MACHIAVELLI UND DIE TEUFELIN - Christian Dörge - E-Book

MACHIAVELLI UND DIE TEUFELIN E-Book

Christian Dörge

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Beschreibung

München, 1985. In einer eleganten Wohnung in der Nähe des Nymphenburger Schlosses wird die nackte Leiche einer jungen Frau gefunden - sie wurde offenkundig ermordet. Hinweise deuten darauf hin, dass sie vor ihrem Tod beabsichtigt hatte, den Privatdetektiv Bruno Machiavelli zu kontaktieren; ihre Ermordung kam diesem Ansinnen allerdings zuvor. Dennoch ist Kommissar Xaver Diestelkamp von der Münchner Kriminalpolizei davon überzeugt, dass Machiavelli die Ermordete kannte - und so gerät der eigenbrötlerische Privatdetektiv unversehens in einen Mordfall, in dem ein mysteriöses Doppelspiel, pornographische Fotos und ein skrupelloser Gangsterboss ihm das Leben reichlich schwer machen... MACHIAVELLI UND DIE TEUFELIN ist der vierte Band einer Roman-Serie um den Münchner Privatdetektiv Bruno Machiavelli aus der Feder von Christian Dörge, Autor u. a. der Krimi-Serien EIN FALL FÜR REMIGIUS JUNGBLUT, DIE UNHEIMLICHEN FÄLLE DES EDGAR WALLACE, FRIESLAND und der Frankenberg-Krimis um den Privatdetektiv Lafayette Bismarck.

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CHRISTIAN DÖRGE

 

 

Machiavelli

und die Teufelin

 

 

 

 

Roman

 

 

 

 

Signum-Verlag

Inhaltsverzeichnis

Impressum 

Das Buch 

Der Autor 

MACHIAVELLI UND DIE TEUFELIN 

Die Hauptpersonen dieses Romans 

Erstes Kapitel 

Zweites Kapitel 

Drittes Kapitel 

Viertes Kapitel 

Fünftes Kapitel 

Sechstes Kapitel 

Siebtes Kapitel 

Achtes Kapitel 

Neuntes Kapitel 

Zehntes Kapitel 

Elftes Kapitel 

Zwölftes Kapitel 

Dreizehntes Kapitel 

Vierzehntes Kapitel 

Fünfzehntes Kapitel 

Sechzehntes Kapitel 

Siebzehntes Kapitel 

Achtzehntes Kapitel 

Neunzehntes Kapitel 

Zwanzigstes Kapitel 

Einundzwanzigstes Kapitel 

Zweiundzwanzigstes Kapitel 

Dreiundzwanzigstes Kapitel 

Vierundzwanzigstes Kapitel 

Fünfundzwanzigstes Kapitel 

Sechsundzwanzigstes Kapitel 

Siebenundzwanzigstes Kapitel 

Achtundzwanzigstes Kapitel 

Neunundzwanzigstes Kapitel 

Dreißigstes Kapitel 

Einunddreißigstes Kapitel 

Zweiunddreißigstes Kapitel 

Dreiunddreißigstes Kapitel 

Vierunddreißigstes Kapitel 

Impressum

 

Copyright © 2023 by Christian Dörge/Signum-Verlag.

Lektorat: Dr. Birgit Rehberg

Umschlag: Copyright © by Christian Dörge.

 

Verlag:

Signum-Verlag

Winthirstraße 11

80639 München

www.signum-literatur.com

[email protected]

Das Buch

 

 

München, 1985.

In einer eleganten Wohnung in der Nähe des Nymphenburger Schlosses wird die nackte Leiche einer jungen Frau gefunden - sie wurde offenkundig ermordet. Hinweise deuten darauf hin, dass sie vor ihrem Tod beabsichtigt hatte, den Privatdetektiv Bruno Machiavelli zu kontaktieren; ihre Ermordung kam diesem Ansinnen allerdings zuvor.

Dennoch ist Kommissar Xaver Diestelkamp von der Münchner Kriminalpolizei davon überzeugt, dass Machiavelli die Ermordete kannte - und so gerät der eigenbrötlerische Privatdetektiv unversehens in einen Mordfall, in dem ein mysteriöses Doppelspiel, pornographische Fotos und ein skrupelloser Gangsterboss ihm das Leben reichlich schwer machen...

 

Machiavelli und die Teufelin ist der vierte Band einer Roman-Serie um den Münchner Privatdetektiv Bruno Machiavelli aus der FedervonChristian Dörge, Autor u. a. der Krimi-Serien Ein Fall für Remigius Jungblut, Die unheimlichen Fälle des Edgar Wallace, Friesland und der Frankenberg-Krimis um den Privatdetektiv Lafayette Bismarck. 

Der Autor

 

Christian Dörge, Jahrgang 1969.

Schriftsteller, Dramatiker, Musiker, Theater-Schauspieler und -Regisseur.

Erste Veröffentlichungen 1988 und 1989:  Phenomena (Roman), Opera (Texte).  

Von 1989 bis 1993 Leiter der Theatergruppe Orphée-Dramatiques und Inszenierung  

eigener Werke,  u.a. Eine Selbstspiegelung des Poeten (1990), Das Testament des Orpheus (1990), Das Gefängnis (1992) und Hamlet-Monologe (2014). 

1988 bis 2018: Diverse Veröffentlichungen in Anthologien und Literatur-Periodika.

Veröffentlichung der Textsammlungen Automatik (1991) sowie Gift und Lichter von Paris (beide 1993). 

Seit 1992 erfolgreich als Komponist und Sänger seiner Projekte Syria und Borgia Disco sowie als Spoken Words-Artist im Rahmen zahlreicher Literatur-Vertonungen; Veröffentlichung von über 60 Alben, u.a. Ozymandias Of Egypt (1994), Marrakesh Night Market (1995), Antiphon (1996), A Gift From Culture (1996), Metroland (1999), Slow Night (2003), Sixties Alien Love Story (2010), American Gothic (2011), Flower Mercy Needle Chain (2011), Analog (2010), Apotheosis (2011), Tristana 9212 (2012), On Glass (2014), The Sound Of Snow (2015), American Life (2015), Cyberpunk (2016), Ghost Of A Bad Idea – The Very Best Of Christian Dörge (2017). 

Rückkehr zur Literatur im Jahr 2013: Veröffentlichung der Theaterstücke Hamlet-Monologe und Macbeth-Monologe (beide 2015) und von Kopernikus 8818 – Eine Werkausgabe (2019), einer ersten umfangreichen Werkschau seiner experimentelleren Arbeiten.  

2021 veröffentlicht Christian Dörge mehrere Kriminal-Romane und beginnt drei Roman-Serien: Die unheimlichen Fälle des Edgar Wallace, Ein Fall für Remigius Jungblut und Friesland. 

2023 erscheint sein neues Album Kafkaland. 

 

Künstler-Homepage: www.christiandoerge.de

  MACHIAVELLI UND DIE TEUFELIN

 

 

 

 

 

 

  Die Hauptpersonen dieses Romans

 

 

Bruno Machiavelli: Privatdetektiv aus München. 

Xaver Diestelkamp: Kommissar bei der Münchner Kriminalpolizei. 

Franziska Andov: ein Modell. 

Nikolaus Brenner: ein Student. 

Johannes Brenner: sein Vater und der Inhaber eines Warenhauses. 

Ronny Trauttmansdorff: ein Fotograf. 

Barney Stadlober: ein zwielichtiger Nachtclub-Besitzer. 

Alfons Holzmann: ein Journalist. 

Califati: ein übler Schläger. 

 

 

Dieser Roman spielt 1985 in München. 

 

 

 

 

 

  Erstes Kapitel

 

 

 

Ich träumte von einem aufdringlich klingelnden Telefon. Das Klingeln ging mir derart auf die Nerven, dass ich mich umdrehte, um das Ding zum Schweigen zu bringen, aber es klingelte weiter, bis ich wach wurde.

Auf meiner Uhr war es 2.18 Uhr. Ich griff nach dem Hörer.

»Ja?«, knurrte ich.

Ich vernahm eine betont langsame Stimme.

»Machiavelli, ich sitze hier mit einer Toten und fühle mich ein bisschen einsam. Kommen Sie doch herüber.«

Er legte auf. Ich legte auch auf und zog mir die Decke bis über die Ohren.

Na klar komme ich, dachte ich. Aber wohin, zum Teufel? 

Es klingelte erneut. Dieselbe Stimme sagte; »Sie sollten bald herkommen, mein Junge. Die Adresse: Nördliche Auffahrtsallee 21, Apartment 805. Das ist gleich um die Ecke.«

»Hören Sie, Diestelkamp«, sagte ich, »wir haben jetzt halb drei morgens...«

»Ich habe doch gesagt, dass ich hier mit einer Toten sitze.«

»Tut mir schrecklich leid, dass jemand gestorben ist, aber...«

»Es ist eine Klientin von Ihnen, und ich dachte, das würde Sie interessieren.«

Damit war die Leitung tot.

Ich lag noch eine Minute lang mit dem Hörer in der Hand da, dann legte ich ihn langsam auf die Gabel, rollte aus dem Bett und begann, mich anzuziehen. Mein Mund fühlte sich an, als hätte jemand Watte hineingestopft, und ich putzte mir lange die Zähne. Ich war erst vor zwei Stunden schlafen gegangen, und meine Augen brannten. Ich tat ein paar Augentropfen hinein, griff nach meinem Hut, rückte den Schlips gerade und ging.

 

Nebelfetzen schwebten um die Straßenlaternen, und von der Isar wehte ein kalter Wind herüber. Auf meiner Fahrt in Richtung Nymphenburger Schloss begegnete ich nur einigen späten Nachzüglern, und ab und zu fuhr ein Wagen vorbei. Aber die meisten Häuser lagen dunkel da, und bis auf das ferne Rumpeln eines Lastwagens war die Stadt still.

In Gern bog ich in die Nördliche Auffahrtsallee ab und erreichte bald die ruhige, recht feudale Wohngegend in der Gegend des Schlossparks. Das erste Stück der Straße lag verlassen da, aber vor dem zweiten Häuserblock sah ich an einem hohen Apartmenthaus Polizeiwagen stehen. Auf der anderen Straßenseite standen noch mehr Autos, und vor dem Eingang bemühten sich zwei Uniformierte, eine kleine Gruppe von Menschen zurückzudrängen. Ein junger Polizist stand unmittelbar in der Haustür.

»Wohnen Sie hier, mein Herr?«, fragte er mich.

»Nein«, antwortete ich. »Diestelkamp hat mich rufen lassen.«

Er sah mich zweifelnd an. Dann öffnete er die Tür. Ein zweiter Beamter sah heraus. Der junge Mann sagte ein paar Worte zu ihm, dann nickte der andere und ließ mich eintreten. Auf der anderen Straßenseite flammten Blitzlichter auf. Ich winkte hinüber.

»Grüß Gott, Herr Machiavelli«, sagte der Beamte. »Was für eine Nacht!«

Ich nickte. Es war mir peinlich, dass mir sein Name nicht einfiel.

»Die Herren da sind wohl von der Presse, wie?«, fragte ich.

»Herren!«, sagte er bitter.

Immer noch leicht verlegen klopfte ich ihm auf die Schulter und ging zum Lift am anderen Ende der Eingangshalle.

Der Beamte rief mir nach: »Achter Stock, Herr Machiavelli, gleich rechts.«

Es war ein sauberes, ordentlich geführtes Wohnhaus mit dicken Teppichen und moderner Einrichtung. Der Aufzug entführte mich geräuschlos nach oben. Ich lehnte mich an die Wand, wünschte mich sehnlichst in mein Bett zurück und dachte voll Abscheu an den Tod und an die Leute, die ihn auf eine so ausgefallene, unbequeme Art und Weise fanden.

Als ich im achten Stock ausstieg, stand ich auf einem kurzen Flur, der zur Vorderseite des Gebäudes führte. Dort stieß er auf einen längeren Korridor, der sich nach links und rechts erstreckte. Alle Türen waren geschlossen, bis auf eine einzige, ziemlich am Ende rechts. Durch sie fiel Lichtschein auf den dicken Teppich des Korridors. Vor der offenen Tür saß ein Uniformierter auf einem Stuhl.

Da mich dieser Mann auch nicht kannte, musste er erst hineingehen und nachfragen, während ich im Korridor wartete.

»Sie können eintreten«, brummte er, als er zurückkam.

Das Apartment war geräumig und außerordentlich geschmackvoll eingerichtet. Es kostete bestimmt an die tausend Mark im Monat. Durch die Tür gelangte ich in einen kleinen Vorraum mit einer Mauer auf der linken Seite und einer brusthohen Balustrade auf der rechten, auf der ein langer Blumenkasten stand. Ich sah durch die Blätter hindurch in ein großes Wohnzimmer mit gemütlichen, modernen Möbeln und einem zwei mal drei Meter großen Teppich aus weißem Zottelplüsch. Wie stets bei solchen Gelegenheiten schienen viel zu viele Leute im Zimmer zu sein.

Zwei Beamte in Zivil aus Kommissar Diestelkamps Abteilung liefen herum. Ein Fotograf hatte unmittelbar neben dem weißen Teppich seine Kamera auf dem Stativ aufgebaut, und sein Assistent spielte gelangweilt mit einer Schachtel Blitzlichtbirnen. Zwei ruhige, sachlich wirkende Männer in Hemdsärmeln aus dem Polizeilabor untersuchten mit verschiedenen Geräten das Zimmer. Ab und zu sagte jemand etwas in leisem, gedämpftem Ton, und ab und zu antwortete auch jemand. Aber keiner sprach ein lautes Wort. Das einzige Störende im Zimmer war das grelle Licht. Es stammte zum Teil von den Lampen des Fotografen und zum Teil von einer Deckenlampe mit einem farbenfrohen Schirm, die einen großen Lichtkreis auf den Boden malte. Das Licht schmerzte mir in den Augen.

Ich entdeckte Diestelkamp erst, als ich an dem Mäuerchen mit dem Blumenkasten und an einem Klapptischchen vorbeigegangen war und das Wohnzimmer betrat. Diestelkamp saß auf einem langen Sofa, das an der Wand stand. Hinter ihm befanden sich drei hohe Fenster mit herabgelassenen Jalousien. Er hatte sich den Hut in den Nacken geschoben und die Hände in den Schoß gelegt. So starrte er mit düsterer Miene ins Leere, als hätten es wieder einmal alle auf ihn abgesehen. Sein massiger, breitschultriger Körper rührte sich nicht. Den einen Fuß hatte er seitlich unter sich gezogen, mit dem anderen klopfte er ab und zu in gleichmäßigen Abständen auf den Teppich.

Am anderen Ende des Sofas saß ein junger Mann, der nicht so recht zu den anderen passte. Er war etwa zwanzig Jahre alt und trug einen dunklen, teuren Anzug mit einer weißen Nelke im Knopfloch. Er hatte ein sensibles, blasses Gesicht mit großen braunen Augen und einer langen, etwas gebogenen Nase. Auch er saß steif aufgerichtet da, die Hände im Schoß, und vermied es geflissentlich, Diestelkamp oder die anderen Leute im Zimmer anzusehen.

Ich ging zu Diestelkamp hinüber. »Servus, Bulle«, sagte ich.

Er warf mir nur einen flüchtigen Blick zu. »Servus, Schnüffler«, antwortete er.

Ich wartete eine Weile.

»Was soll ich hier?«, fragte ich dann.

Diestelkamps Lippen zuckten. Er deutete mit der linken Hand zur Zimmermitte.

Die beiden Beamten in Zivil waren stehengeblieben und beobachteten mich. Der Fotograf warf mir ebenfalls über seine Kamera hinweg vielsagende Blicke zu. Sein Assistent und die beiden Laboranten kümmerten sich nicht um mich. Erst jetzt bemerkte ich, worauf die Kamera gerichtet war: auf den weißen Zottelplüsch.

Der Fotograf gehörte vielleicht zu den Künstlern seiner Branche; jedenfalls schien er eine Aufnahme mit Hintergrund vorzubereiten. Ich wusste allerdings, dass es sich um einen Polizeifotografen handelte und auch alle anderen im Zimmer mit Ausnahme des Jungen in der Sofa-Ecke Polizisten waren, und es war außerdem nicht schwer zu erkennen, dass das Modell auf dem Teppich nicht aus freiem Willen posierte, weil es keinen freien Willen mehr hatte.

Sie lag auf dem Rücken, das linke Knie ein wenig angezogen, halb auf die rechte Seite gedreht. Sie war völlig nackt. Ihre Arme hatte sie von sich gestreckt, und ihr Blick war zur Decke gerichtet. Ihre Lippen wurden bereits ein wenig bläulich. Ihr Gesicht zeigte keine Spur von Make-up, dafür glänzte es ein wenig wie mit Nachtcreme behandelt. An ihrer linken Schläfe war das Haar zurückgestrichen. Dort leuchtete deutlich eine rote Beule. Die Haut war nicht verletzt, also musste sie mit dem Kopf irgendwo aufgeschlagen sein oder einen Hieb mit einem stumpfen Gegenstand erhalten haben. Doch da, wo sie lag, konnte sie sich kaum angeschlagen haben.

Sie war eine ausgesprochen schöne Frau. Ihre Haut war glatt und sonnengebräunt. Sie hatte dichtes, glänzendschwarzes Haar, in dem unter dem künstlichen Licht ein paar braune Schimmer spielten. Bis auf die Beule an ihrem Kopf und einem kleinen Leberfleck am Hals war ihre Haut makellos. Sie hatte ein rundliches, hübsch geschnittenes Gesicht. Ich konnte mir gut vorstellen, dass sie sich in einer solchen Luxuswohnung sehr wohlgefühlt hatte. Aber jetzt war sie tot.

Ich hatte sie noch nie zuvor gesehen.

 

 

 

 

  Zweites Kapitel

 

 

Als ich mich wieder zu Diestelkamp umdrehte, bemerkte ich, dass der hübsche Junge am anderen Ende des Sofas mich beobachtete. Er fühlte sich ertappt und wandte den Blick ab.

»Wie heißt sie?«, fragte ich Diestelkamp.

Er zuckte die Achseln. »Das müssten Sie doch wissen.«

»Nein«, antwortete ich entschieden, »ich weiß es nicht. Was haben Sie mir vorhin am Telefon gesagt?«

Er deutete mit der Linken hinüber zur Wand.

Ich schaute hinüber. Dort stand ein kleiner Mahagonischreibtisch mit Schubladen an beiden Seiten. Auf dem Tisch lag ein aufgeschlagenes Branchentelefonbuch. Ich verspürte keine Lust, es mir anzusehen.

»Was steht drin?«, fragte ich.

»Sehen Sie selbst nach«, sagte Diestelkamp.

Sieh an, seine Lippen bewegten sich wieder. Ihm lag demnach viel daran, dass ich mir das Buch ansah, aber er hätte das nie zugegeben. Lieber wartete er bis zum nächsten Morgen. Ich spielte mit dem Gedanken, ihn ruhig warten zu lassen, aber dann fielen mir seine beiden Kollegen ein, vor denen ich ihn nicht bloßstellen wollte.

Ich ging um den weißen Teppich herum auf den Schreibtisch zu und spürte dabei einen schwachen Parfümduft.

Sterben denn niemals die Alten?, dachte ich. Die Heruntergekommenen, die Verlotterten, die Hässlichen? 

Nein, dachte ich weiter, es sterben immer nur die Jungen, die Schönen, die Starken.

Dann schob ich diese Gedanken beiseite, denn wenn man so etwas denkt, bringt man es in meinem Beruf nicht weit.

Alle anderen im Zimmer hatten inzwischen ihre Tätigkeit eingestellt und beobachteten mich. Selbst die beiden Männer aus dem Polizeilabor beobachteten mich aus halb gebückter Haltung, als ich vor dem Schreibtisch stand. Der Fotograf hatte seine Kamera herumgedreht. Ich warf einen Blick über die Schulter und sah, dass sie nun auf mich gerichtet war. Ich wollte gerade etwas zu Diestelkamp sagen, da blendete mich ein Blitzlicht. Ich blieb stehen, bis ich wieder deutlich sehen konnte.

»Was hat er mit den Bildern vor?«, wollte ich wissen. »Will er sie an die Zeitungen verkaufen? Für die Frau auf dem Teppich bekommt er einen guten Preis.«

Der Fotograf beschäftigte sich intensiv mit seinem Apparat. Diestelkamp stand auf und ging zu ihm hinüber.

»Geben Sie mir die Kassette«, sagte er.

Der Fotograf sah ihn an. »Ich dachte, Sie wollten...«

»Geben Sie mir die Kassette«, wiederholte Diestelkamp. »Sie wissen ganz genau, was Sie aufnehmen sollen. Drehen Sie Ihren verdammten Kasten anders herum.«

Achselzuckend zog der Fotograf die Filmkassette aus der Rückseite der Kamera und reichte sie Diestelkamp. Diestelkamp öffnete sie, riss den Film heraus und zerdrückte ihn zwischen den Fingern. Dann gab er dem Mann die Kassette zurück und warf den verdorbenen Film in eine Zimmerecke. Er kehrte mit schwerfälligen Schritten zu seinem Sofa zurück.

Ich sah in das aufgeschlagene Verzeichnis, konnte mich aber nicht dazu überwinden, es richtig zu lesen. Dann musste ich wieder hinüberschauen zu der toten Frau auf dem Teppich, dieser schönen Frau mit dem dichten schwarzen Haar und dem lieblichen Gesicht, deren Augen jetzt so seltsam ins Leere blickten.

Ich schaute mich im Zimmer um.

Die beiden Kriminalbeamten konnten kaum noch an sich halten. Sie ballten und öffneten vor lauter Ungeduld ihre Hände. Die beiden Männer aus dem Labor hatten sich wieder an die Arbeit gemacht, aber sie blickten alle paar Sekunden heimlich zu mir herüber, und der Fotograf starrte mich an, während er eine neue Kassette einlegte. Diestelkamp hatte wieder seinen rechten Fuß auf die Kante gelegt und seine fleischigen Hände im Schoß gefaltet, er beugte sich etwas vor, sah mich aber nicht an. Der hübsche Junge in dem dunklen Anzug starrte mit halboffenen Lippen zu mir herüber. Im Zimmer herrschte eine beängstigende Stille.

Ich räusperte mich.

»Wenn Sie mich jetzt entschuldigen wollen...«, sagte ich.

Diestelkamp fuhr sich mit der Hand über sein flächiges, nicht gerade hübsches Gesicht.

»Schnüffler«, bat er ganz ruhig, »schau dir das verdammte Telefonbuch an.«

»Klar«, erwiderte ich. »Das werde ich, aber ich möchte anmerken, dass ich die Frau noch nie in meinem Leben gesehen habe.«

Diestelkamp antwortete nicht.

Ich beugte mich über den Schreibtisch. Das Branchentelefonbuch war bei der Sparte Detektiv-Agenturen aufgeschlagen. Alle stadtbekannten Namen standen da zu lesen, und natürlich auch mein Name. Doch im Gegensatz zu den anderen hatte jemand mit einem weichen Bleistift einen Kreis um meinen Namen gezogen. Meine Telefonnummer war unterstrichen – als einzige in der ganzen Sparte.

Ich richtete mich langsam auf.

»Na, das ist ja allerhand«, bemerkte ich, weil mir nichts Gescheiteres einfiel.

Allein durch die Tatsache, dass ich in das Telefonbuch gesehen hatte, war der Bann gebrochen. Ich hörte schwere Schritte hinter mir, drehte mich um und stand einem von Diestelkamps Muskelmännern gegenüber. Es war ein gewichtiger Kerl mit fleischigen Backen, der in Diestelkamps Abteilung neu war. Sofern ich mich recht erinnerte, hieß er Ransberger. Er konnte es kaum erwarten, sich mit mir anzulegen. »Na, wer war sie?«, fragte er.

Er stand so dicht vor mir, dass ich entweder zurücktreten oder gegen seinen Bauch stoßen musste. Da ich wusste, dass er mir weiter auf den Leib rücken würde, sobald ich einen Schritt zurück tat, blieb ich einfach stehen. Eine ganze Weile berührten wir einander. Ich fand das nicht sehr angenehm.

»Ich habe Ihnen doch gesagt, dass ich sie noch nie gesehen habe«, wiederholte ich.

»Aber Sie haben doch mit ihr telefoniert«, erklärte er. »Wie war ihr Name?«

Der andere Beamte war ebenfalls hinzugetreten und stand dicht hinter Ransberger. Er sah mich über dessen Schulter hinweg an.

»Sie hat mich gar nicht angerufen«, betonte ich.

»Dann haben Sie bei ihr angerufen.«

»Ach, zum Teufel!«, fluchte ich. »Wollen Sie sich mein Telefonbuch ansehen?«

Ich gab mir alle Mühe, nicht ungeduldig zu werden, weil es nur ganz normal war, dass beide in Diestelkamps Gegenwart anzugeben versuchten. Ich ließ mir von ihnen eine ganze Menge gefallen, nur anrühren durften sie mich nicht. Sollte es einer von ihnen versuchen, so würde ich gewiss zurückschlagen und vermutlich auch etwas abbekommen. Jedenfalls wäre das für Diestelkamp ziemlich peinlich gewesen. Deshalb hoffte ich, dass Diestelkamp es nicht bis zum Äußersten kommen ließ. Verlassen durfte man sich darauf allerdings nicht.

Ransberger streckte den Bauch heraus und funkelte mich böse an.

»Beginnen wir noch einmal von vorn«, seufzte ich. »Sie haben mich gefragt, wie sie hieß. Ich habe geantwortet, ich wüsste es nicht. Und ich weiß es immer noch nicht.«

»Sie hat aber Ihren Namen markiert«, sagte der andere über Ransbergers Schulter hinweg.

Jemand betrat die Wohnung, aber Ransberger versperrte mir die Sicht. Dann hörte ich die Stimme des Polizisten von unten.

»Die Reporter wollen herein«, meldete er.

Diestelkamp fauchte ihn an. »Klar wollen die das. Die kriegen nicht so oft eine nackte Frau in einem Luxusapartment zu sehen.«

Ich hörte, wie sich Schritte entfernten. Dann beklagte sich Diestelkamp: »Wo, zum Teufel, bleibt nur der Doktor?«

Ransberger stierte mich immer noch an. »Na, kommen Sie schon, Machiavelli«, sagte er. »Raus mit der Sprache: Sagen Sie uns doch, wer sie war.«

Sein Kollege wollte ebenfalls etwas beisteuern: »Vielleicht hat’s der kluge Junge vergessen.«

Allmählich wurde ich wütend. Es reichte noch nicht zu Handgreiflichkeiten, aber es war dicht davor.

»Lasst mich in Ruhe«, brummte ich.

»So?«, fauchte Ransberger.

»Also dann – gute Nacht«, sagte ich.

Ich wollte mich an Ransberger vorbeischieben. Er packte meinen Arm und riss mich herum. Ich holte zu einem mächtigen Schwinger aus. Da wurde mein Arm von einer kräftigen Hand festgehalten, und plötzlich stand Diestelkamp zwischen uns.

»Hört auf mit diesem Unsinn«, befahl Diestelkamp. Er machte eine Kopfbewegung in Richtung auf die beiden Polizisten. »Sprecht noch einmal mit dem Hausmeister. Vielleicht hat er sich etwas erholt.«

»Okay«, sagte Ransberger. »Aber ich versichere Ihnen, Herr Kommissar: Eines Tages werde ich den Kerl in die Mangel nehmen. Klar?«

Diestelkamp hatte einen müden Ausdruck in den Augen. »Schiebt ab«, knurrte er.

Die beiden verließen das Apartment.

Einer der Labormänner kam herüber. »Glauben Sie, das reicht jetzt?«, fragte er.

»Woher, zum Teufel, soll ich das wissen?«, fragte Diestelkamp zurück. »Bleibt noch eine Weile da.«

»Brauchen Sie noch Aufnahmen?«, rief der Fotograf.

»Sie können meinetwegen abhauen.«

Der Fotograf und sein Assistent begannen, die Kamera abzumontieren. Diestelkamp drehte sich um und betrachtete mit leerem Blick die nackte Frau auf dem weißen Teppich.

Ich sah zu dem jungen Mann auf dem Sofa hinüber. Er hatte mich beobachtet und wandte nun rasch wieder den Blick ab. Dann sprang er plötzlich auf und trat auf Diestelkamp zu. Seine Stimme klang dünn und schrill wie knapp vor einem hysterischen Ausbruch.

»Können Sie nicht wenigstens eine Decke oder so etwas drüberlegen?«, schrie er. »Herr im Himmel!«

Diestelkamp drehte sich mit einer schwerfälligen Bewegung zu ihm um, und seine Stimme klang beinahe freundlich. »Immer mit der Ruhe, mein Sohn.«

»Kann ich jetzt gehen?«, fragte der Kleine.

»Wie heißen Sie?«, fragte Diestelkamp zurück.

»Das habe ich Ihnen doch gesagt.«

»Dann sagen Sie es mir noch einmal.«

»Nikolaus Brenner.«

»Und wo wohnen Sie?«

»In der Implerstraße.«

»Bei Ihren Eltern?«

»Klar, bei meinen Eltern, wo denn sonst?«

»Und wo arbeiten Sie?«

»Ich studiere an der LMU.«

»Wussten Ihre Eltern, dass Sie mit der Frau befreundet waren?«

Diestelkamp deutete hinüber zu der Toten auf dem Teppich. Nikolaus Brenner war am Ende seiner Kräfte. Seine schmalen Lippen zuckten.

»Ja, sie haben’s gewusst! Was ist schon dabei?«

»Immer mit der Ruhe, mein Sohn«, wiederholte Diestelkamp. »Haben Sie die Polizei angerufen?«

»Das habe ich Ihnen auch schon gesagt!«

»Ich weiß, Sie hatten einen Schlüssel zu der Wohnung?«

»Ja.«

»Und wie lange dauerte es, bis Sie die Polizei anriefen?«

»Das weiß ich nicht mehr. Zehn Minuten, vielleicht auch fünfzehn.«

»Warum so lange?«

Zum ersten Mal wandte der Kleine den Blick von Diestelkamp ab.

»Ich... Ich konnte es einfach nicht fassen. Ich konnte es nicht glauben, dass sie tot war. Ich hatte zuerst gedacht, sie wäre ohnmächtig geworden.«

»Und Sie haben versucht, sie wieder zu Bewusstsein zu bringen?«

Dem Kleinen versagte die Stimme. »Ja, ich hab's versucht.«

Diestelkamp musterte ihn ein paar Sekunden lang, dann sah der Junge zu mir herüber. Es schien ihn einige Mühe zu kosten, den Blick auf das aufgeschlagene Telefonbuch zu richten.

»Ich glaube, Sie gehen jetzt besser nach Hause, mein Junge«, sagte Diestelkamp. »Wir unterhalten uns morgen noch.«

Der Junge wollte etwas sagen, brachte aber kein Wort hervor. Er wandte sich rasch ab und ging quer durchs Zimmer auf die Tür zu.

»Meier!«, rief Diestelkamp.

Der junge Polizist, der an der Tür stationiert war, sah herein.

»Der junge Nikolaus Brenner geht gerade«, sagte Diestelkamp zu ihm.

---ENDE DER LESEPROBE---