Krebszellen mögen keine Himbeeren  - Aktualisierte Neuausgabe - Richard Béliveau - E-Book

Krebszellen mögen keine Himbeeren - Aktualisierte Neuausgabe E-Book

Richard Béliveau

4,9
12,99 €

Beschreibung

Der Bestseller – vollständig überarbeitet

Zehn Jahre nach der ersten deutschen Ausgabe erscheint nun die lang erwartete Aktualisierung des erfolgreichen Bestsellers zur Krebsprävention.

Dieses informative Buch zeigt, dass man durch den Verzehr bestimmter Nahrungsmittel das Krebsrisiko signifikant reduzieren kann. Es beschreibt anschaulich, welche die besten krebshemmenden Nahrungsmittel sind und wie sie wirken. Sowohl Menschen, die aktiv und wirkungsvoll vorbeugen wollen, wie auch an Krebs Erkrankte, die ihre Behandlung auf natürliche Weise unterstützen möchten, finden darin eine wertvolle Orientierung für ihre tägliche Ernährung. Mit vielen praktischen Tipps und zahlreichen farbigen Abbildungen.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Seitenzahl: 371




Über das Buch

Krebs wirkungsvoll vorbeugen – tagtäglich und mit Genuss

Durch eine Veränderung unserer Ernährung können wir unser Krebsrisiko deutlich verringern. Welche Lebensmittel eine besonders günstige Wirkung haben und warum, zeigen die Molekularmediziner Richard Béliveau und Denis Gingras in ihrem überaus erfolgreichen Buch.

Sie erfahren, welche Faktoren bei der Entstehung von Krebs eine Rolle spielen, welche Nahrungsmittel positiven Einfluss auf diese Faktoren haben, wie sie wirken und wie sie angewendet werden können. Ob Sie aktiv und wirkungsvoll vorbeugen wollen oder ob Sie an Krebs erkrankt sind und Ihre Behandlung auf natürliche Weise unterstützen möchten: Dieses Buch bietet wertvolle Orientierung für Ihre tägliche gesunde Ernährung.

Die vorliegende Ausgabe wurde vollständig überarbeitet. Sie finden darin neueste Forschungsergebnisse, zum Beispiel zu:

krebshemmenden sekundären Pflanzenstoffen der Rolle von Entzündungen bei Krebsder Wirkung von Fetten, Alkohol, Soja und Salz•Gesundheitsempfehlungen der WHO

Ein informatives und hilfreiches Buch mit vielen praktischen Tipps zur einfachen Umsetzung.

Prof. Dr. med. Richard Béliveau Dr. med. Denis Gingras

Krebszellen mögen keine Himbeeren

Nahrungsmittel gegen Krebs

Das Immunsystem stärken und gezielt vorbeugen

Aktualisierte Neuausgabe

Aus dem Französischen von Hanna van Laak

Kösel

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Vollständig überarbeitete und aktualisierte Neuausgabe

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel »Les aliments contre le cancer. La prévention du cancer par l’alimentation«

Nouvelle édition revue et augmentée.

Copyright © Les Èditions du Trécarré, 2016

Published by arrangement with Groupe Librex Inc., doing business under the name Èditions du Trécarré, Montréal, Qc, Canada

Copyright für die deutsche Ausgabe © 2017 Kösel-Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München

Umschlag: Weiss Werkstatt München, nach Vorlage der Originalausgabe

Umschlagmotive: © shutterstock / hlphoto | © shutterstock / Elovich | © shutterstock / deeepblue | © shutterstock / Sea Wave | © shutterstock / Kseniia Perminova | © shutterstock / Ewais | © shutterstock / Jiri Vaclavek | © shutterstock / katarinag | © shutterstock / Maksym Poriechkin | © shutterstock / Sergio Stakhnyk | © shutterstock / Alina Reviakina

Grafische Konzeption: Axel Pérez de Léon

Illustrationen: Michel Rouleau

Autorenfotos: Julien Faugère

Layout und Satz der deutschen Ausgabe: Nadine Clemens, München, nach Vorlage der Originalausgabe

ISBN 978-3-641-20588-1V003

Weitere Informationen zu diesem Buch und unserem gesamten lieferbaren Programm finden Sie unter www.koesel.de

Dieses Buch ist allen Menschen gewidmet, die an Krebs leiden.

Unser aufrichtiger Dank gehört den großzügigen Auftraggebern des Lehrstuhls für Krebsprävention und -behandlung, insbesondere Nautilus Plus, die uns durch ihre finanzielle Unterstützung die Fortsetzung unserer Forschungsarbeiten ermöglichen.

Inhalt

Vorworte

Teil 1 – Krebs: Ein schrecklicher Feind

Kapitel 1 – Die Geißel Krebs

Kapitel 2 – Was ist Krebs?

Kapitel 3 – Krebs: eine Frage der zellulären Umgebung

Kapitel 4 – Krebsprävention durch Ernährung

Kapitel 5 – Sekundäre Pflanzenstoffe: ein Anti-Krebs-Cocktail auf Ihrem Teller!

Teil 2 – Krebshemmende Nahrungsmittel

Kapitel 6 – Krebszellen verabscheuen Kohl

Kapitel 7 – Knoblauch und Zwiebeln, oder: Wie man den Krebs in die Flucht schlägt

Kapitel 8 – Soja: ein außergewöhnlicher Lieferant von krebshemmenden Phytoöstrogenen

Kapitel 9 – Gewürze: das Salz in der Suppe der Krebsprävention

Kapitel 10 – Grüner Tee: sanft zur Seele, hart zum Krebs

Kapitel 11 – Die Liebe zu den Beeren

Kapitel 12 – Omega-3-Fettsäuren: endlich gute Fette!

Kapitel 13 – Tomaten: ein rotes Tuch für den Krebs

Kapitel 14 – Zitrusfrüchte: Anti-Krebs-Moleküle in der Schale

Kapitel 15 – In vino veritas

Kapitel 16 – Biologische Vielfalt als Waffe gegen Krebs

Teil 3 – Krebsprävention im Alltag

Kapitel 17 – Auf den Speiseplan: Kampf dem Krebs

Schluss

Bibliographie

Bildnachweis

Die Autoren

Vorwort der Neuausgabe

Unsere Sicht auf den Krebs hat sich in den letzten Jahren erheblich verändert. Während man ihn lange für eine tödliche Krankheit hielt, die von einem Tag auf den anderen zuschlägt, weiß man heute, dass es sich eher um eine chronische Erkrankung handelt, die in den meisten Fällen mehrere Jahrzehnte braucht, bis sie ein klinisches Stadium erreicht. Wir alle haben unreife Tumoren in uns und damit ein hohes Risiko, an Krebs zu erkranken. Die Fortschritte in der Forschung haben jedoch klar gezeigt, dass man die Progression der unreifen Krebszellen durch positive Lebensgewohnheiten verlangsamen kann, die diese daran hindern, die erforderlichen Mutationen zu durchlaufen und ein reifes Stadium zu erreichen. Das Hauptziel der Krebsprävention besteht folglich weniger darin, die Entstehung von Krebszellen zu verhindern, als vielmehr darin, ihre Progression so weit zu verzögern, dass sie im Laufe der acht oder neun Jahrzehnte eines menschlichen Lebens nicht das Stadium eines reifen Krebs erreichen.

Viele Untersuchungen der vergangenen zehn Jahre haben bestätigt, dass die Ernährungsgewohnheiten der westlichen Welt eine herausragende Rolle bei der hohen Zahl an Neuerkrankungen spielen, von denen unsere Gesellschaften betroffen sind. Ausnahmslos alle Länder, die die in westlichen Ländern verbreitete Ernährungsweise übernehmen – viel Zucker, Fleisch und industriell verarbeitete Lebensmittel, aber wenig Gemüse –, sehen sich mit einer erschreckenden Zunahme von Fettleibigkeit, Diabetes und verschiedenen Krebsarten konfrontiert.

Diese Erkenntnisse sind so wichtig, dass sie eine vollständige Überarbeitung dieses Buches notwendig machen, um die neuesten Forschungsergebnisse darin aufzunehmen. Das Präventionspotenzial bei Krebs bleibt absolut bemerkenswert, denn zwei Drittel aller Krebserkrankungen können mit Hilfe einfacher Veränderungen unserer Lebensweise, einschließlich der Ernährungsgewohnheiten, vermieden werden.

Vorwort der ersten Ausgabe

Der Krebs trotzt weiterhin dem Fortschritt der modernen Medizin und bleibt auch nach vierzig Jahren intensiver Forschung eine rätselhafte Krankheit, der jedes Jahr Millionen von Menschen vorzeitig zum Opfer fallen. Zwar können manche Krebsarten heute erfolgreich behandelt werden, doch viele andere sind noch immer äußerst schwer zu bekämpfen und bilden eine der Haupttodesursachen in der erwerbstätigen Bevölkerung. Damit kommt der Entdeckung neuer Methoden zur Effektivitätssteigerung gängiger Krebstherapien mehr denn je eine entscheidende Bedeutung zu.

Ziel dieses Buches ist es, die aktuell verfügbaren wissenschaftlichen Erkenntnisse zusammenzufassen. Diese zeigen, dass wir gegen mehrere Arten von Krebs vorbeugen können, wenn wir unsere Ernährungsgewohnheiten umstellen und Nahrungsmittel miteinbeziehen, die den Tumor an der Wurzel bekämpfen und seine Entwicklung verhindern können. Die Natur hält eine Fülle von Lebensmitteln mit hocheffektiven Molekülen bereit, die die Krankheit wirkungsvoll bekämpfen können, ohne schädliche Nebenwirkungen hervorzurufen. Diese Nahrungsmittel besitzen in mehrfacher Hinsicht therapeutische Eigenschaften, die denen von synthetisch hergestellten Medikamenten entsprechen; wir schlagen daher vor, sie mit dem Begriff Nutrazeutikazu bezeichnen, um diese Eigenschaften zu veranschaulichen. Wir haben die Möglichkeit, dieses Arsenal an krebshemmenden Inhaltsstoffen, die auf natürliche Weise in verschiedenen Nahrungsmitteln enthalten sind, nutzbringend als wesentliche Ergänzung zu den derzeit verfügbaren Therapien einzusetzen. Wir sollten diese Möglichkeit nutzen, um die Wahrscheinlichkeit zu unseren Gunsten zu beeinflussen, denn wenn wir uns auf der Basis einer konstanten Zufuhr von Nutrazeutika ernähren, können wir das Auftreten vieler Krebsarten tatsächlich verhindern.

Teil 1

Krebs: Ein schrecklicher Feind

Kapitel 1 – Die Geißel Krebs

Kapitel 2 – Was ist Krebs?

Kapitel 3 – Krebs: eine Frage der zellulären Umgebung

Kapitel 4 – Krebsprävention durch Ernährung

Kapitel 5 – Sekundäre Pflanzenstoffe: ein Anti-Krebs-Cocktail auf Ihrem Teller!

Fast alle Unglücksschläge unseres Lebens rühren von den falschen Vorstellungen her,die wir uns über das machen, was uns zustößt.

Stendhal, Journal (1801–1805)

Kapitel 1

Die Geißel Krebs

Der Krebs in Zahlen

Manche Menschen haben eine Heidenangst vor dem Fliegen; andere leben in panischer Angst vor Haifischen oder Blitzschlägen: Die Furcht vor den unheilvollen Folgen von Ereignissen, die sich unserer Kontrolle entziehen, scheint eine typisch menschliche Eigenheit zu sein. Dabei sind die realen Risiken, eines Tages Opfer einer solchen Ausnahmekatastrophe zu werden, relativ gering im Vergleich zu denen, die unmittelbar mit dem Alltagsleben verbunden sind (Abbildung 1). So haben beispielsweise Übergewichtige ein beinahe um eine Million höheres Risiko, vorzeitig an ihrer Fettleibigkeit zu sterben, als durch einen Flugzeugabsturz; und jeder von uns hat eine fünfzigtausend Mal höhere Chance, an Krebs zu erkranken, als vom Blitz getroffen zu werden; diese Chance erhöht sich noch deutlich, wenn ein Risikofaktor wie das Rauchen hinzukommt.

Unter all den realistischen Gefahren, denen wir ausgesetzt sind, stellt Krebs unzweifelhaft eine Bedrohung dar: Die Krankheit trifft bis zum Alter von 75 Jahren zwei von fünf Personen, und ein Viertel erliegt schließlich den Folgen einer Krebserkrankung. Jedes Jahr erkranken zehn Millionen Menschen auf der Welt an Krebs, und sieben Millionen Todesfälle gehen auf das Konto dieser Krankheit – das entspricht zwölf Prozent der weltweit registrierten Sterbefälle. Und es sind keine Anzeichen einer Besserung zu erkennen, denn die gegenwärtigen Schätzungen gehen davon aus, dass aufgrund der immer älter werdenden Bevölkerung zukünftig fünfzehn Millionen neue Krebserkrankungen pro Jahr diagnostiziert werden. Um das Ausmaß der Tragödie zu begreifen, müssen Sie sich vorstellen, dass Sie täglich in den Nachrichten vom Absturz von vier voll besetzten Boeing 747 oder dreimal pro Woche vom Einsturz der Zwillingstürme des World Trade Center hören. Hinzu kommen die immensen Behandlungskosten von Krebskranken, die jährlich schätzungsweise 180 Milliarden betragen und in den nächsten Jahren unaufhörlich steigen werden. All das verdeutlicht die Dimension der durch Krebs verursachten Probleme im Gesundheitswesen und die Notwendigkeit, neue Methoden zu finden, um die negativen Auswirkungen dieser Krankheit auf die Gesellschaft zu reduzieren.

Abgesehen von diesen Zahlen ist Krebs vor allem eine menschliche Tragödie: Er entreißt uns Personen, die uns nahestehen, beraubt kleine Kinder ihrer Mütter oder hinterlässt eine unheilbare Wunde in den Herzen von Eltern, die mit dem Tod eines Kindes geschlagen wurden. Der Verlust unserer Liebsten löst ein überwältigendes Gefühl von Ungerechtigkeit und Zorn aus. Wir fühlen uns als Opfer einer unglückseligen Prüfung, eines Schicksalsschlags, der uns blindwütig getroffen hat und vor dem es kein Entrinnen gibt. Der Krebs nimmt uns nicht nur die Menschen, die uns teuer sind, er sät auch den tiefen Zweifel in uns, ob wir fähig sind, ihn zu besiegen.

Abbildung 1Quelle: The Book of Odds, 2013

Dieses Gefühl der Ohnmacht gegenüber dem Krebs spiegelt sich sehr deutlich in den Meinungsumfragen wider, in denen Menschen befragt wurden, was ihrer Ansicht nach Ursache für diese Erkrankung sei. Sie sehen im Krebs ganz allgemein eine Krankheit, die von unkontrollierbaren Faktoren ausgelöst wird: 89 Prozent glauben, dass Krebs durch eine genetische Veranlagung entsteht, und mehr als 80 Prozent sind der Ansicht, dass Umweltfaktoren wie industrielle Luftverschmutzung oder Rückstände von Pestiziden in Lebensmitteln wichtige Ursachen für eine Krebserkrankung sind. Was die Lebensgewohnheiten angeht, so assoziiert eine überwältigende Mehrheit (92 %) Rauchen mit Krebs, hingegen glauben umgekehrt weniger als die Hälfte der Befragten, dass sie durch ihre Ernährung das Risiko einer Krebserkrankung beeinflussen können. Insgesamt führen diese Einschätzungen dazu, dass die Menschen die Chancen einer Krebsprävention eher pessimistisch einschätzen und die Hälfte von ihnen dies für wenig wahrscheinlich oder unmöglich hält.

Jeder, der mit dem öffentlichen Gesundheitswesen befasst ist, sollte über die Ergebnisse dieser Meinungsumfragen besorgt sein und sich die Frage stellen, ob nicht ein radikales Umdenken hinsichtlich der Vermittlungsmethoden notwendig ist, mit denen die Bevölkerung über die Ursachen von Krebs informiert wird. Denn abgesehen vom Rauchen laufen diese Wahrnehmungen vollkommen dem zuwider, was die Forschung als krebsauslösende Faktoren identifiziert hat.

Abbildung 3Quelle: Sørensen, 1988

Vererbung ist nicht der Hauptschuldige

Die Vererbung spielt bei der Entstehung von Krebs eine viel weniger bedeutende Rolle, als die meisten Menschen glauben. Zwar gibt es in der Tat bestimmte defekte Gene, die vererbt werden und das Risiko für bestimmte Krebsarten erhöhen (wie z. B. die BRCA-Gene bei Brust- und Eierstockkrebs), doch diese Gene sind sehr selten. Alle bisher bekannten Untersuchungen zeigen klar, dass sie nicht die herausragende Rolle spielen, die man ihnen zuspricht. Ein Vergleich von Krebshäufigkeiten bei eineiigen und zweieiigen Zwillingen veranschaulicht dies ebenfalls. Würde das Krebsrisiko auf erblich übertragenen Genen beruhen, dann müssten eineiige Zwillinge, die die gleichen Gene besitzen, weitaus häufiger von der gleichen Krankheit betroffen sein als zweieiige. Das entspricht jedoch bei den meisten Krebsarten nicht den Beobachtungen: Wenn ein Zwilling im Verlauf der Untersuchung an Krebs erkrankte, dann erkrankten weniger als fünfzehn Prozent der eineiigen Zwillingsgeschwister an der gleichen Krebsart (Abbildung 2). Auch die gleichzeitige Entwicklung von Leukämien bei eineiigen Zwillingen ist ein relativ seltenes Phänomen: Obwohl beide Kinder die gleichen genetischen Anomalien aufweisen, sind nur fünf bis zehn Prozent der Zwillinge gleichzeitig von der Krankheit betroffen.

Abbildung 2Quelle: Sørensen, 1988

Der geringe Anteil der Vererbung an der Entstehung von Krebs zeigt sich auch in den Ergebnissen von Untersuchungen an Kindern, die in sehr frühem Alter adoptiert wurden. Wenn ein biologischer Elternteil vor dem Alter von 50 Jahren an Krebs stirbt, steigt das Risiko, dass diese Kinder ebenfalls von der Krankheit betroffen waren, um etwa 20 Prozent. Stirbt dagegen ein Adoptivelternteil vorzeitig an Krebs, dann beobachtet man eine drastische Zunahme des Krebserkrankungsrisikos (500 %) bei diesen Kindern (Abbildung 3). Mit anderen Worten, die Gewohnheiten, die durch das gemeinsame Leben mit den Adoptiveltern erworben wurden (Ernährung, körperliche Bewegung, Rauchen), haben einen weit größeren Einfluss auf das Krebsrisiko als die Gene, die diese Kinder von ihren biologischen Eltern geerbt haben.

Selbst in den Fällen, in denen bestimmte defekte Gene vererbt werden, kann das Krebsrisiko offenbar sehr stark durch die Lebensweise beeinflusst werden. Bei Frauen beispielsweise, die Trägerinnen seltener defekter Versionen der Gene BRCA1 und BRCA2 sind, ist das Brustkrebsrisiko im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung um das Acht- bis Zehnfache und das Risiko für Brustkrebs um das Vierzigfache erhöht. Jedoch hat sich das Risiko, früh an Brustkrebs zu erkranken (vor dem Alter von 50 Jahren) bei den Trägerinnen dieser defekten Gene verdreifacht, wenn man die vor 1940 geborenen mit den nach 1940 geborenen vergleicht. Es ist von 24 auf 67 Prozent gestiegen. Diese Risikosteigerung ist auf die gravierenden Veränderungen der Lebensgewohnheiten nach dem Zweiten Weltkrieg (weniger körperliche Bewegung, industriell hergestellte Nahrung, Zunahme von Adipositas) zurückzuführen. Ganz allgemein schätzt man, dass die Vererbung defekter Gene für ca. 15 bis 20 Prozent aller Krebserkrankungen verantwortlich ist; das bedeutet, dass die Mehrheit der Fälle durch äußere Faktoren verursacht wird, die wahrscheinlich mit der Lebensweise zusammenhängen.

Weltweite Verteilung der Krebshäufigkeiten

Der Einfluss der Lebensweise auf die Entstehung von Krebs wird eindrucksvoll deutlich, wenn man Häufigkeit und Verteilung von Krebserkrankungen weltweit betrachtet (Abbildung 4). Tatsächlich leidet die Welt nicht gleichmäßig unter der Geißel Krebs. Nach den letzten von der Weltgesundheitsorganisation veröffentlichten Statistiken weisen die westlichen Industrieländer wie Australien, Nordamerika und mehrere Länder Europas mit 250 Fällen auf 100 000 Einwohner die höchsten Krebsraten auf. Hingegen ist die Zahl der Krebserkrankungen in den Ländern Südostasiens wie Indien, China oder Thailand sehr viel niedriger und liegt bei etwa 100 Fällen auf 100 000 Einwohner.

Abbildung 4Quelle: GLOBOCAN 2004 (IARC)

Doch nicht nur die Erkrankungsrate ist von einer Region des Globus zur anderen ungleich verteilt, auch die in verschiedenen Ländern auftretenden Krebsarten variieren enorm. Sieht man einmal vom Lungenkrebs ab, der (aufgrund des Rauchens) verbreitetsten und am gleichmäßigsten über den Planeten verteilten Krebsart, so sind die häufigsten Krebsarten in den Industrieländern vollkommen andere als in den asiatischen Ländern. In den Vereinigten Staaten und Kanada beispielsweise sind dies (in dieser Reihenfolge) nach dem Lungenkrebs Dickdarm-, Brust- und Prostatakrebs, während in den asiatischen Ländern Magen-, Speiseröhren- und Leberkrebs überwiegen. Das Ausmaß dieser Unterschiede zwischen Ost und West ist frappierend; so erkranken in manchen Regionen der Vereinigten Staaten mehr als 100 von 100 000 Frauen an Brustkrebs verglichen mit nur 8 von 100 000 Thailänderinnen. Das Gleiche gilt für den Darmkrebs: Während in manchen Regionen des Westens 50 von 100 000 Personen von dieser Krebsart betroffen sind, befällt er nur 5 von 100 000 Indern. Noch größer ist diese Kluft beim Prostatakrebs, der anderen großen Krebsgeißel der westlichen Welt: Zehn Mal weniger Japaner und sogar hundert Mal weniger Thailänder als Bewohner der westlichen Hemisphäre sind davon betroffen.

Abbildung 5Quelle: Doll, R. und Peto, R. (1981) J. Natl. Cancer Inst. 66, 1196–1305

Die Untersuchung von Auswanderern hat bestätigt, dass diese extremen Variationen nicht auf eine wie auch immer geartete genetische Veranlagung zurückzuführen sind, sondern vielmehr eng mit den unterschiedlichen Lebensgewohnheiten verbunden sind. Abbildung 5 zeigt ein frappierendes Beispiel dieser durch Migration hervorgerufenen Abweichungen. In der Untersuchung wurde die Häufigkeit bestimmter Krebserkrankungen bei Japanern in Japan sowie nach Hawaii ausgewanderten Japanern mit der der einheimischen hawaiianischen Bevölkerung verglichen. Während beispielsweise Prostatakrebs damals in Japan wenig verbreitet war, stieg die Häufigkeit dieser Krebsart bei den japanischen Auswanderern auf das Zehnfache an und näherte sich so den Erkrankungszahlen bei einheimischen Hawaiianern an. Ähnliches lässt sich bei den Frauen beobachten, deren ursprünglich niedrige Raten von Brust- und Gebärmutterkrebs beträchtlich steigen, wenn sich ihre Lebensweise durch Emigration drastisch verändert.

Diese Statistiken stellen mitnichten isolierte Einzelfälle dar, denn auch Untersuchungen anderer Bevölkerungsgruppen auf der Welt kommen zu ähnlichen Ergebnissen. Hier soll nur noch eine weitere Studie erwähnt werden, in der die Häufigkeit von bestimmten Krebsarten in der afroamerikanischen Bevölkerung Nordamerikas mit der einer afrikanischen Bevölkerungsgruppe in Nigeria verglichen wurde (Abbildung 6). Wieder ergab sich bei den Schwarzafrikanern eine radikal andere Krebsverteilung als bei den Afro-Amerikanern: So ist der Prostatakrebs in Amerika weitaus häufiger als in Afrika. In allen Fällen ist die Häufigkeit von Krebserkrankungen in der schwarzen US-Bevölkerung praktisch identisch mit der bei weißen Amerikanern, während sie sich von der ihrer Vorfahren, der schwarzen Bevölkerung Afrikas, grundlegend unterscheidet. Diese Untersuchungen sind äußerst interessant, denn sie liefern nicht nur einen unwiderlegbaren Beweis dafür, dass die Mehrheit der Krebserkrankungen nicht auf genetische Ursachen zurückzuführen sind, sondern sie veranschaulichen zudem die herausragende Rolle, die Lebensgewohnheiten als Auslöser dieser Krankheit spielen.

Abbildung 6Quelle: Doll, R. und Peto, R. (1981) J. Natl. Cancer Inst. 66, 1196–1305

Welche Veränderung aber kann einen so schädlichen Einfluss auf die Gesundheit dieser Auswanderer gehabt haben, dass sie einen derart rasanten Anstieg der Krebsraten bewirkt? Alle bisher durchgeführten Untersuchungen weisen eindeutig auf dieselbe Ursache hin, nämlich auf die Abwendung der Emigranten von ihrer traditionellen Ernährungsweise und die schnelle Anpassung an die Essgewohnheiten des Gastlands. In beiden uns betreffenden Fällen führte dies zu tragischen Veränderungen: So haben etwa die in den Westen ausgewanderten Japaner eine beispielhaft gesunde Ernährungsweise mit viel Gemüse, einem hohen Gehalt an komplexen Kohlenhydraten und einem geringen Gehalt an Fett aufgegeben – zugunsten einer Ernährung reich an Zucker sowie an tierischen Proteinen und Fetten.

Im Übrigen haben sich, auch ohne dass Emigration der Grund wäre, die Ernährungsgewohnheiten der Japaner in den letzten fünfzig Jahren stark verändert, was die Rolle der Ernährung bei der Entstehung von Krebs ebenfalls verdeutlicht. Während beispielsweise der Verzehr von Fleisch in Japan noch vor vierzig Jahren extrem niedrig war, ist er im Laufe der letzten Jahre um das Siebenfache gestiegen mit dem Ergebnis, dass die Dickdarmkrebsrate sich verfünffacht hat und nun der in den westlichen Ländern entspricht. Es ist daher äußerst interessant, wenngleich auch ein wenig beunruhigend, festzustellen, in welchem Ausmaß die Übernahme der westlichen Lebensweise mit der drastischen Zunahme bestimmter Krebsarten einhergegangen ist.

Die wahren Krebsursachen

Die Gesamtheit dieser Beobachtungen zeigt, dass nur eine Minderheit der Krebserkrankungen durch Faktoren ausgelöst werden, die sich wirklich unserer Kontrolle entziehen, ob es sich um Vererbung, Umweltverschmutzung oder Virusinfektionen handelt (Abbildung 7). Auf der anderen Seite zeigen die Untersuchungen aller im Kampf gegen Krebs tätigen Organisationen, darunter die American Association for Cancer Research (AACR), dass mehrere direkt mit der Lebensweise verbundenen Faktoren wie Rauchen, Bewegungsmangel, Übergewicht, die Zusammensetzung der Ernährung sowie der übermäßige Genuss von Alkohol und Drogen direkte Ursachen für etwa 70 Prozent der Krebserkrankungen sind.

Es ist wichtig, dass wir unsere falschen Vorstellungen von krebsauslösenden Faktoren korrigieren, denn das motiviert uns dazu, unsere schicksalsergebene Einstellung zu verändern und das Problem mit neuen Augen zu betrachten. Wenn zwei Drittel der Krebserkrankungen durch nicht-genetische Faktoren verursacht werden und stattdessen mit unseren Lebensgewohnheiten zusammenhängen, kann man dann nicht aus dieser bloßen Tatsache schließen, dass wir zwei Drittel der Krebserkrankungen vermeiden können, indem wir unsere Lebensweise verändern?

Das ist genau die Schlussfolgerung, zu der die Wissenschaftler gekommen sind, die Hunderttausende von Untersuchungen über den Einfluss der Lebensgewohnheiten auf das Krebserkrankungsrisiko verglichen haben. Dank dieser streng wissenschaftlichen Analysen von Organisationen wie dem World Cancer Research Fund, der American Cancer Society oder der Société canadienne du cancer ist es nun möglich, zehn zentrale Aspekte der Lebensweise zu identifizieren, die das Krebsrisiko erhöhen, und infolgedessen bestimmte Verhaltensweisen daraus abzuleiten, die dieses Risiko senken und dadurch die Krebshäufigkeit in unseren Gesellschaften signifikant verringern könnten (Abbildung 8). Ein zentraler Aspekt dabei ist natürlich – das ist auch den meisten Menschen bekannt –, den Einfluss krebserregender Substanzen wie Zigarettenrauch, Alkohol und UV-Strahlen auf ein Minimum zu reduzieren. Rauchen allein ist wegen der enormen Zunahme des Risikos für Lungenkrebs sowie für etwa fünfzehn weitere Krebsarten bei Rauchern für ein Drittel aller Krebserkrankungen verantwortlich, während Alkohol und UV-Strahlen jeweils typische Auslöser für Krebserkrankungen des Verdauungsapparats und der Haut sind.

Abbildung 7Quelle: AACR Cancer Progress Report, 2011

Abbildung 8

Weniger bekannt ist, welch entscheidende Rolle ungünstige Ernährungsgewohnheiten und Übergewicht als Risikofaktoren für Krebs spielen. Mangel an pflanzlicher Kost, der übermäßige Verzehr von Nahrungsmitteln mit hohem Zucker- und Fettgehalt, der übermäßige Konsum von rotem Fleisch und Wurst oder auch von sehr salzigen Nahrungsmitteln – all diese Faktoren werden ebenso wie Übergewicht und Bewegungsmangel mit einem erhöhten Krebsrisiko in Verbindung gebracht. Insgesamt schätzt man, dass alle Faktoren des Lebensstils, die Ergebnis der Ernährungsweise und des Körpergewichts sind, etwa für ein Drittel aller Krebserkrankungen verantwortlich sind. Das ist ein ebenso hoher Prozentsatz wie der, der durch Rauchen verursacht wird, das bis heute als wichtigster Krebsverursacher beschrieben wird (Abbildung 7). Im Fall von Krebserkrankungen des Magen-Darm-Trakts (Speiseröhre, Magen, Darm) könnte der Anteil der Todesfälle durch Krebs, der direkt auf die moderne Ernährung und Übergewicht zurückzuführen ist, sogar siebzig Prozent erreichen. Die Nahrungsmittel, die wir täglich zu uns nehmen, haben folglich einen enormen Einfluss auf unser Risiko, an Krebs zu erkranken, und wir müssen die aktuellen Ernährungsgewohnheiten unbedingt verändern, wenn wir die Belastung unserer Gesellschaft durch Krebs verringern wollen.

Der Einfluss der Ernährung auf Krebs

Um zu verstehen, wie sehr die Ernährungsweise zur Entwicklung von Krebs beitragen kann, muss man sich zunächst einmal klarmachen, wie unausgeglichen unsere heutige Ernährungsweise ist, in Hinblick auf ihre Exzesse wie auf ihre Mängel. Im Westen wird die Nahrungsaufnahme häufig nur als Mittel gesehen, dem Körper die für sein Überleben notwendige Energie zuzuführen. Diese Sichtweise spiegelt sich in einer Ernährung wider, die im Wesentlichen auf der Aufnahme von Kalorien basiert. Nahrungsmittel mit einer geringen Kaloriendichte wie Obst und Gemüse nehmen nur einen untergeordneten Platz darin ein. Diese Tendenz wird noch verstärkt durch eine Flut von mit Zucker und Fett überfrachteten industriellen Lebensmitteln. Das fördert eine übermäßige Nahrungsaufnahme und führt zu exzessiver Ansammlung von Körperfett. Die gegenwärtige westliche Ernährung hat nichts mehr mit den Essgewohnheiten gemein, die noch vor weniger als zehn Generationen üblich waren. Im Vergleich dazu enthält die moderne Ernährung mindestens doppelt so viel Fett, einen weitaus höheren Anteil gesättigter Fette im Vergleich zu ungesättigten, kaum ein Drittel so viel Ballaststoffe sowie eine Flut von einfachen Zuckern zu ungunsten komplexer Kohlenhydrate. Und paradoxerweise ist sie begleitet von einem Verlust an pflanzlichen Vitalstoffen.

Diese Ernährungsweise stellt die schlimmstmögliche Kombination für die Erhaltung der Gesundheit dar und bietet die besten Voraussetzungen für eine Krebserkrankung. Auf der einen Seite führt der Kalorienüberschuss zur Zunahme des Körpergewichts, und eine Vielzahl von Studien hat klar belegt, dass Übergewicht und Fettsucht mit einer Erhöhung des Risikos für bestimmte Krebserkrankungen einhergehen. Auf der anderen Seite entzieht der geringe Verzehr von pflanzlichen Produkten dem Organismus Tausende von entzündungs- und krebshemmenden Wirkstoffen, die die Weiterentwicklung der Krebszellen stören und die Häufigkeit verschiedener Krebsarten verringern können (Abbildung 9).

Abbildung 9

Im Übrigen können wir in Echtzeit mitansehen, welche negativen Auswirkungen diese Ernährungsweise im globalen Maßstab hat. Alle Länder, die ihre traditionelle Ernährung aufgegeben und die in Amerika gängige Ernährungsweise übernommen haben, sind auch von der gleichen Zunahme von Fettsucht, Darm- und Prostatakrebs sowie von Herz-Kreislauf-Erkrankungen betroffen, allesamt Krankheiten, die dort zuvor relativ selten waren.

Man muss diese Ernährungsweise folglich nicht nur wegen ihrer Exzesse, ihrer Monotonie und ihrem Mangel an Einfallsreichtum infrage stellen, sondern vor allem wegen ihren äußerst negativen gesundheitlichen Folgen. Wir akzeptieren heute mit erstaunlicher Passivität die pausenlose Werbeberieselung mit Trios aus riesigen Hamburgern, Pommes frites und Soft Drinks, mit Chips voller Transfette und Acrylamid und anderen »Snacks«, die permanent zur besten Sendezeit angepriesen werden. Die Werbung für diese Art von Ernährung zu akzeptieren, bedeutet nichts anderes, als sich mit hohen Kosten für die Behandlung der Gesundheitsprobleme zukünftiger Generationen abzufinden.

Es steht vollkommen außer Zweifel, dass eine tiefgreifende Veränderung dieser Ernährungsweise unumgängliches Ziel aller Vorbeugungsmaßnahmen sein muss, um die Zahl der Krebserkrankungen in der westlichen Welt zu reduzieren. Zum Glück können immer mehr Menschen, die ihre Ernährungsgewohnheiten verändern wollen, auf eine wachsende Auswahl an hervorragenden Produkten zurückgreifen, die mit gesunden Zutaten hergestellt werden und wirklich zu einer Besserung der allgemeinen Gesundheit beitragen können. Die allermeisten Supermärkte haben heute eine Abteilung mit solchen Erzeugnissen, abgesehen von den unzähligen Märkten, auf denen wir uns mit Lebensmitteln aus aller Herren Länder vertraut machen können, die uns noch vor dreißig Jahren so gut wie unbekannt waren. So profitiert die westliche Welt selbst de facto von der Ausbreitung kulinarischer Traditionen anderer Kulturen, auch wenn die Globalisierung schädliche Auswirkungen für die Völker hat, die eine westliche Lebensweise angenommen haben. Unbestreitbar gibt es heute für alle, die sich gesund ernähren und vor so schweren Krankheiten wie Krebs schützen wollen, eine Alternative zum Junk Food.

Es ist nicht Ziel dieses Buches, eine bestimmte Ernährungsweise zu propagieren. Es gibt hervorragende Bücher auf dem Markt, in denen die grundlegenden Prinzipien einer gesunden Ernährung anschaulich und sachkundig beschrieben werden. Sie finden darin alle wichtigen Informationen über die Möglichkeiten einer angemessenen Versorgung mit Proteinen, Lipiden und Zucker sowie Vitaminen und Mineralstoffen.

Wir möchten das Augenmerk vielmehr auf eine Reihe von Nahrungsmitteln richten, die wesentlich zur Verringerung des Krebsrisikos beitragen können. Die Empfehlungen stützen sich natürlich auf die erwiesene Bedeutung von Obst und Gemüse als grundlegender Bestandteil jeder Ernährung zur Krebsbekämpfung. Aber sie berücksichtigen auch neue wissenschaftliche Erkenntnisse, die nahelegen, dass die Art von Obst und Gemüse eine ebenso wichtige Rolle spielen könnte wie die verzehrte Menge. Denn manche Lebensmittel stellen eine außergewöhnlich reichhaltige Quelle krebshemmender Moleküle dar. Es geht also nicht nur darum, die empfohlene Menge von fünf Portionen Obst und Gemüse täglich zu verzehren, sondern vor allem die Sorten zu bevorzugen, die am besten geeignet sind, die Entstehung von Krebs zu verhindern. Eine Ernährungsweise, die sich auf den Verzehr von Nahrungsmitteln mit einem hohen Gehalt an krebshemmenden Wirkstoffen stützt, ist eine unverzichtbare Waffe im Kampf gegen den Krebs.

Zusammenfassung

Die individuelle Lebensweise hat einen maßgeblichen Einfluss auf das Risiko, an Krebs zu erkranken.Etwa ein Drittel der Krebserkrankungen ist direkt mit der Ernährungsweise verbunden.Eine abwechslungsreiche Ernährung mit viel Obst und Gemüse, verbunden mit einer Kontrolle der Kalorienzufuhr zur Vermeidung von Übergewicht, ist eine einfache und wirkungsvolle Methode, um das Risiko einer Krebserkrankung entscheidend zu reduzieren.

Wenn du den Feind und dich selbst erkennst,brauchst du den Ausgang von hundert Schlachten nicht zu fürchten.

Sun Tzu, Die Kunst des Krieges

Kapitel 2

Was ist Krebs?

Obwohl seit Jahrzehnten viel Energie und Milliarden von Dollars in die Forschung fließen, entzieht sich eine große Zahl von Krebsarten nach wie vor jeder Behandlung. Und selbst wenn gegen bestimmte Krebserkrankungen Behandlungsmethoden zur Verfügung stehen, bleibt die langfristige Überlebensrate der Patienten noch zu oft hinter den Erwartungen zurück. Mehrmals schon erwiesen sich neue Medikamente, in die große Hoffnungen gesetzt wurden, als weitaus weniger wirkungsvoll als vorhergesagt und in manchen Fällen sogar als vollkommen wirkungslos. Was macht die Krebsbehandlung so schwierig? Das ist eine zentrale Frage, mit der wir uns beschäftigen müssen, bevor wir uns neuen Mitteln zuwenden, mit denen wir diese Krankheit zu bekämpfen hoffen.

Oft ist es ja möglich, den Charakter und die Motivationen, die Stärken und Schwächen eines Menschen in groben Zügen zu erfassen, ohne dass man deswegen alle Einzelheiten seines Lebens kennen muss. So ließe sich in etwa auch das Ziel dieses Kapitels formulieren: Es soll Ihnen helfen, Krebszellen besser zu verstehen, indem Sie die groben Züge ihrer »Persönlichkeit« und die Beweggründe begreifen, die sie dazu treiben, in das Nachbargewebe einzudringen und zu wachsen, bis sie das Leben der Betroffenen bedrohen; Sie sollen erfahren, was diese Zellen so erfolgreich macht und – wichtiger noch – wo ihre Schwächen liegen, damit Sie sich besser davor schützen können. Wenn wir begreifen, was Krebs ist, dann werden wir erkennen, dass diese Krankheit ein furchtbarer Feind ist, dem wir mit großem Respekt begegnen müssen, damit er uns nicht besiegt. Doch nur, wenn wir den Krebs begreifen, können wir ihn in Schach halten und uns seine Schwächen zunutze machen.

Die Wurzel allen Übels: die Zelle

Die Zelle ist die Basiseinheit allen Lebens auf der Erde – beginnend vom einfachsten Bakterium, das nur aus einer einzigen Zelle besteht, bis zu hochkomplexen Organismen wie dem Menschen, der mehr als 37 000 Milliarden Zellen besitzt. Diese kleine, kaum 10–100 µm große Struktur (ein µm ist ein Tausendstel Millimeter) ist ein wahres Meisterwerk der Natur – ein Puzzle von unerhörter Komplexität, das die Forscher, die seine Geheimnisse zu durchdringen versuchen, noch immer fasziniert. Die Zelle hat noch lange nicht all ihre Geheimnisse preisgegeben, aber man weiß bereits, dass eine Entgleisung bestimmter Funktionen eine wesentliche Rolle bei der Entstehung von Krebs spielt. Unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten ist Krebs daher vor allem und in erster Linie eine Krankheit der Zelle.

Um die Zelle besser zu verstehen, können wir sie mit einer Stadt vergleichen, in der sämtliche für das Wohlbefinden des Gemeinwesens notwendigen Funktionen auf verschiedene Orte verteilt wurden, damit alle Arbeiter ihre Aufgaben unter optimalen Bedingungen erfüllen können. Vier Hauptbestandteile der Zelle spielen eine wesentliche Rolle bei der Entstehung von Krebs (Abbildung 10).

Abbildung 10

Der Kern

Der Kern ist die Bibliothek der Zelle, der Ort, an dem alle Gesetzestexte, nämlich die Gene, gelagert sind; sie regulieren die Verwaltung der Stadt. Die Zellen enthalten etwa 25 000 Gesetze, die in einem umfangreichen Text, der DNA, abgelegt sind. Dieser ist in einem seltsamen Alphabet verfasst, das nur vier Buchstaben enthält: A, T, C und G. Es ist wichtig, diese Gesetze zu lesen, denn sie diktieren der Zelle ihr Verhalten und bewegen sie zur Produktion von Proteinen, die für ihr reibungsloses Funktionieren und für ihre adäquate Reaktion auf jede Veränderung ihrer Umgebung essenziell sind. So folgt beispielsweise auf den Alarm, dass es der Zelle gleich an Zucker fehlen wird, unmittelbar die Lesung und Ausführung eines Gesetzes, das die Bildung neuer Proteine bewilligt, die auf den Transport von Zucker spezialisiert sind, und dadurch werden wieder ausreichend Zuckerreserven für das Überleben der Zelle bereitgestellt. Wenn beim Lesen dieser Gesetze Fehler auftreten, dann sind die gebildeten Proteine unfähig, ihre Aufgabe adäquat zu erfüllen und können stattdessen zur Bildung von Krebs beitragen.

Die Proteine

Die Proteine sind die »Arbeitskräfte« der Stadt. Sie sind es, die die meisten für den Fortbestand der Zelle notwendigen Aufgaben erfüllen: Transport von Nährstoffen aus dem Blutkreislauf, Kommunikation von Botschaften, die von außen kommen, um die Zelle über Veränderungen in ihrer Umgebung zu informieren, Umwandlung von Nährstoffen zur Energieversorgung etc. Viele Proteine sind Enzyme, gewissermaßen die »Ingenieure« der Zelle, denn sie besitzen die Fähigkeit, nicht nutzbare Substanzen in Stoffe umzuwandeln, die für die Zelle lebenswichtig sind. Eine Reihe von Enzymen ermöglicht es der Zelle, sich schnell an jede Veränderung der Umgebung anzupassen, indem sie die Funktion anderer Proteine auf subtile Weise beeinflusst. Insofern ist es von zentraler Bedeutung für die Zelle, stets sicherzustellen, dass beim Lesen der Gesetze, die die Produktion dieser Enzyme regeln, keine Abweichungen vom Originaltext auftreten. Denn eine ungenaue Lektüre bewirkt die Produktion von modifizierten Proteinen, die nicht mehr fähig sind, ihre Aufgabe ordnungsgemäß zu erfüllen oder die einen mit dem zellulären Gleichgewicht unvereinbaren Übereifer entwickeln. Krebs entsteht also immer durch Fehler in der Bildung der Proteine, insbesondere der Enzyme.

Das Mitochondrium

Es ist das Kraftwerk der Stadt, der Ort, an dem die Energie, die in Nahrungsmolekülen (Zucker, Proteine, Lipide) enthalten ist, in zelluläre Energie (ATP) umgewandelt wird. Bei diesem Prozess dient Sauerstoff als Brennstoff, und das führt unglücklicherweise zur Bildung toxischer Abfallprodukte, den sogenannten freien Radikalen. Diese Abfallprodukte können eine Krebserkrankung auslösen, indem sie in den Gesetzestexten (Genen) Veränderungen, das heißt Mutationen hervorrufen, die zu Fehlern in der Proteinproduktion führen.

Die Zellmembran

Diese Struktur, die die Zelle umgibt, besteht aus Lipiden und bestimmten Proteinen und wirkt wie eine Mauer. Ihr Zweck ist es, alle Aktivitäten der Zelle an einem Ort zu konzentrieren. Die Zellmembran spielt dabei eine extrem wichtige Rolle, denn sie fungiert als Barriere zwischen dem Zellinneren und dem äußeren Milieu. Sie ist eine Art Filter, der zwischen den Substanzen, die in die Zelle eindringen können, und denen, die ausgeschieden werden, sortiert. Sie enthält verschiedene Proteine, Rezeptoren genannt, die die chemischen Signale im Blutkreislauf aufspüren und der Zelle dadurch kodierte Botschaften übermitteln, damit sie adäquat auf Veränderungen ihrer Umgebung reagieren kann. Diese Funktion ist lebenswichtig für die Zelle. Es ist daher leicht nachvollziehbar, dass eine ungenaue Lektüre der Gene (der Gesetze), die die Bildung dieser Proteine steuern, dramatische Folgen haben kann. Denn wenn eine Zelle nicht mehr versteht, was außerhalb ihrer Grenzen vor sich geht, dann verliert sie ihre Orientierungspunkte und beginnt, sich eigenmächtig zu verhalten, ohne sich um die Zellen in ihrer Umgebung zu kümmern. Ein sehr gefährliches Verhalten, das zu Krebs führen kann.

Gruppenzwang

Was treibt eine Zelle dazu, zur Krebszelle zu werden? Die meisten Menschen wissen, dass Krebs durch unkontrolliertes Zellwachstum verursacht wird, doch die Gründe, die zu einem solchen Verhalten führen, sind ihnen in der Regel unbekannt. Wie in jeder klassischen psychologischen Analyse liegt auch hier die Antwort auf diese Frage in der Kindheit …

Die Zelle, wie sie jetzt existiert, ist das Evolutionsprodukt einer primitiven Zelle, die vor etwa 3,5 Milliarden Jahren auf der Erde erschien und weitaus mehr Ähnlichkeit mit einem Bakterium hatte als mit der Zelle in ihrer heutigen Gestalt. Im Laufe dieser langen Zeitspanne war die Urzelle enormen Veränderungen ihrer Umgebung (UV-Strahlen, Sauerstoffgehalt etc.) unterworfen, die sie dazu zwangen, permanent und nach dem Prinzip »Versuch und Irrtum« nach der »richtigen« Veränderung zu suchen, die ihr die größte Überlebenschance bot. Die Zelle verdankt diese große Anpassungsfähigkeit ihrer Fähigkeit, ihre Gene zu modifizieren und dadurch die Produktion neuer Proteine zu initiieren, die den neuen Herausforderungen besser gewachsen sind. Wir müssen also begreifen, dass die Gene, die berühmten »Gesetze«, von denen wir zuvor gesprochen haben, nicht unveränderlich sind. Sobald die Zelle erkennt, dass es zur Bewältigung eines Problems vorteilhaft wäre, diese Gesetze zu modifizieren, verändert sie deren Text: Das nennt man eine Mutation. Die Fähigkeit der Zellen, eine Mutation ihrer Gene zu bewirken, stellt folglich ein wesentliches Merkmal des Lebens dar. Ohne dieses Merkmal hätten wir nie das Tageslicht erblickt.

Vor etwa 600 Millionen Jahren haben die Zellen eine »Entscheidung« getroffen, die die folgenreichsten Konsequenzen in der gesamten Evolutionsgeschichte für das Leben auf der Erde hatte: Sie begannen sich zu Zellverbänden zusammenzuschließen und bildeten so die ersten mehrzelligen Organismen. Dabei handelte es sich um eine radikale Veränderung in der »Mentalität« der Zelle selbst, denn dieser Zusammenschluss bedeutete, dass das Überleben des Organismus dem der individuellen Zellen von nun an übergeordnet war. Die permanente Suche nach Verbesserungen für eine Anpassung an die Veränderungen der Außenwelt konnte damit nicht mehr auf Kosten der anderen Zellen des Organismus gehen. Anders gesagt, die früher individualistischen Zellen wurden allmählich altruistisch und verzichteten in gewisser Weise auf die grundlegende Freiheit, ihre Gene nach Gutdünken zu verändern. Diese Evolution setzte sich durch, weil sie beachtliche Vorzüge mit sich brachte. Allen voran die Tatsache, dass die verschiedenen Zellen ihre Aufgaben nun arbeitsteilig erfüllen konnten, um eine bessere Interaktion mit der Umwelt zu gewährleisten. So haben manche Zellen in einem primitiven Organismus beispielsweise besondere Fähigkeiten zur Identifizierung von Nährstoffen in ihrer unmittelbaren Umgebung entwickelt, während sich andere mehr darauf spezialisiert haben, Nährstoffe zu verdauen und dadurch Energie für den Organismus bereitzustellen. Um eine solche Spezialisierung einzuführen, mussten die Zellen ihre Gesetze ändern, damit sich neue Arten von Proteinen entwickelten, die ihre Leistungsfähigkeit verbesserten und ihnen eine noch effektivere Erfüllung ihrer Aufgabe ermöglichten. Diese Anpassungsfähigkeit ist die Basis der Evolution, doch bei mehrzelligen Organismen muss die Anpassung unbedingt für den gesamten Organismus vorteilhaft sein und nicht nur für eine einzelne Zelle.

Beim Menschen hat die Spezialisierung der Zellen ihre höchste Komplexität erreicht. Tatsächlich kann man sich nur schwer vorstellen, dass eine Hautzelle zum Beispiel auch nur irgendetwas mit einer Zelle der Niere gemeinsam hat, oder dass Muskelzellen einen gemeinsamen Ursprung mit Neuronen haben, die uns das Denken ermöglichen. Dennoch besitzen alle Zellen des menschlichen Körpers die gleiche genetische Ausstattung, also die gleichen Gesetzestexte in ihrem Kern. Wenn die Hautzelle sich von jener der Niere unterscheidet, so liegt dies nicht daran, dass sie nicht die gleichen Gene haben, sondern daran, dass sie nicht die gleichen Gene benutzen, um ihre Funktionen zu erfüllen. Anders gesagt, jede Zelle des menschlichen Körpers aktiviert nur die Gene, die ihren Aufgaben entspricht; dieses Phänomen wird als Zelldifferenzierung bezeichnet. Die Aufrechterhaltung dieser Differenzierung ist für ein adäquates Funktionieren des Organismus lebenswichtig, denn wenn die Neuronen, die uns das Denken ermöglichen, plötzlich beschließen würden, sich wie Hautzellen zu benehmen und keine Nervenimpulse mehr weiterzuleiten, dann würde der gesamte Organismus darunter leiden. Das Gleiche gilt für jedes beliebige andere Organ; jeder Zelltyp muss die Aufgabe erfüllen, die ihm zum Wohle aller Zellen zugewiesen wurde. Wenn man bedenkt, dass der menschliche Körper 37 200 Milliarden Zellen enthält, die sich allesamt aufeinander abstimmen müssen, dann kann man nur staunen über die Ordnung, die einer derart komplexen Struktur zugrunde liegt.

Ziviler Ungehorsam

Wie wir sehen, ist für das adäquate Funktionieren eines so komplexen Organismus wie des menschlichen Körpers die vollständige Unterdrückung althergebrachter Überlebensinstinkte der Zellen und der gemeinschaftliche Einsatz all ihrer Ressourcen erforderlich. Und so kann man sich auch leicht vorstellen, dass die Aufrechterhaltung dieser Funktionen eine heikle Angelegenheit ist und permanenten »Rebellionsversuchen« von Zellen ausgesetzt ist, die ihre Handlungsfreiheit wiedergewinnen wollen. Genau das geschieht unser ganzes Leben lang: Sobald eine Zelle Opfer eines Angriffs von außen wird, sei es durch eine krebserregende Substanz, einen Virus oder einen Überschuss an freien Radikalen, ist ihr erster Reflex, diesen Angriff als eine Herausforderung zu interpretieren, der sie sich, so gut sie kann, stellen muss. Das tut sie, indem sie ihre Gene so modifiziert, dass sie dieses Hindernis umgeht. Solche Aggressionen sind in unserem Leben an der Tagesordnung. Immer wieder rebellieren geschädigte Zellen und vergessen dabei ihre wesentliche Funktion für den Organismus als Ganzes. Damit die beschädigte Zelle nicht zu viel Autonomie gewinnt, wird der »gute Wille« der Zellen glücklicherweise durch strenge Regeln kontrolliert, die sicherstellen, dass der soziale Verhaltenscode immer respektiert wird. Dadurch können rebellische Zellen schnell eliminiert werden und die Aufrechterhaltung lebenswichtiger Funktionen ist gewährleistet.

Allerdings werden diese Regeln nicht hundertprozentig befolgt, und manchen Zellen gelingt es, Genmutationen in Gang zu setzen, durch die sie diese Regeln umgehen und einen Tumor bilden können. Das heißt, Krebs entsteht, wenn eine Zelle aufhört, die ihr zugewiesene Rolle zu spielen und sich weigert, mit den anderen zu kooperieren, um das reibungslose Funktionieren des Organismus zu gewährleisten. Eine solche Zelle wird zu einem von den anderen Zellen isolierten Gesetzesbrecher, sie reagiert nicht mehr auf die Anweisungen der Gesellschaft, in die sie eingebunden ist, und hat von nun an nur noch eines im Kopf: ihr eigenes Überleben und das ihrer Nachkommen zu sichern. Alles ist nun möglich. Die rebellische Zelle hat ihre uralten Überlebensinstinkte wiedergefunden.

Regel 1

Reproduktion ist nicht erlaubt, außer um eine tote oder beschädigte Zelle zu ersetzen.

Regel 2

Am Leben bleiben ist nicht erlaubt, wenn in der Struktur der Zelle, besonders auf der Ebene der DNA, Schäden entdeckt werden. Wenn die Schäden zu gravierend sind, ist Selbstmord obligatorisch!

Die Entstehung von Krebs

Es ist wichtig zu verstehen, dass diese Transformation der Zelle nicht automatisch bedeutet, dass sich unmittelbar ein Krebs im Organismus entwickelt. Wir werden später noch sehen, dass es im Laufe des Lebens regelmäßig zu solch delinquentem Verhalten kommt, ohne dass dies notwendig eine Krebserkrankung nach sich zieht. Man muss die Entstehung von Krebs vielmehr als einen allmählichen Prozess begreifen, der sich über mehrere Jahre hinweg unbemerkt vollziehen kann, bevor er sich durch den Ausbruch von Symptomen manifestiert. Diese »Langsamkeit«, mit der Krebs entsteht, ist extrem wichtig für uns, denn wie wir im Verlauf dieses Buches immer wieder sehen werden, bietet sie uns eine hervorragende Gelegenheit, in mehreren Phasen seiner Entwicklung zu intervenieren und die Entwicklung der mutierten Zelle zu einer reifen Krebszelle zu stoppen. Zwar wird jeder Krebs durch spezielle Faktoren ausgelöst, doch alle Krebserkrankungen durchlaufen im Großen und Ganzen den gleichen Entwicklungsprozess, der sich in drei große Abschnitte gliedert: Initiation, Promotion und Progression (Abbildung 11).

Abbildung 11

1. Initiation

Als Initiation bezeichnet man die Anfangsphase des Krebswachstums. Dabei findet in der DNA der Zellen eine erste Mutation statt. Mutationen können durch den Kontakt mit krebserregenden Faktoren (UV-Strahlen, Zigarettenrauch, bestimmte Viren) ausgelöst werden oder durch spontane Irrtümer, die sich bei der Erneuerung der Zellen einschleichen, oder auch infolge von vererbten genetischen Defekten. Eine solche Mutation ist irreversibel, wenn die Zelle nicht repariert oder ausgeschaltet wird.

Von wenigen Ausnahmen abgesehen (bestimmten Krebserkrankungen des Kindesalters beispielsweise) sind die prämalignen Zellen in diesem Stadium noch nicht ausreichend aktiviert, um als Krebszellen zu gelten. Sie haben vielmehr das Potenzial, Tumoren zu bilden, wenn sie weiterhin regelmäßig diesen karzinogenen Substanzen ausgesetzt sind oder wenn günstige Faktoren es der prämalignen Zelle ermöglichen, ihre Versuche fortzusetzen und neue Mutationen hervorzurufen, die ihr eine autonome Entwicklung ermöglichen. Wie wir sehen werden, haben manche Wirkstoffe in Nahrungsmitteln die Eigenschaft, diese potenziellen Tumoren in einem latenten Zustand zu halten und können somit die Ausbildung von Krebs verhindern.

2. Promotion

Im Verlauf dieser Phase setzt sich die prämaligne Zelle über die zuvor beschriebenen Regeln 1 und 2 hinweg und erreicht so die kritische Schwelle zu einer entarteten Zelle. Die weit überwiegende Zahl der aktuell laufenden Untersuchungen über Krebs befasst sich mit der Identifizierung jener Faktoren, die den Zellen eine Umgehung dieser beiden Regeln ermöglichen. Im Allgemeinen produzieren Krebszellen, um die Regel 1 zu umgehen, große Mengen von Proteinen, die den Zellen ein autonomes Zellwachstum ohne äußere Hilfe ermöglichen. Parallel dazu müssen sich Zellen, die sich zu Krebszellen entwickeln wollen, unbedingt der Proteine entledigen, die für die Anwendung von Regel 2 verantwortlich sind, andernfalls würden alle Anstrengungen unverzüglich durch einen Mechanismus des programmierten Zellselbstmords, genannt Apoptose, zunichtegemacht werden. In beiden Fällen führen die Mutationen, die eine Veränderung der Proteinfunktionen auslösen, zu einer unkontrollierten Proliferation dieser entarteten Zellen und machen sie unsterblich. Allerdings handelt es sich dabei um eine schwierige Phase, die sich über einen langen Zeitraum (1 bis 40 Jahre) erstreckt, denn die Zelle muss zahllose Mutationsversuche durchführen, um die für ihr Wachstum notwendigen Merkmale zu erwerben.

Welche Faktoren eine Zelle dazu bewegen, gegenüber den zwei großen Regeln, die das Leben der Zelle beherrschen, den Gehorsam zu verweigern, ist weitgehend unbekannt. Es ist allerdings möglich, dass bestimmte Hormone und bestimmte Wachstumsfaktoren sowie auch die Menge an freien Radikalen in dieser entscheidenden Phase eine Rolle spielen. Nichtsdestoweniger können wir davon ausgehen, dass die Promotionsphase den größten Interventionsspielraum für die Krebsvorbeugung bietet, denn mehrere der dabei wirksamen Faktoren können durch die individuelle Lebensweise maßgeblich beeinflusst werden. Wie wir in den folgenden Kapiteln noch im Einzelnen sehen werden, besteht kein Zweifel daran, dass zahlreiche ernährungsbedingte Faktoren in dieser Phase eine positive Wirkung entfalten können, indem sie den zukünftigen Tumor auf ein frühes Stadium beschränken. Diese Prävention ist von entscheidender Bedeutung, denn die transformierten Zellen, die die beiden ersten Phasen überstanden haben, sind extrem gefährlich und werden es in der folgenden Phase der Progression noch mehr.

Die Selbstmordtendenzen der Zelle

Die Zelle hat ein äußerst detailliertes und rigoroses Programm entwickelt, um beschädigte oder nicht mehr funktionsfähige Zellen zum Rückzug zu zwingen: den Selbstmord! Die sogenannte Apoptose ermöglicht es dem Organismus, eine Zelle geordnet zu zerstören, ohne die benachbarten Zellen zu schädigen und ohne Entzündungsreaktionen im Gewebe auszulösen. Es handelt sich also um einen zentralen Vorgang, der an mehreren biologischen Prozessen wie der Embryonalentwicklung, der Eliminierung inkompetenter Immunsystemzellen sowie – und das ist der neuralgische Punkt im Fall von Krebs – an der Zerstörung von Zellen mit schweren Schädigungen der DNA beteiligt ist.

3. Progression

Erst im Verlauf dieses Prozesses erringt die entartete Zelle ihre Unabhängigkeit und entwickelt die zunehmend malignen Eigenschaften, die ihr ein Eindringen in das Nachbargewebe und sogar die Ausbreitung in fremdes Gewebe des Organismus in Form von Metastasen erlauben. Alle Krebszellen aus Tumoren, die dieses Stadium erreicht haben, weisen sechs gemeinsame Charakteristika auf, die man gewissermaßen als »Signatur« von Krebs im reifen Stadium betrachten kann. Das ist der Grund, weshalb Krebs eine so schwer zu behandelnde Krankheit ist: Weil die reifen Krebszellen all diese neuen Eigenschaften erworben haben, sind sie in gewisser Weise eine neue Form von Leben geworden, die sich autonom reproduzieren und einer Fülle von widrigen Bedingungen widersetzen kann.

Die sechs Signaturen von Krebs