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Wie Sie mit sanfter Hilfe aus der Natur Ihre Therapie unterstützen
Eine Krebserkrankung ist ein einschneidendes Erlebnis verbunden mit Angst und tausend Fragen: Was passiert jetzt in meinem Körper, welche Behandlung hilft mir am besten, was kann ich gegen Nebenwirkungen tun? Eine gute Nachricht ist, dass Sie Ihrer Krankheit nicht hilflos ausgeliefert sind. Sicher haben Sie schon oft von Naturheilverfahren wie z. B. der Misteltherapie gehört – doch was kann die Schulmedizin wirklich sinnvoll ergänzen und was ist einfach nur Unsinn?
Dr. Matthias Frank, Allgemeinmediziner und Experte für Naturheilverfahren, kennt die Antworten und erklärt, welche alternativen Behandlungsmethoden nachweislich wirksam sind. Er eröffnet Ihnen die vielen Möglichkeiten der Naturmedizin und weist Ihnen den Weg zu einer für Sie passenden ganzheitlichen Krebstherapie.
So können Sie Ihren Körper und Ihre Psyche stärken, Nebenwirkungen lindern und Ihre Genesung aktiv unterstützen.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 293
Veröffentlichungsjahr: 2020
Dr. Matthias Frank
1. Auflage 2020
6 Abbildungen
Für Martina
Dies ist der größte Fehler bei der Behandlung von Krankheiten, dass es Ärzte für den Körper und Ärzte für die Seele gibt, wo doch beides nicht voneinander getrennt werden kann.
Platon, griechischer Philosoph (427–347 v. Chr.)
Krebs – die Diagnose ist gefürchtet. Eine unheimliche, gefährliche Krankheit, die ihr Werk im Inneren des Körpers verrichtet, anfangs unsichtbar, schon in vollem Gange, wenn sie erkannt wird. Eine Krankheit, die belastende Therapien mit oft heftigen Nebenwirkungen nötig macht.
Die gute Nachricht ist: Krebs ist heute besser zu behandeln als noch vor einigen Jahren. Mehr als die Hälfte der an Krebs erkrankten Menschen wird heute durch unsere moderne Schulmedizin geheilt. Da die Menschen jedoch immer älter werden, steigt auch die Zahl der jährlichen Neuerkrankungen an.
Gegen diese Entwicklung kann jeder Einzelne etwas tun: eine ausgewogene, gesunde Ernährung, viel Bewegung, Nichtrauchen, Vermeiden von Übergewicht und ein bewusster Umgang mit Stress und – ärztliche Früherkennungsuntersuchungen wahrnehmen. Dadurch lässt sich das Risiko, an Krebs zu erkranken, deutlich senken. Eine gesunde Lebensweise hilft aber auch, die belastenden Nebenwirkungen einer Krebsbehandlung zu vermindern, den bösartigen Krebszellen entgegenzuwirken und die Krebstherapie zu unterstützen.
Als Facharzt für Allgemeinmedizin und Naturheilkunde erlebe ich in meiner eigenen Arztpraxis nahezu tagtäglich verzweifelte an Krebs erkrankte Patienten, die nach jedem Strohhalm greifen möchten. Besonders in dieser Situation ist es für die betroffenen Menschen außerordentlich wichtig, kompetente und qualifizierte Informationen zu ihrer Erkrankung und zu den Therapiemöglichkeiten zu erhalten – den schulmedizinischen und den naturheilkundlichen.
Chemotherapie, Bestrahlung und Operationen sind in der modernen Medizin nicht mehr die einzigen Möglichkeiten. Ganz im Gegenteil: Die klassische Schulmedizin hat kompetente Unterstützung durch die Naturmedizin: Misteltherapie und Akupunktur, Yoga und Kneipp-Anwendungen, Vitamine und Anthroposophische Medizin, Ayurveda und Heilpflanzen können genutzt werden, um den Genesungsprozess bei einer Krebserkrankung zu unterstützen.
Dieses Buch will Ihnen einen Überblick über das Therapieangebot verschaffen. Dabei musste jedoch eine Auswahl getroffen werden, denn das Angebot an naturheilkundlichen Therapien ist beinahe unübersehbar groß; darum werden auf den folgenden Seiten nicht sämtliche naturheilkundlichen Wirkstoffe und Therapiearten aufgeführt. Dieses Buch beinhaltet nur ausgewählte und erprobte Behandlungsmethoden, die sich bei der Therapie von Krebserkrankungen in der täglichen Praxis bewährt haben und sich auf eine wissenschaftliche Grundlage stützen.
Krebs ist eine Erkrankung, die Körper und Seele gleichermaßen berührt und zweifelsohne eine ganzheitliche Betrachtung erfordert. Naturheilkundliche Methoden liefern diese »ganzheitliche Medizin« und lindern nicht nur die belastenden Nebenwirkungen von Chemo- und Strahlentherapie, sondern fördern und unterstützen den Heilungsprozess.
Ich hoffe, dass die Lektüre Ihnen hilfreiche Informationen liefert und ein wertvoller Begleiter auf Ihrem schwierigen Weg mit einer lebensgefährlichen Erkrankung ist. Meine besten Wünsche begleiten Sie!
Karlsruhe, im Februar 2020
Matthias Frank
Titelei
Widmung
Vorwort
Teil I Krebs – eine unheimliche Erkrankung
1
1.1 Krebs: Schwerstarbeit für Körper und Seele
1.2 Mit Naturheilkunde die Selbstheilungskräfte aktivieren
1.3 Die Heilung unterstützen durch Handeln
Teil II Magier, Heiler und Gelehrte – von den Anfängen der Medizin
2
2.1 Die Geburt der europäischen Medizin
2.2 Der Weg zur modernen Medizin
2.2.1 Die Entdeckung von Strahlenbehandlung und Chemotherapie
2.3 Die Entwicklung der Naturheilkunde
2.3.1 Das Zusammenspiel europäischer und asiatischer Naturheilkunde
Teil III Wie Krebs entsteht
3
3.1 Die häufigsten Krebsarten
3.1.1 Gebärmutterhalskrebs
3.1.2 Brustkrebs
3.1.3 Prostatakrebs
3.1.4 Das maligne Melanom: der schwarze Hautkrebs
3.1.5 Dickdarmkrebs
3.2 Die Ursachen von Krebs – alles nur Zufall?
3.2.1 Proteine, die elementaren Bausteine allen Lebens
3.2.2 Der Bauplan eines Lebewesens
3.3 Ein Fehler im System
3.3.1 Krebs: unkontrollierte Zellteilung
3.3.2 Krebs ist eine Erkrankung des Alters
Teil IV Diagnose Krebs und Therapiemöglichkeiten
4
4.1 Psychischer Halt
4.2 Die moderne Krebstherapie
4.2.1 Chirurgie, Chemotherapie und Bestrahlung
4.2.2 Antihormonelle Therapie, Immuntherapie und die möglichen Folgen
4.3 Krebs ist ein gefährlicher Gegner
4.4 Das Zusammenwirken von Schulmedizin und Naturheilkunde
4.4.1 Wirkungen der Naturheilkunde in der Integrativen Onkologie
4.4.2 Rehabilitation
Teil V Die ersten eigenen Schritte im Kampf gegen den Krebs
5
5.1 Ernährung als wichtiger Baustein für ein gesundes Leben
5.2 Übergewicht – ein unterschätztes Gesundheitsrisiko?
5.3 Ein kurzer Leitfaden: Lebensmittel, Nährstoffe und Vitamine
5.3.1 Die wichtigsten Bausteine in unserem Organismus
5.4 Richtige Ernährung ist Medizin
5.4.1 »Fünf am Tag«
5.4.2 Fisch – nicht Fleisch
5.4.3 Ballaststoffe – warum sie so wichtig sind
5.5 Magen, Darmflora und Immunsystem
5.6 Orthomolekulare Medizin und Vitalstoffe
5.6.1 Was bedeutet »orthomolekular«?
5.6.2 Das Dreigestirn: Vitamin C, Selen und Vitamin D
5.7 Die Ernährung bei Krebserkrankungen
5.8 Körperliche Aktivität und Sport
5.8.1 Bewegung bei Erkrankungen
5.9 Die letzten Rauchzeichen
5.9.1 Die Sucht hinter sich lassen – eine gesunde Entscheidung
5.10 Die Kunst, einen guten Arzt zu finden
Teil VI Moderne Naturheilkunde statt antike Säftelehre
6
6.1 Im Einklang mit der Natur
6.2 Die Naturheilkunde – ein wichtiges Element in der Krebsbehandlung
6.3 Medizin im Gesundheitsmarkt
6.3.1 Marktwirtschaftliche Regeln in der Medizin
6.4 Medizin – Naturheilkunde – Naturheilkundliche Medizin
6.5 Kneipp-Anwendungen
6.5.1 Wasseranwendungen
6.5.2 Bewegungstherapie
6.5.3 Ernährungstherapie
6.5.4 Ordnungstherapie
6.5.5 Die Kraft der Heilpflanzen
6.6 Homöopathie: kleine Dosis, große Wirkung
6.6.1 Das Ähnlichkeitsprinzip
6.6.2 Organon – das Werkzeug der Homöopathen
6.7 Das weite Spektrum der Homöopathie
6.7.1 Komplexmittel als Kompromiss
6.7.2 Die Homotoxikologie
6.7.3 Biochemie nach Schüßler
6.8 Wie wissenschaftlich ist die Homöopathie?
6.9 Homöopathie bei Krebserkrankungen
6.9.1 Die Kunst des Zuhörens
6.9.2 Beginn der homöopathischen Behandlung bei einer Krebserkrankung
6.9.3 Homöopathische Begleittherapie während Chemotherapie und Bestrahlung
6.9.4 Die Stabilisierungsphase nach Abschluss der schulmedizinischen Therapie
6.9.5 Der Heilimpuls der Homöopathie
6.10 Heilsame Wärme im Kampf gegen Krebszellen – die Hyperthermie
6.11 Anthroposophische Medizin und Misteltherapie in der Krebsbehandlung
6.11.1 Anthroposophie – der Blick aufs Ganze
6.11.2 Die Person hinter den Ideen
6.11.3 Anthroposophische Arzneimitteltherapie
6.11.4 Die Mistel in der Krebstherapie
6.11.5 Die Stärkung des Immunsystems und die Aktivierung der Selbstheilungskräfte
6.11.6 Die Durchführung der Misteltherapie
6.11.7 Ist die Anthroposophische Medizin mehr als nur Misteltherapie?
6.11.8 Die Bedeutung der Heilwirkung in der Anthroposophischen Medizin
6.11.9 Die vier Wesensglieder des Menschen und das Entstehen von Krankheit
6.12 Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) – die Medizin von Yin und Yang
6.12.1 Das Geheimnis chinesischer Denker
6.12.2 Das Qi und die Meridiane, Yin und Yang und die fünf Wandlungsphasen
6.12.3 Die Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) ist ganzheitlich
6.12.4 Warum die fünf Wandlungsphasen so wichtig sind
6.12.5 Die Ernährung in der chinesischen Medizin
6.12.6 Chinesische Heilkräuter
6.12.7 Akupunktur ist eine Kunst
6.12.8 Akupunktur bei Krebserkrankungen
6.12.9 Akupressur
6.12.10 Tuina-Massagen
6.13 Ein kurzer Blick nach Indien – Ayurveda
6.13.1 Die Doshas
6.14 Ein seltsames Paar – Onkologie und Naturheilkunde
6.14.1 Das Zusammenwirken von Schulmedizin und Naturheilkunde
6.14.2 Schulmedizin – die Datenreligion
6.14.3 Die Naturheilkunde – ein Ozean an Therapien
Teil VII Die innere Balance finden
7
7.1 Die Psychoonkologie
7.2 Entspannungsverfahren
7.2.1 Autogenes Training
7.2.2 Progressive Muskelentspannung nach Jacobson
7.2.3 Biofeedback
7.2.4 Achtsamkeit
7.2.5 Yoga
7.2.6 Meditation
7.2.7 Qigong und Tai-Chi
7.3 Arbeiten Sie an Ihrer inneren Balance
Teil VIII Ganzheitliche Krebstherapie
8
8.1 Die fünf Säulen der Gesundheit
8.2 Die ersten Schritte: eine wirksame Basis schaffen
8.2.1 Strategien zur Krankheits- und Stressbewältigung
8.2.2 Aktive Bewegungstherapie
8.2.3 Ernährung bei Krebserkrankungen
8.2.4 Gewichtsverlust und Mangelernährung
8.3 Pflanzenheilkunde
8.3.1 Johanniskraut
8.3.2 Indischer Weihrauch
8.3.3 Die Mistel
8.3.4 Cannabis – eine jahrtausendealte Heilpflanze
8.3.5 Baldrian, Hopfen, Passionsblume
8.3.6 Ringelblume
8.3.7 Granatapfel
8.3.8 Ingwer
8.3.9 Kurkuma – das »Gewürz des Lebens«
8.3.10 Ätherische Öle
8.3.11 Grüner Tee und Grapefruitsaft
8.4 Orthomolekulare Medizin (Nahrungsergänzung)
8.4.1 Vitamin C
8.5 Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) und Akupunktur
8.5.1 Das Qi stärken
8.6 Homöopathie
8.6.1 Okoubaka
8.6.2 Nux vomica
8.6.3 Rhus toxicodendron
8.6.4 Arnika
8.6.5 Traumeel
8.7 Nebenwirkungen naturheilkundlich behandeln
8.7.1 Magen-Darm-Beschwerden durch Chemotherapie und Bestrahlung
8.7.2 Übelkeit und Erbrechen
8.7.3 Lymphödem
8.7.4 Fatigue: chronische Müdigkeit und Konzentrationsstörungen
8.7.5 Schlaflosigkeit
8.7.6 Polyneuropathie: das Nervenleiden in den Beinen durch die Chemotherapie
8.7.7 Das Hand-Fuß-Syndrom
8.7.8 Hitzewallungen durch antihormonelle Therapie
8.7.9 Mundschleimhautentzündungen und Mundtrockenheit
8.7.10 Angst, Nervosität, Depressionen und Schlafstörungen
8.7.11 Rücken- und Nackenschmerzen sowie Gelenkbeschwerden lindern
8.7.12 Wasser- und Wärmetherapie
8.8 Die Naturheilkunde ergänzt die Schulmedizin
9 Service
9.1 Glossar
9.2 Adressen
Autorenvorstellung
Sachverzeichnis
Impressum
1
Krebs ist eine besonders heimtückische Erkrankung und bedeutet für alle davon Betroffenen und ihre Angehörigen ein mit Angst und Verzweiflung besetztes Martyrium, das von Hoffen und Bangen begleitet wird. Die betroffenen Menschen leben in einem Albtraum. Denn Krebs ist ein gefährlicher Gegner.
In den vergangenen 100 Jahren hat die Anzahl von Menschen, die an Krebs erkranken und an bösartigen Tumoren sterben, erheblich zugenommen. Im Gegensatz zu Infektionskrankheiten, die durch unterschiedliche Erreger ausgelöst werden – Viren oder Bakterien – und ihre Ursache damit außerhalb des Organismus haben, ist Krebs eine Erkrankung des eigenen Körpers, die durch das unkontrollierte Wachstum einer einzelnen Körperzelle entsteht. Einer Zelle, die ihre Selbstkontrolle verloren hat.
Krebs bedroht uns während des ganzen Lebens – von der Kindheit bis ins hohe Alter. Er entsteht, wenn das Erbgut im Kern einer einzelnen Zelle durch Spontanmutationen oder äußere Einflüsse wie radioaktive Strahlung, Gifte wie Tabakrauch, die ultravioletten Strahlen der Sonne, Schimmelpilze auf Lebensmitteln, Chemikalien oder Viren beschädigt wird. Es entsteht eine Krebszelle, die sich ungehemmt teilt und zu einem bösartigen Tumor heranwächst – wenn sie nicht gestoppt wird. Die bösartige Zelle wächst in umliegendes Gewebe ein, dringt in Blutbahnen und Lymphgefäße und gelangt mit dem Blut- und Lymphstrom in andere Körperorgane. Dort siedelt sich die Krebszelle an und vermehrt sich weiter – es entstehen Tochtergeschwülste (Metastasen).
Krebs entsteht zumeist nicht durch einen alleinigen Auslöser und lässt sich häufig auch nicht durch eine einzige Maßnahme heilen. Ausgangspunkt einer Krebserkrankung kann im Prinzip jede beliebige Zelle des Körpers sein. Wird beispielsweise der normale Reifeprozess der weißen Blutzellen im Knochenmark – dem Ort der Blutbildung – unterbrochen, vermehren sich die unreifen weißen Blutkörperchen (die Leukozyten) rasch und völlig ungehemmt. Bei der Leukämie – dem Blutkrebs – stellt das Knochenmark zu viele und zudem funktionslose weiße Blutkörperchen her. Blutkrebs ist die häufigste Krebserkrankung im Kindes- und Jugendalter.
Martina
1971
Für meine Mutter war ein Anruf bei der britischen Botschaft in Bad Godesberg ein letzter und verzweifelter Versuch, mit Harry Edwards (1893–1976) zu sprechen, einem Engländer, an den sich Menschen aus aller Welt in verzweifelten Situationen wandten und denen er Trost spendete, Mut machte und beratend zur Seite stand. Gespräche mit Mr. Edwards hatte sie schon mehrfach geführt. Jetzt allerdings, als sich der Gesundheitszustand meiner Schwester zunehmend verschlechterte, waren die englischen Telefonleitungen durch Streiks lahmgelegt.
Die Hilfsaktion begann damit, dass eine Sekretärin der britischen Botschaft in Bad Godesberg den Anruf meiner Mutter entgegennahm. Sie erfuhr, dass im Kinderkrankenhaus in Villingen ein todkrankes Mädchen behandelt wurde, dem nur eine letzte Chance gegeben sei. Die siebenjährige Martina sei an Leukämie erkrankt und jetzt – drei Jahre nach Ausbruch dieser heimtückischen und seinerzeit nahezu unheilbaren Krankheit – schien sie verloren zu sein. Vom Schicksal meiner Familie berührt, vermittelte sie – über die botschaftseigene Amtsleitung – das Telefongespräch nach England.
Einige Tage später meldete sich die Sekretärin telefonisch bei meiner Familie, um sich nach dem Befinden meiner Schwester zu erkundigen. Sie erfuhr, dass die einzige Hoffnung für das todkranke Kind eine sofortige Behandlung in einer Spezialklinik in Paris war. Entsprechend der damaligen Vereinbarung innerhalb der EWG-Länder würde der französische Staat die Kosten des Klinikaufenthaltes übernehmen. Meine Mutter hatte den Kontakt zur französischen Klinik selbst in die Wege geleitet und ihrem Wunsch nach stationärer Aufnahme wurde entsprochen. »Wir werden alles versuchen, das Kind am Leben zu erhalten – und es ist eine Chance. Kommen Sie!« Das war die Antwort des bekannten Krebsforschers Professor Matthé, der die Fachklinik in Paris leitete.
Als Transport war zunächst eine Fahrt mit dem Krankenwagen nach Zürich vorgesehen, von dort aus sollte es mit einem Linienflugzeug direkt nach Paris gehen. Dieser Flug war jedoch viel zu gefährlich, da meine Schwester eine ständige notfallmedizinische Versorgung benötigte. Die Zeit drängte, es musste eine bessere Lösung für den Transport gefunden werden. In der Botschaft in Bad Godesberg löste dieses Problem eine unglaubliche Reaktion aus: Die Sorgen um den lebensbedrohlichen Transport in Frankreichs Hauptstadt haben die britische und die französische Botschaft meinen Eltern abgenommen und alles Nötige in die Wege geleitet.
Gegen 23 Uhr waren die Vorbereitungen abgeschlossen und die zuständigen militärischen Stellen informiert. Am nächsten Tag wartete ein Krankenwagen mit eingeschaltetem Blaulicht auf die Landung eines Hubschraubers der französischen Streitkräfte. Kurz vor 10 Uhr setzte die Militärmaschine auf einer schneebedeckten Wiese gegenüber dem Fußballstadion auf. Nachdem die Rotorblätter sich verlangsamt hatten, wurde die Tür des Krankenwagens geöffnet und meine Schwester, meine Mutter und ein Arzt des hiesigen Krankenhauses wurden in den Hubschrauber gebracht, der unverzüglich mit Kurs auf Baden-Baden abhob. Dort übernahm ein militärisches Krankentransportflugzeug mit Direktkurs nach Paris.
2019
Meine Schwester hatte 1971 kaum eine Chance, ihre Erkrankung zu überleben – weder mithilfe der Schulmedizin noch mithilfe von Naturheilkunde. Die Kinderonkologie war weit von den heutigen Standards entfernt. Vieles hat sich seitdem getan und die Heilungschancen haben sich deutlich verbessert. Es sind Jahrzehnte vergangen und die Medizin hat sich enorm weiterentwickelt. Nirgends sind die Überlebenschancen von an Leukämie erkrankten Kindern so günstig wie in Deutschland. Die 5-Jahres-Überlebensraten liegen bei der akuten lymphatischen Leukämie (ALL) mittlerweile bei mehr als 90 Prozent, und bei der akuten myeloischen Leukämie (AML) sind sie auf mehr als 70 Prozent gestiegen.(1) Die Behandlung von Leukämien im Kindesalter gehört zu den Erfolgsgeschichten der modernen Medizin.
Anfang der 1970er-Jahre kamen die neuen Entwicklungen der Leukämiebehandlungen allmählich nach Europa, die kinderonkologische Therapie befand sich in den Kinderschuhen, machte aber Fortschritte. Dass meine siebenjährige Schwester von den neuen Therapieformen profitieren könnte, daran klammerte sich meine Familie in ihrer Verzweiflung – Zeit zu gewinnen war das Ziel, damit die Forschung den Wettlauf mit der Krankheit gewinnen könnte. Meine Schwester hat die Spezialklinik in Paris lebend erreicht, den Wettlauf jedoch verloren. Nach Ankunft im Krebsforschungszentrum in Paris verstarb Martina noch in derselben Nacht an ihrer schweren Erkrankung. Sie werden ihr in diesem Buch nochmals begegnen und ihr ist es gewidmet.
Man könnte meinen, dass seit der Zeit, als meine Schwester so schwer erkrankte, der erhoffte Durchbruch in der Krebstherapie ausgeblieben ist. Warum sterben jedes Jahr so viele Menschen an Krebs, wenn es inzwischen doch maßgeschneiderte Medikamente und neuartige Immuntherapien gibt?
Die Antwort liegt darin begründet, dass Krebs eine äußerst vielschichtige und ungeheuer komplexe Erkrankung ist. Krebs ist nicht gleich Krebs und bei jedem Menschen entwickelt sich der bösartige Tumor anders. Und dennoch: Die Aussicht auf Heilung ist so gut wie nie zuvor. Mehr als die Hälfte aller Krebspatienten wird heutzutage geheilt.
An einem bösartigen Tumor oder Blutkrebs erkrankt zu sein, bedeutet nicht nur, mit einer lebensgefährlichen Krankheit konfrontiert zu sein. Es bedeutet auch, sich einer häufig nebenwirkungsreichen und fordernden Behandlung zu unterziehen.
Die aktuelle Krebstherapie lässt sich grob in mehrere Untergruppen einteilen: Neben der Chirurgie, eine der wichtigsten Säulen in der Krebsbehandlung, sind die derzeit am häufigsten angewandten Therapieformen Chemotherapie und Strahlenbehandlung. Hinzu kommen weitere Behandlungsmöglichkeiten, die sich durch neuartige Wirkmechanismen auszeichnen, wie beispielsweise die Immuntherapie.
Welche Krebsbehandlung letztlich zum Einsatz kommt und ob der Krebs durch die Behandlung erfolgreich bekämpft wird, hängt in erster Linie von der Art der Krebserkrankung ab sowie von einigen anderen Fragen:
In welchem Stadium wurde die Erkrankung erkannt?
Hat der Krebs schon in andere Organe gestreut?
Wie schnell breitet er sich aus?
Wie werden die Therapien vertragen?
Bei vielen bösartigen Erkrankungen kombinieren die behandelnden Ärzte mehrere Krebstherapien miteinander, um die Wirksamkeit der Behandlung zu erhöhen. Entsprechend belastend sind die Therapien – sowohl psychisch als auch körperlich.
Die gängigen Krebstherapien jagen vielen Menschen Angst ein, denn die oft massiven Nebenwirkungen sind wohlbekannt. Der Wunsch nach sanfteren, natürlicheren Methoden ist verständlich – doch es ist wichtig, hier keine falsche Erwartungshaltung aufzubauen und keine Wunder zu erwarten.
Allein schon die Namen klingen exotisch: Kampo-Medizin, Prana-Heilen, alternative Heilmethoden, chinesische Heilpilze, Geistheilung und Spiritualität, Biologische Medizin und, und, und ... Immer wieder gibt es Gerüchte über Wunderheilungen, über neue Behandlungsmethoden und natürliche Therapien, die Hoffnungen wecken und die Menschen in ihren Bann ziehen. Immer mehr krebskranke Patienten sind bereit, diese als alternativ oder biologisch bezeichneten Behandlungsansätze kritiklos hinzunehmen und anzuwenden. Wiederkehrende Berichte in den unterschiedlichsten Medien und ungefilterte Informationen aus dem Internet suggerieren, dass an diesen Therapien »etwas dran sein muss«. Immer wieder wird kolportiert, dass das wahre und unfehlbar wirksame Mittel gegen Krebs längst gefunden sei, das Wissen darum aber durch eine Verschwörung von Ärzten und Pharmaunternehmen unterdrückt werde, weil diese um ihre Umsätze fürchteten. Wenn es das eigene Überleben betrifft, zögert mancher keine Minute und greift nach jedem Strohhalm – so dünn er auch ist. Im gleichen Atemzug wird die Schulmedizin abgelehnt, in die Defensive gedrängt und trotz ihrer Erfolge zunehmend kritisiert.
Es sind schon sonderbare Zeiten. Die moderne Medizin macht rasante Fortschritte, entwickelt ständig neue Behandlungsmethoden und die Chirurgie bewirkt wahre Wunder. Infolgedessen sind wir Menschen gesünder als je zuvor und wir überstehen schwere Krankheiten, an denen wir vor einigen Jahrzehnten noch unweigerlich gestorben wären, ohne Aussicht auf Heilung. Dank unserer Schulmedizin leben wir nicht nur länger, sondern auch gesünder und der Fortschritt der modernen Medizin gibt uns die Chance, bei einer Krebserkrankung geheilt zu werden. Gleichzeitig gibt es jedoch Menschen, die die Errungenschaften unserer modernen Medizin rundheraus ablehnen und zu obskuren und dubiosen Therapien greifen, die vollmundig Heilung versprechen.
Tatsache ist: Heilung können Sie bei Krebs nur von den Behandlungsmethoden der modernen Medizin erwarten. Diese können mit Naturheilverfahren wirkungsvoll ergänzt und begleitet werden. Was Sie als Krebspatient oder Krebspatientin bestimmt nicht brauchen, sind gut gemeinte Ratschläge von Laien oder geheimnisvolle Therapien von selbsternannten Wunderheilern. Sie benötigen einen kompetenten Arzt, der Ihnen zuhört und dem Sie vertrauen. Einen Arzt, der Sie an die Hand nimmt und weiß, dass ein vertrauensvolles Gespräch bereits Bestandteil der Heilung ist, und der die notwendigen Therapien einleitet und koordiniert – schulmedizinisch und naturheilkundlich. Schon der Schriftsteller Jean Paul wusste vor zwei Jahrhunderten zu berichten: »Ein guter Arzt rettet, wenn nicht immer vor der Krankheit, so doch vor einem schlechten Arzte.«
Die Naturheilverfahren entstammen größtenteils der Traditionellen Europäischen Medizin (TEM), deren Wurzeln in der Medizin der griechischen Antike zu finden sind. Dazu gehören Behandlungen mit natürlichen Reizen durch Wasser, Luft und Licht in Verbindung mit Wärme und Kälte, gesundheitsfördernde Bewegungsarten, eine sinnvolle Ernährung, der Einsatz von Heilpflanzen und nicht zuletzt heilsame Einflüsse auf die Seele des Menschen. Ziel ist es in erster Linie, die körperlichen und psychischen Selbstheilungskräfte zu aktivieren. Übersetzt in die Sprache der modernen Medizin lindert die sachgerechte Anwendung von Naturheilverfahren die Nebenwirkungen einer Strahlen- oder Chemotherapie, stärkt Körper und Psyche und motiviert den Patienten, seine Genesung zu unterstützen und selbst aktiv zu werden.
Selbst Einfluss auf den Heilungsprozess nehmen
Der amerikanische Facharzt für Strahlenheilkunde und Onkologie und ehemaliger Leiter des Simonton-Cancer-Centers in Malibu, Carl Simonton, war einer der Ersten seines Fachs, der wissenschaftlich untersuchte, inwieweit Krebspatienten selbst auf den Heilungsprozess ihrer Erkrankung Einfluss nehmen können. Das Ergebnis war eindeutig: Die Lebensqualität und die Überlebenschancen stiegen, wenn der Patient aktiv an seiner Genesung beteiligt war.
Naturheilverfahren tragen dazu bei, den »inneren Arzt«, wie es der Arzt und Gelehrte Paracelsus (1493–1541) formulierte – die Selbstheilungskräfte des Menschen – zu mobilisieren. Denken Sie nur an die ablaufenden Kaskaden zur Blutgerinnung und die natürlichen »Selbstheilungskräfte« zur Wundheilung, wenn man sich aus Unachtsamkeit oberflächlich in den Finger schneidet. Auch bei leichteren und schweren Erkrankungen, bei Verletzungen und Funktionsstörungen des Organismus funktioniert die Selbstheilung. Wenn sie auch nicht immer zur Gesundung ausreicht und wir schulmedizinische Therapien einsetzen müssen – die Selbstheilung ist dennoch vorhanden. Ohne Selbstheilungskräfte wäre selbst der Chirurg machtlos, denn eine noch so kleine Wunde würde trotz sorgfältiger Naht nicht heilen.
Viele naturheilkundliche Methoden, die bei einer Krebsbehandlung angewendet werden, richten sich aufgrund ihres ganzheitlichen Ansatzes nicht an ein bestimmtes Krankheitssymptom, sondern sind im Rahmen eines therapeutischen Gesamtkonzepts als ergänzende Behandlungsmaßnahmen zu verstehen. Die Förderung des Heilungsprozesses wird als Reiz-Reaktions-Therapie oder als Regulations-Therapie bezeichnet. Dieses Grundprinzip der Naturheilkunde bedeutet, es wird ein gezielter Reiz gesetzt – beispielsweise durch eine Akupunkturbehandlung. Die Nadelreize führen zu einer Reaktion des Organismus und aktivieren hierdurch die Selbstheilung. In der Krebsbehandlung besitzen naturheilkundliche Behandlungen ein erhebliches Potenzial.
Brustkrebs kann hier als Beispiel dienen: Einige Patientinnen brechen die Behandlung mit Aromatasehemmern wegen der Nebenwirkungen, vor allem Gelenkschmerzen, ab. Mit Akupunktur lassen sich die Schmerzen bessern und in der Folge gewinnen die Patientinnen wieder an Zuversicht.
Viele wissenschaftliche Studien zeigen uns, dass eine naturheilkundliche Behandlung und eine Änderung des Lebensstils kleine und große Wunder bewirken können. Nehmen wir Bewegung: Regelmäßiges Fitnesstraining und Sport verbessern die Lebensqualität und verlängern das Leben. Dies ist vielfach wissenschaftlich belegt. Sport und Bewegung vermögen auch die Nebenwirkungen einer Chemo- oder antihormonellen Therapie zu reduzieren und das Rückfallrisiko zu vermindern. Patienten mit Brust-, Darm- und Prostatakrebs, die regelmäßig sportlich aktiv sind, haben eine wesentlich bessere Prognose. Wissenschaftler vermuten, dass Sport aktivierend auf das Immunsystem wirkt.
Die Pathogenese stellt in der Medizin die Frage, was den Menschen krank macht und wie sich diese Ursachen vermeiden und beheben lassen. Aaron Antonovsky, ein amerikanischer Soziologe, dachte darüber nach, ob die Medizin die falschen Fragen stellt: »Sollten wir nicht eher fragen: Was macht uns gesund? Und welche Antworten würden wir dann wohl erhalten?« Heute bezeichnet die Salutogenese den Anteil der Medizin, der direkt der Pathogenese gegenübersteht. Die Antwort auf Aaron Antonovskys Frage lautet: Gesund wird, wer in schwierigen Situationen positive Kräfte mobilisieren kann – hierbei hilft die Naturheilkunde.
2
Die ersten Menschen, die Jäger und Sammler, lebten in rauen und gefährlichen Zeiten, in denen Verletzungen, Knochenbrüche und Erkrankungen an der Tagesordnung waren. Schon in der Frühgeschichte der Menschheit gab es Heiler und Schamanen, die Knochen und Gelenke behandelten, Gliedmaßen einrichteten und Krankheiten kurierten.(2)
Den Magiern und Heilern wurden Zauberkräfte zugeschrieben, mit denen sie in der Lage seien, krank machende Kräfte und böse Mächte aus einem Menschen herauszutreiben. Ihre Aufgabe war vor allem, zwischen der Welt der Geister und der irdischen Welt zu vermitteln.
Über Jahrtausende stand die Heilkunde bei den meisten Naturvölkern in inniger Beziehung zu religiösen Kulten. Solche Verbindungen zwischen Mythos und Medizin finden sich bis heute in der Heilkunde der letzten Naturvölker unserer Erde.
Die eigentliche Geschichte der Medizin beginnt mit der Erfindung der Schrift. Denn es sind vor allem schriftliche Überlieferungen, aus denen Medizinhistoriker den Großteil ihres Wissens beziehen. Bedeutend für die Medizingeschichte sind Aufzeichnungen der antiken Hochkulturen.
Ägypten, die beiderseits von Wüste umgebene längste Flussoase der Welt, galt schon den antiken Griechen und Römern als Wiege der Zivilisation. Aus dem alten Ägypten ist uns eine Unmenge an Schriftzeugnissen überliefert, die religiöse Texte ebenso umfassen wie literarische Werke, Gerichtsprotokolle oder Schriften, die sich mit dem menschlichen Körper oder der Heilung von Krankheiten beschäftigen. Quellen für unsere Kenntnis der ägyptischen Heilkunst sind neben bildlichen Darstellungen und Inschriften insbesondere auf Papyri überlieferte medizinische Texte. Darin sind zahlreiche Kräuterzubereitungen, medizinische Anwendungen und Heilmittel beschrieben.
Der etwa 1.600 Jahre v. Chr. entstandene und 20 Meter lange Papyrus Ebers gehört mit zu den ältesten medizinischen Schriften überhaupt. Heute besitzt ihn die Universitätsbibliothek in Leipzig. Der deutsche Ägyptologe Georg Ebers erwarb den Papyrus 1873 vermutlich von einem Grabräuber. Er verzeichnet mehr als 800 Heilmittelzubereitungen und nahezu 700 Arzneimittel. Die ägyptische Medizin schrieb vielen Pflanzen und Früchten heilende Eigenschaften zu und verwendete Myrrhe und Weihrauch oder Kräutermischungen für Salben, Umschläge und Kräuterbäder.(3)
Der Payprus Edwin Smith zählt ebenfalls zu den ältesten bekannten medizinischen Dokumenten und wird auf die Zeit um 1600 v. Chr. datiert. Der amerikanische Ägyptologe Edwin Smith kaufte ihn 1862 von einem Händler in Luxor. Wissenschaftler nehmen an, dass der Papyrus, der 1930 ins Englische übersetzt wurde, die Kopie einer noch älteren Textsammlung ist. Einige Fachleute vermuten gar, dass er das gesammelte Wissen von Imhotep enthält, einem ägyptischen Priesterarzt, der um 2625 v. Chr. lebte.
Aus der vorchristlichen Kultur sind zahlreiche Schilderungen bösartiger Erkrankungen überliefert. In den früheren Schriften Ägyptens, Indiens und Chinas gibt es erste Hinweise auf Erkrankungen, die mit »Geschwülsten« übersetzt wurden. Imhotep beschrieb ein Leiden, zu dem es keine Therapie gebe, und im 5. Jahrhundert v. Chr. hielt der Geschichtsschreiber Herodot das Schicksal der Perserkönigin Atossa fest, die durch diese schriftliche Quelle zur ersten namentlich bekannten Krebspatientin wurde – sie hatte Brustkrebs.
Weitere Schriftsysteme entstanden in China um das Jahr 1200 v. Chr. und in Mittelamerika um 1000 v. Chr. Von den Ursprüngen breiteten sich die Schriften in alle Himmelsrichtungen aus. Die Bibel, die Evangelien, hinduistische und buddhistische Aufzeichnungen waren zunächst mündliche Überlieferungen und hätten ohne die Erfindung von Schriftzeichen nicht überlebt.
Viele Jahrtausende suchten die Menschen nach einem Allheilmittel, das sie von allen Gebrechen und Leiden kurieren sollte. Heiler, Magier und Schamanen ersannen Beschwörungsformeln, kochten, brauten und mischten Kräuter und Extrakte, um das »Elixier«, die Wunderarznei, zu finden. Medizin und Religion überschnitten sich in vielen Punkten.
Die griechische Geschichte war von vielen Zwischenstufen geprägt, in denen sich Altes und Neues vermischten und Mythologie allmählich durch fortschrittliches Denken ersetzt wurde. Vor diesem Hintergrund entstand in der zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts v. Chr. die Medizinschule von Kos und in ihr die hippokratische Medizin. Sie ist benannt nach ihrem Begründer, Hippokrates von Kos (ca. 460–375/351 v. Chr.), dem berühmtesten Arzt der Antike. Viel wissen wir nicht über Hippokrates, Etliches ist Legende. Sein wissenschaftliches Werk umfasst als Corpus Hippokraticum etwa 60 Schriften, die offenkundig nicht alle von ihm selbst verfasst wurden, sondern eine Sammlung von Aufzeichnungen verschiedener Autoren sind.(4)
Um Krankheit zu erklären, arbeitete Hippokrates eine vielschichtige Lehre aus, die er auf die unterschiedlichsten Erkrankungen anwandte. Der menschliche Körper bestehe aus vier hauptsächlichen Flüssigkeiten, so seine Theorie, den sogenannten Säften (lat.: humores, daher Humoralpathologie): Blut, schwarze und gelbe Galle und Schleim. Im gesunden Körper befänden sich diese vier Säfte in einem ausgewogenen Zustand, der leicht zu stören sei. Krebs entstehe dort, wo das Gleichgewicht nicht mehr gegeben sei. In der griechischen Medizin wurden Krebskranke mit diätetischen Maßnahmen, Salben und Pflanzenheilmitteln behandelt, um die Säfte wieder ins Gleichgewicht zu bringen.
Die Theorien zur Entstehung von Krebs waren von den damals vorherrschenden humoralpathologischen Auffassungen geprägt. Der Arzt und Philosoph Claudius Galenus (129 n. Chr. bis etwa 200 n. Chr.), der von Griechenland nach Rom gekommen war und dort um das Jahr 160 n. Chr. praktizierte, verhalf der hippokratischen Viersäftelehre zu ihrer Blütezeit. Ein Hang zu Melancholie und schwarzer Galle sei für die Entstehung von Krebs verantwortlich, meinte Galenus. Er irrte.
Das antike Wissen gelangte über Alexandria bis nach Bagdad, wo eine Übersetzungsakademie für medizinische Texte gegründet wurde. Hier wurden die hippokratischen Schriften und die Aufzeichnungen Galens ins Arabische übersetzt und in Lehrbüchern und Enzyklopädien zusammengefasst. In Konstantinopel bewahrten die Ärzte dieses Erbe der antiken Medizin bis ins ausgehende Mittelalter.
Im Westen hingegen war der christliche Glaube für alle Lebensbereiche prägend und wurde von der Kirche überwacht und organisiert. Das Christentum setzte voraus, dass der Mensch in Erwartung des ewigen Heils Erkrankungen zu ertragen hatte. Krankheit und Schmerz wurden als Strafe für begangene Sünden angesehen, gegen die Christus Heilung brachte, sofern der Kranke Reue empfand und betete. Die Krankenpflege wurde vor allem von kräuterkundigen Frauen, später von Mönchen in den Klöstern wahrgenommen.
Das Lorscher Arzneibuch von 795 ist das erste schriftliche Zeugnis der Klostermedizin. In ihm werden orientalische Gewürze, wie beispielsweise Ingwer und Safran, genannt. Den Höhepunkt der Klostermedizin im 12. Jahrhundert personifiziert die Äbtissin Hildegard von Bingen (1098–1179), die mehrere natur- und heilkundliche Schriften verfasste, in denen sie einen großen Wissensschatz zusammentrug. Obwohl sie glaubte, dass allein Gott Heilung brächte, empfahl sie im Krankheitsfall die Einnahme von verschiedenen Heilkräutern.
»Moderne Medizin« des Mittelalters?
Nach wie vor gibt es von universitärer Seite ernsthafte Bemühungen, das medizinische Wissen des Mittelalters und der frühen Neuzeit für die heutige pharmakologische Forschung nutzbar zu machen. Ein Beispiel ist die Forschergruppe »Klostermedizin« an der Universität Würzburg, die sich seit Jahren darum bemüht, diese Schätze zu heben.
Die Humoralmedizin von Galenus war bis Mitte des 19. Jahrhunderts universitäre Lehrmeinung und rechtfertigte Therapien, die auf Diäten, pflanzliche Arzneien und ausleitende Verfahren zurückgriff. Krankheit wurde verstanden als fehlerhafte Zusammensetzung der Körpersäfte. Die Vorstellung der Einflussnahme durch Ausleitung krankheitsverursachender Säfte – durch Aderlass, Blutegel, Schröpfen, Brechmittel und Abführmittel – bestimmte das therapeutische Vorgehen. Diese Therapien waren oftmals eine Tortur für den Patienten: »Gestern von meiner Krankheit geheilt, starb ich letzte Nacht an meinem Arzt«, witzelte 1714 der englische Schriftsteller Matthew Prior.
Auch versuchten sich die Ärzte immer wieder an Operationen, doch deren Ergebnisse blieben eher ernüchternd und von wenig Erfolg gekrönt. Eine Operation überhaupt zu überleben, war eine Sache. Danach wieder gesund zu werden, die andere.(5)
Die Lage in den Städten und Dörfern können wir uns heute kaum noch vorstellen. Schmutz und Unrat beherrschten das Straßenbild und die hygienischen Missstände bildeten einen gefährlichen Nährboden für viele Krankheitskeime, der die Entstehung von Krankheiten und Seuchen und ihre schnelle Ausbreitung vorantrieb.
Auch der Aufenthalt in einem Krankenhaus war, nicht nur wegen mangelnder Hygiene und eines erheblichen Infektionsrisikos, eine schmutzige und gefährliche Angelegenheit. Die Chirurgen trugen fleckige und schmuddelige, nicht gewaschene Kittel und wuschen sich weder vor einer Operation noch zum späteren Verbandwechsel die Hände. Sie arbeiteten mit unsauberen Instrumenten und hatten keine Desinfektionsmittel zur Verfügung. Manche Patienten zogen daher die Verschleppung ihrer Leiden und das Risiko des baldigen Todes einem chirurgischen Eingriff vor.
Die Geburtsstunde der Hygiene
Der Geburtshelfer Ignatz Philipp Semmelweis (1818–1865) erkannte als Erster, dass das gefürchtete Kindbettfieber – eine Infektionskrankheit bei Wöchnerinnen – in erster Linie von den schmutzigen Händen der gynäkologischen Untersucher und Geburtshelfer verursacht wurde. Als Konsequenz schrieb er gründliches Händewaschen, Waschen des Bettzeugs sowie eine sorgfältige Reinigung der gynäkologischen Instrumente vor. Durch diese einfachen Maßnahmen konnten Tausende von Frauen und ihre Kinder vor dem Tod durch Infektionskrankheiten gerettet werden.
Schmutz und Infektionen waren an der Tagesordnung, jedoch nicht die einzigen Probleme der damaligen Medizin. Chirurgen, Wundärzte und Steinschneider mussten den Patienten bei ihren Eingriffen ein großes Maß an Schmerzen zumuten, weil die bekannten und gebräuchlichen Schmerzbekämpfungsarten völlig unzureichend waren. Der Operationsschmerz war unvermeidlich und nahezu unüberwindbar. Es sollte noch Jahrhunderte dauern, bis 1842 erstmals ein Narkosemittel am Menschen eingesetzt wurde.
Die Befreiung von der Autorität der antiken Ärzte und Autoren dauerte Jahrhunderte und betraf viele Aspekte der Medizin und der Naturphilosophie. Den größten Einfluss darauf, dass wir heute über Körper, Geist und Materie sprechen, hatte der Philosoph René Descartes (1596–1650). Ab Beginn der Neuzeit entwickelten sich zwei Medizinsysteme: das östliche, das sich weiterhin auf eine ganzheitliche Sicht von Gesundheit und Krankheit konzentrierte, und das westliche, in dem die Regeln der Naturwissenschaft zum Maß aller Dinge wurden. Diese Revolution setzte sich im 16. Jahrhundert durch, überwand das späte Mittelalter und mündete Anfang des 19. Jahrhunderts in die modernen Wissenschaften.
Sucht man ein Epochenjahr für den Beginn der naturwissenschaftlichen Medizin, so bietet sich hierfür das Jahr 1858 an, in dem der Pathologe Rudolf Virchow seine Cellularpathologie in Buchform veröffentlichte. Für ihn war die Körperzelle der Grundbaustein des Lebens, wobei jede Zelle ihren Ursprung in einer anderen hat. Somit war für ihn eine bösartige Geschwulst kein vom Körper unabhängiges Wesen, sondern vielmehr ein Teil dessen, entstanden aus einer einzelnen Körperzelle.
Der Entwicklung einer angemessenen Krebstherapie stand lange entgegen, dass man bis zur Erfindung der Mikroskopie und bis zur Zellularpathologie Rudolf Virchows über die Bedeutung von Zellen quasi nichts wusste. Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts definierte man Krebs als zelluläres Gebilde, das durch übermäßiges Wachstum in einem Gewebe entsteht. Hinsichtlich der Ursachen für eine Krebserkrankung wurden weiterhin die unterschiedlichsten Auffassungen vertreten.
1895 experimentierte der Physiker Wilhelm Röntgen (1845–1923) in seinem Würzburger Labor mit Strahlen und entdeckte dabei die heute nach ihm benannten elektromagnetischen Wellen. Heute kennt jeder den Einsatz von Röntgenstrahlen zur Durchleuchtung des Körpers und Erstellung von Bildern des Körperinneren, speziell des Skeletts. Der therapeutische Einsatz der Röntgenstrahlen blieb ursprünglich jedoch zunächst nur wenigen Krankheiten vorbehalten; erst allmählich begab sich eine Handvoll Ärzte und Wissenschaftler daran, eine Tiefentherapie für die Behandlung der inneren Organe zu entwickeln: Dies war der Beginn der Radioonkologie, der medizinischen Strahlentherapie.
Die Chemotherapie, ein Begriff, den Paul Ehrlich (1854–1915) prägte, hat ihren Ursprung in Deutschland. Ehrlich suchte nach Substanzen, welche die medikamentöse Behandlung von Krebserkrankungen ermöglichen sollte, und der Berliner Immunologe August von Wassermann (1866–1925) erzielte einige therapeutische Erfolge bei Tierversuchen. Neben Stahl und Strahl war das dritte Standbein der Krebstherapie gefunden – die Chemotherapie. Zum ersten Mal in der Geschichte der Medizin hatten Ärzte Medikamente zur Verfügung, um bösartige Zellen zu zerstören. Aus diesen ersten Schritten wurde über die Jahrzehnte eine Vielzahl weiterer zellteilungshemmender Medikamente entwickelt, die zur Krebsbehandlung weltweit im täglichen Einsatz sind.
Pflanzen können helfen, Krankheiten zu heilen. Dies wussten die Menschen schon vor vielen Tausend Jahren. In allen Kulturen hat sich eine ausgeprägte Tradition der Pflanzenheilkunde entwickelt. Viele naturheilkundliche Therapien entstammen der Erfahrungsheilkunde. Das bedeutet, dass Ärzte und Heiler – teils über viele Jahrhunderte – bestimmte Heilmethoden oder Heilkräuter einsetzten und anschließend den Verlauf der Erkrankung beobachteten.
Bei der Wahl der richtigen Kräutermedizin kam es auf die besonderen Eigenschaften der Pflanze ebenso an wie auf ihre erfahrungsgemäße Wirkung. Manche der Pflanzen wurden wegen ihrer Farbe und Form ausgewählt, andere wegen bestimmter symbolischer Zusammenhänge. Die Heiler nutzten die vielfältigen Effekte der Natur und sie sahen die schmerzstillende Heilkraft der Weidenrinde (heutzutage in Aspirin enthalten, einem wirksamen Schmerzmittel) ebenso wie die von Thymian (in vielen Hustensäften enthalten) oder von Kurkuma (verdauungsfördernde Wirkung). Getrocknete Kräuter verbrannte man zu Inhalationen und die ätherischen Öle der Ingwerwurzel halfen bei Erkältungen und Übelkeit. Auch Minzen wurden schon vor Jahrtausenden in Asien, Europa und im Norden Afrikas als Heil- und Aromapflanzen verwendet. Die Pfefferminze, die heute als Arznei verwendete Minze, wurde 1696 in einem englischen Garten gefunden. In der Heilkunde wurde die Minze bei Magen-Darm-Beschwerden, bei Erkältungskrankheiten und bei Kopfschmerzen eingesetzt.
Dieses Wissen wurde zwischen den verschiedenen Kulturen ausgetauscht, zusammengefasst, ergänzt und weiterentwickelt. Kräuter, Heilpflanzen und Mineralien sind nicht nur die ältesten Heilmittel, die wir kennen, sie haben sich über Jahrtausende in der Behandlung von kranken Menschen vielfach bewährt. Aus diesen gewachsenen Erfahrungen und durch neue Erkenntnisse hat sich unsere moderne Naturheilkunde
