdingen gesehen hat, weiß man, daß ein solches Tauschgeschäft unmöglich ist.
Bei der Untersuchung der Frage »Kommt Krieg?« spielt der polnische Korridor eine eminent wichtige Rolle. In diesem Augenblick muß man sagen: wenn Deutschland hinsichtlich der Notwendigkeit, den Korridor wieder zu gewinnen, ebenso gesonnen wäre wie früher, würde der Krieg hier eines Tages unvermeidlich sein. Aber Deutschland ist nicht mehr so gesonnen. Das hat Danzig bewiesen. In Warschau ist vielleicht die Antwort auf die Frage zu finden, ob ein Krieg wegen des Korridors lediglich hinausgeschoben ist, und wenn, auf wie lange, oder ob sich nicht schließlich herausstellt, daß Hitler sich auch hier als Friedensstifter erweist.
An der polnisch-russischen Grenze. Helle Flammendolche aus den Mündungen bolschewistischer Gewehre stechen in die Dämmerung. Dunkle Gestalten springen auf, laufen vor, werfen sich wieder zu Boden, und bei jedem Hingekauerten blitzt ein Schuß auf. Die rote Armee geht auf eine polnische Grenzbefestigung vor.
Plötzlich sprengt aus dem niedrigen schwarzen Kieferngehölz drüben auf der linken Seite eine Schwadron polnische Kavallerie hervor. In voller Karriere fegt sie über die Ebene. Säbel blinken im Mondschein, holen aus, hauen zu, und die Schreie von zweihundert erregten Reitern sagen uns, daß der rote Angriff mißlungen ist.
Die Übung ist vorüber. In langsamem Reisetrab begleiten wir die Schwadron zurück zu ihrem Quartier. »Oho!« lacht der polnische Rittmeister. »Die Russen sollen's nur probieren. Wir machen Gulasch aus ihnen!«
Das war vor vier Jahren an der polnisch-russischen Grenze. Bloß eine kleine Unterhaltung für die Truppen, ein Scheingefecht, aber für den ausländischen Beobachter überaus instruktiv im Hinblick auf die gefährlich gespannten Beziehungen, die damals zwischen den beiden großen slawischen Völkern bestanden.
