Konsum und Gewalt - Alexander Sedlmaier - E-Book

Konsum und Gewalt E-Book

Alexander Sedlmaier

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Beschreibung

Nachdem in der Nacht auf den 3. April 1968 in zwei Frankfurter Kaufhäusern mehrere Brandsätze zündeten, fanden die Ermittler bei den Tatverdächtigen einen Zettel: »Der Konsumzwang terrorisiert euch. Wir terrorisieren die Ware.« Die Anschläge, an denen unter anderem die späteren Mitbegründer der RAF Andreas Baader und Gudrun Ensslin beteiligt waren, griffen eine im Kontext des Kalten Kriegs erstarkende Dimension der Gesellschaftskritik auf. Verstand die klassische marxistische Analyse die Produktion als die eigentliche Sphäre der Unterdrückung, so erschien nun zunehmend der Konsum als Reich der Unfreiheit. Widerstand gegen den »Konsumterror« galt als legitim, einigen sogar dann, wenn er militante Formen annahm.

Gestützt auf umfangreiche Archivstudien, zeichnet Alexander Sedlmaier die Entwicklung der Konsumkritik in der Bundesrepublik nach. Er erläutert die insbesondere durch Herbert Marcuse formulierten theoretischen Grundlagen und stellt dar, wie sich der Protest im Zuge der Kampagnen gegen die Springer-Presse und Fahrpreiserhöhungen im öffentlichen Nahverkehr radikalisierte, bevor er in der Hausbesetzerszene zu einer eigenen Lebensform wurde.

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Seitenzahl: 720

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Alexander Sedlmaier

Konsum und Gewalt

Radikaler Protest in der Bundesrepublik

Suhrkamp

Inhalt

Einleitung

1. Warenhäuser: Der politische Protest entdeckt den Einzelhandel

2. Neomarxistische Kritik der Wohlstandsgesellschaft: Bedürfnisse, Waren, Gewalt

3. Die Konsumgesellschaft unter Beschuss: Militante Angriffe auf einen abstrakten Gegner

4. Öffentlicher Nahverkehr: Proteste gegen Fahrpreiserhöhungen

5. Die Medien: Die Anti-Springer-Kampagne

6. Städtischer Raum: Die Hausbesetzerbewegung

7. Globale Verantwortung: Auf der Suche nach Moral und Solidarität im Konsum

Schluss

Ausgewählte Quellen und Literatur

Bildnachweise

Register

Einleitung

Dieses Buch befasst sich mit der politischen Dimension der Themenfelder Konsum und Gewalt in der Bundesrepublik Deutschland, insbesondere mit der Wechselwirkung zwischen beiden. Im Einzelnen geht es um die historische Verortung der Kritik an »Versorgungsregimen«, ein zentraler analytischer Begriff, der im Weiteren definiert wird. Das Hauptaugenmerk gilt politischen Artikulationen aus den Reihen der Neuen Linken und ihrer Vorgänger im Zeitraum von den späten fünfziger Jahren bis zur deutschen Vereinigung von 1990. Diese werden mit sozialen Praktiken des radikalen und militanten Protests in Beziehung gesetzt. Die Analyse stützt sich auf Quellen von Menschen, die in Theorie und Praxis die sie umgebenden »Versorgungsregime« kritisiert und versucht haben, alternative Semantiken des Konsums zu entwickeln. Dabei handelt es sich gleichermaßen um Philosophen, die an einer kritischen Theorie der Wohlstandsgesellschaft arbeiteten, um Bewohner von Kommunen oder besetzten Häusern, um politische Aktivisten, die vom Fahrpreisprotest bis zu den Vorläufern der Globalisierungskritik in ein breites Spektrum von Protestbewegungen involviert waren, aber auch um prominente Militante, die in der Regel unter dem Begriff »Terroristen« behandelt werden. Es geht also nicht um durchschnittliche Konsumenten und auch nicht um Verbraucherorganisationen, die den Begriff des Konsumenten zur Bezeichnung einer Interessenvertretung nutzten, sondern um Diskurse, Ideen und Praktiken des Konsums, um ihre konfliktträchtige Umsetzung und darum, wie sie sich auf den politischen Protest der Neuen Linken auswirkten. Ferner analysiere ich die sich daraus ergebenden Konfrontationen mit der Staatsmacht, die nicht nur bestrebt war, Recht und Ordnung, sondern auch die Gegebenheiten und Ideale bestehender »Versorgungsregime« aufrechtzuerhalten, besonders im Kontext der Systemkonfrontation während des Kalten Kriegs. Die folgenden Kapitel liefern ausführliche Beispiele dafür, wie diejenigen, die sich an den Diskursen über »Versorgungsregime« und an militantem Protest beteiligten, ihre Wahrnehmungen komplexer ökonomischer Abläufe in emotionsgeladene und konfrontative Akte der politischen Kommunikation verwandelten. In diesem Zusammenhang ist es sinnvoll, die Frage zu stellen, wann, wie und wo sich Narrative konstituierten, die das Entstehen politischer Gewalt nicht nur ermöglichten, sondern zweckmäßig erscheinen ließen. Gestützt auf umfangreiches Archivmaterial zu sozialen Bewegungen und militanten Gruppen, das bisher nicht in konsumhistorischer Perspektive ausgewertet wurde, zeigt dieses Buch, dass die Konsumdebatten in der Bundesrepublik während des Kalten Kriegs mit Diskursen zum staatlichen Gewaltmonopol, zu Terrorismus, Krieg, Revolution und Genozid historisch eng verknüpft waren.

Es ist deshalb erforderlich, die Frage nach dem Zusammenhang zwischen Konsum auf der einen Seite und Konflikt, Zerstörung und Gewalt auf der anderen grundsätzlich anzugehen. Die Etymologie der Wörter, die auf das lateinische Wort consumere zurückgehen, legt eine intrinsische Verbindung nahe. Das Verb vereinigt in sich Bedeutungen der physischen Zerstörung (z. ‌B. zerreiben, zernagen, durch Feuer vernichtet werden, aufreiben, hinraffen, umbringen, töten) und Bedeutungen des Verbrauchs oder der Nutzung von Ressourcen (z. ‌B. aufbrauchen, verzehren, verprassen, vergeuden, Zeit verbringen oder verstreichen lassen).[1] Obwohl in der deutschen Sprache die Bedeutung der physischen Zerstörung seit dem 19. Jahrhundert weitgehend obsolet geworden ist,[2] wird doch leicht ersichtlich, dass dieses semantische Feld zu einem Schlachtfeld werden kann, wenn es um die sozialen und politischen Implikationen des Begriffs geht.

Konsum im Spannungsfeld des Kalten Kriegs

Die Errichtung einer modernen Verbrauchsökonomie wird in der Regel als integraler Bestandteil des erfolgreichen Modernisierungsprozesses der Bonner Republik gesehen. Die bundesdeutsche Entwicklung wird in umfassendere Narrative eingebettet, denen zufolge von amerikanischen Modellen inspirierte Konsumgesellschaften durch den Abbau von Hierarchien und Klassenunterschieden im Lebensstil einen Prozess der Demokratisierung vorantrieben. Die meisten Studien, die diese Interpretation vertreten, heben den Kontrast zwischen den Wohlstandsgesellschaften der Nachkriegszeit und der Not und Zerstörung im Zeitalter der Weltkriege hervor, doch geht diese Art der Deutung zumeist nicht über die frühen siebziger Jahre hinaus.[3]

In den späten sechziger und besonders in den frühen siebziger Jahren zeigte der immense wirtschaftliche Optimismus aus den Zeiten des Booms in den Nachkriegsjahren erste Risse. Ausgeprägte soziale Gegensätze wurden wieder sichtbar, erste Anzeichen dessen, was Eric Hobsbawm die »historische Tragödie der Krisenjahrzehnte« genannt hat.[4] Die frühen siebziger Jahre stellen einen veritablen Wendepunkt in der Geschichte der Bundesrepublik dar: Wachsende Arbeitslosenzahlen und die Anfänge der Krise des Sozialstaats ließen überwunden geglaubte soziale Hierarchien wieder hervortreten und unterminierten die integrativen Effekte der vorigen Ausdehnung der Konsumgütermärkte.[5]

Gleichzeitig war bei den Zeitgenossen die Neigung erkennbar, vor dem Hintergrund der kollektiven Erinnerung an die unendlich grauenvollere Zeit der Entbehrung, die aus der Gewalt und den Zerstörungen während des Zweiten Weltkriegs resultierte, das Ausmaß der Krise herunterzuspielen. Die US-amerikanische Historikerin Victoria de Grazia beschreibt eindrücklich die spezifische historische Relativität in der europäischen Wahrnehmung dessen, was sie Amerikas »Imperium der Marktwirtschaft« nennt: »Geschaffen als Alternative zum Militarismus Europas, entwickelte es sich zu einem vorbildlichen Exempel für die gesellschaftliche Gestaltung eines guten Lebens in einem Jahrhundert, das ein Fortsetzungsroman mit Kapiteln wie ›Totaler Krieg‹, ›Bürgerkrieg mit Brudermord‹, ›Völkermord‹ und ›Atomare Vernichtung‹ war.« Seine »siegreiche[n] Waffen [stammten] aus dem Arsenal einer superreichen Konsumkultur«, was darüber hinwegsehen ließ, dass die »vielen militärischen Siege [des Imperiums der Marktwirtschaft] — und seine gelegentlichen Niederlagen — immer mit bedeutsamen Durchbrüchen zugunsten der Konsumgüterbranchen und der Verbraucherwerte einhergingen«.[6] Die diesem Phänomen zugrunde liegende Strategie der Soft Power erforderte die ständige Strahl- und Anziehungskraft, die von Repräsentationen des Wohlstands ausgingen, und betonte den seit langem bestehenden ideologischen Wettstreit der »Versorgungsregime«. Die allgegenwärtige transatlantische Konsumdebatte lieferte den Nährboden für eine weitreichende und anhaltende Verknüpfung von Fragen des Konsums mit Szenarien des gewaltsamen Konflikts. Der Konsumdiskurs war mit den Spannungen im Ost-West-Verhältnis und dem nuklearen Wettrüsten intrinsisch verbunden. Die sogenannte »Küchendebatte« zwischen dem amerikanischen Vizepräsidenten Richard Nixon und dem sowjetischen Staats- und Parteichef Nikita Chruschtschow in einer Modellküche auf der Amerikanischen Nationalausstellung 1959 in Moskau ist das bekannteste Beispiel für diese diskursive Amalgamierung. In rascher Abfolge wurden unterschiedlichste Themen diskutiert: von Farbfernsehen über das amerikanische Gesetz, das die dritte Juliwoche zu einer offiziellen Gedenkwoche für die vom Kommunismus unterdrückten Nationen machte, Raketen und Waschmaschinen bis hin zu Haushaltsgeräten, das gute Leben und Militärstützpunkte in Übersee.[7]

Abb. 1: Der sowjetische Staats- und Parteichef Nikita Chruschtschow im Gespräch mit dem amerikanischen Vizepräsidenten Richard Nixon während der berühmten »Küchendebatte« auf der Amerikanischen Nationalausstellung in Moskau, 24. Juli 1959.

Der österreichisch-amerikanische Psychologe und Pionier der Marktpsychologie Ernest Dichter betonte im Jahr 1960, die wichtigsten Waffen im »Arsenal« des westlichen Lagers seien die Wünsche der Menschen. Im Konsum liege der Schlüssel zu den mächtigsten Waffen des Kalten Kriegs, die das Vermögen besaßen, materielle Gegenstände zu transzendieren: »Wir führen einen Scheinkrieg gegen Raketen und H-Bomben, unter dessen Oberfläche der wahre, der schleichende Kampf um den Besitz des menschlichen Geistes tobt.«[8] Vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte konnten solche Ideen aber auch einen Beigeschmack von Propaganda und greifbarerer Gewalt haben, was Aldous Huxley schon 1958 hervorgehoben hatte:

Zwanzig Jahre bevor die großen Werbeagenturen sich auf »Motivationsforschung« verlegten, erforschte Hitler systematisch die geheimen Befürchtungen und Hoffnungen, die Begierden, Ängste und Frustrationen der deutschen Massen und beutete sie aus. Gerade durch das Manipulieren »geheimer Kräfte« bewegen uns die Werbefachleute, ihnen ihre Waren abzunehmen — eine Zahnpasta, eine bestimmte Zigarrenmarke, einen politischen Kandidaten. Und dadurch, dass er sich an dieselben »geheimen Kräfte« wandte […], bewog Hitler die deutschen Massen, sich einen Führer, eine wahnwitzige Philosophie und den Zweiten Weltkrieg zu kaufen.[9]

Huxley bezog sich explizit auf Vance Packards Die geheimen Verführer. Zwar kam Hitler in Packards Buch nicht vor, aber dessen Untersuchungen zur Motivationsforschung bei Konsumenten lösten eine Welle kritischer Stimmen zum Thema Werbung aus.[10] In den späten fünfziger Jahren wurden Darstellungen der »Gesellschaft im Überfluss« und der mit ihr einhergehenden sozialen Manipulation aus der Feder US-amerikanischer Autoren — neben Packard vor allem John Kenneth Galbraith[11] und David Riesman[12] — in der Bundesrepublik zu Bestsellern. Marktforscher und Kritiker waren sich in der Annahme einig, dass der Konsument manipulierbar sei. Die einflussreichste Darstellung der fortgeschrittenen Industriegesellschaft, Herbert Marcuses Der eindimensionale Mensch, entstand ebenfalls im Kontext der im Kalten Krieg geführten intellektuellen Debatten zum Thema Wohlstand und wurde zu einem Schlüsseltext für die im vorliegenden Buch analysierten Entwicklungen. Marcuses ursprünglicher Entwurf für eine Untersuchung des Mentalitätswandels in den Industriegesellschaften umfasste sowohl den kapitalistischen Westen als auch die Sowjetunion. Er änderte seinen Plan aber zunächst zugunsten einer von der Rockefeller-Stiftung in Auftrag gegebenen Studie, die sich ausschließlich mit der Sowjetunion beschäftigte. In der Folge arbeitete er weiterhin für die Rockefeller-Stiftung, und Der eindimensionale Mensch wurde in vieler Hinsicht das Pendant zu Die Gesellschaftslehre des sowjetischen Marxismus.[13]

In der Bundesrepublik gab es eine allgemeine Tendenz, durch die Wahl des Vokabulars die Semantik der Gewalt in den Konsumdiskurs einfließen zu lassen. In dem viel diskutierten Buch An der Konsumfront aus dem Jahr 1957 berichtete der Wiener Autor Karl Bednarik von den »Kriegsschauplätzen des Konsums«, wo sich der »Lebenskampf des Massenmenschen« abspiele.[14] Der Spiegel berichtete, »daß im Laboratorium des Seelenmanipulators [Ernest] Dichter das schwerste Attentat vorbereitet wird, das jemals bewußt gegen das abendländische Menschenbild gerichtet worden ist«.[15] Ein Lobbyist der Werbebranche sah in Packards Die geheimen Verführer gar eine »Atombombe gegen die Werbung«.[16] Der Philosoph Günther Anders prangerte den »sanften Terror« der konformistischen populären Unterhaltung an.[17] Der Soziologe Helmut Schelsky nannte den Straßenverkehr ein »Gemetzel des Guerilla-Krieges«.[18] Im Jahr 1977 kam eine wissenschaftliche Untersuchung von 330 Schulbüchern zu dem Ergebnis, die Werbung werde häufig militärisch konnotiert dargestellt. Als Beispiele wurden folgende Begriffe angeführt: »Werbefeldzug«, »Werbeschlacht«, »Werbegeschosse«, »Marken-Offensive«, »Überraschungsangriffe«, »Massenbombardement« und »Dauerfeuer«. Mehr als siebzig Prozent der untersuchten Schulbücher, so lautete ein Fazit der Studie, stellten die Werbung als manipulativ dar.[19] Seit den späten sechziger Jahren sahen sich viele Linke in der Bundesrepublik einer repressiven Totalität ausgesetzt, deren Wurzeln sie in diffusem »Konsumterror« vermuteten. Um den sich verbreitenden kritischen Einstellungen entgegenzutreten, unternahm die Werbeindustrie mit erheblicher Unterstützung des Axel-Springer-Verlags in den siebziger Jahren eine veritable Imagekampagne.[20]

Abb. 2: »Milch … die neue Waffe der Demokratie!« Werbeanzeige des US-amerikanischen Flugzeugherstellers Douglas Aircraft Company anlässlich der Berlin-Blockade, Anfang 1949.

Im Deutschland des Kalten Kriegs waren das Ideengut und die Bilderwelt des Konsums auf der einen Seite und der politischen Konflikte und Krisen auf der anderen eng miteinander verflochten. Das begann spätestens mit der Währungsreform von 1948, die zur Berlin-Blockade und der Versorgung West-Berlins über die sogenannte Luftbrücke führte. Nun gingen Bilder von Militärmaschinen um die Welt, die keine Bomben mehr abwarfen, sondern Süßigkeiten und Milchpulver. Dem Aufstand vom 17. Juni 1953 in der DDR gingen eine Versorgungskrise und die nicht eingehaltene Ankündigung voraus, die Lebensmittelrationierung aufzuheben. Wieder wurden amerikanische Waren und Nahrungsmittelpakete zu Waffen der psychologischen Kriegsführung. Für diese wurden allerdings die Produkte der Kulturindustrie bald wichtiger als die Nahrungsmittel. Bis Mitte der fünfziger Jahre stimmten die Funktionseliten der beiden deutschen Staaten noch in einer gewissen kulturkonservativen und skeptischen Haltung gegenüber den Produkten der amerikanischen Massenkultur überein. Im Westen wurde diese Einstellung zunehmend von dem Bemühen verdrängt, aus Konsumgütern wirkungsvolle Waffen der Systemkonkurrenz zu schmieden, was in der politischen Rhetorik mit einer ostentativen Entpolitisierung des Konsums einherging. Die Behörden der DDR zählten sieben Millionen West-Berlin-Besuche ihrer Staatsbürgerinnen pro Jahr und sahen die Konsumkultur des Westens zunehmend als Bedrohung für die sozialistische Jugend und — auch nicht ganz zu Unrecht — als das Werk amerikanischer Agenten.[21] West-Berlin wurde planmäßig zum Schaufenster der Systemkonkurrenz und zum Erfolgsindikator für das »Wirtschaftswunder« aufgebaut. Chruschtschows Berlin-Ultimatum vom November 1958 — in einer Note an die Alliierten hatte der Sowjetführer gedroht, die Kontrolle über die Versorgungswege zwischen West-Deutschland und West-Berlin an die DDR zu übergeben, sollte West-Berlin nicht zu einer entmilitarisierten »Freien Stadt« erklärt werden — vollzog sich vor dem Hintergrund eines größeren Plans, den Westen beim Pro-Kopf-Verbrauch bestimmter Nahrungsmittel und Konsumgüter bis 1961 zu überholen. Der Wohlstand der DDR war zentraler Bestandteil der sowjetischen Konkurrenzstrategie. Anastas Mikojan, Mitglied des Zentralkomitee-Präsidiums, versicherte seinen Gesprächspartnern in Ost-Berlin im Juni 1961, die DDR sei der Ort, an dem sich das sozialistische System »als richtig und überlegen« zu erweisen habe.[22] Mit Hinblick auf mögliche Wirtschaftshilfe aus der Sowjetunion hatte Walter Ulbricht Chruschtschow im Januar 1961 erklärt, für sein Land sei der wirtschaftliche Wettkampf mit dem kapitalistischen System weiterhin das zentrale Problem. Die Adenauer-Regierung führe »den Kampf gegen die DDR in der Hauptsache mit ökonomischen Mitteln«. Der Vorsitzende des Zentralkomitees der SED machte unmissverständlich klar, man gerate gegenüber dem leistungsstarken Konkurrenten im Westen zunehmend ins Hintertreffen. Innenpolitische Erwägungen hätten die Führung schon dazu bewogen, mehr Ressourcen für die Konsumgüterversorgung zur Verfügung zu stellen, als sich rein ökonomisch rechtfertigen lasse.[23] Was Ulbricht gegenüber seinen Moskauer Verbündeten nicht erwähnte, war die Tatsache, dass die von der Ost-Berliner Führung vorgenommene zweite Welle der Zwangskollektivierung zu einer Verringerung der Produktivität geführt hatte. Die Folgen waren eine schlechtere Versorgung mit Nahrungsmitteln und eine ständig steigende Zahl von Westflüchtlingen. Die Berliner Mauer wurde zu einem Zeitpunkt errichtet, als die Anziehungskraft des aufwändig inszenierten »Wirtschaftswunders« das östliche Konkurrenzprogramm in die Defensive gezwungen hatte.

Dank erheblicher Subventionen und Steuervergünstigungen kam es in West-Berlin trotz des Mauerbaus und der darauf folgenden Abwanderung von Industriebetrieben zu einem Boom der Einzelhandelsbranche. Die Regierungen in Ost- und West-Berlin sowie in Washington und Moskau stützten sich zur Stärkung ihrer politischen Legitimität weiterhin auf Bilder vom wirtschaftlichen Wohlstand. Großen Warenhäusern kam bei diesen Bemühungen besondere Bedeutung zu.[24] Im Sommer 1963 umriss Egon Bahr in einer Rede zum Verhältnis der beiden deutschen Staaten das berühmte Konzept »Wandel durch Annäherung«, das in der späteren Ostpolitik der Regierung unter Willy Brandt eine entscheidende Rolle spielen sollte. Als explizites Ziel seiner ausgeklügelten Wettbewerbsstrategie nannte Bahr ein »stärkeres Konsumgüterangebot« im Osten, das in der Bevölkerung die Nachfrage stimulieren sollte.[25] Der gar nicht so undurchlässige »Eiserne Vorhang« brachte den Warenfluss zwischen den beiden Systemen nie vollständig zum Erliegen. Die Berliner Mauer war eine gewaltsame, aber auch poröse Trennlinie zwischen zwei Versorgungsregimen. Letztlich war die verstärkt artikulierte Konsumnachfrage im gesamten sowjetischen Einflussbereich definitiv ein Faktor, der zu ihrem Fall beitrug.

Diese kurze Skizze der historischen Entwicklung unterstreicht, wie verflochten die Themen Konsum und Gewalt im Leben der Deutschen während des Kalten Kriegs waren. In den folgenden Kapiteln wird das geteilte Deutschland vor dem Hintergrund des Nachkriegswohlstands als zentrales Schlachtfeld der Systemkonfrontation erscheinen, auf dem die rivalisierenden Wirtschaftssysteme aufeinanderstießen und sich die wetteifernden Ideologien in Widerspiegelung der verschiedenen Dimensionen der politischen und sozialen Spaltung herausforderten. Die Bundesrepublik war dabei in gewisser Hinsicht zwar ein Spezialfall, weil die beiden deutschen Staaten vor dem einzigartigen Hintergrund der deutschen Geschichte miteinander konkurrierten, sie war aber in anderer Hinsicht auch charakteristisch für die allgemeine Entwicklung von Wohlstandsgesellschaften. Im Zuge des angestrengten Wettbewerbs, sich gegenseitig zu übertreffen, büßte der ins Hintertreffen geratende Sowjetkommunismus hinsichtlich des Konsums seine Rolle als fundamentale Alternative zunehmend ein. Beide Seiten trafen sich zusehends im Ideal des ostentativen unpolitischen Wohlstands, was sich beispielsweise in einer Bemerkung Chruschtschows während der Küchendebatte zeigte: »Wenn wir euch überholen, werden wir euch im Vorbeifahren zuwinken.«[26] Als klar wurde, dass Chruschtschow den Mund zu voll genommen hatte und die UdSSR sowie ihre Verbündeten mehr und mehr ins Hintertreffen gerieten, es aber dennoch zustande brachten, im ökonomischen und nuklearen Wettlauf ein wackliges Gleichgewicht aufrechtzuerhalten, verstärkte dies den Eindruck, dass der Ostblock, »wenn es um die Vision einer kollektive Wohlfahrt garantierenden Gesellschaft ging, […] als Vorbild ausgedient hatte«.[27] In Verbindung mit der fortgesetzten Verquickung von Themen des Konsums mit politischen und gewaltförmigen Konflikten im Kontext des Kalten Kriegs bildete das Vakuum, das diese Entwicklung in der politischen Vorstellungswelt der deutschen Linken hinterließ, eine entscheidende Voraussetzung für das Entstehen der radikalen Positionen zu Fragen des Konsums, die in diesem Buch analysiert werden.

Aufgrund der Boykottaktionen und gewalttätigen Übergriffe der Nationalsozialisten gegen im Besitz von Juden befindliche Geschäfte in den dreißiger Jahren war der Boykott in der Bundesrepublik der fünfziger Jahre als Protestform diskreditiert.[28] Als diese Praxis nach der Errichtung der Berliner Mauer wieder verstärkt auftrat, richtete sie sich zumeist gegen die DDR und gelegentlich gegen Individuen mit Nazivergangenheit. Diese Konstellation führte zu zwei Boykottaktionen, die letztendlich vor dem Bundesverfassungsgericht landeten: In den fünfziger Jahren kam es zum sogenannten Lüth-Urteil zur Grundrechtsdogmatik, nachdem der Direktor der Staatlichen Pressestelle Hamburg zum Boykott von Veit Harlans erstem Nachkriegsfilm aufgerufen hatte; in den sechziger Jahren gipfelte die Auseinandersetzung um den Boykott des Springer-Verlags gegen das linke Wochenblatt Blinkfüer, weil dieses das Fernsehprogramm der DDR abdruckte, in der Blinkfüer-Entscheidung zur Pressefreiheit. In beiden Fällen wurden Verfassungsbeschwerden angestrengt, die zu Urteilen führten, die besagten, dass auch Boykottaufrufe dem Grundrecht der Meinungsfreiheit unterlägen, aber nur, wenn nicht gleichzeitig durch Ausübung wirtschaftlichen Drucks die Meinungsfreiheit der boykottierten Partei beschnitten werde. Diese Rechtsauffassung wurde in der Folge wichtig, als die Neuen Sozialen Bewegungen ab den späten sechziger Jahren auf das Protestmittel des Boykotts in Verbindung mit anderen direkten Aktionen zurückgriffen, etwa bei Protesten gegen Fahrpreiserhöhungen im öffentlichen Nahverkehr oder gegen den Springer-Verlag. Eine ganze Bandbreite von Boykottkampagnen gegen bestimmte Konzerne und einzelne Staaten ergab sich erst nach 1973/74. Die historische Analyse dieser Kampagnen und ihrer Wurzeln erfordert einen geeigneten methodischen Ansatz.

Zum methodischen Ansatz

Die Geschichtsschreibung hat begonnen, sich näher mit den politischen Implikationen des Konsums zu befassen, so dass in den Blick gerückt ist, wie Aspekte des praktischen Alltagslebens in umfassende Diskurse und ideengeschichtliche Zusammenhänge eingebettet sind; oder wie die britischen Historiker Martin Daunton und Matthew Hilton es formuliert haben: »Die Besonderheiten des Warenerwerbs tragen oft zur Herausbildung allgemeiner politischer Belange bei.«[29] Der citizen consumer, also der konsumierende Staatsbürger, ist in der Forschung zu einem Grundbestandteil des modernen liberalen Rechtsstaats geworden.[30] Der Zeithistoriker Detlef Siegfried hat gezeigt, dass sich Konsum und Politik in der Jugendkultur der Bundesrepublik in den sechziger Jahren keinesfalls ausschlossen. Im Gegenteil: Die Differenzierung und Pluralisierung von Konsum- und Lebensstiloptionen war mit der Artikulation kritischer und politischer Belange eng verbunden.[31] Auch der Zeithistoriker Sven Reichardt beleuchtet in seiner Studie zum linksalternativen Milieu in den langen siebziger Jahren, gestützt auf die lebenspraktischen Kategorien Authentizität und Gemeinschaft, vielfältige Bezüge zwischen dem sozioökonomischen Wandel und jugendlichem Rebellentum mit politischem Anspruch.[32]

In seinem Buch Prosperity for All kann Matthew Hilton nachweisen, dass Verbraucherorganisationen mit ihren diversen Netzwerken zentrale Akteure der globalen Zivilgesellschaft sind. Er spricht diesem »institutionellen Ausdruck von Graswurzelbewegungen« das Vermögen zu, in Single-Issue-Kampagnen das gesamte politische Spektrum über ideologische Gräben hinweg einzubinden.[33] »Konsumentenbewegungen« hätten, besonders in den Entwicklungsländern während der siebziger und achtziger Jahre, »den Konsum als Ausgangspunkt für eine Kritik der ganzen Gesellschaft« genutzt, die sich »der Belange der scheinbar von der Konsumgesellschaft Ausgeschlossenen« angenommen habe.[34] Hiltons Darstellung der internationalen Netzwerke der Verbraucherbewegungen ist in der Tat eine wichtige Bereicherung des Forschungsstands. Weil er sich aber auf die Neuen Sozialen Bewegungen der sechziger Jahre beschränkt, räumt er anderen sozialen Bewegungen, die sich in den siebziger und achtziger Jahren nicht explizit im Namen von Verbrauchern oder Konsumenten organisierten, und ihrem Vermächtnis für die jüngeren globalen Protestbewegungen nur geringes Gewicht ein. Wiederholt verwirft er radikalere Kritiken an der Konsumgesellschaft, denn solche theoretischen Positionen reduzierten die Konsumenten »auf eine homogene Masse von nur an der eigenen Bedürfnisbefriedigung interessierten Bewohnern von Shoppingmalls, die auf die zombiehafte Gefühllosigkeit ihrer eigenen unvermeidlichen Aufzehrung warten«.[35] Hilton diagnostiziert eine »Logik des Opponierens, die von geringer Relevanz für die liberalkapitalistische Demokratie« sei. Ohne jegliche empirische Forschung zu dieser Thematik assoziiert er radikale soziale Bewegungen mit antiamerikanischen und antiwestlichen Einstellungen. Er macht gar die »moralistische Kritik des Konsums«, die angeblich die »Bedürfnisse der Konsumenten in Afrika, Asien und Lateinamerika« ignoriert, dafür verantwortlich, dass »die Probleme, die sich aus dem Mangel ergeben«, aus »den Debatten um die Konsumgesellschaft ausgeklammert« worden seien. Im Gegenzug präsentiert er Verbraucherorganisationen, die international vergleichende Warentests etabliert haben, und die Bewegung der Verbrauchergenossenschaften als die wahren Ursprünge einer integrativen Perspektive, die sowohl den Problemen des Mangels als auch denen des Überflusses gerecht werden. Bei aller Hochachtung vor der wertvollen Arbeit, die von den von Hilton untersuchten Organisationen geleistet wird, erscheint es doch problematisch, den Einfluss zu übergehen, den radikalere Positionen in Fragen des Konsums auf die Entstehung globaler Netzwerke des Protests genommen haben. Eine etwas weniger voreingenommene Perspektive wird deutlich machen, dass Radikale nicht einfach die restriktiven Positionen eingenommen haben, gegen die Hilton polemisiert. Vielmehr haben sie — darin den organisierten Konsumenten nicht unähnlich — mit den Ambivalenzen und Widersprüchen gerungen, die sich aus konkreten Versorgungsproblemen ergaben, was zu einem ausgeprägten Bewusstsein für das Dilemma der von den Segnungen des Wohlstands Ausgeschlossenen sowohl in den Entwicklungsländern als auch unter den Marginalisierten der hochindustrialisierten Gesellschaften führte. Hiltons ideologische Frontstellung ist bedauerlich, da seine organisierten Konsumenten in den Entwicklungsländern und seine Kritik an »einem verkümmerten Begriff der Auswahl« durchaus den Weg zu Konflikten um öffentliche Güter, wie die Versorgung mit Wasser, Elektrizität, Bildung, Wohnraum oder Verkehrsmitteln, weisen und Fragen aufwerfen hinsichtlich der »Versorgungssysteme, die den Konsumenten Zugang zu wichtigen Gütern und Dienstleistungen gewähren«.[36]

Was benötigt wird, ist ein methodischer Ansatz, der eine empirische Untersuchung der moralischen, sozialen und politischen Konflikte gestattet, die aus Versorgungssystemen hervorgehen. Solch ein Ansatz wird die Macht- und Gewaltverhältnisse berücksichtigen müssen, die jedem Versorgungssystem zugrunde liegen. Die Dimension der politischen Gewalt ist aber in der bisherigen Literatur zu den politischen Dimensionen des Konsums nicht sehr prominent vertreten, obwohl der Warenerwerb auch zur Herausbildung von Gewaltdiskursen beigetragen hat. Um den Zusammenhang zwischen den Konsumenten und den Machtverhältnissen zu begreifen, welche die Rahmenbedingungen des Konsums abstecken, wird die folgende Analyse den Begriff »Versorgungsregime« verwenden. Dabei gilt es, über die Perspektive des Versorgungssystems hinauszugehen, unter der einige Sozialwissenschaftler die Beziehung zwischen Konsum und Produktion betrachten.[37] Ein Versorgungsregime sei definiert als das Netzwerk der Aktivitäten, die den Konsum mit den Machtverhältnissen verbinden, die ihn ermöglichen und gleichzeitig andere Formen von Konsum und Produktion verhindern. Was eine Gesellschaft für konsumierbar erachtet, unter welchen Bedingungen und für wen ist das Resultat sozialer und politischer Auseinandersetzungen und Kämpfe, in denen Bilder oder Visionen von vergangenen, zukünftigen und idealen Versorgungsregimen angeführt werden. Strittige Ansprüche auf die Früchte der Arbeit haben in solchen Debatten eine zentrale Rolle gespielt. Diese Aushandlungsprozesse gingen oft mit proaktiver wie reaktiver politischer Gewalt einher. Der Begriff »Versorgungsregime« beleuchtet somit die Argumente derjenigen, die mit militanten Aktionsformen auf die einem Versorgungsregime inhärente Gewalt reagierten bzw. das »System« mit seinem Unvermögen konfrontierten, kollektives Wohlergehen zu gewährleisten. Er macht die spezifischen Gebote und Regeln sichtbar, welche die Aggregation von Versorgungssystemen im Einflussgebiet einer politischen Macht aufrechterhalten. Auch weist er den Weg zu den Widerständen, die sich daraus ergeben. Der Widerstand kann insofern erfolgreich sein, als es ihm gelingt, alternative Versorgungsregime zumindest teilweise zu realisieren. Das bedeutet, dass es eine Pluralität von Versorgungsregimen gibt und konkurrierende Versorgungsregime sich überlappen und ineinander verwickeln können. Abhängig von der Perspektive, können Versorgungsregime spezifisch (z. ‌B. das Wohnungswesen oder die Medienlandschaft in einem bestimmten Gebiet) oder allgemein und umfassend (z. ‌B. das Warenangebot eines ganzen Staats oder gar der globalen Wirtschaft) sein.

Der Begriff »Konsumregime«,[38] der auf ähnliche Zusammenhänge zielt, wird hier bewusst vermieden, um den Wortbestandteil »Konsum« zu umgehen, weil die vielen Möglichkeiten des Konsums niemals vollständig oder auch nur weitgehend determiniert sind. Konsumenten genießen in ihrem Handeln immer ein gewisses Maß an Kreativität und Freiheit: Ein Boulevardblatt können sie beispielsweise lesen, aus ihm einen Papierflieger falten oder es als Toilettenpapierersatz verwenden. Was hingegen rigide und umkämpft ist, ist das Versorgungsregime, das die Bedingungen und Parameter festlegt, unter denen die Güter oder Dienstleistungen den Verbrauchern zur Verfügung gestellt werden. Die Perspektive der Versorgungsregime geht damit auch über den gebräuchlichen deutschen Ausdruck »Konsumkritik« hinaus. Dieser Begriff suggeriert in einer bestimmten Verwendung etwas missverständlich, es könnte möglich sein, den Konsum — eine Fundamentalkategorie der menschlichen Existenz — als solchen zu überwinden. Realiter richtet sich die Kritik stets gegen konkrete Manifestationen bestimmter Versorgungsregime.

In der Umgangssprache hat der Begriff »Konsum« eine allgemeine Bedeutung angenommen, die eher den Zustand einer Konsumgesellschaft bezeichnet, also einer konkreten historischen Epoche, die von einem bisher nicht gekannten Bedeutungszuwachs des Konsums gekennzeichnet ist. Das heißt, dass Produktion und Geldverdienen relativ zum Konsum und zum Geldausgeben an Bedeutung verloren haben, was aber, obwohl es gelegentlich suggeriert wird, keinesfalls impliziert, dass Arbeit und industrielle Produktion nun nicht mehr zentrale Kategorien der menschlichen Existenz sind. Diese Verschiebung in der sozioökonomischen Semantik hat Kritiker dazu veranlasst, in der rhetorischen Betonung des Konsums ein ideologisches Werkzeug zu sehen, das die herrschenden Klassen zur Kontrolle der Gesellschaft einsetzen. Kritische Perspektiven auf die Konsumgesellschaft werden oft vehement vertreten oder abgelehnt, aber ihre historische Erforschung steckt noch in den Anfängen.[39] Kritische Haltungen waren in der Bundesrepublik recht weitverbreitet, aber auch italienische und französische Denker wie Pier Paolo Pasolini oder Henri Lefebvre vertraten radikale Positionen. In Lefebvres Buch Das Alltagsleben in der modernen Welt findet sich gar ein Kapitel mit der Überschrift »Terrorismus und Alltäglichkeit«.[40] In West-Deutschland wurde die Konsumkritik in der Regel mit der Frankfurter Schule assoziiert und war somit in eine fundamentale Kritik der Herrschaft im Kontext des »Spätkapitalismus« eingebettet.

In der jüngeren konsumgeschichtlichen Forschung ist es zur Mode geworden, die klassischen Positionen der Konsumkritik rundheraus zu verwerfen. Es handele sich um elitäre, normative und totalisierende Sichtweisen, in denen die Konsumenten zu passiv und ihre Motive zu stark vereinfacht erschienen.[41] Dieser Standpunkt beruht oft auf einer dem jeweiligen Kontext kaum gerecht werdenden Interpretation isolierter Zitate. In einem neueren Essay zur politischen Legitimation des Konsums behauptet der Zeithistoriker Claudius Torp, die Tradition der Konsumkritik, die er gleichermaßen mit konservativen Denkern wie Hans Freyer und Arnold Gehlen wie mit der neomarxistischen Linken von Horkheimer bis Habermas assoziiert, sei für eine verspätete Moralisierung des Konsums in Deutschland verantwortlich. Die »Protestformen der 68er« hätten aufgrund einer »Fundamentalopposition gegen den Konsum« zu Brandstiftung und Hungerstreiks geführt. Ähnlich wie bei Hiltons Argumentation ermöglicht ihm das, die Neue Linke, die »in [der] Sackgasse der radikalen Ablehnung« gefangen sei, generell aus dem historischen Prozess auszuklammern, der zur Moralisierung des Konsums geführt habe.[42] Es wird sich zeigen, ob diese weitreichende Behauptung, mit der die Neue Linke gewissermaßen aus ihrem eigenen Projekt — der Schaffung internationaler Solidarität — ausgesperrt wird, empirisch einholbar ist.

Die US-amerikanische Ökonomin und Soziologin Juliet Schor hat gezeigt, dass die »Kritik der Konsumkritik« oft nicht genügend in die Tiefe geht, denn die Fragen und Methoden, die kritische Intellektuelle wie Veblen, Adorno, Horkheimer und Galtung aufgeworfen haben, werden nicht dadurch obsolet, dass sie, besonders hinsichtlich ihrer politischen Implikationen, nicht länger vom akademischen Mainstream geteilt werden. Die von diesen Denkern begründete integrative Perspektive, die Konsum und Produktion als zwei Seiten derselben Medaille betrachtet, sei weitgehend zugunsten eines entpolitisierten Forschungsparadigmas aufgegeben worden, das den Konsum behandelt, als sei er für sich allein hinreichend, um das ganze Spektrum sozialer Beziehungen zu erschließen.[43] In ähnlicher Weise reflektiert der Historiker Andreas Wirsching die Grenzen des vorherrschenden Forschungsparadigmas, indem er darauf hinweist, dass es wegen der utilitaristischen Perspektive auf »die bloße Summe der erworbenen ›Lust‹ […] für die Erforschung der Konsumgesellschaft eine mindere Rolle« spiele, welche »Grenzen […] dieselbe Konsumgesellschaft für denjenigen aufrichtet, dem die Mittel für [die Erlangung von] Distinktion fehlen und welche Freiheitschancen ihm dadurch gegebenenfalls entzogen werden«. Teleologische Narrative, die den »Siegeszug der Konsumgesellschaft westlichen Zuschnitts« bejubelten, liefen Gefahr, die anhaltende soziale Ungleichheit zu vernachlässigen.[44] Wirschings Unbehagen übersieht einige Autoren, die in letzter Zeit durchaus in diese Richtung geforscht haben, z. ‌B. Matthew Hilton oder den britischen Wirtschaftshistoriker Avner Offer,[45] aber er hat sicher recht, dass ein überzeugender methodischer Ansatz, der die Konsumgeschichte als Teil einer umfassenden sozialwissenschaftlichen Theorie des menschlichen Lebens auffasst, noch aussteht.

Die klassische Sozialgeschichte hat sich mit dem Konsum unter den Bedingungen des Mangels und mit der Dimension der Gewalt im Zusammenhang mit Subsistenzunruhen beschäftigt. Dieser Ansatz wird in der Regel aber nur zur Erforschung der Zeit bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts angewandt. Für die nachfolgenden Perioden gehen die meisten Wissenschaftler von einer Rationalisierung des Konsums und der Verbraucherinteressen aus, die zu zivilgesellschaftlichen und friedlichen Prozessen des kommerziellen und politischen Aushandelns geführt hätten, in denen gewalttätige Formen der Auseinandersetzung überwunden worden seien.[46] Im Rahmen des jüngeren Forschungsparadigmas der Konsumgeschichte neigen viele Autoren hingegen dazu, die Implikationen des Überflusses in den Vordergrund zu stellen, so dass gewalttätige Vorfälle wie Relikte eines vergangenen Zeitalters erscheinen, die für die moderne Zivilgesellschaft nicht länger relevant sind. Diese Perspektive wird durch die wiederkehrenden Bilder von brennenden Autos, geplünderten Schaufenstern und Steine werfenden jungen Menschen in den Städten der hochentwickelten Industriestaaten unterminiert. Kollektive Gewalt, insbesondere Plündern, ist augenscheinlich kein »Überbleibsel der Vergangenheit, sondern wesentlicher Bestandteil des Lebens in den Gesellschaften der Gegenwart […] und steht in engem Zusammenhang damit, wie Benachteiligung aufgrund von Klasse […] und Ethnie strukturiert und reproduziert wird«.[47] Ein integrativer Ansatz, der zeigen könnte, dass Mangel und Überfluss sowie friedliche und gewaltförmige Konflikte zwei Seiten derselben Medaille sind und sich durch das gesamte 20. Jahrhundert hindurch parallel zueinander entwickelt haben, steckt noch in den Anfängen.

Der in diesem Buch verfolgte Ansatz versucht über die Tradition der generalisierenden Kritik oder Affirmation des Konsums hinauszugehen, indem die Ideen- und Sozialgeschichte sowie die politische Geschichte von Versorgungsregimen in den Blick genommen werden. Dabei soll vermieden werden, die Phänomene auf gewalttätige Konsumkritik zu reduzieren, die lediglich eine mögliche Konstellation in dem durch die Begriffe »Konsum« und »Gewalt« aufgespannten diskursiven Feld darstellt. Das destruktive Potential aufzuzeigen, das bestimmten Konsummustern inhärent ist, stellt eine weitere Möglichkeit dar. In vielen Hinsichten invertierte die Kritik an Versorgungsregimen ideologische Positionen, die vorteilhafte Auswirkungen des gestiegenen Konsums, des Wettbewerbs der Eigeninteressen und der Marktförmigkeit geltend machten. Die Argumente des doux commerce, die bestimmten historischen oder idealisierten Versorgungsregimen zugeschrieben wurden, forderten Kritik heraus. Historisch betrachtet, hat sich die Kapitalismuskritik sowohl auf Aspekte der Produktion als auch des Konsums gerichtet. Die Perspektive auf Versorgungsregime gestattet die Integration der beiden Gesichtspunkte. In Versorgungsregimen sahen Kritiker die Ursache für eine ganze Reihe von Missständen: (1) Entzauberung und Authentizitätsverlust der Dinge und Lebensformen; (2) Unterdrückung, die Freiheit, Autonomie und Kreativität einschränkt, die Menschen ohne Berücksichtigung ihrer individuellen Umstände den Regeln des Markts unterwirft, arbiträr Preise festlegt bzw. entscheidet, welche Güter und Dienstleistungen überhaupt den Charakter einer Ware erlangen; (3) Armut, Ungleichheit, soziale Exklusion; (4) Opportunismus und Egoismus, die Eigeninteressen befördern, aber den sozialen Zusammenhalt und die gegenseitige Solidarität besonders im Verhältnis zwischen Arm und Reich korrumpieren.[48]

Eine wichtige Dimension von Versorgungsregimen und ihrer Kritik ist die Frage der Geschlechtergleichheit. Zwar gehört die Genderperspektive nicht zu den Ausgangsfragen des hier verfolgten Ansatzes, aber feministische Impulse werden im Folgenden eine wichtige Rolle spielen. Dieser Aspekt gewann im Zuge der Entstehung eines bisher noch kaum erforschten militanten Feminismus in den achtziger Jahren an Bedeutung, als Solidaritätskampagnen für Arbeiterinnen in den Entwicklungsländern zu den ersten Initiativen gehörten, die radikale Traditionen des Arbeitskampfs wiederbelebten und auf die globale Ebene übertrugen. Schließlich ist zu berücksichtigen, dass die Kritik an Versorgungsregimen in ihrer Reichweite ganz unterschiedlich ausfallen konnte: angefangen beim Verlangen sozial ausgegrenzter Bevölkerungsgruppen, an einem erfolgreichen Versorgungsregime teilzuhaben, ohne dabei den Umsturz seiner Grundprinzipien anzustreben, bis hin zum gewaltsamen Widerstand gegen die immer umfassendere Vermarktung aller Aspekte des menschlichen Lebens.

Während die jüngere Konsumgeschichte die politische Dimension des Konsums bisher so gut wie ohne Einbeziehung des Faktors Gewalt beleuchtet hat, konzentriert sich die neuere Gewaltforschung kaum auf den Faktor Konsum. Die Entscheidung, militanten Protest gegen Versorgungsregime zu analysieren, wirft die Frage auf, wie das Phänomen der politischen Gewalt zu definieren ist. Die beiden Historiker Donald Bloxham und Robert Gerwarth haben den prägnanten und schlüssigen Vorschlag unterbreitet, mit dem Begriff der politischen Gewalt sollten »alle Formen der Gewalt« bezeichnet werden, die »mit dem Ziel ausgeübt wurden, maßgeblichen soziopolitischen Einfluss zu erlangen oder Veränderungen herbeizuführen«. Sinnvollerweise zählen sie dazu staatliche Gewalt, doch ihr Ansatz enthält auch einige normative Einschränkungen: Den »regulären Betrieb der Polizei, des Justizsystems und der Geheimdienste« beziehen sie nur insofern mit ein, als er »dazu beitrug, die Möglichkeit transformativer, antisystemischer Gewalt einzuschränken«; die von der organisierten Arbeiterbewegung ausgehende Gewalt schließen sie explizit aus, weil diese im Allgemeinen »auf Reform innerhalb der anerkannten Rahmenbedingungen des soziopolitischen Systems« gezielt hätte.[49] Diese Einschränkungen werfen Fragen hinsichtlich der Grenzen des Regulären und Anerkannten auf und sie laufen Gefahr, das Augenmerk nur auf große und außergewöhnliche Gewaltereignisse wie den internationalen Terrorismus zu richten.

Auf eine etwas alltäglichere Ebene gelangt man hingegen mit den Arbeiten der Politikwissenschaftlerin Donatella della Porta, die sich unter anderem mit politischer Gewalt in sozialen Bewegungen beschäftigt. Dabei betont sie die relative Illegitimität politischer Gewalt, die sie »als bestimmtes Repertoire der kollektiven Aktion« auffasst, »das physische Gewalt beinhaltet und von der zeitgenössisch vorherrschenden Kultur als illegitim betrachtet wird«.[50] Diese Definition ist problematisch, da sie den Einsatz von Gewalt unter dem staatlichen Gewaltmonopol von Anfang an in einen nichtpolitischen Bereich verweist. Außerdem wird die Annahme eines verbindlichen Verständnisses von Legitimität in der vorherrschenden Kultur der kommunikativen Interaktion nicht gerecht, die innerhalb der Gesellschaft darüber ausgetragen wird, was als legitim gilt. Schließlich müssen sowohl die staatlichen Behörden als auch ihre Herausforderer in politischen Gruppierungen und sozialen Bewegungen die Gewaltakte, auf die sie zurückgreifen, kommunikativ vermitteln und diskursiv legitimieren. Das Gewaltmonopol strukturiert den Raum des Politischen und, vermittelt durch das System des Eigentumsrechts, die Versorgungsregime. Infolge von Aushandlungsprozessen bezüglich seiner Anwendung können die Spielräume der politischen Auseinandersetzung und des politischen Handelns — also die Grenzen des politischen Raums — eingeschränkt oder ausgedehnt werden.[51] Auf der Ebene der verschiedenen Formen von Gewalt — denn es erscheint unproduktiv, über die Gewalt als solche zu spekulieren — ist della Portas Definition allerdings hilfreich, da sie Gewalt gegen Sachen einschließt, also gezielte Anschläge auf Eigentum oder Sachbeschädigung infolge von Aufständen oder Unruhen.[52] Eine Definition, die den Begriff der politischen Gewalt von vornherein auf Gewalt gegen Personen beschränkte, würde der Thematik dieses Buches kaum gerecht werden. Sie würde, was in der Literatur zum Thema Terrorismus häufig der Fall ist, die politische Gewalt von ihren Wurzeln in den sozialen und politischen Kämpfen um materielle Verhältnisse ablösen.

Dieses Problem lässt sich mit den Arbeiten des US-amerikanischen Politikwissenschaftlers David Apter fassen. Für ihn ist der »Schlüssel zur politischen Gewalt […] ihre Legitimität«. Er stellt die Hypothese auf, dass soziale Bewegungen Macht entwickeln, wenn sie aus ihrer Interpretation polarisierender Ereignisse »symbolisches Kapital« (Bourdieu) beziehen.[53] Wenn man annimmt, dass es sich bei politischer Gewalt um ein ubiquitäres Phänomen handelt, das entweder auf eine Machtverschiebung oder die Erhaltung des Status quo gerichtet ist und dafür der Legitimation bedarf, wird leicht ersichtlich, dass die Legitimation bzw. Delegitimation von Gewalt nicht ohne Bezugnahme auf überindividuelle Entitäten auskommt. Ein grundlegender Faktor für die Entstehung politischer Gewalt ist die durch politische Unternehmer vermittelte Transformation von Legitimationsnarrativen in Diskurse, die einen gewissen Grad der Akzeptanz erreicht haben und für sich genommen selbst Rekonstruktionen der Realität darstellen. Apter ist nicht der Einzige, der hervorhebt, dass »Gewalt ohne die sie begleitenden, begrenzenden und ausweitenden Diskurse nicht verstanden werden kann«.[54] Politische Gewalt wird somit zu einer Möglichkeit, hegemoniale Diskurse herauszufordern,[55] weil — wie die Arbeiten der Historikerin Freia Anders für die Konflikte zwischen den Autonomen und dem Staat in den achtziger und neunziger Jahren gezeigt haben[56] — Legitimitäts- und Legalitätsdiskurse ineinander verwoben sind. Nach Apter ist politische Gewalt nichts Zufälliges, sondern wurzelt in der Verfolgung eines »bestimmten, auf eine neue Ordnung gerichteten Zwecks«, z. ‌B. Gerechtigkeit oder Gleichheit. Folglich »geht das Einreißen von Grenzen mit der Neuerrichtung von Grenzen einher«.[57] Wenn eine solche »Inversion der Bedeutung« angestrebt wird, konstituiert politische Gewalt einen »inversionären Diskurs«, in dem es mehr um symbolisches Kapital geht als bei einem bewaffneten Kräftemessen über die Kontrolle ökonomischen Kapitals, wobei in der Realität beide Elemente in wechselnden Mischverhältnissen auftreten.[58] Das sollte nicht als Apologie von Gewaltakten missverstanden werden, sondern eher als Hinweis auf die Komplexität und moralische Ambivalenz politischer Gewalt, die durchaus ein rationales Phänomen sein kann. Konfrontation kann als Mobilisierungsressource fungieren. Darüber hinaus ruft uns Apter in Erinnerung, dass die Umverteilung von Reichtum, Visionen einer Verbesserung der menschlichen Lebensbedingungen und politische Gewalt untrennbar mit der Entwicklungsgeschichte der Demokratie verbunden sind. Die Englische, die Französische und die Amerikanische Revolution waren sämtlich von politischer Gewalt und ihren Diskursen gekennzeichnet, nicht zuletzt hinsichtlich der aufeinandertreffenden Versorgungsregime.[59]

In globaler Perspektive hilft Apters Ansatz, politische Gewalt als wichtige Schnittstelle zwischen politischer und ökonomischer Entwicklung zu erkennen: »Die moderne Entwicklungspolitik basiert auf der Prämisse des unbeschränkten Wachstums, der Universalisierung des Markts und den immer effektiveren Möglichkeiten, Zugang zu ökonomischen, sozialen und politischen Institutionen zu erlangen und an ihnen teilzuhaben.« Wenn man annimmt, dass die politische Entwicklung zumindest teilweise durch Gewalt vorangetrieben wird, also durch Kriege, die Ausübung von Gewaltmonopolen im Innern oder deren aktive Infragestellung, was wiederum Reformen auslösen kann, dann sind die Systeme des Politischen und des Ökonomischen »in einem doppelten Markt miteinander verkoppelt«.[60] Kritiker und Herausforderer von Versorgungsregimen sind Unternehmer auf diesem Doppelmarkt.

Ein von Apters Theorie des »inversionären Diskurses« inspirierter Ansatz kann nicht — wie der britische Historiker E. ‌P. Thompson es tat — davon ausgehen, Protestakte beruhten auf einem breiten »volkstümlichen Konsens darüber, was […] legitim und was illegitim sei«.[61] Ganz im Gegenteil: Was in Konflikten um Versorgungsregime während der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts für legitim gehalten wurde, war in hohem Maße im Fluss und heiß umkämpft von einer Vielzahl von Akteuren, die sich wiederum auf vielfältige intellektuelle Traditionen beriefen. Der Versuch, die Wirtschaftsordnung im Rahmen einer moralischen Ökonomie nach ethischen und politischen Überzeugungen, die den marktwirtschaftlichen Ethos der kapitalistischen Wirtschaft ablehnten, systematisch umzugestalten, war weniger rückwärtsgewandt als utopisch. Hilfreich ist Thompsons Analyse protestierender Menschenaufläufe im 18. Jahrhundert hingegen, wenn es um die Idee der Legitimation geht. Zudem hat er gezeigt, dass der bloße Verweis auf Hunger oder das aufrührerische Wesen verärgerter Konsumenten nicht ausreicht, um deren komplexe Motivation zu erklären. Übertragbar ist auch Thompsons Beobachtung, dass eine politische Ökonomie zwar nicht im Sinne einer fortgeschrittenen Organisationsform politisch ist, aber »ebensowenig als ›unpolitisch‹« verstanden werden kann, »da sie von fest umrissenen und leidenschaftlich vertretenen Vorstellungen vom Gemeinwohl« ausgeht.[62] Die Konflikte um moralische Ökonomien im späten 20. Jahrhundert waren so explosiv, weil sie an den Begrenzungen des Politischen ausgetragen wurden, dort, wo Fragen der Grenzen des Legitimen und der Definition des Politischen verhandelt wurden. Das traf auch auf die staatlichen Organe zu, die ihr Vorgehen in ähnlicher Weise durch impliziten wie expliziten Rekurs auf Ideologien der politischen Ökonomie legitimierten.

Die Studien des in Austin lehrenden Soziologen Javier Auyero zu wesentlich jüngeren Manifestationen der politischen Gewalt haben gezeigt, dass man Plünderungen nicht als anarchische Ausbrüche verstehen sollte. Die Menschen, die an Aufruhr und Plünderungen beteiligt sind, stehen in der Regel, jedoch nicht immer, in sozialen Beziehungen zueinander und suchen sich selektiv nur bestimmte Geschäfte aus. Das kann auf eine »koordinierte Zerstörung« hinauslaufen, also auf ein ganzes Programm gezielter Sachbeschädigung.[63] Die »Drohung mit der Störung« kann dabei zu einem beträchtlichen politischen Druckmittel werden.[64]

Gewalt ist selbst eine Art der Kommunikation; wichtiger ist aber, dass politische Gewalt sowohl das Resultat als auch der Ausgangspunkt politischer Kommunikation ist. Im Fall der Bundesrepublik waren anfänglich die Strafverfolgungsbeamten die einzigen »Gewaltspezialisten«[65] in dieser Interaktion. Sie traten protestierenden Studenten, Intellektuellen und Künstlerkritikern entgegen, die ganz bewusst die etablierten Konventionen und Regeln der politischen Kommunikation brachen, um die Aufmerksamkeit auf alltägliche Manifestationen von Gewalt zu lenken. Die Idee, das Establishment durch zivilen Ungehorsam und performative Regelverstöße herauszufordern, wie sie von Rudi Dutschke in seiner Vision eines »Gegenmilieus« formuliert wurde, bildete die Grundlage der politischen Strategie, welche die 68er-Bewegung und ihre Erben in den alternativen, feministischen und ökologischen Bewegungen verfolgten. Das Teilnehmerfeld dieser Interaktion diversifizierte sich schließlich, als militante Gruppen wie die Rote Armee Fraktion (RAF), die Bewegung 2. Juni, die Revolutionären Zellen und später die Autonomen versuchten, nicht mehr nur politische Unternehmer zu sein, sondern ebenfalls in die Rolle der Gewaltspezialisten zu schlüpfen.

Es ist wichtig, zwei miteinander zusammenhängende Formen des politischen Diskurses in Augenschein zu nehmen: zum einen den wechselseitigen Austausch zwischen Herausforderern und Ordnungskräften (beispielsweise wenn Sicherheitsmaßnahmen und ihre Rechtfertigung nur noch entfernt etwas mit der Bedrohung zu tun hatten, die von den Protestbewegungen ausging); zum anderen die interne Kommunikation in beiden Lagern (beispielsweise wenn sich das kritische Denken der Aktivisten zu hohlen Feindbildern versteifte oder zu selbstreferentiellen Weltanschauungen gerann). Historiker sollten die Gegenstände ihrer Untersuchung freilich nicht von Anfang an mit Etiketten belegen. Die empirische Analyse muss die Basis für das Nachdenken liefern, für das Abwägen der Interaktion zwischen konkurrierenden Versorgungsregimen. Die vorliegende Studie ist daher in erster Linie darum bemüht, die Genese und die politischen Konsequenzen theoretischer Bezugssysteme und sozialer Praktiken zu beschreiben und zu erklären, welche die Themenfelder Gewalt und Konsum miteinander in eine Beziehung gesetzt haben. Mit den Worten des britischen Ideenhistorikers Quentin Skinner geht es darum, illokutionäre Akte aufzuspüren: »Indem wir Texte [oder andere performative Akte] so kontextualisieren, daß ihre Stoßrichtung innerhalb eines bestimmten Diskurses erkennbar wird, können wir feststellen, was ihre Autoren taten, indem sie diese Texte schrieben [oder diese Akte ausführten].«[66] Laut Skinner vermag eine solche auf umfangreiche Quellenstudien gestützte Methode aufzuzeigen, dass Ideen mit Machtansprüchen verknüpft waren. Texte (oder andere performative Akte) positionieren sich in Relation zu zeitgenössischen Diskursen und zum Status quo, den sie verändern möchten: »[W]ir [müssen] zunächst einmal verstehen […], warum eine Behauptung aufgestellt worden ist, wenn wir die Behauptung selbst verstehen möchten.«[67]

Max Weber hat betont, dass politische oder andere Werturteile eines Autors unweigerlich in die komplexe Genese eines jeden konzeptuellen Ansatzes einfließen.[68] Andererseits ist es dem Erkenntnisgewinn kaum dienlich, dem empirischen Material Werturteile einfach überzustülpen. Das betrifft auch weitverbreitete Werturteile, die den Mainstream der Zeitgeschichte dominieren und ihre Wurzeln oft in zeitgenössischen Diskursen haben. Das vorliegende Buch erforscht das ökonomische und politische Denken der radikalen Linken recht ausführlich und mit einem gewissen Grad an Einfühlungsvermögen. Dabei geht es aber nicht um die Frage, ob die Untersuchten recht oder unrecht hatten. Das Ziel besteht vielmehr darin, zu zeigen, dass ihr Denken und Handeln bis ins kleinste Detail in intellektuelle Traditionen, soziale Strukturen und politische Machtverhältnisse eingebettet war und dass sie im Endeffekt die weitere Entwicklung beeinflusst haben, oft auf indirektem Weg und nicht im Sinne ihrer ursprünglichen Motivation. Der Erkenntnisgewinn dieser analytischen Bemühungen sollte dabei allen Lesern zugänglich sein, unabhängig von ihren politischen Überzeugungen.

Das konzeptuelle Instrumentarium, das hier skizziert wurde, also die Entscheidung, nach Verbindungen zwischen den Themenbereichen Konsum und Gewalt zu fragen und diese Verbindungen mithilfe des Begriffs »Versorgungsregime« zu fassen, ist aus der Reflexion der geschichtswissenschaftlichen und theoretischen Literatur zur Konsum- und zur Gewaltgeschichte hervorgegangen. Es sollte auch auf andere Kontexte anwendbar sein, in denen Gewalt in der Welt des Konsums aufgetreten ist, etwa auf die Gewalt der Nationalsozialisten gegen von Juden betriebene Geschäfte, das bis in die fünfziger Jahre gültige Verbot des Potlatchs durch die kanadische Regierung oder Girolamo Savonarolas Scheiterhaufen der Eitelkeiten im Florenz des 15. Jahrhunderts.

Ziele und Gliederung

Die zentrale Hypothese dieses Buches lautet: Auch im Zeitalter des Wohlstands sind militanter Protest und politische Gewalt im Grunde genommen auf konkurrierende Entwürfe der moralischen Ökonomie zurückzuführen. Im Zentrum der Untersuchung stehen drei Leitfragen: (1) Wie hingen Versorgungsregime und politischer Protest zusammen? (2) Wie, wann und warum entstand militanter Protest gegen Versorgungsregime? (3) Auf welche Weise beeinflussten intellektuelle Kritik, militante Praxis, ökonomische Interessen, die Handhabe des staatlichen Gewaltmonopols und die Wechselwirkung dieser Faktoren die Entwicklung? Vorstellungen von gesellschaftlicher Solidarität und Gleichheit gehörten zu den zentralen Werten von Protestierenden und radikaler Kritik, die sich aber leicht in Diskursen über Gewalt und Gegengewalt verstricken konnten. Es gilt daher, die Rolle der Narrative des sozialen Protests und der revolutionären Politik zu rekonstruieren, die von den Aktivisten, den Intellektuellen, die als ihre Wortführer oder Kritiker auftraten, und den staatlichen Institutionen, die sich ihnen entgegenstellten, aufgegriffen und abgewandelt wurden. Die politische Kommunikation dient somit »als Einblick in das moralische Universum der Akteure«.[69]

Dieses Buch behandelt den gesamten Zeitraum vom Ende der fünfziger Jahre bis zum Ende der achtziger Jahre und schlägt damit einen zeitlichen Bogen, der sich in der bestehenden Literatur zur Protestgeschichte und zur Geschichte der Linken nur sehr selten findet. In jedem der sieben Kapitel werden zwei Themen zusammengeführt: Vorgänge, in denen es zur symbolischen Zerstörung von Waren durch Akte politischer Gewalt kam, und politische Ideen, die die symbolische und manifeste Gewalt, die von Versorgungsregimen ausging, reflektierten. Die ersten drei Kapitel nehmen ihren Ausgang bei den relativ bekannten Frankfurter Kaufhausbrandanschlägen vom April 1968, sie gehen aber in ihrer Kontextualisierung und Interpretation dieser und ähnlicher Ereignisse bis Anfang der achtziger Jahre weit über die bestehende Literatur hinaus.

Kapitel 1 beschäftigt sich mit der Vorgeschichte der Frankfurter Brandanschläge in der Protestpraxis der bekannten Kommune I und ihren provokativen Flugblättern, welche die öffentliche Reaktion auf eine Brandkatastrophe in Brüssel persiflierten. Dabei wird den Vorläufern, besonders in den Künstlergruppen SPUR und Subversive Aktion, gebührende Aufmerksamkeit geschenkt, weil diese ab den frühen sechziger Jahren eine zentrale Rolle dabei spielten, Einzelhandel und Kommerz zu einem zentralen Fokus der Protestpraxis zu machen. In der zweiten Hälfte der sechziger Jahre waren politische Happenings in Warenhäusern bereits eine fest etablierte Form des Studentenprotests. Das Kapitel schließt mit dem öffentlichkeitswirksamen Prozess gegen die Frankfurter Kaufhausbrandstifter. Drei der vier im Zuge dieses Verfahrens Verurteilten entzogen sich der Haftstrafe, was schließlich zur Gründung der RAF führte.

Bevor diese Entwicklung weiterverfolgt wird, widmet sich Kapitel 2 zeitgenössischen theoretischen Auffassungen von Versorgungsregimen und stützt sich dabei auf eine eingehende Lektüre einschlägiger Quellen zur Ideengeschichte des konsumbezogenen Protests, besonders der Schriften Herbert Marcuses in ihrer Entwicklung über mehrere Jahrzehnte. Marcuses Unterscheidung zwischen wahren und falschen Bedürfnissen und seine Theorie der repressiven Toleranz bieten zahlreiche Berührungspunkte mit anderen Denkern, die den materiellen Fortschritt kritisch analysierten und die Protestbewegungen beeinflussten. Die Analyse eines von Mitgliedern des Sozialistischen Deutschen Studentenbunds (SDS) verfassten Theoriepapiers mit dem Titel »Warenhausaktionen« wirft die Frage auf, welchen Platz die theoretischen Einflüsse in der kognitiven Orientierung der in den restlichen Kapiteln analysierten Aktivisten einnahmen. Eine radikale Interpretation von Karl Marx' Idee eines »Reichs der Freiheit« inspirierte viele Kritiker kapitalistischer Versorgungsregime. Marcuses Konterrevolution und Revolte (1972) markiert eine bemerkenswerte Radikalisierung seiner Kritik der Bedürfnisse, die im Kontext des gegenseitigen Austauschs mit den rebellierenden Studenten verstanden werden muss.

Mit den Brandanschlägen der Tupamaros West-Berlin im Jahr 1969 greift Kapitel 3 die Geschichte militanter Angriffe gegen Repräsentationen der Konsumgesellschaft wieder auf. Weitverbreiteter Drogenkonsum und Diebstahl im alternativen Milieu waren wichtige Hintergrundfaktoren für die Radikalisierung. Das galt auch für das relativ versöhnliche Vorgehen der sozialliberalen Regierung gegenüber der Protestbewegung, die aus Sicht der Radikalen den revolutionären Impetus der Bewegung abzuwürgen drohte. Diese Auffassung manifestierte sich zunehmend in einer »Politik der Scherben«. Das Kapitel unternimmt eine systematische Analyse der Texte der RAF, die in diesem Kontext entstanden. In ihrer verzweifelten Suche nach dem revolutionären Subjekt bemühte sich die RAF, die von der Konsumgesellschaft Ausgeschlossenen zu erreichen. Die bestehende Forschung ignoriert diesen zentralen Aspekt sozialrevolutionärer Militanz fast gänzlich. Die Auseinandersetzung mit Ulrike Meinhofs theoretischen Schriften zeigt, dass die Idee des »Konsumterrors« schon in ihren journalistischen Arbeiten präsent war. In der Folge wandte sie sich aber von den in der Studentenbewegung verbreiteten Theorien der Manipulation und Entpolitisierung eindeutig ab und legte den Akzent auf einen Prozess der moralischen Emanzipation durch verschiedene Formen des aktiven und illegalen Ungehorsams. Dies geschah in einem Entwurf für ein größeres Strategiepapier mit dem Titel »Die Massen und der Konsum«, das der Öffentlichkeit nicht zugänglich gemacht wurde, nachdem die Vollzugsbehörden es in Meinhofs Zelle in Stammheim beschlagnahmt hatten. Die Politik des Konsums zeigt sich als zentrales Element in der kognitiven Orientierung der ersten Generation der RAF, der nach Meinhofs Tod an Bedeutung verlor. Die Bewegung 2. Juni, eine der RAF verwandte, aber eigenständige Vereinigung, setzte die militante Perspektive auf die Konsumgesellschaft fort. Diese Tradition wurde, freilich mit anderen Mitteln, von den autonomen Gruppierungen der achtziger Jahre wiederbelebt.

Die Kapitel 4 bis 6 widmen sich dann den komplexen Debatten und Konflikten über spezifische öffentliche Güter. Im Einzelnen geht es um den öffentlichen Nahverkehr, die Medienkonzentration und den Wohnungsmarkt. Zwar kommen auch diese Kapitel auf die »berühmten« Aktivisten der Kommune I und der RAF zurück, doch im Vordergrund steht eine Kritik an Versorgungsregimen, die in viel breiteren sozialen Bewegungen verwurzelt war. Dadurch werden nicht nur wichtige Informationen zum Hintergrundgeschehen geliefert, was ein besseres Verständnis der bekannten Militanten ermöglicht, die Quellenbasis, die analytische Tiefe und der zeitliche Rahmen gehen aber weit über die berühmten Figuren hinaus. Diese Kapitel zeigen, dass Gewalt sehr schnell Eingang in das Protestgeschehen fand, und zwar weitgehend unabhängig von den medienwirksamen Provokateuren, was gleichermaßen die Legitimität des Protests und die Mittel, zu denen die Behörden griffen, infrage stellte. Diese Entwicklung löste weitreichende juristische Debatten aus, die zu einer Differenzierung des Gewaltbegriffs im Strafrecht sowie zu Diskussionen hinsichtlich der Beziehung zwischen Grundrechten und staatlichem Gewaltmonopol führten.

Die Politisierung der Fahrpreisgestaltung im öffentlichen Nahverkehr von Mitte der sechziger Jahre bis Anfang der achtziger Jahre ist das zentrale Thema von Kapitel 4. Eine Analyse des sogenannten Laepple-Urteils — benannt nach dem eher moderaten Studentenvertreter Klaus Laepple — beleuchtet die zentrale Rolle, die der juristische Diskurs in der Genese politischer Gewalt spielt. Die Proteste gegen Fahrpreiserhöhungen, die in der Rote-Punkt-Aktion von Hannover 1969 ihren Höhepunkt fanden, sind von der Forschung bisher nicht eingehend untersucht worden. Sie waren eine bemerkenswert weitverbreitete und lebendige Form des alltäglichen Protests, die schließlich durch Gruppen wie die Frankfurter Spontis um Joschka Fischer und Daniel Cohn-Bendit und die Revolutionären Zellen radikalisiert wurde.

Kapitel 5 untersucht die Anti-Springer-Kampagne, die ihre Kritik gegen ein spezifisches Versorgungsregime richtete: ein vermeintlich manipulatives Nachrichtenmonopol. Die Proteste gingen aus der SDS-Kampagne gegen Springer, eines der größten Verlagshäuser Europas, hervor und stützten sich anfangs vor allem auf intellektuelle Impulse, wie etwa Jörg Huffschmids von Jürgen Habermas inspirierte Kritik der Pressekonzentration, während andere Aktivisten aber auch zur direkten Aktion der zerbrochenen Scheiben griffen. Die Proteste kulminierten nach dem Attentat auf Rudi Dutschke im April 1968, als es in der gesamten Bundesrepublik zu großangelegten Demonstrationen und Blockaden von Springer-Niederlassungen kam. Der Versuch mancher Aktivisten, zwischen Gewalt gegen Sachen und Gewalt gegen Personen zu differenzieren, geriet durch die Verschärfung des politischen Antagonismus in der Folge der Ausschreitungen rasch ins Hintertreffen. Der Aspekt des Konsums spielt in den bisherigen Darstellungen der Anti-Springer-Kampagne so gut wie keine Rolle. Zudem gehen die meisten Darstellungen kaum über Ostern 1968 hinaus. Kapitel 5 analysiert hingegen sowohl die langfristigen Auswirkungen der juristischen Interpretation von Gewalt bei Blockaden, die eine Neufassung des Gewaltbegriffs erforderlich machten, als auch das Wiederaufleben der Kampagne im Kontext der Friedensbewegung der frühen achtziger Jahre. Außerdem wird gezeigt, dass Springer bemerkenswerterweise selbst zum politisch motivierten Boykott im Mediensektor gegriffen hatte, lange bevor die Außerparlamentarische Opposition (APO) und ihr militanter Flügel den Pressezar boykottierten.

Die politische Gewalt, die aus dem Konflikt um die öffentlichen Güter des städtischen Raums und insbesondere des Wohnraums hervorging, ist Thema von Kapitel 6, das sich mit den Hausbesetzerbewegungen vor allem in Frankfurt und West-Berlin beschäftigt. Die herausfordernde Suche nach alternativen Lebensstilen, Werten und Versorgungsregimen sah sich permanent der Gefahr der Kriminalisierung und der Möglichkeit gewaltförmiger Eskalationen ausgesetzt. Das Kapitel behandelt den Fall des Tommy-Weisbecker-Hauses, das nach einem von der Polizei erschossenen Mitglied der Bewegung 2. Juni benannt worden war. Hausbesetzungen waren letzten Endes ein sozioökonomisches Phänomen. In vielen Hinsichten waren Besetzer alternative Konsumenten, die versuchten, den ökonomischen, sozialen und kulturellen Belangen der Konsumenten von Wohnraum und städtischer Infrastruktur eine Stimme zu geben und diesen gegenüber den scheinbar rein ökonomischen Interessen der Wohnungsbauunternehmen und der davon ausgehenden Zerstörung Gewicht zu verleihen.

Das letzte Kapitel fügt der Diskussion eine globale Dimension hinzu. Eine Analyse der politischen Kampagnen, die versuchten, Solidarität zwischen den Konsumenten in den hochindustrialisierten Gesellschaften und den Produzenten in den Entwicklungsländern herzustellen, verfolgt den Erzählstrang bis in die späten achtziger Jahre. Verschiedene Kampagnen, die sich gegen internationale Versorgungsregime richteten, werden behandelt: gegen das Apartheid-Regime in Südafrika, zugunsten des antizionistischen Kampfs der Palästinenser, gegen multinationale Konzerne wie Nestlé oder verschiedene Kaffeeröstereien oder zur Unterstützung von Niedriglohnarbeiterinnen des Textilherstellers Adler in Südkorea. Diese Proteste erreichten mit dem Treffen von Internationalem Währungsfonds (IWF) und Weltbank in West-Berlin 1988 einen Höhepunkt. In Ergänzung zur Darstellung der Aktivitäten der Autonomen und der RAF gegen die globale Ordnungspolitik liefert das Kapitel eine bisher nirgends vorliegende Analyse der theoretischen Schriften der Revolutionären Zellen und ihres feministischen Zweigs, Rote Zora, die explizit versuchten, in der Grauzone zwischen den sozialen Bewegungen, Konsumentensolidarität und militanter Aktion zu operieren.

1. Warenhäuser: Der politische Protest entdeckt den Einzelhandel

Konsum ist der einzige Sinn und Zweck aller Produktion.

Adam Smith (1776)[70]

Im Kontext der Systemkonkurrenz des Kalten Kriegs resultierten interne Spannungen und Risse in der imaginativen Überhöhung des westlichen Konsummodells gerade aus einer seiner primären Antriebskräfte: der ständigen Vervielfältigung des Angebots. Jugendbewegungen trugen entscheidend zur Entstehung von Alternativen bei, welche die bipolare Struktur der Konsumdebatten während des Kalten Kriegs infrage stellten. Die Wirtschaft und der Markt reagierten auf die rebellische Haltung junger Menschen, griffen sie im Sinne der ihnen eigenen Logik der Kommerzialisierung auf und verhalfen ihr so auch zur Artikulation. Dieser Mechanismus war eine der Ursachen der sogenannten Halbstarkenkrawalle gegen Ende der fünfziger Jahre.[71] Häufig entwickelten sich Unruhen und Proteste wie diese an Orten und auf Veranstaltungen des Kulturkonsums, etwa nach Kino- oder Konzertvorstellungen. Nonkonformistisches Verhalten im öffentlichen Raum, z. ‌B. in Einkaufsstraßen und auf Plätzen, erregte Anstoß bei Anwohnern und Passanten.

Ende der fünfziger Jahre war eine kritische Einstellung zur Konsumgesellschaft jedoch noch eher eine Angelegenheit besorgter Eltern und Erzieher. Voll Skepsis gegenüber der Kommerzialisierung und ihrem Einfluss auf die heranwachsende Generation empfahlen sie gesellschaftliches Engagement, kritisches Denken und Politisierung als Gegenmittel. Die öffentliche Debatte über die Jugend war beherrscht von der Vorstellung, die Werbung übe eine manipulative Macht über die Menschen aus. In den pädagogischen Ausprägungen der west-deutschen Kalte-Krieg-Mentalität wurden häufig drei Symptome des Niedergangs der Moderne in die »Vermassung« miteinander vermischt: Nationalsozialismus, Kommunismus und Konsumgesellschaft.[72] Diese kritische Einstellung wandelte sich nach und nach zu einer Gleichsetzung der Konsumgesellschaft mit Imperialismus und Unterdrückung, die sich in den Studentenrevolten der zweiten Hälfte der sechziger Jahre großer Popularität erfreute, was letztlich einen wichtigen Wendepunkt in der Geschichte des politischen Denkens im späten 20. Jahrhundert markieren sollte.

In der marxistischen Vorstellung galt politische Arbeit in der »Reproduktionssphäre« allenfalls als Nebenschauplatz revolutionären Handelns. Doch in den sechziger Jahren kam es auch in dieser Sphäre verstärkt zu politischen Aktionen, was aus dem wahrnehmbaren Wandel in den Strukturen der Arbeitswelt und aus Enttäuschungen bei Interventionsversuchen in der klassischen Produktionssphäre resultierte. Ab dem Ende der Dekade gediehen Ansätze, die beide Bereiche durch innovative Protestformen miteinander zu verbinden suchten. So konzentrierten sich beispielsweise ab November 1970 Frankfurter Aktivisten auf die Opel-Werke in Rüsselsheim, um dort an die großen Streiks in den Pariser Renault-Fabriken im Mai 1968 und in den Turiner Fiat-Werken im Herbst 1969 anzuknüpfen. Bei dieser recht erfolglosen Fabrikagitation reichte der Fokus radikaler Rebellion weit über den engeren Bereich der Produktion hinaus. Ziel des Angriffs war der gesamte von der deformierten Bedürfnisbefriedigung gezeichnete »entfremdete« Alltag.[73] Die Fabrikaktivisten gelangten auf ihre Weise zu Adam Smith' berühmter, eingangs zitierter Einsicht, Konsum sei der Endzweck aller Produktion. Ein Protokoll der Gruppe Revolutionärer Kampf betonte, der Lebensstil der Aktivisten unterscheide sich erheblich von dem ihrer Adressaten: »Es ist irgendwie hirnverbrannt, gegen soviel Arbeit zu wettern, wenn die meisten eine Motivation haben, mehr zu arbeiten, ohne die ganze kapitaladäquate Konsumscheiße zu diskutieren. Wer unbedingt einen Farbfernseher haben will, ein neues Auto oder Schlafzimmer, wird kaum etwas gegen Überstunden unternehmen.«[74] Reimut Reiche, 1966/67 Bundesvorsitzender des SDS, wies auf die beträchtliche Distanz hin, die er gegenüber dem Lebensstil und den Konsumgewohnheiten der Menschen empfand, die er agitieren wollte: »Ich wäre schon nach zwei Tagen in der Psychiatrie echt gelandet, wenn ich mit ihnen ihre Lebensweise auch noch nach Feierabend teilen müßte, in den Kneipen oder zu Hause und den Fraß fressen müßte, den sie fressen!«[75]

Die niederländischen Provos gehörten zu den Pionieren unter denen, die den Schwerpunkt politischer Kampagnen auf den Konsum legten. Sich selbst als Speerspitze einer neuen Gesellschaft betrachtend, erklärten sie: »Unsere Angriffsziele: die Konsumgesellschaft und die staatliche Ordnung. Wir erstreben die unbeschränkte Selbständigkeit des Einzelwesens. Wir sind Anarchisten.«[76] Im Jahr 1968 druckte ein West-Berliner Untergrundalmanach ein Statement der Provos:

Wir leben in einer geschmacklosen Einheitsgesellschaft. […] Verhalten und Konsum werden uns vorgeschrieben oder aufgezwungen durch kapitalistische oder kommunistische Big Bosses. […] Aber die Provos wollen […] die kreativen Freizeitbeschäftiger von morgen sein! Weg mit Philips, weg mit Seven-up, LEXINGTON, DAF, PERSIL, Prodent. Das Provotariat verabscheut den versklavten Konsumenten![77]

Das Bestreben der Provos, die Staatsmacht durch nicht gewaltförmige Provokationen zu gewalttätigen Reaktionen zu veranlassen, wie es sich in ihren Aktionen zur kostenlosen Benutzung von öffentlichen Fahrrädern, in Hausbesetzungen aus Protest gegen Immobilienspekulation und in ihrer Kritik an der Presseberichterstattung zu ihren Aktionen zeigte, antizipierte entscheidende Aspekte einer künftigen Verflechtung der Kritik an Versorgungsregimen mit Gewaltdiskursen.

Die zahllosen Aktivisten und Protestierenden, die auf strukturelle Transformationsprozesse im Produktions- und Distributionssektor sowie auf den damit zusammenhängenden Wandel in der sozialen Schichtung hochentwickelter Gesellschaften reagierten, markierten zudem einen Wendepunkt in einer längerfristigen Entwicklung: Das rapide Wirtschaftswachstum seit der Mitte des 19. Jahrhunderts hatte zumindest theoretisch die Mittel zur Lösung der sozialen Frage und zur Schaffung von Wohlstand für alle erbracht. Somit stellte sich die Frage, ob nicht bestimmte Arten von Eigentum und Macht Ungerechtigkeiten erzeugten, die eine bessere Verteilung und Nutzung des gesellschaftlichen Reichtums verhinderten, besonders wenn diese Perspektive auf die Verteilung im globalen Rahmen ausgeweitet wurde. Um den tiefgreifenden Wandel verstehen zu können, der sich in den sechziger, siebziger und achtziger Jahren vollzog, müssen die Widersprüche und Schattenseiten analysiert werden, die mit dieser Kulmination des Wachstums einhergingen. Kritische Intellektuelle, entlassene Arbeiter und Angehörige benachteiligter Minderheiten hinterfragten die Versprechen der Politiker auf ubiquitären Wohlstand und entwickelten ein Bewusstsein vom Unbehagen in der Konsumgesellschaft. Der neue materielle Segen hatte seinen Preis. Das erhöhte Konsumniveau, die Teilhabe an den Märkten und der bescheidene, aber komfortable Besitz der Lohnabhängigen in westlichen Nachkriegsgesellschaften wurden begleitet von weniger komfortablen Veränderungen und Anpassungsprozessen im Arbeitsleben, wie etwa dem Verlust von Autonomie oder der Zerstörung gewachsener Sozialstrukturen. Die Konsumgüterschwemme führte nicht notwendigerweise zu einer sozial breiteren Verteilung von Eigentum. Reichtum und Einfluss konzentrierten sich in den Händen derjenigen, die zugleich die oligopolistischen Marktstrukturen dominierten.

Dieses Kapitel liefert keine umfassende Geschichte der Nachteile der Konsumgesellschaft der sechziger und siebziger Jahre. Stattdessen konzentriert es sich auf Angehörige des linksalternativen Milieus, die die Konsumsphäre als Gegenstand der gesellschaftlichen und politischen Kritik wie auch als materiellen Raum der Agitation entdeckten. Der halböffentliche Raum des Einzelhandels wurde für sie zum Sinnbild des kapitalistischen Systems und schließlich zum Ziel militanten Protests, was in den späten sechziger Jahren in Brandanschlägen auf Warenhäuser kulminierte. Um aber die Bedeutung des Warenhauses als Ziel für derartigen Protest nachvollziehbar zu machen, werde ich zunächst zeigen, wie avantgardistische Subkulturen ab den späten fünfziger Jahren mit dem Problem der Konsumgesellschaft rangen. Eine zentrale Rolle für das Verschmelzen von Konsum- und Gewaltdiskursen spielten die Kommunarden und Warenhausbrandstifter, auch wenn sie nicht die Einzigen waren, die die Kritik an Versorgungsregimen in ihr politisches Denken und Handeln integrierten. Diese Analyse dient anschließend als Fundament für die Erforschung der zeitgleichen Entwicklung einer philosophischen Kritik an Versorgungsregimen und der weiteren Radikalisierung der Kampagne gegen die Konsumgesellschaft. Im zweiten Teil des Buches werden dann wesentlich weiter gefasste politische Kampagnen untersucht, etwa solche gegen Fahrpreiserhöhungen oder die Springer-Presse, die aber sämtlich in engem Bezug zu den aufsehenerregenden performativen Protesten standen, die in diesem Kapitel behandelt werden.

Gruppe SPUR und Subversive Aktion

Die Künstlergruppen SPUR und Subversive Aktion trugen entscheidend dazu bei, dass Räume des urbanen Einzelhandels zu Brennpunkten für Protest wurden. Schlüsselfiguren wie der spätere Kommunarde Dieter Kunzelmann und der spätere Studentenführer Rudi Dutschke kannten relative Armut aus eigener Erfahrung. Ein Foto von Dutschkes Studentenbude kurz nach dem Mauerbau, als er nach West-Berlin gezogen war, zeigt eine ausgesprochen spartanisch eingerichtete Wohnung. Seine finanzielle Situation blieb zeitlebens prekär.[78] Kunzelmann hingegen stammte zwar aus dem wohlhabenden Bürgertum, entsagte aber zumindest zeitweilig den Segnungen des Überflusses, indem er 1959 einige Zeit als Clochard in Paris lebte. Anschließend, im Münchener Stadtteil Schwabing, begriff er sich als Bohemien, der, vom Situationismus beeinflusst, surrealistische Traditionen fortführte und den Kommunismus in der Revolutionierung des Alltagslebens zu realisieren versuchte. Aus dieser Perspektive erschien die Arbeiterklasse gefangen in Konsum und Verbürgerlichung.[79]

Bereits im Jahr 1961 geriet eine so inspirierte Kritik der Konsumgesellschaft in Konflikt mit der Staatsgewalt. Das Avantgardekollektiv Gruppe SPUR