Kraft der Symbole - Michael Beetz - E-Book

Kraft der Symbole E-Book

Michael Beetz

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Beschreibung

In der sozialen Welt wimmelt es nur so von Phänomenen, die auf die eine oder andere Weise symbolischen Charakter tragen. Ihr symbolischer Gehalt wird dabei oft ganz intuitiv erfasst. Im Alltag wird in der Regel kein Zusammenhang hergestellt zwischen so unterschiedlichen Dingen wie Geburtstagssträußen und Grabmälern, Hundemarken und Eheringen, Burkas und Bikinis. Es werden die Gemeinsamkeiten schnell übersehen, die zwischen so verschiedenen Aktionsformen wie Sport und Krieg, Tanz und Sex, Menschenketten und politischen Wahlen bestehen. Mit der hier vorgelegten Publikation wird nun der Anspruch verfolgt, diese vielfältigen Formen des Symbolischen zu einem ebenso bunten wie scharfen Panoramabild zu gruppieren. Dies soll es nicht zuletzt auch einem breiteren Publikum gestatten, die Welt fortan mit dem Blick eines mikrosoziologisch geschulten Auges zu betrachten. Michael Beetz führt die Wirkungsweise von Status-, Gemeinschafts- und Sexsymbolen facettenreich vor. Er weist die ungebrochene Bedeutung nach, die symbolische Formen nicht nur für die Strukturierung von öffentlichen Räumen und von Weltbildern, sondern bereits für die Entwicklung von Grundhaltungen gegenüber der Welt haben. Als Form der kulturphilosophischen Animation und als soziologische Gedankenstütze stellt dieses Buch somit ein unvergleichlich geistreiches intellektuelles Unterhaltungsangebot dar.

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Seitenzahl: 343

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Inhaltsverzeichnis

Vorwort

1

Den Sinn für das Symbolische wecken.

Einleitung

2

Von der Wiege an.

Grundhaltungen

3

Wege, Zonen, Schilderwälder.

Öffentlicher Raum

4

Pomp, Gehabe, Distinktion.

Statussymbole

5

Vorzeigbarkeit, Verruchtheit, Tagträume.

Sexsymbole

6

Totems, Logos, Zeremonien.

Gemeinschaftssymbole

7

Mythen, Metaphern, Medienereignisse.

Weltbilder

8

Für eine Soziologie der Symbolik.

Akademische Stellungnahme

9

Symbol und Gesellschaft.

Theoretische Nachlese

Vorwort

In der sozialen Welt wimmelt es nur so von Phänomenen, die auf die eine oder andere Weise symbolischen Charakter tragen. Ihr symbolischer Gehalt wird dabei oft ganz intuitiv erfasst. Im Alltag wird allerdings in der Regel kein Zusammenhang hergestellt zwischen so unterschiedlichen Dingen wie Geburtstagssträußen und Grabmälern, Hundemarken und Eheringen, Burkas und Bikinis, werden die Gemeinsamkeiten schnell übersehen, die zwischen so verschiedenen Aktionsformen wie Sport und Krieg, Tanz und Sex, Menschenketten und politischen Wahlen bestehen. Mit der hier vorgelegten Publikation wird nun der Anspruch verfolgt, diese vielfältigen Formen des Symbolischen zu einem ebenso bunten wie scharfen Panoramabild zu gruppieren, welches es nicht zuletzt auch einem breiteren Publikum gestatten soll, die Welt fortan mit dem Blick eines mikrosoziologisch geschulten Auges zu betrachten.

Es handelt sich hier somit wohl am ehesten um ein intellektuelles Unterhaltungsangebot, eine Form der kulturphilosophischen Animation, eine soziologische Gedankenstütze, keineswegs aber um einen Ratgeber oder ein Nachschlagewerk. Auskunft über Hintergründe und Bedeutung von bestimmten Symbolen geben verschiedene Lexika mit jeweils unterschiedlichen Schwerpunkten, etwa auf antiken, alchemistischen oder christlichen Symbolen. Die in diesem Buch angestrebte Symbolanalyse befasst sich im Gegensatz dazu nicht mit Herkunft und Bedeutungswandel konkreter Symbole (vierblättriges Kleeblatt, Hakenkreuz, Weihnachtsbaum), sondern mit den symbolischen Dimensionen sozialer Wirklichkeit im Allgemeinen.

Die präsentierten Betrachtungen werden dabei von dem Glauben getragen, dass eine allgemeinverständliche und geradezu kurzweilige Lektüre durchaus den Anforderungen genügen kann, die an eine sozialwissenschaftliche Studie unweigerlich zu stellen sind, dass akademisches Niveau und öffentlichkeitsfähiger Stil also auch heutzutage uneingeschränkt miteinander vereinbar seien. (Als Vorbilder könnten insofern Erving Goffmans berühmter Bestseller »Presentation of Self in Everyday Life« oder Dietrich Schwanitzens »Männer. Eine Spezies wird besichtigt« genannt werden.1) Voraussetzung hierfür ist es jedoch – so die Überzeugung des Autors – sich anstelle der geisteswissenschaftlichen Spezialliteratur zum Thema vorzugsweise dem Gegenstand selbst zuzuwenden. Im Vordergrund werden im Folgenden daher die symbolischen Phänomene stehen, während weitestgehend darauf verzichtet wird, allzu ausgiebig auf die oft ebenso einschlägigen wie wolkigen Ausführungen namhafter Autoren einzugehen.2 Es soll – entgegen den allgemeinen akademischen Gepflogenheiten – hier nicht primär der akademische Diskurs analysiert, sondern vielmehr nach Möglichkeit der Sache an sich auf den Grund gegangen werden.

Freilich kommt auch eine Arbeit wie diese nicht umhin, sich gegenüber den bestehenden Auffassungen und gängigen Standpunkten zu positionieren, zumal sich der generellen Diskursformation – wie sich herausstellen wird – in der Tat bereits wesentliche Anhaltspunkte für die abschließende Theoriebildung entnehmen lassen. Um die Aufmerksamkeit der eher unbeleckten und geistig unbescholtenen Leserschaft jedoch andererseits nicht gleich zu Beginn übermäßig durch akademische Querverweise zu strapazieren, sollen die diesbezüglichen Vorüberlegungen zunächst ganz bewusst zurückgehalten werden, um unter Verzicht auf unnötiges theoretisches Vorgeplänkel lieber unmittelbar in die Thematik einzusteigen. Die obligatorische akademische Stellungnahme wurde zur Erleichterung der Lesbarkeit daher an das Ende der Schrift verlagert (Kapitel 8). Geisteswissenschaftlich vorgebildete und insofern gewissermaßen theoretisch vorbelastete Akademiker mögen das betreffende Kapitel aber am besten zuerst lesen.

Selbstverständlich ist ein solcher Text vor allem ein Produkt intellektuellen Einflusses. In diesem Falle war hierbei maßgeblich der Ort der Entstehung von Bedeutung. Ohne die langjährigen konstruktiven Diskussionen innerhalb der Jenaer Soziologieszene mit ihren exzellenten Kolloquien, Forschungswerkstätten, Kollegs und informalen Arbeitskreisen, ohne das fruchtbare Forschungsklima an der hiesigen Universität, die lebendige kulturelle Atmosphäre im Ganzen, den unvergleichlichen spiritus locus wäre diese Arbeit kaum möglich gewesen. Nicht zuletzt verdanke ich gleichwohl auch zahlreichen Kongressen, unter denen vor allem einige Veranstaltungen der Sektionen für Kultursoziologie und Soziologische Theorie der Deutschen Gesellschaft für Soziologie hervorzuheben sind, wertvolle Anregungen und etliche magische Momente. Ich darf mich für alle Einladungen zu Vorträgen, Seminaren, Workshops, Gesprächen aller Art bedanken, die mir dabei geholfen haben, mehr und mehr Klarheit zu gewinnen und sowohl Gedanken als auch Argumente sukzessive zu schärfen und immer weiter zu präzisieren. Mein größter Dank aber gilt insbesondere allen Gutachtern, Kolleginnen, Doktoranden und Studentinnen, welche sich über Jahre hinweg dazu bereitgefunden haben, sich mit diversen Entwürfen, Projektkonzepten und Ausschnitten aus dem Manuskript zu befassen und diese kritisch zu kommentieren. Als nicht minder wertvoll erwiesen sich oft die vielfältigen Nachfragen und Anschlussüberlegungen von Fachfremden und Laien. Um hierbei niemanden zu übergehen, verzichte ich an dieser Stelle kurzerhand auf eine lange Liste mit Namen, die letztlich doch nur unvollständig bleiben kann.

1 Erving Goffman: Presentation of Self in Everyday Life, New York 1959; Dietrich Schwanitz: Männer. Eine Spezies wird besichtigt, Frankfurt a. M. 2001.

2 Soziologen haben ganze Bücher über die Welt der symbolischen Formen, über symbolische Medien wie Geld und Macht, ja allein über die symbolische Funktion des Geldes geschrieben. Vgl. Ernst Cassirer: Philosophie der symbolischen Formen, Bd. 1-3, Darmstadt 1977/1982 (Bd. 3); Talcott Parsons: Zur Theorie der sozialen Interaktionsmedien, Opladen 1980; bzw. Georg Simmel: Philosophie des Geldes, Frankfurt a. M. 1995. Der Preis einer analytischen Aufbereitung besteht hier freilich jeweils in einer begrifflichen Abstraktion, welche das intuitive Verständnis durch anspruchsvolle, eigenwillige »Sprachspiele« überformt, die selbst untereinander kaum kompatibel sind.

1Den Sinn für das Symbolische wecken.

Einleitung

Träume, Märchen, Allegorien – Embleme, Wappen und Siegel – Ikonen, Idole, Wahrzeichen – Winke, Gebärden und Zeremonien – Kreuze, Spiralen, Pentagramme – Hieroglyphen, Tätowierungen und mathematische Formeln … Die Welt der Symbole, sie erscheint uns faszinierend und geheimnisvoll, steckt sie doch voller verborgener Zusammenhänge und rätselhafter Botschaften, die sich allein dem Eingeweihten zu erschließen scheinen. Sie ist ein Reich von Formen und Zeichen, deren Verständnis oft die Kenntnis ihres Hintergrunds voraussetzt und deren Bedeutung sich deshalb manchmal nur erahnen lässt. In ihr spiegelt sich das Wissen vergangener Zeiten, fremder Kulturen und besonderer Fachgebiete. Und doch ist sie uns zugleich oft so vertraut, dass wir all die kleinen Zeichen um uns herum kaum noch bewusst wahrnehmen.

Symbole sind allgegenwärtig, und sie verkörpern Sinnzusammenhänge, die in einer Welt aus toter Materie ansonsten weitestgehend unsichtbar blieben. Sie bringen die Besonderheit einer Kultur zum Ausdruck und verdeutlichen deren Charakter. Fast könnte man im schlichten Jargon der Journalisten sagen: Symbole seien die »Markenzeichen« einer Kultur, wären nicht Markenzeichen vielmehr selbst Symbole und damit ein Spezialfall, der seinerseits als Ausdruck einer bestimmten, konsumlastigen Kultur anzusehen ist.

Nicht, dass an einer solchen bildhaften Ausdrucksweise gänzlich etwas falsch wäre. Man könnte die Symbole jedoch ebenso gut als den »Stempel«, die »Bildersprache« oder womöglich auch als die »Frisur« einer Kultur bezeichnen und damit jeweils unterschiedliche Gesichtspunkte aus dem vielfältigen Kosmos der symbolischen Formen in den Vordergrund rücken. Gleichnisse dieser Art leben davon, das Wesen einer Sache an einem eingängigen Beispiel verdeutlichen zu wollen. Das gewählte Beispiel wird damit zum Sinnbild. Das Einzelne verdeutlicht das Allgemeine. Es gibt der unbegreiflichen Fülle unmittelbarer Welterfahrung eine greifbare, vertraute Gestalt, etwa eben die eines »Markenzeichens« oder eines »Stempels«. Derartige – oft einseitigen – Spezialfälle können für weitere Diskussionen durchaus eine symbolträchtige Bedeutung gewinnen: Sie stehen dann als Paradefall stellvertretend für das Thema als solches. So bezeichnet man bekanntlich Vorzeigeexemplare wie Franz Beckenbauer, Marilyn Monroe oder Albert Einstein häufig als Symbolfiguren, Sexsymbole bzw. Ikonen. Und sogar in der Wissenschaft prägen Paradebeispiele häufig die geltende Lehrmeinung, die man im Anschluss an Thomas Kuhn ganz in diesem Sinne übrigens auch als Paradigma bezeichnet.3 – Wir haben uns dem Thema Symbole damit unversehens einmal kurz von hinten genähert.

Die Fixierung auf bestimmte Paradefälle kann den Blick nun jedoch ebenso sehr einengen wie die Festlegung auf einen speziellen Bezugsautor, dies gilt nicht zuletzt auch für die Symbolforschung selbst. So mag der eine beim Thema Symbole an die Zahl »Pi« denken, andere an das sagenumwobenen »Auge in der Pyramide«, welches sich sogar auf der Dollarnote findet, und Dritte an die erste »Mondlandung« mit dem unvermeidlichen Hissen der Flagge der Vereinigten Staaten von Amerika. In jedem Fall werden unterschiedliche Vorstellungen über die Natur von Symbolen wachgerufen: Mathematische Symbole wie »π« oder »Σ« erleichtern die formale Modellierung logischer Strukturen und dienen somit vor allem der Abstraktion.4 Esoterische Symbole wie das »Auge« oder das »Kreuz« befördern stattdessen eher die Identifikation mit einer bestimmten Bewegung – und werden daher unter anderem im Kontext verschwörungstheoretischer Spekulationen thematisiert.5 Symbolträchtige Akte und Medienereignisse wie die »Mondlandung« oder auch »9/11« lassen sich hingegen buchstäblich als Zeichen der Zeit lesen, sie verdeutlichen und untermauern somit die aktuell vorherrschenden Machtverhältnisse und Ideologien. Andere exemplarische Fälle von Symbolik wiederum tragen in ähnlicher Weise paradigmatischen Charakter, lenken die Gedankenbahnen jedoch womöglich in gänzlich andere Richtungen, sofern sie zum Gravitationszentrum symboltheoretischer Überlegungen und damit sozusagen zum Symbol der Symbole werden.

Auch Paradefälle als solche sind selbstverständlich nur eine von vielen Erscheinungsformen des Symbolischen. Wir sollten, um deren symbolische Bedeutung im Besonderen zu verstehen, daher besser erst einmal die Kraft der Symbole im Allgemeinen zu begreifen suchen. Aber: Welche Bedeutung(en) haben Symbole nun für eine Kultur? Welche Bedeutung(en) haben sie für unser Leben? Gemach, gemach! Wir befinden uns ja erst in der Einleitung.

Wenn Menschen »ein Zeichen setzen«, ein Geschenk überreichen oder vor jemandem ausspucken, dann können diese Verhaltensweisen für Beteiligte wie Beobachter einen symbolischen Sinn beinhalten. Hierüber braucht jedoch keine Einigkeit zu herrschen. Für den einen mag es sich um eine rein zweckmäßige Verhaltensweise ohne jeden Hintersinn handeln, während der andere diese als Signal versteht bzw. verstanden haben möchte. Ein Geschenk – zum Beispiel eine rote Rose, ein Duschbad und selbst Geld – kann anhand seiner Nützlichkeit beurteilt, aber ebenso als versteckte Botschaft aufgefasst werden.6 Nicht von ungefähr werden Geldgeschenke häufig als erniedrigend empfunden und zurückgewiesen. Auch ergeben sich aus unterschiedlichen Auffassungen über die Bedeutung einer Geste, eines Signals oder eines Zeichens leicht weitreichende Missverständnisse. Ein bekanntes Phänomen dieser Art sind die aus Unterschieden im Flirtschema erwachsenden Irritationen, etwa beim Flirt zwischen amerikanischen Soldaten und britischen Frauen während des Zweiten Weltkriegs, die sich demzufolge gegenseitig als ausgesprochen draufgängerisch erlebten, da nach der Aufnahme des Blickkontakts und dem ersten Small Talk jeweils unterschiedliche Erwartungen bezüglich der angemessenen nächsten Schritte (Verabredung, Kuss, Einführung in die Familie usw.) bestanden.7

Gleichwohl zeigt sich in solchen Sonderfällen umso klarer die Wirkungsweise von Symbolen. In der Abweichung wird das Prinzip deutlich: Symbole stehen für etwas anderes. Sie sind Bedeutungsträger, die auf bestimmte Ideen, Gegenstände oder Sozialbeziehungen verweisen. Obgleich sich in der inneren Form von Symbolen oftmals ihre Bedeutung andeutet, ist diese doch nicht wie eine Information im Symbol selbst gespeichert, sondern ergibt sich erst aus dem Zusammenhang. Ein Informatiker würde sagen: Sie muss decodiert werden. Indes – es mangelt in der Regel an einem zuverlässigen Mechanismus zur Entschlüsselung von Symbolen. Ein erhobener Zeigefinger bspw. könnte zum Himmel zeigen, drohen oder einfach die Aufmerksamkeit auf seinen Besitzer lenken. Je nach Kontext dient das Symbol somit als Meldung, als Gebot, als religiöse Geste (auf Gemälden), als Symbol moralischer Autorität oder als Jubelpose. Man sollte sich der eigenen Orientierung wegen also möglichst im Klaren darüber sein, wie das eigene Verhalten gedeutet werden kann und sollte die Zeichen um einen herum zu lesen verstehen.

Sieht man einmal von solchen vermeintlich skandalösen Fällen ab, in denen die Entschlüsselung geheimer Symbole zur Stützung verschwörungstheoretischer Verdächtigungen beiträgt, wäre dies indessen nicht weiter der Rede wert und bedürfte vor allem keiner besonderen philosophischen Anstrengung oder wissenschaftlicher Recherchen. Auf grobe Fettnäpfchen wird in Reiseführern hingewiesen.8 Über feinere Unterschiede klären einen die Eltern oder hämische Zeitgenossen auf. Technische, wissenschaftliche und sonstige Symbole werden im Unterricht oder in Gebrauchsanweisungen behandelt.

Symbole bezeichnen jedoch nicht nur gegebene Sachverhalte in der Welt, sie können selbst Sachverhalte darstellen und erzeugen mitunter erst eine bestimmte Situation. Sie zeigen nicht nur etwas an, sondern heben dadurch überhaupt erst bestimmte Unterschiede hervor. Die Ausweisung eines Frauenparkplatzes – bemerkenswerterweise wird hier gewöhnlich auf Piktogramme verzichtet – oder das Damenzeichen auf einer Tür betonen und verstärken bspw. die Differenz zwischen Männern und Frauen. Eine simple Toilette wird hierdurch überhaupt erst zur Damentoilette und damit zu einer Tabuzone für Vertreter des anderen Geschlechts. Was hinter den Türen vor sich geht, bleibt diesen zwar verborgen, die räumliche Trennung aber steht allen Anwesenden gerade dann stets vor Augen, wenn sie sich gemeinsam im öffentlichen Raum aufhalten.

Auch ein Wegweiser weist nicht allein in Richtung eines Ziels, er kennzeichnet damit zugleich einen offiziellen Weg. Er weist nicht nur Entfernungen aus, sondern zeigt auch eine Kreuzung an. Über die vordergründig vermittelte Information hinaus verweisen Symbole dieser Art auf einen Kontext, in dem diese Information überhaupt eine Rolle spielt. Das Gipfelkreuz auf einem Berg markiert nicht nur dessen höchsten Punkt und gibt eventuell seine Höhe an, es stellt auch ein Zeichen des Triumphes der Zivilisation über die Natur dar, zeigt es doch, dass dieser Berg bezwungen, vermessen, kartografiert wurde und der Arm der Verwaltung folglich bis an die allerfernsten Orte reicht. Der Kontrollanspruch der Amerikaner aber umfasst selbst den Mond! Umgekehrt provoziert dies natürlich auch die ihrerseits symbolisch aufgeladene Zerstörung derartiger Herrschaftssymbole, wo immer dies möglich ist. Jegliches Randalieren ist auch ein Aufbegehren gegen die herrschende Ordnung und offenbart dabei symbolische Motive. Selbst eine weiße Wand ist schließlich mehr als einfach eine Wand, sie zählt als ein Zeichen von Sittlichkeit und unterscheidet sich hierin offenbar auch – wie diverse Mietrechtsurteile zeigen – juristisch von einer bunten. Ein Graffito wiederum dient nicht nur dazu, den Ruhm seines Urhebers zu mehren, es ist auch bezeichnend für die symbolische Austragung kultureller Konflikte, die sich im Kampf um die Verteidigung von Hoheitsansprüchen innerhalb eines bestimmten Reviers niederschlagen können. Es zeigt dann an, wie gesellschaftliche Subkulturen sich im Widerstand gegen die Ordnungsmacht der Eingesessenen oder großer Institutionen den öffentlichen Raum erobern.

Über ihren unmittelbaren Gehalt hinaus vermitteln Symbole auch eine besondere Sichtweise der Welt, ein bestimmtes Rollenverständnis, einen Herrschaftsanspruch oder eine Protesthaltung. Sie rufen Vorstellungen vom großen Ganzen wach, die vermeintlich rein privater Natur, in Wirklichkeit jedoch ziemlich absehbar sind und häufig bewusst eingesetzt werden – und dies nicht nur in so durchschaubarer Weise wie bei Schildern »Vorsicht bissiger Hund!«, die in Form einer freundlichen Warnung potenziellen Eindringlingen Angst einflößen sollen. Die Aufschrift »Ohne Zusatzstoffe« erinnert uns zum Beispiel zugleich an die allgemeine Situation der Lebensmittelindustrie, während der Schriftzug »plus Vitamin C« uns weismacht, dass mangelndem Wohlbefinden durch geeignete Ergänzungsstoffe abgeholfen werden kann. Der zweite Fall ist im Übrigen sicher besser dazu geeignet, eine konsumfördernde Einstellung zu bestärken, denn Ergänzungen und Erweiterungen lassen sich ja nahezu unbegrenzt finden – eine Entwicklung, die schließlich wiederum in Multivitaminpräparaten, Multifunktionsgeräten und All-in-One-Lösungen mündet.

Symbole stehen nicht lediglich für etwas Abwesendes – für alte Götter, längst entschwundene Sprayer, den hinter einer Tür befindlichen Raum –, sie machen vielmehr in der materiellen Welt etwas sichtbar, das abstrakter Natur, aber deshalb nicht weniger real ist: Weltbilder, Einstellungen, soziale Ordnungen. Eine Uniform etwa weist Polizisten als Vertreter der Staatsgewalt aus und verortet sie innerhalb einer umfassenden Rangordnung. Die Träger repräsentieren nicht nur den an sich nicht sichtbaren Staat und spiegeln damit in der konkreten sozialen Praxis die gesellschaftliche Ordnung wider. Sie lassen diese Ordnung damit überhaupt erst wirkmächtig werden! Einrichtungen aller Art müssen um zu funktionieren »Stellen«, »Weisungen« und »Dienstwege« ausweisen, und sie richten sich im realen Raum anhand – nennen wir es einmal: symbolischer Inkarnationen ein. Woran lassen sich institutionelle Ordnungen und offizielle Ränge besser ablesen als an Dienstgradabzeichen, Titeln, Namens- und Türschildern?

Nachdem damit nun bereits einige wesentliche Aspekte des Symbolischen angesprochen wurden, drängt sich natürlich eine theoretische Reflexion über die Frage auf, was denn nun ein Symbol sei und was nicht. An solchen Stellen sollen in den einzelnen Kapiteln nun kurz gehaltene Zwischenüberlegungen eingeschaltet werden, welche die theoretische Essenz des jeweiligen Unterthemas in möglichst abstrakter Weise zu erfassen suchen.

Theorie-Memo 1:Symbolik und Beobachter

Jede allzu einfache Definition des Symbolbegriffs droht den Blick auf bestimmte Paradebeispiele einzuengen, deren Verständnis zudem ein Stück weit durch die jeweilige Perspektive des Forschers vorgegeben wird. Der Bezug auf (religiöse) Rituale, (wissenschaftliche) Formeln, (politische) Bekundungen oder (ästhetische) Motive diktiert dann bereits den Horizont, innerhalb dessen die Wirkungsweise der betreffenden Symbole beobachtet wird. Die Bedeutung der Symbolik bleibt dabei von vorneherein auf einen, wenngleich mehr oder weniger allgemeinen Kontext (Religion, Wissenschaft, Politik, Kunst) festgelegt, so als ob dies durch den Verwendungszusammenhang des Symbols bereits bestimmt sei. Doch der Symbolgehalt eines Phänomens liegt letztlich immer in den Augen des Betrachters. Jegliche Symbolik bleibt abhängig von ihren – sei es wissenschaftlichen, sei es praktisch involvierten – Beobachtern, wobei es sich grundsätzlich auch um ein soziales System, eine unbewusst bleibende Wahrnehmung oder einen biologischen Organismus, und vorsichtshalber sei angemerkt: auch um eine weibliche Person handeln kann. Daher mag es ratsam sein, die infrage kommenden Erscheinungen zunächst anhand einiger Mindestbedingungen logisch einzukreisen, ohne die es kaum sinnvoll erscheint, etwas als symbolisch zu bezeichnen.

Um von einem Symbol sprechen zu können, muss:

dieses überhaupt erst einmal als Form erkennbar sein,

diese Form in Verbindung gebracht werden mit etwas, das außerhalb des Mediums existiert, in welchem das Symbol sich formiert,

dem Symbol überdies eine praktische Relevanz zuzusprechen sein, die gegenüber dem durch es Repräsentierten eine gewisse Eigenständigkeit besitzt, sodass das Symbol hier in der Tat an dessen Stelle tritt.

Die Beobachtbarkeit von Symbolen beruht – so möchte man meinen – auf ihrer sinnlichen wahrnehmbaren Gestalt, handelt es sich doch vielfach um materielle Objekte, Verhaltensweisen oder anderweitig verkörperte Konstellationen, denen ein symbolischer Gehalt zugesprochen wird. Allerdings darf nicht übersehen werden, dass auch psychische Erscheinungen wie (imaginäre) Vorstellungen, Halluzinationen oder Träume symbolischen Charakter haben können und dass sich symbolische Gehalte ebenso in Diskursen, Metaphern oder Klischees – also in kommunikativen Strukturen manifestieren können.

Die mit einem Symbol verbundene Bedeutung ergibt sich in der Regel aus den durch seine Form geweckten Assoziationen. Diese müssen allerdings weder aus einer Übereinstimmung von Form und zugeschriebenem Gehalt erwachsen, noch notwendig per Konvention etabliert werden. Im Extremfall kann es ausreichend sein, dass überhaupt eine (noch so minimale) Form erkennbar ist, die sich dem Beobachter gegenüber als Botschaft ausweist. Bei hinreichender Sensibilisierung wird der Zusammenhang dann wie von selbst hergestellt, obgleich Symboliken sich natürlich andererseits bei genauerer Betrachtung oft als äußerst vielschichtig erweisen. Die erzeugte Verbindung zwischen Symbol und Wirklichkeit setzt jedenfalls nicht einmal eine bewusste Auslegung seiner vermeintlichen Bedeutung voraus. Es genügt, sie zu spüren.

Dass ein Symbol nur insofern als solches erkennbar ist, wenn es aus Sicht des Beobachters für etwas anderes steht, bedeutet umgekehrt auch, dass es dieses andere innerhalb der symbolischen Sphäre vertritt und in seinem Namen wirksam wird. Die Präsenz des Symbols vergegenwärtigt einen Zustand der Welt, und dies umso mehr, sofern das Symbol sein Signifikat überhaupt erst konstruieren sollte. Da die Beobachtung von Symbolen immer selbst ein innerweltlicher Vorgang bleibt, bilden Symbole die Wirklichkeit nicht nur ab, sondern gestalten diese im Zuge ihrer Beobachtung zugleich mit.

***

Auf welch vielfältige Weise Symbole die Welt in Ordnung bringen, am Laufen halten und Menschen leiten, dies wird uns noch ausgiebig beschäftigen. Vorerst gilt es festzuhalten, dass die Welt der Symbole mehr verkörpert als eine bloße Verdoppelung der realen Welt. Sie ist nicht lediglich eine Abbildung der objektiven Realität in die Sprache. Symbole sind Bestandteil der Realität, so wie auch die Sprache zu einem Teil der sozialen Welt wird, sobald sie deren Wahrnehmung und damit unser Verhalten beeinflusst. Unsere Alltagswelt ist durchdrungen von symbolischen Strukturen, die uns zumeist so selbstverständlich vorkommen, dass wir die Orientierung an ihnen kaum als einen äußeren Zwang empfinden. Gleichwohl lassen wir uns von ihnen lenken und fügen uns kraft ihrer Wirkung einer gesellschaftlichen Ordnung, die sich vielleicht – aber darüber lässt sich streiten – überhaupt nur in ihren symbolischen Mustern reproduziert.

Wenn wir die Alltagswelt auf ihren symbolischen Charakter hin betrachten, dann achten wir weniger auf den Gebrauchswert der Dinge – seien es Schokoladenosterhasen, Kampfhunde oder Klingeltöne –, sondern nehmen ihre Formen und Motive vielmehr als Signale wahr, die wir in der Regel intuitiv verstehen. Eine Brille kann – etwa in Comics – Bildung symbolisieren. Ein Stethoskop steht für den privilegierten Zugang eines Arztes zum fremden Körper und hebt ihn zugleich von niederem weißbekittelten Personal ab. Die Form einer E-Gitarre unterstreicht die Botschaft der Musik; kein Jazz-Gitarrist würde mit einer schrägzackigen Metal-Gitarre auftreten, die wie eine klingonische Kriegswaffe anmutet! Kein Punk würde seinen Köter gegen einen Pudel, keine »Tussi« ihren Silikon-Busen gegen einen Silikon-Bauch tauschen. Die Form zählt oft mehr als die Zweckdienlichkeit. Die Pose ist wichtiger als die Aktion. Die Geste ersetzt die durch sie angedeutete Handlung. Reden heißt bekanntlich Handeln, und dies gilt umso mehr unter symbolischen Gesichtspunkten. Die generelle Andeutung kann wirkungsvoller sein als die einzelne Tat. Nutzlose Gegenstände werden zum Denkmal dessen, was man mit ihnen machen könnte: die Gitarre an der Wand – unbrauchbar, die gesammelten Werke im Regal – ungelesen, das ewig verstimmte Klavier – bloße Dekoration. Fragen wir also nicht: Was ist das? Wozu dient es? Fragen wir: Was soll es darstellen? Wie ist seine Präsenz zu verstehen? … Das Design eines Objekts wird damit in unseren Augen zum Sinnbild.

Den Sinn für das Symbolische zu wecken soll das zentrale Ziel dieses Buches sein. Dies darf freilich als eine recht schwierige Mission gelten, wird uns das Bewusstsein für das Symbolische doch gewöhnlich gerade zugunsten eines rationalen Blicks auf die Welt abgewöhnt. Der Bezug auf Symbole wird leichthin als esoterische Spinnerei, als Mystik oder Aberglaube angesehen und als falscher Schein, leere Form und rituelles Brimborium abgetan. Der die Alltagsorientierung beherrschende Materialismus ist fixiert auf den technischen Nutzen von Handlungen, auf die physikalischen Qualitäten von Objekten und das gegenwärtig Übliche. Man orientiert sich an Standards und Moden, an Gewinn und Erfolg, weil die übliche und immer wieder wiederholte Auffassung besagt, dies entspräche der Natur des Menschen, des »Kapitalismus« und der »Willensfreiheit«.

Gleichwohl ist der (im doppelten Sinne) mittelmäßige Mensch des 21. Jahrhunderts nicht gänzlich blind für den symbolischen Gehalt sozialer Praktiken. Er hat sehr wohl einen Sinn dafür, was »cool«, angesagt und schick, was protzig, »prollig« oder spießig, was edel, seriös, professionell wirkt. Obgleich er den größten Teil seiner Anstrengungen auf Techniken der Selbstinszenierung verwendet – vom Waschen, Frisieren, Schminken über die alltäglichen Prahlereien bis hin zur Einrichtung des Heims, dem Konsum und der Karriereplanung, verdrängt er das Symbolische jedoch ins Unbewusste. Man redet sich allerlei rationale und egoistische Motive, Sachzwänge und Pflichten, Vorlieben und Bedürfnisse ein, um sein Verhalten mit Sinn auszustatten – und einem solchen Sinn vorzugsweise, der sich auch kommunikativ gut vertreten lässt. Daher wähnt man sich frei und bemerkt dabei kaum, wie die Kraft der Symbole sanft dazu verführt, sich von der gesellschaftlichen Ordnung leiten zu lassen. Zugleich sieht man sich umgekehrt sachlichen Zwängen unterworfen, die in Wirklichkeit lediglich aus einer Einengung des eigenen Blicks auf die Welt erwachsen, dem ein Anderes nicht mehr vorstellbar und dem der Weg aus dem gemeinsam geblasenen »Fliegenglas«9 der Symbole unsichtbar geworden ist.

Um dieser eigentümlich unscheinbaren sozialen Kraft nachzuspüren, wenden die einzelnen Kapitel dieses Buches sich ganz unterschiedlichen Ausschnitten sozialer Wirklichkeit zu. Zuerst soll die Frage nach den elementaren und lebensgeschichtlich ersten Orientierungen aufgeworfen werden (Kapitel 2). Inwieweit wird unsere Grundhaltung gegenüber der Welt bereits von der Wiege an durch symbolische Konditionierungen geprägt? Vom Schnuller als Stellvertreter für die Mutterbrust, der vom Baby wieder und wieder weggeworfen und zurückgefordert wird10, über die unter anderem durch blaue bzw. rosa Farbgebung zugewiesene Geschlechteridentität bis hin zu den anhand von Bilderbüchern vermittelten Werten wie »Auto«, »Ball« oder »Frosch« sollen hierzu die kulturellen Bestandteile der frühkindlichen Lebenswelt daraufhin betrachtet werden, inwieweit sie als Keimzelle symbolischer Ordnungen fungieren.

Das dritte Kapitel widmet sich dem öffentlichen Raum als einem allerseits einsehbaren Kosmos symbolischer Muster. Es öffnet die Augen für den uns umgebenden Wald aus Schildern und Zeichen, durch die auf vielfältige Weise Zonen, Wege und Sphären markiert werden. Erst durch symbolische Grenzziehungen werden Intimbereiche, Bühnen und Verwaltungsdistrikte, ja sogar Länder kenntlich gemacht und damit Freiräume für die jeweils zugehörigen Praktiken geschaffen. Die so erzeugte räumliche Ordnung spiegelt in mancherlei Hinsicht zugleich soziale Ordnungen und Ideologien wieder, so etwa bereits durch die Ausweisung von Abteilen für verschiedene »Klassen« von Passagieren.

Im vierten Kapitel geht es um den Ausdruck von sozialem Status. Neben offensichtlichem Prunk und Imponiergehabe lassen sich unmerkliche und feinsinnige Formen der Dominanz beobachten, die sich in Mimik, Tonfall oder Wortwahl niederschlagen. Oft werden Machtansprüche, die sogar unbewusst bleiben können, hinter moralischen Motiven versteckt. Das Gegenüber wird in ein Abhängigkeitsverhältnis gebracht oder sein Gewissen in Schach gehalten. Dabei muss durchaus nicht Überlegenheit signalisiert werden, es kann sich auch strategisch bewähren, die Opferrolle zu mimen. Die zur Schau gestellte Verletzlichkeit provoziert Unterstützung oder gar Ritterlichkeit, und sie schützt vor anspruchsvollen Erwartungen. Überhaupt kann der von einer Person symbolisch ausgewiesene soziale Status die unterschiedlichsten Rollen und sozial relevanten Eigenschaften (etwa den Familienstand) betreffen, ohne dass dies, wie zu zeigen sein wird, im Allgemeinen hierarchische Verhältnisse im Sinne der Unterscheidung von Oben und Unten beinhaltet.

Der Gegensatz von »schwach« und »stark« stellt nichtsdestotrotz einen kulturellen Code dar, der insbesondere das Verhältnis der Geschlechter geprägt hat und trotz aller Bemühungen um »Gleichstellung« noch immer prägt. Gleichzeitig nimmt die Alltagspräsenz sexueller Symbolik, um die es im fünften Kapitel gehen soll, im Zuge der Aufweichung traditioneller Sittlichkeitsstandards immer mehr zu. Mode und Medien sind zunehmend durchsetzt mit erotischen Anspielungen. Im Bemühen um Aufmerksamkeit hat man, ja haben Werbespots und die zu verkaufenden Produkte selbst sexy zu sein, ohne jedoch sexistisch zu wirken. Um sich gut zu vermarkten, achten Frauen wie Männer auf Vorzeigbarkeit. Die durch »Outfit«, Posen und Retuschen suggerierten sexuellen Verheißungen werden im Gegenzug häufig zum Fluchtpunkt der Fantasie, zum vermeintlichen Ausweg aus dem gesellschaftlichen Gefängnis und den schnöden Befangenheiten der Lebensordnung. Wenngleich überhaupt weite Bereiche der menschlichen Kultur evolutionsgeschichtlich gesehen auf den Sexualtrieb »aufgepfropft« zu sein scheinen11, so umfasst doch selbst die Erotik mehr als eine bloße Sequenz biologischer Stimulationsreize. Allein das Paarungsverhalten im engeren Sinne wird wesentlich durch rituelle Bestandteile bestimmt: vom Werben und der Eroberung über Verlobung und Trauung bis hin zum Umgang mit den Schwiegereltern.

Der symbolische Austausch von Gaben und Aufmerksamkeiten gehört ohnehin zur Pflege zwischenmenschlicher Beziehungen im Allgemeinen, ebenso wie gemeinsame Rituale gerade für den Fortbestand größerer Gruppen unerlässlich sind. Das sechste Kapitel befasst sich entsprechend mit der Bedeutung kollektiver Symbole. Logos und Embleme lassen sich als moderne Form von Totems und Wappen verstehen. Zeremonien stiften Identität und bekräftigen das Selbstverständnis von Institutionen, Orten und Subkulturen als einer Gemeinschaft. Durch immer wieder rezitierte Erzählungen werden Legenden und Mythen geschaffen, auf die man sich bei der Interpretation des Tagesgeschehens bezieht.

Der gemeinhin geteilte Schatz an Stories, Weisheiten und geflügelten Worten verdichtet sich im Spiegel der medialen Öffentlichkeit zu vertrauten Stereotypen. Dies wird Gegenstand des siebten Kapitels sein. Ob Nachrichten, Fußballübertragungen oder Unterhaltungsshows – alles wirkt auf das wahrnehmende Bewusstsein wie ein Gleichnis für das gesellschaftliche Geschehen im Ganzen. Die Protagonisten auf den Bildschirmen, Spielfeldern und roten Teppichen agieren stellvertretend für den Zuschauer und symbolisieren dessen eigenes Leben. Hinter dem Rücken der berichteten Ereignisse und geschaffenen Fiktionen reproduziert sich kaum merklich ein Weltbild. Was als bloße Unterhaltung erscheint, ist in Wahrheit Teil einer umfassenden medialen Konstruktion gesellschaftlicher Wirklichkeit. Gefühle, Wahrnehmungsmuster und Lebensstile werden – sofern diese nicht durch kulturindustrielle Surrogate (Sounds, Designs, Plots) ersetzt wird – von jeher durch die Rezeption von Kunst geformt, und sie werden selbstverständlich auch maßgeblich von religiösen Hintergründen geprägt. Auch mit den vielfältigen symbolischen Gehalten von Kunst und Religion werden wir uns daher in diesem Zusammenhang zu befassen haben.

Nachdem die Themen der einzelnen Kapitel somit schlaglichtartig umrissen sind, gilt es die damit abgesteckten Horizonte nun plastischer auszumalen. Dazu noch eine Vorbemerkung methodologischer Art: Zu den unzähligen Teilaspekten symbolischer Ordnungen findet sich eine Fülle von Literatur, die insbesondere eine ganze Reihe klassischer Werke der Philosophie, Ethnologie, Soziologie und der Psychologie beinhaltet, in denen der Begriff des Symbolischen auf die eine oder andere Weise treffend berührt wird. Vieles hiervon ist umstritten oder in Vergessenheit geraten, gilt zeitweise als überholt und wird dann später womöglich wieder neu entdeckt. Die Fachdiskurse hierzu bilden ein weitverzweigtes Geflecht. Es wäre eine Anmaßung, sich in diese Spezialdiskussionen inhaltlich einmischen zu wollen. Der Anspruch dieses Buches ist es vielmehr, einen Blick für und auf das Thema zu erheischen, der einen systematischen Überblick über die relevanten Fragen gewährt und dabei doch wissenschaftlich im Sinne einer Expertise für das Allgemeine bleibt. Als theoretisches Buch hat es sich somit zugleich populär zu geben, denn eine solche Schrift sollte ja nach Möglichkeit für die Vertreter all der Spezialgebiete wie für Laien, Lehrer und Studenten gleichermaßen zugänglich sein.12

Aus diesem Grunde wird der hier anvisierte interpretative Zugang zur Welt sich auch nicht in einer allzu materiallastigen Studie im Stile eines Forschungsberichts niederschlagen. Die zugrundeliegende »Empirie« kann allenfalls zu illustrativen Zwecken angeführt werden. Eine exemplarische Auswahl von nach strengeren methodischen Prinzipien durchgeführten Interpretationen »symbolischen Materials« muss in einen späteren, separaten Band ausgelagert werden. Vorrangig geht es darum, einen lesbaren Text anzubieten, ohne wesentliche Aspekte zu vernachlässigen, was aufgrund der Komplexität des Themas bereits eine erhebliche Herausforderung darstellt.

Eine letzte Anmerkung, die vor allem für politisch-philosophisch angehauchte Akademiker von Interesse sein dürfte, betrifft die hier angestrebte Einstellung gegenüber dem betrachteten Gegenstand. In der Tradition der Kritischen Theorie neigt man bekanntermaßen dazu, die Konstruktion symbolischer Ordnungen grundsätzlich als ideologischen Überbau, als Mechanismus der Reproduktion von Machtverhältnissen entlarven zu wollen.13 Tatsächlich bedient wohl jede Form der Herrschaft sich diverser symbolischer Mittel, um den erhobenen Herrschaftsanspruch zu legitimieren und zu festigen, sich kulturell tiefer zu verankern und ihren Charakter damit in gewisser Weise zu verschleiern. Die hieraus resultierende Skepsis gegenüber allem Symbolischen lässt sich als gar umfassende kulturelle Strömung verstehen, die eine allgemeine »Abwendung vom Ritual« mit sich bringt.14 Zugleich beinhalten Gesten, symbolische Akte und ein Gespür für Symbolik jedoch immer auch heilende, solidarische, konstruktive Potentiale. Sie haben ebenso immense positive Wirkungen. Der Versuch, diese praktisch umzusetzen, kann allerdings schnell als Esoterik abgetan werden und gilt dann als unseriös. Daher soll die Analyse symbolischer Strukturen hier vorzugsweise neutral erfolgen und dabei nach Möglichkeit sowohl die kritische als auch die »positive« Perspektive mitgeführt werden. Mögliche Auslegungen sollen also offengelegt, aber ein Stück weit auch bewusst offen gelassen werden.

3 Vgl. Thomas Kuhn: Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen, Frankfurt a. M. 1976.

4 Vgl. als Klassiker einer entsprechenden Auffassung von Symbolen als Instrumenten einer »Formelsprache des reinen Denkens« Gottlob Frege: Begriffsschrift. Eine der arithmetischen nachgebildete Formelsprache des reinen Denkens, Halle 1879.

5 Vgl. für das zugehörige Genre die klassischen Romane Robert Shea/Robert Anton Wilson: Illuminatus 1. Das Auge in der Pyramide, Basel 1977, sowie Dan Brown: Sakrileg, Köln 2004.

6 Die wohl berühmteste Studie zu sozialen Funktion wechselseitiger Geschenke ist Marcel Mauss: Die Gabe. Form und Funktion des Austauschs in archaischen Gesellschaften, Frankfurt a. M. 1990. Das Thema Geschenke wurde in der Soziologie als erstes in Herbert Spencers grundlegendem Werk »Principles of Sociology« im Rahmen eines umfassenden Teils über die Funktion von Zeremonien in einem Kapitel mit dem schlichten Titel »Presents« behandelt. Vgl. Herbert Spencer: Ceremonial Institutions. Being Part IV of The Principles of Sociology, New York 1880, S. 81-104. Spencer zufolge, der das Thema von einem allgemeineren Standpunkt als Mauss betrachtet, können durch Geschenke unter anderem auch soziale Hierarchien und Abhängigkeiten symbolisch bestätigt werden, wobei Geschenke grundsätzlich sowohl vom Herrschenden an den Beherrschten als auch umgekehrt überreicht werden können.

7 Vgl. Margaret Mead: A Case History in Cross-National Communications, in: dies.: Studying Contemporary Western Society, New York 2004, S. 144-161.

8 Vgl. auch Roger Axtell: Gestures. The Do's and Taboos of Body Language Around the World. New York 1998.

9 Einem Ausspruch Wittgensteins zufolge kann dies bekanntlich das »Ziel in der Philosophie« sein: »Der Fliege den Ausweg aus dem Fliegenglas zeigen.« Diese Formulierung firmiert in den »Philosophische Untersuchungen« sogar als eigenständiger Gedankensplitter (§ 309). Ludwig Wittgenstein: Werkausgabe, Bd. 1, Frankfurt a. M. 1984, S. 378.

10 Eugen Drewermann interpretiert das Spiel des freiwilligen Weggebens und Zurückerhaltens als simulierten Ablösungsprozess, der sich unter anderem auch im Ballspiel eines Mädchens zeigt. Vgl. Eugen Drewermann: Der Froschkönig. Grimms Märchen tiefenpsychologisch gedeutet, Olten 2003.

11 Vgl. unter Berufung auf Freud Talcott Parsons: Gesellschaften. Evolutionäre und komparative Perspektiven, Frankfurt a. M. 1975, S. 56.

12 Stichweh vertritt die Auffassung, »daß Popularisierung ein elementarer Vorgang ist, der der wissenschaftlichen Kommunikation selbst inhärent ist«. Vgl. Rudolf Stichweh: Inklusion und Exklusion. Studien zur Gesellschaftstheorie, Bielefeld 2005, S. 99 ff.

13 Die für Vertreter einer »kritischen« Soziologie typische Symbolaversion kann auch als Relikt der 68er Bewegung verstanden werden. So Edgar Bierende/Sven Bretfeld/Klaus Oschema: Einleitung, in: dies. (Hg.): Riten, Gesten, Zeremonien. Gesellschaftliche Symbolik im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit, Berlin 2008, S. IX-XXXVIII.

14 So Mary Douglas: Ritual, Tabu und Körpersymbolik. Sozialanthropologische Studien in Industriegesellschaft und Stammeskultur. Frankfurt a. M. 1986, S. 11. Douglas bezeichnet diese, von ihr als dominante Strömung der Gegenwartskultur wahrgenommene Einstellung auch als »Antiritualismus«, um demgegenüber festzuhalten: »Eines der ernstesten Probleme unserer Zeit ist das Schwinden des Verbundenseins durch gemeinsame Symbole.« (S. 11)

2Von der Wiege an.

Grundhaltungen

Beißringe, Kuscheltiere, Gute-Nacht-Küsschen – Wo fängt das Symbolische an? Ab welchem Alter und seit welchem kulturhistorischen Zeitpunkt ist der Mensch in der Lage, Symbole zu verstehen? Muss den Beteiligten die Bedeutung der Symbolik immer vollends bewusst sein, und wenn nicht: An welche (geistigen) Voraussetzungen ist die Verwendung von Symboliken gebunden?

Fasst man – wie dies häufig geschieht – den Gebrauch von Symbolen als eine Form der zwischenmenschlichen Verständigung auf, dann möchte man meinen, dass dazu gewisse sprachliche Fähigkeiten erforderlich wären oder dass der Bezug auf Symbole zumindest als eine Vorform des Sprechens (oder ein Ersatz dafür) zu begreifen sei. In diesem Falle wäre anzunehmen, dass sich der Sinn für Symbole parallel zum Spracherwerb entwickelt. Symbole sind demnach schlicht Teil des Spektrums menschlicher Kommunikation.

Wenngleich diese Auffassung nicht wirklich falsch ist, so droht sie doch gerade die interessantesten Aspekte auszublenden. Sich ihrer Grenzen klar zu werden bildet die Grundlage, aus der heraus alle wesentlichen Einsichten zum Thema Symbole erwachsen. Es bietet sich daher an, mit der Betrachtung einfachster Formen des Sprachgebrauchs bei Kleinkindern anzufangen, um der Bedeutung symbolischer Strukturen behutsam auf die Spur zu kommen.

Gewöhnlich heißt es, dass Babys nach etwa einem halben Jahr beginnen, sprachliche Bedeutungen zu verstehen. Der aktive Gebrauch von Worten als Bezeichnungen für Dinge setzt dann im Alter von ein bis zwei Jahren ein. Zur Unterstützung dieser Entwicklung – oder jedenfalls zur Beschäftigung der kleinen Quälgeister – dienen erste Bilderbücher, in denen einfache Objekte, zumeist Fahrzeuge, Spielzeug und Tiere abgebildet sind. Bei Bilderbüchern dieser Art wird noch keine Geschichte erzählt – jedes Bild entspricht einem Wort. Es ist, als bestände die Welt schlicht aus einer Menge von Gegenständen und jedes davon hätte einen Namen, sodass die Sprache nichts als eine verbale Verdoppelung der Welt beinhaltete.13

Die sprachliche Welt wäre dann ein – mehr oder weniger unvollkommenes – geistiges Abbild der materiellen Welt. Jede Idee entspräche einem Ding und umgekehrt. Und wie jeder hinreichend bedeutsame Gegenstand seine eigene sprachliche Bezeichnung hat, so können bekanntlich für bestimmte reale Gegebenheiten anstelle von Begriffen gegebenenfalls auch Symbole stehen, so etwa auf den Tasten einer Armatur. Beim Bilderbuch hingegen tritt das Bildsymbol gar an die Stelle der wirklichen Objekte (Feuerwehrauto, Frosch, Maulwurf), die oft schlecht verfügbar oder weniger pflegeleicht sind, sodass beim gemeinsame Anschauen gewissermaßen eine logische Zuordnung von Realobjekt, Bildsymbol und Wort vor Augen geführt wird.

Nun ist diese in der Kleinkindbildung übliche Verfahrensweise schon allein deshalb fragwürdig, weil Sprache eben nicht auf so simple Weise funktioniert, nicht einmal im abendländischen Kulturkreis mit seiner auf der Unterscheidung von Subjekt, Prädikat und Objekt basierenden Grammatik. Wir verständigen uns ja gewöhnlich nicht, wie dies im Übrigen viele Vertreter der sogenannten Analytischen Philosophie zu glauben scheinen, anhand von Sätzen wie »Dieser Ball ist rot.«, sondern gebrauchen Formulierungen wie »Hammer, Alter!«, »Sehr geehrte Damen und Herren«, »Fein, mein Kleiner!« oder »Na, na, na!«, denen nicht ohne weiteres einer der Wahrheitswerte »wahr« oder »falsch« zugewiesen werden kann.

Dass die Wirklichkeit durch Sprache nicht nur abgebildet sondern auch konstruiert wird, da diese stets – wie man sagt – durch die kulturelle Brille der Begriffe wahrgenommen wird, und dass jede Kommunikation neben sachlichen auch soziale Botschaften vermittelt, ist von zahlreichen namhaften Autoren in verschiedenen Theoriesprachen festgehalten worden, so etwa durch die Schule von Paolo Alto (Watzlawick, Bateson), die Sprechakttheorie (Austin, Searle) oder die Systemtheorie (Luhmann), um hier nur einige der wichtigsten Ansätze zu nennen. »Anschauungen ohne Begriffe sind blind« reimte bekanntlich bereits Kant in seiner Kritik der reinen Vernunft. Es ist hier nicht der Ort, die unterschiedlichen Versionen und akademischen Debatten im Einzelnen durchzugehen, zumal man Erkenntnisse dieser Art besser auf die eigene Erfahrung stützt. Die großen Entwicklungspsychologen des 20. Jahrhunderts haben nicht von ungefähr viele ihrer Einsichten aus der Beobachtung ihrer eigenen Kinder gewonnen. Entscheidend war der Blick auf das Allgegenwärtige, nicht der privilegierte Zugang zu künstlich erzeugten Daten. Wo sonst bekäme man die Gelegenheit, die Entwicklung des Denkens, Sprachvermögens und Sozialverhaltens in vergleichbarer Intensität studieren zu können?

Die Tochter des Autors dieser Zeilen gehörte jedenfalls nicht zu jenen, die als erstes Wort »Auto« sagen (womit das Kind womöglich die Idee einer gemeinsamen Unternehmung und des unterwegs-Seins verbinden mag). Ihre ersten Verknüpfungen von Sprachäußerung und Verhalten betrafen die von einem »Bim-Baum« begleitete Pendelbewegung einer vom Großvater vor ihren Augen hin- und hergeschwenkten Uhr, die Intervention mit »Nein« beim provokativen Krabbeln in Richtung einer für sie verbotenen Zone um den Kachelofen herum und das mit einem »Da!« verbundene Zeigen auf eine Gruppe frisch geschlüpfter Schmetterlinge in einem Busch. Keiner der drei Fälle betrifft die explizite Bezeichnung von Gegenständen.

Im ersten handelt es sich um die Miniatur eines rituell wiederholten Bewegungsablaufs: Das langsame und kontrollierte Pendeln war für das Kleinkind zugleich gemeinsames Erlebnis, Vorführung und physikalische Studie; es war ebenso faszinierend wie vorhersehbar und bildete daher einen optimalen Anreiz zur »Verlautbarung« des Vorgangs. Der zweite Fall verdeutlicht die Eigenschaft von Kommunikation, Zustimmung oder Ablehnung zu signalisieren – etwa mittels der Unterscheidung zwischen Ja und Nein.14 Die der körperlichen Intervention vorausgehende verbale Reaktion ruft auf Seiten des Kindes eine dem Kitzeln vergleichbare Wonne hervor: Es muss geradezu immer wieder aufs Neue die verbotene Tat andeuten, um in genüsslicher Erwartung zuerst das mündliche Verbot zu vernehmen und dann die unter Protest erlittene Ingewahrsamnahme zu erzwingen. Die dritte Situation endlich verdeutlicht die Bedeutsamkeit kontextbezogener Verweise auf das Hier und Jetzt15, durch die die Aufmerksamkeit der Anwesenden auf ein bestimmtes Phänomen oder ein gemeinsames Thema gelenkt wird, ohne dass der jeweilige Gegenstand damit bereits explizit auf einen Begriff gebracht werden müsste.16

Alle drei Beispiele stellen situationsgebundene Lernerfahrungen dar, die – wie nicht schwer zu sehen ist – später als Modell für ähnliche Situationen dienen werden, in denen das Gelernte in abgewandelter Form wiedererkannt wird. Jede Schaukelbewegung erinnert fortan an das großväterliche Pendeln, jedes Verbot an jene Urszene am Kachelofen, jede zeigenswerte Auffälligkeit an das gemeinsam beobachtete Ereignis im Busch. Auf diese Weise kann das Kind nach und nach Strukturen in seiner Umwelt identifizieren, indem es sie vorläufig jenen in seinem Gedächtnis bereits vorhandenen zuordnet, welche im Bewusstsein jeweils die ursprüngliche Situation repräsentieren. Dies mag dann ein Ausgangspunkt für weitere (auch sprachliche) Differenzierungen sein.

Die verbale Untermalung solcher psychischen Entwicklungssprünge spielt offenbar eine wesentliche Rolle, und dies nicht nur insofern, als es sich in den geschilderten Situationen um Interaktionen handelt. Tatsächlich lässt sich die symbolische Rekapitulation des Beobachteten oder Vorgestellten als die entscheidende Komponente für die Entwicklung des logischen Denkens begreifen. Diese geht einher mit dem stellvertretenden Gebrauch von Wörtern, Objekten und Bewegungen, anhand derer das Kind sich die Rollen, Problemlagen oder Konstellationen seiner sozialen Umwelt spielend zu eigen macht. Dazu werden Geschehnisse aller Art kommentiert und nacherzählt, Situationen nachgestellt und Abläufe simuliert. Puppen stehen für Personen, Kisten für Fahrzeuge. Ein oft zitiertes Beispiel hierfür bietet jenes von Piaget beschriebene Kleinkind, dass bei der Betrachtung einer Streichholzschachtel mehrmals den Mund öffnet und schließt, bevor es schließlich den Mechanismus der Schachtel begreift und diese zu öffnen lernt. Piaget bezeichnet die stellvertretende Verwendung von Gegenständen, Körperteilen usw. zur Modellierung der wahrgenommenen Umwelt allgemein als »Symbolspiel«.17 Ein Großteil des kreativen Verhaltens von Kindern besteht aus unterschiedlichen Varianten derartiger Symbolspiele. Insbesondere die sprachliche Modellierung der gewonnenen Erfahrungen wirkt sich entscheidend auf die Erschließung der Welt aus. Es geht bei dieser basalen Form des Sprachgebrauchs insofern weder vorrangig um Informationsaustausch, noch um eine argumentative Verständigung über unterschiedliche Ansichten, sondern schlicht um die allmähliche Aneignung einer sozialen Lebenswelt, die nur qua Kommunikation zu einer gemeinsamen, kollektiv geteilten Welt werden kann.

Die Vernachlässigung solcher grundlegenden Funktionen der menschlichen Sprache wie die rituelle Markierung routinisierter Handlungsabläufe (Lernsituation 1), die Signalisierung von Zustimmung bzw. Ablehnung (Lernsituation 2) oder die Verortung in einem bestimmten Kontext (Lernsituation 3) durch das besagte Bilderbuchparadigma wäre indes unerheblich – da dem Kind schließlich andere Lernmöglichkeiten offenstehen –, käme nicht noch der schwerwiegendere Vorbehalt hinzu, dass durch den Gebrauch der betreffenden Bücher die diesen zugrunde liegende vergegenständlichende Weltanschauung selbst vermittelt werden könne. Die Bilderbücher suggerieren dem Kind eine Welt, die aus einer Ansammlung von lauter Dingen besteht. Sie befördern mithin eine materialistische Weltsicht. Mehr noch! Durch die mehr oder weniger schematische Darstellung der abgebildeten Objekte werden hinterrücks Klischees, Stereotypen, Idealbilder – wie immer man es heißen mag – transportiert, mit deren Hilfe ein bestimmter Blick auf die Welt eingeübt wird, die sich auf die Alltagswahrnehmung letztlich wie ein Filter auswirken (ein Thema, auf das wir im siebten Kapitel zurückkommen).