Beschreibung

Der Bestseller – vollständig überarbeitet

Zehn Jahre nach der ersten deutschen Ausgabe erscheint nun die lang erwartete Aktualisierung des erfolgreichen Bestsellers zur Krebsprävention.

Dieses informative Buch zeigt, dass man durch den Verzehr bestimmter Nahrungsmittel das Krebsrisiko signifikant reduzieren kann. Es beschreibt anschaulich, welche die besten krebshemmenden Nahrungsmittel sind und wie sie wirken. Sowohl Menschen, die aktiv und wirkungsvoll vorbeugen wollen, wie auch an Krebs Erkrankte, die ihre Behandlung auf natürliche Weise unterstützen möchten, finden darin eine wertvolle Orientierung für ihre tägliche Ernährung. Mit vielen praktischen Tipps und zahlreichen farbigen Abbildungen.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Seitenzahl: 424


Über das Buch

Krebs wirkungsvoll vorbeugen – tagtäglich und mit Genuss

Durch eine Veränderung unserer Ernährung können wir unser Krebsrisiko deutlich verringern. Welche Lebensmittel eine besonders günstige Wirkung haben und warum, zeigen die Molekularmediziner Richard Béliveau und Denis Gingras in ihrem überaus erfolgreichen Buch.

Sie erfahren, welche Faktoren bei der Entstehung von Krebs eine Rolle spielen, welche Nahrungsmittel positiven Einfluss auf diese Faktoren haben, wie sie wirken und wie sie angewendet werden können. Ob Sie aktiv und wirkungsvoll vorbeugen wollen oder ob Sie an Krebs erkrankt sind und Ihre Behandlung auf natürliche Weise unterstützen möchten: Dieses Buch bietet wertvolle Orientierung für Ihre tägliche gesunde Ernährung.

Die vorliegende Ausgabe wurde vollständig überarbeitet. Sie finden darin neueste Forschungsergebnisse, zum Beispiel zu:

krebshemmenden sekundären Pflanzenstoffen der Rolle von Entzündungen bei Krebsder Wirkung von Fetten, Alkohol, Soja und Salz•Gesundheitsempfehlungen der WHO

Ein informatives und hilfreiches Buch mit vielen praktischen Tipps zur einfachen Umsetzung.

Prof. Dr. med. Richard Béliveau Dr. med. Denis Gingras

Krebszellen mögen keine Himbeeren

Nahrungsmittel gegen Krebs

Das Immunsystem stärken und gezielt vorbeugen

Aktualisierte Neuausgabe

Aus dem Französischen von Hanna van Laak

Kösel

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Vollständig überarbeitete und aktualisierte Neuausgabe

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel »Les aliments contre le cancer. La prévention du cancer par l’alimentation«

Nouvelle édition revue et augmentée.

Copyright © Les Èditions du Trécarré, 2016

Published by arrangement with Groupe Librex Inc., doing business under the name Èditions du Trécarré, Montréal, Qc, Canada

Copyright für die deutsche Ausgabe © 2017 Kösel-Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München

Umschlag: Weiss Werkstatt München, nach Vorlage der Originalausgabe

Umschlagmotive: © shutterstock / hlphoto | © shutterstock / Elovich | © shutterstock / deeepblue | © shutterstock / Sea Wave | © shutterstock / Kseniia Perminova | © shutterstock / Ewais | © shutterstock / Jiri Vaclavek | © shutterstock / katarinag | © shutterstock / Maksym Poriechkin | © shutterstock / Sergio Stakhnyk | © shutterstock / Alina Reviakina

Grafische Konzeption: Axel Pérez de Léon

Illustrationen: Michel Rouleau

Autorenfotos: Julien Faugère

Layout und Satz der deutschen Ausgabe: Nadine Clemens, München, nach Vorlage der Originalausgabe

ISBN 978-3-641-20588-1V003

Weitere Informationen zu diesem Buch und unserem gesamten lieferbaren Programm finden Sie unter www.koesel.de

Dieses Buch ist allen Menschen gewidmet, die an Krebs leiden.

Unser aufrichtiger Dank gehört den großzügigen Auftraggebern des Lehrstuhls für Krebsprävention und -behandlung, insbesondere Nautilus Plus, die uns durch ihre finanzielle Unterstützung die Fortsetzung unserer Forschungsarbeiten ermöglichen.

Inhalt

Vorworte

Teil 1 – Krebs: Ein schrecklicher Feind

Kapitel 1 – Die Geißel Krebs

Kapitel 2 – Was ist Krebs?

Kapitel 3 – Krebs: eine Frage der zellulären Umgebung

Kapitel 4 – Krebsprävention durch Ernährung

Kapitel 5 – Sekundäre Pflanzenstoffe: ein Anti-Krebs-Cocktail auf Ihrem Teller!

Teil 2 – Krebshemmende Nahrungsmittel

Kapitel 6 – Krebszellen verabscheuen Kohl

Kapitel 7 – Knoblauch und Zwiebeln, oder: Wie man den Krebs in die Flucht schlägt

Kapitel 8 – Soja: ein außergewöhnlicher Lieferant von krebshemmenden Phytoöstrogenen

Kapitel 9 – Gewürze: das Salz in der Suppe der Krebsprävention

Kapitel 10 – Grüner Tee: sanft zur Seele, hart zum Krebs

Kapitel 11 – Die Liebe zu den Beeren

Kapitel 12 – Omega-3-Fettsäuren: endlich gute Fette!

Kapitel 13 – Tomaten: ein rotes Tuch für den Krebs

Kapitel 14 – Zitrusfrüchte: Anti-Krebs-Moleküle in der Schale

Kapitel 15 – In vino veritas

Kapitel 16 – Biologische Vielfalt als Waffe gegen Krebs

Teil 3 – Krebsprävention im Alltag

Kapitel 17 – Auf den Speiseplan: Kampf dem Krebs

Schluss

Bibliographie

Bildnachweis

Die Autoren

Vorwort der Neuausgabe

Unsere Sicht auf den Krebs hat sich in den letzten Jahren erheblich verändert. Während man ihn lange für eine tödliche Krankheit hielt, die von einem Tag auf den anderen zuschlägt, weiß man heute, dass es sich eher um eine chronische Erkrankung handelt, die in den meisten Fällen mehrere Jahrzehnte braucht, bis sie ein klinisches Stadium erreicht. Wir alle haben unreife Tumoren in uns und damit ein hohes Risiko, an Krebs zu erkranken. Die Fortschritte in der Forschung haben jedoch klar gezeigt, dass man die Progression der unreifen Krebszellen durch positive Lebensgewohnheiten verlangsamen kann, die diese daran hindern, die erforderlichen Mutationen zu durchlaufen und ein reifes Stadium zu erreichen. Das Hauptziel der Krebsprävention besteht folglich weniger darin, die Entstehung von Krebszellen zu verhindern, als vielmehr darin, ihre Progression so weit zu verzögern, dass sie im Laufe der acht oder neun Jahrzehnte eines menschlichen Lebens nicht das Stadium eines reifen Krebs erreichen.

Viele Untersuchungen der vergangenen zehn Jahre haben bestätigt, dass die Ernährungsgewohnheiten der westlichen Welt eine herausragende Rolle bei der hohen Zahl an Neuerkrankungen spielen, von denen unsere Gesellschaften betroffen sind. Ausnahmslos alle Länder, die die in westlichen Ländern verbreitete Ernährungsweise übernehmen – viel Zucker, Fleisch und industriell verarbeitete Lebensmittel, aber wenig Gemüse –, sehen sich mit einer erschreckenden Zunahme von Fettleibigkeit, Diabetes und verschiedenen Krebsarten konfrontiert.

Diese Erkenntnisse sind so wichtig, dass sie eine vollständige Überarbeitung dieses Buches notwendig machen, um die neuesten Forschungsergebnisse darin aufzunehmen. Das Präventionspotenzial bei Krebs bleibt absolut bemerkenswert, denn zwei Drittel aller Krebserkrankungen können mit Hilfe einfacher Veränderungen unserer Lebensweise, einschließlich der Ernährungsgewohnheiten, vermieden werden.

Teil 1

Krebs: Ein schrecklicher Feind

Kapitel 1 – Die Geißel Krebs

Kapitel 2 – Was ist Krebs?

Kapitel 3 – Krebs: eine Frage der zellulären Umgebung

Kapitel 4 – Krebsprävention durch Ernährung

Kapitel 5 – Sekundäre Pflanzenstoffe: ein Anti-Krebs-Cocktail auf Ihrem Teller!

Fast alle Unglücksschläge unseres Lebens rühren von den falschen Vorstellungen her,die wir uns über das machen, was uns zustößt.

Stendhal, Journal (1801–1805)

Kapitel 1

Zusammenfassung

Die individuelle Lebensweise hat einen maßgeblichen Einfluss auf das Risiko, an Krebs zu erkranken.Etwa ein Drittel der Krebserkrankungen ist direkt mit der Ernährungsweise verbunden.Eine abwechslungsreiche Ernährung mit viel Obst und Gemüse, verbunden mit einer Kontrolle der Kalorienzufuhr zur Vermeidung von Übergewicht, ist eine einfache und wirkungsvolle Methode, um das Risiko einer Krebserkrankung entscheidend zu reduzieren.

Wenn du den Feind und dich selbst erkennst,brauchst du den Ausgang von hundert Schlachten nicht zu fürchten.

Sun Tzu, Die Kunst des Krieges

Kapitel 2

Was ist Krebs?

Obwohl seit Jahrzehnten viel Energie und Milliarden von Dollars in die Forschung fließen, entzieht sich eine große Zahl von Krebsarten nach wie vor jeder Behandlung. Und selbst wenn gegen bestimmte Krebserkrankungen Behandlungsmethoden zur Verfügung stehen, bleibt die langfristige Überlebensrate der Patienten noch zu oft hinter den Erwartungen zurück. Mehrmals schon erwiesen sich neue Medikamente, in die große Hoffnungen gesetzt wurden, als weitaus weniger wirkungsvoll als vorhergesagt und in manchen Fällen sogar als vollkommen wirkungslos. Was macht die Krebsbehandlung so schwierig? Das ist eine zentrale Frage, mit der wir uns beschäftigen müssen, bevor wir uns neuen Mitteln zuwenden, mit denen wir diese Krankheit zu bekämpfen hoffen.

Oft ist es ja möglich, den Charakter und die Motivationen, die Stärken und Schwächen eines Menschen in groben Zügen zu erfassen, ohne dass man deswegen alle Einzelheiten seines Lebens kennen muss. So ließe sich in etwa auch das Ziel dieses Kapitels formulieren: Es soll Ihnen helfen, Krebszellen besser zu verstehen, indem Sie die groben Züge ihrer »Persönlichkeit« und die Beweggründe begreifen, die sie dazu treiben, in das Nachbargewebe einzudringen und zu wachsen, bis sie das Leben der Betroffenen bedrohen; Sie sollen erfahren, was diese Zellen so erfolgreich macht und – wichtiger noch – wo ihre Schwächen liegen, damit Sie sich besser davor schützen können. Wenn wir begreifen, was Krebs ist, dann werden wir erkennen, dass diese Krankheit ein furchtbarer Feind ist, dem wir mit großem Respekt begegnen müssen, damit er uns nicht besiegt. Doch nur, wenn wir den Krebs begreifen, können wir ihn in Schach halten und uns seine Schwächen zunutze machen.

Die Wurzel allen Übels: die Zelle

Die Zelle ist die Basiseinheit allen Lebens auf der Erde – beginnend vom einfachsten Bakterium, das nur aus einer einzigen Zelle besteht, bis zu hochkomplexen Organismen wie dem Menschen, der mehr als 37 000 Milliarden Zellen besitzt. Diese kleine, kaum 10–100 µm große Struktur (ein µm ist ein Tausendstel Millimeter) ist ein wahres Meisterwerk der Natur – ein Puzzle von unerhörter Komplexität, das die Forscher, die seine Geheimnisse zu durchdringen versuchen, noch immer fasziniert. Die Zelle hat noch lange nicht all ihre Geheimnisse preisgegeben, aber man weiß bereits, dass eine Entgleisung bestimmter Funktionen eine wesentliche Rolle bei der Entstehung von Krebs spielt. Unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten ist Krebs daher vor allem und in erster Linie eine Krankheit der Zelle.

Um die Zelle besser zu verstehen, können wir sie mit einer Stadt vergleichen, in der sämtliche für das Wohlbefinden des Gemeinwesens notwendigen Funktionen auf verschiedene Orte verteilt wurden, damit alle Arbeiter ihre Aufgaben unter optimalen Bedingungen erfüllen können. Vier Hauptbestandteile der Zelle spielen eine wesentliche Rolle bei der Entstehung von Krebs (Abbildung 10).

Abbildung 10

Der Kern

Der Kern ist die Bibliothek der Zelle, der Ort, an dem alle Gesetzestexte, nämlich die Gene, gelagert sind; sie regulieren die Verwaltung der Stadt. Die Zellen enthalten etwa 25 000 Gesetze, die in einem umfangreichen Text, der DNA, abgelegt sind. Dieser ist in einem seltsamen Alphabet verfasst, das nur vier Buchstaben enthält: A, T, C und G. Es ist wichtig, diese Gesetze zu lesen, denn sie diktieren der Zelle ihr Verhalten und bewegen sie zur Produktion von Proteinen, die für ihr reibungsloses Funktionieren und für ihre adäquate Reaktion auf jede Veränderung ihrer Umgebung essenziell sind. So folgt beispielsweise auf den Alarm, dass es der Zelle gleich an Zucker fehlen wird, unmittelbar die Lesung und Ausführung eines Gesetzes, das die Bildung neuer Proteine bewilligt, die auf den Transport von Zucker spezialisiert sind, und dadurch werden wieder ausreichend Zuckerreserven für das Überleben der Zelle bereitgestellt. Wenn beim Lesen dieser Gesetze Fehler auftreten, dann sind die gebildeten Proteine unfähig, ihre Aufgabe adäquat zu erfüllen und können stattdessen zur Bildung von Krebs beitragen.

Die Proteine

Die Proteine sind die »Arbeitskräfte« der Stadt. Sie sind es, die die meisten für den Fortbestand der Zelle notwendigen Aufgaben erfüllen: Transport von Nährstoffen aus dem Blutkreislauf, Kommunikation von Botschaften, die von außen kommen, um die Zelle über Veränderungen in ihrer Umgebung zu informieren, Umwandlung von Nährstoffen zur Energieversorgung etc. Viele Proteine sind Enzyme, gewissermaßen die »Ingenieure« der Zelle, denn sie besitzen die Fähigkeit, nicht nutzbare Substanzen in Stoffe umzuwandeln, die für die Zelle lebenswichtig sind. Eine Reihe von Enzymen ermöglicht es der Zelle, sich schnell an jede Veränderung der Umgebung anzupassen, indem sie die Funktion anderer Proteine auf subtile Weise beeinflusst. Insofern ist es von zentraler Bedeutung für die Zelle, stets sicherzustellen, dass beim Lesen der Gesetze, die die Produktion dieser Enzyme regeln, keine Abweichungen vom Originaltext auftreten. Denn eine ungenaue Lektüre bewirkt die Produktion von modifizierten Proteinen, die nicht mehr fähig sind, ihre Aufgabe ordnungsgemäß zu erfüllen oder die einen mit dem zellulären Gleichgewicht unvereinbaren Übereifer entwickeln. Krebs entsteht also immer durch Fehler in der Bildung der Proteine, insbesondere der Enzyme.

Das Mitochondrium

Es ist das Kraftwerk der Stadt, der Ort, an dem die Energie, die in Nahrungsmolekülen (Zucker, Proteine, Lipide) enthalten ist, in zelluläre Energie (ATP) umgewandelt wird. Bei diesem Prozess dient Sauerstoff als Brennstoff, und das führt unglücklicherweise zur Bildung toxischer Abfallprodukte, den sogenannten freien Radikalen. Diese Abfallprodukte können eine Krebserkrankung auslösen, indem sie in den Gesetzestexten (Genen) Veränderungen, das heißt Mutationen hervorrufen, die zu Fehlern in der Proteinproduktion führen.

Die Zellmembran

Diese Struktur, die die Zelle umgibt, besteht aus Lipiden und bestimmten Proteinen und wirkt wie eine Mauer. Ihr Zweck ist es, alle Aktivitäten der Zelle an einem Ort zu konzentrieren. Die Zellmembran spielt dabei eine extrem wichtige Rolle, denn sie fungiert als Barriere zwischen dem Zellinneren und dem äußeren Milieu. Sie ist eine Art Filter, der zwischen den Substanzen, die in die Zelle eindringen können, und denen, die ausgeschieden werden, sortiert. Sie enthält verschiedene Proteine, Rezeptoren genannt, die die chemischen Signale im Blutkreislauf aufspüren und der Zelle dadurch kodierte Botschaften übermitteln, damit sie adäquat auf Veränderungen ihrer Umgebung reagieren kann. Diese Funktion ist lebenswichtig für die Zelle. Es ist daher leicht nachvollziehbar, dass eine ungenaue Lektüre der Gene (der Gesetze), die die Bildung dieser Proteine steuern, dramatische Folgen haben kann. Denn wenn eine Zelle nicht mehr versteht, was außerhalb ihrer Grenzen vor sich geht, dann verliert sie ihre Orientierungspunkte und beginnt, sich eigenmächtig zu verhalten, ohne sich um die Zellen in ihrer Umgebung zu kümmern. Ein sehr gefährliches Verhalten, das zu Krebs führen kann.

Gruppenzwang

Was treibt eine Zelle dazu, zur Krebszelle zu werden? Die meisten Menschen wissen, dass Krebs durch unkontrolliertes Zellwachstum verursacht wird, doch die Gründe, die zu einem solchen Verhalten führen, sind ihnen in der Regel unbekannt. Wie in jeder klassischen psychologischen Analyse liegt auch hier die Antwort auf diese Frage in der Kindheit …

Die Zelle, wie sie jetzt existiert, ist das Evolutionsprodukt einer primitiven Zelle, die vor etwa 3,5 Milliarden Jahren auf der Erde erschien und weitaus mehr Ähnlichkeit mit einem Bakterium hatte als mit der Zelle in ihrer heutigen Gestalt. Im Laufe dieser langen Zeitspanne war die Urzelle enormen Veränderungen ihrer Umgebung (UV-Strahlen, Sauerstoffgehalt etc.) unterworfen, die sie dazu zwangen, permanent und nach dem Prinzip »Versuch und Irrtum« nach der »richtigen« Veränderung zu suchen, die ihr die größte Überlebenschance bot. Die Zelle verdankt diese große Anpassungsfähigkeit ihrer Fähigkeit, ihre Gene zu modifizieren und dadurch die Produktion neuer Proteine zu initiieren, die den neuen Herausforderungen besser gewachsen sind. Wir müssen also begreifen, dass die Gene, die berühmten »Gesetze«, von denen wir zuvor gesprochen haben, nicht unveränderlich sind. Sobald die Zelle erkennt, dass es zur Bewältigung eines Problems vorteilhaft wäre, diese Gesetze zu modifizieren, verändert sie deren Text: Das nennt man eine Mutation. Die Fähigkeit der Zellen, eine Mutation ihrer Gene zu bewirken, stellt folglich ein wesentliches Merkmal des Lebens dar. Ohne dieses Merkmal hätten wir nie das Tageslicht erblickt.

Vor etwa 600 Millionen Jahren haben die Zellen eine »Entscheidung« getroffen, die die folgenreichsten Konsequenzen in der gesamten Evolutionsgeschichte für das Leben auf der Erde hatte: Sie begannen sich zu Zellverbänden zusammenzuschließen und bildeten so die ersten mehrzelligen Organismen. Dabei handelte es sich um eine radikale Veränderung in der »Mentalität« der Zelle selbst, denn dieser Zusammenschluss bedeutete, dass das Überleben des Organismus dem der individuellen Zellen von nun an übergeordnet war. Die permanente Suche nach Verbesserungen für eine Anpassung an die Veränderungen der Außenwelt konnte damit nicht mehr auf Kosten der anderen Zellen des Organismus gehen. Anders gesagt, die früher individualistischen Zellen wurden allmählich altruistisch und verzichteten in gewisser Weise auf die grundlegende Freiheit, ihre Gene nach Gutdünken zu verändern. Diese Evolution setzte sich durch, weil sie beachtliche Vorzüge mit sich brachte. Allen voran die Tatsache, dass die verschiedenen Zellen ihre Aufgaben nun arbeitsteilig erfüllen konnten, um eine bessere Interaktion mit der Umwelt zu gewährleisten. So haben manche Zellen in einem primitiven Organismus beispielsweise besondere Fähigkeiten zur Identifizierung von Nährstoffen in ihrer unmittelbaren Umgebung entwickelt, während sich andere mehr darauf spezialisiert haben, Nährstoffe zu verdauen und dadurch Energie für den Organismus bereitzustellen. Um eine solche Spezialisierung einzuführen, mussten die Zellen ihre Gesetze ändern, damit sich neue Arten von Proteinen entwickelten, die ihre Leistungsfähigkeit verbesserten und ihnen eine noch effektivere Erfüllung ihrer Aufgabe ermöglichten. Diese Anpassungsfähigkeit ist die Basis der Evolution, doch bei mehrzelligen Organismen muss die Anpassung unbedingt für den gesamten Organismus vorteilhaft sein und nicht nur für eine einzelne Zelle.

Beim Menschen hat die Spezialisierung der Zellen ihre höchste Komplexität erreicht. Tatsächlich kann man sich nur schwer vorstellen, dass eine Hautzelle zum Beispiel auch nur irgendetwas mit einer Zelle der Niere gemeinsam hat, oder dass Muskelzellen einen gemeinsamen Ursprung mit Neuronen haben, die uns das Denken ermöglichen. Dennoch besitzen alle Zellen des menschlichen Körpers die gleiche genetische Ausstattung, also die gleichen Gesetzestexte in ihrem Kern. Wenn die Hautzelle sich von jener der Niere unterscheidet, so liegt dies nicht daran, dass sie nicht die gleichen Gene haben, sondern daran, dass sie nicht die gleichen Gene benutzen, um ihre Funktionen zu erfüllen. Anders gesagt, jede Zelle des menschlichen Körpers aktiviert nur die Gene, die ihren Aufgaben entspricht; dieses Phänomen wird als Zelldifferenzierung bezeichnet. Die Aufrechterhaltung dieser Differenzierung ist für ein adäquates Funktionieren des Organismus lebenswichtig, denn wenn die Neuronen, die uns das Denken ermöglichen, plötzlich beschließen würden, sich wie Hautzellen zu benehmen und keine Nervenimpulse mehr weiterzuleiten, dann würde der gesamte Organismus darunter leiden. Das Gleiche gilt für jedes beliebige andere Organ; jeder Zelltyp muss die Aufgabe erfüllen, die ihm zum Wohle aller Zellen zugewiesen wurde. Wenn man bedenkt, dass der menschliche Körper 37 200 Milliarden Zellen enthält, die sich allesamt aufeinander abstimmen müssen, dann kann man nur staunen über die Ordnung, die einer derart komplexen Struktur zugrunde liegt.

Ziviler Ungehorsam

Wie wir sehen, ist für das adäquate Funktionieren eines so komplexen Organismus wie des menschlichen Körpers die vollständige Unterdrückung althergebrachter Überlebensinstinkte der Zellen und der gemeinschaftliche Einsatz all ihrer Ressourcen erforderlich. Und so kann man sich auch leicht vorstellen, dass die Aufrechterhaltung dieser Funktionen eine heikle Angelegenheit ist und permanenten »Rebellionsversuchen« von Zellen ausgesetzt ist, die ihre Handlungsfreiheit wiedergewinnen wollen. Genau das geschieht unser ganzes Leben lang: Sobald eine Zelle Opfer eines Angriffs von außen wird, sei es durch eine krebserregende Substanz, einen Virus oder einen Überschuss an freien Radikalen, ist ihr erster Reflex, diesen Angriff als eine Herausforderung zu interpretieren, der sie sich, so gut sie kann, stellen muss. Das tut sie, indem sie ihre Gene so modifiziert, dass sie dieses Hindernis umgeht. Solche Aggressionen sind in unserem Leben an der Tagesordnung. Immer wieder rebellieren geschädigte Zellen und vergessen dabei ihre wesentliche Funktion für den Organismus als Ganzes. Damit die beschädigte Zelle nicht zu viel Autonomie gewinnt, wird der »gute Wille« der Zellen glücklicherweise durch strenge Regeln kontrolliert, die sicherstellen, dass der soziale Verhaltenscode immer respektiert wird. Dadurch können rebellische Zellen schnell eliminiert werden und die Aufrechterhaltung lebenswichtiger Funktionen ist gewährleistet.

Allerdings werden diese Regeln nicht hundertprozentig befolgt, und manchen Zellen gelingt es, Genmutationen in Gang zu setzen, durch die sie diese Regeln umgehen und einen Tumor bilden können. Das heißt, Krebs entsteht, wenn eine Zelle aufhört, die ihr zugewiesene Rolle zu spielen und sich weigert, mit den anderen zu kooperieren, um das reibungslose Funktionieren des Organismus zu gewährleisten. Eine solche Zelle wird zu einem von den anderen Zellen isolierten Gesetzesbrecher, sie reagiert nicht mehr auf die Anweisungen der Gesellschaft, in die sie eingebunden ist, und hat von nun an nur noch eines im Kopf: ihr eigenes Überleben und das ihrer Nachkommen zu sichern. Alles ist nun möglich. Die rebellische Zelle hat ihre uralten Überlebensinstinkte wiedergefunden.

Regel 1

Reproduktion ist nicht erlaubt, außer um eine tote oder beschädigte Zelle zu ersetzen.

Regel 2

Am Leben bleiben ist nicht erlaubt, wenn in der Struktur der Zelle, besonders auf der Ebene der DNA, Schäden entdeckt werden. Wenn die Schäden zu gravierend sind, ist Selbstmord obligatorisch!

Die Entstehung von Krebs

Es ist wichtig zu verstehen, dass diese Transformation der Zelle nicht automatisch bedeutet, dass sich unmittelbar ein Krebs im Organismus entwickelt. Wir werden später noch sehen, dass es im Laufe des Lebens regelmäßig zu solch delinquentem Verhalten kommt, ohne dass dies notwendig eine Krebserkrankung nach sich zieht. Man muss die Entstehung von Krebs vielmehr als einen allmählichen Prozess begreifen, der sich über mehrere Jahre hinweg unbemerkt vollziehen kann, bevor er sich durch den Ausbruch von Symptomen manifestiert. Diese »Langsamkeit«, mit der Krebs entsteht, ist extrem wichtig für uns, denn wie wir im Verlauf dieses Buches immer wieder sehen werden, bietet sie uns eine hervorragende Gelegenheit, in mehreren Phasen seiner Entwicklung zu intervenieren und die Entwicklung der mutierten Zelle zu einer reifen Krebszelle zu stoppen. Zwar wird jeder Krebs durch spezielle Faktoren ausgelöst, doch alle Krebserkrankungen durchlaufen im Großen und Ganzen den gleichen Entwicklungsprozess, der sich in drei große Abschnitte gliedert: Initiation, Promotion und Progression (Abbildung 11).

Abbildung 11

1. Initiation

Als Initiation bezeichnet man die Anfangsphase des Krebswachstums. Dabei findet in der DNA der Zellen eine erste Mutation statt. Mutationen können durch den Kontakt mit krebserregenden Faktoren (UV-Strahlen, Zigarettenrauch, bestimmte Viren) ausgelöst werden oder durch spontane Irrtümer, die sich bei der Erneuerung der Zellen einschleichen, oder auch infolge von vererbten genetischen Defekten. Eine solche Mutation ist irreversibel, wenn die Zelle nicht repariert oder ausgeschaltet wird.

Von wenigen Ausnahmen abgesehen (bestimmten Krebserkrankungen des Kindesalters beispielsweise) sind die prämalignen Zellen in diesem Stadium noch nicht ausreichend aktiviert, um als Krebszellen zu gelten. Sie haben vielmehr das Potenzial, Tumoren zu bilden, wenn sie weiterhin regelmäßig diesen karzinogenen Substanzen ausgesetzt sind oder wenn günstige Faktoren es der prämalignen Zelle ermöglichen, ihre Versuche fortzusetzen und neue Mutationen hervorzurufen, die ihr eine autonome Entwicklung ermöglichen. Wie wir sehen werden, haben manche Wirkstoffe in Nahrungsmitteln die Eigenschaft, diese potenziellen Tumoren in einem latenten Zustand zu halten und können somit die Ausbildung von Krebs verhindern.

2. Promotion

Im Verlauf dieser Phase setzt sich die prämaligne Zelle über die zuvor beschriebenen Regeln 1 und 2 hinweg und erreicht so die kritische Schwelle zu einer entarteten Zelle. Die weit überwiegende Zahl der aktuell laufenden Untersuchungen über Krebs befasst sich mit der Identifizierung jener Faktoren, die den Zellen eine Umgehung dieser beiden Regeln ermöglichen. Im Allgemeinen produzieren Krebszellen, um die Regel 1 zu umgehen, große Mengen von Proteinen, die den Zellen ein autonomes Zellwachstum ohne äußere Hilfe ermöglichen. Parallel dazu müssen sich Zellen, die sich zu Krebszellen entwickeln wollen, unbedingt der Proteine entledigen, die für die Anwendung von Regel 2 verantwortlich sind, andernfalls würden alle Anstrengungen unverzüglich durch einen Mechanismus des programmierten Zellselbstmords, genannt Apoptose, zunichtegemacht werden. In beiden Fällen führen die Mutationen, die eine Veränderung der Proteinfunktionen auslösen, zu einer unkontrollierten Proliferation dieser entarteten Zellen und machen sie unsterblich. Allerdings handelt es sich dabei um eine schwierige Phase, die sich über einen langen Zeitraum (1 bis 40 Jahre) erstreckt, denn die Zelle muss zahllose Mutationsversuche durchführen, um die für ihr Wachstum notwendigen Merkmale zu erwerben.

Welche Faktoren eine Zelle dazu bewegen, gegenüber den zwei großen Regeln, die das Leben der Zelle beherrschen, den Gehorsam zu verweigern, ist weitgehend unbekannt. Es ist allerdings möglich, dass bestimmte Hormone und bestimmte Wachstumsfaktoren sowie auch die Menge an freien Radikalen in dieser entscheidenden Phase eine Rolle spielen. Nichtsdestoweniger können wir davon ausgehen, dass die Promotionsphase den größten Interventionsspielraum für die Krebsvorbeugung bietet, denn mehrere der dabei wirksamen Faktoren können durch die individuelle Lebensweise maßgeblich beeinflusst werden. Wie wir in den folgenden Kapiteln noch im Einzelnen sehen werden, besteht kein Zweifel daran, dass zahlreiche ernährungsbedingte Faktoren in dieser Phase eine positive Wirkung entfalten können, indem sie den zukünftigen Tumor auf ein frühes Stadium beschränken. Diese Prävention ist von entscheidender Bedeutung, denn die transformierten Zellen, die die beiden ersten Phasen überstanden haben, sind extrem gefährlich und werden es in der folgenden Phase der Progression noch mehr.

Die Selbstmordtendenzen der Zelle

Die Zelle hat ein äußerst detailliertes und rigoroses Programm entwickelt, um beschädigte oder nicht mehr funktionsfähige Zellen zum Rückzug zu zwingen: den Selbstmord! Die sogenannte Apoptose ermöglicht es dem Organismus, eine Zelle geordnet zu zerstören, ohne die benachbarten Zellen zu schädigen und ohne Entzündungsreaktionen im Gewebe auszulösen. Es handelt sich also um einen zentralen Vorgang, der an mehreren biologischen Prozessen wie der Embryonalentwicklung, der Eliminierung inkompetenter Immunsystemzellen sowie – und das ist der neuralgische Punkt im Fall von Krebs – an der Zerstörung von Zellen mit schweren Schädigungen der DNA beteiligt ist.

3. Progression

Erst im Verlauf dieses Prozesses erringt die entartete Zelle ihre Unabhängigkeit und entwickelt die zunehmend malignen Eigenschaften, die ihr ein Eindringen in das Nachbargewebe und sogar die Ausbreitung in fremdes Gewebe des Organismus in Form von Metastasen erlauben. Alle Krebszellen aus Tumoren, die dieses Stadium erreicht haben, weisen sechs gemeinsame Charakteristika auf, die man gewissermaßen als »Signatur« von Krebs im reifen Stadium betrachten kann. Das ist der Grund, weshalb Krebs eine so schwer zu behandelnde Krankheit ist: Weil die reifen Krebszellen all diese neuen Eigenschaften erworben haben, sind sie in gewisser Weise eine neue Form von Leben geworden, die sich autonom reproduzieren und einer Fülle von widrigen Bedingungen widersetzen kann.

Die sechs Signaturen von Krebs

Anarchisches Wachstum: Krebszellen können sich auch ohne chemische Signale reproduzieren.Gehorsamsverweigerung gegenüber dem Befehl zum Wachstumsstopp, den die Nachbarzellen ausgeben, wenn sie die dem Gewebe drohende Gefahr erkennen.Verweigerung des Zellselbstmords durch Apoptose, wodurch die Kontrolle durch die Schutzmechanismen der Zelle ausgeschaltet wird.Fähigkeit zur Bildung neuer Blutgefäße durch Angiogenese, wodurch die Versorgung mit Sauerstoff und Nährstoffen, die für das Wachstum lebensnotwendig sind, gesichert ist.Unsterblichkeit: Die Aneignung all dieser Merkmale führt dazu, dass Krebszellen unsterblich und zur unbegrenzten Reproduktion fähig werden.Fähigkeit, in andere Gewebe des Organismus einzudringen und sie zu besiedeln, zunächst räumlich begrenzt, später in Form von Metastasen.

Krebsbehandlung: die Grenzen der aktuellen Verfahren

Es gibt kein einheitliches Verfahren zur Behandlung von Krebs: Die Krebsart, die Größe und der betroffene Körperteil sowie die Art der Krebszellen (meist als »Stadium« bezeichnet) ebenso wie der allgemeine Gesundheitszustand des Patienten – all diese Faktoren stellen wichtige Parameter für die Wahl der besten Behandlungsstrategie dar. In den meisten Fällen kommen die operative Entfernung des Tumors, Bestrahlung und Chemotherapie gleichzeitig oder nacheinander zur Anwendung. Ein recht gängiges Verfahren besteht in der chirurgischen Entfernung des Tumors, gefolgt von einer Strahlen- oder Chemotherapie zur Eliminierung der noch verbliebenen Krebszellen.

Trotz der bedeutenden Fortschritte dank dieser therapeutischen Ansätze bleibt Krebs eine sehr schwer behandelbare Krankheit. Die Schwierigkeiten sind auf die drei großen Grenzen der aktuellen Therapien zurückzuführen.

Nebenwirkungen. Eines der Hauptprobleme der Chemotherapie ist ihre Toxizität für viele gesunde Zellen des Organismus, die vielfältige Nebenwirkungen hervorruft. Hier seien nur der Rückgang der Immunzellen und der Blutplättchen (Thrombozyten), Anämie, Störungen des Verdauungstrakts (Übelkeit, Reizung der Magenschleimhaut) und Haarausfall (Alopezie) erwähnt, ganz zu schweigen von verschiedenen Komplikationen an Herz, Niere oder anderen Organen. Die Folge ist, dass die Dauer der Behandlung durch diese starken Nebenwirkungen oft eingeschränkt ist und die Krebszellen deshalb nicht vollständig eliminiert werden können. Außerdem lösen bestimmte chemotherapeutische Medikamente, die bei der Behandlung von Tumoren eingesetzt werden, Mutationen der DNA aus. Diese Medikamente sind also per Definition krebserregend und können das Krebsrisiko langfristig mehr oder minder stark erhöhen.

Resistenz. Zwar werden im Allgemeinen alle Tumoren durch die Chemo- oder Strahlentherapie stark verkleinert oder sogar eliminiert (man sagt dann, dass die Tumoren auf die Behandlung »ansprechen«), doch kommt es nach einer gewissen Zeit oft zu einem Rückfall. Die sogenannten Rezidive verheißen meist nichts Gutes, denn die neuen Tumoren sind oft gegen eine Vielzahl von Behandlungen resistent.

Um sich an das Gift anzupassen, setzen Tumorzellen im Fall einer chemotherapeutischen Behandlung oft die Produktion bestimmter Proteine in Gang, die die Medikamente aus der Zelle »hinauspumpen« – dadurch können sie keinen Schaden im Innern mehr anrichten. Ein anderer Mechanismus beruht darauf, dass sie sich von den Genen befreien, die sie zum Selbstmord treiben würden, sobald das Medikament in die Zelle eindringt. Kurzum, selbst wenn eine Chemotherapie 99,9 Prozent der Krebszellen abtötet: Es genügt, dass eine einzige von ihnen überlebt und sich ein neues Merkmal aneignet, das sie gegen das Medikament resistent macht, damit ein neuer Tumor entstehen kann. Dieser besteht dann aus den geklonten Zellen dieser Tumorzelle und ist noch gefährlicher als der vorhergehende Tumor. Wie schon gesagt, man darf sich über die Anpassungsfähigkeit der Krebszellen nicht zu sehr wundern, denn dieser Adaptationsmechanismus ist die Grundlage allen Lebens auf der Erde. Selbst weniger hoch entwickelte Zellen sind oft in der Lage, Mittel und Wege zu finden, um neue Hindernisse zu überwinden. Das zeigt auch das Wiederaufflammen bestimmter Krankheiten infolge einer erworbenen Resistenz von Bakterien gegen mehrere Klassen von Antibiotika.

Abbildung 12

Heterogenität der Tumoren. Es gibt enorme Unterschiede in der Zusammensetzung von Tumoren, sowohl zwischen verschiedenen Individuen wie auch innerhalb ein und desselben Karzinoms. Die Analyse verschiedener anatomischer Regionen eines Lungenkarzinoms beispielsweise zeigt die Existenz mehrerer unterschiedlicher genetischer Defekte, von denen sich jeder auf seine eigene Art und Weise entwickelt hat. Mit anderen Worten, eine Krebsmasse ist nicht ein einziger Krebs, sondern eine Kombination aus mehreren Tumoren, von denen jeder mehrere Millionen vollkommen degenerierte Zellen enthält (Abbildung 12). Im gleichen Sinne ist ein »Brustkrebs« ein allgemeiner Begriff, der eine Familie von mindestens zehn verschiedenen Krankheiten einschließt, von denen jede einen eigenen molekularen Abdruck und bestimmte spezifische Merkmale aufweist. Diese große Heterogenität führt dazu, dass eine bestimmte Behandlung zwar ein Onkogen, das das Wachstum eines Tumors begünstigt, ausschalten kann; der Tumor enthält aber möglicherweise Unterpopulationen von Zellen, die andere Mittel für ihre Vermehrung einsetzen und gegen diese Behandlung resistent sind. Aus diesem Grund sind sogar die neuen Therapien, die spezifische genetische Anomalien der Tumoren ins Visier nehmen, trotz der teilweise exorbitanten Kosten dieser Medikamente oft nicht in der Lage, eine Mehrheit von Patienten zu heilen.

All diese Faktoren veranschaulichen, wie ungeheuer komplex eine bis zum reifen Stadium fortgeschrittene Krebserkrankung ist und wie ungeheuer schwer sie erfolgreich zu behandeln ist. Man darf aber keinesfalls vergessen, dass das Auftreten eines Tumors kein Werk des Augenblicks ist, sondern vielmehr Resultat eines langen Prozesses, der sich über mehrere Jahre erstreckt. Während dieser Zeit verwandelt sich die Zelle, nachdem sie durch einen Fehler in ihrer genetischen Ausstattung »aufgeweckt« wurde, von Grund auf, um die vielfältigen Hindernisse zu überwinden, die ihr während ihrer gesamten Entwicklung in den Weg gelegt werden. Der wichtigste Punkt dieses langen Prozesses bleibt, dass Krebszellen viele Jahre, ja Jahrzehnte lang extrem verletzbar bleiben und dass nur wenige von ihnen ein bösartiges Stadium erreichen. Diese Verletzbarkeit ermöglicht es uns, an mehreren Stellen der Tumorentwicklung einzugreifen und dadurch den Ausbruch von Krebs zu verhindern.

Im Verlauf dieses Buches werden wir immer wieder nachdrücklich auf diesen Punkt hinweisen, denn es handelt sich hierbei um einen zentralen Aspekt jeder Strategie zur Reduzierung der krebsbedingten Todesfälle: Wenn man die Zahl der Krebserkrankungen in unseren Gesellschaften senken will, dann muss man den Tumor angreifen, solange er verletzbar ist. Die Tumorzelle gewinnt eine furchtbare Macht, indem sie sich sozusagen die ursprünglichen Instinkte ihrer Vorfahren wieder aneignet, die deren autonomes Überleben garantierten. Und genau das macht es so schwierig, den Krebs zu bekämpfen: Der Versuch, diese primitiven Zellen zu zerstören, bedeutet nichts anderes, als eben die Anpassungsfähigkeit zu eliminieren, die uns erst hervorgebracht hat. Es bedeutet, die Kräfte zu zerstören, die am Ursprung des Lebens stehen.

Zusammenfassung

Krebs ist eine Krankheit, die durch die Entgleisung der Zellfunktionen verursacht wird. Mit fortschreitender Störung nimmt die Zelle allmählich bestimmte Merkmale an, die es ihr ermöglichen, sich zu vermehren und in fremdes Gewebe des Organismus einzudringen.In der Regel erstreckt sich der Erwerb dieser Merkmale über eine lange Zeitspanne. Diese Latenzphase bietet eine hervorragende Gelegenheit einzuschreiten, um zu verhindern, dass die Tumoren ihr reifes Endstadium erreichen.

Auch der größte Baum ist aus einem winzigen Samen hervorgegangen.

Laotse (570–490 v. Chr.)

Kapitel 3

Krebs: eine Frage der zellulären Umgebung

Gibt es eine Schwachstelle im Panzer der Tumorzellen, die unsere Siegeschance erhöhen könnte? Die Antwort lautet: Ja. Denn trotz ihrer Stärke, ihrer Vielseitigkeit und ihrer genetischen Instabilität kann die Krebszelle allein nicht das Gewebe infiltrieren, in dem sie sich befindet. Sie benötigt dazu eine Umgebung, die dieses Wachstum begünstigt; ein Milieu, das sie mit den für ihre Weiterentwicklung lebenswichtigen Nährstoffen versorgt und ihrem unablässigen Streben nach jenen Mutationen entgegenkommt, die für die Verwirklichung ihrer Invasionsabsichten unabdingbar sind. Wenn wir effektiv gegen die Entwicklung von Krebs vorgehen wollen, müssen wir daher unbedingt die Entstehung eines solchen krebsfördernden Milieus verhindern.

Ein Samen im Boden

Man kann die Entwicklung von Krebs in gewisser Weise mit der eines Samens in der Erde vergleichen, eines Samens, der auf den ersten Blick verletzlich erscheint, der jedoch unter günstigen Bedingungen die unglaubliche Fähigkeit besitzt, sich sämtliche in der Erde verborgenen Reichtümer zunutze zu machen, um bis zur vollen Reife zu wachsen (Abbildung 13). Im Fall der Pflanze weiß man, dass dieser Samen auf eine adäquate Versorgung mit Sonne und Wasser angewiesen ist, zwei Faktoren, die für die Aufnahme der Nährstoffe aus dem Boden unerlässlich sind. Das Gleiche gilt für den Krebs: Mikrotumoren – egal ob genetischen Ursprungs oder im Laufe des Lebens erworben – sind aus eigener Kraft unfähig, aus den Nährstoffen des umliegenden Gewebes Nutzen zu ziehen. Tatsächlich besteht die Umgebung, in der diese präkanzerösen Zellen sich entwickeln (das sogenannte Stroma), aus einer großen Anzahl normaler Zellen, insbesondere Zellen des Bindegewebes. Dieses Milieu ist für Mikrotumoren wenig anfällig, ja es weist sogar krebshemmende Eigenschaften auf, die ihre Entwicklung behindern. Die Entwicklung dieser präkanzerösen Zellen ist also vollkommen von zusätzlichen Faktoren abhängig, die dieses Stroma »aktivieren« und zur Veränderung seines Status quo zwingen, damit sie die darin enthaltenen und für ihre Weiterentwicklung notwendigen Nährstoffe daraus ziehen können.

Abbildung 13

Zwei Arten krebsfördernder Faktoren in der unmittelbaren Umgebung der präkanzerösen Zellen sind für die Entstehung von Krebs besonders wichtig. Der erste, den man in gewisser Weise mit dem Wasser vergleichen kann, zielt auf die Verankerung des Samens im Boden, damit er sich dort festsetzt und seine regelmäßige Versorgung mit Nährstoffen gesichert ist. Zu diesem Zweck setzen Krebszellen chemische Signale frei, insbesondere den vaskulären endothelialen Wachstumsfaktor VEGF, um die Zellen eines in der Nähe befindlichen Blutgefäßes anzuziehen. Der VEGF dockt an einen Rezeptor auf der Oberfläche der Blutgefäßzellen an und regt diese dazu an, sich einen Weg zum Tumor zu bahnen. Möglich wird dies, indem sie das Nachbargewebe auflösen und genügend neue Zellen bilden, damit ein neues Blutgefäß entsteht. Dieses Phänomen der Bildung neuer Blutgefäße zur Deckung des Energiebedarfs von Tumoren wird Tumor-Angiogenese (aus dem Griechischen angio, Gefäß, und Genese, Bildung) genannt. Es leistet einen entscheidenden Beitrag zur Progression des Tumors, indem es ihm ein neues Netz von Blutgefäßen liefert, um seine Energieversorgung zu sichern und ihm die Invasion des Nachbargewebes zu ermöglichen (Abbildung 14).

Dieses von krebs- und Angiogenese-fördernden Faktoren stimulierte Wachstum würde jedoch deutlich langsamer vonstatten gehen, wenn der Mikrotumor nicht auf einen weiteren günstigen Faktor zählen könnte. Dieser beschleunigt den Prozess nämlich ähnlich wie die Sonne bei der Pflanze, indem er eine wichtige Quelle potenter Stimulatoren erschließt: die Entzündungszellen unseres Immunsystems. Mit anderen Worten: Wie Wasser und Sonne bei der Pflanze, so wirken krebsfördernde Faktoren und Entzündungszellen dergestalt zusammen, dass Krebsvorläuferzellen die Nährstoffe, welche sie für ihr Wachstum benötigen, aus ihrer unmittelbaren Umgebung schöpfen können.

Abbildung 14

Krebs: eine entzündliche Krankheit

Die durch das Immunsystem bewirkte Entzündung ist ein zentraler Mechanismus für die Unversehrtheit unseres Organismus; ohne sie wären wir auf Gedeih und Verderb den zahlreichen pathogenen Faktoren in unserer äußeren Umgebung ausgeliefert (siehe hier). Wird die Entzündung jedoch zu stark oder dauert sie zu lange an, dann kann sie die Entwicklung verschiedener Krankheiten auslösen und sogar die Progression von Krankheiten wie Krebs begünstigen. Schon die ersten Pathologen, die sich mit Krebs beschäftigten, kannten die enge Beziehung zwischen Krebs und Entzündung. Tatsächlich ist es ein fundamentales Merkmal zahlreicher Krebserkrankungen, dass in den Tumoren eine große Menge von Makrophagen und anderen Immunzellen zu finden sind. Dabei gilt im Allgemeinen, dass der Tumor umso gefährlicher und weiter fortgeschritten ist, je mehr davon nachzuweisen sind.

Dass Entzündungsprozesse eine immens wichtige Rolle bei der Entstehung von Krebs spielen, wird auch an der engen Beziehung zwischen verschiedenen, durch chronische Entzündungen verursachten Krankheiten einerseits und der drastischen Steigerung des damit verbundenen Krebsrisikos andererseits deutlich. Seit Langem ist bekannt, dass die chronische Entzündung, egal ob sie durch die fortgesetzte Gefährdung durch toxische Substanzen (Tabak, Asbestfasern), durch bestimmte Bakterien oder Viren (Helicobacter pylori, Hepatitisvirus) oder eine chronische Stoffwechselstörung verursacht wird, das Risiko einer Krebserkrankung der von diesen Entzündungsprozessen betroffenen Organe beträchtlich erhöht (Abbildung 15). So steigert die Entzündung, die durch die dauerhafte Präsenz von H. pylori im Magen verursacht wird, das Magenkrebsrisiko um das Drei- bis Sechsfache, während Colitis ulcerosa, eine chronisch-entzündliche Dickdarmerkrankung, das Risiko für Darmkrebs verzehnfacht. Diese Zusammenhänge sind keinesfalls Einzelfälle: Derzeit schätzt man, dass eine von sechs Krebserkrankungen weltweit direkt mit chronischen Entzündungsprozessen verbunden ist.

Die Entzündung: ein Verbündeter, der zum Feind werden kann

Als Immunsystem bezeichnet man die Gesamtheit der Phänomene, die uns dazu befähigen, uns gegen Aggressionen zu wehren, seien sie pathogener (Bakterien, Viren), chemischer oder traumatischer Natur. Dieses System kann man mit einer regelrechten Armee von Elitesoldaten vergleichen, die wie Spezialeinheiten für Zerstörungsaufgaben oder umschriebene Angriffe zuständig sind. An vorderster Front steht das »Entzündungsgeschwader«, eine Division, die Eindringlinge schnell neutralisieren soll. Die Zellen dieses Geschwaders, insbesondere bestimmte weiße Blutkörperchen, die sogenannten Makrophagen, heißen Entzündungszellen, weil sie hochreaktive Substanzen freisetzen, die potenziell pathogene Elemente eliminieren sollen, welche in unseren Körper einzudringen versuchen. Gleichzeitig löst dies eine Entzündungsreaktion aus, die leicht an Rötungen, Schwellungen oder Juckreiz erkennbar ist. Die Entzündungsreaktion setzt außerdem mit Hilfe einer Vielzahl von Wachstumsfaktoren, die von den Entzündungszellen freigesetzt werden, die Reparatur des beschädigten Gewebes in Gang. Diese Wachstumsfaktoren beschleunigen das Eintreffen gesunder Zellen und fördern die Bildung neuer Blutgefäße. Unter normalen Umständen ist diese Reaktion von kurzer Dauer, denn die ständige Anwesenheit von Entzündungszellen ist für das betroffene Gewebe äußerst irritierend. Wenn sie allerdings andauert, setzt ein chronischer Entzündungszustand ein, der heftige Schmerzen am Ort der Entzündung hervorrufen kann. Wie wir noch sehen werden, kann eine chronische Entzündung auch durch bestimmte Faktoren der Lebensweise begünstigt werden (Rauchen, Fettsucht, übermäßige Kalorienzufuhr, Mangel an Omega-3-Fettsäuren). Auch wenn dieser Typ einer chronischen Entzündung nicht unbedingt sichtbare Symptome hervorruft, so schafft er dennoch ein Klima, das das Zellwachstum in der Umgebung der Entzündung begünstigt; ein besonders gefährlicher Zustand, wenn das Gewebe Mikrotumoren aus Krebsvorläuferzellen enthält. Diese können dann die von den Entzündungszellen freigesetzten Wachstumsfaktoren sowie das in der Nähe des Entzündungsgeschehens neu entstandene Blutgefäßnetz nutzen, um sich zu einem reifen Tumor zu entwickeln.

Die Entzündung legt Feuer an die Lunte!

Die Mechanismen, durch die präkanzeröse Zellen sich Entzündungen zunutze machen, um sich zu einem reifen Stadium weiterzuentwickeln, sind komplex und zeigen einmal mehr, mit welchem außerordentlichen Geschick der Krebs sich alle Elemente in seiner unmittelbaren Umgebung zunutze macht, um sein Ziel zu erreichen.

Abbildung 15

So senden Krebszellen Botenstoffe an Entzündungszellen in ihrer Nähe und zwingen sie dadurch, eine große Anzahl an Wachstumsfaktoren und Enzymen freizusetzen, mit deren Hilfe die Krebszellen sich einen Weg durch das Gewebe bahnen können, sowie bestimmte Moleküle zu aktivieren, die für die Bildung von Blutgefäßen und damit für die Progression des Tumors unerlässlich sind (Abbildung 16). All diese Faktoren beschleunigen normalerweise die Heilung und stellen das Gleichgewicht des geschädigten Gewebes wieder her, doch für einen prämalignen Tumor, der seine Wachstumschancen verbessern will, sind sie ein Geschenk des Himmels!

Diese Faktoren begünstigen das Überleben der Krebszellen außerdem durch die Aktivierung eines Schlüsselproteins namens Nuklearfaktor-κB (NF-κB). Dieser NF-κB spielt ebenfalls eine zentrale Rolle für das Wachstum dieser Zellen, denn er steigert erheblich die Produktion von Cyclooxygenase-2 (COX-2), ein sehr wichtiges Enzym, das an der Produktion von Entzündungsmolekülen beteiligt ist. Dieser Überschuss an COX-2 erhöht die Anzahl von Makrophagen und Immunzellen am Entzündungsort. Die Folge ist ein wahrer Teufelskreis, in dem die von den Makrophagen produzierten Wachstumsfaktoren von den Krebszellen für ihr Wachstum und ihre Ausbreitung benutzt werden. Parallel dazu bewirken die sich vermehrenden Krebszellen die weitere Freisetzung großer Mengen von Entzündungsmolekülen, was wiederum zur Rekrutierung von noch mehr Makrophagen führt. Das ist der Grund, weshalb die Entzündung ein Schlüsselelement bei der Krebsprogression ist: Die permanente Anwesenheit von Entzündungszellen bietet den präkanzerösen Zellen ideale Bedingungen, unter denen sie ihre Mutationsversuche beschleunigen und die neuen Eigenschaften erwerben können, die für ihre weitere Vermehrung unerlässlich sind.

Abbildung 16

Fettsucht: das Gewicht der Entzündung

Chronische Entzündungen, die für das Krebswachstum von so zentraler Bedeutung sind, werden nicht immer durch äußere Aggressionen verursacht, sondern können auch durch die Lebensweise erheblich begünstigt werden. Den wichtigsten Beitrag zur Entstehung eines solchen Entzündungsklimas leistet zweifellos ein Übermaß an Körperfett: Wenn die Zellen, aus denen sich das Fettgewebe zusammensetzt (die Adipozyten) mit Fett überfrachtet sind, dann verhalten sie sich wie regelrechte Magneten, die die Entzündungszellen des Immunsystems ebenso wie bestimmte Lymphozyten anziehen. Das führt zu einer chronischen Entzündung, die zwar nur milde, unsichtbar und nicht diagnostizierbar ist, die das allgemeine Gleichgewicht des Körpers aber dennoch beeinträchtigt (Abbildung 17).

Abbildung 17Quelle: Calle et Kaaks, 2004

Wie sehr diese durch Übergewicht verursachte Entzündung zur Krebsentstehung beiträgt, wird an der signifikanten Zunahme der Neuerkrankungen sowie an der Erhöhung der Sterblichkeit sichtbar, die bei übergewichtigen Personen damit verbunden ist. Bei Gebärmutter-, Speiseröhren-, Nieren-, Dickdarm- und Brustkrebs ist dieser Zusammenhang besonders ausgeprägt (Abbildung 18). Man schätzt, dass Übergewicht und Fettsucht summa summarum für eine halbe Million von Krebskranken weltweit verantwortlich sind. Frauen sind besonders anfällig, denn Übergewicht geht mit einer massiven Zunahme von Darm- und Brustkrebs (nach der Menopause) einher. Bei den Männern machen Darm- und Nierenkrebs alleine zwei Drittel der Krebserkrankungen aufgrund von Übergewicht aus.

Abbildung 18Quelle: Khandekar, M. J. et al., 2011

Diese Statistiken sind alarmierend, denn Übergewicht und Fettsucht sind in den meisten Industrieländern gewissermaßen zur Norm geworden. In Kanada sind heute zwei von drei Personen übergewichtig, und nach den Kriterien der WHO wiegen circa eine Milliarde Menschen weltweit zu viel (BMI über 25); davon sind 312 Millionen, darunter etwa 30 Millionen Kinder, fettleibig (BMI über 30). Wir haben es also mit einer beispiellosen Gesundheitskrise zu tun, die sich in den kommenden Jahren noch verschärfen könnte, denn Übergewicht betrifft eine wachsende Zahl von Kindern, die ein deutlich höheres Risiko haben, die überschüssigen Pfunde auch im Erwachsenenalter zu behalten.

Erstaunlicherweise hat sich unsere Gesellschaft anscheinend mit dieser explosionsartigen Zunahme von Übergewicht und Fettsucht abgefunden, anstatt darauf zu reagieren und alles zu unternehmen, um dieses Phänomen einzudämmen. Wir tun so, als handelte es sich um eine neue »Tendenz«, mit der wir uns arrangieren müssen, um Übergewichtige nicht zu stigmatisieren. Diese fatalistische Sichtweise ist jedoch sehr gefährlich, denn Übergewicht und Fettsucht sind keine ästhetischen Probleme, sondern absolut anormale physiologische Zustände, die das Gleichgewicht des Organismus massiv stören und den menschlichen Körper insgesamt enorm belasten.

Chronische Entzündung in Verbindung mit übermäßigem Körperfett führt also dazu, dass Übergewicht genauso wie Tabak, Alkohol oder UV-Strahlen als Krebsauslöser betrachtet werden muss. Jede Art von Übergewicht, insbesondere am Bauch, sollte als ein Alarmsignal wahrgenommen werden, als sichtbare Manifestation tiefgreifender Veränderungen im Gleichgewicht unserer vitalen Funktionen, die unser Risiko für verschiedene Krankheiten, darunter Krebs, erhöhen. Fettleibigkeit bedeutet also weit mehr als ein schlichtes Zuviel an Gewicht: Es handelt sich um einen komplexen Zustand, der immense Auswirkungen auf viele Funktionen des Organismus hat und die Entstehung schwerwiegender oder sogar tödlicher Krankheiten wie Krebs fördern kann.

Abbildung 19

Dem Krebs die Gastfreundschaft verweigern

All diese Beobachtungen zeigen, dass wir im Sinne der Krebsprävention unbedingt die zelluläre Umgebung der präkanzerösen Zellen so verändern müssen, dass sich darin kein für das Wachstum dieser Tumoren günstiges Klima entwickeln kann.

Es ist wichtig zu verstehen, dass dieses Prinzip für alle präkanzerösen Zellen gilt, egal ob sie genetisch bedingt, durch den Kontakt mit einer krebserregenden Substanz hervorgerufen oder einfach das Werk eines bösen Zufalls sind (Abbildung 19). So bildet beispielsweise eine Person, die mit einem defekten Gen geboren wird, schon sehr früh im Leben Krebsvorläuferzellen (die »Saat«), doch diese unreifen Tumoren können im Allgemeinen nur dann wachsen, wenn sie auf einen für ihr Wachstum günstigen »Boden« treffen. Frauen mit einem mutierten BRCA