Komplexität & Kontrolle - Konrad Obermann - E-Book

Komplexität & Kontrolle E-Book

Konrad Obermann

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Beschreibung

Priorität ist uns das Anliegen, davon weg zu kommen, Dinge als >>richtig<< und >>falsch<< zu klassifizieren und anstelle dessen eine kontinuierliche, asymptotisch verlaufende Suche nach der >>idealen<< Lösung im Sinne des höchst möglichen Maßes an Funktionalität zu setzen, d.h. der besten Lösung unter gegebenen Umständen verbunden mit der Bereitschaft zur Anpassung. [...] Das Buch soll stimulieren und einen Beitrag zu einer weitgehend vorurteilsfreien Diskussion liefern. Im Zentrum steht die Bemühung, sich von eigener Betroffenheit zu lösen, alles auf den paradigmatischen Prüfstand zu stellen und damit gegebenenfalls zunächst auch keine gängige Erwartungshaltung [...] bedienen zu wollen.

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Seitenzahl: 277

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Inhalt

Vorwort

Das Ende der Aufklärung: Der verwirrte Mensch

James Bond und die Mondlandung als Ende der Aufklärung

Nach der Aufklärung: Digitalisierung

Vom digitalen Bruch zum Mythos 2.0

Kontingenz und Moral

Mensch und Welt: Kontrollverlust und Erschöpfung

Das Gleichzeitigkeitsphänomen

Mensch und Wirklichkeit

Paradigma, Wirklichkeit und Mythos in einer komplexen Welt

Perspektive und Widerstand: Denken in Paradigmen

Von der Schwierigkeit des Wandelns

Kontingenz versus Beliebigkeit

Wirklichkeit sehen und mit Paradigmen arbeiten

Einsicht und unaufgeregte Haltung

Selbstvergewisserung in der Spontanität

Wahlverhalten und Quellenkritik

Fünf Schritte zur Komplexitätsreduktion – eine Annäherung zwischen unzulässiger Simplifizierung und handlungshemmender Analyse

Mythisches Staunen 2.0

Vorwort

Es gibt verschiedene Gründe für dieses Buch.

Erstens stellt sich in unserer täglichen Arbeit mit Studierenden immer wieder ein Staunen ein über das Fehlen übergeordneter und ordnender Urteilskraft, gekoppelt mit erstaunlichen sozialen Kompetenzen und der Fähigkeit, sehr rasch mit gewisser Tiefe in ein Thema einzudringen und darüber vorzutragen. Die initiale Faktensammlung wird vielfach nicht in einen Wissenskontext und eine konsequente Ableitung im Sinne einer Problemlösung gestellt.

Zweitens beobachten wir einen öffentlichen Diskurs über wichtige soziale Themen (digitaler Wandel, Erziehung mit neuen Medien, Demographie, Einwanderung, Arbeitswelt, um wichtige Bereiche zu nennen), der sich oftmals durch Theoriefreiheit, klagende Grundhaltung und grundsätzlich negative Konnotation auszeichnet.

Drittens schließlich haben wir den Eindruck, dass es zu einer Verwirrung hinsichtlich Ursache und Wirkung, also von unabhängiger und abhängiger Variablen, kommt, was offensichtlich aus einem vielfach dysfunktionalen Grundverständnis von ubiquitärer Monokausalität herrührt.

Wir vermuten, dass diese drei Phänomene eine gemeinsame Ursache haben: Die Explosion von Wissen, Komplexität und Möglichkeiten durch die Digitalisierung weiter – wenn nicht aller – Lebensbereiche. Welche zwischenmenschliche Interaktion ist heute vorstellbar, bei der nicht mittelbar oder unmittelbar ein Computer involviert ist?

Wir beide lehren und forschen an Hochschulen und bislang ist die Lehre ein Bereich, der vergleichsweise wenig digital ist (wenngleich wir ohne Powerpoint und Beamer doch erheblich umdisponieren müssten). Aber auch hier stehen massive Änderungen an: von den „massive open online courses“ über „blended learning“ und die Nutzung exzellenter Weblogs und Internet-Repositorien zu bestimmten Themen. Insofern müssen wir uns schon fragen, welche Rolle ein Hochschullehrer in 20 oder auch schon zehn Jahren übernehmen sollte.

Von dem umfassenden Wandel der „digitalen Moderne“ und seinen tektonischen Verwerfungen gehen – wie immer – neue Möglichkeiten und eben auch unerwünschte Änderungen aus. Natürlich gilt, dass nur weil eine technische (hier: digitale) Möglichkeit vorhanden ist, diese nicht auch zwangsläufig genutzt werden muss. Aber der Mensch ist in seiner biologischen Verfasstheit wahrscheinlich strukturell begrenzungsunfähig und folgt dem Diktum des Bergsteigers (auf die Frage, warum er denn den Berg besteige): Weil er da ist.

Ähnlich ein Ausspruch Frank Schirrmachers, er sei nicht gegen das Internet, er sei ja auch nicht gegen das Wetter – und dieser Satz stammt aus dem Jahr 2007, dem Jahr, in dem das iPhone auf den Markt kam.1

Es gibt keine den neuen Medien und Technologien inhärente Verbesserungsfunktion.2 Niemand hat behauptet, das Smartphone spare Zeit. Der Name impliziert, es mache seinen Nutzer pfiffiger, aber auch das ist natürlich fraglich. Wenn also moniert wird, neue Technologien würden Zeit stehlen, dann drückt dies ein fundamentales Missverständnis darüber aus, wofür denn neue Technologien stehen können.

Neben der Technologie ist die Bildung nicht im Sinne der ökonomischen Effizienz und Optimierung zu betrachten, sondern im Sinne einer qualitativen Erweiterung im Umgang mit Daten und Informationen als Ermöglichung für Verstehen, neue Formen von Interaktion und daraus folgend Geschäftsmodelle wie aber auch schlicht Unterhaltung und Zerstreuung im weitesten Sinne der „Ermöglichung“ (Amartya Sen spricht hier von „capabilities“3).

Ganz zentral ist uns das Anliegen, davon weg zu kommen, Dinge als „richtig“ und „falsch“ zu klassifizieren und anstelle dessen eine kontinuierliche, asymptotisch verlaufende Suche nach der „idealen“ (im Sinne von: am meisten funktionalen) Lösung zu setzen, d. h. der besten Lösung unter gegebenen Umständen verbunden mit der Bereitschaft zur Anpassung. Gleichzeitig muss aber auch die Bereitschaft gegeben sein, diese Lösung wieder rasch zu verwerfen, wenn sich Umstände ändern, mehr Informationen vorliegen oder es neue Technologien gibt. Um ein Beispiel zu geben: die Diskussion über „es gibt zu wenig Geburten in Deutschland“4. Wer definiert das? Warum ist das so definiert? Welche Interessen und Machtkonstellationen stehen dahinter, wenn ein solcher Satz fällt? Worum geht es eigentlich?

Unsere Abhandlung erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Wir orientieren uns an Walter Benjamins Form des Traktats.5 Also keine logisch abgeschlossene umfassende Abhandlung, sondern ein facettenreicher Diskurs, anregend, aber nicht abschließend. Das Buch soll stimulieren und einen Beitrag zu einer (weitgehend) vorurteilsfreien Diskussion liefern. Wir haben uns bemüht, uns von unserer eigenen Betroffenheit zu lösen, alles auf den paradigmatischen Prüfstand zu stellen und zunächst einmal keine gängige Erwartungshaltung (der akademischen Welt) zu bedienen.

Vieles wollen (und können) wir hier nicht behandeln: Die Dystopie im digitalen Zeitalter, Fragen der Macht und damit eng verknüpft der Institutionen, Auswirkungen auf die Demokratie und den Einfluss von digitaler Währung und Bargeldlosigkeit auf geschäftliche Interaktionen wie auch den Kampf gegen das organisierte Verbrechen – große Themen, die eigener Untersuchungen bedürfen. Daraus ergibt sich automatisch, dass die vorliegende Einlassung als Denkanstoß und nicht als abgeschlossenen Ausarbeitung zu verstehen ist.

1 Vgl. Schirrmacher (2007)

2 Vgl. Lobo (2016)

3 Vgl. Sen (1987, 2002, 2010)

4 Vgl. zu niedriger Geburtenrate in Deutschland BiB (2012), Nave-Herz (2004), Gebel/Giesecke (2009)

5 Vgl. Benjamin (1925, 1983) und im Detail Lehr (2000).

1. Das Ende der Aufklärung: Der verwirrte Mensch

Reflektiert man die heutige Management- und Führungsliteratur6 bzw. Aufsätze, Publikationen und Vorträge zum Thema der Gestaltung von Organisationen, Betrieben und Strukturen in der modernen Welt, so fallen immer wieder Begriffe wie Globalisierung, Dynamisierung und steigende Komplexität. Es stellt sich die Frage, an welcher Stelle der philosophischen und perzeptorischen Entwicklung im Sinne der Wahrnehmung von Wirklichkeit sich derartige Diskussion derzeit befindet und welche Ableitungen daraus für die Handlungen von Institutionen, Unternehmen und Führungskräften, aber auch von Politikern und Verantwortungsträgern im öffentlichen Leben abgeleitet werden können.

Historische Rückgriffe auf die Ursprünge und Traditionen der immer noch vorrangig in vielen wissenschaftlichen und pragmatischen Modellen und Theorien abgebildeten Denk- und Handlungslogik der heutigen Diskussionen um den Fortschritt führen in der Regel in einer direkten Linie zu den Ansätzen und Vorstellungen der Aufklärung. Zentrales Momentum der Aufklärung und der sich daraus entspinnenden Entwicklung der modernen Welt – inklusive der Industrialisierung, der Technisierung und in Teilen auch der Globalisierung – ist die Vorstellung des Fortschrittgedankens auf Basis der menschlichen Erkenntnismöglichkeiten sowohl in technologischer, aber auch in philosophisch-soziologischer Hinsicht. Aufklärung bedeutet zunächst und vor allem anderen die Vorstellung davon, dass es dem Menschen gelingen kann, durch eigene Erkenntnis Strukturen zu entwickeln, die das Leben in der grundsätzlichen Betrachtung „verbessern“ und damit in einen „höheren“ Entwicklungszustand bringen können. Begleitet beispielsweise durch die teleologischen Grundüberzeugungen der Evolutionstheorie7 und der vielfach vertretenen Logik der Geschichtsentwicklung im Sinne epochaler Veränderungen und Umbrüche, die immer wieder zu Verbesserungen oder zumindest einer Optimierung geführt haben8, ergibt sich hier eine Denktradition, die davon ausgeht, dass menschliches bewusstes Denken, Reflektieren und Handeln zu einem Wissensvorrat führt, der es ermöglicht, Lebensumstände wenn nicht zu erzeugen, so aber doch relevant zu beeinflussen, so dass sich hieraus ein sinnhaftes und besseres Lebensumfeld ergibt. Technik, Wissen und Philosophie sind Instrumente, die dazu beitragen können, die Welt in ihrer Gesamtausgestaltung durch den Verstehens- und Wissensprozess beherrschbar(er) zu machen und in eine abhängige Variable der menschlichen Kompetenz zu überführen.

Die Frage, an welchem Punkt eine solche Entwicklung ein potentielles Ende finden kann bzw. ob eine solche Entwicklung infinit in der Progression vorstellbar ist und wie eine solche Entwicklung aussehen kann, ist angesichts der sich in vergangenen Jahrzehnten abzeichnenden eruptiven Veränderungen der modernen bzw. eher postmodernen Welt als kritisch zu sehen und ist auch in der Diskussion so gewürdigt worden.9 Die Aufklärung, wenngleich sie auch keine wirklich philosophische Grundrichtung repräsentiert, ist in ihrer Begrifflichkeit und Denkbewegung aber immer auch verhaftet geblieben in der klassischen griechischabendländischen Philosophie10 und den mit ihr verbundenen Modellen und Figuren. Dies impliziert auch, dass in der Wahrnehmung von Welt und Wirklichkeit transiente Strukturen möglicherweise vordiskursiv als gesetzt angenommen wurden und werden und sich damit die aus der griechischen Philosophie bekannten Ideen der Metaphysik und des Sichentwickelns bzw. Sichabarbeitens der Welt an vorhandenen Ideal- und Zielzuständen ableiten. Dies erklärt den pädagogischen Grundgedanken der Aufklärung im Sinne einer permanenten Verbesserung hin auf ein ideell vorgestelltes bestes Bild der möglichen Welt. Dem liegt zumindest implizit immer auch die Vorstellung zu Grunde, dass es diese beste Welt und für Einzelprobleme dementsprechend abgeleitet auch die einzelne beste Lösung gibt, für die es sich lohnt, einen hohen Einsatz zu erbringen, um eine möglicherweise auch nur marginale Verbesserung in Richtung eines Optimums zu erreichen. Letztlich entspricht dies der Monadenlehre von Leibniz, der davon ausgeht, dass der Einzelne als Monade („Einheit“) sich seiner eigenen teleologischen Bestimmung gemäß auf sein Wesen hin zu entwickeln hat.11

Es ergibt sich somit notwendigerweise eine Perspektive für das Verständnis von Geschichte und Entwicklung, die eine kausalstrukturierte und in sich stimmige Entwicklung über verschiedene Epochen hinterlegt und ausgehend von den Möglichkeiten des Menschen das Potential sieht, die Welt zu einem Besseren und zu einer zumindest asymptotisch voranschreitenden Näherung zum angenommenen Optimum zu bringen. Wird ein Optimum als vorhanden angenommen und anerkannt, bedeutet dies immer auch, dass es Ideen, Vorschläge und Wege in der Entwicklung gibt, die von diesem Optimum abweichen und damit als nicht so wertvoll zu betrachten sind wie die, die auf das Optimum hinweisen. Dies führt zu einer Logik von „richtigen“ oder „falschen“ Entwicklungen. Der aufklärerischen Gesamtsicht auf die Dinge ist mithin auch immer eine Wertung im Sinne des Abgleichens und des Abweichens vom gedachten Optimum inhärent. Aus einer solchen Wertung heraus resultiert dann in Verbindung mit der angenommenen Kausalität der Entwicklung und Verbesserung ein strukturell sehr stringentes Ursache-Wirkungs-Verständnis, das sich einerseits in dem ingenieurmäßigen Denken des Ursache-Wirkungs-Prinzips auf monokausale Weise und andererseits auch in den moralisch-philosophischen Diskussionen nach dem richtigen Leben wiederfindet.

Ein Gutteil der aktuellen Verunsicherung und Irritation in der Debatte um die Frage des Fortschritts in der Welt kommt zu ganz wesentlichen Teilen daher, dass die oben beschriebenen metaphysischen Grundfesten der hier kurz skizzierten abendländischen Denktradition auf Grund der Lebenserfahrungen in einer modernen/postmodernen Lebenswirklichkeit deutlich in Frage gestellt werden. Das klassisch-metaphysische Verständnis des Lebens als fortschreitender Prozess der Erkenntnis idealtypisch gesetzter Zusammenhänge und als eine in sich auch auf der idealbiographischen Ebene zu sehende teleologische Idee, die auf Erkenntnisfortschritt im Sinne von Annäherung an ein Gesamtverständnis der Welt zielt – wird durch die aktuellen Lebens- und Wirklichkeitserfahrungen der steigenden Dynamisierung und Komplexität in einem erheblichen Maße gestört12.

Die unstrittigen Vorteile eines metaphysisch orientierten Denkansatzes sind in der Orientierungsfunktionalität von moralischen Werten und der damit einhergehenden Sinnhaftigkeit von Leben und Existenz zu sehen. Der dieser Denkbewegung innewohnende ethische Aufforderungscharakter des „man sollte“13 ist immer noch zentraler Bestandteil der meisten aktuellen Diskussionen mit ethischen bzw. moralischen Implikationen. Die Annahme von sozusagen „richtigen“ und die Abbildung von entsprechend „falschen“ Ansätzen führen nach wie vor zu strukturellen, ideologisch motivierten Diskussionen und findet in nahezu allen Lebensbereichen Widerhall. Durch die normative Kraft der tatsächlichen Lebenswirklichkeiten wird diese Struktur allerdings zunehmend in Frage gestellt. Hier mag die aktuelle Diskussion der Kirchen zum Thema der Homosexualität14 als Beispiel dienen, aber auch die Diskussionen über die Frage der Sinnhaftigkeit und der Richtigkeit des Verständnisses davon, dass Wachstum einerseits eine notwendige Voraussetzung für ökonomischen Erfolg eines Makrosystems15, aber auch der darin agierenden Mikrosysteme darstellt und gleichzeitig als Grundlage für ein überhaupt lebenswertes Leben in einem modernen ökologischen und ökonomischen Gesamtsystem gilt.

Exkurs: „Overshoot and kill“ aus der Systembiologie

Das Phänomen des selbstbegrenzenden Wachstums innerhalb der Natur ist aus der Systembiologie bekannt. Unter dem Phänomen „overshoot and kill“ kann man den regelmäßig wiederkehrend zu beobachtenden Verlauf von übermäßigen Wachstum und sich anschließender schubartiger Verkleinerung bzw. Verringerung von Populationen zusammenfassen. Das unbegrenzte Wachstum geht zu Lasten des Gesamtökosystems, innerhalb dessen es stattfindet, und wirkt deshalb in der Folge kontraproduktiv. Dies trifft auch dann zu, wenn das wachsende Phänomen (siehe untenstehendes Beispiel) an sich für das Gesamtsystem als vorteilhaft anzusehen ist. Grundsätzlich kann hieraus abgeleitet werden, dass unbegrenztes Wachstum in komplexen Systemen zwar nicht notwendigerweise linear zu schweren Systemstörungen im Sinne eines „overshoot and kill“ führen muss, mit einer hohen Wahrscheinlichkeit aber eine Dysbalance des Gesamtsystems bzw. eine Störung des Kontextsystems zu erwarten ist.

Die „Fish and Wildlife Administration“ der Vereinigten Staaten setzte Anfang des 20. Jahrhunderts Rentiere auf den Aleuten aus, die dabei helfen sollten, die Proteinversorgung der Bevölkerung auf den Inseln vor Alaska sicher zu stellen. Die Rentier-Herden wuchsen auf diesen Inseln exponentiell an – im Wesentlichen genauso wie die menschliche Bevölkerung – bis sie alles gegessen hatten und sich dann die Tierpopulation dramatisch reduzierte16.

Abbildung: „Overshoot and kill“ in einer Rentier-Population 1910–1950 (nach Pianka o.J.)

6 Vgl. (Dombrowski 2009), (Glazinski/Schulte-Mathmann 2006), (Dillerup/Stoi 2016), (Wolf 2013)

7 Vgl. (Darwin 2013)

8 Vgl. Theorien zur Entwicklung von Gesellschaften bzw. Geschichtsentwicklung (Spengler 2007), (Eisenstadt 2000), (Giddens 1997), (Luhmann 1980), (Parsons 1975)

9 Vgl. (Fukuyama 2006)

10 Vgl. (Plato 2001), (Aristoteles 2010), (Schäfer 2013)

11 Vgl. (Busche 2009)

12 Vgl. (Baumann 2003), (Beck/Beck-Gernsheim 1994), (Beck-Gernsheim 1997), (Gross 1994), (Simmel 2006), (Luhmann 2009)

13 Vgl. zum Positivismusstreit Positionen von Vertretern des Kritischen Rationalismus (Albert/Topitsch 1971), ,(Albert 1980), und der Frankfurter Schule (Adorno 1976), (Habermas 1979) sowie zum Werturteilsstreit Positionen von (Weber 1988), (Schmoller 1998), (Sombart 1910) und zur Übersicht (Glaeser 2014)

14 Vgl.(Shore-Goss 2013), (Burster/Wölfle 2012),(Krohn 2011)

15 Vgl. zu Wachstumstheorie (Keynes 2009) und Literatur zur Postwachstumstheorie (Paech 2005, 2012, 2013) und (AG Postwachstum 2016)

16 Vgl. Eric R. Pianka: „The Vanishing Book of Life on Earth“

(verfügbar unter: http://www.zo.utexas.edu/courses/THOC/VanishingBook.html) und zur These eines „Gesundschrumpfens“ der Bevölkerung (Klingholz 2014)

2. James Bond und die Mondlandung als Ende der Aufklärung

Die Mondlandung im Jahr 1969 kann hier als Repräsentant der maximalen Ausprägung analoger Kompetenz mit dem gleichzeitig unwahrscheinlichen Erlebnischarakter des Vollbringens einer noch wenige Jahrzehnte zuvor kaum vorstellbaren Leistung verstanden werden. Gleichzeitig bedeutet die Mondlandung ebenso wie die Idee der James Bond-Filme, dass es zum einen für alles technische Lösungen gibt und zum anderen, dass der Einsatz dieser Technik getragen sein muss von Systemen, die sich im Guten der Welt widmen und damit gegen die Mächte des Bösen zu obsiegen haben. In diesem Sinne ist über viele Jahrzehnte die Mondlandung auch als Sieg der freien Welt und freien Wirtschaft über die Idee der Planbarkeit sozialistisch-kommunistischer Systeme im wissenschaftlichen Sinne verstanden worden17. Die Kraft der Wirksamkeit aus dem Erleben bspw. einer Mondlandung heraus auf analoger Basis hat in vielen westlichen Volkswirtschaften und Sozialsystemen auch dazu geführt, dass sich eine Idee der Planbarkeit im Sinne der Machbarkeit von Glück und Wohlbefinden innerhalb der Gesellschaft strukturiert im Sinne eines Ursache-Wirkungsprozesses entwickelt und als unabhängiges Ordnungsinstrument in die Welt gebracht werden kann.18

Ein anschauliches Beispiel hierfür findet sich im so genannten Leber-Plan der Bundesrepublik Deutschland aus den Jahre 1968–1972. Benannt nach dem damaligen Bundesverkehrsminister Georg Leber zielte dieser Plan insbesondere darauf ab, die sozioökonomischen Umfeldfaktoren der sich ausdifferenzierenden Bonner Republik positiv zu gestalten, um im Gedanken-Kontext der Gleichberechtigung und Chancengleichheit eine für alle Menschen barrierefreie und im öffentlichen Raum gleichermaßen zugängliche Welt zu schaffen. In der Überzeugung, dass hier eine gewollte und geplante Form der Umweltgestaltung aus einer abstrakten Ursache-Wirkungs-Logik heraus entworfen werden kann, kam es zum oben genannten Leber-Plan. Dieser befasste sich unter anderem mit dem Bau von Schnellstraßen und Autobahnen in einem systematischen Planungsvorgang, der darauf abzielte, eine flächendeckende gleichmäßige Zugänglichkeit aller relevanten sozialen Knotenpunkte für die Bevölkerung der Bundesrepublik Deutschland sicher zu stellen. Sichtbare Auswirkungen dieses Planes waren die für viele Jahre und in Teilen auch heute noch vorhandenen vorgefertigten Brückenbauelemente, die teilweise ohne Anschluss an entsprechende Straßennetze in der Landschaft an von der Planung identifizierten relevanten Verkehrspunkten erstellt worden sind, ohne jedoch jemals Eingang in die tatsächliche Verkehrsnutzung gefunden zu haben.

Begleitet und gefördert wurde diese Sicht der Dinge im wesentlichen Maße sicherlich auch durch die sich exponentiell zum Ende der analogen Technologie hin beschleunigenden Erfolgsprozesse19. Diese haben im Rahmen der beginnenden massenmedialen Kommunikation eine Wahrnehmungsintensität und Verbreitung erhalten, welche ein Novum in der Geschichte der Menschheit darstellen. Entsprechend wurden auch in der Gesundheitspolitik über Impfpläne, Strukturmaßnahmen etc. erhebliche Fortschritte bei der Bekämpfung chronischer Krankheiten, der Kindersterblichkeit und der Verlängerung der Lebenserwartung erreicht. Diese Fortschritte im Gesamtsystem haben zu einem Wandel geführt, so dass nun ein glückliches und gutes Leben zu weiten Teilen jenseits der individualbiographischen Einflüsse durch die Gesamtgesellschaft und die Kompetenz der Menschheit im Sinne des aufklärerischen Fortschritts wenn nicht garantiert, so aber zumindest durch eine fördernde und aktive Einrahmung wesentlich mitgestaltet werden kann20. Hierzu gehört auch der erheblich wachsende Wohlstand insbesondere in der Nachkriegsphase der westlichen und der europäischen Welt in Verbindung mit den subjektiv erlebbaren Fortschritten in Gesundheit, Mobilität und Lebensqualität auf der Individual- bzw. Privatebene wie bspw. zur Verfügung stehender Wohnraum, Urlaube etc. In dieser Zeit sind die heute offensichtlichen Folgen der entsprechend dynamisierten Entwicklungen der analogen Kompetenzen noch nicht sichtbar bzw. wirksam gewesen in dem Sinne, dass sie ein prägendes Element der Tages- und Lebenswirklichkeit der Bevölkerungsmehrheit und auch der politischen Willensbildung geworden sind.

Gleichzeitig bedeutet die Mondlandung als Sinnbild des Endes der Aufklärung auch einen Wendepunkt dahingehend, dass die damit in Verbindung stehenden Erwartungen an die Weiterführung entsprechender Projekte sich in keiner Weise als realisierbar erwiesen (Shuttleprogramm). Die mit der aufklärerischen Überzeugung der teleologisch motivierten Technisierung der Welt in Verbindung stehenden Folgen sind in den Jahren „nach“ der Mondlandung, um an dieser Stelle diesen markanten Begriff als Wendepunkt zu formulieren, erst sichtbar geworden. Hierzu gehören die immer mehr ins Bewusstsein getretenen Diskussionen und Fragestellungen zur Energieversorgung mit traditionellen fossilen Brennstoffen einerseits und erneuerbaren Energiequellen andererseits21 und die damit verbundenen Fragen des Umweltschutzes22 als ein Beispiel für den Anspruch auf Richtigkeit und Umsetzung, welcher aus einer wertenden Perzeption des Gesamtweltgefüges entspringt. Ebenso können hier auch städtebauliche Maßnahmen23 genannt werden, die das Landschafts- und Stadtbild im mitteleuropäischen Raum vielerorts heute noch prägen, wo durch Bau entsprechender Siedlungen und Straßenanlagen insbesondere in den Vorstädten Lebensräume geschaffen werden sollten, die von der Bevölkerung nicht angenommen wurden, wie sich in der heutigen Situation zeigt, insofern diese Strukturen noch existent sind und nicht schon wieder rückgebaut wurden.

Hier wird deutlich, dass hier eine Entwicklung eine Form von Maximalpunkt erreicht hat und über ihre eigene Expansion hinaus die vorher nicht gekannten Grenzen des von ihr bemühten Systems erreicht und teilweise überschritten hat. Gleichzeitig mit dieser Entwicklung haben neue technologische Entwicklungen in Verbindung mit den aus der analog getriebenen Mobilisierung heraus ermöglichten Kommunikation- und Mobilitätserweiterungen zu einer sich stärker supranatural entwickelnden Form der Interaktion in allen Lebensbereichen wie Politik, Kultur, Wissenschaft und persönlichem Austausch entwickelt. Mobilität im Sinne von Reisen zu geschäftlichen, politischen, aber auch privaten Zwecken hat zu einer erheblichen Erweiterung der Gesamtwahrnehmung von Welt und Wirklichkeit beigetragen und zunächst auch in Verbindung mit dem noch analog optimierten Kommunikationsmittel wie bspw. Telefon und Faxgerät zu einer ersten Beschleunigung und Dynamisierung des Austausches auch von Wissen innerhalb entsprechender technischer Möglichkeiten geführt. Die Grundlagen für die heute prägende Gesamtkonstellation des Kommunikations- und Mobilitätsgefüges waren gelegt, wobei gleichzeitig die analoge Grundlogik abgelöst und durch Digitalisierung zu weiten Teilen, da wo es bislang möglich gewesen ist, ersetzt wurde.

Dabei ist aber zunächst nicht zu erkennen, dass es sich bei den jetzt in der Diskussion stehenden technologischen Entwicklungen um einzelne Erfindungen handelt wie bspw. den Ottomotor, die Glühbirne oder andere Errungenschaften vergangener Epochen. Es handelt sich hier um überindividuelle Phänomene eines beschleunigten Austausches in Wissenschaft und Forschung, die sich quasi emergent aus der Aktivität des Gesamtsystems entwickelt haben. Es gibt nicht mehr den Entdecker des Internets oder den Erfinder des Mobiltelefons. Beide Phänomene sind entstanden durch den synchronisierten, wechselseitig permanent intensivierten und beschleunigten Austausch von Wissen und Ideen auf überindividueller, übernationaler und letztlich auch suprainstitutioneller Ebene. Neben der persönlichen Zuordnung einer „Fortschritts-Errungenschaft“ im Sinne eines tatsächlich personal vorhandenen Auslösers für diese Entwicklung als bspw. Erfinder der Erfindung hat hier das System die Funktion der Entwicklung übernommen und sich somit auch der teleologischen Grundlage der Steuerung der Welt durch menschliches Know-How als gewollter Intervention selbst enthoben. Dieses zentrale Momentum der Entwicklung obliegt keiner Beschlussfassung, keines nachvollziehbaren Willens und keiner Institution, sondern ist als Phänomen einer sich wendepunkthaft verändernden Wirklichkeit zunächst festzustellen.

Exkurs: Wissenszuwachs und Orientierungsbedarf

Die individuelle Lernentwicklung des Menschen kann durch die phylogenetische Entwicklung und Kompetenzerweiterung – sei es in einem teleologischen oder einem nicht-teleologischen Kontext – nicht substituiert werden. Das bedeutet, dass jede Generation damit leben muss, dass ihre Mitglieder zentrale Erfahrungen der Lebensbezüge und Empfindlichkeiten jeweils selbst neu erleben müssen. Somit ist, gemessen an dem Gesamtentwicklungsstatus der Gesellschaft oder der sozialen Gemeinschaft, in der sich Individuen verortet fühlen, die individuelle und kollektive Lernkurve von Menschen als eher schwach anzusehen. Das meint, dass jede Generation für sich Erfahrungen neu machen muss sowie die klassischen Fragen wieder für sich neu entdecken und erleben muss – pointiert von Thomas Jefferson beschrieben als: „Jede Generation braucht eine neue Revolution“. Dies gilt in Bezug auf basale Fragen der biographischen Gestaltung von Lebensentwürfen24 ebenso wie bspw. auf Fragen des Führungshandelns in Unternehmen. Deshalb wird es auch immer wieder (neuen) Bedarf geben an Entwicklungsmaßnahmen für Führungskräfte, Lehrveranstaltungen und Trainings zu allen generalisierbaren Themen des menschlichen Miteinanders in Organisationen, aber auch in den Fragen der persönlichen Orientierung bezüglich der Grundkonstellation menschlichen Lebens, wie Tod, Vergänglichkeit und zeitliche Limitation. Daraus resultiert ein zunächst potentiell nicht als endlich zu sehender Bedarf an allgemeiner Orientierung, der ergänzt wird um einen qualitativ andersartigen Bedarf an Orientierung aufgrund der jeweiligen temporär bedingten Fragen der eigenen Epoche im altfränkischen Sinne oder Lebenskontexte und Lebenswirklichkeiten in der aktuellen Versprachlichung genannt, mit denen Individuen jeweils in ihrer eigenen Lebensphase zu tun haben.

Dies bezieht sich insbesondere auf Fragen, die der Beschleunigung von Wissenszuwachs und dem damit einhergehenden Prozess der Wissenserweiterung unterliegen25. Hier entsteht allerdings eine gewisse Paradox- oder auch eine Vakuumsituation. Auf der einen Seite müssen in der Individualentwicklung die basalen Fragen des Lebens wie Leben, Sterben, Krankheit und Lebensgestaltung reflektiert und immer wieder neu für sich entdeckt und erobert werden. Gleichzeitig treten Fragen aus dem Kollektivkontext auf, die möglicherweise in ihrer Struktur Themen berühren, die eine andere qualitative Ausprägung haben als die Fragen der individuellen Lebensgestaltung. Individuelles Leben bleibt, um den klassischen Terminus hier zu verwenden, analog: Es ist ein „geboren werden“, ein Metabolismus und ein Sterben – mit allen damit in Verbindung stehenden Unwägbarkeiten wie Schicksalsschlägen und Krankheiten. Hieraus ergibt sich der oben angesprochene Orientierungsbedarf jedes menschlichen Lebens bezogen auf die Reflexion der eigenen Endlichkeit.

Gleichzeitig entsteht ein erheblicher Orientierungsbedarf daraus, dass das System bzw. die kollektive Wahrnehmung von Wirklichkeit keine präfigurierten und aus der moralischen Klarheit abgeleiteten Antworten mehr für diese Fragen bereithält. Konnte die Aufklärung mit ihrem teleologischen Grundverständnis eine Wegweisung im Sinne des richtigen Lebens und auch für das einzelne Individuum tragende Orientierung liefern, liefert die Zeit nach der Aufklärung, die postmoderne oder aber auch vielmehr schon digitale Welt, ein viel größeres Bündel an Fragen und Unsicherheit. Hierdurch wächst insbesondere das Orientierungsbedürfnis auf einer strukturellen systembezogenen Ebene exponentiell, was in Verbindung mit dem individuellen Orientierungsbedürfnis zu einer Situation exponentieller Verunklarung und auch Belastung führen kann. Hier kommt der Reflexion auf die Lebensumstände und die Lebenswirklichkeiten aus beiden Aspekten, dem individuellen und dem kollektiven, eine erhebliche Bedeutung im Sinne einer Orientierungsfunktionalität zu.

17 Vgl. zum Wandel der Wirtschaftsordnung Wagener (2011) und zur Bildungsexpansion und Entwicklung zur Wissensgesellschaft nach dem „Sputnik-Schock“ Bell (1975)

18 Vgl. (Ebert 2010), (Schmuck/Scholz 1996)

19 Vgl. zur Systemtheorie (Parsons 1976), (Luhmann 2002)

20 Vgl. die Diskussion bei Beck (Beck 1983, 1986) um die zunehmend reflexive Lebensführung, die Pluralisierung von Lebensstilen aufgrund höherer Bildung, bei der weniger Sicherheit einhergeht mit größerer individueller Autonomie. Vgl. zum Verhältnis von Freiheit und Sicherheit Beck/Beck-Gernsheim (1994), Dahrendorf (1994), Sennett (2005), Gross (1994)

21 Vgl. Scheer (2005), Kersten (2014)

22 Vgl. zu ökologischen Gefährdungen Luhmann (2004) und Umweltsoziologie Mautz et al (2008), Gross (2011), Detten et al (2013)

23 Vgl. zu städtebaulichen Maßnahmen im Nachkriegsdeutschland bzw. Nachkriegsbauten Häußermann/ Siebel (1985, 1987), Mitscherlich (1965), Sievers (2014)

24 Vgl. die umfangreiche und unübersehbare Literatur zur Lebensplanung für Personen jeden Alters vom Studenten bis zum Greis bzw. zur Subjekt- und Generationenforschung Reckwitz (2010), Mannheim (1965), Jureit (2006)

25 Vgl. zu Beschleunigung von Wissenszuwachs und Informationsflut Sennett (2005), Bell (1975), Toffler (1970)

3. Nach der Aufklärung: Digitalisierung

Die technologische Entwicklung der Digitalisierung lässt sich nicht allein als Schlagwort auffassen. Digitalisierung bedeutet in der zeitlichen Betrachtung und der Nachfolge der extensiven Nutzung sämtlicher analogen Techniken eine qualitative Veränderung von ganz grundsätzlichem Ausmaß und in der Tat einen technologischen, aber auch möglicherweise gesellschaftlichen und weltanschaulich-philosophischen Paradigmenwechsel, wie im Folgenden zu reflektieren sein wird. Wie oben schon erwähnt, ist Digitalisierung nicht als ein isoliertes Einzelphänomen aufzufassen, das allein einer Person oder einer einzelnen technologischen Entwicklung zugeschrieben werden kann. Es handelt sich hierbei vielmehr um eine strukturelle und übergreifend wirksame Form der Veränderung von Lebensprozessen einerseits und von Informationsverarbeitungsprozessen andererseits, was in der Kombination zu einer strukturellen Veränderung von Lebenswirklichkeit sowohl in der Ausprägung als auch in der Wahrnehmung auf Grund der unmittelbaren Verfügbarkeit von Informationen und Wissen in die Ermöglichung geraten ist. Dabei handelt es sich nämlich explizit nicht um einen intendierten Prozess der Verbesserung und nicht um eine angestrebte und bewusste Handlung von Menschen im Sinne einer teleologisch avisierten Entwicklung, sondern um ein emergentes Phänomen als erstmaliges und offensichtlich neuartiges Ergebnis sich selbst verstärkender und gegenseitig interagierender Prozesse von Forschung, Entwicklung, Informationsaustausch und Lebensvollzug. Es entsteht eine Ganzheitlichkeit, die deutlich über das klassische wissenschaftlich-technische Verstehen im Sinne eines holistischen Lebensansatzes hinausgeht. Die Digitalisierung bedeutet die zunächst und aktuell noch infinit erscheinende Möglichkeit von Beschleunigung der Informationsverarbeitung, Expansion der Informationsvernetzung und des Datenabgleichs und damit einhergehend eine in sich völlig überraschende und nicht zu erwartende Dynamisierung des Gesamtgeschehens in praktisch allen Lebensbereichen.

Wenn diese Veränderung nicht als Fortschritt im Sinne eines teleologischen Momentums gesehen werden kann, da sie keiner zielgerichteten Intention entspringt, sondern sich als emergentes Phänomen selbst geschuldet ist, dann entstehen Phänomene, die in der ersten Betrachtung Fortschrittscharakter haben. Bei näherer Betrachtung entbehren diese Phänomene allerdings im teleologischen Sinne sämtlich Definitionsparameter für Fortschritt. Diese Parameter sind:

Absichtscharakter

Verbesserung

Vorbereitung einer nächsten Entwicklungsstufe mit Verbesserungscharakter

ad a. Absichtscharakter

Der Absichtscharakter einer teleologischen Entwicklung impliziert immer auch eine Zielstellung im Sinne des erwarteten Optimums der angestrebten Entwicklung. Diese Zielstellung wird abgeleitet aus einem Erwarten und dem Gesamtsystem zugrundeliegenden Idealzustand von Gutheit und bestmöglichen Lebensumständen26. Die Digitalisierung und die sich daraus ergebenden Folgen für die Dynamisierung des gesamten Wirtschafts-, Wissenschafts- und Lebensprozesses allerdings verweisen in keiner Weise auf ein erkennbares Ziel und sind auf Grund ihrer nicht-personalen Entstehungsstruktur auch nicht als absichtsvoll zu kennzeichnen. Die fehlende Zielorientierung z. B. des Internets lässt sich leicht durch nachgerade beliebiges Stöbern in der Tagespresse, in den Onlineportalen, Internetpräsentationen der Tagespresse, in Magazinen, online verfügbaren Büchern oder eben idealtypisch bei Wikipedia nachweisen: Hymnisches Lob der Informationsverfügbarkeit und der weltumspannenden Vernetzung steht neben kulturpessimistischen Analysen und schwersten kriminalistischen Bedenken zu Gefahrenpotenzierung und neuer Gefahrenpotentiale.

Die einzige Möglichkeit, diese Entwicklung philosophisch in einen teleologischen Gesamtrahmen zu fassen, bestünde hypothetisch darin, in der Digitalisierung die Phänomen gewordene Form eines sich in der Technik abbildenden Weltgeistes27 zu sehen. Diese kühne Gedankenkonstruktion ist aber als schwer belegbar bzw. diskutierbar anzunehmen. Die aus der Naturphilosophie ebenfalls über die griechischen Denktraditionen bekannten Formen der Unterlegung von Geschehnissen in der Welt mit dem Erklärungsmodell des Weltgeistes lassen sich traditionell auf organische Formen von Phänomenen projizieren, jedoch entzieht sich die konsequente Artefakten-Struktur der Digitalisierung der grundsätzlich organischen Form des Weltgeistes. Auszuschließen ist diese Form des Erklärungsmodells im Sinne einer Glaubenshaltung allerdings genauso wenig wie jede Form von Glaubenshaltung überhaupt. Letztendlich aber ist festzuhalten, dass im Sinne der Aufklärung – die sich zwar in der klassischen abendländischen Denktradition bewegt, dieser aber im religiösen und metaphysischen explizit nicht unterstellt ist – die Digitalisierung als Ergebnis der Aufklärung nicht konkludent zielgerichtet verortet werden kann.

ad b. Verbesserung

Einhergehend mit der Betrachtung des Absichtscharakters von Entwicklungen ist ein Fortschrittscharakter im teleologischen Denken notwendigerweise verbunden mit der Idee der Verbesserung. Die Digitalisierung allerdings ist in ihrer qualitativen Veränderung so grundsätzlich, dass sie sich zum einen der Vergleichbarkeit mit bisherigen analogen Leistungen entzieht, weil sie wirklichkeitsschaffend einen Lebenskontext produziert. Andererseits sind aber die Folgen der Digitalisierung für das Individuum zumindest zum Status quo der heutigen Diskussion nicht notwendigerweise nur als positiv zu betrachten, da der Orientierungsbedarf und die damit entstehenden Belastungsphänomene (siehe Kapitel 6) in erkennbarer Weise nicht als Fortschritt im Sinne einer Verbesserung der Lebensumstände gedeutet werden können. Auch ist noch nicht erkennbar, inwieweit die Digitalisierung tatsächlich eine Verbesserung der Lebensbezüge wie bspw. die Optimierung des Gesundheitssystems durch Patientenpartizipation und gesteigerten Informationsfluss zu leisten im Stande ist. Dass die Digitalisierung Prozesse und Lebensvorzüge in grundsätzlicher Art strukturell verändert, bedeutet nicht notwendigerweise, dass sie diese auch strukturell verbessert.28 Die Andersartigkeit der Prozesse hat sicherlich vor dem Hintergrund der unmittelbaren und zunächst unerwarteten Geschwindigkeit des Einbrechens in das alltägliche Leben von nahezu allen Menschen in allen Teilen der Welt einen Innovationscharakter, der vor der Folie eines auf technischen und gesellschaftlichen Fortschritt gerichteten Entwicklungsdenkens zunächst als solcher auch wahrgenommen und positiv interpretiert wird. Eine solche positive Interpretation allerdings ist zunächst eine Spontan-Annahme und eine theoriefrei unterstellte Konnotation, die einer genaueren Untersuchung noch zuzuführen ist. Die Frage des „Fortschritts“ und seiner Definition ist damit eng verknüpft.

ad c. Vorbereitung einer nächsten Entwicklungsstufe mit Verbesserungscharakter

Im teleologischen Kontext müssen Entwicklungen nicht nur positiv und verbessernd sein, sondern können auch immer Vorbereitungen sein für weitere (positive) Schritte. Auf den ersten Blick scheint völlig plausibel, dass die Digitalisierung nicht der Endpunkt einer Entwicklung ist und dies kann auch in keiner Weise widerlegt werden. Gleichzeitig ist aber aufgrund der strukturellen Andersartigkeit der jetzt stattfindenden Entwicklung nicht erkennbar, dass sich hieraus notwendigerweise Entwicklungsschritte in einem aufklärerisch-analogen Sinne anschließen lassen. Vielmehr steigt die Wahrscheinlichkeit, dass die sich aus der Digitalisierung ergebenden nachfolgenden Formen der Veränderungen ebenfalls sprunghaft zum Status quo verhalten und sich somit im Sinne einer planvoll strukturierten Entwicklungslogik sich weder ex ante noch ex post in eine teleologische Gesamtstruktur einpassen lassen.

Grundsätzlich betrachtet verliert die Entwicklung hiermit den Charakter der Zielgerichtetheit. Fortschritt findet statt im ganz neutralen Sinne des Wortes – nämlich des Fortschreitens von Fähigkeiten und Wissen, allerdings ohne Zielstellung – und das bedeutet, dass die Interpretation geschichtlicher Entwicklung im teleologischen Kontext ihre Grundlage verliert. Eine Weiterverfolgung dieses Gedankens vor dem Hintergrund der Phänomene der Digitalisierung kann aus der Denktradition zwar nachvollzogen, im Gesamtzusammenhang aber nicht argumentativ belegt werden. Dies ist ein wesentlicher qualitativer Unterschied zu beispielsweise den Höchstleistungen der analogen Welt (z. B. die Mondlandung), welche durchaus zumindest ex ante in ein entsprechend teleologisches System hineininterpretierbar war. (Der Fakt, dass ein Mensch sich außerhalb der Erde aufhalten und einen anderen Himmelskörper betreten kann, war in der Tat gewaltig, wenngleich die Sentenz von der „Eroberung des Weltraums“29 gleichzeitig reine Hybris ausdrückte). Mit der Digitalisierung ergibt eine neue Situation, die in ihrer strukturellen Grundbeschaffenheit dazu auffordert, sich mit ganz basalen Fragen des Erkenntnisprozesses neu auseinanderzusetzen. Der technologische Paradigmenwechsel provoziert auch einen Paradigmenwechsel in den Fragen der zugrundeliegenden Prozesse des philosophischweltanschaulichen Gesamtverständnisses.

26 Vgl. (Pleines 1994), (Glazinski 1992)

27 Vgl. Heg el (1998), Lembcke (2011)

28 Hierzu beispielhaft der immer noch hoch aktuelle Artikel von Kleinke (2000)

29 Vgl. Braun/Ley (1958)

4. Vom digitalen Bruch zum Mythos 2.0

Wesentliche Dimensionen des „digitalen Bruches“ beruhen auf weithin bekannten und auch schon im Detail ausformulierten und operationalisierten Begriffen der Dynamisierung und Globalisierung. Gleichzeitig hängen an diesen Begriffen weitere Ableitungen, die insbesondere dem Bereich der Komplexitätsforschung zuzuordnen sind. Die Wechselwirkungen und Konsequenzen gerade im Verhältnis zur Komplexität sind jedoch bislang nur unzureichend dargestellt30. Da wo Komplexität herrscht, herrscht immer auch Ablösung von Monokausalität im Sinne einer polykausalen Ursache-Wirkungs-Struktur und damit in Verbindung das Grundprinzip der Kontingenz. Komplexität bedeutet im Wesentlichen, dass in einem System eine Vielzahl von Systemelementen aufeinander einwirkt und interagiert, wobei die Folge der einzelnen Elemente aufeinander sich einer Planbarkeit im Sinne einer strukturierten Vorhersagbarkeit und auch Prognose weitgehend entzieht.

Ein komplexes System meint immer ein System erheblicher Interaktivität und damit notwendigerweise eines permanent laufenden Prozesses von Wirkung und Rückwirkung der einzelnen Systemelemente bzw. Systemteilnehmer bis zum Punkt einer Stabilisierung der sich darin ausprägenden Strukturen. Hierbei folgen komplexe Systeme grundsätzlich dem Exponentialprinzip von sich langsam ergebenden Veränderungen mit einem zunächst relativ schwachen Ausprägungsgrad der Sichtbarkeit, welche sich dann zunächst über partiell sichtbar werdende schwache Signale (so genannte „Weak Signals“ der Diskontinuitäten-Forschung31) hin zu einem strukturellen Bild der Merkmale des komplexen Systems hin erweitern. Nach dem Passieren des so genannten „Booster Point“ in der Exponentialfunktion werden die Veränderungen und Entwicklungen des komplexen Systems mit einer eindrücklichen Schlagartigkeit sichtbar und auch in der Regel dann erst in ihren Konsequenzen für die Systemteilnehmer tatsächlich erlebbar. Ex ante sind jedoch weder Weak Signals noch der Booster Point eindeutig bestimmbar.

Der wesentliche Punkt, der komplexe Systeme auszeichnet, besteht darin, dass sie sich auf Grund der in ihnen bestehenden permanenten Wirkungen und Rückwirkungen einer monokausalen Projizierbarkeit von Ergebnisstrukturen entziehen. Komplexe Systeme sind immer multikausal, so dass Ergebnisse von komplexen Systemfunktionen stets auf verschiedene Ursachen zurückzuführen und niemals einem einzigen Auslöser zuzuschreiben sind. Dementsprechend müssen auch Maßnahmen zur Korrektur von komplexen Systemen wiederum komplexer Natur sein, da mit Einzelmaßnahmen der Multikausalität der Entstehensstruktur von komplexen Systemen nicht begegnet werden kann. Aus diesem Verständnis heraus ist der bekannte Satz des Komplexitätsmanagements, dass Komplexität nur mit Komplexität beherrscht werden kann, abzuleiten32