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Korim, Archivar und Privatgelehrter aus einer ungarischen Provinzstadt, hat einen radikalen Entschluss gefasst: Er begibt sich auf eine Reise in die USA, genauer nach New York City, um dort zu sterben. An der Schwelle zum neuen Jahrtausend und auf verschiedenen imaginären und realen Stationen – Budapest, Kreta, Venedig, Rom – unternimmt Korim eine Reise durch die Vergangenheit des Abendlandes. Nochmals durchlebt er die Schrecknisse der Geschichte, um anzukommen bei sich und seinem ersehnten Ende.
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Seitenzahl: 462
Veröffentlichungsjahr: 2025
László Krasznahorkai
Roman
In einem kleinen ungarischen Provinznest ereignet sich Außerordentliches. Der Archivar und Privatgelehrte Korim gerät in den Bann eines geheimnisvollen Manuskriptes, das er in einem bislang unbeachteten Nachlaß entdeckt hat. Er hält es für so bedeutend, daß er es der Nachwelt übereignen will. Und er begibt sich auf eine lange Reise. Ohne Gepäck. Nur Geld aus dem verkauften Besitz, Reisedokumente und jenes merkwürdige Manuskript hat er in das Futter seines Mantels eingenäht.
Budapest, Kreta, Venedig, Rom und New York – auf verschiedenen realen und imaginären Stationen seiner Reise folgt Korim in Zeitsprüngen einer Route, die jene rätselhaften Seiten ihm vorzugeben scheinen.
Unterwegs in der Geschichte des Abendlandes – aus dem minoischen Zeitalter hinüber nach Rom und dann ins Venedig der Dogen – hineingezogen in einen magischen Raum. Der Wechsel von der einen in die nächste Welt wird immer von Kriegen angekündigt. Korim ist eine Figur der völligen Verlorenheit, ein Wahnsinniger oder Weiser, der nochmals die Schrecknisse der Geschichte erlebt, um endlich anzukommen bei sich und seinem ersehnten Ende.
Susan Sontag hat den ungarischen Autor einmal einen Meister der Apokalypse genannt und ihn mit Gogol und Melville verglichen, und W. G. Sebald urteilte: »Die Universalität von Krasznahorkais Blick zerstreut alle Zweifel an der zeitgenössischen Literatur.«
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László Krasznahorkai, 1954 in Gyula/Ungarn geboren, ist einer der innovativsten Schriftsteller Europas. 2025 wurde er mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet.
Seine Romane »Satanstango« und »Melancholie des Widerstands« wurden überall auf der Welt begeistert aufgenommen. Die internationale Beachtung begann 1993 in Deutschland mit dem SWR-Bestenlisten-Preis für »Melancholie des Widerstands«. »Seiobo auf Erden« wurde mit dem Brücke-Berlin-Preis ausgezeichnet, »Baron Wenckheims Rückkehr« (2018) mit dem National Book Award. 2015 wurde ihm der International Man Booker Prize verliehen, 2021 der Österreichische Staatspreis für Europäische Literatur sowie 2024 der spanische Literaturpreis Prix Formentor. Zuletzt erschienen der Roman »Herscht 07769« und der Erzählband »Im Wahn der Anderen«. Heute lebt László Krasznahorkai in Triest.
Erschienen bei FISCHER E-Books
Die Originalausgabe erschien 1999 unter dem Titel »Háború és háború« im Verlag Magvetö Könyvkiadó, Budapest
© 1999 László Krasznahorkai
Die deutsche Erstausgabe erschien 1999 im Ammann Verlag, Zürich.
Für diese Ausgabe:
© 2006 S. Fischer Verlag GmbH,
Hedderichstr. 114, 60596 Frankfurt am Main
Covergestaltung: Andreas Heilmann und Gundula Hissmann, Hamburg nach einer Idee von József Pintér
Coverabbildung: Lenke Szilágyi
ISBN 978-3-10-402089-1
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Nachweis
Der Himmel ist traurig.
Wie ein brennendes Haus
Mich interessiert nicht mehr, daß ich sterbe, sagte Korim, dann, nach einer längeren Pause, deutete er auf einen nahen Grubenteich: Sind das dort Schwäne?
Sieben Kinder hielten ihn umzingelt auf der Eisenbahnüberführung, im Halbkreis hockend, ihn regelrecht gegen das Geländer pressend, nicht anders als eine halbe Stunde zuvor, als sie ihn überfallen hatten, um ihn auszurauben, nicht anders, nur wollten sie es jetzt nicht mehr, weder ihn überfallen noch ihn ausrauben, denn sie hatten erkannt, einen wie den kann man zwar überfallen und ausrauben, aber es lohnt sich nicht, wahrscheinlich hat er tatsächlich nichts, und was er hat, ist eine unabsehbare Last, so daß sie, als sich dies an einem bestimmten Punkt seines wirren, stürmischen, doch für sie »eigentlich verdammt langweiligen« Monologs herausstellte, übrigens ungefähr an dem Punkt, wo er vom Verlust seines Kopfes zu reden begann, nicht aufstanden und ihm nicht den Rücken zukehrten wie einem Irren, sondern blieben, wo und wie sie waren, im Halbkreis hockend, reglos, ihres Vorhabens eingedenk, denn langsam wurde es Abend, und die in der Stille der Dämmerung herabsinkende Dunkelheit ließ sie verstummen, denn dieser starre, wortlose Zustand drückte ohnehin am tiefsten ihre Aufmerksamkeit aus, welche, nachdem Korim sich ihr entwunden hatte, nur noch einen einzigen Gegenstand hatte: die Schienen da unten.
Niemand hatte ihn gebeten zu reden, sie hatten gewollt, daß er sein Geld herausgäbe, doch er gab es nicht heraus, vielmehr sagte er, er habe keins, und dann redete er, anfangs stockend, dann fließender, schließlich unaufhaltsam, und er redete, weil die Augen der sieben Kinder ihn erschreckten oder weil, wie er später selbst aufdeckte, sein Magen sich vor Furcht verkrampfte, und wenn die Furcht seinen Magen bedränge, sagte er, dann müsse er reden, unbedingt, zumal die Furcht nicht verflogen sei, habe er doch nicht wissen können, ob sie bewaffnet seien, so daß er dem Rededrang immer stärker erlag, dem Drang, ihnen alles zu erzählen, endlich jemandem, denn seit er sich heimlich – und im letzten Augenblick! – »auf die große Reise«, wie er sich ausdrückte, begeben habe, hatte er mit niemandem ein Wort gewechselt, nicht ein Wort, es wäre ihm zu gefährlich gewesen, und mit wem auch, stieß er doch unterwegs kaum auf irgendwen, der harmlos gewesen wäre und den er nicht zu fürchten gehabt hätte, denn für ihn war niemand harmlos genug, und er hatte jedermann zu fürchten, er sehe, hatte er gleich am Anfang gesagt, in jedem Menschen denselben, den nämlich, der, ob unmittelbar oder hintergrundartig, mit seinen Verfolgern in Verbindung stehe, in irgendeiner nahen oder ferneren, jedoch unbezweifelbaren Verbindung mit denjenigen, die seines Erachtens über jeden seiner Schritte unterrichtet seien, nur sei er eben schneller, erzählte er später, als sie, »mindestens um einen halben Tag« immer schneller, wenn auch die flüchtigen Siege der Zeitpunkte und Schauplätze ihren Preis hätten: kein Wort, wirklich, zu niemandem, erst jetzt und hier, aus Furcht, unter dem natürlichen Druck der Furcht immer wichtigere Territorien seines Lebens betretend und hiermit intime und immer intimere, tiefe und immer tiefere Einblicke gewährend, um sie damit zu bestechen, um sie für sich einzunehmen, um aus seinen Angreifern den Angreifer einfach wegzuwaschen und um sie, alle sieben, zu überzeugen, hier hat sich einer nicht bloß ergeben, mit seiner Kapitulation eilt er den Angreifern gleichsam entgegen.
Teergeruch lag in der Luft, widerlicher, durchdringender, massiver Teergeruch überall, und da konnte auch der kräftige Wind nichts ausrichten, denn der Wind, der nicht Halt machte bis zu den Knochen, trieb den Geruch nur hoch und im Kreis, konnte ihn aber nicht gegen einen anderen einwechseln, denn in der ganzen Gegend, kilometerweit und hauptsächlich hier, zwischen der Mündung der von Osten kommenden und sogleich fächerartig auseinanderlaufenden Gleise und dem hinten sichtbaren Güterbahnhof, bestand die Luft aus ihm, diesem Teergeruch, von dem aber letztlich schwer zu sagen gewesen wäre, was er außer den Gerüchen nach Ruß und Rauch, nach Hunderten und Tausenden vorbeidonnernder Züge, nach schmutzigen Schwellen, Schotter und Schienenstahl noch alles in sich faßte, wenngleich zweifellos nicht nur sie, sondern auch andere, verborgenere, lediglich umschreibbare oder geradenwegs unbenennbare Elemente, darunter mit Gewißheit die ungeheure Last der menschlichen Vergeblichkeit, die ein von hier, aus der Höhe des Übergangs, zu erschreckender Ziel- und Zwecklosigkeit sich formierender, millionenfacher und brechreizerregender Wille in jenen Hunderten und Tausenden von Zügen einhertrug, wie ihn sicherlich auch der Schwebegeist der Ödheit, der Verlassenheit, der gespenstischen, betrieblichen Erstarrtheit speiste, der sich in Jahrzehnten allmählich hermetisch auf diese Landschaft gelagert hatte, in die Korim sich jetzt einzuordnen versuchte, er, der im Fliehen ursprünglich – unbemerkt, schnell und geräuschlos – nur zur anderen Seite hinüber gewollt hatte, um seinen Weg in Richtung auf das vermutete Zentrum der Stadt fortzusetzen, sich jetzt aber an diesem zugigen, kalten Punkt der Welt einrichten mußte, um es so zu sagen, sich festhalten – Geländer, Gehwegkante, Asphalt, Metall – an aus Augenhöhe wichtiger erscheinenden, sonst aber freilich zufälligen Einzelheiten, so daß hernach eine Eisenbahnüberführung, diese hier, einige hundert Meter vor einem Güterbahnhof, von einem nicht existierenden Segment der Welt zu einem existierenden Segment der Welt, zu einer wichtigen frühen Station seines neuen Lebens oder, wie er selbst es später ausdrückte, seines »Amoklaufes« werden sollte, eine Eisenbahnüberführung, über die er, wäre er nicht aufgehalten worden, blind hinweggeeilt wäre.
Es hatte urplötzlich begonnen, ohne Einleitung, Vorahnung, Vorbereitung und Anlauf, genau in einem bestimmten Augenblick seines vierundvierzigsten Geburtstags hatte die Erkenntnis zugeschlagen, und zwar gleich unsäglich schmerzhaft, ähnlich wie die sieben mitten auf der Überführung hier über ihn hergefallen seien, sagte er, ähnlich unerwartet und unvorhersehbar, er habe damals, wie auch sonst zuweilen, am Fluß gesessen und keine Lust gehabt, gerade an seinem Geburtstag heimzugehen in die leere Wohnung, er saß da, und urplötzlich, erzählte er, wie ein Blitz, sei die Einsicht gekommen, großer Schöpfer, er verstehe das alles nicht, wehe, wehe, er habe von nichts eine Ahnung, Jesusmaria, die Welt sei nicht zu begreifen, und erschreckt habe es ihn schon, daß die Sache sich in seinem Inneren so Ausdruck verschaffte, auf diesem Niveau des Phrasenhaften, des Banalen, des ekelhaft Naiven, aber so war es nun mal, sagte er, auf einmal habe er sich, vierundvierzigjährig, als fürchterlich dumm gesehen, als leer und dusselig und vierundvierzig Jahre hindurch ohne Verstehen der Welt, und wie er sie, so seine Erkenntnis, am Fluß sitzend, nicht verstanden habe, so habe er das alles nicht verstanden, wobei am schlimmsten gewesen sei, daß er vierundvierzig Jahre lang alles zu verstehen geglaubt, jedoch gar nichts verstanden habe, das sei das schlimmste gewesen an seinem Geburtstagsabend am Fluß, schlimm, weil mit dieser Erkenntnis kein Na-jetzt-kapier-ich-es-aber einhergegangen sei, weil er im Tausch für das andere nicht ein neues Wissen bekommen habe, wenngleich er doch an jenem Abend ungeheuer tief an die Welt gedacht und sich abgequält habe, sie zu verstehen, aber es ging nicht, die Kompliziertheit wurde nur immer noch unübersichtlicher, er habe schon das Gefühl gehabt, diese Kompliziertheit sei der Sinn der Welt, mit deren Verständnis er sich so abquäle, daß die Welt also identisch sei mit ihrer Kompliziertheit, hier sei er angelangt und habe nicht aufgegeben, jedoch ein paar Tage später bemerkt, daß mit seinem Kopf allmählich etwas nicht mehr stimmte.
Da habe er seit langen Jahren schon allein gelebt, erzählte er den sieben Kindern, selber ebenfalls hockend im Novemberwind, der über die Überführung pfiff, den Rücken an das Geländer pressend, allein, denn seine Ehe sei wegen der Hermes-Affäre (mit einer Handbewegung deutete er an, darüber werde er später berichten) in die Brüche gegangen, und danach habe er sich »in einer sehr heftigen Liebe total ausgebrannt«, weshalb er beschloß, nie wieder, nie mehr auch nur in die Nähe einer Frau, was natürlich keine absolute Isolation bedeutet habe, für die eine oder andere schwere Nacht habe es immer Frauen gegeben, sagte Korim und sah die Kinder an, und bei allem Alleinsein sei er, natürlich seiner Arbeit im Archiv wegen, in Arbeitskontakten, seiner Nachbarn wegen in nachbarschaftlichen Kontakten, wegen des Verkehrs in Straßenkontakten, wegen der Einkäufe und der Kneipen in Einkaufs- und in Kneipenkontakten mit den verschiedensten Menschen, letztlich also in der Nähe sehr vieler Menschen geblieben, wenn auch in der fernsten Ecke dieser Nähe, ziemlich vieler, bis auch diese ausblieben, von der Zeit an im wesentlichen, als er im Archiv, im Treppenhaus, auf der Straße, beim Einkauf und in der Kneipe gezwungenermaßen zu berichten begonnen hatte, er glaube leider, er werde den Kopf verlieren, denn als sie verstanden, daß er es nicht bildhaft, nicht in übertragenem Sinn meinte, sondern so, wie er es sagte, also Kopf ab, bedauerlicherweise, höchstwahrscheinlich, da flohen sie vor ihm wie aus einem brennenden Haus, stürzten regelrecht davon, und sehr schnell war alles um ihn herum weg, er stand da wie ein brennendes Haus, begonnen hätten sie, sagte er, damit, daß sie sich von ihn zurückzogen, daß sie ihn im Archiv nicht mehr ansprachen, daß sie seinen Gruß nicht erwiderten und nicht am selben Tisch mit ihm aßen, bis sie ihm zuletzt, wenn sie ihn auf der Straße erblickten, auswichen, versteht ihr?, fragte Korim die sieben Kinder, sie seien ihm ausgewichen, das habe ihn am meisten geschmerzt, ergänzte er, mehr als das, was mit seinen Halswirbeln passiert war, gerade in diesem Zustand hätte er größtes Mitgefühl benötigt, sagte er, und ihm war anzusehen, daß er am liebsten bis in die kleinstmöglichen Details hinein weitergeredet hätte, wie andererseits den Kindern anzumerken war, zum einen Ohr rein, zum anderen raus, denn die sieben Kinder hätten zu alledem sowieso nichts mehr gesagt, es interessierte sie nicht, besonders von dem Punkt an, wo »der Typ vom Verlust seines Kopfes anfing«, wie sie später anderen berichteten, »Murks«, sagten sie und wechselten Blicke, das älteste nickte den anderen einvernehmlich zu, was ungefähr bedeutete, »lassen wir das, lohnt sich nicht«, dann hockten sie wieder nur wortlos da und beobachteten die Mündung der Gleise, zuweilen, wenn unter ihnen ein Güterzug vorüberratterte, fragte das eine oder andere, wie lange noch, woraufhin ein anderes, immer dasselbe, blonde, neben dem ältesten, auf seine Uhr sah und lediglich sagte, es werde schon Bescheid geben, wenn die Zeit gekommen sei, und bis dahin: Klappe halten.
Hätte Korim gewußt, daß die Entscheidung, und zwar diese, gefallen war, und hätte er bemerkt, wie sie sich zunickten, dann freilich wäre nichts so gekommen, wie es kam, aber er wußte es nicht, da er es nicht bemerkte, und bei sich deutete er die Dinge sichtlich gar nicht so, wie sie waren, für ihn nämlich wurde die Lage – hier im Wind zu hocken mit diesen Kindern – immer beunruhigender, weil nämlich nichts passierte und nichts sich herausstellte, was sie tatsächlich wollten und ob sie überhaupt etwas wollten, er selbst mußte es sich erklären, warum sie ihn nicht wegließen oder nicht allein hierließen, da er sie doch überzeugt hatte, kein Geld zu haben, da das ganze also unnütz war, eine Erklärung mußte her, und er fand sie auch, jedoch fand er aus der Sicht der sieben Kinder nicht die richtige Erklärung, denn für ihn, der genau wußte, wieviel Geld in den rechten Ärmel seiner Jacke eingenäht war, gewann diese Reglosigkeit und Stummheit, wie sie nichts machten und wie nichts geschah, immer stärker und furchteinflößender an Bedeutung, statt in Anbetracht seiner Person zunehmend an Bedeutung zu verlieren, weshalb er in der ersten Hälfte eines jeden Augenblicks bereit war, aufzuspringen und davonzulaufen, um in der zweiten Hälfte desselben Augenblicks dann doch zu bleiben, als wollte er genau das, und zu reden, als sei er noch beim Anfang der Dinge, bereit also sowohl zur Flucht als auch zum Bleiben, wobei er sich stets für das Bleiben entschied, aus Furcht allerdings, ließ er sie doch wiederholt wissen, wie wohltuend es für ihn sei, endlich gehört zu werden in einem so vertraulichen Kreis, wo auch er etwas zu sagen, eigentlich sogar verblüffend viel zu sagen habe, denn wenn er es sich recht überlege, sagte er, sei es verblüffend im wortwörtlichen Sinn, was alles erzählt werden müsse, damit klar werde, am Mittwoch, beziehungsweise, so genau wisse er momentan nicht, vor wieviel, aber etwa vor dreißig bis vierzig Stunden sei der schicksalhafte Tag gekommen, an dem er verstand, er müsse wahrhaftig »die große Reise« antreten, an dem er verstand, daß für ihn alles, vom Hermes bis zum Alleinsein, in eine einzige Richtung laufe, an dem er verstand, daß er im Grunde genommen schon unterwegs war, denn alles habe sich geordnet und alles sei eingestürzt, habe sich vor ihm geordnet und sei hinter ihm eingestürzt, wie es ja, sagte Korim, bei »großen Reisen« dieser Art der Ordnung der Dinge zufolge höchstwahrscheinlich zu sein pflege.
Nur über den Treppen brannte je eine Lampe, im wieder und wieder zustoßenden Wind Licht in trostlosem, fröstelndem Kegel spendend, zwischen den beiden waren auf den gesamten dreißig Metern Länge der Überführung alle Neonlampen herausgeschlagen, so daß dorthin, wo sie hockten, keinerlei Helligkeit drang, dennoch nahmen sie einander genauestens wahr, wie sie auch die ungeheure dunkle Masse des Himmels wahrnahmen, den Himmel, der jetzt diese ungeheure dunkle, sternenvibrierende Masse seiner selbst in der unten ausgebreiteten, riesigen Eisenbahnlandschaft widergespiegelt hätte sehen können, wenn zwischen seinen vibrierenden Sternen und dem stumpfen Rot der unzähligen zwischen die Gleise gestreuten Signale eine Verbindung möglich gewesen wäre, doch eine solche Verbindung gab es nicht, denn es gab keine gemeinsame Ordnung und keinen gemeinsamen Zusammenhang, nur eine eigene Ordnung und einen eigenen Zusammenhang oben und unten und überall, da Sternen- und Signalwald blind aufeinander schauten, und blind füreinander waren alle großen Lehrsätze des Daseins, blind das Dunkel und blind das Strahlen, auch blind die Erde und blind der Himmel, auf daß solcherart schließlich im verlorenen Blick einer höheren Sicht eine tote Symmetrie der Weite und Breite entstehe, mit einem winzigen Fleck mittendrin freilich: Korim … auf der Überführung … und die sieben Kinder.
Der ist total irre, erzählten sie tags darauf jemandem aus der Gegend, ein Irrer, total, absolut, einfach ein bekloppter Idiot, sagten sie, den man wohl doch besser irgendwie hätte killen müssen, denn bei solchen weiß man nie, ob sie nicht doch auspacken, immerhin hat er von allen das Gesicht gesehen, setzten sie dann, wieder unter sich, hinzu, vielleicht hatte er sich gemerkt, welche Kleidung, Schuhe und so weiter sie an jenem späten Nachmittag trugen, ja, das sahen sie tags darauf ein, sie hätten ihn killen müssen, nur hatte daran keiner rechtzeitig gedacht, alle hatten seelenruhig auf der Überführung gehockt, weil unten ja alles ordentlich vorbereitet war, sie hatten nur ins Dunkel über der Gleiseinmündung gegafft und auf das erste Zeichen des Sechsachtundvierzigers aus der Ferne gewartet, um dann aber sofort zum Damm hinunterzurennen und ihre Plätze im Gestrüpp einzunehmen, dann sollte der Tanz losgehen, also niemand, sagten sie, niemand habe daran gedacht, daß das Spiel diesmal auch anders enden könnte, anders, nämlich mit vollem Sieg, mit dem größten, dem perfekten Treffer, also dem Tod, in welchem Fall so ein Typ, na klar, eine Gefahr darstelle, der kann alles ausquatschen, sagten sie, völlig unerwartet und hochhysterisch den Bullen alles ausquatschen, und das hatte sich deshalb so ergeben, und sie hatten deshalb solche Schlüsse gezogen, weil sie einfach nicht hinhörten, nein, sonst hätte ihnen aufgehen müssen, daß er wahrhaftig keine Gefahr für sie darstellte, wußte er doch später nicht einmal, ob hier gegen sechs achtundvierzig überhaupt etwas passiert war, da er immer tiefer in seine Furcht und der Furcht wegen in sein Erzählen getaucht war, welches, wozu es leugnen, vom ersten Augenblick an tatsächlich keinerlei Struktur hatte, nichts, womit er Aufmerksamkeit auf sich hätte ziehen können, nur Rhythmus und … Gedrängtheit, da alles gleichzeitig erzählt werden wollte, was er in sich trug, was ihm widerfahren war, was er erkannt hatte, und wie sich alles an jenem gewissen Mittwochmorgen zu einem Ganzen geformt hatte, vor dreißig oder vierzig Stunden, zweihundertzwanzig Kilometer von hier entfernt, in einem Reisebüro, gerade, als er an der Reihe gewesen wäre mit seiner Frage nach dem nächsten Zug nach Budapest und dessen Preis, als er also am Schalter plötzlich das Gefühl hatte, danach dürfe er hier nicht fragen, und gerade da habe er in der Spiegelung des Schalterglases etwas gesehen, zwei Angestellte der Kreis-Psychiatrie nämlich, maskiert als menschliche Idioten, zwei sogenannte Fürsorgerinnen, die ihre simple Aggressivität noch durch die Poren der Haut ausschwitzten, hinten, an der Eingangstür.
Die Leute von der Kreis-Psychiatrie, sagte Korim, hätten ihm das nie erklärt, weswegen er angefangen habe, dorthin zu gehen, und zwar, wie denn nun das ganze System vom ersten Halswirbel bis zum Ligamentum funktioniere, sie erklärten es ihm nicht, und das nicht etwa, weil sie es nicht wußten oder davon nichts verstanden oder in ihren Köpfen eine unbeschreibliche Finsternis herrschte, anfangs gafften sie ihn nur an wie Kälber ein neues Tor, und später taten sie, als wäre die Frage an sich dumm und zugleich Zeichen und sinnfälliger Beweis seiner Verrücktheit, allein schon, daß er ihnen mit so etwas komme, mit einem kaum angedeuteten Nicken sahen sie sich bedeutungsvoll an, das ist schon vielsagend genug, nicht wahr, dann redeten sie darüber hinweg, was natürlich zur Folge hatte, daß er diesbezüglich keine Fragen mehr stellte, sondern, unerschütterlich das Problem auf den Schultern weiter mit sich herumschleppend, daranging, selbst herauszubekommen, was denn nun zwischen dem ersten Halswirbel und diesem gewissen Ligamentum los sei und wie also nun das kritische Zusammenpassen zwischen ihnen aussehe, seufzte Korim, wie es sich also verhält, ist sein Schädel nun einfach draufgesetzt auf den obersten Wirbel des Rückgrats, er habe sich das schon seinerzeit durch den Kopf gehen lassen, sagte er jetzt, daß seine Hinterhauptknochengelenke ja in seinen ersten Hauptwirbel eingekeilt seien, und er habe schon damals darüber nachgedacht, daß sein Schädel mittels Ligamenten an seinem Rückgrat befestigt sei und dieses das Ganze halte, schon bei der bloßen Vorstellung des Bildes seines Inneren sei es ihm kalt über den Rücken gelaufen, und kalt über den Rücken laufe es ihm auch heute, denn ihm sei schon nach ziemlich kurzer Prüfung und ziemlich kurzer Selbstbeobachtung klargeworden, daß dieses Zusammenpassen zu den hauchfeinsten, empfindsamsten, verletzlichsten und schutzlosesten im Organismus gehöre, daß folglich hier der Grund zu suchen sei, denn bei diesem Zusammenpassen hat es angefangen, stellte er fest, und bei ihm endet es auch, denn wenn die Röntgenärzte außerstande waren, aus den Aufnahmen etwas herauszulesen, und so war es ja, dann bestand für ihn kein Zweifel, nachdem er sich einigermaßen auch in die tiefere Prozedur des Untersuchens und Selbstbeobachtens eingearbeitet hatte, daß der Schmerz, jawohl, hier dingfest zu machen war, an diesem Verknüpfungs-, diesem Einkeilungspunkt, an diesem Zusammentreffen von erstem Halswirbel und Hinterhauptknochen, auf das nun selbstverständlich alle Aufmerksamkeit zu konzentrieren gewesen sei, oder auf die Ligamente, das habe er damals noch nicht genau gewußt, das noch nicht, was er aber genau gewußt, was er von Tag zu Tag, von Woche zu Woche, von Monat zu Monat durch zunehmende Hals- und Rückenschmerzen hindurch eindeutig wahrgenommen habe, das sei, daß der Prozeß begonnen habe und unhemmbar seinen Fortgang nehme, und objektiv betrachtet, sagte er, führt der Prozeß unaufhaltsam zum endgültigen Aus des Verhältnisses zwischen dem Schädel und dem Rückgrat, letzten Endes also – keineswegs symbolisch gesprochen: warum auch? sagte Korim und deutete auf seinen Hals, soll ein dünnes kleines Stückchen Haut den halten? –, unvermeidlich zum Verlust des Kopfes.
Ein, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht, neun Schienenpaare führten unter der Überführung hindurch, und die sieben Kinder konnten eigentlich nichts weiter tun, als sie zusammenzuzählen, deshalb wanderten ihre Blicke immer wieder durch das vom Licht der Signale kaum durchdrungene Dunkel zur Mündung hin, sonst nichts weiter, während sie warteten, daß endlich der Sechsachtundvierziger in der Ferne auftauchte, denn die Spannung, die ihnen ins Gesicht geschrieben stand, bezog sich auf nichts anderes mehr als auf den Sechsachtundvierziger, der Typ nämlich, wie sie Korim nach den ersten Versuchen in ihren Erlebnisberichten am Tag darauf endgültig tauften, und die mit ihm verbundenen Hoffnungen, die Wartezeit werde schneller vergehen, wenn sie ihn ausraubten, hätten sich schon eine Viertelstunde, nachdem sie ihn gestellt hatten, von selbst erledigt, und auch wenn sie es gewollt hätten, wären sie nicht fähig gewesen, irgend etwas von seinem mehr und mehr ausufernden, nicht enden wollenden Monolog aufzunehmen, den er hier, in ihrer Mitte ans Geländer gedrängt, unaufhaltsam abspulte, so berichteten sie tags darauf, sie hätten einfach abgeschaltet, sagten sie, anders wäre es gar nicht auszuhalten gewesen, nur so, mit total abgeschaltetem Kopf, wäre er nämlich eingeschaltet geblieben, setzten sie hinzu, hätten sie ihn schon killen müssen, um nicht den gesunden Verstand zu verlieren, aber leider hätten sie also der nüchternen Vernunft zuliebe abgeschaltet, weshalb andererseits auch das geplante Filzen wegfiel, das aber nicht hätte wegfallen dürfen, warfen sie einander vor, Mist, daß es so gekommen ist, wiederholten sie mehrmals, denn normalerweise wußten sie am besten, was passiert, wenn ein Zeuge wie der nicht völlig verschwindet, ganz zu schweigen davon, daß für sie, die sich in den ernstzunehmenden Stadtbezirken allmählich einen Namen als »Pulsaufschneider« machten, die Aufgabe im Grunde genommen weder neu noch besonders riskant gewesen wäre.
Was über ihn hereinbrach, sagte Korim und schüttelte, immer noch ungläubig, den Kopf, sei anfangs geradezu unbegreiflich und geradezu unerträglich gewesen, denn als er sah und feststellte, wie kompliziert die Dinge lagen, habe er nach der ersten Konfrontation zuallererst in einer kurzen Runde mit seiner »krankhaft hierarchischen Weltanschauung« abrechnen, die »falsche Pyramide« stürzen und sich von der außerordentlich wirkungsvollen, aber überaus kindlichen Fata Morgana des sicheren Bescheidwissens befreien müssen, die Welt sei ein nicht mehr steigerbares Ganzes, und dieses Ganze besitze einen ewigen Bestand und ewige Beständigkeit und innerhalb dieses ewigen Bestands und ewiger Beständigkeit eine einheitliche Struktur, einen strengen Zusammenhang seiner Elemente, sowie das Gesamtsystem eine bestimmte Richtung, Entwicklung, Progression und Geschwindigkeit, will sagen, einen hübschen, runden Inhalt, zu alledem habe er tatsächlich schon ganz am Anfang ein für allemal nein sagen müssen, um dann erheblich später, sagte er, ungefähr vor dem hundertsten Schritt, zu korrigieren, was er anfangs als Abrechnung mit dieser hierarchischen Denkweise bezeichnet hatte, doch diese Korrektur und Abrechnung sei nicht erforderlich gewesen, damit er diese zur Pyramide angewachsene, ihren eigenen Sinn nicht leugnende Weltordnung als irreführend und falsch für immer verliere, denn er habe, sagte er, merkwürdiger-, sehr merkwürdigerweise nichts verloren, vielmehr zeigte sich, daß jener Geburtstagsabend zum Ausgangspunkt nicht eines Verlustes, sondern eines Gewinns werden sollte, und zwar eines fast unbegreiflichen, fast unerträglichen Gewinns, denn dort, in dem langsamen Prozeß zwischen dem Flußufer und dem hundertsten Schritt des inneren Ringens, habe sich mittels der Erkenntnis ihrer ungeheuren Kompliziertheit von der Welt zwar herausgestellt, daß es sie nicht gibt, jedoch auch, daß es alle auf sie bezügliche Gedankengänge sehr wohl gibt und daß sie in ihren tausend und abertausend Varianten nur so existiert: als tausend und abertausend Vorstellungen des sie, die Welt, beschreibenden menschlichen Geistes, also, sagte er, als bloßes Wort, als über den Wassern schwebendes Wort, ihm sei, setzte er hinzu, auf einmal also klargeworden, daß so zu denken falsch war, daß Voraussetzung des Richtigen die Wahl des Richtigen ist, da wir nicht wählen müssen, sondern Ruhe finden, nicht wählen zwischen Richtigem und Falschem, sondern uns damit abfinden, daß nichts uns überlassen ist, begreifen, daß die Richtigkeit keines einzigen großen Gedankensystems von seiner Wahrheit abhängt, denn woran sie messen?, sondern von seiner Schönheit, und diese Schönheit löst den Glauben aus, diese Schönheit sei: richtig – das geschah, sagte Korim, zwischen jenem Geburtstagsabend und dem hundertsten Schritt des Grübelns, es kam das Verständnis der unermeßlichen Bedeutung des Glaubens, es kam die erneute Erkenntnis des alten Wissens, daß die Welt von dem auf sie bezüglichen Glauben erschaffen und erhalten wird und das Erlöschen dieses Glaubens an sie abschafft, was zur Folge habe, sagte er, daß sofort ein ganz und gar lähmender, ungeheurer Reichtum über sie hereinbricht, ja, und von da an habe er gewußt, daß alles Gewesene auch heute ist und daß er sich unerwartet an einen gewichtigen Ort verirrt habe, von dem aus deutlich zu sehen sei, oh, nun, wie solle er es nur sagen, seufzte er, daß zum Beispiel … Zeus immer noch existiert und wie er, alle Götter des Olymps leben, daß es im Himmel immer noch Jahve und den Herrn gibt und hinter uns alle Gespenster der Winkel, daß wir uns nicht ängstigen müssen und uns ängstigen müssen, weil nichts spurlos verlorengeht, da das, was nicht ist, ebenso sein System hat wie das, was ist, und daß es immer noch Allah und den rebellischen Fürsten und sämtliche toten Sterne des Himmels gibt, es gibt aber auch die bloße Erde mit ihren gottlosen Gesetzen wie auch die schreckliche Tatsache der Hölle und das dämonische Reich: Wirklichkeit, tausend und abertausend Welten, sagte Korim, jede nach einer eigenen – erhabenen oder erschreckenden – Ordnung, tausend und abertausend, und er erhob die Stimme, in einem einzigen fehlenden Zusammenhang – so habe er damals über die Dinge gedacht, erzählte er, und als er, hier angelangt, diese grenzenlose Fülle des Daseins wieder und wieder nachvollzogen habe, da habe mit seinem Kopf etwas begonnen, über dessen voraussagbaren Ausgang er vorhin schon berichtet habe, vielleicht habe er diesen Reichtum nicht ertragen, diese gewisse Unerschöpflichkeit der Götter und der Vergangenheit, letztlich wisse er es nicht, bis zum heutigen Tag sei ihm nicht klar, wie es denn eigentlich begonnen habe, auf jeden Fall aber plötzlich und parallel zu den Schmerzen am Hals und im Rücken, daß er Dinge vergaß, wahllos, nach keiner Regel und blitzschnell, erst nur, wohin er den Schlüssel getan habe, den er gerade noch in der Hand gehalten hatte, und auf welcher Seite er gestern zu lesen aufgehört habe, dann, was vor drei Tagen, an einem Mittwoch, vom Morgen bis zum Abend geschehen war, hiernach das Wichtige, das Dringliche, das Langweilige und das Nichtige, zuletzt, sagte er, habe er sogar den Namen seiner Mutter, den Geruch der Pfirsiche vergessen, die vertrauten Gesichter, woher sie vertraut waren, die Verrichtungen, daß er sie längst vollzogen hatte, kurz und gut, sagte er, allmählich sei ihm alles entfallen, die ganze Welt, Stück für Stück, jedoch auch hier, auch diesmal ohne Zusammenhang und Sinn, als genüge immer noch, was übrigbleibe, oder als sei ständig irgend etwas wichtiger als das, was eine höhere, unverständliche Kraft ihn zu vergessen nötige.
Irgendwie habe ich wohl vom Wasser der Lethe getrunken, meinte Korim und zog, während er verzagt den Kopf schüttelte, wie um anzuzeigen, daß er die Umstände, unter denen sich das alles vollzogen hatte, wahrscheinlich nie erfahren werde, eine Schachtel Marlboro aus der Tasche: Hat jemand Feuer?
Alle waren sie ungefähr gleichen Alters, das jüngste Kind elf, das älteste vielleicht dreizehn oder vierzehn, und alle führten sie wenigstens eine Rasierklinge in einem Futteral mit sich, beziehungsweise sie führten sie nicht nur mit sich, sie konnten die eine, die sie »Simpla« nannten, oder auch die drei, die »Vorrat« hießen, perfekt handhaben, und jedes der Kinder wäre fähig gewesen, sie im Bruchteil einer Sekunde zu zücken und zwischen zwei Fingern verborgen in der Hand zu halten, mit keiner Wimper zuckend und den Blick ruhig auf das Opfer richtend, um dann, wenn es ge-rade an der Reihe war, mit einer flinken Bewegung die Ader am Hals zu treffen – das war es, was sie am besten beherrschten, besonders zusammen, zu siebt und gleichzeitig, das machte sie beispiellos gefährlich, so daß sie in der Tat bereits einen gewissen Ruf hatten, natürlich hatten sie es geübt, bis sie soweit waren, geübt nach einem exakten Plan und an stetig wechselnden Schauplätzen, vielhundertmal, bis es klappte mit unnachahmlicher und unüberbietbarer Geschwindigkeit und Harmonie, um dann weder miteinander noch mit anderen darüber zu sprechen, niemals mehr, denn von der Zeit an, als sie es fehlerfrei beherrschten und bei einem Überfall ohne ein Wort feststand, wer im gegebenen Fall den Schritt nach vorn machte und wer in welcher Ordnung hinten blieb, war Prahlerei nicht mehr angebracht, darüber konnte man einfach nicht reden, so perfekt war das Zusammenwirken, zudem erstickte ihnen das bei solchen Gelegenheiten hervorsprudelnde Blut das Wort im Hals, es machte sie stumm, diszipliniert und ernst, in einem gewissen Sinn sogar sehr ernst, was sie übrigens durchaus belastete, sie brauchten also etwas, das sie spielerischer, zufälliger, also mit einigem Risiko zum Tod geleitete, denn den suchten sie, allesamt, es hatte sich so ergeben, der interessierte sie, deshalb kamen sie hierher, das war der Grund, daß sie so manchen Nachmittag hier verbrachten, zum eigenen Vergnügen und seit Wochen, Nachmittage und frühe Abende.
In der Bewegung, sagte Korim am Tag darauf im Malév-Büro, lag nichts Zweideutiges, und es wirkte ganz normal und alltäglich, wie er nach der Zigarettenpackung gegriffen habe, harmlos und ungefährlich, eigentlich improvisiert, wie ein plötzlicher Einfall, daß sich mit dieser freundschaftlichen Geste vielleicht ein wenig von der Spannung ableiten lasse, ein einfacher Versuch, mit dem Anbieten von Zigaretten rundherum seine Situation ein wenig zu erleichtern, also tatsächlich, sagte er, so war es, er übertreibe nicht, er habe mit allem gerechnet, nur damit nicht, daß auf seiner mit der Marlboroschachtel aus der Tasche genommenen Hand auf einmal, am Gelenk, eine andere Hand lag, die das Gelenk aber nicht umklammerte wie eine Handschelle, sondern es lähmte, und im nächsten Moment habe er Wärme am Handgelenk verspürt, erzählte er am Tag darauf, immer noch verwundert, auf einmal seien die Muskeln schwach geworden, aber nur diejenigen, die die Marlboroschachtel hielten, und währenddessen sei kein Laut zu hören gewesen, mit Ausnahme des unmittelbar neben ihm hockenden Kindes, das, seine Bewegung mißverstehend, mit akrobatischer, regelrecht atemberaubender Geschicklichkeit zugeschlagen habe, sie hätten nicht mit der Wimper gezuckt und nur die fallende Marlboroschachtel angesehen, das eine habe sie dann aufgehoben und eine Zigarette herausgenommen, darauf habe es die Packung weitergereicht, und so ging sie reihum, während er, Korim, so getan habe, als wäre überhaupt nichts, als wäre nur ein ganz winziges, lächerliches und nicht erwähnens-wertes Malheur passiert, dem er keine Bedeutung beimaß, er habe mit der schuldlosen Hand instinktiv das blutende Gelenk umfaßt, aber das Geschehene nicht gleich verstanden, bis er allmählich begriff, und nun habe er den Daumen auf die kleine Wunde gedrückt, denn mehr war es nicht, erzählte er, ein klitzekleiner Schnitt, und als sich das bei solchen Gelegenheiten aufkommende Trommeln und Hämmern und Lärmen in seinem Kopf zu legen begann, überflutete seinen Kopf eine kühle Gelassenheit, ähnlich wie das Blut zuvor sein Handgelenk, das heißt, behauptete er energisch, er sei überzeugt gewesen, nun würden sie ihn töten.
Die Arbeit im Archiv, sagte er, nachdem auch in der Hand des letzten Kindes eine Zigarette glimmte, oder ob er besser sagen solle, sagte er mit bebender Stimme, seine persönliche Arbeit dort habe wahrhaftig nicht zu denjenigen Arbeiten gehört, die den Menschen zerbrechen, herabwürdigen, ausbeuten und aufzehren, nein, in seinem Fall könne davon nicht die Rede sein, er müsse sogar feststellen, daß »nach der betrüblichen Wendung in seiner Rolle unter den Menschen« gerade sie für ihn die erste und alleinige Zuflucht sowohl im pflichtgemäßen als auch im freiwilligen, also außerhalb der Arbeitszeit vollzogenen, persönlichen Tun geworden und geblieben sei, wegen einer grundlegenden und für ihn schicksalhaften Erkenntnis aus den letzten Monaten nämlich: daß die Geschichte nicht der verbitterndste, sondern wohl der vergnüglichste Beweis für die Unzugänglichkeit der Realität ist, alles, was er als Lokalhistoriker für die Klärung, Erschaffung und Pflege der Geschichte getan habe, erhebe ihn in die außerordentliche Gnade der Freiheit, denn als er sich nun Klarheit darüber verschafft habe, daß diese Geschichte ein merkwürdiges, hinsichtlich ihres Ursprungs zufälliges und in bezug auf ihr Ziel nur zynisch beschreibbares Gemisch aus Realitätserinnerungen, menschlichen Kenntnissen und Vorstellungen von der Vergangenheit, aus Wissen und fehlendem Wissen, Ablehnung, Lüge, Übertreibung, richtigen und falschen Daten und Deutungen, Suggestion und Steuerung hinlänglich vieler Überzeugungen in eine Richtung darstellt, war die Arbeit im Archiv oder, wie sie vor Ort genannt wurde, die Niveaueinordnung des Schriftmaterials in allen ihren Spielarten in der Tat die Freiheit selbst, war es doch einerlei, womit er sich beschäftigte, einerlei, ob mit der Einordnung aufs allgemeine, aufs mittlere oder aufs Stückniveau oder mit der Fonds- und Bestandsverzeichnispflege, was er auch tat, wohin er auch langte in diesem Archiv mit seinen knapp zweitausend laufenden Metern Schriftstücke, er hielt damit immer die Geschichte in gutem Stand, während er bei der Realität andauernd danebengriff, wenn er sich so ausdrücken dürfe, doch daß er davon wußte, während er es tat, schenkte ihm die unbedingte Gewißheit des Nichtbehelligtwerdens und der Unverrückbarkeit, in gewissem Sinn sogar der Unantastbarkeit als ein Mensch, der einsieht, daß überflüssig ist, was er macht, weil sinnlos, aber auch, daß dieses Überflüssige und Sinnlose eine rätselhafte, unnachahmliche Süße habe – ja, sagte er, ohne Zweifel, er habe sich durch seine Arbeit also in die Freiheit erhoben, leider aber nicht in die genügende Freiheit, denn nachdem er in den letzten Monaten vom Exzeptionellen dieser Freiheit gekostet habe, sei sie ihm sogleich zu knapp bemessen gewesen, und er habe begonnen, nach der allergrößten Freiheit zu lechzen und zu gieren, er habe zu überlegen begonnen, was er dafür tun, wohin er sich ihretwegen wenden müsse, ihn habe also fortan im Archiv die Frage gequält, wo diese allergrößte Freiheit sein mag.
Das alles, diese seine ganze Geschichte, führe weit in die Vergangenheit zurück, sagte Korim, bis zu dem Zeitpunkt, als er zum erstenmal erklärt habe, daß sie in einer total verrückten Welt aus ihm einen normal Verrückten machen wollten, das nun wirklich nicht, zwar wäre es Blödsinn gewesen zu bestreiten, daß über kurz oder lang natürlich alles »darauf hinausläuft«, daß also früher oder später wirklich etwas in dieser Art eintreten werde, das Verrücktwerden nämlich, das war schon damals klar, aber bis dahin sei noch dies und jenes zu erwarten, im Verrücktwerden, sagte er, sehe er übrigens keine unheilvolle, keine schon lange vorher bedrückende Drohung, vor der man zittern müsse, keineswegs, er habe davor keinen Augenblick lang gezittert, es sei einfach so, erklärte er den sieben Kindern, daß bei ihm eines Tages »die Sicherung durchgebrannt« sei, denn wenn er jetzt zurückdenke, habe seine Geschichte eigentlich nicht mit dem erwähnten Flußufer begonnen, sondern wesentlich früher, als ihn urplötzlich eine bislang unbekannte, in ihrer Tiefe völlig unbekannte und sein gesamtes Wesen in den Grundfesten erschütternde Verbitterung erfaßt hatte, als er von einem Tag auf den anderen gewahr wurde, daß er sehr, daß er äußerst verbittert war, und zwar, wie er es für sich damals formuliert habe, »über den Zustand der Welt«, und dies sei nicht die Folge einer rasch gekommenen und rasch gegangenen Stimmung gewesen, sondern, nun ja, ein ungeheuer scharfes Aufblitzen, sagte er, das sich ihm für immer eingebrannt habe, blitzartig habe er erkannt, daß in der Welt nichts Edles mehr existiere, wenn es auch früher existiert habe, er wolle ja nicht übertreiben, aber tatsächlich, im Ernst, er sei im erschreckendsten Sinn des Wortes zusammengebrochen, als er erkannt hatte, daß rund um ihn herum Schönes und Gutes vielleicht niemals existiert habe und nie mehr existieren werde, das klinge kindisch, und kindisch klinge auch die Lehre, die er in seiner Verbitterung daraus für die Geschichte gezogen habe, das gebe er zu, ebenso, daß er mit dieser Verbitterung damals gewissermaßen hausieren gegangen war, Tag für Tag und von Kneipe zu Kneipe, um, wie er es damals genannt habe, »einen von den Engeln des Himmels« zu finden in seinem allgemeinen Zusammenbruch, bis er einen gefunden habe, dem er alles erzählte, um dann in seiner Bitternis eine Waffe gegen sich selbst zu richten, Gott sei Dank aber erfolglos, kurz, das alles sei äußerst einfältig gewesen, daran bestehe kein Zweifel, aber so habe es eben begonnen, aus dieser Verbitterung sei er, der »neue Korim«, hervorgegangen, und er habe nachzudenken begonnen über die Dinge, wie sie denn nun sind, und was ihn persönlich erwarte, wenn sie so und so sind, und als er verstand, daß ihn persönlich nichts mehr erwartete in dieser Welt, als er begriff, daß er eigentlich absolut am Ende war, da habe er sich gesagt, gut, in Ordnung, kapiert, so steht es um ihn, aber was nun?, soll er sich ergeben?, hübsch leise abtreten aus dieser Welt?, oder was?!, und es sei diese Frage, gestellt auf der Alles-egal-Grundlage, gewesen, die ihn pfeilgerade zum Tag der äußersten Entscheidung geführt habe, zu jenem gewissen Mittwochmorgen, als sich entschied, daß es kein Weiter gab, daß er sofort handeln mußte, pfeilgerade, ja, aber über gnadenlos schwere Stationen, sagte er, immer noch hockend, sie, die sieben Kinder, wüßten ja inzwischen von diesen schweren Stationen, angefangen am Flußufer mit dem Verständnis der Kompliziertheit der Welt bis hin zur weiteren Versenkung, als er, der Lokalhistoriker aus einem gottverlassenen Nest, den ungeheuren Reichtum der Gedankengänge bezüglich der nicht existierenden Welt und die exzeptionelle Schöpfungskraft des Glaubens erkennen mußte, dann, wie ihn die tiefe Furcht vor dem Vergessen und dem Kopfverlust befiel, bis ihn schließlich das Schmecken der Freiheit im Archiv zur letzten Station geleitete, wo es kein Weiter mehr gab, wo er entscheiden mußte und entschied, er seinerseits mache das nicht weiter mit und lasse den Dingen nicht ihren freien Lauf, er werde fortan »aktiv auftreten«, das heißt, anders, ganz anders handeln als die anderen rundum, zum Beispiel, daß er einmal kräftig nachdenkt und nicht bleibt, sondern weggeht, weg von dort, wohin er bestimmt war, weg für immer, aber nicht einfach weg, denn ihm sei die Idee gekommen, in das Zentrum der Welt zu gehen, wo die Dinge sich entscheiden, wo sie geschehen und sich entscheiden wie einst in Rom, er beschloß also, zu packen und nach »Rom« zu gehen, denn warum solle er, habe er sich damals gefragt, hier, zweihundertzwanzig Kilometer von Budapest entfernt, im Südosten, in einem Archiv herumsitzen, wenn er genausogut im Zentrum der Welt sitzen könne, als sei es mit ihm so oder so, und gerade als der Gedanke in seinem ständig schmerzenden Kopf Gestalt anzunehmen begann, sei er aufgestanden und im Archiv, in dem er sich an diesem späten Nachmittag allein aufhielt, zwischen den Regalen umhergegangen, einfach so, und rein zufällig in eine nie angerührte Ecke mit einem nie angerührten Regal gelangt, aus diesem habe er einen noch nie, seit dem zweiten Weltkrieg aber bestimmt nicht mehr angerührten Karton und aus ihm wiederum, registriert als uninteressante Familienschriftstücke, ein Konvolut mit der Signatur iv.3/10/1941–42 entnommen, er habe es herausgenommen, und damit habe sich sein Leben verändert, denn das dort Gefundene habe ein für allemal entschieden, was er tun müsse, wenn er »aktiv« auftreten wolle beim »letzten Abschied«, es habe ihm ein für allemal gesagt, was er machen müsse nach so vielen Jahren des Nachdenkens und Sinnens und Grübelns, nämlich sich einen Dreck um sie scheren, und zwar ab sofort, denn das Material, der Faszikel mit der Signatur iv.3/10/1941–42, ließ ihn nicht im Zweifel darüber, was er in seinem Kummer über das verlorene Edle hier noch zu tun haben werde, das heißt, wo und vor allem worin er, der ihrer so sehr beraubt war, jene gewisse, jene so ersehnte, jene allergrößte Freiheit auf Erden zu suchen habe.
Die Fischfütterungsschleuder, erzählten sie am Tag darauf vor der Bingo-Bar, die allein habe sie interessiert, nicht das irre und massive Gedöns, das nur so aus ihm strömte, das der Typ ohne Ende von sich gab, er wollte einfach nicht mehr aufhören, und nach ungefähr einer Stunde wurde immer deutlicher, daß er wohl von seinem eigenen blöden Gequassel durchgedreht war, aber für sie, sagten sie, habe er sich absolut unnötig abgearbeitet, total überflüssigerweise, für sie war der Typ nichts anderes als der Wind auf der Bahnüberführung, bläst und bläst und ist nicht aufzuhalten, aber sie dachten schon gar nicht mehr an ihn, wozu, sie gaben sich einfach nicht mit ihm ab, ebensowenig wie mit dem Wind, mochte er blasen, denn wichtig waren für sie im Moment nur die drei Fischfütterungsschleudern, wie sie funktionieren würden, wenn der Sechsachtundvierziger käme, um diese Zeit, ein paar Minuten bevor der Personenzug kommen sollte, dachten sie zunehmend nur noch daran, an die drei Profi-Fischfütterungsschleudern, für die sie unter der Hand, erzählten sie, auf dem Polenmarkt insgesamt neuntausend Forint geblecht hätten und die jetzt unter ihren Jacken steckten, sie waren sehr neugierig, wie sie funktionieren würden, angeblich kann man mit denen unvergleichlich stärker schießen als mit den ungarischen Zwillen, vom Wurf mit freier Hand ganz zu schweigen, nach Meinung mancher ist dieses deutsche Zeugs nicht nur stärker, man zielt und trifft auch fast hundertprozentig, ohne Zweifel das Beste also, es hat sich herumgesprochen, zumal wegen der Handschiene, die unmittelbar an den Stiel mit der Gabel darauf montiert ist und die ein eventuelles Zittern und jede andere Unsicherheit der Hand auf ein Minimum reduzieren soll, denn sie hält den Arm straff bis hin zum Ellbogen, angeblich, sagten sie, angeblich, was dann aber in Wirklichkeit wurde, das hätten sie sich nicht träumen lassen, denn dieses Ding konnte tatsächlich allerhand, es war phänomenal, sagten sie, und das sagten vor allem die vier, die es beim erstenmal nicht bedienen konnten, absolut phänomenal.
Unter ihnen bretterte ein weiterer langer Güterzug hindurch, und wieder begann die Überführung sanft zu vibrieren und vibrierte, bis – unter Zurücklassung von zwei hüpfenden roten Punkten – auch der letzte Wagen durch war, nun wurde es leiser, allmählich erstarb das Rattern der Räder, es wurde völlig still, und da tauchten, gleichsam in der Spur der beiden roten Pünktchen, die sich entfernten, unmittelbar über den Schienen, nicht mehr als einen Meter hoch, Fledermäuse auf und flogen dem Zug hinterher, Richtung Rangierbahnhof, ohne jedes Geräusch, lautlos, wie eine mittelalterliche Gespensterformation, in geschlossener Ordnung, dicht nebeneinander, mit einer konstanten, rätselhaft konstanten Geschwindigkeit, streng dem Schienenstrang folgend, huschten sie dahin, und es sah aus, als ließen sie sich nach Budapest ziehen, als nutzten sie den vom fahrenden Zug errichteten Luftkorridor, als wolle der ihnen den Weg zeigen, sie hinschleppen, hinsaugen, damit sie anstrengungslos und mit ausgebreitet ruhenden Flügeln im Dunkeln die Stadt erreichten, einen Meter hoch über den Bahnschwellen.
Sonst rauche er nicht, sagte Korim, das Päckchen Marlboro habe er nur bei sich, weil er unterwegs Geld wechseln mußte, für den Kaffeeautomaten, und im Kiosk, in den er an einer Bahnstation ging, wollte man seinen Wunsch nur erfüllen, wenn er eine Packung Zigaretten kaufte, was er dann auch notgedrungen tat, aber dann habe er sie nicht weggeworfen, weil er meinte, zu irgend etwas werde sie vielleicht noch nützlich sein, wie zum Beispiel, sagte er, jetzt, tatsächlich, sie komme ihm jetzt sehr gelegen, vorhin, wenngleich er selbst nicht danach gierte, das sei nur einmal passiert, sagte er und hob den Zeigefinger, er wolle es ehrlich sagen, ein einziges Mal hätte er sich allzu gerne eine Zigarette angezündet, nämlich als er unverrichteterdinge wegen der beiden Nervenfürsorgerinnen das Reisebüro verließ, er ging an ihnen vorbei, aber sie stürzten sich nicht auf ihn, jedenfalls nicht sofort, vielmehr folgten sie ihm, im Grunde genommen, da sei er sich sicher, obgleich er sich kein einziges Mal umgedreht habe, er sei damals nach Hause gegangen, ohne groß nachzudenken heimgegangen, und habe zu packen begonnen, und obwohl er das meiste schon erledigt hatte, den Wohnungsverkauf, die Veräußerung der beweglichen Habe, die Vernichtung der in langen Jahren zusammengetragenen Schriftstücke, Tagebücher, Notizen, Kopien und Briefe, die Verbrennung sämtlicher amtlicher Dokumente, Zeugnisse, Matrikelauszüge, Kreditkarte, Personalausweis usw. usw., den Reisepaß jedoch ausgenommen, so daß nichts dergleichen ihn mehr belastete, fiel er beim Eintritt in seine Wohnung völlig der Verzweiflung anheim, weil er das Gefühl hatte, er müsse sich jetzt gleich auf den Weg machen, wofür er sich jedoch wegen der unzähligen Vorbereitungen nicht entscheiden mochte, was aber, sagte er, ein Irrtum gewesen sei, denn es habe sich herausgestellt, daß von »unzähligen Vorbereitungen« nicht die Rede sein konnte, eine reichliche Stunde erwies sich als ausreichend, und er war reisefertig, das solle man sich einmal vorstellen, und er erhob die Stimme, eine Stunde reichte aus, um nach so vielen Monaten mit einemmal auf Reisen zu gehen und aus der Tür einer Wohnung zu treten, in die man nie mehr zurückkehren wird, eine Stunde, damit aus einem Traum, alles hinter sich zu lassen, Wirklichkeit wird, so, und als er da tipptopp und reisefertig in der nunmehr leeren Wohnung stand und um sich sah und sich ohne Bedauern und Herzweh diese Leere anschaute und verstand, daß uns eine Stunde genügt, um alles aufzugeben und in unserer samt und sonders aufgegebenen Wohnung zu stehen und hernach von der Bildfläche zu verschwinden, na, sagte Korim, da hätte er sich gerne eine unter die Nase gesteckt, da hätte er gerne eine gute Zigarette geraucht, sonderbar, aber da hätte er sich den Geschmack herbeigewünscht, hätte er gerne an einer gezogen, den Rauch schön tief eingesogen, schön langsam, doch das sei der einzige Fall, daß es ihn so sehr danach verlangte, nie zuvor und nie danach, nicht ein einziges Mal, er verstehe auch gar nicht, was da los war.
Ein Archivar, sagte Korim, und besonders ein Oberarchivarsanwärter, wie er es war, müsse sich auf vielerlei verstehen, eins jedoch könne er verraten: Weder als Archivar noch als jemand, der praktisch schon auf der Schwelle zum Status eines Oberarchivars stand, verfügte er über die Fähigkeiten, die zur Begleitung von Güterzügen in deren Bremserhäuschen unabdingbar sind, deshalb begann, als er einsah, als eine im Grunde genommen verfolgte Person könne er weder den Autobus noch den Personenzug wählen, noch per Anhalter fahren, da man ihn sofort anpeilen, identifizieren und mit Leichtigkeit schnappen würde, ein garstiger Leidensweg, man stelle sich vor, sagte Korim, er, der, das wüßten sie ja schon, jahrzehntelang ausschließlich im Viereck seiner Wohnung, seiner Kneipe, seines Archivs und seines Ladens gelebt und sich aus diesem Viereck niemals, er übertreibe nicht, aber wirklich kaum für eine Stunde weggerührt habe, finde sich unvermittelt im entlegenen und bisher völlig unbekannten Bezirk eines Bahnhofs wieder, stolpere über Schienen, balanciere von Schwelle zu Schwelle, achte auf Signale und Weichen und werfe sich beim Auftauchen eines Zuges oder eines Streckenarbeiters schnellstens in den Graben oder hinter einen Strauch, ja, so sei es abgelaufen, wirklich und wahrhaftig, Schienen, Bahnschwellen, Signale, Weichen und immer wieder Wegtauchen, gleich am Anfang der Sprung auf einen fahrenden Zug und dann der Sprung vom fahrenden Zug, dazu über zweihundertzwanzig Kilometer die ständige Angst, von Schrankenwärtern, Bahnhofsvorstehern oder Bremsen und Achsen prüfenden Bahnarbeitern bemerkt zu werden, es sei einfach schrecklich gewesen, sagte er, auch jetzt noch, nachdem dies alles doch hinter ihm liege, denke er nur ungern daran, was er sich mit dieser Reise aufgeladen habe, denn was solle er nun als erschöpfender und erbitternder bezeichnen, die bis in die Knochen dringende Kälte im Bremserhäuschen oder daß er darin nicht schlafen konnte und nicht zu schlafen wagte, es war so eng, daß er die Beine nicht strecken konnte, weshalb er unablässig stehen mußte, was ihm gewissermaßen den Rest gab, und so weiter, oder daß er in den Bahnhofsrestaurants nie etwas anderes bekam als Kekse, Kaffee und Schokolade, so daß er nach zwei Tagen den Brechreiz kaum unterdrücken konnte, ehrlich, sagte er zu den sieben Kindern, das ganze sei eine große Scheiße gewesen, sie könnten es ihm glauben, und nicht nur die Kälte und die Unausgeschlafenheit und die steifen Beine und die Übelkeit, nein, zum Beispiel auch, ob der Zug überhaupt in die richtige Richtung fuhr, das habe ihn immer und pausenlos beunruhigt, hatte er sich zu Beginn anhand des Klebezettels am Wagen vergewissert, daß die abgelesene Richtung ihm paßte, so fühlte er sich, sobald sie eine Stadt oder ein Dorf, Békéscsaba, Mezőberény, Gyoma oder Szajol, durchfuhren und hinter sich ließen, doch verunsichert, und diese Verunsicherung wuchs von Kilometer zu Kilometer, bis er um ein Haar drauf und dran war, abzuspringen und auf einen Zug, der in die entgegengesetzte Richtung fuhr, aufzuspringen, was er dann aber doch nicht tat, vielmehr nahm er sich vor, eine wichtigere Bahnstation abzuwarten, dort seien die Chancen größer, er habe es sich vorgenommen, sofort aber wieder bereut, nicht gesprungen, sondern geblieben zu sein, er fühlte sich dann ganz verloren und mußte doch ständig achtgeben, wenn sie in gefährliches Terrain gelangten, wo unliebsame Personen auftauchen konnten, Streckenarbeiter, Bahnwärter, Zugführer, dieser und jener, denn dann wäre Schluß gewesen, dann nichts wie raus aus dem Bremserhäuschen und in Deckung gehen, Graben, Stellwerk oder Strauch, je nachdem, so ungefähr, sagte Korim, sei er bis hierher gereist, er sei durchgefroren, er äße gerne mal wieder etwas Salziges, oder so gerne vielleicht auch wieder nicht, jedenfalls würde er jetzt, wenn es ihnen recht sei, weitergehen, hinein in die Stadt, da er bis morgen früh, wenn das Malév-Büro öffnete, unbedingt eine Unterkunft für die Nacht finden müsse.
