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Eine kleine Stadt in Südostungarn wird durch die Ankunft eines ominösen Zirkus aus seiner Lethargie gerissen. Hauptattraktion ist ein Herzog mit drei Augen und kaum zehn Kilogramm schwer. Er ist gekommen, um alle zu richten. Die Bewohner der Stadt sind in Aufruhr und versuchen sich vergeblich der Bedrohung zu wiedersetzen. László Krasznahorkai, der Meister der Apokalypse, hat eine schwarze Parabel auf Osteuropa geschrieben.
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Seitenzahl: 556
Veröffentlichungsjahr: 2025
László Krasznahorkai
Roman
Eine spannende Groteske über eine Gemeinschaft, die sich dem allgemeinen Verfall fügt. Eine schwarze Parabel über Osteuropa.
Eine kleine Stadt in Südostungarn wird durch die Ankunft eines ominösen Zirkus aus seiner Lethargie gerissen. Hauptattraktion ist ein Herzog mit drei Augen und kaum zehn Kilogramm schwer. Er ist gekommen, um alle zu richten. Die Bewohner der Stadt sind in Aufruhr und versuchen vergeblich sich der Bedrohung zu wiedersetzen. László Krasznahorkai, der Meister der Apokalypse, hat eine schwarze Parabel auf Osteuropa geschrieben.
»Ich lese László Krasznahorkais Buch und stehe an einem Strudel. Nach kurzem Zögern stürze ich hinein – sofort erfasst er mich, reißt mich mit sich fort, lässt mich nicht mehr los. Wenn ich Krasznahorkais Buch lese, spüre ich sofort, es nicht mit diesem, einem bestimmten Buch zu tun zu haben, sondern mit dem Ganzen – wie immer bei großen Schriftstellern.« Imre Kertész
Weitere Informationen finden Sie auf www.fischerverlage.de
László Krasznahorkai, 1954 in Gyula/Ungarn geboren, ist einer der innovativsten Schriftsteller Europas. 2025 wurde er mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet.
Seine Romane »Satanstango« und »Melancholie des Widerstands« wurden überall auf der Welt begeistert aufgenommen. Die internationale Beachtung begann 1993 in Deutschland mit dem SWR-Bestenlisten-Preis für »Melancholie des Widerstands«. »Seiobo auf Erden« wurde mit dem Brücke-Berlin-Preis ausgezeichnet, »Baron Wenckheims Rückkehr« (2018) mit dem National Book Award. 2015 wurde ihm der International Man Booker Prize verliehen, 2021 der Österreichische Staatspreis für Europäische Literatur sowie 2024 der spanische Literaturpreis Prix Formentor. Zuletzt erschienen der Roman »Herscht 07769« und der Erzählband »Im Wahn der Anderen«. Heute lebt László Krasznahorkai in Triest.
Erschienen bei FISCHER E-Books
Die Originalausgabe erschien 1989 unter dem Titel » Az ellenállás melankóliája« im Verlag Magvető Könyvkiadó, Budapest
© 1989 László Krasznahorkai
Die deutsche Erstausgabe erschien 1992 im Ammann Verlag, Zürich.
Für diese Ausgabe:
© 2011 S. Fischer Verlag GmbH,
Hedderichstr. 114, 60596 Frankfurt am Main
Covergestaltung: Hissmann, Heilmann, Hamburg
Coverabbildung: plainpicture/owi
ISBN 978-3-10-492468-7
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[Motto]
Aussergewöhnliche Zustände
Es kam anders, [...]
Die Werckmeisterschen Harmonien
Er trat ein [...]
Er verlor ihn [...]
Eine Verschwörung der [...]
Nicht einfach nach [...]
Wortlos, verlegen, zumeist [...]
Sermo super sepulchrum
Die Arbeiter der [...]
Es vergeht, aber es geht nicht vorüber.
Aufbau
Als der Personenzug, der die in Frost erstarrten Siedlungen der südlichen Tiefebene von der Theiß bis fast zum Fuß der Karpaten verband, doch nicht einfuhr – trotz der wirren Erläuterungen des ratlos an den Schienen lungernden Eisenbahners und der immer beschwörenderen Versprechungen des von Zeit zu Zeit nervös auf den Bahnsteig tretenden Stationsvorstehers (»Tja, Herrschaften, der hat sich wieder mal verdrückt«, meinte der Eisenbahner und winkte mit säuerlichem Gesicht hämisch ab) –, setzte sich der Entlastungszug, der lediglich aus zwei nur in sogenannten Sonderfällen verwendbaren, gebrechlichen Holzbankwagen und einer überalterten 424er bestand, erst mit gut anderthalb Stunden Verspätung im Verhältnis zu dem für ihn sowieso nicht gültigen und ohnehin nur annähernd eingehaltenen Fahrplan in Bewegung, damit die Einheimischen, die das Ausbleiben des aus westlicher Richtung erwarteten Zuges mit ziemlichem Gleichmut und zaudernder Ergebenheit hingenommen hatten, doch noch über die restlichen fünfzig Kilometer der Nebenstrecke ans Ziel kämen. Von alledem war im Grunde genommen niemand wirklich überrascht, denn die Wirkung der herrschenden Zustände war naturgemäß im Eisenbahnverkehr ebenso spürbar wie sonst überall: Die Ordnung der Gewohnheiten war in Frage gestellt, die Alltagsreflexe zerrüttete ein unhemmbar wucherndes Chaos, die Zukunft war hinterhältig, die Vergangenheit von der Erinnerung abgeschnitten, das Funktionieren des täglichen Lebens unberechenbar geworden bis hin zur Resignation: es schien nicht mehr undenkbar, daß sich keine Tür mehr öffnet und der Weizen in der Erde nach innen wächst; denn es waren nur die Symptome der zersetzenden Unbilden wahrzunehmen, die Ursache blieb unermeßbar und unfaßbar, so daß einem nichts weiter übrigblieb, als sich zäh auf all das zu werfen, was noch greifbar war, wie es jetzt die Leute auf der Bahnstation hinter dem Dorf taten, als sie, in der berechtigten Hoffnung auf einen der allerdings meistens nicht ausreichenden Sitzplätze, die wegen des Frostes schwer zu öffnenden Türen berannten. An dem unnötigen Kampf (denn stehen mußte, wie sich bald zeigte, niemand) beteiligte sich auch Frau Pflaum, die nach ihrem üblichen winterlichen Verwandtschaftsbesuch nun nach Hause fahren wollte; nachdem sie, die vor ihr Stehenden beiseite stoßend und die Nachdrängenden mit Kräften, die ihren Wuchs Lügen straften, aufhaltend, endlich einen Fensterplatz entgegen der Fahrtrichtung ergattert hatte, konnte sie lange ihre Entrüstung über das rücksichtslose Gedränge nicht von dem zwischen Ärger und Angst schwankenden Gefühl trennen, daß sie mit ihrer für die erste Klasse gelösten Fahrkarte nun hier, im ätzenden Gestank ranziger Knoblauchwurst, schlechten Schnapses und billigen Tabaks und beinahe drohend umringt von brüllenden, rülpsenden, »gewöhnlichen« Bauern, die Antwort auf die einzige einschneidende Frage der heutzutage ohnedies riskanten Reise würde abwarten müssen: ob sie überhaupt jemals nach Hause kommen würde. Ihre in völliger Isoliertheit lebenden und ihres Alters wegen unbeweglichen Schwestern hätten es ihr nie verziehen, wenn sie diesmal ihren seit Jahren üblichen Besuch zu Beginn des Winters versäumt hätte, sie hatte also ausschließlich ihnen zuliebe nicht auf dieses gefährliche Unternehmen verzichtet, obgleich sie sich, wie jedermann, darüber im klaren war, daß sich ringsum irgend etwas von Grund auf veränderte und daß es in dieser Situation am gescheitesten war, sich keinerlei Riskio auszusetzen. Aber leicht war es wahrhaftig nicht, gescheit zu sein und nüchtern abzuwägen, was einen erwartete, denn es war, als wäre in der allewiglichen Zusammensetzung der Luft plötzlich eine gründliche, doch nicht nachweisbare Veränderung eingetreten, als hätte das in seiner Unnahbarkeit bislang fehlerfrei funktionierende, unbenennbare Prinzip – das, wie man zu sagen pflegt, die Welt in Bewegung hält und dessen einzige Spur ebendiese Welt ist – auf einmal an Kraft verloren; untrüglicher als das quälende Wissen um die Gefahr sagte dieses allen gemeinsame Vorgefühl, daß alsbald etwas geschehen könnte, und genau dieses Etwas – das in seiner Abschwächung sich zeigende Gesetz – wirkte beunruhigender als alles persönliche Ungemach und nahm den Menschen zusehends die Möglichkeit zum kühlen Wägen. Sich unter den während der letzten Monate immer häufiger und erschreckender gewordenen außerordentlichen Ereignissen zurechtzufinden war nicht nur deshalb unmöglich, weil die Nachrichten, die Gerüchte, das Gerede und die Erfahrungen miteinander nicht in Einklang zu bringen waren (wie zum Beispiel der allzu frühe, klirrende Frost Anfang November, die rätselhaften Familientragödien, die Kette von Eisenbahnunglücken und die anwachsenden Kinderbanden und Denkmalsschändungen, von denen in beunruhigenden Gerüchten aus der fernen Hauptstadt die Rede war: zwischen ihnen ließen sich kaum vernünftige Verbindungen finden); dazu kam noch, daß keine einzige Neuigkeit dieser Art für sich allein etwas bedeutete, denn es schien, sie seien nur Vorzeichen einer – wie immer mehr Leute es ausdrückten – »nahenden Katastrophe«. Frau Pflaum hatte auch gehört, wie manche schon von seltsamen Veränderungen im Verhalten der Tiere zu reden begannen, und wenn das auch – Vorwegnahme eines späteren Zustands – augenblicklich wie verantwortungsloser falscher Alarm wirkte, so stand doch fest, daß es, im Gegensatz zu jenen, denen dieses unübersichtliche Durcheinander, nach ihrer, Frau Pflaums, Überzeugung, sehr gelegen kam, ein anständiger Mensch kaum noch wagte, aus dem Haus zu gehen, denn wo Eisenbahnzüge »einfach so« verschwinden, überlegte sie, »gilt nichts mehr«. Sie stellte sich deshalb darauf ein, daß die Rückfahrt bestimmt nicht so glatt verlaufen würde wie die Hinfahrt im Schutz der ersten Klasse, denn man müsse in diesem gräßlichen Bummelzug, dachte sie, mit dem Schlimmsten rechnen. Als wäre sie am liebsten unsichtbar geworden, saß sie mit steifem Rücken, mädchenhaft zusammengepreßten Knien und abweisendem, ein wenig verächtlichem Blick in dem allmählich abflauenden Gezänk um die Plätze, betrachtete mit angespanntem Argwohn im Spiegelbild der Scheibe das so erschreckende Ensemble verschwommener Gesichter und dachte, hin und her gerissen zwischen Bangen und Verlangen, an die unheilvolle Distanz zu diesen und dann an die fehlende Wärme ihres Zuhauses: die angenehmen Nachmittage mit Frau Mádai und Frau Nuszbeck, die einstigen Sonntagsspaziergänge unter den belaubten Bäumen der Pfaffenzeile und schließlich an die ruhestrahlende Ordnung der leichten Möbelstücke und weichen Teppiche daheim, der umsorgten Blumen und der geliebten kleinen Nippsachen, eine Ordnung, die ja, wie sie sehr wohl wußte, als Insel in dieser weltgroßen Unberechenbarkeit, wo nur noch die Erinnerung an jene Nachmittage und Sonntage lebt, für eine Frau, die wie sie nur auf friedsame Unbehelligtheit eingerichtet ist, alleinigen Schutz und alleinige Zuflucht bedeutet. Verständnislos und mit einer leisen neidischen Verachtung konstatierte sie, daß die lärmenden Reisegefährten – offenbar lauter in düsteren Einödhöfen und Dörfern der Umgebung dahinvegetierende ungeschliffene Bauern – imstande waren, sich selbst diesen auf – gezwungenen Umständen ganz flink anzupassen: Als wäre nichts Außergewöhnliches geschehen, knisterte rundum das Fettpapier, in das der Proviant gewickelt war, Korken knallten, Bierflaschenverschlüsse fielen auf den geölten Fußboden, hier und da war bereits »das jeden Schönheitssinn verletzende«, aber ihrer Meinung nach »bei derlei Volk ach so alltägliche« Schmatzen zu vernehmen, schräg gegenüber von ihr begannen vier von den Lautesten gar schon Karten zu spielen – nur sie saß in dem wachsenden Tosen der menschlichen Rede allenthalben noch immer starr, wortlos und den Kopf unerschütterlich dem Fenster zugewandt auf dem Zeitungspapier, das sie unter ihren Pelzmantel gelegt hatte, und preßte die Handtasche so verloren und mit so hartnäckigem Argwohn an den Magen, daß sie kaum bemerkte, wie draußen die Lokomotive, ihre beiden roten Lampen ins kalte Dunkel werfend, zögernd in den Winterabend zu rollen begann. Das zufriedene Gemurmel, an dem sie sich allerdings nicht beteiligte, wenngleich auch sie aufatmete, und die schrille, erleichterte Ausgelassenheit, daß nach dem langen Warten und Frieren endlich etwas mit ihnen geschah, waren jedoch nicht von Dauer, denn der Zug blieb, als wäre unerwartet das Abfahrtsignal zurückgenommen worden, nach einigen ungeschickten Zuckungen kaum hundert Meter hinter der nun wieder stillen Bahnstation des Dorfes stehen; doch das daraufhin aufkommende unzufriedene Gelärme schlug rasch in verständnisloses und ärgerliches Gelächter um, und als sie dann bemerkten, daß es nun so bleiben würde, und einsehen mußten, daß ihre Fahrt – vermutlich wegen des sich ausweitenden Chaos um den außerfahrplanmäßig verkehrenden Zug – eine traurige Serie von Anfahren und Anhalten sein würde, versanken sie allesamt in eine heitere Stumpfheit, in die dumpfe Benommenheit erzwungener Apathie: wenn man, um seine Furcht vor einer echten Erschütterung zu löschen, die Anarchie der Ereignisse als ärgerlichen Beweis der Unsachkundigkeit hinstellt, gegen dessen nerventötende Wiederholung man mit der schürfenden Kraft des Spottes angehen kann. Obgleich die Roheit der vielen »Sprüche« (»Wenn ich daheim im Bett mit meiner Alten soviel ruckeln täte …«) ihre empfindsame Seele empörte, wurde im – übrigens abflauenden – Hagel dummer Späße auch Frau Pflaum ein wenig gelöster, und bei der einen oder anderen gelungeneren Bemerkung – natürlich gab es gegen das daraufhin aufbrausende Gelächter auch keinen wahren Schutz – vermochte sie ein verschämtes Lächeln nicht ganz und gar zu unterdrücken. Schon wagte sie verstohlen einige blitzschnelle Blicke, wenn auch noch nicht auf die unmittelbaren Nachbarn, so doch auf die entfernter Sitzenden, und nun, in dieser grotesken Stimmung alberner Gutgelauntheit – denn so, mit den sich auf die Schenkel schlagenden Männern und den vollmundig lachenden, alterslosen Frauen, wirkten die Mitreisenden längst nicht mehr so gefährlich wie zu Beginn –, versuchte sie ihre besorgte Phantasie zur Mäßigung anzuhalten und sich einzureden, sie würde den versteckten Drohungen, mit denen ihrem Gefühl nach diese rüde Rotte häßlichen Gesindels sie umgab, vielleicht gar nicht ausgesetzt sein, und es werde nur ihrer starken Empfänglichkeit für ominöse Vorzeichen und ihrer übermäßigen Einsamkeit in dieser eisigen Fremdnis zuzuschreiben sein, wenn sie unbehelligt zwar, doch erschöpft von der angespannten Bereitschaft zu Hause ankommen würde. Nichtsdestoweniger hatte diese Hoffnung auf einen glücklichen Ausgang keinerlei Grundlage, aber Frau Pflaum konnte der falschen Verlockung der Zuversicht einfach nicht länger widerstehen: Obgleich der Zug, auf ein Lichtsignal, das die Weiterfahrt gewährte, wartend, wiederum minutenlang in der Ödnis stand, stellte sie beruhigt fest, sie kämen ja »trotzdem irgendwie vorwärts«, und ihre von dem – leider – so häufigen knirschenden Bremsen und untätigen Warten genährte nervöse Ungeduld wurde auch dadurch gemäßigt, daß sie dank der offenbar bei der Abfahrt eingeschalteten Heizung in der inzwischen eingetretenen wohligen Wärme endlich ihren Pelzmantel ausziehen konnte, ohne befürchten zu müssen, sie werde sich erkälten, wenn sie bei der Ankunft hinaus in den kalten Wind träte. Sie ordnete die Mantelfalten hinter ihrem Rücken, legte die Stola aus künstlichem Pelz in den Schoß, faltete die Hände über der Tasche, die prall war von dem hineingestopften Wollschal, und sah in unverändert steifer Haltung neuerlich aus dem Fenster, wobei sie im Spiegel der verschmutzten Scheibe plötzlich entdeckte, daß ihr gegenüber ein auffällig schweigsamer, stinkenden Schnaps süffelnder, stoppeliger Mann seinen Blick jetzt, da sie nur die Bluse und das kleine Kostümjäckchen bedeckten, starr (»gierig!!«) auf ihre vielleicht zu sehr sich abhebenden, kräftigen Brüste richtete. Ich habe es gewußt! dachte sie, blitzschnell den Kopf abwendend, und obwohl starke Hitze sie überflutete, tat sie, als hätte sie nichts bemerkt. Minutenlang rührte sie sich nicht, spähte nur blind in das Dunkel hinaus, dann, als sie vergeblich versucht hatte, aus jenem zufällig Wahrgenommenen das Äußere des Mannes zu rekonstruieren (sie erinnerte sich lediglich an das stoppelige Gesicht, den »irgendwie dreckigen« Stoffmantel und das unappetitliche, duckmäuserische, unverhüllte Gaffen, an die Augen, die sie noch so erschrecken würden …), ließ sie den Blick sehr langsam – darauf vertrauend, nun könne sie es ohne Risiko tun – über die Scheibe gleiten, zog ihn aber fast im selben Moment zurück, denn »der da« setzte »diese Frechheit« nicht nur fort, er erfaßte sogar ihren Blick. Ihr schmerzten von der starren Kopfhaltung schon die Schultern, der Hals und der Nacken, aber jetzt wäre sie selbst dann, wenn sie gewollt hätte, außerstande gewesen, anderswohin zu schauen, spürte sie doch, wohin sie sich auch wendete, außerhalb des knappen Dunkels der Scheibe würde dieser furchterregend bewegungslose Blick, der frei über den gesamten Waggon herrschte, sie sofort gefangennehmen. Seit wann sieht er mich an? fragte sie sich unvermittelt, und in Anbetracht der Möglichkeit, daß ihr die schmutzige Aufmerksamkeit des Mannes womöglich schon seit Beginn der Fahrt galt, kam ihr der Blick noch furchteinflößender vor als vorhin, als sie, während der seinige und der ihrige sich kreuzten, im Bruchteil einer Sekunde begriffen hatte. Die beiden Augen nämlich verrieten einen hinter der »schmierigen Geilheit« lauernden tiefen Ekel, ja, ihr schien, in ihnen brenne eine trockene Verachtung. Obgleich niemand sie »rundheraus« als alte Frau hätte bezeichnen können, wußte sie, daß sie über das Alter hinaus war, in dem dergleichen – im übrigen sehr vulgäre – Aufmerksamkeit noch natürlich ist, so daß sie nicht nur mit Abscheu an den Mann dachte (denn was für einer kann das sein, daß er Verlangen nach älteren Damen empfindet?), sondern auch erschrocken erkannte: Dieser nach Schnaps stinkende Schurke will womöglich nichts weiter, als sie verspotten, verhöhnen und demütigen, sie laut lachend »wegwerfen wie einen alten Lappen«. Da beschleunigte der Zug mit einigen schwerfälligen Rucken, die Räder ratterten immer härter über die Schienen, und ihrer bemächtige sich eine längst vergessene, wirre, ätzende Scham, als unter dem immer noch auf sie gerichteten hemmungslosen, zudringlichen Blick ihre vollen, schweren Brüste schmerzlich zu brennen begannen. Die Arme, mit denen sie sie wenigstens hätte verdecken können, wollten ihrem Willen einfach nicht gehorchen, wie gebunden und gefesselt, hilflos gegenüber einer entwürdigenden Nacktheit, fühlte sie sich immer schutzloser, immer entblößter, wehrlos mußte sie sich damit abfinden, daß ihre frauliche Fülligkeit um so unverhüllter schien, je lieber sie sie verhüllt hätte. Soeben endete mit grobem Gezänk eine Kartenpartie, und in dem Lärm, der die Kontinuität des feindseligen Raunens durchbrach – und ihrem geknebelten Willen gleichsam eine Bresche schlug –, wäre es ihr wohl gelungen, diese unglückliche Benommenheit abzuschütteln, wenn nicht gleich danach etwas noch Schlimmeres passiert wäre, bestimmt nur, dachte sie verzweifelt, um ihren Heimsuchungen die Krone aufzusetzen. Als sie nämlich, von einem instinktiven Schamgefühl getrieben, in einer Art freiwilligem Widerstand vorsichtig den Kopf senkte, um ihren Busen zu verbergen, ihr Rücken sich krümmte und ihre Schultern vorfielen, wurde sie erschrocken gewahr, daß sich, vermutlich infolge der ungewöhnlichen Körperhaltung, am Rücken der Verschluß des Büstenhalters öffnete. Bestürzt blickte sie auf, und sie war nicht im geringsten überrascht, daß die beiden Augen ungerührt auf sie gerichtet blieben, die des Mannes, der ihr da – als wüßte er von ihrem lächerlichen Ungeschick – verschmitzt zublinzelte. Frau Pflaum war sich darüber im klaren, was nun geschehen würde, aber der geradezu verhängnisvolle Unfall verwirrte sie derart, daß sie nur erstarrt dasitzen konnte; im ungleichmäßigen Geholper des immer schneller fahrenden Zuges mußte sie schutzlos und mit vor Scham brennendem Gesicht dieses zugleich schadenfrohe wie verächtlich selbstsichere Augenpaar erdulden, das an ihren aus der Gefangenschaft des Büstenhalters befreiten und unter dem Gerüttel auf und ab hüpfenden Brüsten haftete. Sie wagte es nicht, noch einmal aufzublicken, um sich hiervon zu überzeugen, aber sie war sich sicher, jetzt begafften nicht nur dieser Mann, sondern all die »abscheulichen Bauern« sie und ihre Pein, sie glaubte zu sehen, wie sich die verzerrten, gierigen, grinsenden Visagen allmählich um sie drängten, und diese demütigende Qual hätte möglicherweise nie ein Ende genommen, wäre nicht aus dem hinteren Wagen der Schaffner – ein jungenhaftes Bürschchen mit sehr blatternarbigem Gesicht – eingetreten; die helle Stimme (»Die Fahrkarten, bitte!«) befreite sie aus der beschämenden Falle, rasch nahm sie die Fahrkarte aus der Handtasche und verschränkte die Arme unter dem Busen. Wieder hielt der Zug, diesmal an einem Ort, wo er sollte, und als sie – um nicht in die derweilen wahrhaftig erschreckenden Gesichter schauen zu müssen – mechanisch den Namen des Dorfes auf dem Dach des schwach beleuchteten Stationsgebäudes ablas, hätte sie vor Erleichterung am liebsten aufgejubelt, denn aus den vertrauten, aber vor jeder Reise aufs neue durchstudierten Fahrplänen wußte sie, daß es jetzt nur noch wenige Minuten bis zur Komitatshauptstadt dauern würde, und dort würde sie ihren Verfolger (»Er wird aussteigen! Er wird aussteigen!«) bestimmt loswerden. Mit verkrampfter Erregtheit beobachtete sie den Schaffner, der sich, immer wieder spöttelnd nach dem Grund der Verspätung befragt, nur langsam näherte, und obgleich sie entschlossen war, ihn, sobald er zu ihr träte, unverzüglich um Hilfe zu bitten, schien ihr sein von den ihn umlärmenden Leuten verschrecktes Kindergesicht so fern von der schutzverheißenden Miene einer Amtsperson, daß sie, als er neben ihr stand, nur zu fragen vermochte, wo die Toilette sei. »Wo denn wohl!« entgegnete der Jüngling gereizt und lochte ihre Fahrkarte. »Wo sie immer ist. Eine vorn, eine hinten.« »Ach ja!« wisperte sie mit einer entschuldigenden Gebärde, sprang auch schon auf, drückte die Tasche an sich und eilte, von der Bewegung des gerade anfahrenden Zuges nach rechts und links schwankend, zwischen den Sitzen hindurch nach hinten, und als ihr einfiel, daß sie ihren Pelzmantel am Haken neben dem Fenster gelassen hatte, befand sie sich bereits in dem verschmutzten Toilettenraum, den Rücken keuchend an die verriegelte Tür lehnend. Sie wußte, daß sie so schnell wie möglich handeln mußte, dennoch dauerte es wenigstens eine Minute, bis sie sich – darauf verzichtend, sofort zurückzulaufen und den teuren Pelz zu holen – in der Gewalt hatte. Taumelnd vom unablässigen Holpern des Zuges zog sie das Kostümjäckchen aus, schlüpfte aus der Bluse und schob, Jacke, Bluse und Handtasche unter den Arm geklemmt, den rosaroten Unterrock bis zur Schulter. Mit Händen, die vor nervöser Eile bebten, drehte sie den Büstenhalter halb um den Leib und atmete erleichtert auf, als sie sah, daß der Verschluß (»Gott sei Dank!«) nicht entzweigegangen war; schnell brachte sie ihn also wieder an den rechten Platz, und sie war schon dabei, sich wieder anzuziehen, als hinter ihr, draußen, vorsichtig, aber deutlich vernehmbar an die Tür geklopft wurde. In diesem Klopfen lag unverkennbar eine gewisse Vertraulichkeit, die sie – besonders nach alledem, was sie durchgemacht hatte – verständlicherweise erschreckte, aber dann dachte sie, daß wohl nur ihre aufgeregte Phantasie mit ihr spielte, und sie empfand es nur noch als ärgerlich, daß jemand sie zur Beeilung drängte. Sie fuhr also in dem begonnenen Tun fort, warf noch einen flüchtigen Blick in den schmierigen Spiegel und wollte gerade den Riegel öffnen, um hinauszutreten, als das Klopfen ungeduldig wiederholt wurde und gleich danach eine Stimme »Ich bin es!« sagte. Bestürzt zog sie die Hand zurück, und als ihr bewußt wurde, wem die Stimme gehören möchte, fühlte sie sich in die Ecke gedrängt, wenngleich dieses Gefühl noch übertroffen wurde von einer verzweifelten Verständnislosigkeit, denn der verhaltenen, heiseren Männerstimme war keine Spur von aggressiver, gemeiner Zudringlichkeit anzumerken, eher schwang ein gelangweiltes Drängen in ihr mit, sie, Frau Pflaum, solle doch endlich die Tür öffnen. Eine Weile verhielten sich beide still, als erwarteten sie vom anderen eine Erklärung, und Frau Pflaum begriff erst, daß sie Opfer eines niederträchtigen Mißverständnisses war, als ihr Verfolger die Geduld verlor, gereizt auf die Klinke schlug und zornig durch die Tür rief: »Na! Was wird! Schäkern ja, stöpseln nein?« Entsetzt blickte sie auf die Tür. Als wollte sie nicht daran glauben, schüttelte sie bitter den Kopf, und das Erstaunen eines Menschen, der aus einer Richtung angegriffen wird, aus der er es am wenigstens erwartet hätte, preßte ihr die Kehle zu. Angewidert von der ungerechtfertigten Beschuldigung und der unverhüllten Obszönität wurde ihr nur allmählich klar, daß der Stoppelige – so unglaublich es war, denn sie hatte ja … wirklich – bis zuletzt widerstanden – von Anfang an geglaubt hatte, sie sei es, die sich anbot, und daß dieses »verkommene Ungeheuer« den ausgezogenen Mantel … das peinliche Mißgeschick … und ihre Frage nach der Toilette als Angebot verstanden hatte, als eindeutigen Beweis ihrer Willigkeit, kurz, als beschämende Serie billiger Tricks einer sündigen Brünstigkeit, und zwar derart, daß sie sich jetzt nicht nur einer schändlichen Attacke auf ihre Ehre und Lauterkeit ausgesetzt sah, sondern sich auch damit abfinden mußte, daß so ein nach Schnaps stinkender, dreckiger, widerwärtiger, gemeiner Kerl mit ihr redete wie »mit einem allerletzten Weibsbild«. Der verletzte Zorn, der sie da packte, war noch schmerzlicher als ihre Schutzlosigkeit, weshalb sie – und weil sie die beklemmende Falle nicht länger ertrug – gekrümmt vor Entschlossenheit mit vor Aufregung versagender Stimme schrie: »Scheren Sie sich weg! Oder ich rufe um Hilfe!« Einen Augenblick lang war es still, dann schlug der Mann mit der Faust an die Tür und zischelte mit so kalter Verachtung, daß es Frau Pflaum kalt über den Rücken lief: »Amüsier dich mit sonstwem, alte Schlampe. Du bist es nicht wert, daß ich die Tür aufbreche und dich im Kübel ersäufe.« Durch das Fenster fielen die Lichter der Komitatshauptstadt, der Zug holperte schon über Weichen, und sie mußte sich, um nicht zu fallen, am Riegel festhalten. Sie hörte, wie sich Schritte entfernten und mit scharfem Laut die Tür zum Wageninnern zuschlug, und weil sie daraus entnahm, daß der Mann sie nun mit der gleichen grimmigen Dreistigkeit, mit der er sie attackiert hatte, endgültig freigab, begann sie, vor Aufregung noch am ganzen Körper zitternd, zu weinen. Und obwohl in Wirklichkeit nur Augenblicke vergingen, dauerte es eine Ewigkeit, bis sie sich selbst in der trostlosen Verlassenheit des krampfhaften Schluchzens wie in einem grellen Licht aus großer Höhe erblickte: In der dichten Dunkelheit des endlosen, abendlichen Raumes schaute aus dem beleuchteten Fenster eines wartenden, zündholzschachtelgroßen Zuges ein winziges Gesicht, das ihrige, niedergeschlagen, unglücklich und verloren. Denn wenn sie den schmutzigen, merkwürdigen, bitteren Worten auch mit Sicherheit entnehmen konnte, daß sie eine neuerliche Insultation nicht befürchten mußte, ängstigte ihr Entrinnen sie mindestens so sehr wie die Attacke selbst, bot sich doch keinerlei Erklärung, welchem Umstand sie – wenn sich der Sinn aller ihrer bisherigen Handlungen und Absichten umgekehrt hatte – die unerwartete Erlösung verdankte. Daß ihre verzweifelte, versagende Stimme den Verfolger abgeschreckt hätte, konnte sie nicht glauben, denn sie meinte, die ganze Zeit hindurch jämmerliches Objekt des erbarmungslosen Willens dieses Mannes gewesen zu sein, wie sie sich auch nur als argloses, ahnungsloses Objekt einer feindseligen Welt sah, gegen deren kahle Kälte es, wie es sie dünkte, vielleicht keinen wirklichen Schutz gab. Als hätte der Stoppelige sie wahrhaftig geschändet, taumelte sie plötzlich gebrochen und voller bedrückender Ahnungen in der stickigen Luft und dem Uringestank des engen Raumes, und aus dem formlosen Wirrwarr der in Worten nicht ausdrückbaren Bangnis, wie sie in der allgemeinen Bedrohtheit einen tiefen Graben um sich ziehen könnte, hob sich in ihr jetzt schemenhaft eine schmerzende Bitterkeit ab; denn wenn sie meinte, es sei wohl doch eine schreiende Ungerechtigkeit, daß aus ihr nicht eine stille Überlebende, sondern ein unschuldiges Opfer wurde, ausgerechnet aus ihr, die sie sich »das Leben lang nach Friedsamkeit gesehnt und nie jemandem geschadet« hatte, mußte sie zugleich auch einsehen, daß dies alles nicht mehr zählte – wo könnte sie Einspruch erheben, bei wem Protest einlegen, und es bestand auch kaum eine Hoffnung, daß sich das, was in Gang gesetzt worden war, noch aufhalten ließ. Nach soviel Gerede und so vielen schrecklichen Gerüchten hatte sie nun selbst die Erfahrung machen müssen, daß »alles in eine Richtung« lief; sie begriff, wenn überhaupt etwas zu Ende war, dann nur der Zwischenfall, der ihr zugestoßen war, in der Welt, wo derlei geschehen konnte, setzte sich der wahnwitzige Verfall unbarmherzig fort. Durch die Tür hörte sie das Rumoren derer, die auszusteigen gedachten, auch wurde der Zug spürbar langsamer, und sie zuckte erschrocken zusammen, als ihr einfiel, daß sie ihren Pelzmantel ganz seinem Schicksal überlassen hatte. Rasch öffnete sie also die Verriegelung, trat zwischen die zur Wagentür drängenden Leute (die diese, sich nicht darum kümmernd, daß es jetzt noch weniger Sinn hatte, ebenso entschlossen stürmten wie beim Einsteigen) und schlug sich, über Haufen von Koffern und Beuteln stolpernd, zu ihrem Platz durch. Der Mantel hing noch dort, aber die Kunstpelzstola fand sie nicht gleich, und während sie überlegte, ob sie sie etwa doch mit in die Toilette genommen hatte, und fieberhaft zu suchen begann, fiel ihr auf, daß in dem nervösen Durcheinander ihr Angreifer nicht mehr zu sehen war; sicherlich verläßt er den Zug als einer der ersten, dachte sie beruhigt. In diesem Augenblick hielt der Zug an, aber kaum war es im Wagen, da viele ausstiegen, für eine Minute luftiger geworden, drang schon eine noch größere und womöglich noch fürchteinflößendere, da stumme Horde von Fahrgästen herein, weshalb sie sich angesichts der finsteren Menge unschwer ausrechnen konnte, daß sie auch auf den restlichen zwanzig Kilometern allen Grund zur Besorgnis haben würde, zumal sie sich, wie sie auf einmal bemerkte, auch in ihren Hoffnungen bezüglich des Stoppeligen enttäuscht sah. Als sie sich nämlich den Mantel angezogen und die schließlich unter der blankgewetzten Bank gefundene Stola umgelegt hatte und zur Tür ging, um sicherheitshalber die Fahrt im anderen Wagen fortzusetzen, wollte sie ihren Augen kaum trauen, denn sie erblickte weit vorn, lässig über die Rückenlehne eines Sitzes geworfen, den Stoffmantel (»als hätte er ihn für mich zurückgelassen!«). Sie stutzte, dann eilte sie schnell weiter, trat durch die hintere Tür in den anderen Wagen, bahnte sich einen Weg durch das auch hier schweigsame Gedränge und nahm verzweifelt Platz, wiederum in der Mitte und entgegen der Fahrtrichtung. Eine Zeitlang beobachtete sie sprungbereit nur die Tür, wenngleich sie eigentlich nicht mehr wußte, vor wem sie sich fürchtete und woher ihr jetzt überhaupt Gefahr drohte, und als nichts geschah (der Zug stand immer noch im Bahnhof), versuchte sie, alle ihre Kräfte zu sammeln: Falls sich ihr erschreckendes Abenteuer fortsetzte, wollte sie nicht völlig unvorbereitet sein. Eine unendliche Müdigkeit befiel sie, in den Stiefeln mit Einlagen brannten ihre Füße geradezu, und sie hatte das Gefühl, die schmerzenden Schultern würden ihr »gleich abbrechen«, aber noch immer war sie nicht imstande, sich ein wenig zu lockern, zu entspannen, sie schaffte es nur, mit langsamem Kopfkreisen ihre ebenfalls schmerzenden Halsmuskeln zu bewegen und, über das Puderdöschen gebeugt, mit einigen mechanischen Bewegungen ihr vom Weinen verschmiertes Gesicht in Ordnung zu bringen. Es ist vorbei, sagte sie sich immer wieder, es ist vorbei, ich habe jetzt nichts mehr zu befürchten, aber zugleich war sie überzeugt, daß sie nicht nur nicht zuversichtlich sein, sondern sich auch nicht bequem zurücklehnen durfte, ohne das Risiko einzugehen, unvorbereitet zu sein. Denn wie der andere, war auch dieser Waggon »von dem gleichen Trupp übelgesichtiger Gestalten« besetzt, vor denen sie sich vorhin schon, als sie ihren bisherigen Platz verließ, so erschreckt hatte, und so blieb ihr einzig die Hoffnung, gleichsam als Garantie für ihren Schutz, daß wenigstens die drei Plätze um sie herum, die letzten freien, nicht besetzt werden würden. Eine Zeitlang sah es aus, als erfüllte sich ihr Wunsch, denn ungefähr eine volle Minute lang (während der die Lokomotive zweimal pfiff) kam kein einziger weiterer Reisender, doch unerwartet erschien an der Spitze einer letzten Welle lärmend, keuchend und prustend, mit einem riesigen Bündel, einem Korb und etlichen vollgestopften Beuteln balancierend, eine dicke Bäuerin mit einem Tuch über dem Haar in der Tür und kam, den Kopf hin und her drehend (wie eine Henne, dachte Frau Pflaum flüchtig), energischen Schrittes auf sie zu, um ächzend und krächzend mit Widerspruch nicht duldendem Ungestüm unverzüglich alle drei Plätze unter ihre Herrschaft zu bringen und mit ihren zahllosen Gepäckstücken sich, aber auch Frau Pflaum gegen den – man sah es ihr an – verachteten Strom der Nachdrängenden gleichsam zu verbarrikadieren. Sie, Frau Pflaum, konnte dagegen natürlich nichts einwenden, sie verschluckte ihren Ärger und sagte sich, möglicherweise sei es sogar ein Glück, daß ihr schützender Hof, wenn sie ihn schon nicht aufrechterhalten konnte, wenigstens nicht von dieser schweigsamen Bande okkupiert wurde, womit sie sich allerdings nicht lange trösten konnte, denn die unangenehme Mitreisende (und es wäre ihr einziger Wunsch gewesen, in Frieden gelassen zu werden) löste den Knoten des Tuches unter dem Kinn und fiel ohne zu zögern über sie her. »Wenigstens heizen sie, ha, nicht?« Als sie die kreischende Krähenstimme hörte und das aus dem Dreieck des Tuches hervorspringende stechende und boshafte Augenpaar betrachtete, nahm sie sich vor, wenn sie dieses Weib nicht verscheuchen oder selbst weggehen könnte, werde sie es am besten gar nicht zur Kenntnis nehmen, deshalb wendete sie demonstrativ den Kopf ab und blickte aus dem Fenster. Aber die Bäuerin ließ sich, nachdem sie einige Male verächtlich den Blick durch den Wagen hatte wandern lassen, nicht im geringsten stören. »Es macht Ihnen doch nichts aus, wenn ich Sie anspreche? Zu zweit läßt es sich doch besser tratschen, nicht wahr? Wie weit fahren Sie? Ich bis zur Endstation, zu meinem Sohn.« Frau Pflaum bedachte sie mit einem unwilligen Blick, aber dann sah sie ein, wenn sie die andere weiterhin nicht zur Kenntnis nähme, würde das über kurz oder lang für sie selbst immer peinlicher, also nickte sie zustimmend. »Ja«, fuhr die andere lebhaft fort, »mein kleines Enkelchen hat nämlich Geburtstag, deshalb. Es sagt zu mir, das kleine Ding, es sagt, zu Ostern, da war ich nämlich dort: Du kommst doch, Mama? Denn so ruft mich mein kleines Enkelchen, Mama. Und jetzt fahr ich halt.« Frau Pflaum zwang sich zu einem Lächeln, das sie aber gleich bereute, denn von nun an redete die andere wie ein Wasserfall. »Dabei, wenn das kleine Dingelchen wüßte, wie schwer es seiner Großmutter fällt in diesem Alter! Den lieben langen Tag stehen, mit diesen geschwollenen Beinen auf dem Markt stehen, da ist man zum Abend hundemüde. Ich hab dort nämlich einen Stand, wissen Sie, ich hab den kleinen Garten, von dem bißchen Rente allein kann man ja nicht leben. Ich weiß gar nicht, wo die vielen glitzernden Mercedesse herkommen, wo die anderen das viele Vermögen herhaben! Aber ich will es Ihnen sagen, hören Sie gut zu! Die klauen, die betrügen, so! Der Herrgott hat in dieser schiefen Welt nichts mehr zu sagen! Und dieses häßliche Wetter auch, sagen Sie mal! Was soll daraus bloß werden? Siebzehn Grad oder so, sagt das Radio, minus! Dabei geht erst der November zu Ende. Wollen Sie wissen, was daraus wird? Ich sag es Ihnen. Bis zum Frühjahr sind wir erfroren! Jawohl! Weil Kohle fehlt. Ich wüßte zu gerne, wozu die vielen faulen Bergarbeiter taugen. Wissen Sie es? Na, sehen Sie!« Frau Pflaum brummte schon der Schädel von dem Wortschwall, aber so schwer es ihr auch fiel, ihn zu erdulden, sie brachte es nicht fertig, sie zu unterbrechen und zum Schweigen zu zwingen, so begnügten sie sich dann, als sie merkte, daß die Bäuerin gar nicht erwartete, daß sie zuhörte, mit einem gelegentlichen Nicken und sah immer länger aus dem Fenster, den langsam vorüberschwimmenden Lichtern hinterher; sie wollte ihre gehetzten Gedanken ordnen und vor allem den zurückgelassenen Stoffmantel aus ihrem Gedächtnis tilgen, aber es gelang ihr nicht, er beunruhigte sie noch stärker als die unheildrohend vor sich hin starrenden, erschreckenden Gestalten rundum. Wurde er gestört? grübelte sie. Hat er sich betrunken? Oder hat er ihn absichtlich … Sie beschloß, sich nicht mit Vermutungen zu foltern, sondern, so risikoreich es auch schien, zu klären, ob der Mantel noch dort lag. Ohne die Bäuerin zu beachten, ging sie zwischen den Stehenden hindurch in den Vorraum des Wagens und über die Eisenbrücke, die die beiden Wagen miteinander verband, und lugte so vorsichtig wie nur möglich durch die einen Spalt weit geöffnete Tür. Ihr Vorgefühl, es sei besser, dem unerwarteten Verschwinden des Stoppeligen auf den Grund zu gehen, betrog sie nicht, denn zu ihrer großen Verwunderung saß er wieder, mit dem Rücken zu ihr, in dem voll besetzten Waggon, dort, wo vorhin nur sein Mantel gelegen hatte, und goß gerade, den Kopf in den Nacken gelegt, Schnaps in sich hinein. Mit angehaltenem Atem, damit der Mann oder einer der anderen schweigenden Reisenden sie nicht bemerkte (denn dann hätte sie nicht einmal Gott davon reingewaschen, daß sie selbst das Unheil suchte), kehrte sie in den hinteren Wagen zurück, wo sie verblüfft sah, daß ein Kerl mit einer Pelzmütze auf dem Kopf ihre kurze Abwesenheit hemmungslos ausgenutzt und sich auf ihrem Platz breitgemacht hatte, so daß nun sie, die einzige Dame, die Fahrt an den Rand des Wagens gedrängt und stehend fortsetzen mußte, und sie mußte sich auch eingestehen, daß es dumm von ihr gewesen war, sich einzureden, sie sei den Mann im Stoffmantel los, nur weil sie ihn einige Minuten lang nicht gesehen hatte. Ob er vorhin die Toilette aufgesucht hatte oder in das Bahnhofsgebäude gegangen war (freilich: ohne Mantel?!), um sich eine neue Flasche stinkigen Fusel zu kaufen, spielte nun keine Rolle mehr, wie sie eigentlich auch nicht mehr befürchtete, er könnte es hier im Zug unter Umständen noch einmal versuchen, denn die Menge, falls nicht auch die sich gegen sie wendete (»denn denen genügt ja schon der Pelzmantel, die Stola oder meine Handtasche!«), und die Unpassierbarkeit der Wagen boten, wie sie meinte, schon Schutz genug; zugleich zwang ihr Irrtum sie, von nun an mit dem Schlimmsten zu rechnen, damit nämlich, daß sie sich als Gefangene eines verfluchten Mißgeschicks (»einer unverständlichen, unergründlichen Prädestination!«) nicht mehr von ihm würde befreien können. Dies war neben der Absurdität das, was sie in Verzweiflung stürzte, denn nachdem die unmittelbare Gefahr vorüber war, fand sie es in ihrer Erinnerung nicht mehr am bedrohlichsten, daß er sie hatte vergewaltigen wollen (oh, wie schwer, das nur auszusprechen!), sondern daß er wie jemand wirkte, der »weder Gott noch Menschen scheut« und der – nichts fürchtend, auch das Feuer der Hölle nicht – zu allem (»zu Allem!«) fähig war, wenn es sich so ergab. Wieder sah sie das eiskalte Augenpaar und das stachelige, grobe Gesicht vor sich, wieder sein verschmitztes Blinzeln, wieder hörte sie die farblose, spöttische Stimme, wie sie »Ich bin es!« sagte, und sie war sich sicher, daß sie nicht nur mit einem Lüstling zusammengeraten war, vielmehr war sie vorhin einem unverständlichen, zerstörungswütigen Zorn entronnen, der nur zu einem fähig war: alles niederzuwalzen, was ganz und unversehrt war, denn für solche Schurken ist Ordnung, Friede, Zukunft, ist alles, alles unerträglich. »Wohingegen Sie«, hörte sie das Marktweib krächzen, das sich als Zielscheibe ihres unerschöpflichen Geschwafels den neuen Nachbarn ausgesucht hatte, »ziemlich schlecht aussehen, falls Sie es nicht wissen. Ich kann mich nicht beklagen, Sie sehen ja. Nur das Alter, und was mit dem Alter kommt. Und die Zähne. Da!« Sie hielt dem Mann mit der Pelzmütze ihren Mund hin und schob mit den Zeigefingern die rissigen Lippen auseinander, damit er hineinblicken konnte. »Alle hat die Zeit abgenagt. Aber ich laß mir nicht daran herumfummeln! Da kann der Doktor noch so quatschen! Bis zum Grab kann ich schon noch mampfen, stimmt doch, oder nicht? An mir werden all die Strauchdiebe nicht reich werden, die Pest soll ihnen die Gedärme wegätzen! Sehen Sie bloß mal«, und aus einer Plastiktüte nahm sie einen Spielzeugsoldaten aus Plastik, »was so ein kleines Dreckding kostet! Ob Sie es glauben oder nicht, einunddreißig Forint! Für solchen Trödel! Und was daran ist! Eine Flinte und der rote Stern. Und dafür verlangen sie dreist einunddreißig Forint! Aber was anderes«, sie steckte den Soldaten in die Tüte zurück, »wollen die Kinder heutzutage ja nicht mehr. Was bleibt einem da übrig. Man kauft es. Knirscht mit den Zähnen und kauft es. Ha, nicht?« Frau Pflaum wandte angewidert den Kopf ab und sah aus dem Fenster, aber von dem Augenblick an, als sie das dumpfe Geräusch hörte und daraufhin blitzschnell wieder zu den beiden hinsah, vermochte sie weder die Augen abzuwenden noch wagte sie sich zu rühren. Sie wußte nicht, ob die Frau mit bloßer Faust niedergeschlagen worden war, wie sich in dem anhaltenden Schweigen auch nicht herausstellte, warum, immerhin konnte sie bei dem sehr schnellen, unwillkürlichen Hinblicken noch erkennen, wie das Marktweib nach hinten kippte, ihr Kopf zur Seite fiel, ihr Körper, von den Gepäckstücken gleichsam abgestützt, sich nicht mehr bewegte – und wie der ihr gegenüber sitzende Mann mit der Pelzmütze (»der mir unrechtmäßig den Platz weggenommen hat!«) den vorgebeugten Oberkörper mit regloser Miene langsam nach hinten neigte, um sich anzulehnen. Wenn eine freche Fliege erschlagen wird, sogar dann ist noch manchmal ein Gemurmel zu hören, aber hier kein Ton, niemand sagte etwas, alle standen oder saßen teilnahmslos da. Stumme Zustimmung? fragte sich Frau Pflaum, oder phantasiere ich wieder? Sie sann nach und verwarf den Gedanken an eine Phantasievorstellung, denn aus dem Gehörten und Gesehenen konnte sie nur auf eines schließen: daß der Kerl das Weibsbild niedergeschlagen hatte. Er hatte ihr Geschwätz satt und hat sie ohne ein Wort ins Gesicht geschlagen, überlegte sie, nein, anders kann es nicht gewesen sein; das alles war so entsetzlich, daß sie erstarrt dastand und Angstschweiß auf ihre Stirn trat. Die Frau ist ohnmächtig, der Kerl zuckt nicht mit der Wimper, niemand zuckt hier mit der Wimper, o mein lieber Gott, wohin bin ich geraten, unter welch gemeines Gesindel! Wie gelähmt sah sie nur das Fenster, sah nur den Fensterrahmen und ihr Spiegelbild in der Scheibe, dann, als der für lange Minuten erneut zum Warten genötigte Zug wieder anfuhr, beobachtete sie mit sirrendem Kopf, erschöpft von den ineinander verzahnten, wirren Bildern, die dunkel und leer draußen vorübergleitende Landschaft und die schwere Masse des auch im Licht des Vollmondes sich kaum von ihr abhebenden Himmels. Doch weder die Landschaft noch der Himmel sagten ihr etwas, und ihr wurde erst bewußt, daß sie ja fast schon angekommen war, als der Zug zwischen den – nicht einmal herabgelassenen – Schranken die unmittelbar in die Stadt führende Landstraße überquerte. Sie ging auf die Plattform, blieb vor der Tür stehen und erblickte, als sie, die Hände als Schatten benutzend, hinaussah, die düsteren Stallbauten des örtlichen Landwirtschaftsbetriebes mit dem über sie aufragenden unförmigen Wasserturm. Von Kindheit an teilte ihr dies, die Bahnschranken und die im Dunst tierischer Wärme daliegenden, langen und flachen Gebäude, mit, daß sie in Sicherheit heimgekehrt war, und obgleich sie einer solchen Mitteilung heute besonders bedurfte, denn sie hätte das Ende nicht alltäglicher Unbilden bedeutet, erinnerte sie sich nicht einmal daran, wie heftig damals stets ihr Herz geklopft hatte, wenn sie von einem Besuch bei Verwandten oder, zweimal jährlich, nach den so innig geliebten Operettenvorstellungen im Kreis der inzwischen auseinandergefallenen Familie aus der Komitatshauptstadt zurückgekommen war; denn war ihr damals die Stadt mit ihrer anheimelnden Wärme gewissermaßen als Festung für ihr Zuhause erschienen, so war heute und schon seit zwei oder drei Monaten, aber besonders jetzt, nach der fürchterlichen Erkenntnis, daß die Welt voller Stoppeliger und Tuchmäntel steckte, von dieser alten Vertrautheit nicht mehr übrig als ein sprödes Labyrinth leerer Straßen, wo die Fenster, ähnlich denen hier im Wagen, blind ins Leere starrten und die gedrosselte Stille nur vom »zerfetzenden Gebell reißwütiger Hunde« unterbrochen wurde. Sie sah die nahenden Lichter der Stadt, und als der Zug den im Freien stehenden Maschinenpark des Landwirtschaftsbetriebes hinter sich ließ, um einer parallel zu den Gleisen verlaufenden Pappelallee entlang weiterzufahren, versuchte sie beklommen, im noch fernen, schwachen Licht der Häuser und Straßenlaternen das dreigeschossige Gebäude auszumachen, in dem sich ihre Wohnung befand – mit Beklemmung, ja, denn die wehe Erleichterung, endlich in ihrer Nähe zu sein, wurde gleich von einer Sorge unterdrückt, da sie wußte, wegen der nun schon fast zweistündigen Verspätung konnte sie mit dem üblichen Abendbus kaum mehr rechnen, so daß sie den Weg vom Bahnhof bis zum Haus würde zu Fuß (»und allein …«) zurücklegen müssen, ganz zu schweigen davon, daß sie erst einmal aus dem Zug gelangen mußte, bevor sie sich überlegte, was hernach zu tun sei. Unter dem Fenster glitten winzige Parzellen mit Gemüsegärten und Holzhäuschen mit Vorhängeschlössern vorbei, dann hob sich für einen Moment die Kanalbrücke aus der Dunkelheit ab, dahinter die alte Mühle; doch Frau Pflaum sah in ihnen keine Stationen ihrer Erlösung, sondern weiterer schwerer Prüfungen, denn sie brach fast zusammen unter dem Wissen, daß es nur noch ein Schritt bis in die Freiheit war, gleichzeitig aber hinter ihrem Rücken in jedem Augenblick irgendein absolut unverständlicher Angriff stattfinden konnte. Sie schwamm in Schweiß. Verzweifelt beobachtete sie die unzähligen Baumstammpyramiden des langgestreckten Sägewerkes, dann das baufällige Bahnwärterhäuschen, die auf einem Abstellgleis schlafende alte Dampflokomotive und die matte Helligkeit, die aus den vergitterten Glasfenstern des Lokomotivschuppens sickerte. Hinter ihr rührte sich noch immer nichts, sie stand noch immer allein auf der Plattform. Sie ergriff die eiskalte Klinke der Tür, konnte sich aber nicht entscheiden: Wenn sie zu früh öffnete, stieß jemand sie womöglich hinaus, wenn zu spät, könnte das »unmenschliche, mörderische Pack« sie einholen. Neben einer endlos langen Kette aus Güterwagen verlangsamte der Zug die Fahrt und bremste kreischend. Sie öffnete die Tür und sprang fast hinab, sie sah die scharfen Steine zwischen den Schwellen, sie hörte, daß man ihr folgte, dann stand sie auf einmal auf dem Platz vor dem Bahnhof. Niemand behelligte sie, aber als gäbe es einen ominösen Zusammenhang mit ihrer Ankunft, erloschen rundum und, wie sich bald herausstellte, in der ganzen Stadt die Straßenlampen. Ohne nach rechts oder links, sondern nur vor ihre Füße blickend, um in der Dunkelheit nicht auf die Nase zu fallen, eilte sie zur Haltestelle, vielleicht hatte der Bus doch den Zug abgewartet, vielleicht auch gab es noch einen späteren Bus, den sie erreichen könnte. Aber es stand kein Fahrzeug mehr dort, und mit einem »Spätbus« war auch nicht zu rechnen, denn nach dem Fahrplan, der neben dem Bahnhofsportal ausgehängt war, war der letzte und späteste derjenige, der offenbar kurz nach der vorgesehenen Ankunftszeit des Zuges gefahren war – und obendrein war der Plan mit zwei dicken Linien durchgestrichen. Ihr Versuch, schneller als die anderen zu sein, war gescheitert, denn während sie den Fahrplan buchstabierte, wuchs auf dem Platz ein regelrechter Wald von Pelzmützen, speckigen Bauernhüten und Klappmützen, und als sie, Kräfte für den Heimmarsch sammelnd, für einen Augenblick innehielt, stellte sie sich erschrocken die Frage, was diese Leute hier eigentlich suchten, bis sie plötzlich vermeinte, unter den Herumstehenden, links, auf der anderen Seite, den Mann im Stoffmantel zu sehen, den sie schon ganz vergessen hatte; es schien ihr, als schaute er sich suchend um, als machte er dann kehrt und verschwände aus ihrem Blickfeld. Das spielte sich so schnell ab, und sie stand so weit von ihm entfernt (ganz abgesehen davon, daß sie in der Düsternis Unwirkliches und Wirkliches wahrhaftig nicht mehr voneinander zu trennen vermochte), daß sie sich nicht völlig sicher sein konnte, daß ohne Zweifel er es gewesen war, jedenfalls erschreckte schon die bloße Möglichkeit sie derart, daß sie sich rasch durch die untätig umherstehenden, nichts Gutes verheißenden Leute drängte und fast im Laufschritt auf der breiten Hauptstraße, die in die Innenstadt führte, den Heimweg antrat. Was jenen betrifft, so war sie eigentlich nicht einmal wirklich überrascht, denn so absurd es auch schien (freilich, war nicht ihre ganze Reise absurd?!), irgend etwas hatte ihr bereits im Zug, als sie ihn, in ihrer Hoffnung enttäuscht, wiederfand, suggeriert, die Geschichte mit dem Stoppeligen – sein grimmiger Versuch, sie zu vergewaltigen – sei noch lange nicht zu Ende. Und da sie jetzt nicht nur befürchten mußte, von den »Banditen« »aus dem Hinterhalt« überrascht zu werden, sondern auch, daß er (»wenn er es überhaupt war und nicht alles Phantasterei ist!«) irgendwoher, aus einem Hausflur, vor sie hintreten könnte, schritt sie einher wie jemand, der nicht entscheiden kann, was in seiner Bedrängnis am zweckmäßigsten wäre, zurückzuweichen oder zu rennen. Das unheimliche Viereck des Bahnhofsvorplatzes lag schon ziemlich weit hinter ihr, auch die Kreuzung zur Grünzweigstraße, die zum Haus ihrer Kindheit führte, und noch immer sah sie auf der pfeilgerade unter kahlen Wildkastanienbäumen verlaufenden Straße – dabei wäre es doch eine Erlösung gewesen, jetzt einem Bekannten zu begegnen – keine Menschenseele, und außer dem leisen Schlurfen ihrer Schritte und dem Rauschen des ihr ins Gesicht wehenden Windes war nichts zu hören, vielleicht höchstens noch das stille und anhaltende Fauchen einer fernen, nicht genauer erkennbaren Vorrichtung, was am ehesten noch an die Geräusche erinnerte, die in früheren Zeiten Dampfsägen von sich gegeben hatten. Obgleich sie nicht aufhörte, der Macht der an ihrer Entschlossenheit nagenden Umstände Widerstand zu leisten, fühlte sie sich im völligen Fehlen der Straßenbeleuchtung und in der starren, verhaltenen Stille allmählich als Freiwild, als hingeworfene Beute, denn wohin sie auch sah, mit dem Blick aus den Wohnungen sickernde Helligkeit suchend, alles wirkte so wie gewöhnlich in Orten, die sich im Belagerungszustand befinden und wo man, weitere Anstrengungen für unnötig und vergeblich haltend, auf die letzten verräterischen Zeichen riskanter menschlicher Anwesenheit verzichtete, darauf bauend, daß man hinter den dicken Mauern der Häuser keiner ernsthaften Gefahr ausgesetzt ist, wenn man schon die Straßen und Plätze aufgeben mußte. Sie ging den Gehweg entlang, der uneben war von festgefrorenem Unrat, und passierte das kleine Schaufenster des einst so beliebten orthopädischen Fachgeschäftes der örtlichen Schuhmachergenossenschaft, und bevor sie die nächste Kreuzung überquerte, warf sie aus reiner Gewohnheit (denn mangels Benzin waren auch am Tag ihres Aufbruchs zum Verwandtenbesuch kaum noch Autos unterwegs gewesen) einen Blick in das Dunkel der Sándor-Erdélyi-Straße, die von den Einheimischen übrigens – weil sie an der hohen, mit Stacheldraht bespannten Hofmauer des Gerichtsgebäudes (und Gefängnisses) vorüberführte – einfach nur Gerichtsstraße genannt wurde. Tief unten in der Straße, im Umkreis des artesischen Brunnens, glaubte sie den schattenartigen Fleck einer geräuschlosen Gruppe auszumachen, und plötzlich hatte sie das Gefühl, in der Schweigsamkeit und Stille werde jemand geschlagen. Vor Schreck begann sie zu rennen, und sie verlangsamte die Schritte erst, als sie sich, wiederholt zurückblickend, vergewissert hatte, daß das Gerichtsgebäude (und Gefängnis) weit hinter ihr lag und niemand herausgetreten war, um ihr zu folgen. Niemand trat heraus, niemand folgte ihr, und nichts störte die tote Ruhe der Stadt außer dem immer deutlicher zu vernehmenden Fauchen oder Prusten. In dieser erschreckenden Vollkommenheit des Schweigens hörte man weder Wehgeschrei noch Schlaggeräusche; auf die fast makellose Stille schien auch das Verbrechen zu antworten – denn was sonst konnte es sein, am artesischen Brunnen mit seiner lautlosen Geschichte –, und es kam ihr durchaus nicht mehr so sonderbar vor, daß nicht wenigstens ein paar Leute unterwegs waren, denn unter normalen Umständen hätte sie trotz der nahezu quarantäneartigen Isolation jemandem begegnen müssen, wenn nicht anderswo, dann wenigstens hier, in dem Abschnitt der Béla-Wenckheimstraße, der der Innenstadt nicht mehr fern war. Von bösen Ahnungen getrieben eilte sie weiter, allmählich fühlte sie sich wie in einem schlechten Traum, und als sie der Quelle des inzwischen deutlich hörbaren Fauchens oder Prustens immer näher kam, bis sie durch die Palisade der Kastanienstämme plötzlich die ungeschlachte Vorrichtung erblickte, hielt sie es für ausgemacht, daß sie vor Erschöpfung und mit ihrer Furcht kämpfend ganz einfach nur phantasierte, denn was sie zu Gesicht bekam, schien ihr in der ersten Minute nicht einfach verblüffend, sondern unglaublich. Nicht weit von ihr bewegte sich mitten auf der breiten Fahrbahn einsam ein gespenstisches Gefährt durch die Winternacht – falls sich das unglückliche Dahinschleppen überhaupt noch als Fortbewegung bezeichnen ließ, denn dieses satanische Fahrzeug quälte sich mit der verwirrenden Langsamkeit einer Straßenwalze, gleichsam um jeden Zentimeter ringend, in die Innenstadt vor, gerade so, als rollte es nicht auf der Straßenfläche gegen den stürmischen Wind, sondern als müßte es sich durch einen dichten, zäh widerstehenden, klebrigen Stoff bohren. Der mit blauem Wellblech verkleidete, an allen Seiten geschlossene, an einen riesigen Eisenbahnwaggon erinnernde und mit grellgelben Schriftzeichen (sowie in der Mitte mit einer unverständlichen dunkelbraunen Abbildung) bemalte Lastwagen war, wie sie staunend feststellte, noch viel länger und noch viel größer als die massigen türkischen Fernlastzüge, die früher durch die Stadt gefahren waren; gezogen wurde dieser plumpe und süßlich nach Fisch stinkende Wagen von einem vorsintflutlichen, qualmenden, öligen, traktorartigen Wrack, mit äußerster Anstrengung. Als sie ihn einholte, stieg die Neugier über ihre Furcht, sie verlangsamte den Schritt ein wenig, aber vergebens musterte sie die von ungeübten Händen zeugenden, miß gestalteten, fremden Buchstaben, ihr Sinn blieb ihr verschlossen (»slawisch … oder türkisch …?«), so daß ihr auch unklar blieb, welchem Zweck er dienen, was er überhaupt hier bei ihnen mitten in der ausgestorbenen, sturmdurchtosten, vom Frost heimgesuchten Stadt suchen und wie er hierher gekommen sein mochte, denn bei diesem Schneckentempo mußte selbst die Fahrt aus dem Nachbardorf zur Stadt Jahre dauern, und daß ihn die Eisenbahn herbefördert hatte, war auch schwer vorstellbar (wenngleich es anders nicht gewesen sein konnte). Sie ging wieder schneller, und als sie den fürchterlichen Transport gerade hinter sich hatte und einen Blick zurück warf, erblickte sie im verglasten Fahrerhaus des Schleppers einen kräftigen, behaarten, apathisch dreinschauenden Mann; er trug nur ein Turnhemd, eine Zigarette hing ihm im Mundwinkel, als er sie auf dem Gehweg bemerkte, verzog er spöttisch das Gesicht und hob, als wollte er die Gafferin grüßen, langsam die rechte Hand vom Lenkrad. Das allein war schon außergewöhnlich (und wurde nur davon übertroffen, daß dem am Lenkrad sitzenden, spärlich bekleideten Fleischkoloß offenbar so warm war, als säße er in einer überheizten Zelle), und Frau Pflaum, die sich, eilig ausschreitend, mehrmals umdrehte, kam er vor wie ein exotisches Monstrum, das mit unaufhaltsamer Trägheit an den dunklen Fenstern der ahnungslosen Bürger vorüberkriecht, sich unvermeidlich alles einverleibt, was ihm in den Weg gerät, und den Eindruck verbreitet, daß alles, was er hinter sich läßt, nicht mehr ist, wie es war. Von diesem Augenblick an fühlte sie sich nun wirklich als Gefangene eines schweißtreibenden Angsttraums, aus dem es allerdings kein Erwachen geben würde: Sie wußte ja genau, dies alles war Wirklichkeit, und ob es Wirklichkeit war! Und jetzt wurde ihr auch bewußt, daß die haarsträubenden Ereignisse, deren Teilnehmerin oder Augenzeugin sie gewesen war (dieses alptraumhafte, unerklärliche Fahrzeug, die Prügelei in der Sándor-Erdélyi-Straße, die geradezu fahrplanmäßige Lichtabschaltung, das unmenschliche Gesindel vor dem Bahnhof und die abscheuliche Gestalt des Mannes im Stoffmantel, der über all das mit unerschütterlichem, eiskaltem Blick herrschte), mehr waren als willkürliche Produkte ihrer immer Böses ahnenden Phantasie, daß zwischen ihnen unzweifelhaft ein Zusammenhang bestand, eine genaue und zweckentsprechende Beziehung. Zugleich mußte sie alle Kraft aufwenden, um nicht an diese Absurdität zu glauben, sie hoffte, es werde sich für die Gegenwart des Gesindels und des Fahrzeugs, für den Gewaltausbruch oder zumindest für den unverständlichen Stromausfall doch noch eine einleuchtende Erklärung finden, wie niederschmetternd sie auch ausfiele, denn selbst in dieser unfaßlichen Situation konnte sie sich nicht mit dem Gedanken anfreunden, mit der Sicherheit und Ordnung in der Stadt sei auch alle Vernunft dahin. Nun, in dieser Hinsicht wurde sie nicht enttäuscht; zwar war noch eine ganze Zeitlang nichts über die erloschenen Straßenlampen zu erfahren, doch Ziel und Zweck des undurchsichtigen Gütertransportes blieben nicht lange im ungewissen. Sie kam am Haus des György Eszter vorbei, einer in der ganzen Stadt respektierten Persönlichkeit, ließ das ahnungsvolle Rauschen des Parkes, der das alte Holztheater umgab, hinter sich und gelangte zu der winzigen evangelischen Kirche, als ihr Blick zufällig auf eine runde Anschlagsäule fiel; sie stutzte, trat näher und stand dann nur da. Als könnte sie sich geirrt haben, las sie die Ankündigung, die aussah wie das Werk irgendwelcher Vorstadtgauner, noch und noch einmal, obgleich es genügt hätte, sie einmal zu überfliegen, denn auf dem alle anderen verdeckenden und erst, wie der an den Rädern herausrinnende, noch frische Kleister zeigte, kürzlich angebrachten Plakat fand sie die einleuchtende Erklärung.
Sie hatte geglaubt, wenn sie endlich wenigstens ein einziges Segment des Durcheinanders in aller Klarheit zu sehen bekäme, könnte sie sich sogleich leichter zurechtfinden und in einem »eventuellen Zusammenbruch« (gewiß: »Gott verhüte, daß es nötig wird!«) schützen, doch als sie nun vor dem Plakat stand, vertiefte das bißchen Erhellung ihre Angst nur noch; denn hatte allem, was sie als Zeugin und Opfer ärgerlicherweise erlebt hatte, jede Rationalität gefehlt, so mußte sie jetzt – als wäre dieses »bißchen« (»Der größte Riesenwalfisch der Welt sowie sonstige Sensationen der Natur«) gleich wieder zu viel – darüber nachgrübeln, ob hier nicht eine feste, doch unvernünftige Räson am Wirken war. Was denn nun: ein Zirkus? Hier?! Wenn niemand weiß, ob bis morgen früh nicht die Erde einstürzt? So ein alptraumhaftes Vehikel mit einem stinkenden Trecker in die Stadt zu lassen! Die sowieso schon voll Bedrohungen ist! Wer könnte sich jetzt amüsieren, in diesem Chaos? Was ist das für ein dummer Spaß? Was für ein absurder, grausamer Einfall?! Oder handelt es sich etwa darum, daß … daß nun sowieso alles einerlei ist? Daß sich irgend jemand … »im Chaos amüsiert«?! Schnell wandte sie sich ab und überquerte die Straße. Auf der anderen Seite standen zweigeschossige Häuser, einige Fenster waren schwach erleuchtet. Sie drückte die Handtasche an sich und beugte sich dem Wind entgegen. An der letzten Haustür sah sie sich noch einmal um, öffnete sie und verschloß sie hinter sich. Auf dem Treppenabsatz die Palme, ein gehegter und gepflegter Farbfleck des ganzen Hauses – schon vor Frau Pflaums Abreise war abzusehen gewesen, daß sie nicht mehr zu retten war –, hatte unwiderruflich das Zeitliche gesegnet. Dumpfe Stille umgab sie. Sie war angekommen. An ihrer Tür, in den Spalt über der Klinke gesteckt, erwartete sie auf einem Zettel eine Mitteilung. Sie warf einen kurzen Blick darauf und verzog ungehalten den Mund, dann trat sie ein, verriegelte beide Türschlösser und hängte rasch die Sicherheitskette ein. Sie lehnte den Rücken an die Tür und schloß die Augen. O mein lieber Gott, ich bin zu Hause. Die Wohnung war, wie man zu sagen pflegt, die verdiente Frucht der sorgsamen Arbeit langer Jahre. Vor einem halben Jahrzehnt hatte sie plötzlich und unerwartet (nach einem Schlaganfall) ihren Mann beerdigt, und als wenig später »wegen des ewigen Weglaufens, des ständigen Herumstromerns und überhaupt der qualvollen Last der fehlenden Aussicht auf Besserung« das Zusammenleben mit ihrem Sohn aus erster Ehe – der, wie sie meinte, die Neigungen des heruntergekommenen Vaters geerbt hatte, also bedauerlicherweise vorbelastet war – unhaltbar wurde und er sich endlich ein Zimmer zur Untermiete suchte, hatte sie sich nicht nur in das Unabänderliche fügen können, sondern sogar etwas wie Erleichterung empfunden; denn so sehr ihr die Verluste (immerhin hatten zwei Ehemänner und ein Sohn sie allein zurückgelassen) auch zu schaffen machten, sah sie doch in aller Deutlichkeit, daß sie, die Acht- undfünfzigjährige, die bisher ununterbrochen nur »die blöde Dienstmagd anderer« gewesen war, endlich für sich selbst leben konnte. Sie tauschte das für sie nun zu geräumige Einfamilienhaus – mit einer beachtlichen Bargelddifferenz – gegen diese »nette« innerstädtische Wohnung (»mit Haustürtelefon!«) und ging, umgeben von dem einer zweifachen Witwe gebührenden Respekt und dem Feingefühl bezüglich des stadtweit als »Stromer« bekannten Sohnes, in glücklicher Erregtheit daran, sich zum ersten Mal in ihrem Leben der tiefen Freude des Besitzens hinzugeben (denn außer ihren Kleidern hatte ihr bisher eigentlich nur die Bettwäsche gehört). Sie kaufte weiche, unechte Perserteppiche für den Fußboden sowie zarte Tüllgardinen und »heiter wirkende« Rollos für die Fenster, und nachdem sie die alten, schwer und unbequem, losgeworden war, stellte sie neue »Anbaumöbel« ins Zimmer, richtete sich nach den geistreichen Vorschlägen des in der Stadt sehr beliebten Magazins WOHNKULTUR
