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Raffaele besucht die Berghütte seines Großvaters, die er nach dessen Tod geerbt hat. Von seinem Job als Foodblogger und Gastronomiekritiker braucht er ein bisschen Abstand. Mit Besuch rechnet er in der herbstlichen Einsamkeit der Dolomiten nicht. Doch dann taucht plötzlich eine fremde Frau bei ihm auf, bei der er sofort diese Verbindung spürt: Emma. Nach einer ersten romantischen Begegnung mit ihr muss Raffaele allerdings feststellen, dass es etwas gibt, das zwischen ihnen steht und alles zerstören könnte. Wenn es jedoch die Hoffnung auf ein Happy End noch gibt, dann nur in den Bergen Südtirols...
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Südtirol-Kurzgeschichte
von
Coco Eberhardt
Kapitel 1
Der geschotterte Parkplatz war fast leer. Anders als im Sommer, wenn sich die Touristen mit ihren Autos drängten und jede noch so kleine Lücke in Beschlag nahmen. Die Passstraße schlängelte sich daran vorbei. Doch seit ich hier stand, war kein einziges Fahrzeug vorbeigefahren. Gegenüber lag ein Gasthof, der jedoch bereits im Dornröschenschlaf lag und erst wieder in der nächsten Saison zum Leben erwachen würde. Als ich aus dem Auto stieg, wehte mir frische Luft um die Nase. Die hohen Nadelbäume, die die steilen Berghänge besiedelten, wogten im Wind. Ich schloss den Reißverschluss meiner Jacke und holte mein Gepäck aus dem Kofferraum. Eine Sporttasche und einen Rucksack, die mit dem nötigsten gefüllt waren, um hier ein paar Tage überleben zu können. Mit einem Klicken verriegelte ich das Auto und ging zu dem Forstweg, der hinter einer Schranke den Berg hinaufführte und nur zu Fuß begehbar war.
Während der ersten Meter fühlte ich mich plötzlich zurückversetzt in eine andere Zeit. Als Kind hatte ich einen Großteil der Sommerferien bei meinem Großvater in den Bergen verbracht. Meine Eltern mussten arbeiten. Mein Vater stammte aus einer Hoteliers-Familie, die an der Adria ein Hotel betrieb. Während der Semesterferien hatte Mama damals für ein paar Monate dort gejobbt. Dass sie bleiben würde, hatte sie wohl nicht gedacht. Und mein Großvater noch viel weniger. Er war nicht gerade begeistert davon, dass sich seine einzige Tochter in einen Italiener verliebt hatte. Obwohl er selbst einen italienischen Pass hatte, fühlte er sich in erster Linie als Südtiroler. Aber spätestens als meine Mutter mit mir schwanger war, versuchte er diese Verbindung zu akzeptieren, was ihm ganz gut gelungen war. Ich hatte ein sehr gutes Verhältnis zu ihm gehabt. Und auch wenn wir uns manchmal ziemlich lange nicht sehen konnten, waren die Wochen im Sommer bei ihm ein prägender Teil meines Aufwachsens, den ich nicht missen wollte.
Nun ging ich den Weg hinauf, der noch genauso war wie früher. Nur, dass um diese Jahreszeit die meisten Blumen und Kräuter am Wegrand schon verblüht waren und die Lärchen sich bereits orange gefärbt hatten. Der Aufstieg war anstrengender, als ich ihn in Erinnerung hatte. Obwohl ich regelmäßig Sport machte, schnaufte ich ein bisschen. Der Himmel über mir war grau und in manchen Bäumen hatten sich wolkige Nebelschwaden verfangen. Es war Herbst und der Winter nicht mehr weit. Hier oben in den Bergen spürte man das noch viel mehr.
Es waren nur zwanzig Minuten bis zu der kleinen Holzhütte, aber es kam mir wesentlich länger vor. Es gab plötzlich nichts mehr, mit dem ich mich ablenken konnte, was meine Gedanken schamlos ausnutzten. Als ich endlich das kleine Hochplateau mit den drei Hütten entdeckte, war ich erleichtert. Eine davon war die Hütte meines Großvaters. Er hatte das ganze Jahr dort gelebt, während die anderen beiden nur im Sommer bewirtschaftet worden waren.
Ich ging die Holzstufen hinauf, schloss die Tür auf und stand schließlich in dem kleinen Wohnraum. Ein alter Emaille-Ofen, der nicht nur zum Heizen diente, sondern gleichzeitig auch zum Kochen, stand an der Wand vor einem der Sprossenfenster, von dem aus man einen wunderbaren Blick auf das Massiv des Rosengartens hatte, das heute allerdings in Nebel gehüllt war. Ich stellte mein Gepäck auf den Boden. Alles sah aus wie immer und für einen Moment hatte ich die Illusion, dass Opa jederzeit hereinkommen würde. Aber dann wurde mir bewusst, dass das nicht passieren würde. Nie wieder. Er war vor wenigen Woche gestorben. Und er hatte mir seine Hütte vermacht, mit der ich nicht so recht wusste, was ich anfangen sollte. Mein Leben war in Florenz. Ich lebte in einer loftartigen Wohnung, mit Blick über die Stadt. Und daran wollte ich auch nichts ändern. Was sollte ich mit einer einsamen Hütte in den Bergen, die noch nicht mal fließend Wasser hatte? Doch irgendwie hatte es mich hierhergezogen. Ich redete mir ein, dass es deshalb war, weil ich die Hütte verkaufen wollte und ich mir ein Bild vom Zustand machen musste. Aber tief in mir wusste ich, dass es mehr war. Ich war auf der Flucht. Auf der Flucht vor mir selbst.
Schnell schüttelte ich diesen Gedanken ab und ging nochmal hinaus, um Holz zu holen. Es war kalt und die Landschaft um mich wirkte verlassen und ein wenig düster. Ganz anders, als ich es aus meiner Kindheit in Erinnerung hatte. In einem alten Drahtkorb, der schon rostige Stellen hatte, trug ich das Holz hinein und schürte den Ofen an. Bald loderte ein kleines Feuer in der Brennkammer, das den Raum langsam mit Wärme füllte. Da es draußen immer dunkler wurde, zündete ich die zwei Öllampen an, die auf dem kleinen Esstisch standen. Auf einmal wirkte der Raum behaglich. Mein Magen knurrte leise. Seit ich losgefahren war, hatte ich nichts mehr gegessen, was mir erst jetzt auffiel. In letzter Zeit war mein Appetit eher mäßig. Derweil liebte ich eigentlich gutes Essen. Oder um es genauer zu sagen: Essen war mein Leben und meine Passion. Ich war Gastronomiekritiker. Unter einem Pseudonym schrieb ich regelmäßig Kritiken für Zeitschriften und Kolumnen. Außerdem betrieb ich einen erfolgreichen Foodblog. Die Frage war nur, wie lange noch? Das ungute Gefühl, das mich seit Wochen begleitete, zog sich durch meinen Körper.
Kapitel 2
Hier gab es keinen Fernseher, der mich ablenken konnte. Und auch von WLAN konnte ich nur träumen. Lediglich das Kurbelradio, das ich Opa vor etlichen Jahren zu seinem runden Geburtstag geschenkt hatte, nahm mir ein wenig das Gefühl der Einsamkeit, mit dem ich plötzlich konfrontiert war. Eigentlich hatte ich vorgehabt ein paar Tage zu bleiben. Doch im Moment wollte ich am liebsten sofort wieder abreisen. Keine Ahnung, wie ich es hier aushalten sollte. Ich hatte gehofft, meine Gedanken ein wenig sortieren zu können. Aber das Gegenteil war der Fall. Ich war völlig durcheinander. Jetzt zurückzufahren war keine gute Idee. Es dämmerte bereits. Eine Nacht würde ich schon überleben.
Ich ging mit einer der Öllampen in das kleine Schlafzimmer, das sich hinter dem Wohnraum befand, und bezog das Bett mit einem der karierten Bezüge aus dem alten Holzschrank. Meine Pläne für heute Abend waren überschaubar. Ich wollte eine Kleinigkeit essen. Vielleicht noch ein bisschen lesen. Dann schlafen. Mehr konnte ich hier eh nicht tun.
Gerade knüllte ich die gebrauchte Bettwäsche zusammen, als ich Geräusche hörte. Das konnte doch nicht sein. Ich erwartete eigentlich keinen Besuch. Leise schlich ich mich in den Wohnraum. Tatsächlich machte sich jemand an der Tür zu schaffen. Leichte Panik beschlich mich und ich schnappte mir den Schürhaken neben dem Ofen, um mich zu bewaffnen. Ich hielt die Luft an und hörte mein Herz wild pochen. Opa hatte oft erzählt, dass sich früher in den Bergen allerhand Gesindel herumgetrieben hatte. Doch ich hatte mich hier oben immer sicher gefühlt. Aber in diesem Augenblick war mir ganz anders zumute. Hatte mich jemand verfolgt? Als Gastronomiekritiker hatte ich nicht nur Freunde. Aber da ich unter einem Pseudonym schrieb, wussten eigentlich nur sehr wenige Menschen, wer ich wirklich war. Langsam öffnete sich die Tür, während ich den Schürhaken fest umklammerte und jederzeit zum Äußersten bereit war. Ich konnte nicht sofort erkennen, wer mein ungebetener Gast war. Doch auf einmal schauten mich zwei große braune Augen an. Dann folgte ein lauter Schrei. Der Eindringling hatte wohl nicht mit meiner Anwesenheit gerechnet.
„Was tun Sie hier? Und wer sind Sie?“, wurde ich unsanft angeherrscht.
„Das gleiche könnte ich Sie fragen?“, gab ich zurück und verstand die Welt nicht mehr.
Im fahlen Licht erkannte ich eine Frau.
„Mit welchem Recht?“
„Das ist meine Hütte.“
Sie erstarrte. Ihre Gesichtszüge waren angespannt.
„Oh“, entfuhr es ihr. „Ich… wollte… ähm.“
„Ja?“
Obwohl ich noch immer nicht wusste, was sie hier wollte, beruhigte sich mein Puls langsam wieder. Sie war auf eine natürliche Art sehr hübsch. Ihre braunen Locken fielen ihr auf die Schultern. Sie trug eine graue Wollmütze und einen roten Mantel.
„Ich wollte hier eigentlich übernachten“, fand sie wieder ihre Stimme.
„Bei mir?“
„Ja. Äh. Nein. Ich bin öfter hier.“
Überrascht schaute ich sie an.
„Ich kannte den Kofler Luis gut“, erklärte sie weiter. „Sind Sie dann sein…“
„..Enkel“, ergänze ich ihren Satz. „Ja.“
„Er hat immer gerne von Ihnen erzählt. Er mochte Sie sehr. Irgendwie habe ich Sie mir anders vorgestellt.“
„Wie denn?“, brummte ich.
„Na ja. Freundlicher“, meinte sie und zeigte auf den Schürhaken, den ich in Kampfpose noch immer fest umklammert in der Hand hielt.
