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Es gab schon immer Krisen und es wird auch in Zukunft immer Krisen geben. Wichtig ist, wie wir mit ihnen umgehen und was wir aus ihnen lernen. Darum geht es in diesem Buch. Die Autoren zeigen, wie man sich auf Krisen besser vorbereiten kann, sowohl als Privatperson als auch als Unternehmen. Und wie man aus Krisen gestärkt hervorgehen kann. Inhalte: - Phasen und Typologien persönlicher und unternehmerischer Krisen - Bewältigungsstrategien, Überlebensregeln und kreative Lösungen - Krisen als Vorboten des Wandels - Strategien zur Überwindung persönlicher Krisen - Veränderungskultur als Teil des Unternehmenskultur - Interviews mit Unternehmern zur Bewältigung von Krisen
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Seitenzahl: 322
Veröffentlichungsjahr: 2020
Haufe Lexware GmbH & Co KG
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de/ abrufbar.
Print:
ISBN 978-3-648-14790-0
Bestell-Nr. 10611-0001
ePub:
ISBN 978-3-648-14791-7
Bestell-Nr. 10611-0100
ePDF:
ISBN 978-3-648-14792-4
Bestell-Nr. 10611-0150
Syivia E. Kernke, Rainer Hahne
Krisen machen stark!
1. Auflage 2020
© 2020 Haufe-Lexware GmbH & Co. KG, Freiburg
www.haufe.de
Bildnachweis: Coloures-Pic – stock.adobe.com (Cover),
Leslie G. Hunt, Frankfurt (Seite 209),
Mario Zgoll, Kassel (Seite 210, 215 oben),
Robert Brembeck, München (Seite 215 unten)
Produktmanagement: Jürgen Fischer
Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Alle Rechte, insbesondere die der Vervielfältigung, des auszugsweisen Nachdrucks, der Übersetzung und der Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen, vorbehalten. Alle Angaben/Daten nach bestem Wissen, jedoch ohne Gewähr für Vollständigkeit und Richtigkeit.
[9]»Ohne Krisen ergeben sich keine Chancen, beides ist untrennbar miteinander verbunden, das gilt für Privatpersonen sowie für Unternehmen.«
Prof. Dr. Sylvia E. Kernke
Weltweit erleben wir eine Zeitenwende, die uns vor besonderen Aufgaben stellt. Auch wenn es in der Geschichte immer Krisen zu bewältigen gab, hat die Corona-Pandemie global das Leben in einer kaum vorstellbaren Geschwindigkeit verändert und dabei gesundheitliche, wirtschaftliche und soziale Auswirkungen gezeitigt. Das gilt auch für den Ort, an dem wir leben: Die Europäische Union, die Bundesrepublik Deutschland und das Land Hessen.
Hessen beispielsweise ist eine der leistungsstärksten und innovativsten Regionen in Europa, ein Land mit starken Standorten und branchenübergreifender Wirtschaftskraft, mit hervorragender internationaler Verkehrsanbindung und hoher Lebensqualität. Diese guten Bedingungen wollen wir auch in Zukunft gemeinsam weiter ausbauen. Das Land zukunftsfähig weiterzuentwickeln, ist eine Herausforderung für alle.
Es geht um Innovationskraft und um Arbeitsplätze. Es geht um gesellschaftliche Anforderungen wie die Bildung, die Gesundheitsversorgung, den demografischen Wandel. Es geht um den Klimaschutz, die Energiewende und nicht zuletzt auch um die Digitalisierung. Und bei all dem und immer geht es um das Miteinander und die Bewahrung des gesellschaftlichen Zusammenhalts.
Erfahrung mit Krisen und deren Bewältigung zu schildern, kann denen, die diesen Schilderungen folgen, wichtige Hinweise geben. Ich freue mich, dass die vorliegende Publikation dazu einen Beitrag leisten möchte. Lassen sie uns mit Zuversicht nach vorne sehen, besonnen bleiben und umsichtig handeln. Wir werden diese Krise überwinden, daran arbeiten wir intensiv. Damit wir gestärkt aus dieser Krise gehen.
Den Leserinnen und Lesern wünsche ich eine anregende Lektüre.
Volker Bouffier
Hessischer Ministerpräsident
Es gab schon immer Krisen: Weltkriege, Ölkrisen, nukleare Katastrophen wie die Reaktorunfälle von Tschernobyl und Fukushima, Terroranschläge, Vulkanausbrüche, Pandemien wie Pest, Cholera, Spanische Grippe, Sars und aktuell Corona. Es wird auch immer Krisen geben, nichts kann Krisen vollkommen verhindern. Aber es kann gelingen, auf Krisen besser vorbereitet zu sein, im Innen und im Außen, als Einzelperson, als Gruppe oder als Unternehmen. Wünschenswert ist eine Bewältigungsoptimierung, um schneller die richtigen und folgeträchtigen Entscheidungen treffen zu können. Um zu wachsen, brauchen wir die Krisen. Nur so gelangen wir aus der Komfortzone und brechen aus vorhandenen Mustern aus, um Chancen zu erkennen und nutzen zu können. Das ist Entwicklung. Was wären wir, ohne jemals in Schwierigkeiten geraten zu sein?
Bis sich die Welt von der aktuellen Pandemie erholt haben wird, wird es noch lange dauern. Aus diesem Wissen heraus ist die Idee zu diesem Buch entstanden, um allen in dieser andauernden Orientierungsphase Mut zu machen und Inspiration zu verschaffen. Als Hochschullehrerin, Coach, Trainerin, Vortragsrednerin und Unternehmensberaterin beschäftige ich mich mit Krisensituationen und Chanceninspiration. Meine Erfahrung und mein Wissen, die aus meinen Tätigkeiten erwachsen sind, möchte ich mit anderen teilen. In den drei Monaten des Lockdowns entstand deshalb dieses Buch.
Die kurze Zeit des Schreibens brachte auch mich einige Male in eine krisenhafte Situation. Ich bin daher sehr glücklich, dass es viele Menschen gab, die sich an der Entstehung dieses Buches beteiligt und es besser gestaltet haben. Die einzelnen Kapitel, die mit den Namen der jeweiligen Autoren gekennzeichnet sind, stellen daher eine Symbiose unterschiedlichen Wissens dar. Die Geschichten der persönlichen und unternehmerischen Extremsituationen sowie die Erfahrungsberichte, die in diesem Buch erzählt werden, sind allesamt wahre Begebenheiten, denn das »Storytelling«, bei dem erfundene Geschichten an die Stelle der Realität treten, lehne ich ab. Zahlreiche Geschichten von Unternehmenskrisen, die in Kapitel VI des Buches platziert wurden, sind vornehmlich von Rainer Hahne gesammelt worden. Für diesen Einsatz danke ich ganz herzlich. Es war nicht leicht, Unternehmer zu finden, die bereit waren, auch über Krisenhaftes zu berichten. Schwierigkeiten und Schieflagen zuzugeben, wo man lieber etwas Positives von sich berichten würde, ist besonders dankenswert und mutmachend. »Unternehmen statt unterlassen« ist daher das Krisenmotto dieses Buches. Allen guten Geistern und für jedwede Unterstützung, die dieses Mutmachbuch haben real werden lassen, danke ich von ganzem Herzen.
Kassel, Juni 2020
Prof. Dr. Sylvia E. Kernke
Krisenzeiten ändern das Berufsleben mitunter gravierend. Das gilt insbesondere für die Corona-Krise. Ich habe mich in dieser Zeit – natürlich mit dem gebotenen Sicherheitsabstand – mit Professor Dr. Sylvia Kernke getroffen. Eigentlich war unser Gesprächsthema die Kunst, die durch die Krise tief getroffen wurde. Doch schnell hatte auch für uns das Thema mit dem großen C Priorität. Ich konnte aus meinem Berufsalltag berichten, dass zahlreiche Firmeninhaber von kleinen und großen Firmen von der nicht im Geringsten vorhersehbaren Dreifachkrise (Finanz-, Wirtschafts- und Gesundheitskrise) völlig geschockt waren und keine Idee hatten, wie ein Ausweg daraus aussehen könnte. Ich selbst konnte mitjammern. Zum ersten Mal in meinem Berufsleben habe ich Kurzarbeit kennengelernt.
Sylvia Kernke beschäftigt sich schon lange beruflich mit dem Thema Krisen. Fragen, die sie dazu stellt, lauten: Wie geht man damit um? Beinhalten Krisen auch Chancen? Und schnell kam deshalb bei unseren Gesprächen die Idee auf: »Wir müssen etwas machen, um die Menschen aus der Niedergeschlagenheit zu holen und Lösungen aufzuzeigen. Wir wollen deutlich machen, dass diese Situation schon ein großer Schluck aus der Krisenpulle ist, dass aber Krisen eigentlich zum Unternehmeralltag gehören.«
Aber was tun? »Wir suchen den besten Krisenbewältiger und ehren ihn bei einer Veranstaltung, etwa einem EXTRA TIP Wirtschaftsgipfel«, kam mir als Erstes in den Sinn. Doch schon die Frage, wann man sich denn zu so einer Veranstaltung wieder treffen könnte, ließ sich damals nicht beantworten. Aber die Idee, anhand bewältigter Krisen Lösungswege aufzuzeigen und den Verantwortlichen Mut zu machen, elektrisierte Sylvia Kernke. »Wir schreiben ein Mutmachbuch«, schlug sie vor. »Ich kümmere mich um den theoretischen, analytischen Teil. Du versuchst, Unternehmer zu finden, die uns erzählen, wie sie Krisen überwunden haben.«
Gesagt, getan. »Krisenbewältiger gesucht« titelte ich in meinen 28 Zeitungen und hoffte auf Zuschriften. Vergeblich. Aber im persönlichen Gespräch öffneten sich Unternehmer, die ich schon lange kenne, die mir vertrauen, und erzählten mir ihre Geschichte. Krisenzeiten sind zumindest im europäischen Raum ja keine Zeiten, von denen man gern erzählt. In den USA gehören Krisen viel stärker zum Alltag: Wenn jemand seine Firma an die Wand fährt, lernt er daraus und macht es beim nächsten Mal eben besser. In Deutschland ist das ganz anders. Hier haben erfolgreich überstandene Krisensituationen nichts Positives, vielmehr hofft man, dass möglichst niemand etwas davon mitbekommt. Klar also, dass anfangs die Bereitschaft, über erfolgreich bestandene Krisen zu sprechen, eher gering war.
Ausgerechnet die Corona-Krise brachte diesbezüglich schnell und tiefgreifend eine Veränderung. Jetzt waren nicht nur Einzelne im Katastrophenmodus, sondern ganz [16]Deutschland. Wohin man hörte, war jeder bereit, über seine Probleme zu sprechen. Und es wurden Wege gesucht, die Krise zu überstehen: Die Lufthansa und VW forderten Milliardenhilfen von der Bundesregierung. Firmen wie Deichmann, Adidas oder auch große Brauereien in Bayern weigerten sich von Beginn des Lockdowns an, Mieten zu bezahlen. Unfassbar! In einem solchen Umfeld wagten jetzt plötzlich auch kleinere Firmen, von Problemen zu berichten.
Ich bedanke mich bei allen, die sich mit mir so offen über – vorsichtig ausgedrückt – unschöne Ereignisse in der Vergangenheit unterhalten haben. Schließlich mussten sie ja auch damit fertig werden, dass ich als Journalist in vielen Fällen eine andere Einstellung vertreten hätte. »Alles auf den Tisch und offen drüber reden. Das tut zwar weh, doch dann hat man alles schnell wieder vom Tisch« war schon immer meine Devise. Zu versuchen, etwas vor recherchierenden Journalisten zu verheimlichen, geht dagegen fast immer schief. Da werden diese natürlich erst recht neugierig und decken nach und nach eine vertuschte Tatsache nach der anderen auf. Und immer wieder wird das ganze Thema aufgewärmt.
Es waren spannende und für alle Beteiligten lehrreiche Gespräche und eins wurde schnell klar: Im beruflichen Alltag hat man viel zu wenig Zeit, um die Krise und deren Bewältigung aufzuarbeiten und sich so auf die nächste Krise vorzubereiten. Denn eines kann als sicher gelten: »Nach der Krise ist vor der Krise.«
Mit herzlichen Grüßen aus einer krisenhaften Zeit
Rainer Hahne
PS: Wer sich nach der Katastrophe erst einmal entspannt zurücklehnt, kann sich schon auf das nächste Desaster vorbereiten. Krisen haben schon immer ganz neue Lösungsmöglichkeiten hervorgebracht. Oder wundern Sie sich nicht auch, wie schnell in Pandemiezeiten plötzlich Impfstoffe entwickelt werden können?
Hinfallen, aufstehen, weitermachen – ein persönliches Drama
Einleitende Gedanken
Was bitte ist denn nun eine Krise? Der Versuch einer Erläuterung
Alles hat einen Einfluss auf die (Unternehmens-)Krise
[19]»Eine Krise birgt auch Chancen und damit Wandel und Transformation.«
Sylvia E. Kernke
Private und unternehmerische Krisen haben Parallelen. Ein Unternehmenslenker, der eine private Krise hat, kann das oft nicht gänzlich isolieren und umgekehrt. Daher werden in diesem Buch verschiedene Analogien aufgezeigt und wahre Geschichten erzählt, die das Leben und insbesondere die Krisen schrieben.
Ein Mutmachbuch sollte zu Beginn eine mutmachende Geschichte bieten. Selbstredend kann ich keine Menschen um ihre Krisenstorys bitten, wenn ich selbst nicht bereit bin, über meine prägenden Krisen zu berichten, vor allem wenn auch diese Mut machen können. Ich hatte mich mit meiner Geschichte zunächst im hinteren Teil »verstecken« wollen. Gute Freunde, die besonders in Krisensituationen wichtig sind, haben darauf bestanden, dass ich nicht nur meine Geschichte beschreibe, sondern diese auch zu Beginn platziere. Wahrscheinlich gibt es unzählige dieser Geschichten, daher erzähle ich meine stellvertretend für alle, die hier auch eine Geschichte hätten berichten können.
Prof. Dr. Sylvia E. Kernke
Natürlich verlief auch mein Leben nicht ohne Krisen, rückblickend ereilten sie mich immer dann, wenn mein Leben perfekt zu sein schien. Meine Kindheit war so, wie man sie sich nur wünschen kann. Ich wurde als zweite Tochter einer Hausfrau und eines Kfz-Mechanikers geboren. Auf dem Dorf glichen die ersten Kindheitsjahre einem Paradies. Mein Elternhaus lag in einer Sackgasse, an deren Ende ein Bach verlief. Außerdem lag das Grundstück direkt an einem Spielplatz. Manchmal verweilte dort auch ein kleiner Zirkus, der von unserem Haus seinen Strom bezog, sodass meine Schwester und ich dafür kostenlos jede Vorstellung besuchen durften. Mein Vater verwöhnte uns sehr, wir hatten viele Tiere und er brachte immer Überraschungen mit. Manchmal Schaumwaffeln und Schokoküsse, weil die Süßwaren-Fabrik auf seinem Heimweg lag. Bei uns waren immer viele Freunde und Kinder aus der Straße. Wir hatten auch als erste der Familien einen aufblasbaren Swimmingpool. Es existieren noch Fotos, wo nur Kinder und kein Wasser mehr im Becken zu sehen sind. Eine Kindheit, die wunderschön war. Ich höre von Verwandten immer viele Geschichten darüber, denn selbst habe ich leider nur noch wenige Erinnerungen daran. Wenn ich zurückblicke, erinnere ich mich eigentlich nur noch an einen Tag, ab dem alles schlagartig anders wurde. Mein Vater fuhr am Morgen wie immer zur Arbeit, aber er kam niemals mehr nach Hause. Er war einfach aus dem Leben gerissen worden. Ihm platzte damals eine Ader im Gehirn, ein Aneurysma. Er wurde in die Intensivstation der Göttinger Universitätsklinik gebracht. [20]Dort hieß es, dass man nicht operieren und nur noch beten könne. Wir Kinder haben ihn damals nicht besuchen dürfen. Nach wenigen Wochen ist mein Vater verstorben.
Nichts, absolut nichts war mehr wie zuvor. Meine Mutter, eine damals junge Frau, musste zwei Kinder mit einer Witwenrente von 286 Mark ernähren und war mit der Situation manchmal überfordert. Sie hatte keinen Führerschein und deswegen war ihre einzige Verdienstmöglichkeit, im dörflichen Lebensmittelladen die Regale einzuräumen und im Dorf putzen zu gehen. Die Situation war auch für sie eine katastrophale Krise, aber sie war sich für die Arbeit nie zu schade. Sozialhilfe zu beantragen, kam für sie nicht infrage. Meine Mutter ist eine pragmatische Frau. Das Schild mit dem Spruch »Wir sind hier nicht bei wünsche dir was, sondern bei so isses« hängt heute noch in ihrer Küche. Plötzlich war das wunderschöne Kinderleben im Alter von acht Jahren für mich vorbei und ich war damit beschäftigt, einfach nicht aufzufallen, meiner Mutter keinen Kummer zu bereiten und mich so zu verhalten, dass meine Mutter stolz auf mich sein konnte. Ich schlüpfte schon als Kind in die Kümmererrolle und versuchte die Lücke, die mein Vater hinterlassen hatte, zu schließen. Meine Mutter hatte wenig Nerven und Kraft für ein unstrukturiertes »Zinnober« oder empathische Gespräche. Sie führte ein sehr strenges Regiment. Ich lernte zu funktionieren, Schwäche und Tränen hatten keinen Platz. Meine Schwester zog mit 16 Jahren aus und fortan fühlte ich mich noch mehr verantwortlich. Heute weiß ich, so schwer das alles war, es hat mich auch stark gemacht. Ich konnte niemanden bitten, sich um meine Probleme zu kümmern, da musste ich selber durch. Ich übernahm die Verantwortung für mein eigenes Leben daher sehr früh.
»Der Weg zum Ziel beginnt an dem Tag, an dem du die hundertprozentige Verantwortung für dein Tun übernimmst.«
Dante Alighieri
Der eigene innere Antrieb, die Fähigkeit, auch einstecken zu können, und meine Widerstandsfähigkeit, die ich dabei entwickelte, haben mein späteres Leben maßgeblich geprägt.
Nach meinem Abitur habe ich eine Ausbildung als Rechtsanwaltsgehilfin abgeschlossen. In diesem Beruf konnte man – zumindest damals – nicht genug Geld verdienen, um eigenverantwortlich zu leben. Wäre es anders gewesen, wäre ich wahrscheinlich heute Mitarbeiterin in einem Schreibbüro.
»Denke daran, dass etwas, was du nicht bekommst, manchmal eine wunderbare Fügung des Schicksals sein kann.«
Dalai Lama
[21]Nach mehreren beruflichen Stationen habe ich jedoch beschlossen, mit dem Studium der Kommunikation und parallel hierzu Wirtschaftswissenschaften mit Schwerpunkt Marketing zu beginnen. Währenddessen war ich bereits selbstständig und führte die deutsche Vertretung eines Schweizer Verlages in der Gesundheitsbranche. Dennoch habe ich in Rekordzeit studiert und nur die Hälfte der Regelstudienzeit benötigt, um ein erstes Diplom zu schreiben. Danach folgte ein weiteres Diplom. Hätte mir damals mein Professor nicht angeboten, bei ihm zu promovieren, hätte ich wahrscheinlich keine Doktorarbeit geschrieben. Meine Erfahrung ist, dass sich die Dinge eben auch fügen. Nebenberuflich habe ich dann acht Jahre lang an meiner Dissertation gearbeitet, während meine Agentur wuchs. Ich engagierte mich ehrenamtlich, gründete einen Kulturverein, der die Kunst in unser Dorf brachte, war in einem Berufsverband viele Jahre treibende Kraft vom Junior bis zum Vorstand, ich rief den nordhessischen Marketingpreis ins Leben und am Ende war ich Präsidentin des Verbandes, eine Erfolgsgeschichte. Was der Höhepunkt meiner Tätigkeit hätte werden können, entwickelte sich jedoch in eine ganz andere Richtung. Mit einem Mal war ich mit Mobbing, einer feindlichen Übernahme mit rufschädigender Begründung in diesem Ehrenamt beschäftigt. Ein von mir beantragter Untersuchungsausschuss überprüfte meine Integrität. Die Anklagen erwiesen sich als haltlos und mein Verhalten erwies sich als tadellos. Dennoch stürzte mich vor allem die menschliche Enttäuschung in eine Krise, die wiederum zu einem Wendepunkt in meinem Leben wurde. Wieder öffnete sich mir eine Tür, als ich glaubte, am Ende zu sein, die ich mutig als Chance wahrnahm.
In meiner Heimatstadt hatte ich mich als Selbstständige nicht politisch engagiert, ich dachte damals, ein neutrales Verhalten sei kundenfreundlicher. Heute weiß ich, das ist Quatsch, es braucht Menschen mit Profil und Meinungen, auch wenn sie politisch sind. Eines Tages fragten die Vorsitzenden von drei Fraktionen bei mir an, ob ich nicht als ihre gemeinsame Kandidatin gegen den amtierenden Bürgermeister ins Rennen gehen wolle. Als Lokalpatriotin konnte ich hierzu nicht Nein sagen. Auch wenn ich nicht genügend Stimmen sammeln konnte, um im Heimatort die erste weibliche Bürgermeisterin zu werden, so habe ich nicht verloren. Denn ich habe mich weiterentwickelt und habe dazugelernt. Das war eine lehrreiche Zeit. Der Wahlkampf war vorbei.
Die neu gewonnene Zeit, die ich vorher in Ehrenamt und Politik investierte, ermöglichte es mir, meine lehrenden Fähigkeiten weiter auszubauen und eine Professur an einer Hochschule anzunehmen, was sich sehr gut mit meiner Selbstständigkeit als Beraterin, Trainerin und Coach kombinieren lässt und was mich bis heute erfüllt. Retrospektiv bin ich dankbar, wie es gekommen ist, denn es hat mich viel gelehrt und mich zudem stärker gemacht.
»Wenn eine Tür zugeht, geht eine andere auf.«
Sprichwort
[22]Doch auch privat lauerte fast zeitgleich hinter meinem anscheinend perfekten Glück bereits die Krise oder Wende in ein neues Leben.
Mein Mann und ich haben fünf Jahre lang sein Elternhaus um- und angebaut. Fast jeden Abend, fast jedes Wochenende und jeden Urlaub haben wir ebenso wie jeden Pfennig und auch unserer beider Erbschaften in das gemeinsame Nest investiert. Als das Haus fertig war, schien alles perfekt zu sein. Ich lebte in einer heilen Welt, aus heutiger Sicht vielleicht in einer Scheinwelt. Mein Tag begann mit einer Tasse Kaffee am Teich. Ich fütterte jeden Morgen meine Kois aus der Hand. Ich war glücklich und dankbar, auch wenn unser Wunsch nach einem gemeinsamen Kind nicht erfüllt werden sollte, vielleicht auch, weil ich sehr viel arbeitete.
Eine Freundin überredete mich zu einem Visionscoaching, da sie sogar der Meinung war, ich sei arbeitssüchtig. So willigte ich ein, mit einer neuen Vision meinem Leben eine Neuorientierung zu geben.
Die Visionssuche, die im Allgäu stattfand, bescherte mir viele neue Erkenntnisse und Einsichten, unter anderem, dass meine Partnerschaft schon lange nicht mehr so gut war, wie ich mir vielleicht einzureden versuchte. Also war mein oberstes Ziel, meine Ehe zu verbessern. Hierfür verkleinerte ich meine erfolgreiche Marketingagentur und verabschiedete mich von meinen Mitarbeitern und den großzügigen Geschäftsräumen, um mehr Zeit zu haben. Ich organisierte gemeinsame Paartherapien und arbeitete von nun an hauptsächlich an der Rettung meiner Ehe. Aber was ich auch tat, so sehr ich mich bemühte, alles verlief ins Leere, denn was ich damals nicht wusste oder nicht wahrhaben wollte, war: Meine 18-jährige Ehe war bereits unwiderruflich zu Ende, und nicht nur das, ich war, ohne es zu merken, einfach ausgetauscht worden. Die Agentur war auf das Minimum reduziert und meine Ehe kaputt.
So stand ich mit 50 vor den Trümmern meines Lebens.
Mit dem, was ich bisher gelernt hatte, nämlich Mut, Durchhaltevermögen, Verantwortungsübernahme, Selbstwirksamkeit sowie die Zuversicht, dass sich die Dinge auch zum Guten fügen, habe ich wieder den neuen Schritt in eine ungewisse Zukunft gewagt. Zurück auf Anfang und noch einmal loslaufen.
Auch wenn ich über vier Jahre gebraucht habe, um meine Selbstliebe und -fürsorge wiederzuerlangen, ich habe es überlebt.
»Aus Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, kann man Schönes bauen.«
Johann Wolfgang von Goethe
[23]Seither arbeite ich weiterhin an meiner beruflichen Reputation, bilde mich weiter, habe Freude und finde Leichtigkeit in meinem Freundeskreis. Dank meiner Familie, meiner Mutter und meiner Schwester, die mich sehr unterstützt haben, konnte ich zurück ins Leben finden. Ich fühle mich wohl in meiner Wohnung, lebe jetzt beruflich einen hohen Grad an Selbstbestimmtheit und erfahre Wertschätzung. Ich bin oft hingefallen, zum Glück immer wieder aufgestanden und weitergegangen. Die Verantwortung, die ich für mein eigenes Leben schon früh übernommen hatte, hat mich stark gemacht. Nach so vielen persönlichen und beruflichen Krisen bin ich mir sehr sicher, auch die Zukunft meistern zu können. Heute fühle ich mich dankbar und privilegiert.
Vieles, was meinen Alltag heute verschönt, hätte ich ohne die Krise nicht erleben können. Natürlich macht es mich manchmal noch traurig, wenn ich zurückblicke. Dennoch bewahre ich die schönen Aspekte und vermisse eigentlich nur noch meine Kois.
Quintessenz der Geschichte: Nichts bleibt, wie es ist, und nur daraus ergeben sich auch große Chancen, die es im Leben zu nutzen gilt. Es geht darum, das vermeintlich Negative ins Positive zu wandeln bzw. zu transformieren. Wenn es an einem Punkt nicht mehr weitergeht, ist es wichtig, nicht stehen zu bleiben, sondern mutig seinen neuen Weg zu gehen und trotz aller Höhen und Tiefen seine eigene Lebensgeschichte zu schreiben. Die Verantwortung für sich selbst zu übernehmen und zu handeln, ist daher wichtig, denn wir sind unser eigener Regisseur in unserem Leben.
Prof. Dr. Sylvia E. Kernke
Dieses Buch beabsichtigt, Mut und Inspiration für bedrohliche Niederlagen und bei existenziellen Bedrohungen zu geben. Dabei ist es zunächst sekundär, ob es sich um eine menschliche oder um eine unternehmerische Krise handelt. Denn, wie meine eigene Lebensgeschichte aufzeigt, existieren hier erstaunliche Analogien und Parallelen. Interessant ist es daher zu eruieren, ob das »Phönix-aus-der-Asche«-Prinzip auch bei den Unternehmergeschichten zu finden ist und ob die Situation tatsächlich nach einer Krise besser ist, wie oftmals beschrieben wird. Das würde tatsächlich in Krisenzeiten richtig Mut machen können.
Daher sind einige mutmachende Geschichten, wie existenzbedrohende Situationen erfolgreich gemeistert wurden, für dieses Buch zusammengetragen worden und werden hier aus erster Hand berichtet. Ein Schwerpunkt liegt auf den Inspirationen, die von den Autoren aufgezeigt werden, indem sie auf eine Vielzahl von Handlungsalternativen verweisen und zeigen, dass die Bedrohungen auch positiv gesehen werden können. Denn aus jeder Krise entwickeln sich auch Chancen.
[24]Zum Thema Krise existieren bereits zahlreiche theoretische Abhandlungen, ebenso wie zu Risiko-Management, Turnaround-Management, Krisen-Management usw. Auch wenn in einem Kapitel diese Themen kurz aufgegriffen werden, sind sie hier eher als Denkanstoß zu sehen. Allein zu jeder genannten Teildisziplin könnte man eine umfassende wissenschaftliche Arbeit erstellen. Ein wissenschaftlicher Diskurs ist in diesem Buch jedoch nicht gewollt, wohl aber eine theoretische Kurzdarstellung. Darüber hinaus liegt ein weiterer Schwerpunkt darauf, auch Unternehmenslenker unterschiedlicher Branchen und -größen zu Wort kommen zu lassen, welche Krisen sie wie bewältigt haben und was im Anschluss gegebenenfalls sogar besser war. Da auch Unternehmer und Führungskräfte Menschen wie du und ich sind, sind die unternehmerischen Schieflagen häufig mit persönlichen Disbalancen gekoppelt.
Diese Buchidee wurde im Frühjahr 2020 während der akuten Zeit der Corona-Pandemie konzipiert und will mit den gesammelten Storys allen Privatpersonen, Unternehmenslenkern, Freiberuflern und Geschäftsinhabern Mut machen sowie Inspirationen in einer Krise verschaffen oder sie dabei unterstützen, Krisen zu vermeiden. Da die aktuelle wirtschaftliche Krise, verursacht durch eine Pandemie, noch längerfristig in den Unternehmen und der Gesellschaft wirken wird, soll es zunächst nur um andere bereits erfolgreich bewältigte Krisen gehen, die erzählt werden.
Dieses Buch erhebt also keinen wissenschaftlichen Anspruch zum Thema Krise in Bezug auf eine qualitative oder deskriptive Forschungsmethodik oder gar Empirie. Es geht um Sichtweisen, die selbstverständlich persönlicher Natur, quasi intrapersonal sind, auch wenn sie keiner sozialwissenschaftlichen Inhaltsanalytik unterzogen wurden. Es sind persönliche Sichtweisen und unternehmerische Geschichten, die die Krise und das Leben schrieb. Hieraus resultiert ein Strauß von unterschiedlichen Storys und Erzählstilen, die das Buch bunt und lesefreundlich gestalten. Es wird angestrebt, die Krise mittels unterschiedlichster Perspektiven zu beleuchten. Eine 360-Grad-Perspektive soll den Schrecken der Bedrohung möglichst minimieren und Mut machen sowie Aufbruchsstimmung durch die »Lust« auf Chancen verbreiten. Der Aufbau des Buches zeigt zunächst die Phasen und Einflüsse der Krise sowie Inspirationen, Bewältigungsstrategien bis hin zur Nutzung von Chancen, um am Ende ein positives Fazit rund um die Krise ziehen und authentische Geschichten berichten zu können.
Dabei wird versucht, auf den eigentlichen Begriff Krise weitestgehend zu verzichten. Denn wenn man sich in Zeiten einer Pandemie, in der sich die ganze Welt sowohl gesellschaftlich als auch persönlich und wirtschaftlich in einer Krise befindet, mit Buchthemen rund um die Krise beschäftigt, liegt die Tendenz nahe, den Begriff Krise
Abb. 1: 360-Grad-Perspektive einer Krise (Quelle: eigene Darstellung)
nicht mehr hören und schreiben zu wollen. Ich habe mich daher weitestgehend dazu entschlossen, den Begriff synonym zu substituieren – soweit dies im Buch möglich und sinnvoll war.
Darüber hinaus sei an dieser Stelle vermerkt, dass auf eine genderadäquate Formulierung verzichtet wird. Die Ausführungen gelten gleichermaßen für alle Geschlechter.
Prof. Dr. Sylvia E. Kernke
Was ist denn überhaupt eine Krise? Auch wenn hier kein wissenschaftlicher Erklärungsansatz folgen soll, so ist eine kurze Begriffsklärung sinnvoll. Es gibt unterschiedliche Definitionen von Krise und ganz unterschiedliche Ansätze, mit der Krise umzugehen. In der fernöstlichen Kultur, wie dem Buddhismus, betrachtet man die Krise als eine Situation, bei der man massiv mit der Tatsache der Unvollkommenheit und der Unbeständigkeit unserer Welt konfrontiert wird, dies zuvor jedoch verdrängte (Schneider, 2009, S. 11). Der Arzt würde eine lebensbedrohliche Erkrankung eines Patienten als Krise bezeichnen. Der Insolvenzanwalt definiert die Krise als Illiquidität und Zahlungsunfähigkeit bzw. Insolvenz, was einer Überschuldung und dem Verzehr des Eigenkapitals entspricht. Parallel hierzu sind die Insolvenzen von Personen ebenfalls zu betrachten, denn auch hier führt Illiquidität zu einer massiven persönlichen Krise. Der Psychotherapeut definiert die Krise als einen Moment außergewöhnlicher belastender Ereignisse wie lebensbedrohliche Erkrankungen oder andere Lebensum[26]stände, denen man sich nicht gewachsen fühlt, was Furcht, Spannung, Angst, Überforderung, Verzweiflung sowie Hilflosigkeit nach sich ziehen kann (Stein, 2015, S. 23).
Eine umfassendere Definition für die Krise könnte lauten, dass es sich hierbei um alle externen sowie internen Ereignisse in der Praxis eines Unternehmens oder auch einer öffentlichen Einrichtung handelt, durch die Menschen, Tiere, Umwelt oder auch Vermögenswerte in akuter Gefahr sind. Dies bedeutet, dass sich die Situation nicht aus einem allgemeinen Lebensrisiko ergibt, sondern in der Regel weit darüber hinausgeht sowie mittels konzeptioneller Interventionen möglicherweise verhindert werden kann (Roselieb/Dreher, 2008, S. 6). Die Krise ist ein zeitlich begrenzter und akuter Zustand, der als bedrohlich angesehen wird. Sie steht oft im Zusammenhang mit emotional bedeutsamen Ereignissen oder auch mit bedeutsamen Veränderungen der eigenen Lebensumstände.
»Wenn der Wind der Veränderung weht, suchen manche im Hafen Schutz, während andere die Segel setzen!«
Sprichwort
Eine Existenzgefährdung ist mit einem Nichterreichen oder auch »Platzen« gesteckter Ziele bzw. Vorhaben verbunden, die auch Negativauswirkungen auf Image, Ansehen und Reputation mit sich bringen. Eine solche Situation ist als unvorhergesehene, unstrukturierte sowie unklare Begebenheit anzusehen. Diese Definitionen gelten sowohl für persönliche bzw. menschliche als auch für unternehmerische Krisen, die darüber hinaus oftmals in einem Zusammenhang zueinander stehen bzw. kohärent sowie interdependent sind. Daher werden in den nachfolgenden Kapiteln Bezüge einer existenzbedrohenden Situation von Menschen und Unternehmen hergestellt.
Das chinesische Schriftzeichen für Krise setzt sich aus zwei verschiedenen Zeichen zusammen, von denen eines als doppeldeutig interpretiert werden kann. Die Zeichen stehen einerseits für Bedrohung, andererseits kennzeichnen sie aber auch eine Wende zum Besseren und stehen für eine Gelegenheit. Somit symbolisiert dieses duale Signet die Doppelgesichtigkeit als das wohl wichtigste Charakteristikum einer Krise (Stein, 2015, S. 22).
Abb. 2: Chinesische Schriftzeichen für Krise
Dem Duden ist zu entnehmen, dass es sich bei einer Krise um eine schwierige Lage, Zeit oder auch Situation handelt, die in ihrer Entwicklung einen gefährlichen Höhebzw. Wendepunkt darstellt. Die Sichtweise eines Wendepunktes, wie beispielsweise die Spitze in einer mathematischen Darstellung, bedeutet neutral erst einmal, dass [27]eine Veränderung ansteht. Ist der Wendepunkt erreicht, bahnt sich diese Veränderung einen neuen Weg, da der ursprünglich eingeschlagene offensichtlich nicht mehr weiterführt. Ein Weg, der nicht richtig, sondern falsch war und deswegen endet.
Es gilt daher, aus einer Art Metaperspektive auf diese Gegebenheit zu schauen und sie möglichst neutral, also nicht emotional zu reflektieren. Nur mit dieser Haltung kann es gelingen, die Fehlentscheidungen der Vergangenheit zu heilen, daraus zu lernen und die Chance zu nutzen, um einen neuen erfolgreichen Weg zu beschreiten.
Theodor Heuss soll gesagt haben, dass es nicht schlimm sei hinzufallen, es aber eine Schande wäre, einfach liegenzubleiben. Heutige Erfolgstrainer machen daraus: Man muss einfach nur einmal mehr aufstehen, als man hinfällt. Und beruflich sowie privat stolpert man oft, manchmal fällt man dabei.
»Wenn man richtig fällt, kann man sogar Sternschnuppen sehen!«
Sylvia E. Kernke
Alles verändert sich. Nur ein naiver Mensch glaubt, dass alles bleibt, wie es ist. Da ich die Krise von allen Seiten und Perspektiven beleuchten möchte, folgt nun eine Analogie zur Natur, um aufzuzeigen, dass Krisen einem Zyklus folgen und immer und immer wiederkehren. Nehmen wir uns daher die Natur als Beispiel. Jeder Winter ist eine Krise für die Natur, aber jeder Winter kommt ganz sicher. Die Natur bereitet sich auf Krisen vor. Der Baum nutzt die Jahreszeiten. Es gibt jahreszeitliche Zyklen, Episoden und Kreisläufe.
»In den Tiefen des Winters erfuhr ich schließlich, dass in mir ein unbesiegbarer Sommer liegt.«
Albert Camus
Das ist der Lauf der Dinge, ein ewiger Kreislauf. In der Wirtschaft kennen wir die Produktlebenszyklen, Unternehmenszyklen, Regression und Degression – ebenfalls alles wiederkehrende Verläufe. Ein Baum erkennt durch die verkürzten Sonnenstunden, dass es Zeit wird, Früchte zu tragen und im Herbst die Blätter abzuwerfen, um für die kalte Jahreszeit gewappnet zu sein. Er stellt sein Wachstum weitestgehend ein und wartet »gerüstet« auf den Frühling. Man könnte also vermuten, der Baum folgt einem bewährten Plan. In der Natur geschieht nichts aus Zufall, es handelt sich um ein ausgeklügeltes Ökosystem. Durch die Sommer- und Winterzyklen wächst der Baum, was man an den Jahresringen feststellen kann. Er wird dadurch stärker und größer. Für den Menschen und den Unternehmer könnte man analog unterstellen, dass die Krisen (Winter) ebenfalls benötigt werden, um daran zu wachsen. Die Eigenart der Baumringe macht die Individualität und Einzigartigkeit aus. Hieran kann abgelesen werden, ob der Winter hart und der Sommer lau gewesen ist.
[28]»Wandlung ist notwendig wie die Erneuerung der Blätter im Frühling.«
Vincent van Gogh
Der Begriff »gewachsene Strukturen« bekommt hier eine neue Dimension, auch für die Innenansicht von Personen und Unternehmen. In der Literatur wird die Krise nicht nur als eine Chance gesehen, sondern sogar als eine »heilige Wunde«, an der wir wachsen dürfen und die zum seelischen Wachstum beiträgt (Kreis, 2004, S. 30–47). Diese innere Entwicklung gilt für den einzelnen Menschen, jedoch auch für Gruppen und Teams sowie letztendlich auch für Unternehmen. Also ist eine Krise neutral betrachtet und ohne den Versuch einer Wertung zunächst eine Situation oder auch eine Herausforderung, weil ein eingeschlagener Weg nicht weiterführt. Und nach der Krise ist vor der Krise, denn der nächste Winter oder die nächste Episode kommt bestimmt. Der Baum und die Natur sind darauf vorbereitet, über Jahrmillionen wurden für fast alle Bedrohungen entsprechende Bewältigungsstrategien konzipiert. Das trifft leider nicht gleichermaßen auf Personen und Organisationen zu.
»Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.«
Erich Kästner
Eine Krise kommt nicht über Nacht, sondern kündigt sich mit zunächst unscheinbaren Signalen langsam an. Es zählt jedoch zu unserer menschlichen Natur, dass wir die Zeichen ignorieren möchten, da wir von der Evolution grundsätzlich auf Energiesparmodus programmiert sind. Wenn wir etwas Offensichtliches erkennen, müssten wir handeln, wir müssten aus unserer Komfortzone heraustreten. Im Unternehmen müsste man sogar gegebenenfalls gegen den Strom und die Meinung der Kollegen oder Vorgesetzten schwimmen. Das macht angreifbar. Außerdem ist es unbequem, also wird es in der Regel unterlassen. Das führt beruflich und privat in den meisten Fällen zu einer Schieflage, bei der eine gewisse Schmerzgrenze überschritten sein muss, um dann zu handeln. Das ist der viel zitierte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Dann gilt es, Schadensbegrenzung durchzuführen. Scheinbar verfolgt dieser Kreislauf tatsächlich immer ein Muster. Interessant ist daher herauszufinden, welche Analogien und Ähnlichkeiten einzelne Krisen aufweisen, gegebenenfalls in welche Phasen sie sich einteilen lassen und woran man möglichst früh eine Krise erkennen kann. Auch die Frage, welche bewährten Bewältigungsstrategien existieren, ist in diesem Kontext von Interesse. Gibt es Garantien für eine Vermeidungs- oder Bewältigungsstrategie, wenn auch Krisenerfahrene erneut in existenzbedrohliche Lagen geraten können? Aber wer kennt das nicht: Wenn die Krise erfolgreich durchschritten ist, glänzt der Akteur und fühlt sich großartig wie Phönix aus der Asche, hält sich dann aber für unfehlbar sowie unverwundbar und schlittert dadurch in eine neue Bedrohung hinein.
Der Begriff wird oft verwendet, um einen Neuanfang nach einer bedrohlichen Niederlage zu beschreiben. Mythologische Vögel stehen oft für Unsterblichkeit, Auferstehung und Freiheit. Daher wird dieser Vogel gleichgesetzt mit neuem Leben, gilt als gereinigt und ohne Altlasten. Nach einer scheinbaren Vernichtung ist er wieder da – schöner und stärker als vorher.
Prof. Dr. Sylvia E. Kernke
Genau wie alles einen positiven Einfluss haben kann, so kann auch alles einen weniger guten Einfluss auf den Verlauf eines Unternehmens, eines Menschenlebens, eines Vorhabens und auf Erfolg haben.
Bedrohungen können personengeprägte, institutionelle, erfolgswirtschaftliche oder finanzwirtschaftliche Ursachen haben. Bereits in den frühen 1980er-Jahren wurde über Fälle betriebswirtschaftlichen Missmanagements im ManagerMagazin berichtet, die unterschiedliche Cluster ergaben. Zunächst sind die technologischen Wirtschaftszweige betroffen, da diese Unternehmen meist zu lange an Produkt- oder Verfahrensphilosophien festhalten, woraus sich strategische Fehler ergeben. Gefährdet sind auch Unternehmen, die sehr dynamisch wachsen. Häufig sind es nicht mitgereifte Unternehmensstrukturen, die mit überhasteter Expansion einhergehen und die in organisatorischen Führungsfehlern münden können. Es wurde ermittelt, dass Selbstüberschätzung bei Unternehmenslenkern nicht selten vorkommt, insbesondere wenn die Personen in der Vergangenheit große Erfolge aufweisen konnten. Diese Erfolge blenden oft die »konservativen, starrsinnigen und uninformierten Patriarchen an der Spitze« (Hausschildt et al., 2005, S. 8).
Zu den Schwierigkeiten in Technik, Wachstum und Führung gesellt sich noch die Fehlorganisation. Denn es existieren Unternehmen, die trotz einbrechendem Absatz nicht proaktiv, agil und flexibel reagieren, sondern unverdrossen weiter einen Produktions- und Beschaffungsplan erfüllen wollen. Kapazitäten und Bedarfe werden nicht mehr angepasst. Hier kann das Eigenkapital schnell schrumpfen.
Die Unternehmensform spielt bei Krisenursachen kaum eine Rolle. Es macht zunächst keinen Unterschied, ob es sich um einen börsennotierten Konzern oder um ein Kleinunternehmen handelt. Es sind eher die Abhängigkeiten von Dritten und die Mitarbeiter, die einem Unternehmen Schwierigkeiten bereiten können. Wird eine starke Beziehung zu nur wenigen Abnehmern bzw. zu einem Lieferanten gestört, ergeben sich daraus problematische Situationen und Abhängigkeiten. Mitarbeiter wiederum können Unternehmen gefährden, wenn sie Kompetenzen überschreiten, sich [30]geschäftsschädigend oder betrügerisch verhalten, was sowohl durch mangelnde Planungs- und Kontrollsysteme als auch unqualifiziertes Management verstärkt werden kann (Hausschildt et al. 2005, S. 8–9). Solche mitarbeiterbedingten Betrugsabsichten gibt es in kleinen und in großen Unternehmen, wie uns die VW-Abgasaffäre gezeigt hat. Jede dritte der unternehmerischen Schwierigkeiten hat ihren Ursprung in Führungsmängeln bzw. personengeprägten Ursachen. Mit Abstand sind diese Ursachen am häufigsten verantwortlich für unternehmerische Schieflagen. Dies können ebenso enge Verbindungen im Top-Management, Uneinigkeiten, Rivalitäten, aber auch Unerfahrenheit und Unfähigkeit sein.
»Der Fisch stinkt vom Kopf.«
Redensart
Über 22 Prozent der unternehmerischen Schieflagen werden durch institutionelle Mängel wie fehlende Flexibilität, Schwachstellen in der Personalplanung und -entwicklung sowie fehlende Unternehmenskultur verursacht. Unter Umständen sind kleinere Unternehmen mit einer agileren Struktur schneller in der Marktanpassung und konsequenter in gelebter Unternehmenskultur. Das muss jedoch nicht die Regel sein, wie unsere praktischen Beispiele aufzeigen.
Zu den operativen Unternehmensherausforderungen zählen mit ca. 20 Prozent vor allem der marketingstrategische Bereich, insbesondere produkt-, preis-, qualitäts- und vertriebspolitische Fehlstrategien, hierzu auch die einseitige und suboptimale Distribution, Fehlinvestitionen, geringe Forschungs- und Entwicklungstätigkeiten sowie ineffiziente Lagerhaltung und Leistungserstellung (Hausschildt et al., 2005, S. 12).
Letztendlich spielen auch ruinöser Wettbewerb, massiver Preisdruck, Wegfall von Märkten sowie ungleiche Wettbewerbsbedingungen im globalen Markt eine Rolle. Dies fällt jedoch auch unter die marketingstrategischen Instrumente und ist damit die zweithäufigste »Brutstätte« für unternehmerische Schieflagen. Dieses Missmanagement bedingt letztendlich auch die finanzwirtschaftlichen Ursachen des Drucks auf Unternehmen.
»Verantwortung kann nicht geteilt, aber gemeinsam getragen werden.«
Walter Jakoby
Abschließend sei angemerkt, dass die einzelnen Ursachen für unternehmerische Schieflagen sich auch gegenseitig unterstützen bzw. kooperativ negativ korrespondieren, sich kausalzusammenhängend bedingen und dynamisch beeinflussen können. Der Ausführung Hausschildts, dass exogene und endogene Krisenursachen, also intern gemachte oder nicht intern gemachte Schwierigkeiten, nicht zwingend zu differenzieren seien und dass auch die falsche Reaktion der Management-Entscheidung [31]
