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Deutschland bereitet sich darauf vor, ein Land im Krieg zu werden. Militärisch und wirtschaftlich soll die Republik Kriegstüchtigkeit beweisen. Unter dem Schlagwort der Zeitenwende sind überall in Deutschland kriegsvorbereitende Maßnahmen zu beobachten. Politiker sprechen über Wehrfähigkeit, als wären Deutschlands Söhne und Töchter lediglich Verfügungsmasse für den Kampf auf dem Schlachtfeld. Die Kriegstreiber und Kriegsprofiteure sind unter uns. Sie sitzen in den Medien, in der Politik, in der Wissenschaft - und in den Rüstungskonzernen. Alle zusammen haben sie ihr Feindbild und ihren Krieg im Kopf zu einer öffentlichen Angelegenheit gemacht - und somit zu einer Angelegenheit von uns allen. Die Mobilmachung an der Heimatfront vollzieht sich Schritt für Schritt. Man könnte den Influencern des Krieges nun sagen: Lasst uns im Frieden und geht doch selbst an die Front - aber sowas wünscht man nicht mal seinem größten Feind.
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Seitenzahl: 185
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Ebook Edition
Marcus Klöckner
Kriegstüchtig
Mobilmachung an der Heimatfront
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.
ISBN: 978-3-946778-44-8
1. Auflage 2024
© Fiftyfifty Verlag Imprint der Buchkomplizen GmbH,
Siemensstr. 49, 50825 Köln
Umschlaggestaltung: Buchgut, Berlin
»Je mehr eine Nation sich von Nachbarn bedroht fühlt, desto mehr wird sie sich zur Verteidigung rüsten, und desto mehr wird die Nachbarnation ihre eigene Aufrüstung für das Gebot der Stunde halten. Der längst erwartete Krieg ist dann nur noch eine Frage der Zeit.«
Paul Watzlawick
Einleitung
Kriegstüchtig – und dann?
Kriegstreiber: sie sind unter uns
Politik: Waffen, Waffen und noch mehr Waffen
Gesellschaft: am Scheideweg
Krieg: begreifen wir, was das bedeutet?
Soldaten: Helden, Mörder, Respekt, Verachtung
Fahnenflucht: die Dämme brechen
Feindbild: Intellektuelle voraus
Kriegsmedien: schwere Schuld
Anmerkungen
Einleitung
Kriegstüchtig – und dann?
Politik: Waffen, Waffen und noch mehr Waffen
Krieg: begreifen wir, was das bedeutet?
Soldaten: Helden, Mörder, Respekt, Verachtung
Fahnenflucht: die Dämme brechen
Feindbild: Intellektuelle voraus
Kriegsmedien: schwere Schuld
Cover
Inhaltsverzeichnis
Die deutsche Gesellschaft muss sich zügig die Frage stellen: Will sie ihre Söhne und Töchter in den Kriegstod schicken? Wenn sie das nicht will, dann wird es Zeit, dass sie ihre Stimme erhebt. Und das ist notwendig. Dringend. In Deutschland »spielen« nämlich Politiker, Journalisten, Wissenschaftler und Künstler mit dem Feuer. Ist die Gesellschaft bereit dazu, sie – auf beste demokratische Weise – davon abzubringen? Angebracht ist es. Denn so wie sie agieren, agieren auch Akteure in anderen Ländern der Nato. Geraten ihre Feuerspiele außer Kontrolle, ist die Gefahr eines Weltenbrands Realität. Wir schreiben das Jahr 2025 – und wir müssen über den Dritten Weltkrieg sprechen.
In der aktuellen Shell-Jugendstudie gaben 81 Prozent der Jugendlichen in Deutschland an, Angst vor einem »Krieg in Europa« zu haben. 2019 waren es 46 Prozent.1 Ein Befund, der tief blicken lässt. Jugendlichen nehmen die drohende Kriegsgefahr wahr.
Zu beobachten ist, wie sich auf der politischen Ebene geostrategische Interessen und Tiefenpolitik mit Feindbilddenken, Lust am Militärischen, Unwissenheit, Naivität und Empathielosigkeit verbinden. Diese Mischung ist hochexplosiv. Unter dem Deckmantel der von Politik, Medien und Expertentum proklamierten »Zeitenwende« entfaltet sich eine zunehmend enthemmte Militarisierung von Politik und Gesellschaft. Unverantwortlich handelnde Politiker habe die Nato gegen Russland in Stellung gebracht. Eine Politik ist zu beobachten, die ihre »Bündnisverpflichtung« über die historische Schuld Deutschlands gegenüber Russland stellt. Die deutsche Demuts- und Friedenspolitik, für die der Kniefall Willy Brandts in Warschau sinnbildlich steht, wurde zerschlagen, als ginge es um den Abriss einer Bretterbude. Deutsche Panzer gegen russische Soldaten? Längst Realität. »Video zeigt deutschen Leopard-2-Panzer im Nahkampf mit Russen-Kolonne: ›Der Wahnsinn‹«2, lautet eine Focus-Überschrift. Lassen wir die unerträgliche Sprache in den Medien mal beiseite. Die eingeschlagene Politik gegenüber Russland ist an historischer Asozialität nur schwer zu überbieten. Weite Teile der Politik haben ihren Sinn und Verstand einer eiskalten transatlantischen Tiefen- und Geopolitik untergeordnet. Zum schweren Nachteil Deutschlands und seiner Bürger. Die Auswirkungen dieser Politik sind weitreichend. Dass unser Land kriegstüchtig werden soll, ist eine dieser Auswirkungen. Die Stationierung von atomar bestückbaren, weitreichenden US-Raketen in Deutschland zeigt, dass diese Entwicklung uns alle betrifft. Der Politikwissenschaftler Johannes Varwick spricht von der »kontroversesten sicherheitspolitischen Debatte der Jahre 2024/25«.3
Längst stehen sogar der Auf- und Ausbau eines Heimatschutzes mit auf der Agenda. Unverhohlen heißt es in den Medien: »Wir rufen zu den Waffen.«4 Die Frage: »Wie kann sich ein Gesundheitssystem kriegstüchtig machen (…)?«5 ist auch schon öffentlich gestellt. Olaf Scholz betont in einem Interview, dass es auch bei »der Frage von Krieg und Frieden« »keine rote Linien« in der Politik geben dürfe.6 CDU-Vorsitzender und Kanzlerkandidat Friedrich Merz spricht in der ARD über eine Grundgesetzänderung, so dass auch Frauen eine »Dienstpflicht« zu leisten haben.7 Der Präsident des Bundesnachrichtendienstes, Bruno Kahl, sagte bei einer öffentlichen Anhörung: »Ob wir wollen oder nicht, wir stehen in einer direkten Auseinandersetzung mit Russland. Und die Feinderklärung hat Putin längst gegenüber uns vorgenommen.«8 Der Generalinspekteur der Bundeswehr äußert sich in einem Spiegel-Interview mit den Worten: »Wir müssen verstehen, dass Bedrohung die neue Normalität ist (…).«9 Und der Befehlshaber der NATO, US-General Christopher Cavalli, merkt an: »Wir bereiten uns ernsthaft auf den Verteidigungsfall vor.«10
So sieht die Entwicklung aus.
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Nachdem die Gesellschaften über Jahrzehnte in der Geiselhaft des Kalten Krieges mit dem Ausblick auf die nukleare Katastrophe leben mussten, haben Politiker heute nichts anderes zu bieten als eine Politik der Konfrontation. Aufrüstung ist das Credo. Zur Lösung des Krieges in der Ukraine fällt der Politik ein: Waffen, Waffen und noch mehr Waffen! Und wenn das nicht hilft? Dann ziehen sie eben ganz Europa mit in den Sumpf des Militärischen. »Wenn es notwendig ist, werden wir sie auch mit militärischen Mitteln verteidigen«, sagt Friedrich Merz zum Publikum bei einer Veranstaltung.11 Mit »sie« meint der CDU-Politiker »unsere Freiheit«. Natürlich geht es inhaltlich in der Rede um Russland.
*
Deutschland, so heißt es, müsse »kriegstüchtig« werden. Kriegstüchtig? Begreifen diejenigen, die solch einen monströsen Begriff aus ihrem Mund ausstoßen, überhaupt, was sie da sagen?
Auf Kriegstüchtigkeit kann, schneller als uns lieb ist, der Krieg folgen. Und das heißt: Gräben gefüllt mit Blut und Tränen, die Kriegsländer in allen Himmelsrichtungen durchziehen. Zehntausende, hunderttausende, und vielleicht Millionen Kriegstote gehen irgendwann auf das Konto einer Politik, die zuvor »Kriegstüchtigkeit« als Notwendigkeit gegenüber dem Volk verkauft hat. Nur: Wenn der Boden, den es mit allen Mitteln zu verteidigen gilt, angeblich so wertvoll ist: Warum stehen die Politiker mit ihren Söhnen und Töchtern nicht selbst in der ersten Reihe und verteidigen ihn? Stattdessen sollen bei einem Kriegsausbruch junge Männer und Frauen, die noch ihr ganzes Leben vor sich haben, in ihrer Naivität und Wehrlosigkeit und dem Rückenwind der Propaganda an die Front geschickt werden. Und das heißt: in den Kriegstod. Die Körper in Stücke gerissen, Gesicht weggeschossen, der Kopf zerfetzt, Arme, Bein im Feldlazarett amputiert oder gar gleich komplett durch die Hitzeentwicklung der explodierenden Bomben verdampft. Übrig bleibt: nichts mehr. Vielleicht ein Knochensplitter. Irgendwo im Boden. Der angeblich so kostbar ist. So war es jedenfalls immer. Warum sollte es dieses Mal anders sein? Vielen scheint das immer noch nicht so recht klar. Vor unseren Augen entsteht eine Kriegspolitik. Diese Kriegspolitik baut auf den Schiffbruch der Diplomatie auf. Und dieser diplomatische Schiffbruch war kein »Betriebsunfall der Geschichte«. Vielmehr lässt sich der Schluss ziehen, dass »Diplomaten« mutwillig und vorsätzlich mit der Axt das »Schiff der Diplomatie« zum Untergehen gebracht haben. Denn selbst mit sehr viel Wohlwollen wird es schwer, westliche Politik als deeskalierend zu bezeichnen. Nein, das wäre geradezu ein eklatanter Bruch mit der Realität. Richtig ist: Russland hat am 24. Februar 2022 die Ukraine überfallen. Das zu verurteilen ist eine Selbstverständlichkeit. Doch gerade in einer Situation, wo es am langen Ende um die Frage von Krieg und Frieden in Europa, wenn nicht in der Welt geht, braucht es dringend Diplomatie. Was es nicht braucht, sind Politiker, die den Eindruck hinterlassen, sie müssen den Begriff Frieden in einem Wörterbuch nachschauen. Wohin soll der eingeschlagene Weg führen? Wohin er bisher geführt hat, ist deutlich zu sehen: zu unfassbarem menschlichen Leid in der Ukraine. Das kann und darf unter keinen Umständen so weitergehen.
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Wie können sie, die Politiker, aber auch Journalisten, sich in Anbetracht des Kriegsgrauens erdreisten, von einer »Kriegstüchtigkeit« zu sprechen? Müssen die Augen der Welt denn erneut das Morden auf Schlachtfeldern mit ansehen? Hat die Politik wirklich nichts aus den vergangenen Schrecken des Krieges gelernt? Wir sollen »kriegstüchtig« werden, damit »unser« Feind, der doch gar nicht unser Feind ist, »abgeschreckt« und ein Krieg vermieden werden soll? Wenn man nach den genauen Gründen für die Kriegstüchtigkeit fragt, ergießt sich eine Kakophonie aus der Hausproduktion der Kalten Krieger: Russland, Putin, Nato, Ostflanke, Litauen, Angriff, Verteidigung, russischer Angriffskrieg, brutal, Überfall. Was soll das sein? Jaja, wir alle kennen die Entwicklungen. Deshalb aber soll Deutschland Milliarden in die Rüstungsindustrie pumpen? Dafür sollen »wir« kriegstüchtig werden und bereit sein, unser Land ins Unglück zu stürzen? Gibt es hier denn gar keinen Sinn und Verstand mehr? Ob Deutschland über 50, 500, 5000 oder 50 000 Panzer verfügt: Eine Atommacht drückt einmal auf den Knopf und dann ist nichts mehr mit Kriegstüchtigkeit. Will sich die deutsche Gesellschaft wirklich für so dumm verkaufen lassen, als dass sie einer Politik folgt, die ein Feindbild schmiedet, das es dann zu bekämpfen versucht?
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Während dieses Buch in seiner Schlussphase ist, überschlagen sich die Ereignisse. Die Amerikaner haben Donald Trump zu ihrem 47. Präsidenten gewählt. Und in Deutschland fällt die Regierungskoalition auseinander. Scholz hat angekündigt, die Vertrauensfrage zu stellen, danach gegebenenfalls Neuwahlen. Merz spricht im Bundestag davon, dass er Russland ein Ultimatum stellen will.12 Entweder höre Russland innerhalb von 24 mit der Bombardierung ziviler Ziele auf oder die Ukraine erhalte deutsche Taurus-Raketen, mit denen Ziele in Russland angegriffen werden können. Medien sprechen von einem »Kriegs-Ultimatum an Putin«13. Und der Niederländer Mark Rutte, Generalsekretär der Nato, sagt:
»Wir sehen, dass der euro-atlantische und der indo-pazifische Raum nicht zwei separate Schauplätze sind. All das wächst zunehmend zusammen, und was in der Ukraine geschieht, hat globale Auswirkungen. Das bedeutet, dass wir den Kurs beibehalten müssen, dass wir die Verteidigungsproduktion in den Vereinigten Staaten und hier in Europa erhöhen müssen, dass wir mehr ausgeben müssen und dass wir mehr tun müssen, um sicherzustellen, dass die Ukraine sich durchsetzen kann.«14
Obendrauf erteilt US-Präsident Joe Biden auch noch die Freigabe zur Nutzung von amerikanischen Langstreckenraketen gegen Russland.
Aus Ruttes Aussagen wird deutlich, dass zwei große Konflikte dieser Zeit, nämlich der Konflikt mit Russland als auch mit China, vonseiten der Nato als zusammenhängend gedacht werden. Das ist zwar nicht überraschend und die Aussagen wirken trocken, nüchtern. Aber es gilt genau hinzuhören. An den Worten des Nato-Mannes lässt sich ablesen, dass innerhalb des stärksten Militärbündnisses der Welt eine Betrachtungsweise veranschlagt wird, an der sich ein Dritter Weltkrieg ausrichten kann. Wenn hier aus Nato-Sicht von einem »Zusammenwachsen« der »Schauplätze« »euro-atlantischer« und »indo-pazifischer« Raum gesprochen wird, drängt sich der Verdacht auf, dass auch die heiße militärische Konfliktebene als realistisch betrachtet wird. Und das wäre der Dritte Weltkrieg.
Selbst unter den positivsten Annahmen, dass mit einem US-Präsidenten Trump der Krieg in der Ukraine eingefroren oder gar vordergründig beendet werden sollte: In Anbetracht dessen, wie weit die Politik der Konfrontation und Eskalation bereits fortgeschritten ist, fällt es schwer davon auszugehen, dass sich die Situation zwischen der Nato und Russland einfach so kurz- oder mittelfristig auflösen wird. Vieles spricht für eine Fortsetzung der Konfrontationspolitik vonseiten Europas – gegebenenfalls auch ohne die USA, die sich für die Dauer der Trumpschen Amtszeit aus dem weiteren Konflikt oder gar einem Krieg zwischen Russland und den Nato-Staaten rausziehen könnten. Denkbar ist längst vieles, wenngleich die Gesamtsituation dynamisch und von Unschärfen durchzogen ist.
Für die Bürger in Deutschland ist entscheidend, dass Großmächte längst eine weltpolitische Dynamik in Gang gesetzt haben, die den Frieden bedroht – auch in Deutschland. Der Koalitionsbruch kann als »Flurbereinigung« betrachtet werden. Akteure drängen in den Raum der politischen Entscheidungsebene, die eine Konfrontations- und, wie es aussieht, auch Kriegspolitik mit gelöster Handbremse veranschlagen wollen. Wie auch immer sich die Lage außen- und innenpolitisch entwickeln wird: Die Gesellschaft muss sich im Klaren darüber werden, dass das Ziel Kriegstüchtigkeit nicht aus einer »Laune« heraus vorgegeben wird.
Gerade lautet eine Nachricht: »Bundeswehr bereitet Unternehmen auf den Kriegsfall vor«15. All das, was an dieser Stelle holzschnittartig zusammengefasst ist, hat seine Gründe. Das Kriegsgetrommel ist nicht einfach nur aus einer »Laune« der Politik heraus zu hören.
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»Lieber 100 Stunden umsonst verhandeln, als eine Minute schießen.« Das sagte der ehemalige Bundeskanzler Helmut Schmidt. Warum orientieren sich Politiker nicht an diesen Worten? Wann dringt die Erkenntnis endlich durch, dass jeder Kompromiss, egal wie gut oder schlecht er ist, besser ist, als junge Menschen in den Kriegstod zu schicken? Wann begreifen deutsche Politiker endlich, dass Russland nicht unser Feind ist? Wann erkennen sie, dass der größte Teil der Deutschen in Frieden leben und nicht kriegstüchtig werden will? Genauso übrigens die Russen. Eine Politik, die das nicht einsehen will, muss abtreten. Und zwar schnell. Im besten Sinne des Friedens, des Grundgesetzes und der Demokratie.
»Wir müssen bis 2029 kriegstüchtig sein. Wir müssen Abschreckung leisten, um zu verhindern, dass es zum Äußersten kommt. (…) Im Ernstfall brauchen wir wehrhafte junge Männer und Frauen, die dieses Land verteidigen können. Wir müssen durchhaltefähig und aufwuchsfähig sein (…). Wir brauchen Hauptwaffensysteme, Luftverteidigungssysteme, Munition und Einsatzunterstützung vom Kampfpanzer bis zur mobilen Feldküche«, sagte Verteidigungsminister Boris Pistorius in einer programmatischen Rede im Bundestag.1 »Wie kriegstüchtig ist Deutschland?«2, fragen längst auch Medien. Und Wolfgang Ischinger teilte der Öffentlichkeit über die Plattform »X« mit: »Wie oft muss es denn wiederholt werden? Unsere bisher auf minimalistische Friedens-Nachfrage ausgerichtete dt u europ (sic!) Rüstungsindustrie muss auf Kriegsproduktion hochgefahren werden. Das erfordert umfängliche staatliche Vorgaben und Vereinbarungen, sonst versagen wir historisch!«3
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Was sind das für Aussagen, für Fragen? Was passiert hier gerade? Wird es in naher Zukunft zu einem Krieg mit Russland kommen? Wird demnächst Europa wieder unter dem Schutt, den Trümmern des Krieges begraben? Geschichte ist nicht unausweichlich. Geschichte entsteht durch Handlungen und Unterlassungen von Personen. Auf der politischen Bühne stehen seit längerem Akteure, die eine Politik der Konfrontation gegenüber Russland veranschlagen. Diese Personen machen gerade Geschichte. Und das wird zu einer zunehmenden Gefahr. Der monströse Begriff Kriegstüchtigkeit prägt längst die politische Agenda. Ein Krieg zwischen Russland und Nato, der in die Geschichtsbücher als Dritter Weltkrieg eingehen würde – falls es dann überhaupt noch so etwas wie Geschichtsbücher geben wird –, ist nicht unumgänglich. Die Weichen aber, die jetzt gestellt werden, lassen die Züge des Krieges mit zunehmender Geschwindigkeit aufeinander zufahren.
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»Denn sie wissen nicht, was sie sagen!« »Denn sie wissen nicht, was sie tun!« – Könnte das als Entschuldigung für diejenigen dienen, die von Kriegstüchtigkeit sprechen, als hätten sie nie ein Geschichtsbuch in der Hand gehalten? Vorsicht! Es ist nicht die Aufgabe der Gesellschaft Entschuldigungen für eine Politik zu suchen, die das Risiko eines Krieges eingeht. Eine Gesellschaft, der aber etwas daran liegt, in Frieden zu leben, sollte so laut wie möglich »Nein!« zu dem Konfrontationskurs mit Russland sagen. »Wir müssen bis 2029 kriegstüchtig sein« – das sagt Pistorius so, als könnte er über das Leben der Bürger in diesem Land verfügen. Als wären die Söhne und Töchter, die Mütter unter schlimmen Schmerzen gebärt haben, Verfügungsmasse einer Kriegspolitik. Politikern wie Pistorius gilt es zu sagen: »Wir müssen gar nichts!« Schon gar nicht dann, wenn Politiker glauben, dass wir kriegstüchtig sein müssen. Überhaupt: Dieser Begriff »Kriegstüchtigkeit« – die Perversion des Krieges, die Abgründe, ja etwas teuflisch Boshaftes spiegeln sich in ihm. Der Begriff setzt sich zusammen aus den Wörtern Krieg und Tüchtigkeit. Das heißt: Hier wird ein negativ besetztes mit einem positiv konnotierten Wort verbunden. Der Begriff erinnert an die nicht minder abscheuliche Formulierung »nukleare Teilhabe«.
Tüchtigkeit – dieses Wort strahlt etwas für den Menschen Erstrebenswertes aus. Dynamik, Energie, Können – das sind Ausdrücke, die mit der Tüchtigkeit verbunden sind. Auf einer weiteren gedanklichen Ebene tauchen Bilder von »tüchtigen«, das heißt: trainierten, schlanken, energiegeladenen, Körper auf, die an- und zupacken können. Deutlich wird, wie perfide es ist, das Wort »Tüchtigkeit« mit dem Begriff »Krieg« zu verbinden. Hochgradig manipulativ, verdreht es gerade jenen den Kopf, die aufgrund mangelnder Lebenserfahrung vielleicht noch nicht erfasst haben, wie brutal und zerstörerisch ein Krieg ist. Mit der »Tüchtigkeit« eines Menschen, der voller Tatendrang im Leben steht und durch seine Energie etwas erreicht – Bildung, Familie, beruflichen Erfolg etc. –, hat Kriegstüchtigkeit nichts zu tun. Der Blick ins vergangene Jahrhundert zeigt schonungslos, wie jener »Ruhm« und »Glanz« für den Einzelnen und für ein Land aussehen, nachdem ein ganzes Volk auf Kriegstüchtigkeit getrimmt worden war. Ranke, schlanke, durchtrainierte Körper. Mit blitzeblanken Uniformen und dem Gewehr in der Hand, einem Lachen auf den Lippen: So zogen die Kriegstüchtigen in den Krieg – ganz wie bei einem lieblichen Sommerausflug einer Pfadfinder-Truppe. Zwischendrin faselte der Oberkriegstüchtige was von »flink wie ein Wiesel, zäh wie Leder und hart wie Kruppstahl« – am Ende lag Deutschland in Trümmern und die einst so Kriegstüchtigen, die den Krieg überlebten, humpelten einbeinig bettelnd durch die Straßen. Ausschau haltend, ob das Kind, die Frau, die Schwester oder der Bruder vielleicht doch noch irgendwo leben. Eben noch ein Mann, kraftvoll, tüchtig. Und im nächsten Moment für immer gezeichnet vom Krieg – körperlich, und/oder seelisch.
Denken wir an die Worte von Erich Maria Remarques in seinem weltbekannten Roman »Im Westen nichts Neues«:
»Wir waren 18 Jahre und begannen die Welt und das Dasein zu lieben; wir mussten darauf schießen. Die erste Granate, die einschlug, traf unser Herz.«4
Der Griff des Krieges nach der Jugend – er ist wieder zu beobachten (siehe Kapitel zu den Soldaten).
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Nein, heute ist nicht gestern. Und 2025 ist nicht 1914 oder 1939. Aber kriegstüchtig ist kriegstüchtig. Ob in einer Diktatur, in einer Demokratie oder unter welcher Regierungs- und Staatsform auch immer: Wenn davon die Rede ist, dass wir kriegstüchtig werden müssen, dann ist Gefahr im Verzug. Eine Politik, die ein Land kriegstüchtig machen will, versündigt sich an dem Land und seinen Bürger. Sie verrät jene Werte, in deren Namen sie vorgibt, dass Kriegstüchtigkeit nur zu »unserem« Besten und eine Notwendigkeit sei. Kriegstüchtigkeit – so stellen es die frommen Glaubensbrüder der Zeitenwende da – werde doch nicht für einen Krieg, sondern für den Frieden angestrebt. Kriegstüchtigkeit diene lediglich dazu, den Gegner im Vorfeld so durch Stärke und Kampfkraft zu beeindrucken, dass dieser erst überhaupt gar nicht auf den Gedanken komme, anzugreifen. Sprich: Aus ihrer Sicht erweisen sie dem Land, das sie auf Kriegstüchtigkeit trimmen, einen »großen Dienst«. Angst und bange kann einem da werden, denn diese verquere, absurde, mit der Realität brechende Logik ist handlungsleitend für die vorherrschende Politik.
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Wäre Russland der große, böse Feind: Warum sollte Putin mit einem Angriff warten, bis Deutschland »kriegstüchtig« ist? Und: Nur weil Russland nach einem sehr langen Hin und Her in die Ukraine einmarschiert ist, heißt das nicht, dass Russland einen Nato-Staat angreift. Es heißt nicht, dass Russland bald in Berlin einmarschieren wird. Die Vertreter der neuen Aufrüstungspolitik wollen den Bürger aber weismachen, dass eine reale Gefahr eines russischen Angriffs auf Deutschland bestehe. Vermutlich wird es dann bald heißen, Russland habe im Zweiten Weltkrieg Deutschland überfallen. Und die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki? Das waren dann auch die Russen! Wer mit der Realität bricht, verkehrt irgendwann auch die Geschichtsschreibung. Schon jetzt gleicht die Geschichtsschreibung zum Krieg in der Ukraine der Co-Produktion einer Orwellschen Realitätsverdrehung. Vorgeschichte gibt es keine. Ende der Story. Längst hat die Mär vom russischen Bären, der ganz Europa bedroht, die Realität ersetzt. In gewisser Hinsicht ergibt dieses Angstbild dennoch Sinn.
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Politiker, die eine Gesellschaft kriegstüchtig machen wollen, brauchen einen Hebel. Der Hebel heißt, wie so oft, Angst, in diesem Fall vor einem vermeintlichen Feind. Also braucht es ein Feindbild. Dieser Feind sitzt für die alten, neuen Kalten Krieger immer noch im Osten. Das Narrativ vom »bösen Russ’« wird seit geraumer Zeit reaktiviert. In der Scheinlogik der Feindbildaufbauer ist es nun mal »folgerichtig«, dass Deutschland »vorbereitet« sein muss. Die ewigen Russlandhasser haben ihre Scheinrealität vom lauernden Putin, der aufgrund von Großmachtgelüsten kurz davorstehe, sich ganz Europa einzuverleiben, in den Bordcomputer Deutschlands eingegeben. Die Rüstungsindustrie ist in Dauerchampuslaune versetzt. Die Korken knallen bei den Waffen- und Panzerherstellern. Endlich! Feindbildaufbau und eine kriegstüchtige Bundeswehr? »Rekordgewinn beim Rüstungskonzern Rheinmetall«5, lauten die entsprechenden Schlagzeilen. Und: »Gleich mehrere Höchststände erreichten die Zahlen von Rheinmetall im vergangenen Jahr. Das hat auch mit dem Krieg in der Ukraine zu tun«6, berichtet das ZDF. Wer hätte das gedacht?! Kriege waren schon immer die Goldgruben der Rüstungsindustrie. Krieg? Das ist wie Weihnachten und Ostern zusammen – aber die »Opferlämmer« werden nicht die Gold hortenden Kriegsprofiteure sein, sondern irgendwann die armen Soldaten, die in ihrer Naivität gegen einen politisch bestimmten Feind zu Felde ziehen sollen. Und wenn es schlecht läuft, dürfen sich in die Reihe der Opferlämmer auch die einfachen Bürger einordnen. Spätestens dann, wenn Kriege eskalieren, wenn Angriffe sich von der Front ins Innere der kriegsführenden Länder verlagern, trifft es uns alle. Das Kind, das friedlich vergnügt auf der Schaukel sitzt? Wird nicht mehr sein, wenn 50 Meter daneben eine Rakete einschlägt. Die Familie, die noch schnell ein paar Einkäufe im Einkaufszentrum erledigen will, wird den Tod finden, wenn, aus welchen Gründen auch immer, eine Bombe das Gebäude trifft. Das sollte doch mittlerweile längst jeder wissen. Und dann? Dann stehen alle da. Sind geschockt. Wie konnte das nur passieren? Leid, Schmerz, Trauer. Und die Politik reagiert, wie Politik reagiert: »Wir wussten es!« Der Feind wird öffentlichkeitswirksam verdammt. Die Reaktion wird lauten: »Dafür werden sie bezahlen!« Auge um Auge, Zahn um Zahn, Israel, Palästina, Irak, Iran, Nord-Korea, Süd-Korea. Willst du nicht mein Bruder sein, dann schlag’ ich dir den Schädel ein! Ganz so, als ob sich die empört und kämpferisch zeigenden und zugleich als Unschuldslämmer inszenierenden Politiker nicht selbst mit für den Krieg verantwortlich wären. Wenn erst einmal Bomben auf das eigene Land fallen, haben Politik und Diplomatie versagt. Schaden vom Volk abwenden? Von wegen. Skrupellose, rücksichtslose oder in ihrer Wahrnehmung der Realität schwer gestörte Politiker haben schon immer ihr eigenes »Versagen« vorm Eintritt in einen Krieg auf demagogische Weise verkauft. Dann heißt es: Das Volk müsse sich »wehren«. »Freiheit oder Sklaverei?« Feige Aufgabe oder mutiger Kampf? Für die eigene Familie. Für das eigene Land. Für das eigene Wohl. Und so überhöhen die Einpeitscher heroisch das Verderben.
Denken wir an die 10 Hauptsätze der Kriegspropaganda:
»1. Wir wollen den Krieg nicht.
2.Das gegnerische Lager trägt die alleinige Verantwortung für den Krieg.
3.Der Führer des gegnerischen Lagers ist ein Teufel.
4.Wir kämpfen für eine gute Sache, nicht für eigennützige Ziele.
5.Der Gegner kämpft mit unerlaubten Waffen.
6.Der Gegner begeht mit Absicht Grausamkeiten. Wenn uns Fehler unterlaufen, dann nur versehentlich.
7.Unsere Verluste sind gering, die des Gegners aber enorm.
8.Die Künstler und Intellektuellen unterstützen unsere Sache.
9.Unsere Mission ist heilig.
10. Wer unsere Berichterstattung in Zweifel zieht, ist ein Verräter.«7
Was sehen wir, wenn wir diese Grundsätze auf die aktuelle Konfrontation mit Russland legen?
