Krisen erfolgreich meistern - Ralf Klaus Lorenz - E-Book

Krisen erfolgreich meistern E-Book

Ralf Klaus Lorenz

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Beschreibung

Mit seinem Buch will der Autor Betroffene motivieren, Krisen aktiv und mit lösungsorientiertem Blick anzugehen. Als Betroffene gelten dabei nicht nur Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, sondern auch Führungskräfte, Geschäftsleitungen und Shareholder. Er stärkt den Blick auf Chancen und Möglichkeiten und plädiert für eine offene und wertschätzende Kommunikation miteinander. So ist ein Buch mit Ideen für alle entstanden, die von Krisen betroffen sind oder sein könnten. Inhalte: - Hintergründe von Verhalten, Motivationen und anwendbare Techniken in der Krise - Eine Lektüre zum Mut schöpfen und um sich offen der Herausforderung zu stellen - Notwendiges Werkzeugset, um durch vorbeugendes Handeln Krisen gar nicht erst entstehen zu lassen

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Seitenzahl: 283

Veröffentlichungsjahr: 2021

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[5]Inhaltsverzeichnis

Hinweis zum UrheberrechtImpressumProlog1 »Angst essen Seele auf« – psychologische Auswirkungen einer Krise1.1 Maslow lässt grüßen1.2 Krisen und ihre unmittelbaren Folgen1.3 Trauer muss bewältigt werden1.4 Krisenstabilität1.5 Angst und ihre Folgen1.6 Plötzlich geht was1.7 Krisendynamik1.8 Stress wirkt1.9 Fazit2 Bange machen gilt nicht, die rosarote Brille aber auch nicht – angemessen kommunizieren2.1 Richtige Kommunikation2.2 Kennzahlen helfen2.3 Vertrauen und Kommunikation2.4 Fazit3 Wer den Kopf in den Sand steckt, erstickt3.1 Beteiligte definieren3.2 Professionelle Projekte3.3 »Weak Signals« suchen3.4 Arbeitsunfähigkeitszeiten sprechen eine leise Sprache3.5 Ziele sichern Erfolg3.6 Mit 3-W Ziele erreichen3.7 Veränderungen kosten Kraft3.8 Neues fixieren3.9 Strukturierte Kreativität3.10 Fazit4 Sich im §en Dschungel zurechtfinden4.1 Das Kündigungsschutzgesetz ist in der Krise zentral5 »Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.«5.1 Kommunikation im richtigen Maß5.2 Alle Beteiligten auch wirklich teilhaben lassen5.3 Notwendige Kompetenzen schaffen5.4 Identifizieren mit der 5-W-Technik und der SWOT-Analyse5.5 Resilienz schaffen5.6 Krisengerechte Führung5.7 Not macht erfinderisch5.8 Innovation braucht Raum5.9 Positives Herangehen hilft5.10 Krisen als Klebstoff5.11 Fazit6 Wenn schon persönliche Katastrophen, dann professionell reagieren6.1 Klarheit schaffen6.2 Wege der Trennung6.3 Transfermaßnahmen nutzen6.4 Flexibilität ist Trumpf6.5 Die Verantwortung bleibt6.6 Auch die Bleibenden sind wichtig6.7 Fazit7 Chancen schaffen und nutzen7.1 Krisen bieten Chancen!7.2 Strukturen lösen7.3 Krisenarten unterscheiden7.4 Fokussierung hilft7.5 Emotion und Ratio7.6 Herausforderung: toxische Mitarbeiter7.7 Innovative Effizienz7.8 Fazit8 Und wenn ich nicht mehr weiter weiß, …8.1 Vernetzung bringt Vorteile8.2 Grenzen überwinden8.3 Andere können auch helfen8.4 Fazit9 Die Zukunft gestalten9.1 Ideenmanagement9.2 Vereinbarkeit von Familie und Beruf9.3 Gesundheitsmanagement9.4 Karrieremanagement9.5 Aktives Konfliktmanagement9.6 Nachfolgeplanung9.7 Wissensmanagement9.8 Fazit10 Zum AbschlussAnhangQuellen
[1]

Hinweis zum Urheberrecht:

Alle Inhalte dieses eBooks sind urheberrechtlich geschützt.

Bitte respektieren Sie die Rechte der Autorinnen und Autoren, indem sie keine ungenehmigten Kopien in Umlauf bringen.

Dafür vielen Dank!

Haufe Lexware GmbH & Co KG

[4]Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de/ abrufbar.

Print:

ISBN 978-3-648-15070-2

Bestell-Nr. 10658-0001

ePub:

ISBN 978-3-648-15071-9

Bestell-Nr. 10658-0100

ePDF:

ISBN 978-3-648-15072-6

Bestell-Nr. 10658-0150

Ralf Klaus Lorenz

Krisen erfolgreich meistern

1. Auflage

© 2021 Haufe-Lexware GmbH & Co. KG, Freiburg

www.haufe.de

[email protected]

Bildnachweis (Cover): © fotomek, Adobe Stock

Produktmanagement: Noé, Bettina

Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Alle Rechte, insbesondere die der Vervielfältigung, des auszugsweisen Nachdrucks, der Übersetzung und der Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen, vorbehalten. Alle Angaben/Daten nach bestem Wissen, jedoch ohne Gewähr für Vollständigkeit und Richtigkeit.

[8]Dieses Buch ist in erster Linie all denen gewidmet, die ihre Kraft, Energie und Aufmerksamkeit in die Bewältigung einer Krise stecken.

Aber es ist auch meiner Familie gewidmet, die viele Stunden auf mich verzichten musste. Sie hat mit ihren Anregungen und Gedanken, dieses Buch erst ermöglicht und lesbar gemacht. Ebenso geht mein besonderer Dank an alle, die mir mit ihren wertvollen Hinweisen und Feedbacks geholfen haben, das Buch zu realisieren. Weiterhin danke ich den Menschen, die mich in den Krisen, die mir die Erfahrung für dieses Buch gegeben haben, mental und fachlich unterstützten.

Und nicht zuletzt danke ich dem Team des Haufe Verlags, das mich gut und kompetent bei diesem Buch begleitet hat.

[9]Prolog

Bevor Sie denken, ich würde das Thema Corona und andere Krisen auf die leichte Schulter nehmen, weil die Kapitel und Überschriften griffig formuliert sind, kann ich Sie beruhigen. Sie werden merken, dass ich mir absolut bewusst bin, welche Befürchtungen, Einschränkungen und teilweise katastrophalen Folgen sich aus Krisen, wie z. B. der Finanzkrise 2008/2009 oder der Coronakrise 2020/2021, und anderen einschneidenden krisenhaften Ereignissen ergeben.

Sehr viele Menschen sind 2020/2021 – und aller Voraussicht nach in den Folgejahren – von den Auswirkungen der Coronakrise betroffen oder haben zumindest Angst, dass dies in absehbarer Zeit der Fall sein wird. Gerade im betrieblichen Umfeld sind solche Ängste und Befürchtungen weit verbreitet. Durch die Berichterstattung in den Medien und die Reihe von Insolvenzen, auch bekannter Unternehmen wie Galeria Karstadt Kaufhof, Esprit, Vapiano, Maredo, Pimkie und einiger anderer, werden diese Gefühle noch weiter befeuert.

In diesem Buch will ich auf die Befürchtungen und Ängste, aber auch auf die Chancen und Möglichkeiten eingehen. Ich zeige Wege für einen richtigen Umgang mit der Situation und vor allem miteinander auf. Weiterhin halte ich ein Plädoyer für offene, ehrliche und wertschätzende Kommunikation, aber auch für ein realistisches Vorgehen und für aktives Handeln.

Ebenso will ich allen Arbeitnehmern, Arbeitgebern und anderen, die von Krisen betroffen sind, Wege aufweisen und den Mut geben, das Schicksal in die Hand zu nehmen und nicht zu verzweifeln.

Selbstverständlich beziehen sich alle Aussagen und Beispiele, die ich in meinem Buch treffe und schildere, immer auf alle Geschlechter. Dennoch wähle ich der einfachen Lesbarkeit halber teilweise nur die Schreibweise in einem Geschlecht.

[11]1»Angst essen Seele auf« – psychologische Auswirkungen einer Krise

Ereignisse, wie die Corona-, die Finanz- und andere Krisen, stellen vieles von dem, was für uns selbstverständlich ist und war, infrage. Im Rahmen der Coronapandemie 2020/2021 erlebten wir Lockdowns, Abstandhalten schützte uns und andere, das Tragen von Masken und das Pflegen einer umfangreichen Hygiene gehörten in Zeiten der Pandemie ebenso dazu. Wir mussten darauf verzichten, unsere Familie und Freunde persönlich zu sehen. Der ein oder andere erlitt auch den Verlust Angehöriger und Menschen aus seinem Umfeld, teilweise ohne richtig Abschied genommen zu haben.

Für viele war es aber in diesem Moment am belastendsten, dass noch kein Ende abzusehen und nicht vorauszusehen war, wie viele Infektionswellen noch drohten. Parallel dazu gab es viele Verschwörungstheoretiker, die die Existenz des Virus infrage stellten, Masken verweigerten und die Folgen für die weltweite Wirtschaft leugneten.

1.1Maslow lässt grüßen

Psychologisch lässt sich anhand einer schon recht alten (Mitte der 1940er-Jahre veröffentlichten) Theorie erklären, welche Folgen eine solche Krise auf Menschen hat. Der amerikanische Psychologe Abraham Maslow hat in seinem Artikel »A Theory of Human Motivation«1 beschrieben, dass die höheren Motivstrukturen und das Streben nach individuellen Bedürfnissen, wie Lob, Anerkennung, Freiheit und in der Folge auch nach Selbstverwirklichung, in den Hintergrund treten, wenn die grundlegendsten physiologischen Bedürfnisse infrage gestellt werden. Auch das Streben nach Sicherheit und nach sozialen Kontakten wird nach Maslow erst wieder prominent akut, wenn die grundlegendsten physiologischen Bedürfnisse nicht mehr gefährdet sind. Eine Situation wie die globale Ausbreitung des Coronavirus bedroht nun ganz direkt sowohl die Gesundheit als auch mittelbar die Sicherheit in Bezug auf den Arbeitsplatz, die materielle Grundsicherung und die soziale Stellung. Dadurch fokussiert sich der Betroffene unmittelbar auf die physiologischen und die Sicherheitsbedürfnisse.

[12]Menschen ziehen das Bekannte dem Unbekannten vor und haben den Wunsch nach Kontrolle

Diese sind dann gefühlt nicht mehr erfüllt und in der Folge nehmen der Wunsch und das Streben nach Persönlichkeitsentwicklung stark ab. Zusätzlich geht Maslow davon aus, dass Menschen das Bekannte dem Unbekannten vorziehen und den Wunsch nach umfassendem Verständnis und der Kontrolle einer Situation verspüren. Maslow hat die Abfolge der Bedürfnisintensität in Abhängigkeit des Stadiums der Persönlichkeitsentwicklung in der folgenden Grafik dargestellt.

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Abbildung 1: Bedürfnisintensität nach Maslow (eigene Darstellung)

Die Bedürfnispyramide, die zwar Maslow zugeschrieben wird und nach ihm benannt ist, jedoch nur an seine Ausführungen angelehnt ist, verbildlicht seine Theorie sehr eingängig. Sie wurde wahrscheinlich von dem Unternehmensberater Charles McDermid2 und dem humanistischen Psychologen Douglas McGregor3, der durch seine Menschenbilder X (negativ und kontrollierend) und Y (positiv, offen und entfaltend) bekannt wurde, in diese Form gebracht. Auf jeden Fall lässt sich anhand dieser Darstellung sehr einfach erkennen, dass bei einer Beeinträchtigung der in der Pyramide [13]unten stehenden Bedürfnisse die weiter oben angesiedelten an Bedeutung verlieren. Maslow selbst geht allerdings von einer gewissen Parallelität der Bedürfnisse aus und hat nur die entsprechend starke Fokussierung auf die grundsätzlicheren festgestellt, sobald sie bedroht sind.

Abbildung 2: Bedürfnispyramide als Illustration der Theorie Maslows (eigene Darstellung)

Bestätigt wird die Theorie Maslows im Zuge der Coronakrise durch das weitgehende Akzeptieren der Ausgangsbeschränkungen und der Abstandsregeln in der Bevölkerung, die sich in der »Vor-Corona-Zeit« wohl kaum jemand vorstellen konnte. Persönliche Freiheit und soziale Kontakte mussten und wurden weitestgehend über Wochen und Monate massiv eingeschränkt, was jedoch auf breite Zustimmung und Unterstützung stieß. Damit wurden die sozialen Bedürfnisse zur Erfüllung der Sicherheitsbedürfnisse geopfert.

Maslow geht von einer positiven und leistungsbereiten Prägung des Menschen aus

Eine weitere Bestätigung der ursprünglichen Theorie Maslows zeigt sich in der großen Hilfsbereitschaft, die sich in Nachbarschaften, aber auch in Unternehmen entwickelt hat, ebenso wie in der flächendeckenden Anerkennung der Corona-Helden [14]in Bereichen wie Pflege, Medizin, Handel, etc. Hier wurden die Individualbedürfnisse den Sozialbedürfnissen untergeordnet. Gerade auch das ist ein Beleg für die Basis von Maslows Theorie, der von einer positiven und leistungsbereiten Prägung des Menschen, also von einem humanistischen Menschenbild, und einer gewissen, aber begrenzten Gleichzeitigkeit der Bedürfnisse ausgeht. Durch sein positives Menschenbild grenzt er sich eindeutig von anderen Ansichten, wie beispielsweise der von Sigmund Freud oder John B. Watson, ab. Beide sahen den Menschen als arglistig, triebhaft und defizitär und hingen damit einem eher negativen Menschenbild an.

Sicherlich ist es wie immer im Leben: Es gibt sowohl das eine als auch das andere. Auch wenn das Gros der Menschen die verabschiedeten und verhängten Einschränkungen akzeptiert und sie befolgt, gibt es doch einige Menschen, die das Virus als Instrument der Freiheitsberaubung und -einschränkung interpretieren. Sie sehen es als Versuch, die in unserer Verfassung verankerten demokratischen Grundsätze aufzuweichen. Auch findet man Leugner in zentralen Positionen und höchsten politischen Ämtern verschiedener Länder wie den USA, Brasilien, etc. Auch bei diesen Ansichten kann man die Theorie von Maslow bemühen, nach der Menschen im Falle der Einschränkung der Grundbedürfnisse Strategien suchen, damit zurechtzukommen. Sie versuchen, die grundlegenden Bedürfnisse zu erfüllen, die Hintergründe zu erfassen und damit Kontrolle zu erlangen, auch wenn die Begründungen teilweise weit hergeholt erscheinen.

1.2Krisen und ihre unmittelbaren Folgen

Jedoch dürfen in diesem Zusammenhang auch die Menschen nicht ignoriert werden, die versuchen, Hilfestellungen und Unterstützungen, die von öffentlichen und privaten Stellen zur Verfügung gestellt werden, auszunutzen und sich auf diese Weise ungerechtfertigt zu bereichern. Leider gibt es auch in Krisensituationen immer wieder Menschen, die alles daransetzen, einen persönlichen Vorteil zulasten anderer zu erlangen.

In der Regel sind in solchen Fällen jedoch die Folgen für jeden echten Leidtragenden einer Krise dramatisch. Jede missbräuchliche Inanspruchnahme schafft weitere Verunsicherung. Sie bindet bei den verantwortlichen Stellen Kapazitäten und Ressourcen, die von den tatsächlich Betroffenen dringend benötigt werden. Solche extremen Auswirkungen entstanden im Rahmen der Coronakrise 2020 sehr unmittel[15]bar zum Beispiel in der Gastronomie, Hotellerie oder der Reisebranche, aber auch in der Eventbranche und anderen Dienstleistungen direkt am Menschen. Sie alle waren sehr kurzfristig und unmittelbar vom ersten Lockdown im März 2020 direkt betroffen. Quasi über Nacht wurde ein Beschäftigungs- und Tätigkeitsverbot ausgesprochen, das viele Mitarbeiter, aber auch Arbeitgeber in größte Bedrängnis brachte und für Verunsicherung sorgte. Nicht zu vergessen sind hierbei die Bereiche, Unternehmen und Selbstständigen, die direkt von den eben genannten abhängen, wie beispielsweise Getränkehersteller, Ticketservices, Betreiber von Eventlocations, Künstler etc.

Die Folgen einer Krise sind oft weitreichend

Auch bei diesen Anbietern brachen von einem Moment zum anderen große Teile des Umsatzes und der Beschäftigung weg. Bereits bestehende verbindliche Bestellungen wurden storniert, bereits beschaffte Rohstoffe verdarben, bereits begonnene Vorbereitungen mussten wieder abgebrochen werden, etc. All das verursachte bei den betroffenen Unternehmen große Schäden und Verluste, die zu massiven Einschränkungen in der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit führten.

Zwar wurden von der Politik umfangreiche Hilfspakete geschnürt, die aber nur einen Teil der akuten Folgen abdecken konnten und erfahrungsgemäß nur als kleine Soforthilfe überhaupt realisierbar sind. Ebenfalls wurden in diesem Zusammenhang, wie schon in ähnlicher Weise während der Finanzkrise 2008/2009, das Kurzarbeitergeld im Prozedere angepasst und erweitert: bei einem Antrag bis 31.12.2020 auf eine Bezugsdauer von 21 Monaten. In diesem Kontext sollten auch die Höhe des Anspruchs und weitere Begleitelemente wie Freistellungstage für Kinderbetreuung bei Krankheit und in der Pflege erweitert werden.

Dieser sicherlich gute Ansatz kann jedoch in einer solchen weitreichenden Situation die Verunsicherung und die Zukunftsängste der Mitarbeiter nur bedingt verhindern. Immerhin ersetzt das Kurzarbeitergeld das normale und gewohnte Nettoentgelt nach wie vor nur zum Teil und sichert auch die Beschäftigung nicht nachhaltig. Im Gegenteil, die Mitarbeiter bemerken natürlich die Einschränkungen und Verluste, die die Unternehmen erleiden, und realisieren auch, dass damit viele Unternehmen intensiv im Bestand gefährdet sind. So wird die entstehende Unsicherheit einerseits noch weiter verstärkt und eine Spirale wird in Gang gesetzt. Andererseits hilft das Kurzarbeitergeld auch dabei, ein gewisses Maß an Sicherheit zu gewährleisten. Men[16]schen verlieren nicht unmittelbar den Arbeitsplatz und damit jegliche soziale Absicherung, sondern gewinnen Zeit.

Nach den Regularien ist das Instrument des Kurzarbeitergeldes nur für einen vorübergehenden Wegfall der Beschäftigungsmöglichkeit vorgesehen. Das drückt schon ein weiteres angestrebtes Ziel aus: die Sicherung von Arbeitsplätzen. Auch die Arbeitgeber gewinnen so Zeit und die Sicherheit, zukünftig über die Kompetenz der Mitarbeiter zu verfügen. Sicherlich relativieren diese Aspekte die verunsichernde Wirkung, verhindern sie aber nicht.

Dieses befürchtete Wegfallen der sozialen Absicherung führt auch zu weiteren Ängsten. Lebensplanungen, Netzwerke, Beziehungen, kurz vieles von dem, was Menschen wichtig ist, wird infrage gestellt. Damit entstehen umfangreiche und tiefgreifende Zukunftsängste.

1.3Trauer muss bewältigt werden

Wenn man die psychologischen Folgen der Coronasituation, aber auch aller anderer existenzbedrohender Eskalationen betrachtet, dann sind die generellen Phasen der Trauer relevant, die bei Menschen auch im Fall von Krisen beobachtet werden. Diese werden von Psychologen meist als vier oder fünf Phasen definiert. So spricht die Psychologin Verena Kast von den vier Phasen »Nicht-Wahrhaben-Wollen«, »Aufbrechende Emotionen«, »Suchen und Sich-Trennen« und »Neuer Selbst- und Weltbezug«4. Im Verlauf der ersten Phase verleugnet der Betroffene die Situation und die Krise. Kennzeichen und Signale werden negiert und häufig ausgeblendet oder beschönigt. Die zweite Phase bildet die »aufbrechende Emotion«. Hierbei bahnen sich Emotionen wie Wut, Trauer, Schmerz, Resignation, etc. ihren Weg und äußern sich in dem Wunsch, andere und sich selbst zu bestrafen. Der Betroffene sucht einen Weg, mit diesen Emotionen umzugehen und sie zu bewältigen. Im Verlauf der dritten Phase, des »Suchens und Sich-Trennens«, setzt die Bewältigung ein. Der Betroffene beginnt damit, sich mit der Situation abzufinden und sie zu akzeptieren. Er macht sich die angenehmen und schönen Seiten der bisherigen Gegebenheiten, aber auch deren Nachteile bewusst und öffnet sich so für Alternativen und neue Wege. Die Stufe [17]des »Neuen Selbst- und Weltbezugs« führt dazu, dass sich der Leidtragende intensiv mit den Möglichkeiten und Chancen anderer Ansätze beschäftigt und deren Vorteile, aber auch Verbesserungsmöglichkeiten betrachtet und bewertet. Diese Phase bildet die Möglichkeit des Einlassens auf Veränderungen und neue Verhaltensweisen.

Die Phasen der Trauer werden auch in der Krise durchlaufen

In anderen Konzepten, wie zum Beispiel dem Ansatz von Elisabeth Kübler-Ross, wird die Trauer in fünf Phasen definiert5. In Phase 1 wird die Krise, wie bei Vera Kast, geleugnet und negiert. Die Betroffenen suchen aktiv nach Belegen, dass die Krise nicht so intensiv und weitreichend ist, wie sie sich bei objektiver Betrachtung darstellt. Signale und Kennzahlen, die die Intensität der Krise belegen, werden infrage gestellt und heruntergeredet. Gleichzeitig gibt es Bestrebungen, Belege zu finden, die die Krise und ihre Folgen widerlegen. Phase 2 definiert Kübler-Ross als »Zorn«. Die Krise lässt sich nicht mehr verleugnen und entlädt sich in Emotionen, die sich gegen Kollegen, Mitarbeiter, Kunden, Lieferanten, öffentliche Stellen und/oder die sonstige Umwelt richten können. Diese Emotionen äußern sich in der Regel in starken Gefühlen wie Wut, aber auch Enttäuschung und Traurigkeit. Sie werden im Laufe der weiteren Trauer- und Krisenbewältigung durch die dritte Phase, die des »Verhandelns«, abgelöst. In deren Verlauf beginnt der Betroffene, sich mit den Lösungsalternativen auseinanderzusetzen, und versucht, die Krise, die Rahmenbedingungen, aber auch Lösungsansätze zu diskutieren und für seine individuelle Situation zu optimieren. Kübler-Ross identifiziert in dieser Phase auch die Tendenz zu einem schlechten Gewissen und Schuldgefühlen, dass es überhaupt zu dieser Situation gekommen ist. In der vierten Phase, der »Depression«, vertiefen sich das Gefühl der verpassten Chancen und das Bedauern, die Krise nicht verhindert zu haben.

Nicht nur in einer Krise, sondern auch bei Veränderungen werden Phasen der Trauer durchlebt

Verschlimmert wird diese Phase der Depression gerade bei Veränderungsprozessen in Krisen, wenn initiierte Ansätze und neue Konzepte nicht eine unmittelbare Wirkung und schnelle Erfolge zeigen. Die fünfte Phase, das »Akzeptieren«, wird durch [18]das Verstehen und Verinnerlichen der Krise und der entsprechenden Anpassungsmaßnahmen geprägt. Häufig zeigen sich in dieser Phase schon erste Verbesserungen und Effekte. Erste Krisenaspekte werden bereits bewältigt und die Betroffenen sehen ein Licht am Ende des Tunnels. Als Betroffene gelten in dieser Betrachtung nicht nur die Mitarbeiter, sondern auch Führungskräfte, Geschäftsleitungen und die sogenannten Shareholder, die Anteilseigner der einzelnen Unternehmen, also die Unternehmens-Quadriga.

Die oben geschilderten Reaktionen zeigen sich, weil die Lebensplanung der operativen Mitarbeiter, aber letztendlich auch der Führungskräfte, der Unternehmensleitungen und in der Regel auch der Eigentümer infrage gestellt wird. Daraus entstehen bei all diesen Menschen Zukunftsängste. Selbstverständlich sind diese je nach Betroffenengruppe, aber auch individueller Situation unterschiedlich stark ausgeprägt.

Die kulturelle Basis in Mitteleuropa ist stark an beruflichem Erfolg und sozialem Status orientiert

Nicht zuletzt die kulturelle Basis in Mitteleuropa, die sich sehr stark an beruflichem Erfolg und sozialem Status orientiert, tut hier ein Übriges. Diese Fokussierung auf Job-Aspekte zeigt sich erfahrungsgemäß auch in Gesprächen, die in einem rein privaten Rahmen geführt werden. Regelmäßig fällt recht schnell die Frage nach der beruflichen Tätigkeit und der dazu gehörenden unternehmerischen Situation des Einzelnen. Davon abgesehen, orientiert sich der wahrgenommene soziale Status auch häufig an der Wohnsituation und dem genutzten Mobilitätsmittel. So wird einem bekannten und führenden Händler von gewerblichem Material nachgesagt, seine Mitarbeiter im Vertriebsaußendienst in früheren Zeiten temporär über die Art des zur Verfügung gestellten Firmenwagens zur Erreichung der vereinbarten Ziele zu motivieren. Sobald die Zielerreichung gefährdet oder nicht mehr gegeben war, musste der Mitarbeiter sein angestammtes Fahrzeug abgeben und mit einem Firmenwagen einer niedrigeren Kategorie seiner Aufgabe nachgehen. Dies wurde natürlich insbesondere im sozialen Umfeld direkt und unmittelbar wahrgenommen und bewertet.

Der geschilderte Umstand, dass insbesondere in Krisenzeiten alle im Unternehmen aktiven Gruppen betroffen sind, wird in dem Begriff Unternehmens-Quadriga deutlich. Wie bei dem antiken Vorbild des von Pferden gezogenen Vierspänners sind alle Beteiligten voneinander abhängig und sitzen im selben Boot. Die tatsächliche Stärke [19]entsteht erst in der aufeinander abgestimmten Aktion. Nur wenn die Pferde in die gleiche Richtung und mit gleichem Tempo ziehen, bewegt sich die Kutsche in optimaler Weise. Dabei wird die temporäre Schwäche eines Zugtieres durch die anderen ausgeglichen, um einen symmetrischen Gleichlauf zu realisieren. Auf den Unternehmenskontext bezogen erfolgt eine entsprechende Effizienz erst, wenn die Mitglieder der Unternehmens-Quadriga in Übereinstimmung agieren.

1.4Krisenstabilität

Das Wort »Krise« ist aus dem altgriechischen Sprachgebrauch bekannt, wo es ursprünglich »Beurteilung«, »Entscheidung« bedeutet. Der lateinische Begriff »crisis« bezeichnet die entscheidende Wendung bei Krankheiten. Aus diesem Wortstamm ist wohl auch die aktuelle landläufige Bedeutung abgeleitet, die als externes oder internes Ereignis, das Gefahren für Güter, Vermögenswerte, körperliche und geistige Gesundheit oder das Ansehen und Image von Unternehmen mit sich bringt, gesehen wird. Als charakteristisch für eine Krise wird die Notwendigkeit für Änderungen, Entscheidungen und Anpassungen erachtet. Jedoch wird normalerweise erst dann von einer Krise gesprochen, wenn diese eine entsprechende Intensität erreicht und aus mehreren kritischen Situationen besteht.

In anderen Kulturen ist die in der Krise durch die Gefährdung der Lebensplanung entstehende Angst häufig weniger stark ausgeprägt. Dies hat verschiedene Ursachen: Entweder sind das Bewusstsein und die Bereitschaft für notwendige Veränderungen intensiver ausgeprägt, die Familie hat als sozialer Rückhalt noch eine stärkere Bedeutung und/oder das gesamte soziale System federt erforderliche Anpassungen umfassender und absichernder ab. Auch ist in anderen Kulturen und Wirtschaftssystemen der Glaube an eine finale positive Entwicklung stärker.

Bereits erlittene und bewältigte Krisen können Resilienzfähigkeit fördern

Diese höhere Resilienzfähigkeit, also die psychische Widerstandskraft und die Fähigkeit, erfolgreich mit Stress und Krisen umzugehen, kann sich aus einer historisch höheren Krisenfrequenz und -erfahrung entwickelt haben oder gründet in einem insgesamt tiefer verankerten Vertrauen in alternative Lösungen. Auf den ersten Blick erscheint als Paradoxon, dass erlittene Krisen die Fähigkeit im Umgang mit Verände[20]rungen und den Glauben an positive Entwicklungen fördern. Jedoch lässt sich das recht einfach erklären und ist durch mehrere Studien, wie z. B. eine Untersuchung von Norman Garmezy zur Resilienz nach Armut, belegt6. Durchgemachte Veränderungen und das erfolgreiche Bewältigen von Krisen vermitteln und verankern das Bewusstsein, dass es immer andere Wege und Alternativen gibt, auch wenn sie im Moment des Erlebens noch nicht erkennbar sind. Diese sind mit mehr oder weniger großen und umfangreichen Einschränkungen verbunden, ermöglichen aber Wege aus der Krise. Fatalerweise kann jedoch die Resilienzfähigkeit durch die Ansteckungswirkung der Angst relativiert werden, was die Betroffenen zusätzlich belastet. Im Bewusstsein kommt die Häufung der Krisen an und schürt die entsprechenden Emotionen.

In diesem Zusammenhang sollte auch die Kraft der Einbildung nicht unerwähnt bleiben. Viele Menschen versuchen, gerade um das Unbekannte zu reduzieren, Unsicherheit und Angst sowie die weiteren damit verbundenen Emotionen durch rational anmutende Erklärungsversuche in ein Raster zu bringen.

Die Psyche greift auf bestehendes eigenes oder fremdes Erfahrungswissen zurück

Häufig greift die Psyche dabei auf ein bestehendes Erfahrungswissen zurück. Dabei kann es sich um eigene, aber auch um fremde Erfahrungen handeln. Tatsächlich sind jedoch solche Krisensituationen häufig so individuell, dass jemand, der nicht tagtäglich mit solchen Herausforderungen zu tun hat, in der Regel nur über ein rudimentäres Erfahrungswissen verfügt. Das verleitet dazu, die Erfahrungslücken durch Spekulationen aufzufüllen. An sich ist das nur bedingt problematisch, insbesondere wenn diese Ergänzungen bewusst erfolgen. Wesentlich anspruchsvoller wird die Situation jedoch, wenn diese Spekulationen oder auch Fremderfahrungen, die ja in der Regel auf ihre Belastbarkeit hin nicht überprüft werden, als eigene Erfahrungen abgespeichert und interpretiert werden. Tatsächlich geschieht dies öfter, als es uns bewusst ist. Die Wissenschaft beobachtet, dass erzählte und erfundene Geschichten, die in immer der gleichen Art über einen längeren Zeitraum wiedergegeben wurden, häufig irgendwann als tatsächliche Erinnerung angesehen werden.

[21]»Pseudoerinnerungen« werden teilweise als eigene, falsche Erinnerungen abgespeichert

In der Psychologie wird in solchen Fällen von falschen Erinnerungen – »False Memory« oder Pseudoerinnerungen – gesprochen. Allgemein greift der Erklärungsansatz auf die Entstehung von Langzeiterinnerungen zurück, die von Erinnerungen aus dem Arbeitsgedächtnis gebildet werden. Sollten sich dort Erzählungen oder Fantasien befinden, können diese als eigene und tatsächlich erlebte Erinnerungen im Langzeitgedächtnis abgespeichert werden. Das bekannte Phänomen des Déjà-vu bildet nach dem aktuellen Stand der Forschung in gewissen Fällen eine entsprechende Erinnerungsanomalie ab. Nach Schätzungen vieler einschlägiger Wissenschaftler haben die Hälfte der Menschen ein solches schon bewusst erlebt7. Es kann insbesondere unter außergewöhnlichen Belastungssituationen entstehen und die Wahrnehmung und Interpretation einer Situation beeinflussen.

1.5Angst und ihre Folgen

Der Titel dieses Kapitels, »Angst essen Seele auf«, geht auf einen Film von Rainer Werner Fassbinder aus dem Jahr 1974 zurück. Auch wenn sich der Film mit der Ausgrenzung von Minderheiten und den Ursachen hierfür beschäftigt, wird der Ausdruck heute synonym für die Erkenntnis genutzt, dass sich Ängste und Sorgen, sofern sie nicht aktiv bearbeitet werden, zu einer sich selbst verstärkenden Störung entwickeln können. Ängste und Sorgen äußern sich nicht selten in massiven Stresssymptomen, die zu Schlaflosigkeit, Magen-Darm-Beschwerden, Bluthochdruck und sogar Herzbeschwerden führen können. Es wird sogar angenommen, dass weitere Krankheitsbilder wie zum Beispiel Muskel-/Skelettprobleme oder einige Arten von Krebs- und Autoimmunerkrankungen ihre Ursache in einem wesentlich erhöhten Stresslevel haben.

Die Stressspirale erschwert die Situation zusätzlich

Zusätzlich wird die Problematik durch das Phänomen der Stressspirale erschwert. Stress hat die negative Eigenschaft, sich durch die Symptome, die er hervorruft, noch [22]zu verstärken. Das verschärft die Symptomatik, was wiederum den Stress zusätzlich erhöht. Daraus entsteht dann die sogenannte Stressspirale. Der Betroffenen will in der Stressphase seine Leistung steigern, um die Auswirkungen zu reduzieren, was jedoch wegen der Stresssymptome nicht greift. In der Folge erhöht sich dann das Stresslevel weiter, wodurch die Leistungsfähigkeit zusätzlich zurückgeht und sich die zugrunde liegenden einschränkenden Symptome nochmals verstärken.

In diesem Zusammenhang lohnt es sich, das Thema Angst näher zu betrachten. Wenn sie so negative Auswirkung hat, sollte es doch möglich sein, sie einfach nicht zuzulassen oder sich abzugewöhnen. Leider ist das nicht so einfach. Dies kommt zunächst einmal daher, dass Ängste uns quasi von Geburt an begleiten. Tatsächlich sehen viele Psychologen, wie Karen Horney, Otto Rank und auch Siegmund Freud, Urängste bei uns Menschen8. Einerseits betreffen sie die körperliche und geistige Unversehrtheit, andererseits die Angst vor dem Alleinsein, dem Verlassenwerden und der sozialen Isolation. Hinzu kommt die Angst vor Unbekanntem und Ungewissem und damit vor Hilflosigkeit. Angst ist ebenso komplex wie Stress und begleitet uns durch das ganze Leben. Sie kann in ihrer Ausprägung gelernt, aber auch wieder verlernt werden. Dabei ist sie sehr vielfältig und äußert sich in Symptomen von einem Unwohlsein bis hin zu krankhaften Psychosen.

Angst ist nicht rational

Weitaus häufiger als solche pathologischen Psychosen entwickeln sich aus Angst depressive Verstimmungen oder sogar klinisch manifeste Depressionen. Angst ist nicht rational. So haben viele Menschen eine ausgeprägte Angst vor Spinnen. Jedoch gibt es weltweit nur sehr wenige, in West- und Nordeuropa gar keine und in Südeuropa nur eine für den Menschen gefährliche oder womöglich tödliche Art. Gleichzeitig nutzen sie aber am Steuer das Handy, was für sehr viele, sehr schwere Unfälle verantwortlich ist. Andere Menschen haben panische Angst vor dem Fliegen, nehmen aber unbelastet aktiv und passiv am Straßenverkehr teil, obwohl das Auto eines der gefährlichsten Verkehrsmittel ist. Während ein Passagier statistisch gesehen 14.000 Jahre – und damit ca. 100 Milliarden km – fliegen kann, bis er verunglückt, kann er in einem privaten Pkw gerade einmal 4,1 Millionen km zurücklegen, bis er verletzt wird.

[23]Angst ist ansteckend

Ein weiterer Effekt von Angst ist, wie schon erwähnt, dass sie höchst »infektiös« ist. Sie steckt sehr unmittelbar andere Menschen an und breitet sich rapide aus, gerade, wenn sie stark im Bewusstsein ist, zum Beispiel durch die Medien, Netzwerke und Ähnliches. Diese Ansteckungswirkung kann recht deutlich an der Veränderung der Kommunikation erkannt werden. Es kommt verstärkt zur Äußerung von Gerüchten, Spekulationen und Unterstellungen. Die häufig irrationalen Aussagen intensivieren sich in der Regel in dem Maße, wie sie weitergetragen werden. Tatsächlich ist die ansteckende Wirkung von Angst schon früh in der menschlichen Entwicklungsgeschichte manifestiert. Sie sicherte das Überleben, da gemachte Erfahrungen adaptiert und so zum erweiterten Lernen genutzt werden konnten.

Angst lässt sich als Teil des limbischen Systems nicht entfernen

Der moderne Mensch wird zwar nicht mehr von Säbelzahntigern und anderen gefährlichen Raubtieren bedroht, die über Jahrzehntausende gelernte Verhaltensweise ist jedoch fest verankert und lässt sich als Teil des limbischen Systems auch nicht entfernen. Um die Entstehung und Funktionsweise der Angst zu verstehen, ist es sinnvoll, sich die beteiligten Gehirnregionen und deren Aufgabenbereiche näher zu betrachten. Eingehende Sinneseindrücke werden durch den Thalamus in die Amygdala geleitet, wo die erste Steuerung der Angst geschieht. Im lateralen Bereich der Amygdala werden in Sekundenbruchteilen Sinneseindrücke beurteilt, die daraufhin im zentralen Kern der Amygdala landen, wo die ersten körperlichen Reaktionen angestoßen werden. Die Großhirnrinde ist dann für die Initiierung der emotionalen Aspekte und der Hirnstamm für Verhaltensweisen verantwortlich. Diese Reaktionen erfolgen aufgrund der hohen Geschwindigkeit jedoch sehr grob und sind recht fehleranfällig. Ein sicherer Weg der Angstverarbeitung führt über den Cortex, die Großhirnrinde, und den Hippocampus, die dann auch Erinnerungen und Erfahrungen in die Bewertung mit einbeziehen. Dort werden Ängste wesentlich differenzierter betrachtet und bewertet. Unter anderem an dieser Funktionsweise hängt wohl auch die Ansteckungswirkung der Angst. Sobald der Mensch mit einer ihm unbekannten Situation konfrontiert wird, die er von Grund auf als beängstigend empfindet, aber kein eigenes vergleichbares Erinnerungsmuster vorliegt, sucht er ein fremdes – also eine von anderen gemachte und als realistisch empfundene Erinnerung.

[24]Spiegelneuronen spielen eine große Rolle

Dies wird bei empathischen Menschen sicher noch durch die Aktivierung und Funktionsweise der sogenannten Spiegelneuronen verstärkt. In den Neunzigerjahren des letzten Jahrhunderts haben Forscher festgestellt9, dass alleine durch die optische und akustische Wahrnehmung Emotionen bei einem Betrachter ebenso ausfallen, wie bei dem Betrachteten. Dadurch nehmen Menschen, die über diese Spiegelneuronen verfügen, auch die Emotion Angst und Furcht wahr und fühlen diese im wahrsten Sinne des Wortes mit.

Der psychologische Effekt der Wahrnehmungsfehler spielt hier sicherlich ebenfalls eine Rolle. Dabei können verschiedene Einzeleffekte zur Wirkung kommen, wie der Halo-Effekt, bei dem von äußerlichen Merkmalen auf Charakter- oder Situationsmerkmale geschlossen wird, oder der Primäreffekt, bei dem aus dem ersten Eindruck gleich ein Vorurteil entsteht. Dieses nehmen Menschen als Referenzwert und tun sich häufig schwer damit, objektive Argumente, die es widerlegen, unvoreingenommen zu akzeptieren. Weiterhin können in solchen Situationen auch logische Fehler sowie Ähnlichkeits- oder Kontrastfehler auftreten. Als logische Fehler werden solche bezeichnet, bei denen Eigenschaften, die häufig zusammen auftreten, unterstellt werden. Von Ähnlichkeitsfehlern wird wiederum gesprochen, wenn Fremden Attribute unterstellt werden, die bei Bekannten zu beobachten sind. Kontrastfehler hingegen treten auf, wenn Eigenarten und Charakterzüge, die bei einem selbst nicht oder nur schwach ausgeprägt sind, ohne Anlass bei anderen gesehen werden. Alle diese Fehler erschweren eine objektive Wahrnehmung der Situation und der Krise und verstärken daher meist die Verunsicherung und Angst noch zusätzlich. Die Kombination von Effekten kann so zu einer Spirale der Angst und Verunsicherung führen.

Der »Nocebo-Effekt« erzeugt körperliche Symptome

Beim Thema Angst und ihren Auswirkungen spielt auch der sogenannte »Nocebo-Effekt« eine gewichtige Rolle. Dieser ist quasi das Gegenteil des weitaus bekannteren Placebo-Effekts, bei dem die Erwartung einer positiven Wirkung tatsächlich zu [25]einer Verbesserung der Symptome führt. Beim Nocebo-Effekt führt dagegen die Erwartung einer negativen Wirkung zu einem Missempfinden oder gar zu intensiven Krankheitssymptomen. Tatsächlich ist eine solche Wirkung nicht nur bei Menschen, die unter Hypochondrie leiden, zu beobachten, sondern recht weit verbreitet. Die Wirkung geht so weit, dass Menschen nicht nur subjektive, sondern sogar objektive, teilweise lebensbedrohliche Symptome entwickeln, wenn sie der Überzeugung sind, unter dem Einfluss von Giftstoffen oder Medikamenten mit extremen Nebenwirkungen zu stehen. Besonders aufsehenerregend war ein Fall, bei dem ein Student mit Placebos, die er im Rahmen einer Medikamentenstudie erhielt, einen Suizidversuch unternahm. Er wurde in kritischem Zustand in eine Klinik eingeliefert. Dort besserte sich sein Befinden erst, nachdem ihm bewusst gemacht wurde, dass es sich bei dem vermeintlichen Medikament um Tabletten ohne Wirkstoff gehandelt hat10.

Diese Wirkungsweise lässt sich auch bei Menschen, die von Krisen betroffen sind, beobachten. Sie entwickeln intensive psychische oder physische Stresssymptome, obwohl objektiv dazu noch kein Anlass besteht. Alleine die Erwartung, dass die Krise katastrophale Auswirkungen zeigt, das gesamte Leben auf den Kopf gestellt wird und dass aller Voraussicht nach der soziale Absturz droht, führt bei einigen Menschen zu manifesten Krankheitssymptomen.

Angst ist sinnvoll und hat auch Vorteile

Dabei ist Angst tatsächlich extrem wichtig und hat uns über viele Jahrtausende, eigentlich seit es die Menschen gibt, das generelle Überleben gesichert. Sie dient dazu, Gefahren zu erkennen und zu vermeiden. Jedoch ist der Ansatz, allen Gefahren entgehen zu wollen, höchstens der zweitbeste Weg. Wenn unsere Vorfahren im Laufe der Entwicklungsgeschichte bei Angst immer dem Auslöser aus dem Weg gegangen wären, würden wir uns wahrscheinlich heute noch auf einer extrem frühen Stufe der Evolution bewegen. Es ist für eine gute Entwicklung wichtig, Ängste wahrzunehmen, sie aber auch zu hinterfragen, zu bewerten, zu überwinden und mit der entsprechenden Aufmerksamkeit Neues zu versuchen.

[26]Aggressionen nehmen zu

Während der Coronakrise – ebenso wie im Verlauf anderer Krisen – lässt sich die Tendenz zu einer Zunahme häuslicher Gewalt erkennen. Dabei zeigt sich eine weitere Wirkung von Stress und Unsicherheit und im Falle der Coronapandemie auch verstärkter Isolation und intensiverer Zeit zu Hause: Leider viel zu oft sucht sich die Anspannung ein Ventil in Gewalt. In dieser Hinsicht erwächst ebenfalls eine Verantwortung, Krisen professionell und lösungsorientiert zu bearbeiten. Es ist eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung, in Unternehmen zumindest dahin gehend die Schwächeren und Hilfsbedürftigen zu schützen. Aber woher kommen diese Reaktionen? Warum entstehen aus Angst häufig Aggressionen? Eine Ursache kann darin liegen, dass sowohl Angst als auch Aggressionen in der gleichen Gehirnregion, der Amygdala, gesteuert werden. Ein anderer Erklärungsansatz besteht darin, dass es infolge der Angst zu einem Gefühl des Kontrollverlustes kommt. Es führt zu einer ausgeprägten Hilf- und Machtlosigkeit, zu Enttäuschung und Resignation, die sich dann in der Folge ihren Weg in Aggressionen, aber gegebenenfalls auch in depressiven Verstimmungen oder sogar Depressionen bahnen und niederschlagen.

Die Angst der Führungskräfte kann Informationslücken bei der Geschäftsführung verursachen

Ein weiterer Effekt der Angst während einer Krise ist ein häufig zu beobachtender »Information-Gap« bei Unternehmensleitungen und Geschäftsführungen. Gerade in der Anfangsphase einer Krise, aber tatsächlich auch in bereits weitergehend eskalierten Situationen, werden Informationen mehr oder weniger bewusst von den obersten Führungskräften ferngehalten. Ursache hierfür ist wohl die besondere Situation der »Sandwich-Führungskräfte«, also der Mitarbeiter mit Führungsfunktionen, die nicht zu den Top-Führungskräften gehören. In Krisensituationen gehören sie regelmäßig zu den Mitarbeitergruppen, die recht früh und unmittelbar mitbekommen, wenn etwas in die falsche Richtung führt. Jedoch lastet häufig auf ihnen auch der erste Druck, diese Entwicklungen zu revidieren und dafür zu sorgen, dass sich die Krise nicht auswächst. In der Folge werden Führungskräfte dann auch häufig daran gemessen, wie gut sie die Aufgabe bewältigt haben. Aus diesem Druck kann die Angst vor Ressentiments und dem Verantwortlich-gemacht-Werden entstehen. Um sich davor zu schützen, werden die verfügbaren Informationen gefiltert und zu spät weitergeleitet. Hier herrscht häufig zusätzlich noch das Prinzip Hoffnung, dass sich [27]die Situation doch zielführend und planmäßig entwickelt, auch wenn die Korrekturmaßnahmen nicht unmittelbar Erfolg zeigen. Motor dieses Vorenthaltens relevanter Informationen ist die teilweise unterschwellige Angst mittlerer Führungskräfte vor negativen persönlichen Folgen. An dieser Verhaltensweise zeigt sich eine weitere ungünstige Auswirkung der entstehenden Ängste. Da eine frühe und damit effektive Lösung gegebenenfalls verzögert oder gar verhindert wird, kann daraus eine weitere Verschlimmerung der Krise und damit Gefährdung entstehen, was dann bei den Betroffenen die Spirale der Verängstigung weiter anheizt.

1.6Plötzlich geht was