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König der Seestadt ist ein multimediales Spektakel in Text, Zeichnung, Fotografie, Skulptur und Performance. Das Buch ist, wie das Leben selbst, ein Spiel und ein Abenteuer. Gut gelaunte Kunst entwickelt ein multimediales Spektakel aus Text, Zeichnung, Fotografie, Skulptur, Malerei und Performance. Humorvolle, poetische und freche Bilder begleiten den Leser/die Leserin auf einer berührenden Reise zu sich selbst. Dabei geht es um die Sehnsucht nach Freiheit und nach einem Leben, das wir uns immer schon gewünscht haben. King of Seestadt, a multimedia show in text, drawing, photography, sculpture and performance. King of Seestadt is like life, itself, a game and adventure. Well humored art develops a multimedia spectacle of text, drawing, photography, sculpture, painting and performance. Humorous, poetic and naughty impressions accompany the reader on a touching journey to oneself. The book is about the desire for freedom and the quest to create a life that we always dreamed about.
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Seitenzahl: 138
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Gewidmet Dir, Renée Kellner, im Versuch einer Freundschaft.
Liebe Leserin,
lieber Leser,
ich spreche dich hier
manchmal als Mann,
und manchmal als
Frau an und das
passt schon so.
Dieses Buch ist reine
Fiktion, falls sich
jemand darin wieder
erkennt, ist er
selber irgendwie schuld.
„Verleugne niemals deine eigene Majestät.”
H.W.L. Poonja
AKT 1
kopflos
sinnlos
restlos
rastlos
grundlos
wortlos
AKT 2
gnadenlos
skrupellos
namenlos
trostlos
schamlos
AKT 3
selbstlos
fraglos
wunschlos
ACT 1
headless
pointless
resistless
restless
groundless
wordless
ACT 2
merciless
ruthless
nameless
comfortless
shameless
ACT 3
selfless
questionless
wishless
Ein multimediales Spektakel in Text,
Zeichnung, Fotografie und Performance.
Ich weiß nicht, was in meinen Augen leuchtet,
ich weiß nicht, was in mir alle Kohlen ins Feuer wirft.
Ich bin der Windstoß, der die Türen aufreißt
in den Gemächern des Waldes.
Ich bin der Zeuge des Windes.
Ich bin die Regenwolken, die durch das Tal strömen
und ihre Schauer verteilen,
wie Kinder in ihrem wilden, abendlichen Spiel.
Ich bin der Wartesaal der Dinge,
der Duft der zersplitterten Wunde.
Ich bin der Käfer, der sich tot stellt,
nachdem man ihn in der Keksdose erwischt hat.
Ich bin der Tautropfen,
der mit Regenbogenfeuerwerk die Sonne begrüßt.
Die Berge bestanden aus Scherben und nicht nur die Berge. In Illusien war alles aus Scherben, das hatte schon seine Richtigkeit und Geschichte, aber darüber möchte ich jetzt nicht schreiben. Ähnlich wie in anderen Welten die Dinge aus Molekülen, Aminosäuren und Strom bestanden, war in Illusien eben alles und jedes aus Scherben gemacht. Die Geschichte - die wie ein heller Geist entstehen wird in all den Szenarien die noch folgen - begann in Illusien.
Herr Gelb wachte auf und seine Augen brannten, er hatte sich wieder mal die Nacht um die Ohren geschlagen. Noch dazu machte ihm ein Sonnenbrand zu schaffen, er sah ziemlich rot und alarmierend aus. Wieso musste er sich auch völlig stoned in einen Liegestuhl in die pralle Sonne legen? Es war so angenehm dort zu liegen, er konnte einfach nicht aufstehen.
Er war spät dran und hatte heute viel vor. Also duschen, anziehen, schnell noch etwas Patschuli auf den Hals und los. Dummerweise war es ein Fläschchen ohne Tropfverschluss, also kam gleich urviel raus und er kippte sich den halben Fläschcheninhalt auf den Hals und es rann unaufhaltsam Richtung Brust. Er hatte noch die Hälfte seines Gewandes und zwei Taschen in Händen und wurde schusselig. Als er die Sachen auf den Stuhl abstellen wollte, fielen sie runter. Das machte ihn noch schussliger mit einem Anflug von Zorn. Mit grimmigem Gesichtsausdruck stellte er das meiste extra nachdrücklich wieder auf den Stuhl. Für Hose, Weste und Sakko fand er immer noch keinen Platz und er konnte sich damit in Händen keine Klopapierrolle aus dem WC holen, um das Patschuli abzuwischen. Also zog er erst mal das restliche Gewand an, aufgrund der Eile jedoch in der falschen Reihenfolge. Die Weste landete über dem Sakko, mit dem einen Arm, der immer noch die Hose in der Achsel eingeklemmt hielt, versuchte er mit dem Klopapier unter das Hemd zu kommen. Dabei setzte sich Herr Gelb, erwischte allerdings nur die Stuhlkante, weil die Sitzfläche ja schon von allerlei Gegenständen besetzt war. Der Stuhl begann zu kippen, die Patschuliwolke schwebte über dem Ganzen, als Gelb auf dem Boden landete und die Klopapierrolle sich aufwickelnd durch das Zimmer rollte.
Als Neon - ja echt, seine Eltern hatten ihn in einem Anfall von Humorbereitschaft Neon genannt, endlich auf die Straße kam, war seine Laune am Tiefpunkt, aber er war in guter Gesellschaft, denn heute waren in Illusien scheinbar alle besonders schlecht aufgelegt. Es bogen Figuren um die Ecke mit einem Gesichtsausdruck, als würden sie jeden Moment mit ungeheuren Anschuldigungen konfrontiert. Die Straßen boten das gewohnte Bild: Auf die Scherbenwelt wurden besonders schrille Bilder projiziert, sie hielten die Illusion einer intakten Gesellschaft gerade noch aufrecht. Sie zeigten größtenteils Menschen, die leicht und glücklich wirkten und die für Produkte oder Dienstleistungen warben. Während der vergangenen Jahrzehnte wurde alles Lebendige in Geld umgewandelt. Alles musste man sich kaufen, einen Blick auf einen Baum, das Gefühl unter einem Sternenhimmel zu stehen oder ein Gespräch mit einer anderen Illusierin (was abhängig vom Status der Illusierin, die man zu sprechen wünschte, recht teuer werden konnte). Ständig wurden Sehnsüchte und Bedürfnisse suggeriert, um das Finanzsystem am Laufen zu halten, welches jedoch bereits am Ende war, denn mittlerweile gab es nichts Lebendiges mehr, das man noch in Geld umwandeln konnte. Die Bilder wechselten schnell und wirkten irgendwie übersteuert. Es war, als würden sie jeden Moment ihre Glaubwürdigkeit verlieren, dennoch wirkte alles normal für die Einwohner. Sie waren schon so gewohnt daran, dass die Illusionen nicht mehr täuschend echt zu sein brauchten. Die Bewohner wollten sie sowieso glauben, also mussten die Projektionen nur mehr recht und schlecht die Scherben überdecken und irgendwie geil aussehen.
Nur diese schlechte Laune war auffallend. Die Bewohner wirkten wie einsame Gestalten, die mit verlorener Krone durch die Welten wandelten. Gelb hatte sich immer noch nicht daran gewöhnt, dass alle Passanten in ihre Hände starrten, weil sich dort ihre Smartphones befanden. Ständig kratzten sie sich irgendwo oder zupften an ihrer Kleidung. Es gab kaum mehr Raum oder Stille, alles war vollgefüllt mit belanglosem Geschwätz und Produkten ohne Wert. Eine nagende Unruhe trieb die Illusier immer weiter voran, obwohl sie schon völlig erschöpft waren.
Ab und zu erlebten die Illusier jedoch ein seltsames Phänomen: Aus heiterem Himmel fand man sich in Elysien wieder. Manche vermuten Elysien im Osten Illusiens, aber das war wohl nur eine romantische Vorstellung, weil im Osten die Sonne aufging. Elysien war ein eigenartiger Ort, er strahlte ein friedvolles Anwesendsein aus, ohne Wenn und Aber. Alles war, wie es war, und war sich selbst genug. Diese überraschenden Aufenthalte waren Balsam für die gequälten Gemüter der Illusierinnen. Schon nach kurzer Zeit lichtete sich ihre Anspannung und ein freudiges Sosein in einer Art Weite begann.
Es gab in Elysien kein richtig oder falsch. Man konnte nichts falsch machen. Alles war durch das Erlebnis des Einsseins miteinander verbunden und man fühlte sich selbst nicht vom Ganzen getrennt. Selbst wenn etwas Aufregendes geschah, bewegte sich dadurch die allgegenwärtige Stille, wie eine Wasseroberfläche, die sich gleich wieder selbst heilend schloss. Manche Illusier berichteten auch vom spontanen Abnehmen ihrer Gedankentätigkeit in der allgegenwärtigen Weite. Sie nahmen sich selbst wahr und in diesem Spüren begann das Paradies. Weil man nichts falsch machen konnte, gab es auch keine Zweifel, und weil man verbunden war, konnte man auch nichts Schädliches tun, denn das spürte man unmittelbar selbst und ließ es bleiben.
Ebenso unbemerkt, wie sie in Elysien reinkamen, fielen sie auch wieder raus. Es war eigenartig: Man konnte Elysien nicht willentlich bereisen, nicht einmal suchen funktionierte. Es war, eher als würde Elysien die Illusier finden und nicht umgekehrt. Die Illusier hatten verschiedene Methoden und Konstrukte gefunden, die es ihnen ermöglichen sollten, nach Elysien zu kommen. Einige dachten auch, dass man sich durch besondere Verdienste, Anstrengungen oder Opferbereitschaft einen Trip nach Elysien erwirken konnte. Manchmal schien so eine Strategie für eine Weile zu funktionieren. Früher oder später musste man sich jedoch eingestehen, dass man Elysien nur durch Gnade besuchen durfte. Dennoch, wenn man einmal dort war, und sei es nur ganz kurz gewesen, wollte man immer wieder dorthin zurück, es fühlte sich wie das zu Hause an, nachdem man sich schon seit Lebzeiten sehnte. Man konnte es nie wieder gänzlich vergessen. Die Besuche veränderten die Einwohnerinnen Illusiens.
Ich erzähle noch, wie es weitergeht. Ich bin mir zwar noch nicht klar darüber, aber du bist so schön, wie du da sitzt und liest, mein Gott, ich kann es kaum glauben. Alles ist von Zauberhand arrangiert, dein Haar und wie deine Arme und Hände so daliegen. Du könntest dir was zu trinken holen oder so, ich würde zu gerne sehen, wie du dich bewegst und vielleicht fällt mir in der Zwischenzeit was ein.
Sagen wir Herr Gelb fliegt nach Persien, vielleicht macht das ja irgendwann Sinn in der Geschichte. Er könnte wegen der persischen Dichter hinfliegen. Das würde auch gut zu Neon passen: ohne bestimmten Grund irgendwohin zu reisen. Er hatte ja auch nicht mal einen richtigen Beruf. Er war so flüchtig und Illusien war so augenfällig absurd, dass er da nichts Wahres fand. Gerademal die Kunst machte Sinn. Die Kunst ist wie, wenn du tagelang durch verdorrtes Land wanderst, endlich einen Bahnhof findest und raus fährst mit dem Zug in die Freiheit. Oh Mann, wenn er den Namen Hafez nur hört, war das als nahm man ihm die Erdenschwere von den Schultern und hüllte ihn in eine wärmende Decke, da brauchte er noch gar kein Gedicht von ihm lesen.
Im Flughafen von Illusien war selbst die Luft aus Scherben. Das Licht der untergehenden Sonne brannte splitterhaft über der Landschaft, die Herr Gelb durchs Fenster betrachtete. Die Bäume waberten wie riesige Eistüten im Wind und er glaubte eine Krähe draußen krächzen zu hören. Sie blickte Neon an und meinte ihn, das war ganz klar. Dann hob sie ab, da war ein kurzes metallisches Funkeln im Gefieder und sie fliegt entspannt ins Blaue.
Neon wartete auf seinen Flug und lernte einstweilen in seinen Psychiatrieunterlagen. Die Bürger von Illusien mussten sich immer weiterbilden, das hielt zu mindestens die Illusion aufrecht, als würden sie in Zukunft etwas erreichen und zufriedener sein. Ihre Stimmung war nämlich nicht nur an diesem Tag besonders mies, sondern auch in den vielen Tagen und Nächten davor. Die Menschen in Illusien fühlten sich ausgezehrt, müde und unzufrieden. Sie wurden schwach in ihrem vermeintlichen Schutz. Ihr Leben war wie eine Verteidigungsanlage gegen die Offenheit der Liebe. Waren alle Persönlichkeiten in Illusien wie Schutzbunker? Und die Angst schleicht um sie herum wie ein nackter Wilder?
Ein alter Mann näherte sich Herrn Gelb, er hatte einen einäugigen Mops an der Leine. Der Mann blickte ihm in die Augen und meinte: „Du hast noch nicht das Meer in dir“, und ließ sich von dem Mops weiter ziehen. Neon blickte ihm nach, es war, als würde sich eine starke Medizin in den Blicken und Schritten des alten Mannes entfalten. Neon Gelb fühlte sich erkannt, etwas fehlte ihm, vielleicht wollte er deshalb diese Reise machen? Er hatte Sehnsucht danach, das zu verkörpern, was er wirklich war. Er hatte das Gefühl, erst dann würde er sein Ornament einnehmen, im Gewebe der Welt.
Sein aufwachsen in Illusien hatte ihn geprägt, das wurde ihm erst jetzt so richtig klar, als er mit dem Flugzeug abhob. Es war, als hätte ihn Illusien in eine Art Schlaf gewickelt und ihn angefüllt mit Belanglosem, das aber den Anschein hatte besonders wichtig zu sein. Er spürte wieder diesen Blick, den er hatte, wenn all das wegfällt, wie tief kann der sein? Er nahm die Brille Illusiens ab und schaute mit seinen wirklichen Augen. In diese Stille einzutreten ist wie ein Bild zu malen: Zuerst schleichst du ewig herum, bis du dir ein Herz fasst und wenn du einmal drin bist, weißt du, dass hier das Wesentliche haust. Was er gerade erlebte, erinnerte ihn an einen Aufenthalt in Elysien, es war nichts von der geilen Spannung Illusiens zu bemerken und dennoch war es das Realste, das er seit Langem verspürt hatte. Wie oft hatte er Stein und Bein geschworen nie mehr seinem wahren Gesicht untreu zu werden und dennoch schlich sich immer wieder der alte Schlaf Illusiens ein - wie ein Nebel - und trübte das Bild. Er brachte nichts als Knechtschaft und trieb ihn in die Arme quälender Gespenster.
Er klappte das ewige Buch seiner Gedanken zu. Die Wahrheit war immer nur hier in diesem Moment. Die Bürger Illusiens lebten in einer unwirklichen automatisch ablaufenden Trance und wollten die Fülle des Augenblicks nicht. Auch Neon kokettiere nur mit der Wahrheit und dann lebte er wieder den Alltag Illusiens. Mann, jetzt als er abhob, blieb seine ganze Existenz zurück. Und was blieb, war dieser Moment und nur dieser Moment. All die Zustände, in denen er sich vorher befand, waren wie verzauberte Formen, in denen ein Flaschengeist wohnte. Sein Bewusstsein war wie das Reiben Alladins an der Flasche, der Geist wurde frei! Seine Aufmerksamkeit war die Sonne, vor der die Schatten Illusiens flohen. Er wollte den Bürgern von Illusien noch zurufen: Werft euch nicht in die Arme eurer falschen Geliebten! Kommt in die Frische des Momentes und nehmt ihn bewusst wahr. Hier kitzelt euch die Schönheit das Herz. Jedes Mal hierher kommen, baut ihr die Säulen des Himmelspalastes. Bleibt hier, bis die heiligen Gefäße kommen.
Herr Gelb hatte einen Zwischenstopp in Istanbul, den er wieder zum Psychiatrie lernen nutzte. Leider hatte er nicht mit der Zeitverschiebung gerechnet und verpasste seinen Anschlussflug. Er dachte lange, das Flugzeug hätte Verspätung, bis es bereits nach Mitternacht war. Dann machte er sich auf, um Klärung zu bekommen. Er musste lange warten, bis ihm eine nette, wahnsinnig hübsche Dame einen Ausweg empfahl: Weil er ja ein Transitpassagier war, lotste sie ihn auf geheimen Pfaden durch eine Tür zu dem Bereich, wo er neu „einreisen“ konnte, und sie ihm auf der anderen Seite ein neues Ticket ausstellen könnten. Dann ging sie, schloss die Tür und Neon ging zur Passkontrolle, doch der Beamte ließ ihn nicht einreisen, weil er kein Visum hatte. Er ließ sich auch nicht erweichen von der Geschichte mit dem verpassten Flug, das sei ja auch nicht wirklich sein Problem. Herr Gelb konnte nicht mehr zurück, weil die Tür, durch die ihn die nette, wahnsinnig hübsche Dame geschleust hatte, sich nur von der anderen Seite öffnen ließ. Die Visa Stelle sperrte erst am Morgen auf und Herr Gelb verbrachte in dem seltsam verlassenen Flughafengang einige Stunden völlig übermüdet auf den Plastiksesseln. So riesige Flughafengänge haben schon etwas von einer Zwischenwelt, fast wie schamanisch, vor allem sehr früh am Morgen ohne Menschen. Wieso geriet er immer in solchen Schlamassel, hatte er vielleicht eine psychiatrische Diagnose? Nosophobie? Da ihm sowieso niemand zusah, putzte er sich mit seinem Socken die Brillen und las noch etwas in den Psychiatrieunterlagen.
Er konnte gar nicht schlafen. Am nächsten Morgen bekam er endlich das Visum. Sein nächster Flug ging sehr bald von einem Flughafen am anderen Ende der Stadt und er musste sofort mit zwei Shuttlebussen quer durch Istanbul fahren.
Er fuhr mit dem Bus in dem bangen Gefühl, er würde es vielleicht nicht rechtzeitig schaffen. Alte Reiseerinnerungen suchten ihn heim. Immer wieder, wenn er in sich hineinspürte, fand er es erstaunlich, was ihn alles bewegte und in die Erlösung drang. Verblasste Bilder, fast schon wie aus einem vergangenen Leben. Da war ein kahles Zimmer. Wände mit abgenutztem Verputz, an dem die vielen Farben sichtbar wurden, die dieser Raum schon gesehen hatte. Der Geruch von Drogen, seltsam bleiches Begehren und Gefahr schritten herum. Rauschhafte Erinnerungen, von Nächten voller Aktivität und Verbotenem, geheimnisvollen Zwischenreichen und unwirklichen Begegnungen in zwielichtigen Räumen und dunklen Parks. Er fühlte, was er damals fühlte, als wäre es jetzt. Er war wie durchsichtig, halb krank und voll bewegt von Istanbul, von den fiebrigen Gärten des Prinzen und all der vergangene und gegenwärtige Orient strömte auf ihn ein.
Er musste es schaffen, diesen Flieger zu erwischen, aufgeben geht nicht, egal welche Befürchtungen da sind. Man kann nur nach vorne und sehen, was echt ist. Es ging sich alles gerade noch aus und Gelb saß schließlich im Flugzeug nach Teheran. Vor seiner Abreise hatte er sich die Psychiatrieunterlagen in das Aufnahmegerät seines Handys gesprochen. Vielleicht konnte er ja den Text akustisch besser aufnehmen. Nun hörte er sich das an. Er war nicht sehr gut aufgelegt, als er die Unterlagen aufgenommen hatte. Die Aufnahme war gespickt mit deftigen Flüchen und Verwünschungen gegen diese trockene Kost. Allerdings mischten sich auch immer wieder besonders höfliche und ermunternde Zusprüche an sich selbst dazu. Ein schwacher, doch auch irgendwie charmanter Versuch, sich selbst zu motivieren.
Liebe Leserin, vielleicht magst du eine Pause machen? Das ist schon viel auf einmal. Du bist in deiner eigenen Reise schon so einen weiten Weg gegangen bisher, hast schon so vieles gemeistert, das Unaussprechliche sitzt dir in den Knochen. Entspann deinen süßen Körper und deine Augen, wir gehen das Ganze langsam an.
Im Teheraner Flughafen herrschte eine ernste Stimmung. In den Räumlichkeiten vor der Passkontrolle hing ein Hochglanzplakat einer Gebirgslandschaft. Es wirkte wie aus einem Reiseführer, war mit Klebestreifen auf einer abgenutzten Wand montiert und verdeckte notdürftig alte Löcher.
