Konstantins Dilemma - Coco Eberhardt - E-Book

Konstantins Dilemma E-Book

Coco Eberhardt

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  • Herausgeber: BookRix
  • Kategorie: Krimi
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2021
Beschreibung

"Ich weiß nicht, was ich machen soll. Ich sitz in der Scheiße. Drunten im Keller in der Kühltruhe, da liegt eine Lei…" Ein dumpfer Schlag war zu hören, dann schwieg Franz. Bewusstlos findet Bestatter Konstantin seinen Kumpel, den Gebäudereiniger Leichen-Franz, vor der Grabowski-Villa in einem Waldstück vor München auf. Was hatte er hier zu suchen? Der alte Grabowski war wenige Tage zuvor im hohen Alter von 91 Jahren verstorben, und Konstantin wurde beauftragt, seine Bestattung zu organisieren. Doch diese steht unter keinem guten Stern. Mit dem Grabowski-Clan ist nicht zu spaßen. Das merken die beiden Freunde schnell. Dann steht Leichen-Franz auch noch ungewollt unter Mordverdacht an einer YouTuberin, und es sieht nicht gut für ihn aus. Konstantin setzt alles daran, die Unschuld seines Freundes zu beweisen, dabei gerät er selbst immer weiter in die Fänge der Grabowskis. Zu allem Überfluss kommen ihm mal wieder seine Gefühle für Flora in die Quere, obwohl er doch eigentlich mit Nelly glücklich ist. Und was hat sein Qi-Gong-Lehrer Rudi ständig in der Wohnung seiner Mutter zu suchen? Auch die tote Tante Fanny mischt wieder fleißig mit.   Ein spannender, bayerisch angehauchter Cosy-Krimi mit skurriler Note und Schmunzelfaktor.   Dieser Roman ist in sich abgeschlossen. Teil 1: Konstantins Erbe

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Coco Eberhardt

Konstantins Dilemma

Sein zweiter unfreiwilliger Fall

Folge mutig deinem Herzen und hör niemals auf zu träumen.BookRix GmbH & Co. KG80331 München

Kurz vorweg

Konstantin Schwarz ist Anfang dreißig und musste nach dem frühen Tod seines Vaters mehr oder weniger freiwillig das familiengeführte Bestattungsinstitut mitten in München übernehmen, was er auch mittlerweile halbwegs auf die Reihe bekommt, im Gegensatz zu seinem Leben. Er ist therapieerfahren, bekämpft seine Schlafstörungen gerne mal mit Tabletten, raucht zu viel und immer wieder spricht seine tote Großtante, die zu Lebzeiten Tante Fanny genannt wurde, mit ihm. Nach Tante Fannys Ableben ist Konstantin in deren Mansardenwohnung gezogen. Viel verändert hat er dort aber nicht, denn Veränderung ist nicht so sein Ding. Im gleichen Haus wohnen noch seine Mutter, die sich immer wieder um ihn Sorgen macht und seine neun Jahre jüngere Schwester Chrissy, die mit ihrer lockeren Art so ganz anders ist wie Konstantin. Viele Freunde hat der neurotische Bestatter nicht. Einer davon ist jedoch der unorthodoxe und etwas behäbige Gebäudereiniger Franz, der auch Leichen-Franz genannt wird, da er sich beruflich auf Leichenfundort- und Tatortreinigung spezialisiert hat. Zu Flora Kalischek fühlt sich Konstantin immer wieder stark hingezogen. Sie ist um einiges älter als er, was das Ganze nicht so einfach macht. Mit ihr verbinden ihn allerdings mehr als nur seine Gefühle für sie.

 

Kapitel 1

„Konni, du musst sofort hier her kommen! Sofort! Ich weiß nicht, was ich machen soll. Ich meine, ich hab ja schon viel gesehen… Aber… Aber…“

„Erst mal guten Morgen, Franz.“

Na ja, eigentlich war es schon eher Mittag. Am anderen Ende der Telefonleitung war mein Kumpel Leichen-Franz. Er klang irgendwie aufgeregt und ich wusste nicht so recht, was er von mir wollte. Eigentlich war er von uns beiden derjenige, der normalerweise die Nerven bewahrte. Aber irgendwas schien ihn völlig aus der Fassung gebracht zu haben.

„Wo soll ich denn hinkommen und was hast du gesehen?“, fragte ich gelassen weiter.

Ich stand auf der Loggia von Nellys Altbauwohnung, rauchte meine erste Zigarette und blickte auf die Bluteiche im Innenhof.

„Ich weiß nicht, was ich machen soll. Ich sitz in der Scheiße. Drunten im Keller in der Kühltruhe, da liegt eine Lei…“

Ein dumpfer Schlag war zu hören und dann schwieg Franz.

„Franz! Franz! Was ist los? Sag was!“, brüllte ich nun leicht panisch in mein Handy.

Aber Franz antwortete nicht mehr. Ich blickte kurz auf das Display. Die Leitung war nicht abgebrochen und ich meinte auch undefinierbare Geräusche im Hintergrund zu hören.

„Franz! Franz! Sag was! Was ist los?“

Doch mein Kumpel antwortete immer noch nicht.

„Scheiße!“, entfuhr es mir und mit einem Schlag schoss mein Adrenalinspiegel durch die Decke.

Irgendwas musste ihm passiert sein. Schnell drückte ich meine Zigarette aus und schaute auf meinem Handy, wo sich Franz gerade befand. Bei ein paar Bierchen fanden wir die Idee damals ganz gut, dass wir gegenseitig unseren GPS-Standort freigaben. Eine Spielerei. Aber in diesem Moment das Einzige, was mir einfiel, was ich tun konnte.

Dieser Tag hatte eigentlich so gut begonnen. Es war Samstag und ich hatte die Nacht bei Nelly Meesenburg verbracht. Das mit Nelly und mir ging nun schon ein paar Wochen. Und was sollte ich sagen… Sie tat mir irgendwie gut.

Nelly war 31 Jahre alt, blondes halblanges Haar, trug eine große schwarze Brille, graue Augen, weicher Bauch und ihre Brüste waren ein bisschen größer als das Volumen meiner Hände. Nelly war zudem Nordfriesin. Wegen ihres damaligen Freundes war sie nach München gekommen, doch der hat sie nach sieben Jahren Beziehung ohne Vorwarnung für eine andere verlassen. Sie hatte sich in München mittlerweile ganz wohl gefühlt und so kam es, dass sie immer noch hier wohnte. Sie lebte in einer dieser Beamtenwohnungen. Nicht das Neueste, aber für eine Stadtwohnung doch sehr großzügig geschnitten. Und die Miete war auch okay. Obwohl sie sich hier eingelebt hatte, versprühte ihre Wohnung ein gewisses nordisches Flair, was nicht nur daran lag, dass sie Stammkundin im Schwedenmöbelhaus war. Außerdem lagen hier überall diese Zeitschriften herum. Bunte. Gala. Neue Post.

Nelly arbeitete bei der Friedhofsverwaltung und ich hatte bereits schon öfter mit ihr zu tun gehabt. Telefonisch und rein dienstlich. Nichts weiter. Und dann kam diese eine Woche...

 

Flora hatte mich zu sich eingeladen. Sie steckte mitten im Scheidungskrieg mit Henning. Obwohl er wahrscheinlich den Knast nicht mehr lebendig verlassen würde, machte er seiner künftigen Ex-Frau das Leben zur Hölle. Ich wusste ja eigentlich, dass es vielleicht gerade kein guter Zeitpunkt war. Aber als wir da so auf ihrer Couch saßen, Barolo tranken und sie mir ihr Herz ausschüttete, da kam es einfach so über mich. Der Alkohol hatte meine Hemmschwelle etwas zu tief sinken lassen.

„Flora, ich liebe dich“, schmachtete ich sie an und am liebsten hätte ich sie geküsst.

„Konstantin. Nein."

Sie sah mich entgeistert an, während Tante Fanny in meinem Kopf schadenfroh lachte.

„Du bist zu jung. Das geht nicht“, vernichtete sie nach einer kurzen Pause jegliche Hoffnung in mir.

Das war das Totschlagargument schlechthin. Als ob Liebe etwas mit dem Alter zu tun hatte. Wenn ich daran zurückdachte, tat es immer noch weh. Seitdem war unser Verhältnis etwas distanzierter.

Und ein paar Tage nach dieser ganzen Geschichte telefonierte ich dann mit Nelly. Rein dienstlich.

„Friedhofsverwaltung. Sie sprechen mit Frau Meesenburg.“

Ihre Stimme war mir schon immer sehr sympathisch gewesen. Sie schäkerte ein bisschen mit mir am Telefon. Rein dienstlich natürlich. Und zum ersten Mal seit dieser Sache mit Flora hatte ich wieder ein Lächeln im Gesicht. Dass ich sie am nächsten Tag gleich wieder rein dienstlich an der Strippe hatte, war Zufall.

„Schon wieder Sie? Wenn Sie morgen noch mal anrufen, müssen Sie mir aber einen ausgeben“, witzelte sie in lupenreinem Hochdeutsch.

„Ich nehm Sie beim Wort“, gab ich lächelnd zurück.

Nachdem ich das Telefonat beendet hatte, suchte ich erst mal im Internet nach ihr. Und tatsächlich war sie auf der Homepage der Friedhofsverwaltung mit Foto zu sehen. Was ich sah, gefiel mir und so war das Telefonat am darauffolgenden Tag kein Zufall mehr. Das hatte ich ihr aber bis heute nicht gesagt. Sie hielt es nämlich immer noch für Schicksal.

Meine Gefühle für Flora waren deswegen zwar nicht verschwunden, aber wer weiß, wie lange sie noch brauchte, um zu erkennen, dass wir beide füreinander bestimmt waren. Und bis dahin war es ja wohl nicht verkehrt, sich anderweitig zu vergnügen.

 

Und nun war also dieser seltsame Samstag mit diesem noch seltsameren Telefonat mit Leichen-Franz. Bekleidet mit Boxershorts, Oasis-T-Shirt und Wollsocken, spurtete ich zurück in Nellys Schlafzimmer, wo selbige immer noch nackt dösend im Bett lag.

„Nelly! Nelly! Ich brauch dringend dein Auto“, riss ich sie aufgebracht aus dem Schlaf.

Etwas verpeilt richtete sie sich kurz auf und blickte mich mit ihren grauen Augen an.

„Wie? Was? Was ist denn los, Konstantin?“

„Franz ist irgendetwas passiert! Ich muss sofort zu ihm! Kann ich dein Auto haben?“, formulierte ich noch mal mein Anliegen, während ich mir meine Jeans hastig anzog.

„Auf keinen Fall“, gab mir Nelly prompt zurück.

„Was? Wieso?“

Verdutzt schaute ich sie an.

„Weil ich fahre und du hältst nach Blitzern ausschau.“

Drei Minuten später saßen wir gemeinsam in ihrem froschgrünen Up.

 

Kapitel 2

Es war vielleicht ganz gut, dass Nelly dieses grüne Etwas fuhr. Ich war doch eher ein behäbiger Fahrer, was wohl mit meinem Beruf zusammenhing, denn Leichenwagenfahrer gehörten nicht gerade zur Kategorie Raser.

Ich hatte das Navi auf meinem Handy auf die Route programmiert, die mich zu Franz‘ Standort führen sollte. 21 Minuten Fahrzeit. Er befand sich offensichtlich in einer Einöde im Wald, kurz hinter München. Was macht er dort nur an einem Samstagmorgen? Ich meine, Franz war jetzt nicht unbedingt der typische Waldspaziergänger. Er war eher das Gegenteil davon.

Mit quietschenden Reifen bog Nelly auf die Straße ein. Vergeblich suchte ich etwas zum Festhalten, während mich die Fliehkraft Richtung Beifahrertür drückte. Konzentriert und angespannt saß Nelly hinter dem Steuer und schlängelte sich in Rallyefahrermanier durch den Stadtverkehr.

„Blitzer“, schrie ich plötzlich.

Nelly bremste abrupt ab, während ich in den Sitz gepresst wurde. Kaum war das Hindernis vorbei, beschleunigte sie wieder auf schwindelerregende Geschwindigkeiten, die sie im Ernstfall mit Sicherheit den lebenslangen Führerscheinentzug bedeutet hätten.

Kaum waren wir außerhalb der Stadt, lotste uns das Navi in die bayerische Pampa. Eine lange Allee führte durch einen Wald und unserer Route endete schließlich nach nur 18 Minuten Fahrzeit mitten im Wald an einer einsamen Villa, die ein bisschen an Bauhausarchitektur erinnerte.

Nelly fuhr einen Bogen aus und bremste danach scharf. Und da sah ich ihn liegen, meinen Kumpel Leichen-Franz, leblos und mit einer fetten Platzwunde am Kopf. Sein Hut lag achtlos neben ihm und war mit Blut beschmiert. Wie von der Tarantel gestochen, riss ich die Autotür auf und stürzte zu meinem Freund.

„Franz! Franz!“, schrie ich in der Hoffnung, dass es noch nicht zu spät war.

Ich kniete mich neben ihn und schlug ihm instinktiv auf die Backe, um ihn irgendwie zu mobilisieren. Nelly war mittlerweile auch ausgestiegen und stand entsetzt neben mir.

„Ich ruf nen Krankenwagen“, war alles, was sie dazu sagte und wählte gleichzeitig den Notruf an.

„Franz!“

Immerhin hatte ich noch einen Puls bei ihm gefühlt. Vorsichtig drehte ich ihn in die stabile Seitenlage. Mehr fiel mir momentan auch nicht ein. Neben Leichen-Franz lag sein Smartphone im Dreck. Das Display hatte Risse. Von Weitem hörte ich schon das Martinshorn des nahenden Krankenwagens, als mein Kumpel plötzlich komische Geräusche von sich gab. Gleichzeitig spukte er eine Mischung aus Blut und Speichel auf den Boden.

„Was… Was ist los? Wo bin ich?“, fragte er mit heißerer Stimme, sodass ich ihn kaum verstand.

„Keine Ahnung“, antwortete ich ihm wahrheitsgemäß, „ich sollte sofort hierherkommen, weil du im Keller in der Kühltruhe irgendetwas entdeckt hast.“

„Was?“

Verpeilt blickte mir Franz in die Augen.

„Was hast du hier überhaupt gemacht?“, wollte ich von ihm wissen.

Langsam und schwerfällig rappelte er sich auf und rieb sich den Kopf. Sein weißer Anzug war ganz schmutzig.

„Keine Ahnung.“

Der Krankenwagen hielt direkt vor uns an. In Windeseile stiegen zwei Sanitäter aus. Ohne groß Notiz von mir zu nehmen, stürzten sie sich auf den Patienten und begannen ihn zu verarzten.

„Sieht aus, als hätte ihr Freund nur eine Platzwunde und eine leichte Gehirnerschütterung. Wir nehmen ihn zur Beobachtung mit in die Klinik.“

Mit einem dicken Verband um den Kopf lag Leichen-Franz schließlich auf der Trage, bereit zum Abtransport.

„Ich fahr deinen Transporter nach Hause“, sagte ich zu ihm, bevor er in den Krankenwagen geschoben wurde.

Kurz nachdem der Sanka abgefahren war, zündete ich mir zur Beruhigung erst mal eine Zigarette an.

„Nicht so viel rauchen“, maßregelte mich Nelly mit einem Augenzwinkern, nahm mir meine Kippe aus dem Mund, warf sie zu Boden und küsste mich. Dank ihr hatte ich meinen Nikotinkonsum bereits um eine halbe Schachtel am Tag verringert, was allerdings außer Nelly noch niemandem aufgefallen war. Wehmütig schaute ich nach unten zu meinem Glimmstängel, der noch leicht weiterrauchte. Aber halt! Was war das?

Circa einen Meter von meiner Zigarette entfernt glänzte ein Schlüssel im Dreck. Schnell hob ich ihn auf und begutachtete ihn.

„Wo gehört der wohl hin?“, fragte ich mehr zu mir selbst.

„Sollen wir mal schauen, ob er zum Haus passt?“, fragte Nelly abenteuerlustig.

„Gib bloß Obacht, Bub“, warnte mich dabei Tante Fannys Stimme eindringlich.

 

Kapitel 3

Nein, ich war kein Held. Innerlich hoffte ich, dass der Schlüssel nicht zur Haustür passen würde. Ich musste an die Sache damals mit dem Kalischek denken. Nein, in fremde Häuser gehen ohne Erlaubnis, das war nicht gut. Andererseits wollte ich mir vor Nelly keine Blöße geben. Also trottete ich mit gemischten Gefühlen meiner Freundin hinterher zu der gläsernen Eingangstür. Bevor sie den Schlüssel ins Schloss steckte, lächelte sie mir noch kokett zu. Hoffentlich passt er nicht.

Wie geschmiert glitt der Schlüssel in das Schloss und gab uns Zutritt zu diesem in die Jahre gekommenen, aber immer noch klassisch wirkenden Betonflachbau. Das Haus war sehr reduziert eingerichtet, strahlte aber gleichzeitig den Glanz vergangener Zeiten aus. Als wäre man in einer Ausstellung für Bauhausdesignmöbel. Eine große Fensterfront gab den Blick vom offenen Wohnzimmer auf einen Pool frei.

„Wow“, staunte Nelly, „wer hier wohl wohnt?“

„Keine Ahnung. Jedenfalls ist er nicht zu Hause.“

Hinter einem Sessel aus Leder und Chrom stand Franz‘ Putzmaschine.

„Ich glaube, Franz hat hier gearbeitet.“

Weiter schlichen wir durch das Haus. Mir wurde etwas mulmig zu Mute. Hatte Franz einen Leichenfundort gereinigt? Samstags? Oder hatte er hier nur den Jahresputz vollzogen? Vorhin am Telefon hatte er von einer Kühltruhe im Keller gesprochen, in der eine Lei… Leiche liegt? Angst beschlich mich.

„Ich guck mal in den Keller. Warte du hier oben auf mich.“

Vorsichtig öffnete ich die weiße Türe, die in das Untergeschoss führte. Eine schwache Glühbirne beleuchtete den Treppenabgang. Langsam bewegte ich mich hinunter.

„Scheiße“, entfuhr es mir, als ich auf der untersten Stufe beinahe auf einer Wasserlache ausgerutscht wäre.

„Alles klar, Konstantin?“, kam Nellys Stimme von oben.

„Alles klar.“

Weiter bewegte ich mich durch den schmucklosen, muffigen Keller. Technik. Heizraum. Gerümpel. Da stand sie plötzlich vor mir. Die Gefriertruhe. Vorsichtig öffnete ich den gläsernen Deckel und schaute, was da so drin lag. Erbsen. Kartoffelspalten. Kühlakkus… Ich erschrak.

„Nicht so schreckhaft.“

Nelly hatte sich von hinten angeschlichen und begutachtete nun ebenfalls den Inhalt der Kühltruhe.

„Und? Hast du was gefunden?“, fragte sie mich frech, „was suchst du hier eigentlich?“

„Nix. Ich guck bloß gern, was andere Leute so in der Gefriertruhe haben“, flunkerte ich.

„Auf jeden Fall keine Leichen“, meinte Nelly.

„Wie meist du das? Wieso Leichen? Wie kommst du auf Leichen“, stammelte ich etwas nervös.

Ich hatte Nelly nicht erzählt, was Franz mir im Detail am Telefon gesagt hatte. Und ganz sicher war ich mir sowieso nicht, was er tatsächlich hatte sagen wollen. Zumindest war hier in der Gefriertruhe keine Leiche, mal abgesehen von den Hähnchenschenkeln.

„War bloß Spaß. Eine Anspielung auf deine leichengefüllten Kühlkammern im Bestattungsinstitut“, konterte sie mit einem breiten Grinsen.

Ich war erleichtert, als wir fünf Minuten später endlich dieses gespenstisch anmutende Haus verlassen hatten.

„Ich fahr den Transporter von Franz noch zu ihm nach Hause“, teile ich Nelly kurz mit.

„Kommst du danach wieder zu mir?“, fragte sie mich erwartungsvoll.

„Mal sehen. Muss erst schauen, ob ich dem Franz noch was ins Krankenhaus bringen muss.“

„Melde dich einfach“, zwinkerte sie mir zu und küsste mich kurz zum Abschied.

Dann stieg sie in ihren grünen Frosch und ich in den Transporter. Umgehend zündete ich mir meine längst überfällige Zigarette an, startete den Motor und fuhr gemächlich Richtung München zurück.

 

Kapitel 4

Das große, schwerfällige Tor musste man noch mit der Hand öffnen. Gekonnt parkte ich den Transporter in der Halle. Ich stieg aus, sperrte das Vehikel ab und wählte die Nummer meines Kumpels auf dem Handy.

„Ja“, begrüßte mich Franz am anderen Ende der Leitung.

„Ich bin´s.“

„Weiß ich. Stand auf dem Display.“

„Brauchst du was?“

„Auf jeden Fall. Die haben mich hier in so ein komisches Flügelhemd gesteckt. Bring mir ein Unterhemd und ne Unterhose. Im Schrank hängt noch ein weißer Anzug. Und die Zahnbürste kannst du mir auch bringen.“

„Mhm“, stimmte ich ihm zu.

Franz‘ Schlafzimmer war alles andere als gemütlich. Schon der Fliesenboden war abschreckend. Irgendwie war hier alles ein bisschen 90er. Ich schaute in den Schiebetürenschrank. Ordnung war nicht gerade seine Stärke. Trotzdem entdeckte ich den Anzug und kramte Unterhosen und Unterhemd hervor. Ich musste zugeben, dass aufräumen auch nicht gerade zu meinen Stärken zählte, aber ich hatte ja im Gegensatz zu ihm auch keine Gebäudereinigungsfirma. Zusammen mit einer ausgefransten Zahnbürste packte ich das Zeug in eine Plastiktüte, die ich in der sprenkelgrauen Küche gefunden hatte. Dann machte ich mich auf in die U-Bahn Richtung Klinikum.

„Jetzt ist keine Besuchszeit“, maßregelte mich die alte mürrische Krankenschwester, „ich werde die Sachen aber weiterleiten.“

„Mhm“, murrte ich vor mich hin.

Als ich vor dem Eingang stand und mir eine Zigarette anzündete, wählte ich nochmals die Nummer meines Kumpels an. Ich musste wissen, was da heute Vormittag los war. Das Ganze ließ mir irgendwie keine Ruhe.

„Hoid di do raus“, warnte mich Tante Fanny in meinem Kopf.

„Ruhe“, antwortete ich ihr. In letzter Zeit war sie etwas leiser geworden.

„Ich moans ja bloß guat.“

„Konni“, nahm Leichen-Franz endlich mein Telefonat an.

„Die lassen mich nicht rein“, erklärte ich kurz.

„Was? Wieso das denn?“

„Besuchszeit ist vorbei.“

„Na, so was.“

„Sag mal, was war denn da heute Morgen los bei dir?“

„Wie meinst du das?“

„Na, dein Anruf. Ich meine die Sache mit dem Keller und der Kühltruhe.“

„Hä? Was meinst du?“

„Was ist da passiert?“

„Keine Ahnung. Ich hatte den Auftrag, die Bude vom alten Grabowski sauber zu machen. Ich musste den Leichenfundort reinigen. Sein Sohn ekelt sich davor. Es sollte möglichst schnell passieren. Er bot mir das doppelte Entgelt. Ohne Steuer.“

„Ohne Steuer?“

„Schwarz, Konni, schwarz.“

„Ach so. Der alte Grabowski sagst du?“

„Genau der. Kennst du den?“

„Kennen wäre übertrieben. Aber seine sterblichen Überreste liegen bei mir in der Kühlung.“

„Kundschaft?“

„Mhm.“

„De Hebamm war bei dem a nimma schuid“, mischte sich nun auch noch Tante Fanny ein.

In der Tat, der alte Grabowski war vor wenigen Tagen mit 91 Jahren friedlich entschlafen. Er hatte eine gewisse Ähnlichkeit mit Mr. Bruns von den Simpsons. Alt. Faltig. Dürr. Vielleicht nicht ganz so gelb im Gesicht. Sein Sohn hatte eine Obduktion anordnen lassen. Bei einem 91-Jährigen eher ungewöhnlich. Die Familie Grabowski war allgemein bekannt für ihr Klopapier. Weich. Sensitiv. Mit Duft. Und sie lebten nicht schlecht davon.

„Und was meintest du heute Morgen mit der Sache in der Kühltruhe?“, fragte ich nochmals bei Franz nach.

„Hä? Was meinst du damit?“

„Weißt du wenigstens noch, wie das mit deiner Gehirnerschütterung passiert ist?“

„Kein Plan. Vielleicht ist mir was auf den Kopf gefallen. Ich weiß es nicht.“

Es hatte keinen Sinn, ihn weiter zu löchern. Konnte er sich tatsächlich nicht mehr daran erinnern oder wollte er es nur nicht? Egal. War ja noch mal halbwegs gut gegangen.

Nachdem ich aufgelegt hatte, machte ich mich auf den Rückweg. Zu Nelly oder zu mir? Zu mir. Ich brauchte jetzt erst mal etwas Zeit für mich.

 

Kapitel 5

Zu Hause merkte ich erst, wie hungrig ich war. Da mein Kühlschrank diesbezüglich eher wenig zu bieten hatte, beschloss ich in der Wohnung meiner Mutter vorbei zu schauen, da dort sicher noch Reste vom Mittagessen zu finden waren. Bevor ich ins Haus ging, drückte ich noch meine Zigarette im Kies aus. Mama hasste es, wenn ich drinnen rauchte. Oder besser gesagt, sie mochte es generell nicht, wenn ich rauchte.

Wie immer war die Wohnungstür nicht abgesperrt. Wir wohnten hier ja auch quasi unter uns. Chrissy und Mama im ersten Stock, im zweiten lag die ehemalige Wohnung meiner Großeltern, die seit deren Tod als Lager für allerhand Bestatterkram herhalten musste. Und im Dachgeschoss befand sich Tante Fannys Mansardenwohnung, die zwar ich nun bewohnte, die sich allerdings vom Mobiliar her immer noch nahezu im Urzustand ihrer verblichenen Vorbesitzerin befand.

„Hallo“, schrie ich pauschal durch den Hausflur, um meinen Besuch anzukündigen.

„Namaste“, begrüßte mich eine mir bekannte Männerstimme, mit der ich allerdings nicht hier gerechnet hatte.

„Rudi? Was machst du denn hier? Hattest du einen Trauerfall?“

Rudi war mein Qi Gong Lehrer. Ich verstand mich gut mit ihm. Er war ein ziemlich cooler Typ um die 60 und äußerlich so eine Mischung aus Hippie und Alt-68er. Er trug ein Leinenhemd und eine Baumwollplunderhose. Seine dünnen weißen Haare hatte er immer zu einem Pferdeschwanz gebunden. Heute allerdings nicht, was eher ungewohnt war.

„Äh. Neeee. Kein Trauerfall. Wieso auch?“, antwortete er mit seiner gechillten Art auf meine Frage.

Was machte Rudi dann hier? Ich war leicht irritiert. Unser Kontakt beschränkte sich ausschließlich auf die Qi Gong Stunde am Donnerstagabend. Ich schaute ihn fragend an.

„Konstantin!“

Meine Mutter tauchte plötzlich vor mir auf.

„Mit dir hab ich heute gar nicht gerechnet. Bist du nicht bei Nelly?“

„Nö. Brauch mal ein bisschen Ruhe.“

„Rudi kennst du ja.“

Ich nickte, war allerdings immer noch planlos, was er hier machte.

„Hast du Hunger? Ich hätte noch etwas vom Quinoaauflauf übrig.“

„Quinoa?“

Meine Mutter hatte noch nie Quinoaauflauf gemacht. Was war hier los? Mama hatte ein gewisses Standardreportire an Kochrezepten. Und bei einem war ich mir sicher, Qinoa fiel nicht darunter. Dampfnudeln, Spaghetti mit Tomatensoße, Pfannkuchen, Schweinsbraten ab und zu. Aber kein Quinoa.

Vom Hunger getrieben folgte ich ihr aber dann doch in die Küche. Der angepriesene Auflauf war rosa, was mich zwar nicht störte, aber irgendwie ungewöhnlich war.

„Da sind rote Beete drin. Ist vegetarisch“, erläuterte mir Mama.

Ich setzte mich auf die Eckbank. Rudi war mir gefolgt und setzte sich neben mich, als wäre es das Normalste auf der Welt, während mir Mama das Essen in der Mikrowelle aufwärmte.

Ich hatte gerade angefangen, diesen seltsamen Auflauf zu essen, der tatsächlich ganz passabel schmeckte, als meine Schwester Chrissy ins Esszimmer kam.

„Wow. Ihr habt´s ihm endlich gesagt“, stieß sie grinsend hervor, während meine Mutter ihr einen bösen Blick zuwarf.

„Gesagt?“, fragte ich vorsichtig nach.

„Na ja. Also…“, stotterte Mama etwas verlegen, „ich meine, du reagierst immer so empfindlich auf Veränderungen.“

„Veränderungen?“

„Elli und ich sind 'n Liebespaar. Mit allem Drum und Dran“, mischte sich nun Rudi ein.

„What?!“

Mir war der Appetit schlagartig vergangen.

„Und was ist mit Papa?“

„Der ist seit fast zehn Jahren tot, Konstantin.“

Innerlich erregt stand ich auf und verließ die Wohnung, ohne ein weiteres Wort zu verlieren. Nein, ich war tatsächlich nicht der Typ für große Veränderungen. Auch wenn es immer hieß, Veränderungen wären das einzig Konstante im Leben. Bereits im Treppenhaus zündete ich mir zur Beruhigung eine Zigarette an. Wie in Trance lief ich die Treppen hinunter, aus dem Haus, über den Hof zum Leichenkühlraum. Ich brauchte jetzt ganz dringen Ruhe und Ablenkung. Immer noch etwas durch den Wind, zog ich den alten Grabowski aus seinem Kühlfach.

„Mei, des woa a wuider Hund. Des konn i dir song“, nervte mich nun auch noch Tante Fannys Stimme in meinem Kopf.

Ohne darauf zu reagieren, schlüpfte ich in meine Schutzkleidung und machte mich ans Werk. Die Arbeit würde mich auf andere Gedanken bringen. Es war eh nicht mehr zu früh. Montag Nachmittag würde der Klopapier-Baron in seinem Mausoleum auf dem Ostfriedhof beigesetzt werden.

 

Kapitel 6

Am späten Abend hatte ich mich dann doch noch entschlossen, die Nacht bei Nelly zu verbringen. Mit Rudi unter einem Dach, daran musste ich mich erst noch gewöhnen. Wie sollte ich mich ihm gegenüber das nächstes Mal beim Qi Gong verhalten? Oh Mann. Rudi war so anders, als Papa es gewesen war. Und ich konnte mich wirklich schlecht mit dem Gedanken anfreunden, dass Mama einen neuen Mann hatte.

Nelly hatte sich die halbe Nacht geduldig mein Gejammer angehört. Und heute Morgen fühlte es sich schon gar nicht mehr so schlimm an. Ich musste zugeben, es tat einfach gut, jemanden an seiner Seite zu haben. Seit das mit Nelly lief, hatten sich meine Schlafstörungen drastisch minimiert.

„Schnaxln is gsund“, kommentierte Tante Fanny meine Gedanken und lachte dabei schadenfroh.

Es war Sonntag. Ich lag in Nellys Bett und Nelly mit ihrem Kopf auf meiner Brust. Mit ihren Fingern streichelte sie über meinen nackten Bauch.

„Irgendwann sagst du mir aber mal, was da passiert ist.“

Sie fuhr über die Narbe der Schusswunde, die mir Henning verpasst hatte und die mich wohl ein Leben lang an Flora erinnern würde.

„Vielleicht. Irgendwann.“

Ich lächelte ihr zwinkernd zu.

„Manchmal bist du schon ein Mysterium. Hast du was zu verbergen? Und wann lädst du mich eigentlich mal zu dir nach Hause ein?“, neckte sie mich.

Ja, alles hatte ich Nelly in der Tat noch nicht über mich erzählt. Und wahrscheinlich wäre das auch besser so. Sanft rollte ich sie von mir. Meine morgendliche Dosis Nikotin war mehr als überfällig. Schnell zog ich mir meine Boxershorts und mein T-Shirt an, die auf dem Boden lagen und verschwand auf die Loggia.

Ich checkte kurz meine E-Mails auf dem Smartphone, als plötzlich auf dem Display erschien: Leichen-Franz ruft an.

„Was gibts?“, meldete ich mich knapp.

„Konni, du musst sofort hier her kommen!“, flehte mich mein Kumpel panisch an.

Déjà-vu.

 

Kapitel 7

„Soll ich mitkommen?“

„Nö, passt schon. Ich meld mich später.“

Kurz und knapp verabschiedete ich mich mit einem flüchtigen Kuss von Nelly. Franz hatte nicht erzählt, um was es genau ging, aber ich wusste, es war dringen. Also machte ich mich, ohne große Fragen gestellt zu haben, auf den Weg zu Franz in die Klinik.

Die alte mürrische Krankenschwester hatte mich bereits entdeckt.

„Junger Mann, es ist keine Besuchszeit.“

Wann war denn hier überhaupt mal Besuchszeit? Ich glaube, sie mochte mich nicht.

„Ähm. Ich habe eine unaufschiebbare Besprechung mit einem Ihrer Patienten. Es ist dringend“, blieb ich bei der Wahrheit und hielt ihr eine meiner Visitenkarten vom Bestattungsinstitut unter die Nase, von denen ich immer ein paar im Geldbeutel hatte.

„Oh. Ja. Also… Dann gehen Sie mal, bevor es zu spät ist.“

Peinlich berührt ließ mich die Schwester passieren.

Zimmer 246, hatte mir Franz mitgeteilt. Ein bisschen desorientiert irrte ich durch die Gänge, bis ich es fand. Vorsichtig öffnete ich die breite Tür.