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In der vorliegenden Arbeit wird der Begriff der Hoffnung philosophisch geklärt. Da sich Hoffnung als ein vom Wunsch gespeistes Fürwahrhalten zwischen Wissen und Nichtwissen bewegt, kann sie als ein kognitiver Irrtum angesehen werden. Insofern Hoffnung das Risiko der Täuschung und Enttäuschung beinhaltet, stellt sich die Frage nach ihrer Vereinbarkeit mit intellektueller Redlichkeit. Durch Hoffnung wird der Mensch gelenkt und auch durch Fremdeinfluss manipulierbar. Es ist zu überlegen, ob Hoffnung ein Segen oder ein Übel ist.
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Seitenzahl: 61
Veröffentlichungsjahr: 2018
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DR. ORTRUN SCHULZ, geboren 1960 in Hannover. Magister Artium in Philosophie und Englischer Sprachwissenschaft 1986, Doktorgrad in Philosophie 1993. Redakteurin des Schopenhauer-Jahrbuchs von 1992 bis 2005. Private Forschung und diverse Publikationen.
In der vorliegenden Arbeit wird der Begriff der Hoffnung philosophisch geklärt. Da sich Hoffnung als ein vom Wunsch gespeistes Führwahrhalten zwischen Wissen und Nichtwissen bewegt, kann sie erkenntnistheoretisch als ein mehr oder weniger kognitiver Irrtum angesehen werden. Insofern Hoffnung das Risiko der Täuschung und Enttäuschung beinhaltet, stellt sich die Frage nach ihrer Vereinbarkeit mit intellektueller Redlichkeit innerhalb einer Ethik der Überzeugung und der Kommunikation. Durch Hoffnung wird der Mensch gelenkt und auch durch Fremdeinfluss manipulierbar. Es ist zu überlegen, ob und wann Hoffnung ein Segen oder ein Übel ist, und ob man sich davor schützen kann, ein Opfer von Hoffnung zu werden.
Wie du leichten Sinnes
hinbringen mögest das Leben,
Dass die Begierde dich nicht,
die ewig bedürftige, quäle,
Noch auch Furcht noch Hoffnung
auf wenig nützliche Dinge.
(Horaz (65 v. Chr. - 8 v. Chr.), Epistulae, I, 18, 97)1
Das Coverbild enthält einen Ausschnitt des Gemäldes “Hope” des englischen Malers George Frederic Watts und Assistenten, zweite Version von 1886, [Public domain], via Wikimedia Commons2
Einleitung
Begriffsgeschichte
Der Affekt Hoffnung
2.1. Korrupter Verstand und Narrheit des Herzens
2.2. Brennöl des Geistes und Triebfeder des Handelns
Das Erhoffte
3.1. Irdisches Glück
3.2. Ewiges Leben
Intellektuelle Redlichkeit
4.1. Aufklärung
4.2. Ideologiekritik
Intellektuelle Freiheit
Literaturverzeichnis
Namensindex
Anmerkungen
Kürzlich strahlte die amerikanische Fernsehserie „Dr. Phil Show“ den Fall eines Dating Scams aus, wo ein älterer vermögender Herr, Dennis, einer vermeintlich bildhübschen Amerikanerin namens Kimberly Escobar, die angeblich in Südafrika, der Türkei und Amsterdam mittellos gestrandet war, über einen Zeitraum von mehreren Monaten zwischen 2016 und 2017 an die 250000 Dollars per Western Union schickte. Es gab ein böses Erwachen für ihn, als sich herausstellte, dass das Foto einer anderen Person gestohlen war. Der betrogene Mann war ein Opfer seiner Hoffnung geworden. Eine ältere geschiedene Frau schickte mit Hilfe von Geld, das sie von Freunden und Verwandten lieh, sogar fast anderthalb Millionen Dollars zwischen den Jahren 2013 und 2015 an einen Scammer, der sich als Chris Olsen, einen umwerfend gut aussehenden Witwer, Italo-Amerikaner auf Geschäftsreise in Südafrika ausgegeben hatte. Viele dieser Dating Betrüger sind Nigerianer, die online oder sogar per Telefon eine falsche Identität vorgeben und sich rührende Geschichten von mit Geldnot verbundenen Schicksalsschlägen ausdenken.
Auf demselben Prinzip beruhen die Methoden der Telefonmafia mancher Call Centers. Menschen werden angerufen und es wird behauptet, sie hätten zum Beispiel 39000 gewonnen und müssten zwecks Abwicklung der Transaktion 5000 an Bankgebühren vorstrecken. Fällt der Leichtgläubige darauf herein, erhält er einen weiteren Anruf und erfährt, dass es sich um einen Zahlendreher gehandelt und er tatsächlich sogar 93000 gewonnen hätte und daher nochmals eine große Summe im voraus begleichen müsste. Obwohl diese Masche inzwischen schon recht gut bekannt ist, fallen immer noch viele darauf herein.
In vielen Fällen durchschauen die Opfer der Hoffnung die Ausbeutung nicht. Ich traf einmal 1992 in Australien auf eine Rentnerin, die das Land bereiste und in Schlafsälen von Jugendherbergen übernachtete. Das tat sie einerseits um Geld zu sparen, da sie ihre Handelsreisen auf eigene Kosten unternahm, andererseits um so auf mehr potentielle Käufer zu treffen, da sie Diätprodukte einer Firma verkaufte. Triebfeder ihres Handelns war die Aussicht, bei überdurchschnittlicher Verkaufsleistung an der Auslosung für eine einwöchige Reise nach Singapur teilzunehmen.
Eigenes, bearbeitetes Foto
In dem verblüffend ehrlichen Programm dieses Unternehmens hieß es, es gäbe „only 2 types of people. 1. Non dreamers – people who have accepted to remain average! 2. Dreamers [...].“ Dabei liegt scheinbar kein Selbstmissverständnis vor, da die Verleiteten sich ja als Träumer begreifen. Aber sie verschätzen sich in der Wahrscheinlichkeit der Erreichbarkeit des Gewinns und sie überschätzen ihre Fähigkeiten. Sie werden durch die Marketing Strategie eines derartigen „Mission Statement“ dahingehend indoktriniert, Träumen für einen Wert zu halten, und sie halten es subjektiv für wahrscheinlicher als es objektiv ist, dass ihr Traum sich erfüllt. Dahinter steht die absichtliche Missachtung ethischer Richtlinien der Kommunikation seitens der Verantwortlichen. Es handelt sich um bewusste Manipulation anderer zu eigenen Zwecken. Verdeutlicht wird das in der bekannten Illustration der sogenannten „carrot on a stick motivation“, wo ein Esel hinter der Karotte herläuft, die sein Treiber ihm an einem Stock von hinten vor das Maul hält. Die Belohnung bleibt immer gerade außer Reichweite, so dass das vermeintliche Versprechen in Wirklichkeit keines ist, sondern in der Spieltheorie auch geradewegs als „Lüge“ bezeichnet wird.
Zeichnung von Rita und Ortrun Schulz
Beweggrund ist die bloße Hoffnung, die sich nicht erfüllt und trotzdem als Motor der Ausbeutung fungiert. Diese Motivationsstrategie ist keineswegs identisch mit der Methode von „Zuckerbrot und Peitsche“, bei der Belohnung und Bestrafung tatsächlich eintreten.
Hoffnung hat eine interaktiv-ethische Komponente. Denn anderen Menschen gegenüber falsche oder unrealistische Hoffnungen zu erwecken und zu nähren, verletzt Verfahren ethischer Kommunikation. Zu seinem Wort zu stehen, Versprechen zu halten sind Handlungsweisen, die den Zweck involvieren, andere nicht zu enttäuschen. Die Betroffenen dürfen dann hoffen, dass der Versprechende sein Wort ihnen gegenüber halten wird, was eine wesentliche Vertrauensbasis in der Gemeinschaft ausmacht. Falsche Erwartungen in Aussicht zu stellen und unberechtigte oder mangelhaft begründete Hoffnungen anderer zu unterstützen geschieht oft aufgrund von Eigennutz, um sie den eigenen Interessen gemäß zu manipulieren. Dabei wird deren mögliche spätere Enttäuschung billigend in Kauf genommen, ihre psychische Verletzung also mit herbeigeführt. Wer Hoffnungen leichtfertig schürt, die nicht in Erfüllung gehen, schädigt den anderen, indem er am Verlustschmerz des Betroffenen Schuld trägt und Mitverursacher seines Leidens ist. Andere nicht täuschen zu sollen, fällt in das Gebiet einer Ethik der Kommunikation. Intellektuelle Redlichkeit gegenüber sich selbst hingegen gehört in eine Ethik der Überzeugung.
Hoffnung kann mehr oder weniger begründet sein, doch eben das sachlich zu beurteilen stellt die Schwierigkeit dar, da ein wesentlicher Begleitumstand der Hoffnung gerade das Nichtwissen ist, sozusagen die „Blindheit“, wie eindrucksvoll ausgedrückt in dem symbolistischen Ölgemälde „Hope“ des englischen Malers George Frederic Watts.
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:George_Frederic_Watts,_1885,_Hope.jpg3
Es gibt mehrere Versionen des Bildes, dies ist die erste von 1885. Ein Mädchen mit Augenbinde sitzt auf einem Globus und spielt auf einer Leier, auf der nur noch eine Saite vorhanden ist. Es zeigt eindrucksvoll, wie spärlich die Gründe sind.
Hoffnung ist das geglaubte Glücksversprechen des Lebens. Fast reflexartig klammert sich das Denken an das, was es erhebt, erfreut und erbaut. Das dem Menschen natürliche Streben nach Glück führt auf die problematischen Verhältnisse der Bedürfnisse zu ihren Befriedigungsmöglichkeiten. Diese Verhältnisse werden seelisch repräsentiert, und ihre Ausprägungen ergeben Zustände zwischen Sicherheit und Zweifel, Hoffnung und Verzweiflung. Aus der Mitte der Existenz gegriffen, vereinigt das Nachdenken über die Hoffnung Fragen nach Wahrheit und Irrtum, Wunsch und Wahrscheinlichkeit, Erwartung und Glaube.
Begriffsgeschichtlich ging der heute im Deutschen gebrauchte Ausdruck „Hoffnung“ in der griechischen Antike in einem umfassenderen, neutraleren auf, dem der deutsche Ausdruck „Erwartung“ in etwa entspricht. Er bezeichnet allgemein den Zukunftsbezug des Einzelnen, wobei dieser noch nicht näher spezifiziert ist.
Skeptische oder negative Anklänge gegenüber der Erwartung finden sich bei Pindar (522 oder 518 v. Chr. - 446 v. Chr.) und
