Satanstango - László Krasznahorkai - E-Book

Satanstango E-Book

László Krasznahorkai

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Beschreibung

Eine heruntergekommene Ansiedlung in Südostungarn. Keine Arbeit, keine Hoffnung, keine Zukunft. Ringsum Verfall, von strömendem Oktoberregen in tiefe Trostlosigkeit getaucht. Nur eine Handvoll Menschen sind geblieben und warten auf ein Wunder, das ihr Los zum Besseren wenden könnte. Eines Tages kommt einer und verheißt Erlösung: Irimias, ein ehemaliger Dorfbewohner mit dem Charisma eines Propheten. Er verspricht anderswo einen neuen Anfang, Arbeit und ein besseres Leben. Die Dorfbewohner können sich der Suggestionskraft seiner Verheißungen nicht entziehen, wenngleich sie ahnen, daß sie wie schon so oft in ihr Unglück rennen werden. Und richtig, Irimias ist ein Gaukler und Gauner, der, seinerseits den Zwängen eines übermächtigen Systems ausgeliefert, Spitzeldienste für die Polizei verrichtet. Während aus dem Mund eines Irren Warnlaute erklingen und rätselhaftes Glockengeläut das Dorf erzittern läßt, tanzen dessen Bewohner zur Feier ihrer bevorstehenden Befreiung in der Kneipe einen infernalischen nächtlichen Tango... Eine Parabel über das Versagen von Ideologien, über Indoktrination und Manipulation, über politische Hörigkeit und Spitzelwesen, über die Macht von Worten und das Unglück der Zeit. 

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Seitenzahl: 439

Veröffentlichungsjahr: 2025

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László Krasznahorkai

Satanstango

Roman

 

Aus dem Ungarischen von Hans Skirecki

 

Über dieses Buch

 

 

Ein Fremder, ein verrottendes Dorf, ein übermächtiges System – László Krasznahorkai, ein Meister der Apokalypse.

 

Ein nahezu verlassenes Dorf, nur wenige Menschen sind geblieben. Armut und Perspektivlosigkeit liegen schwer über den Einwohnern. Die Gemeinschaft ist zersetzt von Hass und Misstrauen. Irimias, ein früherer Dorfbewohner, kehrt zurück und verspricht Geld und Hoffnung. Das Dorf lässt sich auf ihn ein, nichtsahnend, dass er ein Polizeispitzel ist. Krasznahorkai erzählt atmosphärisch dicht von verrotteten Charakteren in einem verfehlten Staat.

 

»Nicht nur ein beißender Kommentar zu den letzten Tagen des Sozialismus in Ungarn, sondern auch eine Parabel über die Condition humaine.« Judith Leister, Frankfurter Allgemeine Zeitung

 

 

Weitere Informationen finden Sie auf www.fischerverlage.de

Biografie

 

 

László Krasznahorkai, 1954 in Gyula/Ungarn geboren, ist einer der innovativsten Schriftsteller Europas. 2025 wurde er mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet. 

Seine Romane »Satanstango« und »Melancholie des Widerstands« wurden überall auf der Welt begeistert aufgenommen. Die internationale Beachtung begann 1993 in Deutschland mit dem SWR-Bestenlisten-Preis für »Melancholie des Widerstands«. »Seiobo auf Erden« wurde mit dem Brücke-Berlin-Preis ausgezeichnet, »Baron Wenckheims Rückkehr« (2018) mit dem National Book Award. 2015 wurde ihm der International Man Booker Prize verliehen, 2021 der Österreichische Staatspreis für Europäische Literatur sowie 2024 der spanische Literaturpreis Prix Formentor. Zuletzt erschienen der Roman »Herscht 07769« und der Erzählband »Im Wahn der Anderen«. Heute lebt László Krasznahorkai in Triest.

Impressum

 

 

Erschienen bei FISCHER E-Books

 

Die Originalausgabe erschien 1985 unter dem Titel »Sátántangó« bei Magvető Könyvkiadó, Budapest.

Die Nachdichtung von »Gib dem Volk der Ungarn« stammt von Annemarie Bostroem.

 

© 1985 László Krasznahorkai

Die deutsche Erstausgabe erschien 1990 im Rowohlt Verlag, Hamburg, bzw. 2007 im Ammann Verlag, Zürich.

Für diese Ausgabe:

© 2010 S. Fischer Verlag GmbH,

Hedderichstr. 114, 60596 Frankfurt am Main

Covergestaltung: hißmann, heilmann, hamburg / Anna Lena Witte

Coverabbildung: aus dem Film »Sátántangó«

von Béla Tarr © Mafilm

ISBN 978-3-10-402091-4

 

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Inhalt

[Motto]

Erster Teil

I

II

III

IV

V

VI

Zweiter Teil

VI

V

IV

III

II

I

»Dann will ich ihn lieber beim Warten verfehlen.«

F. K.

Erster Teil

I

Die Nachricht, dass sie kommen

Am Morgen eines Tages Ende Oktober, kaum daß die ersten Tropfen des schier endlosen Herbstregens auf den rissigen Salzboden westlich der Siedlung gefallen waren (wo dann ein stinkendes Meer aus Schlamm bis zu den ersten Frösten die Feldwege unbegehbar und die Stadt unerreichbar machen würde), erwachte Futaki davon, daß er Glocken läuten hörte. Am nähesten befand sich, vier Kilometer südwestlich, die einsame Kapelle auf der Hochmeiß-Flur, aber nicht nur, daß es dort keine Glocke gab, im Krieg war auch der Turm eingestürzt, und die Stadt war zu weit entfernt, als daß von dort irgend etwas zu hören gewesen wäre. Zudem erinnerte das triumphierende Schellen und Dröhnen auch nicht an fernes Glockengeläut, vielmehr schien der Wind es aus nächster Nähe (»Wie von der Mühle her …«) herbeizutragen. Futaki setzte sich auf, um aus dem mauselochgroßen Küchenfenster zu blicken, aber hinter der beschlagenen Scheibe lag im Blau der Morgendämmerung und im verebbenden Glokkengedröhn die Siedlung noch stumm und reglos da: Nur aus einem der weit verstreuten Häuser drüben, aus dem verhängten Fenster des Doktors, drang Licht, und auch das nur deshalb, weil der Doktor seit Jahren außerstande war, im Dunkeln einzuschlafen. Er hielt den Atem an, um im Abklingen des Geläuts nicht den leisesten verwehten Laut zu versäumen, denn er wollte der Sache auf den Grund gehen (»Du träumst bestimmt noch, Futaki …«), und dazu benötigte er jeden Ton, mochte er noch so verwaist sein. Mit seinen vielgerühmten weichen Katzenschritten hinkte er über den eiskalten Küchenfußboden zum Fenster (»Ist denn noch niemand wach? Hört es niemand? Keiner sonst?«), öffnete es und beugte sich hinaus. Scharfe, feuchte Luft schlug ihm entgegen, für eine Sekunde mußte er die Augen schließen, aber er lauschte vergebens in die vom Krähen der Hähne, von fernem Gekläff und vom Heulen des schneidenden Windes nur noch tiefere Stille; außer seinem dumpfen Herzschlag hörte er nichts, als wäre alles ein gespenstisches Spiel des Halbschlafes gewesen, als wollte ihn nur jemand erschrecken. Traurig betrachtete er den unheildrohenden Himmel und die ausgedörrten Überbleibsel des vergangenen Sommers mit seiner Heuschreckenplage, und plötzlich sah er Frühling, Sommer, Herbst und Winter über ein und denselben Akazienast hinwegziehen, als ob im reglosen Rund der Ewigkeit die Zeit Possen triebe, als ob sie durch das Auf und Ab des Chaos eine teuflisch gerade Schneise schlüge und himmelstürmend den Irrsinn zur Notwendigkeit verfälschte … Und er sah sich selbst, gepeinigt zuckend am Holzkreuz von Wiege und Sarg, bis ihn schließlich ein Standgericht eiskalt und ohne Rangabzeichen den Leichenwäschern auslieferte, dem Gelächter der emsigen Hautabzieher, wo er dann gnadenlos das Maß der menschlichen Dinge erkennen mußte, ohne daß ein Weg zurückführte, denn dann würde er wissen, daß er sich mit Falschspielern auf ein Spiel eingelassen hatte, das längst entschieden war und an dessen Ende er seiner letzten Waffe beraubt werden würde, der Hoffnung, einmal noch nach Hause zu finden. Er richtete den Blick auf die östlich der Siedlung stehenden, einst von Leben und Lärm erfüllten, jetzt verlassenen und verfallenden Baulichkeiten und beobachtete verbittert, wie die ersten Strahlen der aufgedunsenen roten Sonne durch die Dachbalken eines ziegellosen, zusammenbrechenden Bauernhauses fielen. »Ich müßte mich endlich entscheiden. Hier kann ich nicht bleiben.« Er kroch in das warme Bett zurück und legte den Kopf auf den Arm, aber er bekam die Augen nicht zu: Die gespenstischen Glocken hatten ihn erschreckt, noch mehr aber die plötzliche Stille, das drohende Schweigen, und er hatte das Gefühl, jetzt sei alles möglich. Aber nichts rührte sich, wie auch er sich nicht bewegte im Bett, bis zwischenden stummen Gegenständen ringsum auf einmal ein gereiztes Gespräch begann (der Küchenschrank knarrte, ein Topf schepperte, ein Porzellanteller rutschte zurecht); da drehte er sich unvermittelt um, wandte dem Schweißgeruch, den Frau Schmidt verströmte, den Rücken, tastete nach dem Wasserglas neben dem Bett und leerte es in einem Zug. Und sogleich war er die kindliche Furcht los; mit einem Seufzer wischteer sich den Schweiß von der Stirn, und da er wußte, daß Schmidt und Kráner erst jetzt die Schafe zusammentreiben würden, um sie vom Salzfeld zum nördlich der Siedlung gelegenen Wirtschaftsstall zu treiben, wo die beiden dann endlich das sauer verdiente Geld für acht Monate bekommen würden, und daß deswegen etliche Stunden vergehen würden, bis sie, zu Fuß, nach Hause kämen, beschloß er, noch ein Weilchen zu schlafen. Er schloß die Augen, drehte sich zurück und legte den Arm um die Frau, und er schlief schon fast, als er wieder die Glocken hörte. »Verflucht!« Er warf das Federbett zurück, aber in dem Augenblick, als seine knorrigen nackten Füße den Steinfußboden berührten, brach das Geläut plötzlich ab wie auf einen Wink … Zusammengekrümmt saß er auf dem Bettrand, die Hände im Schoß gefaltet, bis sein Blick auf das leere Glas fiel; seine Kehle war trocken, sein rechtes Bein schmerzte, und er wagte weder sich wieder hinzulegen noch aufzustehen. »Spätestens morgen gehe ich.« Er musterte, eines nach dem anderen, die irgendwie vielleicht noch brauchbaren Dinge in der Küche, den von Fett und Speiseresten verkrusteten Herd, den darunter geschobenen Korb mit dem gerissenen Henkel, den Tisch mit den wackeligen Beinen, die staubigen Heiligenbilder an der Wand, die in der Ecke neben der Tür gestapelten Töpfe; schließlich wandte er sich dem inzwischen hellen kleinen Fenster zu, er sah die kahl herabhängenden Zweige der Akazie, das durchgebogene Dach des Halics-Hauses, den schiefen Schornstein, den aufsteigenden Rauch, und er sagte: »Ich hole mir meinen Anteil, und zwar noch heut abend! Spätestens morgen. Morgen früh.«»O mein Gott!« Frau Schmidt neben ihm schreckte hoch, verstört irrte ihr verzweifelter Blick durch das Zwielicht, sie keuchte, als aber alles vertraut auf sie zurückschaute, seufzte sie erleichtert auf und ließ sich wieder ins Kissen zurückfallen. »Was ist, hast du schlecht geträumt?« fragte Futaki. Frau Schmidt starrte immer noch erschrocken zur Decke. »Und wie schlecht, o Herrgott!« Sie seufzte wieder und legte eine Hand auf ihr Herz. »So etwas habe ich noch nie … Stell dir vor … Ich sitze in der Stube, und da … klopft auf einmal jemand ans Fenster. Ich wage nicht, es aufzumachen, ich stell mich hin und spähe durch den Vorhang. Ich sehe nur seinen Rücken, denn inzwischen rüttelt er an der Klinke … und seinen Mund, wie er brüllt, aber was, das konnte ich nicht verstehen … Das Gesicht stoppelig, und die Augen wie aus Glas … Schrecklich. Da fällt mir ein, ich habe am Abend den Schlüssel nur einmal im Schloß umgedreht, aber bevor ich dort bin, wird es zu spät sein … deshalb schlage ich schnell die Küchentür zu, aber da fällt mir ein, zu der habe ich den Schlüssel nicht mehr … Ich wollte schreien, aber ich brachte keinen Ton heraus. Dann … ich weiß nicht mehr, wieso und warum … dann guckt plötzlich Frau Halics zum Fenster herein und grinst … Du kennst sie, wie sie grinst … Sie gafft also in die Küche … und dann, ich weiß nicht, wie … ist sie verschwunden … Aber da tritt der draußen schon mit den Füßen gegen die Tür, ich weiß, in der nächsten Minute tritt er sie ein, ich habe eine Idee, das Brotmesser, ich laufe zum Küchenschrank, aber die Schublade klemmt, ich ziehe und zerre … und sterbe fast vor Angst … Dann höre ich, wie mit Lärm und Krach die Tür aus den Angeln stürzt, und schon kommt der Jemand den Flur entlang … ich habe die Schublade immer noch nicht auf … und jetzt steht er schon in der Küchentür … endlich kann ich sie aufziehen, ich schnappe das Messer, er kommt fuchtelnd näher … aber, ich weiß nicht … da liegt er auf einmal in der Ecke, unter dem Fenster … Ach ja, er hatte einen Haufen blauer und roter Töpfe bei sich, die flogen alle durch die Küche … Da spüre ich, wie sich der Fußboden unter mir bewegt, und denk dir nur, die ganze Küche fährt los wie ein Auto … Jetzt weiß ich nicht mehr, wie es war«, endete sie und lachte erleichtert auf. »Das ist ja was!« Futaki schüttelte den Kopf. »Und ich, stell dir vor, bin von Glockengeläut aufgewacht …« »Was du nicht sagst!« Sie sah ihn verblüfft an. »Glockengeläut? Wo?« »Das versteh ich ja auch nicht. Obendrein gleich zweimal, nacheinander …« Frau Schmidt schüttelte ebenfalls den Kopf. »Du wirst noch überschnappen.« »Oder ich habe das alles auch bloß geträumt«, brummte Futaki unruhig. »Paß auf, heut passiert noch was …« Sie kehrte ihm ärgerlich den Rücken. »Das sagst du in einem fort, du könntest wirklich damit aufhören.« Da hörten sie draußen die Hintertür knarren. Erschrocken sahen sie sich an. »Das muß er sein!« flüsterte Frau Schmidt. »Ich spür es.« Futaki setzte sich unruhig auf. »Aber … das ist unmöglich! Sie können noch nicht zurück sein …« »Was weiß ich …! Geh schon!« Er sprang aus dem Bett, nahm seine Sachen unter den Arm, zog rasch die Tür des Badezimmers hinter sich zu und kleidete sich an. »Mein Stock. Ich hab ihn draußen gelassen.« Die Stube benutzten die Schmidts schon seit dem Frühjahr nicht mehr. Zuerst hatte grüner Schimmel die Wände überzogen, in dem abgenutzten, aber stets sauber gewischten Schrank begann die Wäsche zu modern, die Handtücher und alles Bettzeug, ein paar Wochen später rostete das feierlichen Anlässen vorbehaltene Eßbesteck, an dem mit einer Spitzendecke bedeckten großen Tisch lockerten sich die Beine, und als auch noch die Gardinen vergilbten und eines Tages das Licht ausging, zogen sie endgültig in die Küche um und ließen die Stube zu einem Reich der Mäuse und Spinnen werden, denn was war da noch zu machen. Er lehnte sich an den Türrahmen und überlegte, wie er unbemerkt ins Freie gelangen könnte; aber die Lage schien ziemlich hoffnungslos, denn um hinauszuhuschen, mußte er unbedingt die Küche durchqueren, und um aus dem Fenster zu steigen, fühlte er sich zu alt; obendrein würde es Frau Kráner oder Frau Halics sowieso auffallen, denn beide lauerten unablässig mit scheelen Blicken auf alles, was hier im Haus geschehen mochte. Außerdem würde ihn sein Stock verraten; wenn Schmidt ihn entdeckte, wüßte er, daß Futaki sich irgendwo hier im Haus verbarg, und deswegen käme er womöglich noch um seinen Anteil, in solchen Dingen verstand Schmidt keinen Spaß, und dann müßte er sich davonscheren, wie er vor zwei Jahren – bald nach der Anwerbung, im zweiten Monat der Blütezeit – gekommen war, mit nicht mehr als einer abgerissenen Hose und einem verschossenen Überzieher, hungrig und mit leeren Taschen. Frau Schmidt kam auf den Flur gelaufen, er drückte das Ohr an die Tür. Schon hörte er Schmidts heisere Stimme. »Keine Faxen, mein Schatz! Du machst, was ich sage. Klar?« Futaki überlief es heiß. »Mein Geld.« Er fühlte sich in der Falle. Aber er hatte nicht viel Zeit für Grübeleien, er beschloß, doch aus dem Fenster zu steigen, denn jetzt mußte was unternommen werden. Er langte schon nach dem Fenstergriff, da hörte er Schmidt über den Flur gehen. »Der will pissen!« Auf Zehenspitzen huschte er wieder zur Tür und lauschte mit angehaltenem Atem. Und als sich hinter Schmidt die Hintertür zum Hof geschlossen hatte, schlich er vorsichtig in die Küche, musterte die nervös gestikulierende Frau Schmidt, eilte wortlos zur Haustür und trat rasch ins Freie, und als er sich sicher war, daß sich der andere wieder im Haus befand, klopfte er, als käme er gerade erst, laut an die Tür. »Was denn, niemand zu Hause? Nachbar Schmidt!« rief er mit schallender Stimme und öffnete auch schon, um ihm keine Zeit zur Flucht zu lassen. Schmidt kam eben aus der Küche, um sich durch die Hintertür zu verdrücken, aber er vertrat ihm den Weg. »Sieh einer an!« sagte er spöttisch. »Wohin so eilig, Nachbar?« Schmidt brachte keinen Ton hervor. »Dann will ich es dir sagen! Ich helf dir, Nachbar, ich helf dir, keine Sorge!« fuhr er düster fort. »Du wolltest mit dem Geld durchbrennen! Stimmt’s? Hab ich es erraten?« Und als Schmidt immer noch schwieg, schüttelteer den Kopf. »Na so was, Nachbar. Das hätte ich nicht gedacht.« Sie gingen in die Küche zurück und setzten sich einander gegenüber an den Tisch. Frau Schmidt machte sich fahrig am Herd zu schaffen. »Hör zu, Nachbar …« begann Schmidt stockend. »Ich erkläre es dir gleich …« Futaki winkte ab. »Ich versteh schon! Sag, steckt Kráner auch mit drin?« Schmidt nickte gezwungen. »Halbe-halbe.« Futaki brauste auf. »Gottverdammich! Ihr habt mich übers Ohr haun wollen.« Er senkte den Kopf. Überlegte. »Ja, und? Was wird jetzt?« fragte er dann. Schmidt hob zornig die Arme. »Was wohl! Du bist auch dabei, Nachbar.« »Wie meinst du das?« erkundigte sich Futaki, während er rechnete. »Wir dritteln«, antwortete Schmidt schweren Herzens. »Du mußt nur den Mund halten.« »Das laß meine Sorge sein.« Frau Schmidt, am Herd, seufzte. »Ihr habt den Verstand verloren. Meint ihr, das geht glatt?« Schmidt, als hätte er nichts gehört, sah Futaki scharf an. »Na. Du kannst nicht behaupten, wir hätten die Sache nicht geklärt. Aber ich will dir was sagen. Nachbar, ruiniere mich nicht!« »Wir haben uns doch geeinigt, nicht?!« »Freilich, da gibt es keine Debatte!« fuhr Schmidt fort. Seine Stimme wurde beschwörend. »Ich möchte dich nur bitten, leih mir deinen Teil für eine kurze Zeit! Nur für ein Jahr! Bis wir irgendwo Fuß gefaßt haben …« Futaki brauste wieder auf. »Soll ich dich etwa auch noch irgendwo lecken, Nachbar?!« Schmidt beugte sich vor, seine Linke umklammerte die Tischkante. »Ich bäte dich nicht darum, wenn du nicht neulich gesagt hättest, du gehst hier nie mehr weg. Wozu brauchst du es dann? Und nur für ein Jahr … für ein Jahr! … Wir müssen weg, verstehst du, wir müssen. Mit den zwanzigtausend kann ich nichts anfangen, nicht mal einen Einödhof kaufen. Gib mir wenigstens zehn, na?« »Das interessiert mich nicht!« entgegnete Futaki gereizt. »Das interessiert mich überhaupt nicht. Ich will hier auch nicht lebendigen Leibes krepieren!« Schmidt schüttelte zornig den Kopf, er flennte fast vor Wut, dann sagte er wieder und wieder sein Sprüchlein auf, verbissen und immer hilfloser, die Ellbogen auf den Küchentisch gestützt, der bei jeder Bewegung kippelte, als nickte er zu seinen Worten; er möge sich doch erbarmen und ihm unter die Arme greifen, und fast hätte Futaki klein beigegeben, da irrte sein Blick ab und fiel auf die Millionen Staubkörner, die in dem in dünnen Strahlen einfallenden Licht vibrierten, und er nahm den muffigen Küchengeruch war. Plötzlich hatte er einen säuerlichen Geschmack auf der Zunge, und er glaubte, das sei der Tod. Seit die Siedlung aufgelöst worden war, seit die Leute ebenso ungestüm wegliefen, wie sie gekommen waren – nur er war hiergeblieben mit einigen Familien, dem Arzt und dem Schuldirektor; keiner von ihnen wußte, wohin –, achtete er Tag für Tag auf den Geschmack der Speisen, denn er wußte, daß sich der Tod zuerst in der Nahrung und den Mauern einnistet; bevor er die Bissen hinunterschluckte, wälzte er sie lange im Mund, das Wasser oder den Wein, der selten auf den Tisch kam, trank er in langsamen Schlucken, und zuweilen empfand er das unwiderstehliche Verlangen, im Maschinenraum des alten Pumpenhauses, wo er wohnte, ein Stück von dem salpetrigen Putz abzubrechen, um davon zu kosten und die diesem groben Verstoß gegen die Ordnung der Aromen und Geschmäcke innewohnende Mahnung zu erkennen, denn er glaubte zuversichtlich, der Tod sei nur eine Art Warnung, nicht etwas Endgültiges, an dem man verzweifeln muß. »Ich will es nicht geschenkt«, fuhr Schmidt ermattet fort. »Sondern als Anleihe. Verstehst du, Nachbar? Als Anleihe. Genau in einem Jahr gebe ich es zurück, auf den letzten Fillér.« Sie saßen verzagt am Tisch, Schmidt brannten die Augen vor Müdigkeit, Futaki vertiefte sich in die geheimnisvollen Muster des gefliesten Fußbodens, er wollte sich nicht anmerken lassen, daß er Angst hatte, und was das betraf, so hätte er ihnen auch nicht erklären können, warum. »Sag mir, wie oft ich allein auf das Salzfeld gegangen bin, in der größten Hitze, wenn man kaum Luft bekam und fürchten mußte, daß man innerlich verbrennt?! Wer hat das Holz beschafft? Wer hat die Hürde gebaut?! Ich habe mich genauso abgerackert wie du oder Kráner oder Halics! Und da sagst du mir jetzt, Nachbar, als Anleihe. Und wann bekomm ich dich das nächste Mal zu sehen, he?!« »Du vertraust mir also nicht«, entgegnete Schmidt beleidigt. »So ist es!« knurrte Futaki. »Du tust dich mit Kráner zusammen, ihr wollt vor dem Morgenrot mit all dem Geld verduften, und da soll ich dir noch vertrauen?! Wofür hältst du mich? Für einen Idioten?« Sie schwiegen. Am Herd klapperte die Frau mit Geschirr. Sie begannen, sich Zigaretten zu drehen, Schmidt enttäuscht, er mit zitternden Fingern. Er stand auf und ging hinkend zum Fenster. Mit der Linken auf seinen Stock gestützt, beobachtete er die Regenschwaden über den Dächern, die gehorsam im Wind sich neigenden Bäume, den bedrohlichen Bogen, den die kahlen Äste in die Luft zeichneten; er dachte an die Wurzeln, an den lebenspendenden Schlamm, in den sich jetzt das Land hier verwandeln würde, und an die Stille, die geräuschlose Sättigung, die er so fürchtete. »Sag, du«, begann er zögernd. »Warum seid ihr zurückgekommen, wenn ihr doch …« »Warum, warum!« brummte Schmidt. »Weil uns die Idee erst unterwegs gekommen ist, auf dem Heimweg. Und als wir zur Besinnung kamen, waren wir schon an der Siedlung. Ja, und die Frau? Hätte ich sie hierlassen sollen?« Futaki nickte. »Und was ist mit Kráner?« fragte er dann. »Wie seid ihr verblieben?« »Die hocken auch zu Hause. Sie wollen am Abend losgehen, Frau Kráner hat von einem aufgegebenen Sägewerk oder so etwas gehört. Wir treffen uns nach dem Dunkelwerden am Kreuz, so sind wir verblieben.« Futaki seufzte. »Der Tag ist noch lang. Was wird mit den anderen? Mit Halics, mit dem Direktor?« Schmidt zupfte kleinlaut an seinen Fingern. »Wie soll ich das wissen? Ich nehme an, Halics wird den ganzen Tag lang schlafen, gestern war bei Horgos ein großes Besäufnis. Und den Herrn Direktor soll der Teufel holen, wo immer er ihn findet! Wenn er uns Scherereien macht, schicke ich ihn seiner verblödeten Mutter hinterher, ins Grab. Also immer mit der Ruhe, Nachbar, immer mit der Ruhe.« Sie beschlossen, hier in der Küche auf den Abend zu warten. Futaki zog sich einen Stuhl ans Fenster, um die gegenüberliegenden Häuser im Auge zu behalten, Schmidt überwältigte die Müdigkeit, Arme und Kopf auf den Tisch gelegt, begann er zu schnarchen, und eine Frau holte die eisenbeschlagene Soldatentruhe hinter dem Küchenschrank hervor, fegte den Staub ab und wischte sie aus, dann ging sie wortlos daran, die Sachen hineinzupacken. »Es regnet«, sagte Futaki. »Ich hör’s«, antwortete sie. Das schwache Licht der Sonne schaffte es gerade, die geballt nach Osten treibenden Wolken zu durchbrechen; die Küche lag im Dämmerlicht, und es blieb ungewiß, ob die vibrierenden Flecken, die sich an die Wände zeichneten, nur Schatten waren oder unheilvolle Spuren der Verzweiflung, die sich hinter den zuversichtlichen Gedanken verbarg. »Ich gehe nach Süden«, sagte Futaki, in den Regen starrend. »Dort ist wenigstens der Winter kürzer. Ich pachte einen Einödhof nahe bei einer blühenden Stadt und lasse die Füße den lieben langen Tag in eine Schüssel warmes Wasser hängen …« Sanft rannen die Regentropfen beiderseits der Fensterscheiben abwärts, innen, von dem fingerbreiten Spalt oben bis zum Berührungspunkt von Fensterbank und Rahmen, wo sie allmählich auch die kleinsten Risse füllten, sich einen Weg bis zum Rand der Fensterbank bahnten, sich wieder in Tropfen auflösten und in Futakis Schoß fielen, der dann, ohne es zu merken, denn dorther, wohin seine Gedanken gewandert waren, fiel die Rückkehr schwer, in aller Stille einpißte. »Oder ich gehe als Nachtwächter in eine Schokoladenfabrik … vielleicht als Pförtner in ein Mädchenwohnheim … und versuche alles zu vergessen, nur eine Schüssel warmes Wasser jeden Abend, und nichts tun, nur zusehen, wie das beschissene Leben vergeht.« Hatte es bisher leise geregnet, so goß es jetzt, das Wasser überflutete das ohnehin nach Atem ringende Land wie bei einem Dammbruch und schnitt schmale, verschlungene Kanäle zu den niedriger gelegenen Flächen hin, und obwohl er nicht mehr durch die Scheiben sehen konnte, wandte er sich nicht ab, er betrachtete den wurmstichigen Fensterrahmen und die Stellen, an denen der Gips abgebröckelt war, und da erschien an der Scheibe plötzlich eine verschwommene Form, die allmählich zu einem menschlichen Gesicht wurde, doch er wußte nicht gleich, wessen Gesicht, bis er ein erschrockenes Augenpaar wahrnahm; da erkannte er seine eigene, mitgenommene Visage, überrascht und betroffen, denn er hatte das Gefühl, die Zeit werde seine Gesichtszüge ebenso auswaschen, wie sie jetzt an der Scheibe zerrannen; eine große, fremde Armut spiegelte sich in diesem Bild, wie es da auf ihn zukam, übereinandergelagerte Schichten der Scham, des Stolzes und der Furcht. Unvermittelt spürte er wieder den säuerlichen Geschmack auf der Zunge, die morgendlichen Glocken fielen ihm ein, das Glas, das Bett, der Akazienast, der kalte Fußboden, und er verzog verbittert den Mund. »Eine Schüssel warmes Wasser! Ach, zum Teufel! Ich nehme doch jeden Tag mein Fußbad …« Frau Schmidt hinter ihm begann still zu weinen. »Was ist denn in dich gefahren?« Aber sie antwortete nicht, sie wandte sich verlegen ab, das Schluchzen schüttelte ihre Schultern. »Hörst du! Was ist los?« Sie blickte ihn an, dann, als sähe sie keinen Sinn mehr im Reden, setzte sie sich wortlos auf den Hocker am Herd und schneuzte sich. »Warum sagst du nichts?« fragte Futaki hartnäckig. »Was zum Henker hast du denn?« »Wohin sollen wir bloß gehen!« brach es bitter aus ihr hervor. »Gleich in der ersten Stadt schnappt uns die Polizei. Begreifst du nicht? Sie werden uns nicht mal nach dem Namen fragen.« »Schwatz kein dummes Zeug!« fuhr Futaki sie an. »Du hast die Taschen voller Geld, und da …« »Genau davon rede ich ja«, unterbrach sie ihn. »Vom Geld. Nimm du wenigstens Vernunft an! Weggehen … mit dieser erbärmlichen Truhe … wie Diebesgesindel!« Futaki wurde wütend. »Jetzt langt’s aber! Misch du dich nicht in diese Sache ein. Sie geht dich überhaupt nichts an. Du hast den Mund zu halten.« Frau Schmidt sprang auf. »Bitte? Was habe ich?« »Ich habe ja nichts gesagt«, brummte Futaki. »Und leiser, sonst wacht er auf.« Die Zeit verging nur langsam, der Wekker, dessen Ticken sie unablässig daran hätte erinnern können, war zum Glück schon lange kaputt, dennoch blickte die Frau immer wieder auf die reglosen Zeiger, während sie mit dem Holzlöffel den brodelnden Paprikasch umrührte. Am Nachmittag saßen sie matt vor den dampfenden Tellern, die beiden Männer rührten das Essen nicht an, obwohl die Frau sie immer wieder nötigte (»Worauf wartet ihr? Wollt ihr nachts essen, im Schlamm, bis auf die Haut durchweicht?«). Sie schalteten das Licht nicht an, auch nicht, als in dem qualvollen Warten die Gegenstände rundum verschwammen, die Töpfe neben der Tür zu leben begannen und die Heiligen an den Wänden auferstanden, manchmal schien es, als läge auch im Bett jemand; um sich dieser Visionen zu entledigen, blickten sie einander zuweilen verstohlen ins Gesicht, aber aus allen drei Gesichtern schaute die gleiche Hilflosigkeit auf sie zurück, und wenngleich sie wußten, daß sie nicht vor Einbruch der Dunkelheit losgehen konnten (denn sie waren überzeugt, daß Frau Halics oder der Direktor am Fenster saß und den Weg zum Salzfeld beobachtete, immer sorgenvoller, weil Schmidt und Kráner sich fast einen halben Tag verspäteten), schickte sich mal Schmidt, mal seine Frau an, ohne die geringste Vorsicht schon in der Dämmerung aufzubrechen. »Gleich ist Kino«, meldete Futaki leise. »Da kommen Frau Halics, Frau Kráner, der Schuldirektor und Halics.« »Die Kráner?« Schmidt sprang auf. »Wo?« Und er lief zum Fenster. »Recht hat sie. Ganz recht«, meinte Frau Schmidt. »Gib Ruhe«, knurrte Schmidt. »Überstürze nichts, Nachbar!« beschwichtigte ihn Futaki. »Die hat Verstand. Wir müssen sowieso die Dunkelheit abwarten, nicht? Und so wird niemand Verdacht schöpfen, nicht wahr?« Schmidt setzte sich knurrig wieder an den Tisch und vergrub das Gesicht in den Händen. Futaki blies verzagt den Rauch gegen die Scheiben. Frau Schmidt kramte Bindfaden aus den Tiefen des Küchenschrankes, die Schlösser waren eingerostet und ließen sich nicht zudrücken, deshalb umband sie die Soldatentruhe fest mit Schnur und stellte sie an die Tür, dann setzte sie sich zu ihrem Mann und faltete die Hände. »Worauf warten wir?« sagte Futaki. »Verteilen wir das Geld!« Schmidt sah seine Frau an. »Hat das nicht Zeit, Nachbar?« Futaki stand schwerfällig auf und setzte sich ebenfalls an den Tisch. Breitbeinig dasitzend und sich das stoppelige Kinn kratzend, fixierte er Schmidt. »Los, verteilen wir es.« Schmidt rieb sich die Schläfen. »Wenn es an der Zeit ist, bekommst du es, keine Sorgen.« »Na, Nachbar, worauf wartest du noch!« »Was setzt du mir so zu? Laß uns warten, bis Kráner den anderen Teil hergibt.« Futaki lächelte. »Ganz einfach. Was du bei dir hast, teilen wir. Und das Geld, das uns dann noch zusteht, teilen wir am Kreuz.« Schmidt stimmte zu. »In Ordnung. Bring die Taschenlampe.« »Ich gehe schon«, sagte Frau Schmidt. Aus der Innentasche seiner Windjacke zog sie ein mit einem Faden umwickeltes, pralles, durchnäßtes Kuvert. »Warte.« Sie nahm einen Lappen und wischte die Tischdecke ab. »Jetzt.« Schmidt hielt Futaki einen zerknitterten Zettel unter die Nase. (»Die Quittung. Nur damit du nicht denkst, ich will dich übers Ohr hauen!«), Futaki las ihn rasch mit schräg geneigtem Kopf, dann sagte er: »Zählen wir!« Er drückte die Taschenlampe der Frau in die Hand und verfolgte mit glitzernden Augen den Weg der Geldscheine, die Schmidt mit einer drehenden Bewegung seiner kurzen Finger am anderen Rand des Tisches häufelte, allmählich verstand er ihn, und sein Zorn verflog endgültig, denn es war wahrhaftig kein Wunder, wenn einer angesichts von soviel Geld konfus wurde und alles riskierte. Sein Magen verkrampfte sich, sein Mund füllte sich mit Speichel, sein Herz schlug bis in den Hals hinauf, und während dasvon Schmidt hingeblätterte Geldbündel auf der einen Seite schwand, um auf der anderen anzuschwellen, blendete ihn das hin und her hüpfende Lampenlicht, er meinte, Frau Schmidt leuchte ihm absichtlich in die Augen, ihn schwindelte, er fühlte sich matt, und er fand erst wieder zu sich, als er Schmidts heisere Stimme hörte: »Stimmt genau.« Er hatte gerade die Hälfte nachgezählt, als jemand unmittelbar vor dem Fenster rief: »Sind Sie zu Hause, Frau Schmidt?« Schmidt riß seiner Frau die Taschenlampe aus der Hand und knipste sie aus, deutete auf den Tisch und flüsterte ihr zu: »Steck es schnell weg!« Frau Schmidt raffte flink das Geld zusammen und steckte es in den Ausschnitt, dann, die Worte fast lautlos formend, sagte sie: »Frau Halics!« Futaki eilte zwischen den Herd und den Küchenschrank und lehnte sich an die Wand, in der Dunkelheit war nicht mehr von ihm zu sehen als zwei phosphoreszierende Punkte, als hockte eine Katze dort. »Geh raus und schick sie zum Teufel!« zischelte Schmidt und schob seine Frau zur Tür, auf der Schwelle zögerte sie einen Augenblick und seufzte, dann trat sie auf den Flur und räusperte sich. »Ich komm schon!« »Wenn sie das Licht nicht bemerkt hat, ist nichts verloren«, flüsterte Schmidt Futaki zu, aber er glaubte selbst nicht daran, und als er sich hinter der Tür versteckte, befiel ihn eine solche Nervosität, daß er kaum stillstehen konnte. Wenn sie sich hereintraut, erwürge ich sie, dachte er und schluckte. Er spürte, wie an seinem Hals wild eine Ader pulste, der Schädel wollte ihm bersten; er versuchte, sich im Dunkel zu orientieren, aber als er merkte, daß Futaki plötzlich sein Versteck verließ, nach seinem Stock suchte und sich geräuschvoll am Tisch niederließ, dachte er, er sehe Gespenster. »Was zum Henker machst du da!« fauchte er kaum hörbar und machte ihm entnervt Zeichen, er solle sich still verhalten. Aber Futaki scherte sich nicht um ihn. Er zündete sich eine Zigarette an und bedeutete Schmidt mit dem glimmenden Streichholz, er solle aufhören und sich ebenfalls setzen. »Kein Licht, du Idiot!« schimpfte der hinter der Tür, rührte sich aber nicht von der Stelle, denn er wußte, daß ihn das kleinste Geräusch verraten würde. Doch Futaki saß ungerührt am Tisch und blies nachdenklich den Rauch aus. Was für ein Blödsinn ist das alles, dachte er traurig. Daß ich mich auf meine alten Tage auf so was einlasse! Er schloß die Augen und sah die leere Landstraße vor sich, wie er auf die Stadt zuging, zerlumpt und ausgemergelt, und die Siedlung, wie sie immer weiter zurückblieb und allmählich vom Horizont verschluckt wurde; da begriff er, daß er das Geld verloren hatte, bevor er es bekam, denn jetzt bestätigte sich, was er längst geahnt hatte: Nicht nur, daß er diesen Ort nicht mehr verlassen konnte, er wollte ihn auch nicht verlassen, denn hier durfteer sich wenigstens in den Schatten der gewohnten Anblicke zurückziehen, während das, was ihn draußen erwartete, außerhalb der Siedlung, ganz und gar ungewiß war. Ein vager Instinkt sagte ihm, daß zwischen dem morgendlichen Glokkengeläut, der Verschwörung und Frau Halics’ plötzlichem Auftauchen ein tiefer Zusammenhang bestehen mußte, es mußte etwas vorgefallen sein, deshalb dieser unerwartete Besuch … Frau Schmidt kam immer noch nicht zurück. Er zog aufgeregt an der Zigarette, und während ihn der wogende Rauch langsam einhüllte, entzündete sich, wie ein Feuer unter der Asche, neuerlich seine Phantasie. »Vielleicht kehrt wieder Leben in die Siedlung ein? Vielleicht kommen demnächst neue Maschinen und Menschen, und alles beginnt von vorn? Die Mauern werden ausgebessert, die Häuser geweißt, das Pumpenhaus wieder in Betrieb genommen? Und man braucht einen Maschinisten?« Bleich stand Frau Schmidt in der Tür. »Ihr könnt rauskommen«, sagte sie mit belegter Stimme und schaltete das Licht an. Mit einem Satz war Schmidt bei ihr. »Was soll das?! Mach es aus! Sonst sieht man uns!« Seine Frau schüttelte den Kopf: »Hör auf. Sie ist längst wieder weg.« Schmidt nickte gezwungen und ergriff ihren Arm. »Was ist? Hat sie die Taschenlampe bemerkt?« »Ja«, antwortete sie. »Aber ich habe gesagt, ich wäre über der Aufregung, daß ihr immer noch nicht zurück seid, eingeschlafen. Dann wäre ich aufgewacht, und als ich Licht machen wollte, wäre die Birne kaputtgegangen. Ich hätte sie gerade ausgetauscht, als sie mich rief, und deshalb hätte die Taschenlampe gebrannt.« Schmidt brummte anerkennend, dann fragte er bedrückt: »Und hat sie uns … sag schon … hat sie uns gesehen?« »Nein. Ganz bestimmt nicht.« Er atmete auf. »Was zum Satan hat sie dann gewollt?« Die Frau setzte eine verständnislose Miene auf und antwortete leise: »Sie ist übergeschnappt.« »Das mußte ja so kommen«, meinte Schmidt. »Sie sagt«, fuhr sie fort und sah abwechselnd ihren Mann und den gespannt lauschenden Futaki an, »sie sagt, auf der Landstraße sind Irimiás und Petrina hierher unterwegs … Hierher, zur Siedlung! Und daß sie jetzt vielleicht schon in der Kneipe sitzen …« Einen Moment lang verschlug es Futaki und Schmidt die Sprache. »Der Schaffner vom Fernbus hat sie angeblich in der Stadt gesehen«, fuhr Frau Schmidt fort und biß sich auf die Lippen. »Sie sollen zu Fuß losgegangen sein … hierher, zur Siedlung. Bei diesem Sauwetter! Das hat auch der Schaffner gesehen, als er an der Abzweigung nach Elek zu seinem Gehöft abbog.« Futaki sprang auf. »Irimiás? Und Petrina?« Schmidt lachte leise. »Diese Halics ist wirklich übergeschnappt. Die Bibel hat sie um den Verstand gebracht.« Frau Schmidt rührte sich nicht. Ratlos hob sie die Arme und ließ sie wieder sinken, dann lief sie plötzlich zum Herd, sank auf den Hocker, stützte die Ellbogen auf die Schenkel und legte das Kinn auf die Hände. »Wenn das wahr ist …« wisperte sie, und ihre Augen leuchteten auf. »Wenn es wahr ist …« Schmidt fauchte sie ungeduldig an: »Aber sie sind doch tot!« »Wenn es wahr ist«, sagte Futaki leise, als spänne er die Gedanken der Frau fort, »dann hat der kleine Horgos einfach gelogen.« Frau Schmidt hob den Kopf und sah Futaki an. »Denn von dem haben wir’s gehört.« »So ist es.« Futaki nickte und zündete sich mit zitternden Fingern eine neue Zigarette an. »Erinnert ihr euch? Ich hab damals schon gesagt, die ganze Geschichte kommt mir verdächtig vor. Irgendwie wollte mir das alles nicht gefallen. Aber niemand hat auf mich gehört. Und dann habe ich mich auch damit abgefunden.« Frau Schmidt wandte nicht den Blick von Futaki, als wollte sie ihn hypnotisieren. »Er hat gelogen. Einfach gelogen. Das ist denkbar. Durchaus denkbar.« Schmidt sah nervös mal seine Frau, mal Futaki an. »Die Halics ist nicht übergeschnappt. Ihr beide seid übergeschnappt.« Weder Futaki noch die Frau antworteten; sie wechselten nur Blicke. »Hast du den Verstand verloren?« brach es aus Schmidt hervor, und er machte einen Schritt auf Futaki zu. »Hinkender alter Krüppel!« Futaki schüttelte den Kopf. »Nein, nein, Nachbar. Ich denke, Frau Halics ist wirklich nicht übergeschnappt«, sagte er zu Schmidt, und Frau Schmidt zugewandt, fuhr er fort: »Es ist bestimmt wahr. Ich gehe in die Kneipe.« Schmidt schloß die Augen und versuchte sich zur Ruhe zu zwingen. »Sie sind seit anderthalb Jahren tot. Seit anderthalb Jahren! Das weiß jeder. Mit solchen Dingen spaßt man nicht. Fallt nicht auf sie herein! Das ist nur eine Falle. Versteht ihr? Eine Falle!« Aber Futaki hörte nicht hin, er war schon damit beschäftigt, seinen Mantel zuzuknöpfen. »Ihr werdet sehen, die Dinge kommen in Ordnung«, sagte er mit so fester Stimme, daß kein Zweifel bestehen konnte: Er hatte sich entschieden. »Irimiás«, fuhr er fort und legte Schmidt die Hand auf die Schulter, »ist ein großer Magier. Der baut noch aus Kuhscheiße ein Schloß, wenn er will.« Schmidt verlor die Nerven, er krallte sich an Futakis Mantel fest und zog ihn zu sich heran. »Du bist ein Mistkerl, Nachbar«, zischelte er, »du taugst nur als Dung, das sag ich dir! Denkst du, ich lasse zu, daß du dein bißchen Grips zu meinem Nachteil gebrauchst? Nein, du wirst meine Pläne nicht durchkreuzen!« Futaki hielt dem Blick gelassen stand. »Das will ich auch nicht, Nachbar.« »Und was wird dann mit dem Geld?« Futaki senkte den Kopf. »Teil es dir mit Kráner. Als wäre nichts passiert.« Schmidt sprang zur Tür und stellte sich ihm in den Weg. »Ochsen!« schrie er. »Ihr seid Ochsen! Schert euch doch zum Satan! Aber mein Geld«, und er hob den Zeigefinger, »legt ihr hier auf den Tisch!« Drohend musterte er seine Frau. »Hörst du, verdammte … Das Geld läßt du hier. Hast du verstanden?!« Frau Schmidt rührte sich nicht. Ein seltsamer Schein glomm in ihren Augen. Dann stand sie langsam auf und trat ein paar Schritte auf ihren Mann zu. Alle Muskeln in ihrem Gesicht waren angespannt, ihre Lippen schmal, und Schmidt sah sich solcher Verachtung und solchem Hohn ausgesetzt, daß er sie verblüfft betrachtete und unwillkürlich zurückwich. »Schrei hier nicht rum, du Hampelmann«, sagte sie ganz leise. »Ich geh. Mach du, was du willst.« Futaki rieb sich die Nase. »Wenn sie wirklich hier sind, Nachbar«, sagte er ruhig, »könntest du vor Irimiás sowieso nicht flüchten, das weißt du selbst. Also?« Schmidt ging kraftlos zum Tisch und ließ sich auf einen Stuhl fallen. »Ein Toter soll auferstanden sein«, brummelte er. »Und ihr glaubt den Quatsch. Ha ha ha, daß ich nicht lache!« Er schlug mit der Faust auf den Tisch. »Seht ihr denn nicht, auf was das hinausläuft? Sie haben Wind davon bekommen, und jetzt wollen sie uns hervorlocken … Futaki, hab doch wenigstens du einen Funken Verstand!« Aber Futaki hörte ihm nicht zu; er trat zum Fenster, verschränkte die Hände im Rücken und sagte: »Erinnert ihr euch? Als zum Beispiel einmal neun Monate lang kein Lohn kam, ist er eines Abends …« Frau Schmidt unterbrach ihn mit strenger Stimme: »Er hat uns immer aus der Patsche geholfen.« »Gemeine Verräter. Aber ich hätte es mir denken können«, knurrte Schmidt. Futaki kam vom Fenster zurück und blieb hinter ihm stehen. »Wenn du so wenig daran glaubst«, schlug er vor, »dann schick deine Frau voraus. Sie wird sagen, siesei auf der Suche nach dir, denn es sei ihr absolut unverständlich und so weiter.« »Und du kannst beruhigt sein«, setzte Frau Schmidt hinzu. Das Geld blieb in ihrem Büstenhalter, denn selbst Schmidt war überzeugt davon, daß es dort am sichersten sei, obwohl er darauf bestand, daß sie es festbände; er ließ sich kaum zurück auf seinen Stuhl drängen, denn er war schon drauf und dran, nach Schnur zu suchen. »So, dann gehe ich«, sagte Frau Schmidt, schlüpfte in ihre Windjacke und die Stiefel und verschwand rasch im Dunkeln, in den tiefen Fahrspuren des Weges zur Kneipe den Pfützen ausweichend und ohne sich umzudrehen nach den beiden vom Regen gepeitschten, zerfließenden Gesichtern an der Scheibe. Futaki drehte sich eine Zigarette und begann zufrieden und hoffnungsvoll zu paffen; alle Anspannung war von ihm gewichen, er fühlte sich leicht und ließ den Blick verträumt über die Stubendecke wandern – er dachte an den Maschinenraum im Pumpenhaus und vernahm schon den Lärm der seit Jahren unberührten und leblosen Maschinen, die keuchend und stöhnend anliefen, und ihm war, als röche es nach frischem Kalk … Da hörten sie, wie die Haustür geöffnet wurde. Schmidt konnte gerade noch aufspringen, aber schon sagte Frau Kráner: »Hier seid ihr! Habt ihr schon gehört?« Futaki stand nickend auf und drückte sich den Hut auf den Kopf. Schmidt saß wieder zusammengesunken auf seinem Stuhl. »Mein Mann ist schon losgegangen«, schnatterte Frau Kráner, »er schickt mich nur, daß ich’s ausrichte, falls ihr es noch nicht wißt, aber bestimmt wißt ihr Bescheid, wir haben gesehen, daß Frau Halics hier war, aber ich geh gleich wieder, ich will nicht stören, das Geld, läßt mein Mann ausrichten, kann ihm gestohlen bleiben, derlei ist nichts für uns, sagt er, ja, und recht hat er, sich verstecken und herumdrücken und keine ruhige Nacht mehr haben, das möchten wir nicht, Irimiás wird’s schon machen, ihr werdet sehen, und Petrina, ich hab gleich gewußt, daß alles nicht wahr ist, ihr könnt mir auf der Stelle die Kehle durchschneiden, wenn mir dieser hinterlistige junge Horgos nicht schon immer verdächtig vorkam, schon wie ihm die Augen stehen, jetzt seht ihr ja selbst, er hat alles bloß erfunden, und wir haben’s geglaubt, jawohl, von Anfang an.« Schmidt musterte Frau Kráner argwöhnisch. »Sie glauben wohl auch daran, was?« sagte er und lachte kurz auf. Frau Kráner zog nur die Brauen hoch und wirbelte durch die Tür. »Kommst du, Nachbar?« fragte Futaki und hielt einen Moment auf der Schwelle inne. Schmidt ging voran, Futaki stolperte hinter ihm her, der Wind ließ die Schöße seines Überziehers flattern, mit dem Stock ertastete er in der Finsternis den Weg, mit der anderen Hand hielt er den Hut fest, damit er ihm nicht in den Schlamm fiel, und der unbarmherzig strömende Regen vermengte Schmidts Fluchen mit Futakis zuversichtlichen und aufmunternden Worten, immer wieder sagte er: »Jammere nicht, Nachbar! Du wirst sehen, uns erwartet ein Leben in Saus und Braus! In Saus und Braus!«

II

Wir erstehen auf

Die Uhr über ihren Köpfen zeigt schon zehn, aber was war auch anderes zu erwarten; sie wissen, was die betäubend surrenden Neonröhren an der von Haarrissen überzogenen Decke und das zeitlose Echo des organisierten Auf und Zu der Türen bedeuten und wozu hier die schweren Stiefel mit den halbmondförmigen Eisenbeschlägen, die sich funkensprühend am Steinpanzer der ungewöhnlich hohen Korridore wetzen, dienen, wie sie auch ahnen, warum hinten die Lampen nicht brennen und weshalb überall solch ermüdendes Dämmerlicht herrscht, und sie würden mit einverständiger Zufriedenheit und Bewunderung vor diesem brillant ausgearbeiteten System den Kopf neigen, müßten heute nicht gerade sie beide, gekrümmt auf der von Hunderten von Hinterteilen blankgesessenen Bank hockend, die Aluminiumklinke der Tür Nummer vierundzwanzig belauern, hinter der ihnen, wenn sie erst Einlaß gefunden haben würden, die nicht mehr als zwei oder drei Minuten gewährt werden müßten, in denen sie »den Schatten des aufgetauchten Verdachtes« würden zerstreuen können. Denn um was sonst kann es sich handeln, wenn nicht um ein absurdes Mißverständnis, das mit Sicherheit einem unbestreitbar gewissenhaften, aber ein wenig übereifrigen Beamten zu danken ist? … Die widerstreitenden Gedanken geraten für Minuten in einen ziellosen Strudel und äußern sich dann in zerbrechlichen und schmerzhaft unnützen Sätzen, die aber – wie eine eilends zurechtgezimmerte Brücke unter dem Gewicht der ersten drei Schritte – mit einem Knacken, einem leisen, verhängnisvollen Krachen einbrechen, um so, wieder und wieder beschworen, zwischen dem Stempel und der Anrede des gestern abend zugestellten Papiers zu kreisen. Die genaue, zurückhaltende und ungewöhnliche Ausdrucksweise (»…der Schatten des aufgetauchten Verdachtes …«) läßt keinen Zweifel daran aufkommen, daß sie nicht vorgeladen wurden, um ihre Unschuld nachzuweisen, die zu bestreiten – oder in Frage zu stellen – nichts als reine Zeitvergeudung wäre, vielmehr sollen sie Gelegenheit erhalten, im Rahmen eines ungezwungenen Gesprächs mitzuteilen (und das dürfte mit einer in Vergessenheit geratenen Angelegenheit zusammenhängen), wer und woher sie sind, und vielleicht müssen auch einige Angaben zur Person geändert werden. In den hinter ihnen liegenden, zuweilen schier endlosen Monaten, als sie wegen einer kaum erwähnenswerten dummen Meinungsverschiedenheit aus dem lebendigen Strom des Lebens herausgerissen waren, hat eine feste Überzeugung ihre frühere, beinahe schon unernste Haltung zu ihrem Auftrag abgelöst, und heute könnten sie, wenn es dazu käme, auf eventuelle Fragen nach der »Führerschaft« mit verblüffender Sicherheit, ohne zu grübeln und ohne quälende innere Krämpfe die richtige Antwort geben; darum kann sie also nichts überraschen. Und was diese aufzehrende, stets wiederkehrende Verunsicherung betrifft, so können sie sie gelassen jenen endlosen Monaten anlasten, denn es gibt niemanden, der dieses Joch unbeschadet getragen hätte. Der große Zeiger nähert sich bereits der Zwölf, als, die Hände auf dem Rücken und elastischen Schrittes, ein Posten vom Treppenhaus her naht, seine farblosen Augen starren – man sieht es – ausdruckslos in die Luft, dann bleibt sein zurückgewonnener Blick an den beiden sonderbaren Burschen hängen, ein wenig Blut steigt in sein totengraues Gesicht, er bleibt stehen, erhebt sich auf die Zehenspitzen und wendet sich mit einer müden Grimasse ab. Bevor er aber aus dem Halbrund des Treppenaufstiegs verschwindet, blickt er auf die zweite Uhr, die unter dem Schild RAUCHEN VERBOTEN