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Der Nahost-Konflikt hat sich in den letzten Jahren verschoben. Und er hat eine neue Dimension angenommen: Seitdem US-Präsident Donald Trump das Atom-Abkommen mit Iran im Mai 2018 einseitig aufkündigte, wachsen die Spannungen im Nahen Osten und am Persischen Golf. Mit Saudi-Arabien und dem Iran stehen sich dort zwei Länder gegenüber, die erbittert um die Hegemonie im Nahen Osten kämpfen. Diese Auseinandersetzung hat für die gesamte Weltpolitik Auswirkungen ‒ und im drohenden Kriegsfall auch direkte Folgen für uns in Deutschland. Der renommierte Islamwissenschaftler Guido Steinberg erklärt in seinem Buch diesen hochgefährlichen Konflikt und verdeutlicht, wie sehr er auch uns betrifft. Drohende Folgen für Deutschland und Europa: •Zunahme von Terror-Anschlägen •Behinderung der Versorgung mit Öl und Gas •Verbreitung von Nuklearwaffen im Nahen Osten •Wachsende Flüchtlingszahlen War früher die Auseinandersetzung zwischen Israel und seinen Nachbarn im Fokus prägend für die Geschichte des Nahen Ostens, so hat sich der iranisch-saudi-arabische Gegensatz in den letzten zwei Jahrzehnten zu dem zentralen Konflikt des Nahen Ostens entwickelt, der sich auf alle politischen und militärischen Geschehnisse in der Region auswirkt. Dies gilt für den Bürgerkrieg in Syrien ebenso wie für den im Jemen und den Kampf gegen die Terror-Organisation "Islamischer Staat". Wie dominant die Auseinandersetzung geworden ist, zeigt sich am deutlichsten aber an ihrem Einfluss auf den ehemals so wichtigen Kernkonflikt zwischen Israelis und Arabern, in dem sich die saudi-arabische Führung mehrfach auf die Seite der Regierung in Tel Aviv/Jerusalem gestellt hat, während Iran die Führung unter den militanten Gegnern des jüdischen Staates übernommen hat. Guido Steinberg erklärt in seinem Buch, warum der Aufstieg Saudi-Arabiens und Irans die Machtverhältnisse im Nahen Osten grundlegend verändert und inwiefern er die Politik der Region lange bestimmen wird – und welche Konsequenzen dies für uns hat.
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Seitenzahl: 450
Veröffentlichungsjahr: 2020
Guido Steinberg
Wie der Machtkampf zwischen Iran und Saudi-Arabien die Weltsicherheit bedroht
Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.
Seitdem US-Präsident Donald Trump das Atomabkommen mit Iran im Mai 2018 einseitig aufkündigte, wachsen die Spannungen im Nahen Osten und am Persischen Golf. Mit Saudi-Arabien und dem Iran stehen sich dort zwei Länder gegenüber, die erbittert um die Hegemonie im Nahen Osten kämpfen. Diese Auseinandersetzung hat für die gesamte Weltpolitik Auswirkungen – und im drohenden Kriegsfall auch direkte Folgen für uns in Deutschland. Der renommierte Islamwissenschaftler Guido Steinberg erklärt in seinem Buch diesen hochgefährlichen Konflikt und verdeutlicht, wie sehr er auch uns betrifft.
Widmung
Einleitung: Der zentrale Konflikt im Nahen Osten
Der neue Kernkonflikt
Machtpolitik und Ideologie
Eskalation und Entspannung, 1979–2011
Eskalation nach dem Arabischen Frühling, 2011–2019
Das Atomabkommen und die Rolle der USA
Das Buch
1 Iran und Saudi-Arabien seit der Islamischen Revolution
Export der Revolution in den 1980er-Jahren
Die Islamische Revolution
Revolutionsführer Khomeini und seine Ideologie
Unruhen in Saudi-Arabien
Revolutionsexport und der Iranisch-Irakische Krieg
Unruhen während der Pilgerfahrt (Mekka 1987)
Misstrauische Entspannung in den 1990er-Jahren
Der Sieg der Pragmatiker in Iran
Der Kuwait-Krieg und die Politik der »doppelten Eindämmung«
Die »Regionalisten« in Saudi-Arabien und der Anschlag von Khobar
Der Aufstieg Khameneis
Langsame Eskalation, 2003–2011
Der Irak-Krieg und der Sturz Saddam Husseins 2003
Vorboten der Konfrontation
2 Iran: Revisionistische Macht im Nahen Osten
Irans weicher Unterbauch
Ein duales politisches System
Revolutionsführer Khamenei bestimmt die Außenpolitik
Revolutionsführer Khamenei
Khamenei und die Präsidenten
Der Nationale Sicherheitsrat
Zentrales Thema Atomprogramm
Der militärisch-geheimdienstliche Komplex der Revolutionsgarden
Armee und Revolutionsgarden
Asymmetrische Kriegführung
Das »Qods-Korps«
3 Saudi-Arabien: Aggressiver Hüter des Status quo
Politisches System und Herrscherfamilie
Nachfolgefragen und Lagerbildung
Thronfolge
Lagerbildung
Der Aufstieg Muhammad Ibn Salmans
Schwaches Militär, Bündnis mit den USA und Raketenrüstung
Die schiitische Minderheit
4 Bahrain: Kein Frühling am Persischen Golf
Mikrokosmos Bahrain
Arabischer Frühling in Bahrain
Das bahrainische Dilemma der USA
Repression und Radikalisierung
Die »bahrainische Hisbollah«
5 Syrien: Iran rettet das Assad-Regime
Riad unterstützt die Aufständischen
Die Revolutionsgarden helfen dem Regime
Das Qods-Korps in Syrien
Die Hisbollah an der Seite des Assad-Regimes
Schiitenmilizen aus dem Irak, aus Afghanistan und Pakistan
Sieg der Iraner und Russen
Die »zweite Front« gegen Israel
6 Irak: Iran bekämpft den Islamischen Staat
Die USA stürzen Saddam Hussein
Saudi-Arabien findet keine Verbündeten (2003–2011)
Die »Spezialgruppen« bekämpfen die USA (2006–2011)
Die Volksmobilisierung bekämpft den IS (2014–2017)
Das Triumvirat an der Spitze der Volksmobilisierung
Die Badr-Organisation
Die Hisbollah-Bataillone
Asaib Ahl al-Haqq
Der Kampf der Volksmobilisierung gegen den IS
Die irakische Regierung kann die Milizen nicht kontrollieren
7 Jemen: Saudi-Arabien bekämpft die Huthis
Die Huthis ergreifen die Macht
Saudi-Arabien und die VAE intervenieren
Iran unterstützt die Huthis
Der Konflikt eskaliert und ebbt ab
8 Die Golfstaaten: Katar gegen die Vereinigten Arabischen Emirate
Katar führt eine eigenständige Außenpolitik
Die VAE werden Regionalmacht
Die VAE führen die Gegenrevolution an
Die VAE und Saudi-Arabien isolieren Katar
9 Die Supermacht: Die USA gegen Iran
Die Abkehr der USA vom Nahen Osten
Trump schafft ein Bündnis gegen Iran
Die USA verschärfen den Konflikt, Iran hält dagegen
10 Der kommende Krieg am Golf
Iran wird versuchen, sich atomar zu bewaffnen
Saudi-Arabien wird nachziehen
Die USA ziehen sich zurück
Europa gerät in Gefahr
Dank
Ausgewählte Literatur
In Erinnerung an Ferdinand Steinberg
(erschossen auf dem »Todesmarsch« vom
KZ Flossenbürg, 22. April 1945)
Der Angriff der Iraner begann im Morgengrauen des 14. September 2019 um kurz vor vier. Mindestens 19 Drohnen und Marschflugkörper trafen metergenau Lagertanks und Verteilertürme auf dem Ölfeld von Khurais und der Ölverarbeitungsanlage Abqaiq im Osten Saudi-Arabiens. Sofort brachen Feuer aus, die die beiden Anlagen zusätzlich beschädigten. Die Ölproduktion Saudi-Arabiens war für einige Wochen auf rund die Hälfte der üblichen Fördermenge verringert. Da das Königreich rund 10 Millionen Barrel pro Tag fördert, bedeutete dies einen Ausfall von etwas mehr als fünf Prozent der Welterdölproduktion. Die Preise stiegen innerhalb weniger Stunden um etwa 15 Prozent – der höchste Anstieg an einem Tag seit dreißig Jahren. Iran hatte mit der wichtigsten Einrichtung der saudi-arabischen Ölproduktion auch das Herz der weltweiten Ölversorgung getroffen.
Zu dem Angriff bekannten sich die Huthi-Rebellen aus dem Jemen, doch US-Nachrichtendienste fanden heraus, dass die Drohnen und Cruise-Missiles von iranischem Territorium gestartet waren. Um dies zu verbergen, hatten die Fluggeräte zunächst Kurs auf den Irak genommen, bevor sie in dessen Luftraum nach Süden in Richtung der saudi-arabischen Ölanlagen abbogen. Politik und Militär in den USA versprechen den Saudis seit Jahrzehnten Schutz für das Königreich und seine Ölanlagen und haben seit den 1980er-Jahren immer mehr Truppen in den Anrainerstaaten des Persischen Golfs stationiert, um Angriffe des Irak oder Irans auf die Ölinfrastruktur und die Transportwege zu verhindern. Im Jahr 2019 war die Reaktion aus Washington jedoch zurückhaltend. Zwar sprach der amerikanische Außenminister von einem kriegerischen Akt (»act of war«), und auch Präsident Trump drohte kurz nach Bekanntwerden der Ereignisse mit einem Militärschlag. Eine unmittelbare Reaktion der Supermacht blieb jedoch aus.
Die Ereignisse von Abqaiq im Spätsommer 2019 waren ein direkter Angriff Irans auf Saudi-Arabien. Zwar stritt die iranische Führung ihre Beteiligung pflichtschuldig ab, doch es gab keinen anderen Akteur mit politischem Motiv, der die militärischen Fähigkeiten für eine solche Attacke gehabt hätte. Sie stellte den vorläufigen Höhepunkt im Konflikt zwischen Iran und Saudi-Arabien dar, der seit der Islamischen Revolution in Iran 1979 die Geschicke am Persischen Golf prägt. Die seitdem latenten Spannungen zwischen Teheran und Riad haben sich in den letzten Jahren dramatisch zugespitzt, die Rivalen bekämpften sich in Syrien, im Irak, im Libanon, in Bahrain und im Jemen. Seit 2017 ergreifen die USA unter Präsident Trump offen Partei für ihren saudi-arabischen Verbündeten und tragen so zur Verschärfung des Konflikts bei. Eine Folge war der Angriff von Abqaiq, die erste direkte Attacke des Iran auf Saudi-Arabien seit 1996. Der erbitterte Kampf der beiden regionalen Großmächte um die Vormachtstellung im Nahen Osten zwischen 2011 und 2020, seine Ursachen und seine Folgen für die Weltpolitik stehen im Mittelpunkt dieses Buches.
Das Kräftemessen zwischen Iran und Saudi-Arabien wurde in seiner vierzigjährigen Geschichte zum Kernkonflikt des Nahen Ostens – also der Region zwischen der ostlibyschen Cyrenaika im Westen und Iran im Osten und zwischen der Südosttürkei im Norden und dem Jemen im Süden. Die einstmals so beherrschende Auseinandersetzung zwischen Israel und seinen Nachbarn prägt die Geschichte der Region und ihrer Bewohner immer weniger, seit sich der iranisch-saudi-arabische Gegensatz zu dem Konflikt des Nahen Ostens entwickelt hat. Er wirkt sich auf das gesamte politische und militärische Geschehen dort aus. Dies gilt für den Bürgerkrieg in Syrien ebenso wie für den im Jemen und den Kampf gegen die Terrororganisation Islamischer Staat (IS). Wie dominant die Auseinandersetzung geworden ist, zeigt sich am deutlichsten an ihrem Einfluss auf den Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern. Hier stellte sich die saudi-arabische Führung seit den 2000er-Jahren mehrfach auf die Seite der Regierung in Tel Aviv/Jerusalem, während Iran die Führung unter den militanten Gegnern des jüdischen Staates übernommen hat. Riad und Teheran wirken so immer stärker auf die Politik rund um Israel und die palästinensischen Gebiete ein – nicht umgekehrt, wie es in der Vergangenheit so oft der Fall war.
Die Ursache dieser geopolitischen Machtverschiebung vom östlichen Mittelmeer zum Persischen Golf, von Kairo, Damaskus und Beirut nach Riad, Abu Dhabi und Teheran ist der Öl- und Gasreichtum der Golfanrainer. Diese profitierten seit den 1960er-Jahren von steigenden Einnahmen aus dem Export von Erdöl. Deutlich sichtbar wurde der Aufstieg Irans, Saudi-Arabiens und des Irak seit der Ölkrise von 1973, in deren Verlauf der Ölpreis von rund 3 US-Dollar Anfang Oktober 1973 auf 12 US-Dollar im Januar 1974 anstieg, sich also vervierfachte. Die Einnahmen der Ölexportnationen am Golf vervielfachten sich bis Ende der 1970er-Jahre. Das Bruttoinlandsprodukt Irans erhöhte sich von 17 Milliarden (1972) auf 94 Milliarden US-Dollar (1980) und das des Irak im selben Zeitraum von 4 Milliarden auf 53 Milliarden US-Dollar. Das mit Abstand größte Wirtschaftswachstum aber verzeichnete Saudi-Arabien: Sein Bruttoinlandsprodukt stieg in acht Jahren von knapp 10 Milliarden US-Dollar auf unglaubliche 164,5 Milliarden US-Dollar an.1
Iran, Irak und Saudi-Arabien profitierten massiv vom hohen Preisniveau und nutzten das Geld für groß angelegte Modernisierungs- und Rüstungsprogramme, die auch dazu führten, dass ihr regionaler Einfluss wuchs. Eine direkte Folge war der Versuch des Irak unter Saddam Hussein, durch Überfälle auf Iran und später Kuwait eine regionale Vormachtstellung zu erringen. Diese Politik mündete in den Iran-Irak-Krieg 1980 bis 1988, den Kuwait-Krieg 1990/91 und schließlich auch den Irak-Krieg 2003. Im Ergebnis wurde der Irak trotz seines Ölreichtums so sehr geschwächt, dass er aus dem ursprünglichen Dreikampf mit Iran und Saudi-Arabien ausschied. Die neue Stärke dieser beiden Länder geht denn auch auf die Schwäche von Staaten wie dem Irak, Syrien und Ägypten zurück, die früher Führungsrollen beanspruchten, heute aber keine wichtige Position mehr einzunehmen vermögen.
Besonders dramatisch ist der Niedergang des Landes am Nil, das seine Rolle als unbestrittene Führungsmacht der Araber unter anderem aufgrund seiner schwachen Wirtschaft, innenpolitischer Unruhen und wenig kompetenter Regierungen verlor. Der Trend verstärkte sich mit dem Arabischen Frühling von 2011, in dessen Folge es in Ägypten zu massiver Repression und in Syrien und im Irak sogar zu verheerenden Bürgerkriegen kam. An die Stelle der alten Regionalmächte traten kleine Golfstaaten wie die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) und Katar, die ihre während der langen Phase hoher Öl- und Gaspreise von 2002 bis 2014 erwirtschafteten Einnahmen nun ebenfalls zur regionalpolitischen Einflussnahme nutzten.
Die historischen Wurzeln des Konflikts zwischen Saudi-Arabien und dem Iran liegen in der iranischen Revolution von 1979, während der sich rasch Islamisten unter der Führung von Ayatollah Khomeini durchsetzten, die bis heute die Macht im Land innehaben. Schon Anfang der 1980er-Jahre zeigte sich, dass sie genau wie der gestürzte Schah, der frühere Herrscher Persiens, auf eine Vormachtstellung am Golf und im Nahen Osten abzielten. Khomeini und seine Anhänger unterfütterten diesen Anspruch mit einer schiitisch-islamistischen, antimonarchischen und revolutionär-antiimperialistischen Ideologie – mit dem Ergebnis, dass sie Regionalpolitik nicht wie der Schah im Bündnis mit den USA, sondern gegen die Amerikaner und deren Verbündete führten. Die neuen Herrscher in Teheran unternahmen Anstrengungen, die Revolution in die arabische Welt zu exportieren, indem sie im Irak das Regime der säkular-nationalistischen Baath-Partei Saddam Husseins zu stürzen versuchten, zur Einrichtung eines Brückenkopfs nahe der israelischen Grenze die eng mit Iran verbündete Hisbollah im Libanon aufbauten und in Bahrain einen Putschversuch schiitischer Islamisten unterstützten. Wenngleich sich der ideologische Furor in den späten 1980er-Jahren etwas legte, hat sich an der grundsätzlich expansiven Ausrichtung der Islamischen Republik seither nichts geändert. Teheran zielt auf eine iranische Hegemonie in der Golfregion und im Nahen Osten, wie seit 2011 immer deutlicher wurde. Die Führung begann eine bis dahin beispiellose Expansion in der arabischen Welt, indem sie ihre Revolutionsgarden und verbündete Milizen wie die libanesische Hisbollah in Syrien, im Irak und im Jemen einsetzte; sie arbeitete bis 2015 an einem zumindest teilweise militärisch motivierten Atomprogramm und trieb die Aufrüstung mit ballistischen Raketen voran. Diese Maßnahmen richten sich gegen die USA und ihre regionalen Verbündeten Israel und Saudi-Arabien.
Im Gegensatz zu den iranischen Revolutionären stand Saudi-Arabien für die Wahrung des Status quo. Das Königreich sah sich als Hegemon auf der Arabischen Halbinsel, eine Position, die es aufgrund seiner Größe seit Langem innehatte und die von den Nachbarstaaten Oman, Jemen und VAE seit den 1970er-Jahren weitgehend akzeptiert wurde. Die Bemühungen Irans um den Export der Revolution in die arabische Welt und seine aggressive Hegemonialpolitik in der Folgezeit machten aus Saudi-Arabien jedoch einen erbitterten Gegner. Nachdem der Irak spätestens 2003 als dritte Macht am Golf ausfiel, stellte sich Saudi-Arabien Teheran immer aktiver entgegen, erneut verstärkt, nachdem die Iraner ab 2011 noch aggressiver expandierten. Je stärker Iran und Saudi-Arabien aufgrund der anhaltend hohen Ölpreise in den 2000er-Jahren wurden und je mehr Einfluss sie auf die Regionalpolitik nahmen, desto deutlicher zeigte sich die Konkurrenz der beiden Systeme. Aggressivität rief Paranoia hervor. Der Wunsch, das Regime des Gegners stürzen zu sehen, wuchs ebenso rasch wie die wechselseitige Furcht beider Führungen vor dunklen Machenschaften.
Die ideologische Prägung der Islamischen Republik machte die Auseinandersetzung mit Iran überdies zu einem Systemkonflikt. Revolutionsführer Khomeini und seine Anhänger nahmen für sich in Anspruch, für »den Islam« insgesamt zu sprechen, und provozierten damit die saudi-arabische Herrscherfamilie. Diese kontrolliert die heiligen Stätten von Mekka und Medina und suchte seit den frühen 1960er-Jahren ihre Position zu stärken, indem sie Saudi-Arabien als Führungsnation der islamischen Welt präsentierte. Die sunnitisch-islamische, monarchische und erzkonservative Gesellschaftsidee der saudischen Herrscherfamilie stand völlig konträr zur schiitisch-islamistischen, republikanischen und revolutionären iranischen Staatsideologie. Auch wenn seit den 1990er-Jahren die machtpolitische Dimension den Konflikt zu dominieren scheint, spielt die Ideologie weiterhin eine Rolle. Dies zeigt sich in aller Deutlichkeit, wenn besonders stark weltanschaulich motivierte »Hardliner« in der iranischen Politik die Oberhand haben, wie seit 2018 der Fall, oder wenn sie ihre Macht demonstrieren wollen. In solchen Phasen treten die Feindschaft gegen Israel, der Konflikt mit den USA und Anschläge auf saudi-arabische Ziele in den Vordergrund. Auch der eingangs genannte Angriff auf die Ölanlagen von Abqaiq im September 2019 ist dafür ein wichtiges Beispiel.
Dass der Konflikt nicht schon früher kriegerisch eskalierte, ist auf die Präsenz des US-Militärs in der Region zurückzuführen, das den Auftrag hat, Saudi-Arabien und die kleineren Golfstaaten zu schützen. Die USA sorgen für die Sicherheit des Landes, weil Saudi-Arabien bis heute der wichtigste Ölexporteur weltweit ist und die Amerikaner die Versorgung der Weltmärkte mit fossilen Energiequellen aus dem Persischen Golf sicherstellen wollen. So wird aus dem Konflikt der beiden Regionalmächte immer wieder ein weltpolitisches Thema, weil sich die USA an der Seite der Saudis zugleich gegen Iran stellen.
Seit 1979 durchlief der Konflikt drei Phasen, in denen sich Eskalation und Entspannung abwechselten, ohne dass Saudi-Arabien und Iran ihre Beziehungen normalisierten. Grund dafür war, dass die iranische Führung ihr Vormachtstreben nie aufgab und iranische Geheimdienste selbst in der Entspannungsphase der 1990er-Jahre Anschläge verübten. Die seit 1979 gewachsene gegenseitige Abneigung der Eliten in Riad und Teheran tat ihr Übriges, um eine Beruhigung zu verhindern. Trotzdem dauerte es mehr als drei Jahrzehnte, bis der Konflikt seine heutige Bedeutung für die gesamte Region und darüber hinaus gewann.
Die erste Phase (»Export der Revolution«) dauerte von 1979 bis Ende der 1980er-Jahre. Khomeini und seine Anhänger zielten damals darauf ab, die Revolution in weitere Länder zu tragen. Ein wichtiges Ziel war der Irak, der zwar im September 1980 den Iran-Irak-Krieg begonnen hatte, aber früh Angebote für einen Waffenstillstand machte, die Iran allesamt ablehnte. Die Islamische Republik wollte den Krieg fortführen, um Saddam Hussein zu stürzen und die schiitischen heiligen Stätten in Najaf und Kerbela einzunehmen. So wurde sie ab Sommer 1982 zum Aggressor. Auch Saudi-Arabien sah Khomeini und sein Regime als Gefahr, denn dieser rief wiederholt zum Sturz der Monarchie in Riad auf und ließ iranische Pilger in Mekka und Medina zu Protesten aufmarschieren, zudem unterstützte Teheran militante schiitische Gruppen in den kleinen Golfstaaten Bahrain und Kuwait. Saudi-Arabien revanchierte sich, indem es den Irak Saddam Husseins im Krieg gegen Iran unterstützte. So hoffte Riad, die Islamische Republik zumindest so weit zu schwächen, dass sie die Staaten der Arabischen Halbinsel nicht bedrohen könne.
Die zweite Phase (»Misstrauische Entspannung«) begann mit dem Tod Khomeinis 1989, als sich in Teheran eher gemäßigte Kräfte durchsetzten, und dauerte bis in die frühen 2000er-Jahre. Den Pragmatikern um Präsident Ali Akbar Hashemi-Rafsanjani (reg. 1989–1997) ging es darum, das durch den langen Krieg geschwächte Land wiederaufzubauen. Hierzu mussten sie die Beziehungen zum westlichen Ausland normalisieren, weshalb sie die Politik des Revolutionsexports beendeten. Dadurch verbesserten sich auch die Beziehungen zu Saudi-Arabien, insbesondere nachdem 1997 mit Mohammed Khatami ein moderater Reformer zum Präsidenten gewählt worden war. Das Misstrauen auf saudi-arabischer Seite blieb jedoch bestehen, denn iranische Geheimdienste verübten mit der libanesischen Hisbollah weiterhin Attentate. Besonders dramatisch war der große Anschlag auf einen Wohnkomplex der US-Luftwaffenbasis von Dhahran in Saudi-Arabien am 25. Juni 1996, bei dem 19 Amerikaner starben. Spätestens ab diesem Zeitpunkt war der saudi-arabischen Führung bewusst, dass in der iranischen Politik um den Obersten Führer Ali Khamenei ein mit dem Präsidenten konkurrierendes Machtzentrum bestand und dass dieses eine aggressivere Politik betrieb, als von Pragmatikern und Reformern proklamiert wurde.
In der dritten Phase (»Langsame Eskalation«) nahmen die Spannungen zwischen Teheran und Riad wieder zu. Auslöser waren drei Ereignisse der Jahre 2002 bis 2005, die zeigten, dass die iranische Führung zur aggressiven Hegemonialpolitik der 1980er-Jahre zurückgekehrt war. Erstens kamen im August 2002 Berichte über ein geheimes iranisches Atomprogramm an die Öffentlichkeit. Schnell wurde deutlich, dass die iranische Führung parallel zur Entspannungspolitik am Aufbau einer atomaren Infrastruktur gearbeitet hatte, die aus saudi-arabischer Sicht ausschließlich militärischen Zwecken diente. Hinzu kam, zweitens, der Sturz Saddam Husseins und seines Regimes infolge der amerikanischen Intervention im Irak 2003. In der Folge wirkten die Iraner massiv auf die Politik des Nachbarlandes ein, sodass der Irak seine Funktion als Bollwerk gegen die iranische Expansion verlor. Bald war der iranische Einfluss auf die Politik in Bagdad so groß, dass kaum mehr wichtige Entscheidungen gegen Teherans Willen getroffen werden konnten. Als 2005 mit Mahmoud Ahmadinejad ein populistischer Hardliner die Präsidentschaftswahl in Iran gewann – das dritte wichtige Ereignis dieser Phase –, trat eine schwere Krise in den Beziehungen zu Saudi-Arabien ein, die seitdem andauert. Die Politik Teherans nach 2005 zielte erneut offen auf eine Vormachtstellung im Nahen Osten ab. Sie betrieb halb im Geheimen, halb öffentlich ein Atomprogramm, das zumindest teilweise militärischen Zwecken diente. Man ließ Raketen entwickeln, mit denen Iran seine Nachbarländer einschließlich Israel bedrohte, und baute das Netzwerk militanter Gruppen in der Region aus. Dass infolgedessen der neue Kernkonflikt im Nahen Osten entstand, zeigte sich erstmals im Sommer 2006 im Krieg zwischen der libanesischen Hisbollah und Israel. Die irantreue Schiitenorganisation konnte sich mit Unterstützung der iranischen Revolutionsgarden gegen das israelische Militär behaupten und wurde in den Folgejahren zur wichtigsten Kraft der libanesischen Innenpolitik. Saudi-Arabien griff die Hisbollah, die den Krieg durch einen Überfall auf israelische Soldaten begonnen hatte, medial scharf an und stellte sich in der libanesischen Innenpolitik auf die Seite ihrer Gegner. Damit hatte der Konflikt zwischen Iran und Saudi-Arabien erstmals den israelisch-arabischen Konflikt überlagert. Saudi-Arabien suchte zu dieser Zeit nach Wegen, die iranische Expansion in arabischen Ländern zu stoppen. Dies geschah durch die Unterstützung der Gegner Irans im Irak, im Libanon und den palästinensischen Gebieten und durch Vermittlungsversuche. Doch solange die meisten Staaten der Region stabil waren, blieben die Einflussmöglichkeiten der Saudis und der Iraner begrenzt. Dies änderte sich im Frühjahr 2011 durch Ereignisse, mit denen niemand gerechnet hatte.
Der Arabische Frühling war eine Serie von friedlichen Protesten, die zu Beginn des Jahres 2011 in Tunesien einsetzten und gegen die schlechten Lebensverhältnisse, die Korruption und die brutale Repression abweichender Meinungen durch die Regierenden gerichtet waren. Die Demonstrationen ergriffen weite Teile der arabischen Welt und stürzten unter anderem das Regime von Präsident Hosni Mubarak in Kairo. Von den Protagonisten ungewollt, haben die Ereignisse den seit mittlerweile vierzig Jahren bestehenden Gegensatz zwischen Riad und Teheran dramatisch verschärft. Die Proteste, Unruhen und Aufstände von 2011 schwächten die meisten Regierungen und Staaten des Nahen Ostens. Selbst wo sie nicht wie in Libyen, in Syrien, im Jemen und im Irak zu Bürgerkriegen führten, sorgten die Ereignisse für wachsende Instabilität. Diese verschaffte Iranern und Saudis die Gelegenheit für Interventionen und die Ausweitung ihres Einflusses. In den ersten Jahren nutzte die iranische Führung die sich bietenden Möglichkeiten zur Expansion in Syrien, im Irak und im Jemen, woraufhin Saudi-Arabien den Vormarsch der Iraner zu stoppen versuchte. Obwohl der Konflikt rasch eskalierte, bekämpften sich die beiden Kontrahenten vor 2019 nicht direkt, teils, weil ihnen die militärischen Fähigkeiten fehlten, teils aus Scheu vor den Konsequenzen. Iran fürchtete die Reaktion der amerikanischen Schutzmacht der Saudis, die im Persischen Golf unter anderem mit starken Marineeinheiten und Luftwaffe präsent ist. Die Saudis hingegen hatten seit den 1970er-Jahren auf die Sicherheitsgarantie der USA gesetzt und verfügten zwar über moderne Waffensysteme, aber über nur schwache Streitkräfte.
Stattdessen bekämpften sich Iraner und Saudis in Syrien und im Jemen. In Syrien begann Mitte 2011 ein Aufstand sunnitischer Gruppierungen gegen das Regime von Präsident Bashar al-Assad, der in Teheran die Furcht weckte, seinen einzigen staatlichen Verbündeten verlieren zu können. Aus diesem Grund unterstützte die Islamische Republik gemeinsam mit Russland das Assad-Regime. Saudi-Arabien hingegen sah eine willkommene Gelegenheit, Iran zu schwächen, und half ebenso wie die USA, die Türkei, Katar und die VAE der Opposition, die aus Gegnern des Assad-Regimes ganz unterschiedlicher weltanschaulicher Ausrichtung bestand. Bis 2015/16 war der Bürgerkrieg in Syrien die wichtigste Front im Konflikt zwischen Iran und Saudi-Arabien. Erst als Russland im Sommer 2015 auf der Seite von Damaskus intervenierte und auch Iran seine Hilfen verstärkte, verloren die Aufständischen schnell an Boden, sodass sich Saudi-Arabien geschlagen geben musste. Für die iranische Führung war dies ein großer Erfolg. Sie hatte eine seit 2012 stetig wachsende Expeditionstruppe entsandt, die vom »Qods-Korps« der Revolutionsgarden befehligt wurde. Zusammen mit der libanesischen Hisbollah führte diese Streitkraft ein Bündnis schiitischer Milizen an, dem sich irakische, afghanische und pakistanische Kämpfer anschlossen. Diese »schiitische Internationale« war die Grundlage der iranischen Expansion in Syrien, spielte eine wichtige Rolle im Kampf gegen den IS im Irak und wurde zum bevorzugten Instrument Irans in der Auseinandersetzung mit den Saudis.
Während Saudi-Arabien in Syrien eine Niederlage erlitt, konzentrierte es sich auf den Jemen, der Syrien ab 2015/16 als wichtigstes Schlachtfeld des iranisch-saudi-arabischen Konflikts ablöste. In dem Nachbarland Saudi-Arabiens hatten die Proteste des Arabischen Frühlings das Regime des langjährigen Präsidenten Ali Abdallah Salih zu Fall gebracht; seine Nachfolger verloren daraufhin die Kontrolle über weite Teile des Landes. Im März 2015 intervenierte das saudi-arabische Militär, weil die von Iran unterstützten Huthi-Rebellen sechs Monate zuvor die Hauptstadt Sanaa eingenommen und anschließend weite Teile des Landes unter ihre Kontrolle gebracht hatten. Saudi-Arabien konnte nicht in dem Maße wie Iran auf verbündete Milizen zählen, seine Stärke lag aber in Bündnissen mit Staaten wie den USA und den VAE sowie in seinen enormen finanziellen Ressourcen, die ihm eine Ausrüstung seiner Armee mit modernen Waffensystemen erlaubten. Dies reichte aber nicht aus, um den Krieg im Jemen zu gewinnen. Vielmehr dauerte er bis 2020 an, ohne dass eine der beiden Seiten entscheidende Vorteile erringen konnte.
Der Jemen-Krieg war auch ein erstes Ergebnis innenpolitischer Veränderungen in Riad, nachdem im Januar 2015 der rasche Aufstieg des späteren Kronprinzen Muhammad Ibn Salman Al Saud zum starken Mann Saudi-Arabiens begann. Ab 2015 setzte sich Ibn Salman mit all seiner Führungsstärke und Entschlusskraft durch, die mit großer Unberechenbarkeit und Rücksichtslosigkeit einherging. Die einstige Status-quo-Macht Saudi-Arabien reagierte nun kämpferischer auf die iranischen Erfolge und versuchte, die USA und Israel an ihrer Seite in den Konflikt zu ziehen.
Parallel zum Aufstieg der beiden Mächte Iran und Saudi-Arabien schlossen sich nach 2011 fast alle Staaten und sonstigen politischen Akteure in der Region einer der beiden Seiten an. Zum iranischen Lager gehörten Syrien, die libanesische Hisbollah, schiitische Milizen im Irak, die jemenitischen Huthis, die palästinensische Terroristentruppe Islamischer Jihad und kleinere militante Gruppierungen in den Golfstaaten. Auch die irakische Regierung und die palästinensische Hamas tendierten ins iranische Lager, versuchten aber eine gewisse Distanz und Eigenständigkeit zu wahren. An der Seite Saudi-Arabiens standen die VAE, Ägypten, Bahrain, Kuwait, Jordanien, die international anerkannte jemenitische Regierung und prosaudische und proemiratische militante Gruppen in Syrien und im Jemen. Seit dem Amtsantritt von US-Präsident Donald Trump im Januar 2017 verbesserten sich auch die Beziehungen Saudi-Arabiens zu den USA und ließen Riad auf amerikanische und israelische Hilfe hoffen.
Der Konflikt zwischen Iran und Saudi-Arabien ist weit mehr als der zwischen zwei Regionalmächten. Er hat eine weltpolitische Dimension, deren wichtigster Akteur die USA als Schutzmacht des Königreichs sind. Weil sich Riad des Schutzversprechens der Supermacht aber schon länger nicht mehr sicher ist, hat es sich entschieden, seine Gegner in der Region auch ohne die Zustimmung der USA zu bekämpfen. Dies zeigte sich besonders ab 2013, als die Verhandlungen zwischen Amerikanern und Iranern über das iranische Atomprogramm von teils wütenden Protesten der Saudis begleitet wurde. Die Führung in Riad fürchtete, dass die Obama-Administration sich gegenüber Iran zu nachgiebig zeigen werde, denn sie hatte den Eindruck gewonnen, dass sich die USA aus der Region zurückzogen und ihre Alliierten ihrem Schicksal – nämlich der iranischen Expansion – überließen. Als das Nuklearabkommen vom Juli 2015 diese Sorge zu bestätigen schien, bestärkte dies Riad in seinen Aktivitäten gegen Iran und seine Verbündeten. Gleichzeitig beruhigte es vorübergehend den Konflikt zwischen Iran und den USA, denn die Obama-Administration wollte primär eine nukleare Bewaffnung Irans verhindern, und da die iranische Seite sich in dieser Phase an das Abkommen hielt, war aus Sicht Washingtons das wichtigste Problem gelöst.
Mit der Amtsübernahme Trumps im Januar 2017 änderte sich das Kräfteverhältnis in diesem Konflikt zunächst wieder zugunsten Riads. Die saudi-arabische Führung hoffte nun, die Trump-Administration für ein gemeinsames Vorgehen gegen Iran gewinnen zu können. Der neue US-Präsident dürfte die Erwartungen der Saudis zunächst sogar übertroffen haben, denn er entschied sich für eine radikal antiiranische Politik, die in die einseitige Aufkündigung des Atomabkommens durch die USA im Mai 2018 mündete. Zudem bemühte sich Donald Trump um die Bildung einer Allianz nahöstlicher Staaten gegen Iran, die auch »arabische NATO« genannte »Strategische Nahostallianz«. Den dafür wichtigsten Partner glaubte er in Saudi-Arabiens neuem Kronprinzen Muhammad Ibn Salman gefunden zu haben. Trumps Schwiegersohn und Nahostberater Jared Kushner versuchte sogar, eine Annäherung zwischen Saudi-Arabien und Israel zu erreichen, die den Kern dieses Bündnisses bilden sollte. Da Israel bereits ab Ende 2017 vermehrt iranische Ziele in Syrien angriff, wuchsen die Spannungen in der Region weiter.
Ihren Höhepunkt erreichten sie ab dem Frühjahr 2019. Auf neue Sanktionen der Trump-Administration im April reagierte Iran ab Mai mit sechs Anschlägen auf Tankschiffe im Golf von Oman und mit dem Abschuss einer dort eingesetzten US-Drohne. Am 14. September 2019 folgte der Angriff auf die Ölanlagen von Abqaiq und Khurais. Die US-Regierung machte zwar Iran dafür verantwortlich, entschied sich aber wie schon nach dem Drohnenabschuss im Juni gegen einen Militärschlag. Das war höchst erstaunlich, denn der Schutz der Ölinfrastruktur an der Küste des Persischen Golfs galt seit Jahrzehnten als wichtigster Grund für die militärische Präsenz der USA im und am Persischen Golf. Nun legte sich auch die anfängliche Freude der Saudis über die antiiranische Politik der USA; vielmehr setzte sich die Überzeugung durch, Trump wolle keine weiteren Kriege im Nahen Osten. Es wurde deshalb immer wahrscheinlicher, dass der Angriff einen Wendepunkt in der Geschichte des iranisch-saudischen Konflikts darstellte. Denn der ausgebliebene Gegenschlag der USA zeigte die iranische Stärke, die saudi-arabische Schwäche und den Wunsch der USA, den Nahen Osten und die Kriege im Irak und in Afghanistan hinter sich zu lassen und möglichst viel US-Militär zurückzuziehen. Saudi-Arabien setzte nun auf Entspannung, doch der Konflikt zwischen Iran und den USA eskalierte – insbesondere nach der gezielten Tötung des iranischen Generals Qassem Soleimani im Januar 2020. Der »Krieg am Golf« schien mehrfach kurz bevorzustehen.
Dieses Buch handelt in fünf Teilen von der Geschichte des iranisch-saudi-arabischen Konflikts zwischen 2011 und 2019, seiner zentralen Rolle für den Nahen Osten und seinen Folgen für die Weltpolitik und für Deutschland. In einem ersten Teil (Kapitel 1 bis 3) wird dargelegt, wie Iran und Saudi-Arabien so sehr erstarken konnten, dass ihre Dualität die Ereignisse im gesamten Nahen Osten zu prägen vermag. Beschrieben werden die Entscheidungsprozesse in den beiden politischen Systemen, die Grundlinien der Außenpolitik und die Einsatzfähigkeit der Streitkräfte beider Staaten. Besondere Aufmerksamkeit gilt den wichtigsten Politikern seit 2011, außerdem wird es um die interne Opposition in beiden Ländern gehen, so etwa die schiitische Minderheit in Saudi-Arabien, die in ihrem Heimatland im Ruf steht, eine potenzielle »fünfte Kolonne« Teherans zu sein.
Im zweiten Teil (Kapitel 4 bis 7) werden die Auswirkungen des iranisch-saudi-arabischen Konflikts auf die lokalen Unruhen, Aufstände und Bürgerkriege im Nahen Osten untersucht. Die Proteste und ihre Niederschlagung in Bahrain und der Aufstand und folgende Bürgerkrieg in Syrien prägten die Jahre ab 2011, während der Konflikt im Irak und der Jemen-Krieg ab 2014 und 2015 wichtiger wurden. Besonderes Augenmerk liegt hier auf den Verbündeten beider Staaten, die oft die Hauptlast in den Kämpfen tragen.
Im dritten Teil (Kapitel 8) geht es um Akteure, die der Lagerbildung unter iranischer oder saudi-arabischer Führung im Nahen Osten zu entkommen versuchen. Dies ist am Persischen Golf vor allem Katar, dessen Politik, das Bündnis mit Saudi-Arabien und den VAE aufrechtzuerhalten und gleichzeitig enge Beziehungen zu Iran zu pflegen, in den letzten Jahren unter Druck geraten ist. Das Buch handelt viertens (Kapitel 9) von der weltpolitischen Dimension des Konflikts mit den USA und Israel als zentralen Akteuren. Die vielleicht wichtigste Beobachtung wird sein, dass der Rückzug aus dem Nahen Osten seit mittlerweile gut einem Jahrzehnt der Wunsch aller US-Regierungen ist. Dies erklärt auch die wachsende Aggressivität der Iraner, die die aufgrund der amerikanischen »Schwäche« entstandene Chance nutzen wollen, und das offensive Gebaren der Saudis, die nicht mehr auf die Schutzgarantie der USA zählen und auch nicht zählen können.
Hieraus ergibt sich abschließend der Überblick zu den Folgen des Konflikts für die Weltpolitik, Europa und Deutschland im fünften Teil (Kapitel 10). Schon die Flüchtlingskrise von 2014 bis 2016 war zumindest teilweise ein Ergebnis des iranisch-saudi-arabischen Konflikts, der in Syrien, im Irak und in Afghanistan ausgetragen wurde. Eskaliert der Konflikt in den kommenden Jahren erneut, muss Europa mit der Ankunft sehr vieler neuer Flüchtlinge rechnen. Noch weitreichender sind aber die Folgen für die weltweite Energieversorgung und die Verbreitung von Nuklearwaffen, denn im Konfliktfall droht die Behinderung oder gar der Stopp des Öl- und Gasexports aus Saudi-Arabien und anderen Golfstaaten – wie die Anschläge von Abqaiq mehr als deutlich zeigten. Außerdem mehren sich die Anzeichen, dass Saudi-Arabien ebenso wie Iran versuchen könnte, sich atomar zu bewaffnen. Die Gefahren, die Europa aus der Nachbarregion drohen, könnten sich deshalb in den kommenden Jahren dramatisch verschärfen.
Gerade erst hatten die iranischen Revolutionäre den scheinbar so mächtigen Schah Reza Pahlawi und sein Regime gestürzt, da teilte ihr Führer, Ayatollah Khomeini, der Welt unmissverständlich mit, die Sieger würden nicht an den Grenzen Irans haltmachen: »Wir werden unsere Revolution in alle Welt exportieren. Weil sie eine islamische ist. Der Kampf wird so lange fortgesetzt, bis überall der Ruf zu hören ist: ›Es gibt keinen Gott außer Gott und Mohammad ist sein Prophet.‹ Solange Menschen auf dieser Erde unterdrückt werden, wird unser Kampf fortgesetzt.«2 Wie so viele Revolutionäre vor ihm verband Khomeini seine Islamische Revolution mit einer Mission, von der im Idealfall die gesamte Menschheit profitieren müsse. Da Iran jedoch nur eine Regionalmacht mit Einfluss am Persischen Golf und im Nahen Osten war, wirkte sich dieser Anspruch auf die unmittelbaren Nachbarn aus, darunter Saudi-Arabien. Mit dem Fall der Monarchie und dem Sieg der Islamisten war aus einem indirekt verbündeten Konkurrenten ein erbitterter Feind geworden, der auf den Sturz der Herrscherfamilie Saud abzielte. Weil im Verlauf des Jahres 1979 immer deutlicher wurde, dass sich die Kleriker um Ayatollah Khomeini in den Wirren nach der Revolution gegen alle ihre Konkurrenten durchsetzen würden, wuchs in Riad die Sorge vor den Auswirkungen der Ereignisse im eigenen Land. Unruhen unter den Schiiten im Osten Saudi-Arabiens im Dezember 1979 und Februar 1980 schienen den Befürchtungen recht zu geben, weshalb sich das Königreich gegen Iran in Position brachte und den Irak in seinem im September 1980 begonnenen Krieg gegen Iran unterstützte. Dies war der Beginn eines Konfliktes zwischen Iran und Saudi-Arabien, der bis heute andauert. Bis 2011 hat er sich in drei klar voneinander abgrenzbaren Phasen entwickelt: eine erste von 1979 bis 1989, in der der Konflikt entstand und einen ersten Höhepunkt erreichte, eine zweite von 1990 bis 2003, in der Iran und Saudi-Arabien auf Entspannung setzten, und eine dritte von 2003 bis 2011, in der sich die Auseinandersetzung wieder verschärfte.
1979 sollte sich als Epochenjahr für Saudi-Arabien, Iran und den weiteren Nahen Osten erweisen. Drei große Ereignisse des Jahres prägten die Geschichte der Region in den folgenden vier Jahrzehnten: der Einmarsch sowjetischer Truppen in Afghanistan, die Besetzung der Großen Moschee von Mekka durch sunnitische Islamisten und der Sturz des Schahs in Iran. Sie alle hatten großen Einfluss auf die Politik der Protagonisten dieses Buches, doch die Islamische Revolution erwies sich als das mit Abstand prägendste Ereignis für die Geschichte des Nahen Ostens.
Die unmittelbare Folge der Revolution für Saudi-Arabien war die plötzliche Wandlung Irans von einem Konkurrenten im eigenen, proamerikanischen Lager zu einem unversöhnlichen Gegner und Feind. Seit Mitte der 1960er-Jahre hatte sich Iran unter Schah Reza Pahlawi zur unbestrittenen Vormacht am Persischen Golf entwickelt. Dabei halfen ihm die steigenden Einnahmen durch den Verkauf von Erdöl, die zunächst langsam anwuchsen, infolge der Ölkrise vom Oktober 1973 aber rasch in die Höhe schnellten. Der Schah investierte das Geld nicht nur in die Modernisierung von Irans Infrastruktur, sondern auch in ein gigantisches Aufrüstungsprojekt, das er atemberaubend rasch in die Tat umsetzte. 1978 war Iran das Land mit den achthöchsten Rüstungsausgaben weltweit, die USA lieferten dem Verbündeten ihre modernsten Waffensysteme. Die iranische Armee erreichte kurz vor der Revolution eine Stärke von 400000 Mann, was etwa einem Prozent der Bevölkerung entsprach. Sie verfügte über mehr als 500 teils hochmoderne Kampfflugzeuge, 1600 Kampfpanzer, Artillerie und Raketen aller Art.3 Darüber hinaus arbeiteten 80000 amerikanische »Militärberater« im Land, die sich um die Ausbildung und Führung der Iraner kümmerten, da diese eine wichtige Front zur Sowjetunion abdeckten. Wegen der Probleme in Vietnam hatte die Nixon-Administration nach Partnern gesucht, die die USA in strategisch wichtigen Weltregionen entlasten konnten. Am Persischen Golf waren dies Iran und Saudi-Arabien, die Pfeiler der »Zwei-Säulen-Politik« (engl. »twin pillars«).4
Die iranische Säule war für die USA ungleich wichtiger als die saudi-arabische, weshalb sich Teheran mit amerikanischer Hilfe zur Hegemonialmacht am Golf entwickelte. Für Riad, das wie Iran eine rasche Modernisierung des Landes und eine Aufrüstung mit amerikanischen Waffensystemen betrieb, war diese Situation unangenehm, doch vergleichsweise komfortabel, wie sich nach der Revolution in Iran herausstellte, als Teheran die Hegemonialpolitik des Schahs fortsetzte und darüber hinaus zum weltanschaulichen Gegner der Saudis wurde. Die Revolutionäre errichteten eine schiitisch-islamistische Republik, die sie als die einzig gottgewollte Staatsform und als Gegenmodell zu den konservativen Golfmonarchien darstellten. Zudem verlangten Khomeini und seine Anhänger den Rückzug der USA aus der Golfregion und versuchten, die Revolution in die arabische Welt zu exportieren.
Dabei war der Erfolg der Islamisten lange nicht gesichert, denn sie stellten nur einen Teil der revolutionären Bewegung, die durch die Ablehnung der autokratischen Politik des Schahs zusammengehalten wurde. Getragen wurde diese von einem breiten oppositionellen Bündnis, in dem sich eine lose Allianz liberaler Nationalisten, Kleriker und linker Organisationen namens Nationale Front sowie die kommunistische Tudeh-Partei und kleinere Gruppierungen mit den Religionsgelehrten unter Führung Ayatollah Khomeinis zusammenschlossen. Die stärksten militanten Organisationen waren die marxistischen Volksfedayin (pers. Feda’iyan-e Khalq) und die marxistisch-islamistischen Volksmojahedin (pers. Mojahedin-e Khalq). Nach der Flucht des Schahs im Januar 1979 kehrte Ayatollah Khomeini am 1. Februar aus dem französischen Exil nach Teheran zurück, woraufhin die bis dahin dem Schah treue Armee ihre Neutralität verkündete. Damit hatte die Revolution gesiegt, und die Geistlichen unter der Führung Khomeinis und seiner Gefolgsleute begannen mit dem zielgerichteten Ausbau ihres Einflusses in Teheran. Schon in Paris hatte Khomeini im Dezember 1978 den geheimen Revolutionsrat gegründet, in dem jüngere, dem Ayatollah ergebene Kleriker wie Mohammad Beheshti, Ali Akbar Hashemi-Rafsanjani und Ali Khamenei den Ton angaben. Weil sie über keinerlei Regierungs- und Verwaltungserfahrung verfügten, überließen sie die Regierung interimsweise der Nationalen Front mit Ministerpräsident Mehdi Bazargan. Parallel schufen die Geistlichen eigene Strukturen wie vor allem die Islamisch-Republikanische Partei, und sie übernahmen Stellvertreterposten in wichtigen Ministerien.5
Am 1. April 1979 rief Ayatollah Khomeini die Islamische Republik Iran aus, nachdem dieser Schritt in einem Referendum mit fast 100 Prozent der Stimmen angenommen worden war. Seine Anhänger begannen, konservative Kleidungsvorschriften und Verhaltensregeln einzuführen. Angeführt wurden sie von »islamischen revolutionären Komitees«, lokalen Vigilantentrupps, die durch die Straßen der Städte patrouillierten und die neuen Regeln teils mit Gewalt durchsetzten. Die im Mai gegründeten Revolutionsgarden übernahmen ähnliche Aufgaben. Die Kleriker profitierten von der Zerstrittenheit der linken Gruppierungen und verstärkten sie, indem sie die Kommunisten vorerst duldeten, die Volksfedayin, die Volksmojahedin und kurdische Gruppen jedoch ab Sommer bekämpften. Die endgültige Machtübernahme begann mit der Besetzung der amerikanischen Botschaft am 4. November und der Geiselnahme von 66 US-Diplomaten (von denen 52 volle 444 Tage festgehalten wurden) durch militante Anhänger Khomeinis. US-Präsident Carter ordnete im April 1980 eine Befreiungsaktion durch das US-Militär an, die aber kläglich scheiterte und mit dazu führte, dass er nicht wiedergewählt wurde. Die Geiseln wurden zwar am Tag der Amtsübernahme des neuen Präsidenten Ronald Reagan im Januar 1981 freigelassen, doch die Ereignisse belasten die Beziehungen zwischen den USA und dem Iran bis heute. Unmittelbare innenpolitische Folge in Teheran war, dass Bazargan zurücktrat und den Weg für den von Geistlichen dominierten Revolutionsrat frei machte. Im Dezember 1979 ratifizierte der im August gegründete und von den Geistlichen dominierte Expertenrat (pers. Majlis-e Khobregan) die erste Verfassung der Islamischen Republik, die auf Khomeinis politischen Ordnungsvorstellungen basierte. Iran wurde zur Theokratie, in der der oberste Rechtsgelehrte zur dominierenden Figur aufstieg. Ayatollah Khomeini wurde zum ersten »Obersten Führer« (pers. Rehber-e Mo’azzam) der Islamischen Republik – mit unbegrenzter Macht über die Menschen, verantwortlich nur gegenüber Gott.6
Als Revolutionsführer war Sayyid Ruhollah Mousawi Khomeini (1902–1989) Auslöser und erster Protagonist des iranisch-saudi-arabischen Konflikts. Er hatte in Qom studiert, dem großen Zentrum schiitischer Gelehrsamkeit, und sich seit Anfang der 1940er-Jahre einen Namen als Kleriker gemacht, der sich auch zu politischen und sozialen Themen äußerte. Ab 1962 stellte er sich offen gegen die Politik des Schahs und forderte schon bald seinen Sturz. Anlass für Khomeinis Opposition waren weitreichende wirtschaftliche und soziale Reformen wie eine Enteignung von Großgrundbesitzern zugunsten der landlosen Bauern und die Einführung des Frauenwahlrechts, vom Schah als »Weiße Revolution« beworben. Diese stießen auf den Widerstand vor allem der konservativen Händler und Gelehrten, die fürchteten, Einkünfte und gesellschaftlichen Einfluss zu verlieren. Anfang Juni 1963 kam es zu Unruhen, die mehrere Hundert Todesopfer forderten. Im Verlauf der Krise profilierte sich Khomeini als unbeugsamer Widersacher der säkularistischen, autoritären und prowestlichen Politik des Schahs und wurde damit zur unbestrittenen Führungsfigur der konservativ-religiösen Bevölkerungsteile.
Alle Versuche des Regimes, den Gelehrten mundtot zu machen, misslangen. Nach Inhaftierung und monatelangem Hausarrest schob die Regierung Khomeini im November 1964 in die Türkei ab. Von dort zog er 1965 ins irakische Najaf um, eines der wichtigsten Heiligtümer des schiitischen Islam und das damals weltweit wichtigste Zentrum schiitischer Gelehrsamkeit. Hier verbrachte er die nächsten 13 Jahre und betrieb mit auf Audiokassetten aufgenommenen Reden und Predigten Anti-Schah-Propaganda. Nach Beginn der Unruhen 1978 wuchs der Druck Irans auf den Irak, den Gelehrten auszuweisen. Im Oktober fand Khomeini Zuflucht in Frankreich, wo er von seinem Hauptquartier in Neauphle-le-Château nahe Paris seine politischen Aktivitäten fortsetzen konnte. Als er nach der Flucht des Schahs, der nach Massenprotesten im Dezember und dem Verlust der Unterstützung durch die USA den Glauben an den Erhalt seiner Macht verlor, nach Teheran zurückkehrte, wurde er von Millionen begeisterten Anhängern empfangen. Der Ayatollah stand zu diesem Zeitpunkt an der Spitze einer breiten revolutionären Bewegung, die das alte Regime hinwegfegte, in der sich aber rasch die Islamisten durchsetzten, die die Monarchie durch einen schiitischen Gottesstaat ersetzen wollten.7
Die ideologische Grundlage für die Islamische Republik mit der Lehre von der »Herrschaft des Rechtsgelehrten« (pers. Welayat-e Faqih) hatte Khomeini selbst gelegt. In der schiitischen Tradition gelten nur die als Imame bezeichneten direkten Nachfahren Ali Ibn Abi Talibs (Kalif 656–661) als legitime Herrscher der Muslime. Die Schiiten sind der Meinung, dass Ali als Cousin und Schwiegersohn des Propheten Muhammad diesem als erster Kalif hätte folgen sollen. Stattdessen übernahmen nicht blutsverwandte enge Vertraute Muhammads seine Nachfolge, und als Ali 656 dann doch noch Kalif wurde, begann ein Bürgerkrieg, der 661 mit Alis Tod und der Machtübernahme der Umayyaden-Dynastie endete. Alis Sohn und dritter Imam Husain scheiterte im Jahr 680 mit dem Versuch, die Macht im arabischen Weltreich zu erobern. Nach seinem Tod im irakischen Kerbela fügten sich die folgenden Imame in ihr Schicksal und akzeptierten den Verlust jeglicher politischer Macht, wurden aber dennoch verfolgt. Ihre Linie endete mit dem zwölften Imam Muhammad al-Mahdi (dt. der Rechtgeleitete), der im Jahr 941 endgültig verschwand und nach Lehre der »Zwölferschiiten«, das heißt derjenigen Schiiten, die den zwölf Imamen folgen und rund 70 bis 90 Prozent aller Schiiten weltweit stellen, am Ende der Zeiten als Imam Mahdi wieder auf die Erde zurückkehren wird. In den folgenden Jahrhunderten blieben Schiiten eine häufig unterdrückte und verfolgte Minderheit und entwickelten eine von Ohnmacht und Verfolgung geprägte politische Theorie. Der unter Zwölferschiiten vorherrschenden Meinung zufolge ist politische Macht in Abwesenheit des Imam Mahdi prinzipiell illegitim, und die Gelehrten und Gläubigen hätten sich von den politischen Herrschern ihrer Zeit fernzuhalten. Mit dieser Politikferne verband sich die Hoffnung auf ein kommendes goldenes Zeitalter, das mit der Wiederkehr des Imam Mahdi anbrechen werde.
Ayatollah Khomeini revolutionierte die schiitische politische Theorie, indem er sich der Politikferne und dem Quietismus vieler seiner gelehrten Kollegen entgegenstellte. Der führende Rechtsgelehrte seiner Zeit müsse die Gläubigen bis zur ersehnten Wiederkehr des Imam Mahdi nicht nur in religiösen Fragen, sondern auch politisch anführen. Khomeini forderte einen islamischen Staat, in dem die Kleriker alle Lebensbereiche beaufsichtigten. Die führenden schiitischen Geistlichen seiner Zeit lehnten diese Ideen ab, doch durch die Revolution erhielt Khomeini die Gelegenheit, die Theorie der »Herrschaft des Rechtsgelehrten« in die Praxis umzusetzen und sogar selbst als dieser Gelehrte zu fungieren. Die iranische Verfassung vom Dezember 1979 setzte den herrschenden Rechtsgelehrten (pers. Wali-ye Faqih) als Staatsoberhaupt mit weitreichenden Kontrollfunktionen ein und stellte ihn damit ins Zentrum des neuen politischen Systems.8 Khomeini nahm diese Position bis zu seinem Tod 1989 ein.
Khomeinis Ideologie beruhte auf einem dualistischen Weltbild, das scharf zwischen Islam und Unglauben sowie Gut und Böse unterscheidet. Dies galt auch für seine Sicht der Welt außerhalb Irans, die »arrogante Unterdrücker« (pers. Mostakbarin) und »arme Unterdrückte« (pers. Mosta’zafin) wahrnahm. Zu den Unterdrückern zählte er insbesondere die USA, die Sowjetunion und weitere mächtige Staaten wie Großbritannien. Unterdrückte waren für ihn alle Länder der sogenannten Dritten Welt und die muslimischen Staaten. Als Ausweg aus der Unterdrückung und Mittel zur Befreiung bot er den Islam an.9 Im Zentrum seiner Anschauung der Außenwelt standen ein rabiater Antiamerikanismus sowie eine ausgeprägte Feindseligkeit gegenüber den Verbündeten der USA im Nahen Osten, was neben Israel vor allem die arabischen Golfstaaten betraf. Insbesondere ihnen galten die Drohungen, in denen Khomeini und seine Anhänger wie eingangs zitiert vom »Export der Revolution« sprachen. Khomeini beteuerte zwar mehrfach, Export bedeute nicht, dass Iran militärisch interveniert, doch die Revolutionäre befürworteten und unterstützten den bewaffneten Kampf proiranischer islamistischer Gruppen in der arabischen Welt.10 Staaten, in denen wie in Saudi-Arabien, Kuwait und Bahrain starke schiitische Minderheiten lebten, sahen in der Politik des Revolutionsexports zu Recht eine direkte Bedrohung.
Khomeini nahm für sich in Anspruch, nicht nur für die Schiiten, sondern für den gesamten Islam zu sprechen. Dies war schon aus praktischen Gründen notwendig, wollte er Einfluss auf die Politik der islamischen Welt nehmen, denn Schiiten stellen mit rund zehn bis zwölf Prozent nur einen kleinen Teil der Muslime weltweit. Mit seiner ökumenischen Rhetorik gelang es ihm für eine kurze Zeit, Islamisten auch jenseits der konfessionellen Trennlinie bei den Sunniten zu begeistern. Doch sie erkannten rasch, dass Khomeinis Ideologie tief im Schiitentum verwurzelt war.
In den folgenden Jahren scheiterten fast alle Versuche der Revolutionäre, längerfristig mit sunnitischen Islamisten zusammenzuarbeiten. Ganz anders bei den Schiiten selbst, wo die Islamische Revolution Begeisterung auslöste und den Iranern zahlreiche Verbündete zuführte, die teils über Jahrzehnte hinweg loyal blieben. Dies betraf den Libanon mit seinem großen Anteil an schiitischer Bevölkerung und die arabischen Anrainerstaaten des Persischen Golfs. Dort sind die Zahlenverhältnisse ganz anders gelagert: In den acht Golfstaaten stellen Schiiten insgesamt bis zu 70 Prozent der Bevölkerung. (In Iran zwischen 75 und 80, im Irak mehr als 60 Prozent, in Bahrain zwischen 50 und 70 Prozent, in Saudi-Arabien rund 10 Prozent, in Kuwait 20 bis 30 Prozent, in den VAE 10 Prozent, in Katar 10 Prozent und in Oman rund 7 Prozent. Alle diese Angaben sind grobe Schätzungen.) Khomeini und seine Gefolgsleute sahen überall dort, wo wie im Irak, in der saudi-arabischen Ostprovinz, in Bahrain und Kuwait Schiiten stark vertreten waren, die Möglichkeit zum Revolutionsexport.
Die saudi-arabische Führung hatte den Sturz des Schahs und die anhaltende Konsolidierung der Islamischen Republik mit wachsender Sorge beobachtet. Zunächst verursachten jedoch sunnitische Islamisten im Land die größten Probleme. Am 20. November 1979 besetzten mindestens 500 Männer die Große Moschee von Mekka und nahmen mehrere Hundert, einigen Angaben zufolge Tausende Pilger als Geiseln. Ihr Anführer war der Saudi Juhaiman al-Utaibi. Seine Anhänger stammten mehrheitlich aus dem Königreich, aber auch aus Kuwait, dem Jemen und anderen arabischen Staaten. Ihre Anliegen waren politisch wie religiös motiviert. Sie protestierten gegen die rasche Modernisierung Saudi-Arabiens und die Korruption und Prunksucht in der Herrscherfamilie Saud ebenso wie gegen deren Bündnis mit den USA. Sie glaubten zudem, dass einer der saudischen Gefährten Utaibis der – auch von zahlreichen Sunniten erwartete – Mahdi sei und die Besetzung der Moschee die vom Propheten Muhammad prophezeite Apokalypse einleiten werde.11
Die Rebellion war für Saudi-Arabien so gefährlich, weil Utaibi und die überwiegende Mehrheit seiner Gefolgsleute überzeugte Wahhabiten aus Zentralarabien waren, also Anhänger der offiziellen Islaminterpretation im Königreich – und diese gelten eigentlich als die Hausmacht der Herrscherfamilie. Ihr Protest zielte auf die eklatanten Widersprüche zwischen der puristischen wahhabitischen Lehre und der prowestlichen Politik und immer moderneren Lebenswirklichkeit in Saudi-Arabien. Darin zeigte sich, wie weit sich die radikaleren Teile der wahhabitischen Bewegung von der Herrscherfamilie entfernt hatten. Diese reagierte zunächst zögerlich, sodass der Sturm auf die besetzte Moschee erst nach zwei Wochen erfolgte. Mit Unterstützung französischer Spezialisten nahmen saudische Truppen den Komplex ein. Hunderte Besetzer und Pilger wurden getötet, Utaibi und 63 seiner Anhänger festgesetzt und wenig später in verschiedenen Städten des Königreichs hingerichtet. Die Familie Saud nahm die Ereignisse zum Anlass für eine konservative Wende in der Innenpolitik, mit der sie die Wahhabiten beschwichtigen wollte. Deren strenge Kleiderregeln und Verhaltensvorschriften wurden nun sehr viel rigoroser durchgesetzt und das von den Gelehrten kontrollierte religiöse Erziehungssystem stark ausgebaut.
Im Dezember 1979, nur zwei Wochen nach der Moscheebesetzung in Mekka, brachen unter den Schiiten der saudi-arabischen Ostprovinz Unruhen aus. Die Herrscherfamilie machte Teheran dafür verantwortlich und fürchtete, Teheran könne die saudischen Schiiten benutzen, um das Königreich zu destabilisieren.12 Diese Furcht prägt die Politik Riads bis heute, und seit Ende 1979 suchte die dortige Führung nach Möglichkeiten, Iran an der Expansion in die arabische Welt zu hindern.
Die Möglichkeit bot sich schon bald, denn nach dem Erfolg der Revolution zeichnete sich ein Konflikt Irans mit dem Irak ab. Dieser wurde von der panarabischen Baath-Partei Saddam Husseins beherrscht, die Khomeini aufgrund ihres Atheismus besonders verhasst war. Die Spannungen nahmen rasch zu: Im April 1980 versuchten proiranische Schiiten, den stellvertretenden irakischen Ministerpräsidenten Tariq Aziz zu ermorden. Saddam Hussein ließ kurz darauf den prominenten schiitischen Gelehrten und Khomeini-Schüler Muhammad Baqir as-Sadr hinrichten, und im Juli scheiterte ein irakisch unterstützter Militärputsch in Iran. Nachdem es schon im Frühjahr immer wieder zu bewaffneten Zusammenstößen an der Grenze gekommen war, griffen irakische Truppen am 22. September 1980 das Nachbarland an. Saddam Hussein wollte die Schwäche Irans nach der Revolution ausnutzen, um die Kontrolle über die mehrheitlich von ethnischen Arabern bewohnte Provinz Khuzestan zu gewinnen, wo sich fast 80 Prozent der landseitigen iranischen Ölfelder befinden.13
Die Kämpfe in der ersten Phase des Krieges, die bis Juni 1982 andauerte, fanden ausschließlich auf iranischem Territorium statt. Die Iraker profitierten davon, dass die einst so starke iranische Armee nach der Revolution zum Opfer mehrerer Säuberungskampagnen geworden war (die sich in den ersten Kriegsjahren fortsetzten). Doch die revolutionären Militärs unter Führung der Revolutionsgarden wussten sich die numerische Überlegenheit Irans – 1980 hatte Iran 38,7 Millionen, der Irak nur 13,7 Millionen Einwohner – und die Opferbereitschaft vieler Soldaten zunutze zu machen. Ab November 1981 bedienten sie sich der Taktik der »menschlichen Wellen«, bei der große und dicht gestaffelte Infanterieeinheiten die gegnerische Front zu überrennen versuchen. Seit diesem Zeitpunkt bis zum Ende des Krieges waren Massenangriffe die wichtigste Waffe der Garden – mit der Folge, dass die iranischen Verluste die des irakischen Gegners um ein Vielfaches überstiegen. Im Mai 1982 gewann Iran die Stadt Khorramshahr am Shatt al-Arab (dem Zusammenfluss von Euphrat und Tigris im Irak, der weiter südlich die Grenze zwischen Irak und Iran bildet und in den Persischen Golf mündet) zurück, die zu Beginn des Krieges von den Irakern besetzt worden war. An diesem wichtigen Wendepunkt des Krieges gingen die iranischen Truppen in die Gegenoffensive.
Saddam Hussein bot in dieser nun beginnenden zweiten Phase einen Waffenstillstand an, doch angesichts der eigenen Erfolge setzten die iranischen Revolutionäre auf einen Sieg im Kampf. Iranische Politiker und Militärs forderten den Sturz Saddam Husseins, sprachen immer häufiger vom Export der Revolution und gaben die Eroberung Kerbelas und Jerusalems als Ziele aus. »Der Weg nach Jerusalem führt durch Kerbela« wurde zu einer beliebten Parole der iranischen Propaganda.14 Militärisch gestaltete sich der Konflikt nun aber als Abnutzungskrieg, in dem Iran keine entscheidenden Vorteile erringen konnte. Das Patt hielt auch in der dritten Phase des Krieges von 1984 bis 1986 an. Zwar gelang es iranischen Truppen, die irakische Halbinsel Fao einzunehmen und damit die wichtige Millionenstadt Basra von Süden her zu bedrohen, doch es fehlte ihnen an Schlagkraft für ein weiteres Vorrücken. Als die Iraker immer mehr in die Defensive gerieten, griff ihre Luftwaffe ab Februar 1984 iranische Öltanker und Ölverladestationen an. Da der Irak über keine eigenen Tanker verfügte, vergalten die Iraner diese Angriffe mit Attacken auf Schiffe anderer Länder. Insbesondere kuwaitische und saudi-arabische Tanker wurden nun zum Ziel. Im November 1986 wandte sich Kuwait mit der Bitte um Schutz an die USA und die UdSSR.15
Die Intervention der Vereinigten Staaten prägte die Endphase des Krieges von 1987 bis 1988. US-Kriegsschiffe eskortierten kuwaitische Öltanker im Persischen Golf, und es kam mehrfach zu Gefechten zwischen der amerikanischen und der iranischen Marine. Gleichzeitig wuchs der diplomatische Druck auf Iran. Im UNO-Sicherheitsrat hatten die konkurrierenden Supermächte Initiativen meist wechselseitig durch Vetos blockiert, nun, in der Phase des abklingenden Ost-West-Konflikts, konnte die US-Regierung dort Druck aufbauen. Die vor allem von den USA entworfene Resolution 598 vom 20. Juli 1987 forderte einen sofortigen Waffenstillstand. Khomeini sträubte sich, doch die Iraker konnten nun wieder Erfolge auf dem Schlachtfeld erzielen. Im Frühjahr 1988 starteten sie mehrere Offensiven, in denen sie rasch alle iranischen Erfolge seit 1985 zunichtemachten. Im Juli akzeptierte Iran die Resolution 598, woraufhin der Krieg im August endete.16
Obwohl der Irak der Aggressor war, stellten sich Saudi-Arabien und Kuwait an die Seite Saddam Husseins, um die Islamische Republik zu schwächen. Ab 1980 galt ihnen der Irak als Puffer gegen den Expansionsdrang Irans in die arabische Welt. Der Schulterschluss hatte sich angekündigt, denn noch 1978 hatte der saudi-arabische König Khalid (reg. 1975–1982) offen für den Schah Partei ergriffen, wofür sich Revolutionsführer Khomeini und seine Gefolgsleute mit einem Aufruf zum Export der Revolution in die Golfstaaten revanchierten.17 Die Sorge der Führungen in Riad und Kuwait wuchs infolge der Wende im Krieg im Frühjahr 1982, aufgrund der militärischen Erfolge der Iraner Anfang 1986 und wegen der 1987 verstärkten Angriffe auf saudi-arabische und kuwaitische Öltanker. Dass die USA im »Tankerkrieg« 1987 und 1988 so entschlossen in den Konflikt intervenierten, ging auch auf die Bitte der bedrohten Golfstaaten zurück. Ihr wichtigstes Instrument war jedoch die finanzielle Unterstützung für den Irak. Zwischen 1980 und 1988 halfen Saudi-Arabien und Kuwait, aber auch die VAE und Katar mit Krediten und direkten und indirekten Zahlungen von insgesamt etwa 80 Milliarden US-Dollar.18 Mit diesem Geld der Golfstaaten bezahlte Saddam Hussein massive Lieferungen sowjetischer und französischer Waffen, die die irakischen Erfolge möglich machten, die 1988 zum Einlenken Irans führten.
Die offene Parteinahme der Saudis und Kuwaitis für den Irak ließ die iranische Führung nach Möglichkeiten suchen, beide Staaten zu bestrafen und sie zur Einstellung ihrer Unterstützung zu zwingen. Meist traf es Kuwait, das aufgrund seiner geografischen Nähe zur irakisch-iranischen Front besonders verwundbar war. Das Land wurde zum Ziel von iranischen Luftangriffen, Sabotageakten und terroristischen Anschlägen, die jedoch nur dazu führten, dass sich das Emirat erst recht entschlossen auf die Seite Bagdads stellte.
Auch in Saudi-Arabien unterstützte Iran schiitisch-islamistische Oppositionsgruppen, was in den 1980er-Jahren jedoch nicht zu größeren Anschlägen führte. Der Konflikt zwischen Riad und Teheran entlud sich vielmehr während der alljährlichen Pilgerfahrt (arab./pers. Hajj) nach Mekka und Medina. Der saudische König nannte sich seit 1986 »Hüter der heiligen Stätten«; aufgrund ihrer zentralen Bedeutung beanspruchte er eine Führungsposition unter den muslimischen Nationen weltweit. Da Khomeini und seine Anhänger selbst eine solche Stellung für die Islamische Republik einforderten und ein Ende der saudischen Herrschaft über Mekka und Medina verlangten, zeichnete sich bereits ab, dass es während der Hajj zu Auseinandersetzungen kommen würde. Während der Pilgersaison starteten iranische Pilger im Juli 1987 einen Demonstrationsmarsch in Mekka. Als ihnen der Weg Richtung Große Moschee durch Sicherheitskräfte versperrt wurde, kam es zu Zusammenstößen, die nach offiziellen saudi-arabischen Angaben 402 Todesopfer forderten.
Es folgte eine heftige Kontroverse zwischen beiden Regierungen, in deren Verlauf Khomeini die saudische Herrscherfamilie als »eine Bande von Ketzern« und »abscheuliche und gottlose Wahhabiten« beschimpfte.19 Die saudi-arabische Führung reagierte, indem sie die Zahl iranischer Pilger für die nächste Saison massiv einschränkte. Sie machte zudem deutlich, dass fortan keine Demonstrationen mehr geduldet würden. Teheran weigerte sich, die Vorgaben zu akzeptieren, und sollte die Pilgerfahrt in den folgenden drei Jahren boykottieren. Im April 1988 brach Riad dann die diplomatischen Beziehungen zu Iran ab20 – der Tiefpunkt in den frühen Beziehungen zwischen Saudi-Arabien und der Islamischen Republik.
