KORROSION - Christian Dörge - E-Book

KORROSION E-Book

Christian Dörge

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  • Herausgeber: BookRix
  • Kategorie: Krimi
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2019
Beschreibung

Die Anthologie KORROSION - zusammengestellt und herausgegeben von Christian Dörge - enthält fünfundzwanzig ebenso erstklassige wie spannende Crime-Erzählungen internationaler Spitzenautoren des Genres: Storys von James Holding, Donald Honig, Borden Deal, Bob Bristow, Dion Henderson, Arthur Porges, Bryce Walton, William Link, Donald E. Westlake, C. B. Gilford, Douglas Farr, Alan Schaffer, O. H. Leslie, Donald Martin, Henry Slesar, James Gilmore, Stephan Wasylyk, Edward D. Hoch, Clark Howard, Lee Chisholm, John Lutz, James Michael Ullmann, John G. Hill und Robert Sheckley.

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Seitenzahl: 557

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CHRISTIAN DÖRGE (Hrsg.)

Korrosion

Erzählungen

Apex Crime, Band 18

Apex-Verlag

Inhaltsverzeichnis

Das Buch

Bryce Walton: KORROSION (Corrosion)

James Holding: FLORENTINER SIND GERISSEN (Those Cunning Florentines)

Donald Honig: MANGEL AN KOORDINATION (Nice Work If You Can Get It)

Borden Deal: SCHALL UND RAUCH (The Big Bajoor)

Bob Bristow: DAS BAND (The Bond)

Dion Henderson: BABYSITTER (Babysitter)

Arthur Forges: EINE LEICHTE FEHLEINSCHÄTZUNG (A Slight Miscalculation)

William Link: KEIN TALENT (Exit Line)

Donald E. Westlake: BITTE NICHT AM STAMMBAUM RÜTTELN (Never Shake A Family Tree)

C. B. Gilford: SERIÖSES OPFER GESUCHT (Wanted: A Respectable Victim)

Douglas Farr: SCHWARZER FREITAG (The Rich Get Richer)

Alan Schaffer: EINE SELTENE KRANKHEIT (A Rare Disease)

O. H. Leslie: GEDANKEN VOR DEM MORD (Thoughts Before Murder)

Donald Martin: JUNGER MANN IN FREMDEM HAUSE (A Reform Movement)

Henry Slesar: MR. D. UND DER TOD (Mr. D. And Death)

James Gilmore: ENDE SCHLECHT, ALLES GUT (Isn't It A Perfect Crime?)

Stephen Wasylyk: AUF DIE FARBE KOMMT ES AN (One Body Too Many)

James Holding: DER SCHNABEL DES PAPAGEIS (The Fund-Raisers)

Edward D. Hoch: JACK LINCOLNS TOD (The Death Of Lame Jack Lincoln)

Clark Howard: ZAHLTAG (Payoff Time)

Lee Chisholm: DIE FRAU IM WEG (Wanted: Swinger's Housekeeper)

John Lutz: VIRGINIA UND DIE ZWERGE (No Small Problem)

James Michael Ullman: ARBEITSLOS (Another Job)

John G. Hill: MANIFESTO (Manifesto)

Robert Sheckley: DAS ZEHNTE OPFER (The 10th Victim)

Das Buch

Die Anthologie Korrosion - zusammengestellt und herausgegeben von Christian Dörge - enthält fünfundzwanzig ebenso erstklassige wie spannende Crime-Erzählungen internationaler Spitzenautoren des Genres: Storys von James Holding, Donald Honig, Borden Deal, Bob Bristow, Dion Henderson, Arthur Porges, Bryce Walton, William Link, Donald E. Westlake, C. B. Gilford, Douglas Farr, Alan Schaffer, O. H. Leslie, Donald Martin, Henry Slesar, James Gilmore, Stephan Wasylyk, Edward D. Hoch, Clark Howard, Lee Chisholm, John Lutz, James Michael Ullmann, John G. Hill und Robert Sheckley.

Bryce Walton: KORROSION (Corrosion)

Die ehrbaren Bürger von Lakeville waren mehr verärgert als schockiert über das von Samuel Hollister verübte Verbrechen. Was seine Position und sein Ansehen betraf, so war er so sehr einer der ihren, dass sie seine Tat als einen gemeinen Verrat empfanden.

»Er war ein so angenehmer Mensch, wie man ihn sich immer kennenzulernen wünscht«, beschrieb Lehrer Ralph Phillips ihn einem Reporter gegenüber.

Auch seine Frau, mit der Hollister dreiundzwanzig Jahre verheiratet gewesen war, konnte, nachdem sie sich von einem Nervenschock erholt hatte, immer nur wiederholen, dass das Ganze einfach unmöglich sei.

Hollister war ein kleiner, flinker Mann mit einem übermäßig großen Kopf, dessen strohblondes Haar sich zu lichten begann. Er hatte ein rundes Gesicht. Und war es im Winter stets etwas bleich, zeigte es sich im Sommer meist ein wenig rotgefleckt. Wem immer er auch begegnen mochte, stets verzog sich sein verhältnismäßig dünner Mund zu einem freundlichen Lächeln, wodurch sich viele kleine Fältchen in seinen Augenwinkeln bildeten.

»Er war ein so netter Mann«, hörte man eine Frau sagen.

»Ich kann mir nicht vorstellen, dass er Feinde gehabt haben könnte in dieser Gegend, wenn nicht gar im ganzen Land überhaupt«, war die Meinung des Hausmeisters der Schule, Ray Bardon.

Seit sechzehn Jahren schon respektierte man ihn als Rektor der Leland High School, und er verdankte seinen Erfolg allein seiner unverdrossenen Tüchtigkeit. Dieser Erfolg war eher auf sein strenges Festhalten an Regeln zurückzuführen als auf irgendeine eingebildete Verwegenheit. Dank seiner Güte und Zurückhaltung war es ihm möglich, sich auf eine schüchterne, indirekte Art durchzusetzen. Nie, dass er die Selbstbeherrschung verlor, um mit erhobener Stimme die notwendige Disziplin herzustellen. Und war es doch einmal notwendig, dass er scharf durchgreifen musste, so gab er mit seinem traurigen, vorwurfsvollen Blick den Betroffenen das Gefühl, ihn schwer enttäuscht zu haben. Er verstand es, sich so gekränkt zu zeigen, als hätte man ihn auf gemeine Art und Weise verraten.

Als Superintendent der First Baptist Church leitete er auch die Sonntagsschule dieser christlichen Gemeinde. Schon als kleiner Junge soll er - sehr zum Missfallen seiner Zeitgenossen - den Erwachsenen durch seine nette, stets freundliche Art aufgefallen sein. In Lakeville geboren und aufgewachsen, hatte Hollister eine lückenlose Vergangenheit aufzuweisen. Nie, dass er sich etwas hatte zuschulden kommen lassen. Die Tatsache aber, dass gerade er sich als ein gewalttätiger Mensch entpuppte, ließ ein allgemeines Misstrauen aufkommen. Plötzlich war man sich dessen bewusst, dass jeder Mensch es fertigbringen könnte, heimlich irgendeine schmutzige, außereheliche Beziehung aufrechtzuerhalten, und dass jeder zu einer so grausamen, geplanten Mordtat fähig sein müsste.

Am meisten aber ärgerten sich die angesehenen Leute in Lakeville über die gleichgültige, weltliche Haltung, nämlich so, als sei nichts geschehen, die Hollister unmittelbar, nachdem er die Tat begangen hatte, an den Tag legte. Offenbar nämlich hatte er den Tag, an dem er Louella Prentz kaltblütig ermordete, so verbracht, als sei es ein Tag gewesen wie jeder andere, ein ganz gewöhnlicher Donnerstag.

Wie immer, so hatte er auch an diesem Tag die Lakeville High Times gelesen, und er hat auch zwei Jungs bestraft (wenngleich auch nicht allzu hart, denn einer von ihnen war der Sohn eines Bankiers), die er im Heizraum rauchenderweise aufgespürt hatte. Er hatte auch die tägliche Klasseninspektion durchgeführt und sich in Burkes Erdkundeunterrichtsklasse sogar ein wenig länger aufgehalten, um noch etwas zu den ansteigenden Ernteerträgen in Lateinamerika zu sagen.

Wie sich später heraussteilen sollte, hatte er sich auch in dem allgemeinen Aufenthaltsraum eingefunden, um sich in ein unverfängliches Gespräch über das Basketballspiel einzulassen. Um nicht unhöflich zu erscheinen, sollen die Schüler auch diesmal über seine in der Regel etwas komischen, dennoch aber wohlgemeinten Witze gelacht haben.

Selbst die unglückliche Miss Prentz in ihrem etwas konventionellen Tweed-Kostüm, die gerade Englischunterricht erteilte, soll ihm, der seit einiger Zeit schon ihr Geliebter war, und der sich auch an diesem bewussten Donnerstagnachmittag ab siebzehn Uhr allein nur noch ihr widmen würde, heimlich und verständnisinnig zugelächelt haben.

Mitleid und Sympathie für das Opfer Miss Prentz schwanden aber in dem Moment dahin, als ihre ehebrecherischen Beziehungen zu Hollister bekannt wurden.

Ohne beider Zutun hatte es sich eigentlich wie von selbst ergeben, dass sie sich näher kennenlernten, als sie bei einem Klassenausflug im vergangenen Frühjahr die Schüler zu beaufsichtigen hatten. Hollister war selbst erstaunt über seine eigene Verwegenheit. Noch erstaunter aber war er über Louellas leidenschaftliche Reaktion. Er fühlte sich schuldig. Er wusste auch, dass es nicht richtig war, und er hoffte, dass diese kleine Liaison bald vorübergehen möchte wie ein harmloser Traum.

Aber er hatte nicht mit Louellas Beständigkeit gerechnet. Sie gab ihn nicht frei. Eingeschüchtert von der ihm durch seine Lebensart aufgezwungenen Zurückhaltung sah Hollister als anständiger Mann keine andere Möglichkeit, dieses Problem zu lösen, als auf seine Art - gründlich und endgültig.

Hollister hatte es wiederholt versucht, sich aus dieser unbequemen, bedrohlichen Affäre zu befreien. Sie hatten sich auch immer nur heimlich getroffen, um keine Gefahr zu laufen, entdeckt zu werden. Er wusste, dass dieses Glück nicht ewig währen konnte. Wie ein Alpdruck lastete die ständige Gefahr, entdeckt, bloßgestellt und für den Rest seines Lebens ruiniert zu werden, auf ihm. Dennoch, er brachte es einfach nicht über sich, jemanden zu verletzen. Am wenigsten die einsame und lebenshungrige Louella.

Dann aber, etwa drei Wochen bevor der Mord geschah, forderte sie ihn förmlich dazu heraus.

Sie hatten sich nach dem Unterricht in dem kleinen Abstellraum neben dem Labor getroffen. Unter der großen Spannung des Augenblicks leidend hatte Louella zu schluchzen begonnen. Sie hatte des Öfteren schon geweint, aber niemals so sehr wie gerade in diesem Augenblick.

»So kann es nicht weitergehen, Sam«, sagte sie.

Ein schwacher Lichtschein fiel durch das einzige, ziemlich verschmutzte Fenster in diesen Raum. Kaum, dass man die staubigen Destillationskolben, Bunsenbrenner, Ersatzmikroskope sowie die großen Papier- und Bücherstapel erkennen konnte. Ein paar Regale waren angefüllt mit Flaschen, die irgendwelche Chemikalien enthielten.

Hollister fühlte ein großes Gefühl der Dankbarkeit in sich aufsteigen. Es freute ihn, dass Louella ihm endlich die Entscheidung abgenommen hatte, die er zu treffen sich nicht gewagt hatte. Tief gerührt entgegnete er: »Ich bin auch der Meinung, dass wir so nicht weiterleben können. Aber wir werden ja stets die Erinnerung an...« Dabei hatte er seinen Arm um sie gelegt. Plötzlich aber löste sie sich aus dieser Umarmung. Er war bestürzt über ihren nahezu feindseligen Gesichtsausdruck.

»So hatte ich es nicht gemeint, Sam. Ich werde dich natürlich nie aufgeben.« Sie schlug die Hände vors Gesicht. Am ganzen Körper zitternd schluchzte sie noch lauter, noch herzzerbrechender als zuvor.

»Aber ich verstehe nicht«, sagte Hollister aufs Äußerste überrascht. Er schaute sie an, irgendetwas gebot ihm, wachsam zu sein. »Du bist es doch gewesen, die gesagt hat, dass es so nicht weitergehen kann. Und ich stimme dir unbedingt zu. Es wird alles herauskommen und...«

»Du wirst dich scheiden lassen, Sam. Du wirst dich von ihr trennen und mich heiraten.«

Kopfschüttelnd nahm er seinen Arm von ihrer Schulter. Verblüfft fragte er sie, ob sie eigentlich wüsste, was sie da rede.

»Ich habe ein Recht darauf, geheiratet zu werden und Heim und Kinder zu haben wie andere Frauen auch. Du kannst dir nicht länger nur ein paar vergnügte Stunden mit mir machen, um dann zu ihr zurückzukehren. Ich werde es nicht länger dulden.« Bei diesen Worten hatte ihre Stimme einen ungewöhnlich schrillen Tonfall angenommen.

»Man wird uns hören, Louella«, sagte Hollister mit unsicherer Stimme. Er war zutiefst beunruhigt.

»Das ist mir egal. Ich will, dass man uns hört! Alle sollen es erfahren!«

»Bitte, Louella!« Er sah sie an und fuhr beinahe zärtlich fort: »So geht es doch auch nicht, das muss dir einleuchten. Wie konnte ich denn auch ahnen, dass du so darüber denkst?«

»So? Konntest du das wirklich nicht?«, fragte sie verbittert.

»Nun, ich...«, hilflos hielt er inne.

»Nun, was?«

»Es ist... weißt du, es ist einfach nicht möglich«, sagte er dann.

»Oh, doch! Es wird möglich sein!« Sie hatte zu schluchzen aufgehört. Plötzlich ging eine bedrohliche Kälte von ihr aus. Irgendetwas an ihr warnte ihn. So hatte er sie bisher noch nicht kennengelernt. Er wich zurück und stieß dabei an das mit Flaschen angefüllte Regal. Das eisige Klirren der Gläser ließ ihn erschaudern.

»Du wirst dich von ihr scheiden lassen, Sam. Es ist mein Ernst. Ich habe lange gewartet und immer gehofft, dass du von allein darauf kommen würdest, was zu tun sich einfach schickt. Anscheinend aber fehlt dir der Mut dazu.«

»Aber wie konnte ich denn ahnen...?«, stammelte er, und seine Hände zitterten leicht. Trotzdem brachte er ein Lächeln zustande.

»Louella«, begann er, »lass mich eine Lösung suchen. Gib mir Zeit, darüber nachzudenken, und ich werde bestimmt einen Ausweg finden.«

»Du wirst tun, was sich gehört. Es gibt nur einen Ausweg. Lass dich von ihr scheiden. Du wirst augenblicklich mit den nötigen Vorbereitungen beginnen, Sam.«

»Aber«, antwortete er ein wenig benommen, »selbst wenn ich täte, was du von mir verlangst, es würde alles an den Tag bringen. Ich werde ruiniert sein.«

»Und was ist mit mir?«

»Ich hatte nie den Eindruck, dass du je an eine Scheidung gedacht haben könntest.«

»Sagen wir doch lieber, du hast nie etwas Derartiges glauben wollen. Du bist einfach nicht der, für den die Leute dich halten. Wie selbstsüchtig du bist! Aber ich werde mich nicht länger von dir ausnutzen lassen.«

»Also gut, ich werde sehen, was ich tun kann.«

»Du wirst sofort die Scheidung einreichen, Sam. Oder ich werde zu reden beginnen. Ich werde alles preisgeben!«

Er zitterte vor Aufregung. Wie ein Blinder taumelte er an ihr vorbei der Tür zu, schloss sie auf und machte sich auf den Heimweg.

Das war für ihn der Wendepunkt in seinen Gefühlen ihr gegenüber gewesen. Zwar gelang es ihm, Louella mit Versprechungen hinzuhalten, sooft er sie aber sah, fühlte er einen inneren Aufruhr wie eine kalte Woge über sich zusammenbrechen. Er versuchte ihr klarzumachen, wie unmöglich ihre Forderung sei, aber ohne Erfolg.

Sie zeigte sich von Mal zu Mal verärgerter. Es schien unmöglich, sie von ihrem Vorhaben abzubringen.

Auch wenn er sich nach außen hin den Anschein gab, als sei nichts vorgefallen, hatte ihn doch die Furcht vor der Konsequenz. gepackt. So oft er sich in Gedanken ausmalte, was sie zu tun im Begriff war, drohte ihn eine Panik zu überfallen. Langsam begann er sie zu hassen. Es wäre schon schlimm genug gewesen, hätte er ihr je Veranlassung gegeben zu glauben, dass er sie auf diese Weise fest an sich zu binden beabsichtigt haben könnte. Erst jetzt erkannte er das wahre Gesicht hinter ihrer schmachtenden, zaghaften Fassade. Louella war in seinen Augen die personifizierte Enttäuschung, der, bis zu einer hysterischen Eifersucht ausgehungert, die vereinsamte Keuschheit mit all ihren Nebenerscheinungen lästig war, weil sie ganz einfach hoffnungslos schien.

Mitleid und Schuldgefühl entfachten in ihm das Gefühl, überleben zu wollen. Er wusste, dass man ihn als Kandidat für die Wahl des Prinzipals für den gesamten Schuldistrikt vorgeschlagen hatte. Obgleich ihn diese Auszeichnung reizte, empfand er die bevorstehende Ungnade schon jetzt als eine Strafe, und der Gedanke daran war ihm entsetzlich.

Er fühlte, wie das Verlangen nach Erfolg immer stärker in ihm wurde. Gleichzeitig aber quälte ihn das Bangen um seine berufliche Laufbahn, um sein Ansehen und seine Zukunft überhaupt. Mehr als einmal sah er Louellas Gesicht vor sich, in deren Macht es nun gegeben war, seine Zukunft und damit ihn selbst zu ruinieren. So wie er es nun sah, war es ein besonders gehässiges Gesicht, umrahmt von einer langweiligen Frisur, mit einem harten, kompromisslosen Mund. Mitunter schien es ihm schmerzverzerrt, vom vielen Weinen angeschwollen, wodurch es nur noch hässlicher wirkte. Was hatte sie überhaupt hier zu suchen? Mit welchem Recht war sie störend in sein Leben getreten? Warum drohte sie, ihn zu vernichten?

Schließlich hatte sie ihm eine Frist von einer Woche gegeben. Bis Freitag also musste er sich entschieden haben.

Es steckte jedoch so manches in Hollister, was niemand hinter seinem rosigen, freundlichen Lächeln vermutet hätte. Fast könnte man behaupten, dass sein ganzes Leben, so wie er es gelebt hatte, nur ein Deckmantel für ihn gewesen sei. Auch er konnte ganz schön eigensinnig sein, sofern er dazu herausgefordert wurde. Außerdem neigte er eher dazu, nachtragend zu sein - auch wenn er sich dessen kaum bewusst war - als sich plötzlichen Gefühlsausbrüchen hinzugeben. Andererseits aber muss von ihm gesagt werden, dass er jeden andern Ausweg vorgezogen hätte, als das zu tun, wozu er sich gewissermaßen gezwungen sah. Tatsächlich hatte er nichts unversucht gelassen, sie von ihrer Forderung abzubringen. Er hatte sie mit Schmeicheleien zu überreden versucht, und er hatte sie inständig gebeten, Vernunft anzunehmen. Eines aber hatte er nicht getan. Er hatte niemals irgendwelche Drohungen ausgesprochen. Das lag ihm nicht. Trotzdem schien alles vergebens. Miss Louella Prentz zeigte sich zu keinem Kompromiss bereit.

Hollister fühlte, wie sein eigener Wille mehr und mehr dahinschwand. Konsequenz und Furcht waren nur mehr ein Begriff für ihn. Zweifellos hielt Louella ihre eigene Überzeugung, aus der sie ihre Forderung geltend machte, für ehrenhaft und gerechtfertigt. Aber sie machte einen Fehler dabei. Sie vergaß, dass sie Hollister im Grunde ebenso wenig kannte, wie er sie gekannt hatte. Deshalb kam es ihr auch gar nicht in den Sinn, dass ihr Begehren auf einen Mord hinauslaufen könnte, und dass er aus reinem Selbsterhaltungstrieb gar nicht anders handeln konnte, als sie zu vernichten.

So fühlte Hollister nur noch Mitleid und Erbarmen mit sich selbst, und es ließ ihn nur noch an seine eigene Existenz denken. Plötzlich - ohne bisher gewusst zu haben, was zu tun das Beste sein könnte - ging er mit Vorbedacht daran, einen perfekten, komplizierten Plan auszuarbeiten, um sich endgültig von ihr frei zu machen. Da er über alles, was er bisher erreicht hatte im Leben, allein zu entscheiden gehabt hatte, und für ihn alles nur in der Einzahl existierte, nämlich eine Stadt, eine Karriere, eine Frau, so gab es auch jetzt nur einen Plan für ihn - einen alles umfassenden Plan.

Aus diesen Erwägungen heraus war auch sein normales, gleichgültiges Benehmen in jenen Stunden unmittelbar vor dem Mord zu verstehen. Er handelte allein aus dem Gefühl heraus, überleben zu wollen. Es war nun einmal seine Art, ohne viel Aufhebens von einer Sache zu machen, sich durchzusetzen, indem er sich schüchtern und zurückhaltend zeigte, mit jenem etwas sehnsüchtigen Lächeln auf seinem arglosen Gesicht.

Für ihn ist dieser Fall zu einem Objektfall geworden und damit Teil seines gerade auf gezeichneten Lebensziels. Natürlich war es notwendig, diesen Plan streng geheimzuhalten. Schließlich hatte die ganze Affäre unter derselben Geheimhaltung ihren Anfang genommen, folglich musste nun, nachdem sie sich zu einem Problem entwickelt hatte, auch die Lösung und das Motiv dieses Problems unerkannt bleiben. Also galt es, das Problem so zu lösen, dass es gleichzeitig als ein Beweis dafür angesehen werden konnte, dass es als Problem gar nicht existiert hatte.

Zweifellos hatte sich Hollister auch an jenem Nachmittag nicht mehr allzu sehr mit seinem Plan beschäftigt, als er sich lächelnd Miss Prentz zuwandte, die sich gerade anschickte, den Aufenthaltsraum zu verlassen. Für ihn hatte die eigentliche Mordtat schon vor drei Wochen begonnen. In dem Augenblick nämlich, als das Unfassbare und Furchtbare langsam zu einem vertrauten Gedanken heranzuwachsen begann.

»Äh, Miss Prentz«, sprach er sie an.

Sie drehte sich zu ihm um und erwiderte sein Lächeln. Einige Schüler gingen an ihnen vorbei. Sie sahen nur, dass ihr Rektor irgendeine Besprechung mit Miss Prentz zu haben schien. Vermutlich ging es nur um eine dienstliche Angelegenheit.

»Ja, Mr. Hollister?«

»Um noch einmal auf Ihren Vorschlag zurückzukommen, Miss Prentz, ich habe nun inzwischen meine Entscheidung getroffen. Ich stimme Ihnen vollkommen zu. Wirklich, eine ausgezeichnete Idee.«

»Das freut mich sehr, Mr. Hollister«, gab sie zurück, und wieder errötete sie.

»Also um fünf Uhr in dem kleinen Abstellraum des Labors. Ich werde dir dann alles erklären«, setzte er mit leiser Stimme hinzu.

Darauf nickte sie zustimmend und strebte mit ihrer Englischklasse den Flur entlang ihrem Klassenzimmer zu.

Ihre äußere Erscheinung, dieses konventionelle Tweed-Kostüm - dazu angetan, eine keusche, weibliche Grazie vorzutäuschen - ließ ihn nun völlig kalt. Mehr oder weniger symbolisierte es nur die Bedrohung seiner Existenz.

Das Lächeln, das Hollister nun an den Tag legte, hätte jedem aufmerksamen Betrachter verdächtig Vorkommen müssen. Es war ein verschlagenes Lächeln, so als würde er sich heimlich über irgendetwas lustig machen.

Wie bereits erwähnt, soll er sogar den Nerv besessen haben, Miss Prentz und ihre Klasse mit einem kurzen Inspektionsbesuch beehrt zu haben, bevor er sich wieder in sein Büro begab. Wie ein Schüler später aussagte, soll Miss Prentz ihren Schülern gerade Gedichte vorgelesen haben.

Um zehn Minuten vor fünf schloss Hollister sein Büro ab und begab sich in den südlichen Flügel des Schulgebäudes. Nichts, so dachte er, kann so verlassen anmuten wie eine plötzlich vereinsamte Schule. Wie oft schon hatte er in diese Stille gelauscht. Kaum dass er sich erinnern konnte, es einmal nicht getan zu haben. So wie das Wachen und Schlafen zum Lebensrhythmus gehören, war dieses Ansteigen und Abschwellen des Stimmengewirrs Teil seines Lebens geworden. Wie das Treiben um den Bienenstock herum, setzte morgens ein lebhaftes Getöse ein, und es nahm an Lautstärke zu, bis schließlich - ähnlich wie bei den Bienen auch, wenn der Bienenkorb sich leerte - eine verhaltene, pulsierende Ruhe eintrat.

Nie zuvor aber ist diese Ruhe ihm so zu Bewusstsein gekommen wie gerade in diesem Augenblick, als er an der Englischklasse vorbei dem Ende des Korridors zustrebte. Dabei erinnerte ihn plötzlich irgendetwas daran, dass es März war und die Osterferien bald beginnen würden. An einem der Flurfenster blieb er stehen, um einen Blick hinauszuwerfen. Hinter dem Fußballstadion, das zur Schule gehörte, sah er die Sonne untergehen. Unter dem Fensterbrett fing sich der Wind und verursachte ein säuselndes Geräusch. Es war kalt. Hollister fühlte, wie die kalte Luft einen Hustenreiz in ihm weckte. Er schüttelte sich ein wenig. Irgendetwas hatte scheinbar seinen Widerwillen erregt.

Unten auf der Straße bummelten Schüler die Straße hinunter, und es sah aus, als würden sie sich vom Wind treiben lassen. Manchmal verachtete er diese Jugend ob ihrer fehlenden Hingabe und Überzeugung. Fortgeworfenes Kaugummipapier sowie diverses andere Papier trieb der Wind vor sich her über den zertrampelten Rasen. Stellenweise sah man bereits die nackte Erde hindurchschimmern. Ray Bardon, der Hausmeister, lehnte am Fahnenmast und zündete sich eine Pfeife an. Er wartete auf den Sonnenuntergang, um die Fahne herunterzuholen.

Von irgendwoher war das Heulen eines Hundes zu vernehmen. Und wieder spürte Hollister deutlich den Luftzug und die Kälte des Windes an seinen Händen.

Aus der Ferne drangen dumpfe Zurufe an sein Ohr. Vermutlich kamen sie aus der Turnhalle, wo die Basketballmannschaft für das am Freitag stattfindende Spiel gegen Louiston trainierte.

Hollister begab sich die Treppe hinauf. Im dritten Stockwerk bog er rechts um die Ecke und ging den langen Korridor entlang auf die Doppeltür zu, die in den ausschließlich der Wissenschaft gewidmeten Teil des Gebäudes führte. Hinter der Milchglasscheibe war alles dunkel. Damit hatte er gerechnet. Er wusste, dass Dr. Thompson, ein begeisterter Sportler und Hilfstrainer, für einen pünktlichen Feierabend war. Seine letzte Unterrichtsstunde im Labor musste so gegen drei Uhr zu Ende gewesen sein. Übers Wochenende ließ er sich hier ohnehin nie sehen. Er erlaubte seinen Schülern auch nicht, das Labor ohne jede Aufsicht zu benutzen.

Hollister durchquerte das Labor in nördlicher Richtung und trat durch eine weitere Tür in einen kleineren, etwas muffigen Raum. Hinter den Käfigen der kleinen Meerschweinchen, die, aus ihrer Ruhe aufgeschreckt, leise quiekende Laute von sich gaben, schloss er eine weitere Tür auf, die in den bewussten dunklen Abstellraum führte. Durch ein kleines, ziemlich verschmutztes Fenster fiel schwaches Tageslicht in den Raum. Triumphierend atmete er auf. Er fühlte sich wie ein Verfolgter, der endlich ein geeignetes Versteck gefunden hatte. So verharrte er einen Augenblick. Ein leichtes Schwindelgefühl hatte ihn erfasst. Er fuhr sich mit der Hand über die Augen und tat drei tiefe Atemzüge.

Er hatte die Tür absichtlich einen Spalt offen gelassen. Aufmerksam lauschte er in die beklemmende Stille hinein. Aber außer dem Gequieke der Meerschweinchen und dem Geräusch der Luftpumpen in den Aquarien war nichts zu vernehmen.

Noch einmal zwang er sich, ruhig und tief zu atmen. Jeder Mensch, so sagte er sich, täte gut daran, zu Beginn eines Vorhabens sein Selbstvertrauen nicht zu überschätzen. Von Schwierigkeiten reden heißt sie heraufbeschwören. Zuviel Gerede kann alles vernichten. Ähnlich ist es auch mit den Gedanken. Deshalb würde auch er nur das Allernötigste sagen und am besten gar nicht groß darüber nachdenken.

Plötzlich schien ihm das Quieken der Meerschweinchen aufgeregter. Er vernahm die leisen Schritte von Miss Prentz. Ihr Schatten, der sich deutlich an der Wand abzeichnete, verriet ihm, dass sie einen Augenblick lang zögerte, bevor sie den Abstellraum betrat.

»Bitte, mach die Tür zu«, begrüßte er sie mit sanfter Stimme. Sie tat es und lehnte sich mit dem Rücken an die Tür.

»Schließe sie bitte ab«, fügte er hinzu.

Ihm zugewandt, bemühte sie sich, mit der Hand hinter ihrem Rücken die Tür abzuschließen.

Und diesen Augenblick benutzte Hollister, sich ein wenig vorzubeugen. Ein schwaches Grinsen war auf seinem Gesicht. Es war ein dummes Grinsen, das ganz und gar nicht hierher zu passen schien. Zögernd ging sie einen Schritt auf ihn zu. Hinter ihm standen die mit Gläser und Flaschen angefüllten Regale.

»Sam«, sagte sie, dann folgte eine kleine Pause. »Hast du mit ihr gesprochen?«

»Nein«, antwortete er, und es klang, als wollte er sich entschuldigen dafür.

»Wie bitte...?«

»Ich kann es ihr nicht sagen, Louella. Es wäre ohnehin keine Lösung. Magst du das auch denken. In Wirklichkeit wäre niemandem damit geholfen, auch dir nicht. Ich weiß, dass du das nie begreifen könntest. Ich aber weiß eine bessere Lösung. Sie wird endgültig sein, und niemand wird je wieder auf die Angelegenheit zurückkommen müssen.«

»Sam...«

Sie gab einen leisen gurgelnden Laut von sich. Das schwere Bleirohr hatte sie mitten auf den Kopf getroffen.

Hollister selbst hat später nie begreifen können, warum er noch einmal zugeschlagen hat, und warum noch ein drittes Mal, als sie am Boden lag. Schon nach dem ersten Schlag hatte er gewusst, dass es vollbracht war. Er erinnerte sich, irgendwo einmal gelesen zu haben, dass die Schädeldecke irgendeines Menschen wie eine Eischale zerbrochen sein soll. Aber das stimmte offenbar nicht. Er hatte eher das Gefühl gehabt, auf einen harten Gegenstand geschlagen zu haben. Das schwere Bleirohr hatte sogar seine Hand geprellt.

Er zog sie von der Tür weg in die Mitte des Raums hinein, um sie bei dem schwachen Licht, das durch die kleine Fensteröffnung hereinfiel, besser entkleiden zu können. Nun, da alles vorbei war, weckte die Feststellung, dass sie tatsächlich tot war, ein bisher nie gekanntes Triumphgefühl in ihm. Gerade so, als hätte er in seinem bisherigen Leben noch nie Grund gehabt zu triumphieren.

Als er sich zu ihr hinabbeugte, fühlte er, dass sich ihm der Magen umdrehte. Die ganze obere Schädeldecke war eingeschlagen und ließ das Innere des Kopfes erkennen. Schnell kleidete er sie aus und wickelte ihre Sachen zusammen mit der Handtasche in ein braunes Einwickelpapier. Später würde er es noch fester verschnüren. Und er dachte sogar an jene unnützen Dinge wie Haarnadeln und vergaß auch nicht, ihr den Fingerring abzustreifen. Dann schleppte er sie hinter die aufgestapelten Kartonagen und Regale zu einem metallenen Becken. Es kostete ihn fünf Minuten schwerer Arbeit, sie in das Bassin hineinzuheben und so zu verstauen, dass auch nichts über den Rand wegsah. Aus ihrer Bluse machte er sich eine Art Mopp, um damit den Fußboden zu reinigen. Dann wickelte er die Bluse zusammen mit den andern Kleidungsstücken noch einmal fest ein und band einen dicken Strick um das Paket.

Sekundenlang fühlte er sich von einem Schwächeanfall übermannt. Er lehnte sich gegen die Wand. Ein Brechreiz überkam ihn. Angestrengt lauschte er, ob irgendetwas Verdächtiges zu hören war.

Aber nichts. Kein Laut. Das laute Schlagen seines eigenen Herzens hatte ihn aufgeschreckt. Dann aber drohte ihn doch eine Panik zu überfallen. Plötzlich kam ihm das Furchtbare seiner Tat zu Bewusstsein. Aber auch diese Anwandlung ging vorüber, und er beruhigte sich wieder. Gefasst und umsichtig setzte er sein Werk fort.

Das Bassin, in welches er die Leiche von Miss Prentz hineingetan hatte, war ein eisernes Waschbecken. Ursprünglich hatte es einmal seinen Platz im Hauptlabor gehabt. Als dieses aber vor einem Jahr modernisiert worden war, hatte man das Bassin hier in diesem Abstellraum angeschlossen. Auch dieser Raum hätte eine Renovierung dringend nötig gehabt, und es war einmal geplant gewesen, ihn im Rahmen einer Vergrößerung des Labors auszubauen. Dann aber hatte die Schulbehörde ihre Zustimmung doch nicht gegeben. So wurde das Bassin nie wieder benutzt. Es kam nur ganz selten vor, dass überhaupt jemand diesen Abstellraum betrat und wenn, dann nur den vorderen Teil des Raumes, dort wo die Regale mit den Chemikalien standen. Den Teil aber hinter den aufgestapelten Kartons, wo sich das Bassin nun befand und wo es außer Staub und Spinngeweben nichts weiter gab, betrat niemand.

Das Bassin war inzwischen verrostet, und er hatte sich seinen Finger an der rauen Kante verletzt. Aber er achtete jetzt nicht darauf. Er umwickelte den Finger mit einem Taschentuch und machte sich daran, die Säure in das Bassin zu schütten. Da er für die Bestände an Chemikalien verantwortlich war, konnte er die Zahlen leicht fälschen. Darum also brauchte er sich nicht zu sorgen.

Zwanzig Liter Schwefelsäure sowie zehn Liter einer noch wirksameren Säure würden bestimmt ausreichen. Sie würden, wenn überhaupt, so bald nicht vermisst werden. Er würde sie zur rechten Zeit ersetzen. Niemand würde auf den Gedanken kommen, das spurlose Verschwinden von Miss Louella Prentz mit der Schule oder gar mit ihm, Hollister, in Verbindung zu bringen. Denn eines wusste er mit Gewissheit: niemand kannte die unglücklichen Verwicklungen, in die er geraten war. Hätte irgendwer davon gewusst, gewiss hätten die Schüler seiner Schule schon längst einmal ihre ungezogenen, in solchen Fällen stets übertriebenen Lästerungen angebracht.

Als ihm die ätzenden Säuredämpfe in die Nase stiegen, musste er husten. Seine Augen tränten. Er ging ans Fenster und öffnete es wenige Zentimeter. Morgen schon würde der Dunst verflogen sein, von niemandem bemerkt. Für morgen stand kein Chemieunterricht auf dem Plan. Gewöhnlich ließ Dr. Thompson die Chemiestunden an den Tagen ausfallen, an denen ein großes Spiel ausgetragen wurde. Freitag, Sonnabend, Sonntag - bis Montag würde sich die Leiche vollständig aufgelöst haben. Freitagnachmittag, bevor er nach Louiston fahren würde, um sich das Spiel anzusehen, wollte er noch einmal hereinschauen, um sich davon zu überzeugen, dass der Auflösungsprozess auch zufriedenstellend vonstattenging.

Natürlich, und davon war er überzeugt, würde alles glatt verlaufen. Schließlich hatte er sich ausreichend mit dem ganzen Problem beschäftigt und alles wohl durchdacht. Es würde sich alles in Nichts auflösen. Die vollständige Auflösung der Leiche war das erste und größte Problem, das es in seinem alles umfassenden Plan zu bewältigen gab. Das Körperfett, die Gallensteine sowie gewisse plastische Substanzen, wie zum Beispiel künstliche Zähne, widerstanden bis zu einem gewissen Grad der Vernichtungskraft einer konzentrierten Schwefelsäure. Aber die zehn Liter der anderen Säure würden ein Übriges tun.

Nachdem er den letzten Tropfen in das Bassin geschüttet hatte, bedeckte er es mit einer Zeltbahn. Obenauf schichtete er diverse Kartons, Gläser und Bücher.

Das Paket mit den Kleidern und den übrigen persönlichen Habseligkeiten unterm Arm, begab er sich in den Heizraum. Selbstverständlich vergaß er auch nicht, ihre Wagenschlüssel sowie alle nicht brennbaren Gegenstände aus ihrer Handtasche zu nehmen und sie in seine Tasche zu stecken. Alles andere wanderte in den Heizofen.

Als er auf den Parkplatz vor der Schule hinaustrat, war es bereits dunkel. Weit und breit war nichts Verdächtiges zu sehen oder zu hören. Im Hauptgebäude brannte noch Licht, ein Zeichen dafür, dass der Hausmeister seine Runde machte. Gewöhnlich begann er seinen Rundgang im obersten Stockwerk des Nordflügels und arbeitete sich durch den wissenschaftlichen Teil des Gebäudes zum zweiten Stockwerk durch. Bisher hatte er sich eigentlich nie um den bewussten Abstellraum neben dem Labor gekümmert. Warum also sollte er seine Gewohnheit gerade heute ändern? Trotzdem verharrte Hollister und wartete, dass das Licht im Labor ausgehen sollte. Nach einer halben Stunde wurde es auch dort wieder dunkel. Auch aus dem Abstellraum drang kein Lichtschein heraus.

Hollister zog sich Handschuhe an und fuhr Miss Prentz’ Wagen, nachdem er noch eine Runde außerhalb der Stadt gedreht hatte, die Old Mill Road hinunter. In der Nähe von Jones Culvert ließ er ihn am Straßenrand stehen und kehrte durch den Wald, am Schulstadion vorbei zu dem Parkplatz zurück, um mit seinem eigenen Wagen, den er dort ebenfalls geparkt hatte, nach Hause zu fahren. Als seine Frau ihn an dem bewussten Abend empfing, kam er nur mit fünf Minuten Verspätung zum Abendessen.

Was Hollister dann aber am darauffolgenden Freitagmorgen um zehn Uhr tat, sollte von der empörten Bevölkerung später als besonders tadelnswert und abgebrüht aufgefasst werden. Er selbst nämlich hatte die Vertretung für Miss Prentz übernommen und unterrichtete ihre Klasse in Raum 104. Wie die Schüler später aussagten, soll ihnen Hollister, dessen sonstige Art ihnen allen vertraut war, gerade an diesem Tag aufgefallen sein durch seine besonders humorvolle Unterrichtsweise. So wurde es auch als eine unerhörte Dreistigkeit angesehen, dass er, ohne dass ihn jemand direkt gefragt hätte, der Klasse erklärt hatte, Miss Prentz würde bestimmt bald wieder zurückkehren.

Da niemand wusste, was ihr inzwischen zugestoßen war, hielt er es natürlich nicht für nötig, lange Erklärungen abzugeben über den Grund ihrer Abwesenheit. Auf seine Frage, was Miss Prentz ihnen als Hausaufgabe aufgegeben habe, wurde ihm gesagt, dass sie Gedichte auswendig gelernt hätten.

Hollister sah auf. Ein Geräusch, von dem er anfangs geglaubt hatte, dass er sich verhört haben musste, ließ sich nun nicht mehr überhören. Es hörte sich an wie ein leises Knistern. Es kam von der Decke. Und dann sah er ihn. Einen dunklen, öligen Fleck, der sich mehr und mehr ausbreitete, bis er die Größe eines ausgebreiteten Badetuchs angenommen hatte.

Hollister starrte für mehrere Sekunden auf den Fleck. Im Augenblick hatte er noch keine Erklärung dafür, was es sein könnte. Aber dann erinnerte er sich daran, dass sich dort oben der bewusste Abstellraum befinden musste, genau über der Englischklasse in der ersten Etage.

Plötzlich war ihm der Hals wie zugeschnürt. Kaum dass er schlucken konnte. Der Riss in der Decke vergrößerte sich. Dadurch löste sich der Putz von der Decke und fiel genau auf die Bank von Margie van Fleet. Sie sah auf. Einige der Schüler schauten zur Decke hinauf, die anderen starrten Hollister an.

»Fehlt Ihnen etwas?«, fragte Mary Stearns aus der ersten Reihe. »Sie sehen ganz bleich aus.«

Hollister nahm die Brille ab. Geistesabwesend putzte er die Brillengläser. Der Schweiß stand ihm auf der Oberlippe. Da folgte auch schon ein ohrenbetäubender Lärm. Die Fensterscheiben klirrten, der Fußboden unter ihnen schien zu beben. Die Schüler sahen sich im Raum um, dann starrten sie sich gegenseitig an.

Umständlich setzte Hollister seine Brille wieder auf und richtete schnell noch einen Blick zur Decke.

Natürlich hatte man Louellas Auto inzwischen gefunden. Ihre etwas hysterisch veranlagte Wirtin hatte sofort den Sheriff benachrichtigt, und der hatte ein paar seiner Leute zusammengerufen, die Umgegend abzusuchen und ihre Bewohner zu befragen. Noch immer waren sie damit beschäftigt, den Wald um Jones Culvert herum zu durchkämmen. »Sie ist am Donnerstag zur gewohnten Stunde von hier fortgegangen«, so hatte Hollisters Antwort gelautet, als man auch ihn gefragt hatte. »Ich vermute es jedenfalls, denn ich persönlich habe sie nicht gehen sehen.«

Hollister zwang sich, nicht mehr zur Decke hinaufzusehen. Es gelang ihm sogar, ein Lächeln aufzusetzen.

»Nun, wer will ein Gedicht aufsagen?«, fragte er.

Mary Stearns stand auf und öffnete sichtlich nervös ihr Lesebuch. Dann warf sie einen Blick nach oben. Sie war dem Weinen nahe. Wenn sie jetzt zu weinen beginnt, so dachte Hollister, bekommt sie eine Ohrfeige. Es galt jetzt, Haltung zu bewahren. So ein Weinen war nicht angenehm zu hören. Er würde es jetzt nicht ertragen können. Er wusste, dass seine Nerven das nicht mehr aushalten würden.

»Also bitte, fang an«, sagte er mit fester Stimme.

»Die Decke«, kam es wie ein Flüstern aus einer der hinteren Reihen.

Mit kreidebleichem Gesicht begann Mary Stearns zu stottern, während sich Hollister verzweifelt bemühte aufzustehen. Aber er fühlte sich unfähig, eine Bewegung zu machen. Dabei versuchte er sich selbst einzureden, dass das, was sich dort oben über ihnen tat, nicht zu bemerken war, dass niemand es sah. Es kann nur eine Wahnvorstellung sein, so sagte er sich, ein Zeichen dafür, dass seine Nerven ganz einfach überspannt waren. Er verharrte auf seinem Platz und fühlte, wie sich seine Kopfhaut vor Aufregung zusammenzog. Noch immer vermochte er nicht, sich zu bewegen.

Dann hörte man das Bersten des Holzes. Kleine Stückchen der durchnässten Decke fielen herab. Bretter, Leisten und Balken schienen über ihnen zusammenzukrachen. Unaufhörlich rieselte der Putz von der Decke herab. Nun wurde auch das Flüstern in der Klasse lauter. Durcheinander schreiend liefen die Schüler der Tür zu. Mary Stearns Stimme zitterte, aber sie hörte nicht auf, ihr Lieblingsgedicht vorzutragen, gerade so, als wäre sie nicht in der Lage aufzuhören. Sie war einfach nicht fähig, sich umzudrehen, dorthin nämlich, wohin auch Hollister unverwandt starrte.

Und was sich da vor seinen Augen abspielte, war mehr als entsetzlich. Langsam sank das Bassin durch das Loch in der Decke herab. Es hatte einen großen Riss. Mehr im Unterbewusstsein registrierte er, dass folgendes passiert sein musste. Die Säure hatte sich vermutlich durch das Bassin gefressen, war ausgelaufen und hatte natürlich auch vor dem Fußboden nicht haltgemacht. Das Gewicht des Bassins musste dann ein Übriges getan haben.

Er sah, dass eine dicke Flüssigkeit von der Decke heruntertropfte. Eine schmutzige, gelbliche, fetthaltige Masse, die auf die Schulbänke tropfte und von dort auf den Fußboden. Bald standen alle aneinandergereihten Schulbänke in dieser schlammigen, zähflüssigen Lache.

»Was ist das?«, fragte jemand.

Da plumpste irgendetwas mitten in diese Masse hinein. Inzwischen hatten alle den Raum verlassen. Nur er verharrte noch immer in der gleichen Stellung an seinem Pult, weil er einfach nicht in der Lage war, aufzustehen und zu gehen. Und es war ihm nun auch völlig egal.

  James Holding: FLORENTINER SIND GERISSEN

  (Those Cunning Florentines)

»Es könnte ja sein, dass es wirklich ein Smaragd ist«, sagte Signor Gozzoli. »Jedenfalls hat mich der Küster der Kapelle zu Ihnen geschickt.«

»Und das mit Recht«, entgegnete Andrea Cantini, ein Polizeibeamter, prima classe in der Quästur von Florenz. »Wir sind Ihnen sehr dankbar, dass Sie uns die Angelegenheit zur Kenntnis gebracht haben, Signor Gozzoli. Ich werde mich persönlich um die Sache kümmern. Sofort. Obgleich...«, er lächelte fein - »obgleich ich gestehen muss, dass es mehr als unwahrscheinlich klingt. Äußerst unwahrscheinlich.«

Auch Gozzoli lächelte. »Sie haben völlig Recht, Signor Cantini. Es ist unwahrscheinlich. Jedoch, Sie müssen wissen, dass ich mir gerade darüber meine eigenen Gedanken gemacht habe. Ich habe sozusagen eine Theorie entwickelt.«

»So?«

»Ja. Ich glaube nämlich, dass in vielen Fällen sich die unwahrscheinlichste Möglichkeit als die Wahrheit herausstellt. Allzu oft übersehen wir die Wahrheit, einfach weil sie uns als zu unwahrscheinlich vorkommt. So auch hier: Ich sah, wie ein Sonnenstrahl in einem bestimmten Winkel auf das Juwel fiel. Einen Augenblick lang hatte ich den Eindruck, als sei der Edelstein nicht aus grünem Glas, sondern ein echter Smaragd - so unwahrscheinlich das klingen mag. Also machte ich den Küster darauf aufmerksam. Und jetzt bin ich hier.«

Er breitete mit neapolitanischer Geste die Hände aus und erhob sich von seinem Stuhl, ein dürrer, unauffällig gekleideter Herr, mit einem buschigen, schwarzen Schnurrbart und blauen Augen, die hinter dicken Brillengläsern funkelten. Er raffte seine Kamera, sein Fernglas und seinen Baedeker zusammen. Mit freundlicher Stimme sagte er: »Es tut mir leid, wenn ich Ihnen mehr Umstände gemacht habe, als Ihnen Touristen sonst machen, Signor, aber ich glaubte, 'es Ihnen doch nicht unterschlagen zu dürfen.«

Er schüttelte dem Polizeibeamten die Hand und wandte sich zur Tür.

»Mille grazie«, sagte Cantini. Er lächelte hinter ihm drein. Als Polizist war er alle möglichen Arten von Käuzen gewohnt, aber dieser hier war gewiss einer der amüsantesten.

Cantini bemühte sich vom Polizeipräsidium zur Kirche des San Lorenzo. Er ging den Canto di Nelli hinunter, drängte sich auf der Piazze Madonna durch die Volksmenge, die dort die Verkaufsbuden belagerte, und betrat schließlich die Krypta der Medici-Kapelle, die hinter der Kirche lag. Eilig stieg er die Stufen hinauf, die zur Kapelle der Fürsten führten.

Auf dem Mosaikboden der Kapelle blieb er stehen und blickte sich in dem achteckigen, mit kostbarem Marmor ausgekleideten Raum um, in dem die Grabstätten von sechs Medici-Herzögen lagen. Langsam schritt er hinüber zum Sarkophag Ferdinands II., denn dort wollte Signor Gozzoli den Edelstein entdeckt haben.

Der Sarg stand in einer Wandnische, hoch über dem Fußboden. Auf seiner granitenen Oberfläche lag ein großes, gemeißeltes Steinkissen. Und auf diesem Kissen, unmittelbar zu Füßen einer überlebensgroßen Statue des Großherzogs, ruhte eine Nachbildung der Herzogskrone, vergoldet und mit Kristallstücken und Edelsteinimitationen aus buntem Glas besetzt.

Vorn in der Krone saß ein großer rechteckiger grüner Stein. Er mochte etwa sechs Zentimeter in der Breite und zwei Zentimeter in der Höhe messen. Und diesen Stein hatte Signor Gozzoli für echt gehalten.

Cantini starrte hinauf zu der steinernen Krone. Sie befand sich fast sechs Meter über seinem Kopf. Von unten gesehen, kam Cantini der Stein recht klein und recht grün vor, weiter nichts.

Er ging hinüber zum Küster, der bei einer Gruppe Touristen stand und ihnen Postkarten und Andenken verkaufte. Cantini nahm ihn beiseite.

»Sie haben mir schon wieder so einen Sonderling von einem Touristen auf den Hals geschickt«, sagte der Beamte.

Der Küster lächelte breit. »Der Mann ist ’ne Marke, nicht wahr?«

»Bestimmt. Aber erzählen Sie mir Näheres, bitte.«

»Was soll ich erzählen? Hat er es Ihnen nicht selbst berichtet?«

Der Polizist überging die Gegenfrage. »Sahen Sie ihn hereinkommen?«

»Jawohl. Es war noch ganz früh, gleich nachdem ich die Kapelle aufgesperrt hatte. Er kam die Treppe herauf und ging in die Sakristei. Eine Kamera hatte er dabei und einen gedruckten Stadtführer, so wie die meisten Touristen. Eine Zeitlang blieb er in der Sakristei. So eine Viertelstunde, schätze ich. Dann begann er, sich in der Kapelle umzusehen. Ich sah, wie er sich den Ferdinand dort drüben betrachtete...« - der Küster machte eine hinweisende Handbewegung -, »...und auf einmal hob er sein Fernglas und starrte wie gebannt auf die Herzogskrone. Ja, und dann kam er zu mir.«

»Was hat er gesagt?«

»Er sagte: Signor, hier in meinem Baedeker steht, dass die Juwelen auf der Herzogskrone nur aus buntem Glas sind. Stimmt das? Ich bestätigte es. Daraufhin sagte er, er glaube, das grüne Juwel in der Krone, das da ganz vorn, das sei kein Glas, sondern ein echter Smaragd.«

»Sie haben ihn ausgelacht, vermute ich«, sagte Cantini.

»Da haben Sie Recht. Ich versicherte ihm, er müsse sich irren. Ich bin sogar mit ihm hinübergegangen und habe mir die Krone durch sein Glas genauer angesehen. Er war an sich ein netter Kerl, wenn auch ein bisschen übergeschnappt. Und ich muss natürlich höflich sein zu allen Touristen.«

Cantini nickte. »Und was ist nun Ihre Meinung? Sieht der Stein aus wie Glas oder wie ein Smaragd?«

Giovanni lachte. »Er unterscheidet sich kein bisschen von allen anderen Glasjuwelen in allen Herzogskronen, die hier aufgestellt sind. Ich hab’s ihm auch gesagt. Aber er beharrte darauf, dieser eine Stein sehe anders aus. Er sagte, er sei früher Juwelier gewesen und kenne sich mit Steinen aus. Da habe ich ihn zu Ihnen geschickt.«

»Ein Juwelier!«, rief Cantini. »Das hat er mir nicht gesagt! Holen Sie mir eine Leiter, Giovanni!«

»Eine Leiter? Was ist denn in Sie gefahren, Signor Cantini? Wo soll ich denn eine Leiter herbekommen? Ich müsste eine aus der Krypta heraufschleppen. Und schauen Sie sich den Schwarm Touristen an, der sich um den Postkartenstand drängt. Ich kann jetzt nicht fortgehen, um eine Leiter zu holen.«

»Holen Sie eine«, beharrte Cantini. »Ich vertrete Sie solange hier. Wir müssen uns die Krone des Herzogs Ferdinand aus der Nähe betrachten.«

Kaum war Signor Gozzoli an diesem Abend in sein Hotelzimmer zurückgekehrt, als er einen Anruf von Cantini erhielt.

»Wer ist am Apparat?«, fragte Gozzoli ungläubig, als Cantini sich meldete.

Cantini wiederholte seinen Namen.

»Sie sind heute Morgen bei mir in der Quästur gewesen«, erläuterte er. »Wegen des grünen Steines in der Medici-Kapelle.«

»Ah ja, gewiss. Jetzt erinnere ich mich. Entschuldigen Sie bitte, Signor Cantini. Ich bin den ganzen Nachmittag herumgelaufen und habe Sehenswürdigkeiten besucht. Prächtig, dieser Blick über die Stadt von der Viola Mercede auf den Bellosguardo, nicht wahr?«

»Gewiss«, pflichtete Cantini ihm bei. »Ich möchte Ihnen eine Neuigkeit über den grünen Stein mitteilen.«

Gozzoli lachte. »Ich kann mir’s schon denken. Ich habe mich geirrt, natürlich. Aber glauben Sie mir, als dieser Sonnenstrahl zufällig auf den Stein auftraf, in diesem ganz bestimmten Winkel, da hielt ich den Smaragd unwillkürlich für echt. Na ja - so war diesmal eben die unwahrscheinlichste Möglichkeit nicht die Wahrheit. Immerhin war es nett von Ihnen, dass Sie mich eigens angerufen haben.«

»Aber Sie haben sich nicht geirrt«, sagte Cantini und wünschte, er könne jetzt das Gesicht dieses eigentümlichen Touristen aus Neapel sehen. »Sie hatten recht: Der Stein ist ein echter Smaragd.«

»Sie scherzen.« Gozzoli war überrascht und befriedigt zugleich. Man konnte es seiner Stimme anhören.

»Es ist kein Scherz, Signor. Können Sie für ein paar Minuten auf mein Büro kommen? Dann erzähle ich Ihnen alles Weitere.«

»Jetzt? So spät noch?«

»Wenn Sie nichts anderes zu tun haben.«

»Ich bin in zehn Minuten bei Ihnen«, sagte Gozzoli freudig erregt.

»Fein«, entgegnete Cantini. »Ich erwarte Sie. Gehen Sie einfach durch zu meinem Büro. Sie wissen ja, wo es ist. Außer mir ist zwar kein Beamter mehr im Haus, aber ich werde dem Pförtner sagen, dass er Sie hereinlässt.«

Wenig später betrat Gozzoli Cantinis Büro. Die beiden Männer schüttelten sich die Hände. Dann nahm der Neapolitaner auf einem Stuhl vor Cantinis Schreibtisch Platz. »Im Ernst?« platzte er sofort heraus. »Ist der grüne Stein wirklich ein echter Smaragd?«

Cantini lächelte. »Wahrhaftig. Und ein ganz besonderer noch dazu.« Es schien ihm Vergnügen zu machen, den neugierigen Besucher noch ein wenig auf die Folter zu spannen. Er sagte: »Sie haben mir heute Morgen gar nicht erzählt, dass Sie Juwelier waren.«

Gozzoli zuckte die Achseln. »Wozu. Sie haben mir versprochen, die Sache mit dem grünen Stein zu untersuchen. Das war alles, worauf mir’s ankam. Aber nun erzählen Sie schon, was ist mit dem Smaragd?«

Cantini bot seinem Besucher eine Zigarette an und steckte sich, als Gozzoli sich als Nichtraucher entschuldigte, selbst eine an. »Ich bin heute Morgen sofort in die Kapelle gegangen«, begann er seinen Bericht. »Ich besorgte mir eine Leiter und betrachtete mir das Juwel in der Krone des Herzogs Ferdinand. Ich selbst konnte nicht feststellen, ob der Stein echt war oder aus Glas, selbst aus der Nähe nicht. Er ist so eckig geschnitten und oben so flach und außerdem so riesengroß, dass man unwillkürlich meint, der Stein müsse ja aus Glas sein.«

Gozzoli nickte. »Zu groß, um echt zu sein. Die typische Reaktion jedes Laien.«

»Ich zog also einen Kenner zu Rate. Und dieser Fachmann sagte mir, der Stein sei zwar von einem Pfuscher in die Fassung eingepasst worden, aber er sei echt.«

Gozzoli lächelte. »Das richtige Fassen von Juwelen ist nicht so einfach. Und was geschah dann?«

»Ich ließ den Fachmann den Stein herausnehmen. Das tat er sehr sorgfältig. So sorgfältig, dass dabei ein Fingerabdruck erhalten blieb, den ich auf der glatten Oberfläche des Smaragds entdeckt hatte - und den ich gern sicherstellen wollte. Sie können sich denken, warum.«

»Wie aufregend«, rief Gozzoli aus. »Gewiss nahmen Sie an, der Fingerabdruck gehöre dem Mann, der den Glasstein gegen den echten Smaragd ausgetauscht hat.«

»Genau. Und er gehörte ihm auch.«

»Wie können Sie das so genau wissen?«

Cantini lächelte verschmitzt. »Weil es die wahrscheinlichste Möglichkeit war«, sagte er fröhlich. »Also genau umgekehrt wie bei Ihrer Lieblingstheorie. Der Fingerabdruck war bei uns registriert. Jede Quästur in Italien hat ihn. Er gehört einem unserer gefährlichsten Verbrecher. Der Mann wird gesucht wegen fast aller Verbrechen, die im Gesetzbuch stehen. Vom Raub bis zum Mord. Zu unserer Schande sei es gesagt: Er ist ein Florentiner. Vincente Carlo.«

»Carlo! Ah! Ich glaube, ich habe schon von ihm gehört.«

»Wer hat das nicht, Signor. Dieser Carlo ist in ganz Europa berüchtigt. Ein Erzbösewicht, sage ich Ihnen. Aber seit zwei Jahren haben wir nichts mehr von ihm gehört. Wir hatten schon gehofft, er sei tot oder nach Amerika ausgewandert. Und da finde ich auf dem Smaragd in der Kapelle seinen Fingerabdruck! Es ist doch ganz klar; er ist der Mann, der an Stelle des gläsernen Steines den echten eingesetzt hat.«

Gozzolis Augen funkelten verwundert hinter den dicken Brillengläsern. »Aber warum? Weshalb sollte er etwas so Schwieriges und so Törichtes tun?«

Cantini wippte seinen Stuhl nach hinten und zerquetschte die Zigarette im Aschenbecher. »Es gibt schon eine Erklärung dafür«, sagte er langsam. »Nehmen wir an, dieser Carlo hat einen riesigen, enorm wertvollen Smaragd in seinem Besitz. Da wir Carlo kennen, können wir annehmen, dass er ihn nicht rechtmäßig erworben hat. Was muss er also tun? Er muss einen Käufer finden, den die Herkunft des Steins nicht kümmert. Oder einen geschickten Schleifer, der ihm den Stein in eine Anzahl kleinerer Juwelen aufspalten kann. So einen Mann zu finden, das braucht freilich Zeit...«

»Ah«, sagte Gozzoli leise. »Ich beginne zu begreifen. Bis Carlo einen Käufer findet, will er seinen Smaragd an einem sicheren Versteck unterbringen, wo er ungestört liegt, ohne die geringste Gefahr, dass ihn jemand dort entdeckt.«

Cantini fuhr fort: »Bedenken Sie, Carlo ist Florentiner. Er kennt die Stadt wie seine Hosentasche. Er kennt auch die Medici-Kapelle. Also geht er her und versteckt seinen Smaragd in der Krone des Herzogs Ferdinand, wo ihn Millionen von Touristen sehen können, jedoch so hoch über ihren Köpfen, dass die Gefahr einer Entdeckung gleich null ist.«

»Wirklich raffiniert«, staunte Gozzoli.

»In der Tat. Sein Smaragd würde sicher und ungestört dort liegen, bis Carlo eines Tages käme, um ihn abzuholen, wenn Sie ihn nicht entdeckt hätten.«

Gozzoli machte eine bescheidene Geste. »Ein glücklicher Zufall, Signor! Nichts als das - und mein Bestreben, nachzuweisen, dass meine Theorie von der unwahrscheinlichsten Möglichkeit wieder einmal stimmte.«

Cantini lächelte. »Ja. Dank Ihrer Theorie werden wir nun auch in der Lage sein, Vincente Carlo zu fassen, wenn er zurückkommt, um seinen Stein zu holen. Seit sieben Jahren haben wir vergebens auf ihn gelauert.«

»Er muss wirklich sehr gerissen sein, dieser Carlo«, sagte Gozzoli. »Wie konnte es ihm gelingen, den Smaragd hoch oben in der Kapelle zu verstecken, während doch dauernd ganze Scharen von Touristen herumstanden.«

»Oh, das war verhältnismäßig einfach.«

»Einfach?«

»Vor zwei Jahren arbeiteten Maler und Stuckateure in der Sakristei neben der Kapelle. Sie wissen, in dem Raum, in dem die Michelangelo-Skulpturen aufgestellt sind.«

»Ah ja.« Gozzoli erinnerte sich.

»Diese Arbeiter hatten dort Leitern und Gerüste stehen und ließen sie natürlich dort, wenn nachts die Kapelle abgeschlossen wurde. Es scheint erwiesen, dass sich Carlo zu dieser Zeit in das Gotteshaus eingeschlichen und dort versteckt hat, als nachts die Türen geschlossen wurden. Sobald er allein war, brauchte er nur eine Leiter zu holen, um in aller Ruhe seinen Smaragd hoch oben auf dem Sarkophag in die Fassung einzupassen. Dann stellte er die Leiter zurück, versteckte sich wieder - hinter dem Altar oder in einer Nische - und mischte sich am anderen Morgen unter die ankommenden Touristen, mit denen er dann auch verschwand.«

»Dio!«, entfuhr es Gozzoli. »Ein schlauer Kerl! Aber da eine Leiter ja so unbedingt notwendig ist, um an die Herzogskrone heranzukommen, wird Carlo sich den Kopf zerbrechen müssen, wie er unauffällig eine Leiter auftreibt, wenn er seinen Stein wieder holen will. Denn jetzt stehen ja keine Malerleitern mehr in der Sakristei herum.«

In überzeugtem Ton sagte Cantini: »Gewiss, aber ohne Zweifel wird es Carlo gelingen, auch hierfür eine Lösung zu entdecken. Nur - den Stein wird er natürlich nicht mehr vorfinden.«

Er hob seine Stimme zu einer feierlichen Höhe: »Jetzt muss ich Ihnen aber das Wichtigste verraten: Sie haben nicht nur einen großen Smaragd entdeckt, sondern auch einen ganz besonderen.« Er stand auf und ging zu einem stählernen Safe an der Wand. Er öffnete ihn und holte einen kleinen Gegenstand heraus. »Ich habe den Smaragd hier«, sagte Cantini. »Wollen Sie ihn mal sehen? Sie waren doch früher selbst Juwelier.«

Der Polizeibeamte legte einen riesenhaften grünen Stein mit glatter Oberfläche auf den Tisch.

Gozzoli lehnte sich begierig nach vorn. »Was für ein herrlicher Anblick!«, sagte er überwältigt. »Wie wunderbar!«

Cantini nahm wieder Platz und lehnte sich zurück. »Es ist der Panton-Smaragd!«

Gozzolis Augen wurden rund und glänzend vor Staunen. »Der Panton!«, rief er. »Ich habe natürlich schon Fotos davon gesehen, aber nie den Stein selbst. Er gehört dem Comte de Panton, nicht wahr?«

»Ja. Aber er wurde ihm vor zwei Jahren gestohlen - genau zu der Zeit, in der die Maler in der Sakristei der Medici-Kapelle am Werke waren. Verstehen Sie jetzt den Zusammenhang? Der Fachmann, der mir den Stein aus der Krone holte, erkannte in dem Smaragd den Panton. Ich rief sogleich in Paris an. Die Pariser Polizei war entzückt, das kann ich Ihnen versichern. Sie bedankt sich aufs wärmste bei Ihnen.«

Gozzoli, der noch immer fasziniert auf den Smaragd starrte, schwieg. Jetzt ließ Cantini seine Überraschungsbombe springen: »Ich bin auch bevollmächtigt, Sie, Signor Gozzoli, davon in Kenntnis zu setzen, dass Sie die großzügige Belohnung erhalten werden, welche die Gesellschaft, bei der der Comte de Panton den Stein versichert hatte, für die Rückgabe des Juwels ausgesetzt hat.«

Cantini steckte sich eine frische Zigarette an und betrachtete den Neapolitaner, neugierig, wie dieser die gute Kunde aufnehmen würde.

»Eine Belohnung!«, keuchte Gozzoli. Seine Augen leuchteten gierig. »Wieviel?«

»Eine halbe Million Lire!« versetzte Cantini feierlich.

Gozzolis Mundwinkel erschlafften. »Nur eine halbe Million?«

»Eine halbe Million, Mann, das ist doch ein kleines Vermögen!« Cantini entrüstete sich über die Enttäuschung des Touristen.

»Als ehemaliger Juwelier«, antwortete Gozzoli steif, »weiß ich, dass dieser Smaragd über hundertmal mehr wert ist. Eine halbe Million ist schmutzig und knauserig.«

Cantini war sprachlos. Hätte man doch alles andere eher erwarten dürfen als diese Reaktion.

Gozzoli starrte durch seine Brillengläser auf den Smaragden. Das elektrische Licht im Zimmer ließ tausend sattgrüne Funken in dem Stein aufglühen und tanzen. »Nein«, sagte Gozzoli entschieden, »Signor, diese Belohnung anzunehmen, weigere ich mich.«

»Aber warum denn?«, schrie Cantini entsetzt. »Eine halbe Million Lire! Und die haben Sie sich redlich verdient!«

Störrisch schüttelte der andere den Kopf. »Nein«, sagte er und griff in sein maßgeschneidertes Jackett. »Da nehme ich schon lieber den Smaragd.«

Die Pistole, die er auf Cantini richtete, trug einen Schalldämpfer.

Cantinis Unterkiefer sank herab. Wie benommen stierte er auf die drohende Waffe.

»Ich bin nicht ganz ehrlich zu Ihnen gewesen, Signor Cantini«, lächelte Gozzoli. Er erhob sich und nahm gelassen den Edelstein vom Schreibtisch. »Wissen Sie, ich heiße gar nicht Gozzoli. Ich stamme auch nicht aus Neapel. Gewöhnlich trage ich keine Brille - und auch mein Schnurrbart ist nicht echt. Aber meine Dankbarkeit für Ihr Entgegenkommen, die ist echt. Sie waren wirklich reizend.«

Achtlos steckte er den Smaragd in die Tasche. Die Mündung der Pistole zitterte nicht.

Endlich fand Cantini seine Stimme wieder: »Sie sind - Vincente Carlo?«

Gozzoli verneigte sich spöttisch. »Wie er leibt und lebt. Und dieser Smaragd gehört mir, wie der Fingerabdruck, den Sie darauf entdeckt haben, beweist.«

»Sie haben ihn gestohlen«, begann Cantini.

Aber Gozzoli unterbrach ihn.

»Natürlich habe ich ihn gestohlen. Und ich habe ihn genauso in der Medici-Kapelle verborgen, wie Sie es rekonstruiert haben. Ihre Schlussfolgerung war bewundernswert. Es tut mir leid, dass ich Sie jetzt so enttäuschen muss. Aber Sie haben selbst vorhin gesagt, ich würde gewiss eine Lösung finden, wie ich den Stein wieder von dem Sarkophag herunterbekäme - selbst wenn keine Leiter zur Hand wäre.«

»Sie haben mich als Ihre Leiter benutzt«, sagte Cantini.

Gozzoli nickte. »Und tausend Dank dafür! In zehn Minuten fahre ich nach Rom ab. Dort startet noch vor dem Morgengrauen eine Maschine, die mich nach New York bringt. Mein Abnehmer wartet schon auf den Panton-Smaragd und wird mir hundertmal mehr zahlen als Ihre lumpige halbe Million Lire.«

Cantini machte sich keine Illusionen über Carlos Rücksichtslosigkeit. Dennoch sagte er kalt: »Sie werden nicht aus diesem Haus herauskommen, Carlo!«

Der kleine Mann grinste unverschämt. »Ich denke doch«, entgegnete er. »Wer weiß denn schon, wer ich wirklich bin? Nur Sie! Wer weiß, dass ich den Smaragd mitnehme? Nur Sie!« Sein Blick streifte vieldeutig den Schalldämpfer seiner Pistole. Dann lachte er schrill und scheppernd. »Es wäre klüger gewesen, wenn Sie heute Morgen mehr Respekt für meine kleine Theorie aufgebracht hätten. Es gab zwei Möglichkeiten: entweder war ich ein unschuldiger Tourist, ein Ex-Juwelier aus Neapel, der unter einem Haufen Imitationen zufällig einen echten Stein erspähte und es als braver Bürger der Polizei meldete, oder ich war ein Krimineller, der Sie auf einen Smaragd aufmerksam machte, den ich selbst dort versteckt hatte und durch Sie herunterholen lassen wollte. Sie waren so töricht und haben sich für die falsche Möglichkeit entschieden - nur weil sie wahrscheinlicher war.«

Er schnalzte geringschätzig mit der Zunge. »Jetzt will ich mal ein neues Ratespiel mit Ihnen probieren. Es gibt wieder zwei Möglichkeiten: Entweder ich entkomme nach Amerika mit meinem Smaragd, oder ich werde gefasst, ehe ich das Gebäude verlasse. Was ist wohl die unwahrscheinlichere der beiden Möglichkeiten?«

»Die erste«, gab Cantini zu und rührte sich nicht. »Aber diesmal ist es nicht die wahre. Sehen Sie sich um!«

Carlo ließ sich nicht übertölpeln. Er grinste verächtlich. »Ein uralter Trick, mein Lieber!« Er trat einen Schritt zurück, und sein Finger krümmte sich um den Abzug seiner Pistole. »Ich glaube, wir können jetzt der Sache ein Ende machen.«

Die Waffe bellte leise.

Aber es ist schwierig, gut zu treffen, wenn einem ein Rudel Polizisten an den Armen hängt. Die Kugel fuhr in den Boden.

Cantini erhob sich, während seine Leute, die lautlos eingetreten und Carlo von hinten ergriffen hatten, den Verbrecher entwaffneten und ihm Handschellen anlegten. Der Kriminalbeamte sagte:

»Sie dürfen den Smaragd behalten, den Sie in die Tasche gesteckt haben, Carlo. Als Trost im Kittchen. Es handelt sich nämlich gar nicht um den echten Panton, sondern nur um eine Nachbildung. Der "wirkliche Stein, den Sie in der Krone versteckt hatten und auf den uns aufmerksam zu machen Sie die Güte hatten, ist bereits unterwegs nach Paris...«

Carlo wand sich in seinen Fesseln, sein Gesicht war eine verzerrte Maske des Ingrimms.

Cantini lächelte sanft. »Dabei wären Sie mir nie in die Falle gegangen, wenn Sie sich nach Ihrer eigenen Theorie gerichtet hätten. Aber Sie haben die unwahrscheinlichste Möglichkeit außer Acht gelassen, Carlo: dass nämlich selbst ein dummer Polizeibeamter wie ich klüger sein könnte als Sie...«

  Donald Honig: MANGEL AN KOORDINATION

  (Nice Work If You Can Get It)

Konkurrenzkampf! Das ist die Seele des amerikanischen Wirtschaftslebens. Konkurrenz, das ist das Zauberwort, das Riesenkräfte zu wecken vermag in jedem würdigen Vertreter seines Berufszweigs - was immer dieser Berufszweig auch sei.

Was mich und meine Kompagnons Jack und Buck betrifft, so steht unsere Firma seit Menschengedenken konkurrenzlos da, unsere Firma, die berühmte Entführungs-GmbH von Amerika. Wir haben die Kunst des Kidnapping zu solch stolzer Höhe entwickelt, dass man unsere Arbeitsmethoden nur mit einem einzigen Wort gerecht würdigen kann: Perfektion!

Wir entführen jedermann so, dass weder Fingerabdruck noch Fußspur, weder Verdacht noch gekränkte Gefühle am Tatort Zurückbleiben. Wir entführen jedermann - vorausgesetzt, das Lösegeld lohnt sich.

Oft kopiert, nie erreicht, das sind wir, die Meister unseres noblen Handwerks, die drei von der Entführungs-GmbH.

Sie können sich denken, wie überrascht ich war, als ich eines Tages erfuhr, eine andere Firma habe genug Personal, Finanzen und Ideen auf die Beine gebracht, um uns ernsthafte Konkurrenz zu machen. Ich traf den Chef der Konkurrenzfirma eines Morgens beim Spaziergang durch den Park.

Barney Blue hieß der kühne Konkurrent.

»Bush«, sagte Barney Blue zu mir, »ich habe deine Firma seit langem bewundert. Ihr seid einfach einsame Klasse. Die ausgefeilte Präzision eurer Arbeitsmethoden erweckt den Neid jedes Ganoven, der den Zug zu Höherem in sich fühlt. Euer Umsatz an Lösegeldern stellt alles in den Schatten, was es auf dem Wirtschaftssektor der krummen Touren je gegeben hat. Ich weiß das, denn ich habe euch seit Jahren im Auge behalten. Jetzt glaube ich, euch genug abgeschaut zu haben, um meine eigene Entführungsfirma gründen und euch den Rang ablaufen zu können.«

»In unserem Land herrscht freier Wettbewerb, Barney«, entgegnete ich. »Wenn du ein eigenes Unternehmen auf machen willst, so kann ich dich nicht daran hindern. Ich verstehe nur nicht, warum du ausgerechnet uns Konkurrenz machen willst. Mach’s dir doch leichter, geh in einen anderen Zweig der Ganoven Wirtschaft: knacke Safes, raube einsame alte Damen aus, erpresse Generaldirektoren mit dunklen Stellen im Vorleben oder tu sonst etwas, was dir leichter fällt.«

Er lachte, aber es war kein gelöstes Lachen. »Haha! Es gefällt dir wohl nicht, dass wir dir ins Handwerk pfuschen? Ich habe nämlich läuten gehört, du und deine Leute, ihr würdet euch auf euren Lorbeeren ausruhen. Klar, dass ihr da Angst habt vor einem scharfen Konkurrenten. Bush, ich sage dir voraus: Ich werde meine Firma mit einem solchen Meisterstück von Entführung eröffnen, dass deine eigene Firma am besten gleich in Liquidation geht...«

Ich lachte ihn natürlich aus und mimte den Unbesorgten. In Wirklichkeit war ich zutiefst beunruhigt. Barney mochte recht haben: wir waren eingerostet. Das Gefühl, auf unserem Gebiet konkurrenzlos dazustehen, hatte uns verführt, in der letzten Zeit ein wenig zu bummeln. Es war in der Tat zu befürchten, dass Barney Blue mit einem so gigantischen Entführungsfall ins Geschäft einstieg, dass uns die Fälle, Verzeihung, die Felle davonschwammen.

Also rief ich die Boys zusammen und brachte sie auf Vordermann.

»Wir müssen Barney Blue und seine Leute von vornherein in die Schranken weisen«, sagte ich zu Buck und Jack. »Dazu müssen wir eine so tolle Entführung inszenieren, dass der Konkurrenz glatt die Luft wegbleibt. Wir müssen ein Ding drehen, das jedem Ganoven das Herz höherschlagen und jedem ehrlichen Menschen das seine vor Schreck Stillstehen lässt. Leute, wir müssen Geschichte machen!«

»Klingt gut«, sagte Jack und grinste. Auch Buck war begeistert. Die Jungs waren goldrichtig. Ganoven vom reinsten Wasser, wenn man so sagen darf.

»Und wen sollen wir entführen, um Geschichte zu machen?«, fragte Buck. »Nun, denkt doch mal nach: Wer ist der reichste Mann der Welt?«

»Nein!«, schrie Jack entsetzt.

»Himmel! Doch nicht etwa J. J. Griggen, den Milliardär!« wimmerte Buck voll böser Ahnungen.

»Doch!«, sagte ich stolz und kühn. »J. J. Griggen muss es sein. Ein Geringerer tut’s nicht.«

»Aber das ist doch so gut wie unmöglich!« erregte sich Jack. »Der ist doch mindestens genauso misstrauisch wie reich. Wie sollen wir an den herankommen? Sein Auto ist ein Panzerwagen, und seine Leibwächter sind Neandertaler an Muskelkraft und Old Shatterhands an Treffsicherheit.«

Ich lächelte wissend. »J. J. Griggen hat auch seine schwachen Punkte. Er ist aufgeschlossen für Leute der feinen Gesellschaft und für Adlige.«

»Wir schaffen’s trotzdem nicht«, verzweifelte Buck.