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Wieder diese Träume. Wieder diese Stimme. Wieder dieses Gefühl totaler Ohnmacht. Mark fühlte sich seinem Schicksal ausgeliefert. Er hatte nicht den leisesten Schimmer, was er tun sollte. Vielleicht war die Reise nach New York nur ein weiterer Versuch, vor sich selbst davonzulaufen. Vielleicht würde sie aber auch sein gesamtes Leben für immer verändern. Was, wenn einen die Suche nach der eigenen Identität plötzlich mitten hineinkatapultiert - in einen Kampf um Wahrheit und Lüge, um Leben und Tod. Dieses Buch ist die Reise eines Mannes zu seiner wahren Bestimmung, zur Kraft des Kronenträgers.
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Seitenzahl: 257
Veröffentlichungsjahr: 2021
Für all die Menschen, die sich mutig
auf eine Reise zu ihrer eigenen Identität begeben.
Ihr seid wahre Helden.
2. AUFLAGE
Eigentlich wollte ich nur schreiben. Eine Geschichte erzählen. Etwas, das mich selbst bewegt hatte und was ich weitergeben wollte. Nun, nachdem zwei Jahre vergangen sind und ich diese Geschichte tatsächlich erzählen konnte – zu Lesungen oder im persönlichen Gespräch – bewegt mich noch etwas ganz anderes.
Lassen Sie mich an dieser Stelle zwei Auszüge aus den Rezensionen der ersten Auflage zitieren:
„Gedankliche Nachwirkungen sollten aber nach der Lektüre definitiv eingeplant werden, und wenn es sich nur ums das Reflektieren über aufgedrückte Rucksäcke, Päckchen oder aber die Frage nach echter Freiheit dreht.“
„Begeistert hat mich vor allem die tiefe Ehrlichkeit, die immer wieder in den Zeilen des Buches auftaucht. Eine Ehrlichkeit, die mich tief berührt hat. Schonungslos spricht es den „Mark“ in mir selbst an und führt unweigerlich dazu, dass Gott mich bewegt und Veränderung in meinem Leben bewirkt.“
Immer wieder erhielt ich genau dieses Feedback: „Es gibt einen Mark in mir!“, oder „Ich weiß genau, was Mark erlebt hat!“ Jetzt, nach all diesen Rückmeldungen, bin ich überzeugter denn je, dass jeder von uns an irgendeiner Stelle seines Lebens die Reise zur eigenen Identität antritt oder antreten wird.
Vielleicht erleben Sie, lieber Leser, es tatsächlich durch eine persönliche Begegnung mit dem Glauben oder aber Sie lassen sich inspirieren von Marks Suche nach Wahrheit und Frei-heit. Ich kann hier und heute nicht wissen, welche Antwort Sie sich auf die Frage danach geben würden, wer Sie wirklich sind und was für Sie Freiheit bedeutet. Aber ich kann Sie durch die Geschichte dieses Buches ein wenig begleiten. Im Coaching erlebe ich nicht selten Menschen, die sich auf genau diese Reise begeben haben. Vielleicht ist der Kronenträger ja so etwas wie Ihr Coach.
Ich wünsche mir, dass Sie sich von den folgenden Seiten ein wenig entführen lassen kön-nen, dass Sie Mark begleiten und Teil seiner Reise werden. Und ich wünsche Ihnen viel Spaß beim Lesen.
Ihr Heiko Andreas Müller
2. AUFLAGE
In der ersten Auflage habe ich mich bei all den Menschen bedankt, die dieses Projekt möglich gemacht haben. Und die gleichen lieben Freunde haben es erneut geschafft, dass eine zweite Auflage erscheinen konnte. Also gilt mein Dank auch diesmal ihnen. Nun, da mein Buch tatsächlich verkauft und gelesen wurde, möchte ich mich aber auch bei meinen Lesern bedanken. Danke für Ihr Feedback, Ihre Ermutigung und Unterstützung. Das Wissen darum, dass Marks Geschichte Sie begeistert oder zum Nachdenken gebracht hat, motiviert mich immer wieder neu. Sie sind der Grund, weshalb die Reise weitergeht.
Danke.
Prolog
1 Rückkehr
2 Erinnerung
3 Schatten
4 Freunde
5 Gedanken
6 Geschichten
7 Chaos
8 Wahrheit
9 Bestimmung
10 Verfolgung
11 Wissen
12 Optionen
13 Entscheidungen
14 Finsternis
15 Licht
16 Freiheit
Epilog
Nachwort
Anhang
Mark saß mit starrem Blick am Tisch, vor ihm die bereits erkaltende Tasse Kaffee. Es war gerade erst fünf Uhr. Eine Stunde bevor er hätte aufstehen müssen, eine Stunde bevor der Lärm erwachender Kinder die Wohnung erfüllen würde. Es erschien ihm unmöglich, auch nur eine Minute länger liegen zu bleiben. Zu stark wog die Angst, dass es wieder passieren würde.
Was um alles in der Welt war das nur für ein Traum? Es war wieder diese Stadt, wieder die ihn verfolgenden Fratzen. Wie in vielen Nächten zuvor konnte er sich nur an Bruchstücke erinnern. Eigenartig bekannt kam es ihm vor. Als erlebte er eine nicht enden wollende Odyssee aus Belanglosigkeit und Verwirrung. Sein Kopf schmerzte. Sein Blick war immer noch trüb. Der erste Kaffee des Tages war fast mechanisch gebrüht und nicht einmal halb ausgetrunken. Seine eigentlich belebende Wirkung wollte nicht einsetzen. Was war nur los? Wie konnte es nur so weit kommen? Noch eine halbe Stunde, um sich seiner Gefühle klar zu werden. Noch eine halbe Stunde, um wieder im Leben anzukommen.
Wie ausgekotzt kam er sich vor, so als hätte irgendeine ominöse Macht sich einen Spaß erlaubt und ihn quer durch ein tosendes Meer geschleudert, nur um ihn dann halb tot und nach Luft ringend im seichten Wasser zurückzulassen. Und dort lag er, die halbe Nacht.
„Eine fremde Macht?“, sagte er leise zu sich selbst. „Eine fremde Macht“ – diese Worte halten in seinem Kopf nach. War es das, was sich seiner ermächtigte? Oder war er es selbst, der die Kontrolle verloren hatte und sie irgendwie zurückgewinnen musste?
Wie viel hatte er schon versucht? Wie viele Ratschläge ausprobiert, Versprechen gemacht und wie oft sich selbst belogen? Zu wie viel mehr wäre er noch bereit, um dieses Doppelleben zu ertragen?
Mark war müde, müde nicht nur vom Schlafmangel der letzten Wochen, sondern von seinem ganzen bisherigen Leben. Er war müde und ausgebrannt. Es waren nicht der Stress oder die Familie, die ihn so sehr mitnahmen. Es war etwas anderes. Er spürte, dass seine Erschöpfung tiefer lag, tiefer als das, was nach außen hin sichtbar wurde. Seine Seele drohte zu sterben. Er konnte nicht mehr der sein, der er vorgab zu sein. Das Kartenhaus, welches er sich sorgsam und mit Bedacht aufgebaut hatte, war in sich zusammengefallen. Die Fassade stand noch. Keiner bemerkte das dahinterliegende Chaos seines Herzens. Doch er selbst konnte sich nicht weiter belügen. Er wusste, dass er etwas zu unternehmen hatte. Nur was, das wusste er nicht.
Du brauchst keine zwei Minuten, um zu spüren, dass du in New York bist. Du hörst es, du riechst es, erlebst den Pulsschlag dieser Stadt in jedem Atemzug.
„Und die Kinder? Soll ich mich ganz allein um sie kümmern? Wie stellst du dir das vor, Mark? Für dich sieht es vielleicht ganz einfach aus, aber es ist harte Arbeit. Du bist sowieso schon wenig zu Hause und jetzt willst du dich ganz davonstehlen?“ Mark und Ada standen an dem großen Esstisch, der den Mittelpunkt der liebevoll eingerichteten Küche bildete. Seit jeher stellte sie das Zentrum ihres Familienlebens dar. Seine Finger spielten noch immer an der Tasse, die er bereits heute Morgen schon nicht zu leeren im Stande gewesen war.
Er suchte nach Worten, die sein Innerstes widerzuspiegeln würdig waren. So sehr er auch darum rang, kein einziger Erklärungsversuch glückte. Wie auch? Er wusste ja selbst nicht, was mit ihm los war. Er wagte einen weiteren Anlauf. „Es sind diese Träume und mein innerer Zwiespalt. Ich kann so nicht weitermachen. Bitte gib mir diese Zeit. Es ist der letzte Versuch, alles wieder in Ordnung zu bringen.“ Seine Augen waren feucht. Ada schien seine Zerrissenheit wahrzunehmen. Ihr Blick wurde milder. Vielleicht spürte sie doch tief in ihrem Herzen, dass er Recht hatte und vielleicht sagte ihr irgendetwas in diesem Moment, dass es gut wäre, ihn gehen zu lassen.
„Zwei Wochen? Und danach spielen wir wieder eine Rolle in deinem Leben – die Kinder und ich? Sie brauchen ihren Vater. Sie brauchen einen Mann, der anwesend ist und sich in sie investiert. Du bist nicht mehr du selbst. Was ist nur passiert? Also gut, geh und finde deine Antworten.“ Ada küsste ihren Mann auf die Stirn und strich ihm sanft durch das noch zerzauste Haar. „Ich wünschte, ich könnte verstehen, was du mit dir herumträgst. Lass es dort, bitte. Bring es nicht wieder mit zurück. Es gehört nicht hierher. Es gehört nicht zu uns. In Ordnung?“
***
„Mark Bahden, Deutschland. Ich werde zwei Wochen Urlaub in den USA machen. Ich reise allein und als Tourist. Ich möchte das Land kennen lernen.“
Nachdem Mark den Zoll hinter sich gebracht hatte, verließ er an einem sonnigen Mittwochmorgen den JFK Airport in New York, um mit dem Flughafenzubringer die nächstgelegene U-Bahn-Station zu erreichen. Die „Trains“, wie die New Yorker ihre U-Bahn häufig nennen, bringen einen überall hin. Sie fahren an sieben Tagen in der Woche und an zwölf Monaten im Jahr. Es gibt wenig Verlässlicheres.
Sein erster Anlaufpunkt war ein kleines, von außen unscheinbar wirkendes Hostel in Midtown. Es lag betörend nah am Maddison Square Park und dem Flatiron Building. Für manche wäre das vermutlich schon alles gewesen, was es Positives darüber zu berichten gab. Es war auf den ersten Blick kein sonderlich einladendes Hostel, dennoch entfesselte es seinen ganz eigenen Charme, wenn man ihm Zeit gab und sich bewusst machte, dass so etwas einfach zu New York gehörte. Hier war alles irgendwie anders. Er verließ die stark klimatisierte U-Bahn und wurde von der feuchtheißen Luft der unterirdisch gelegenen Station schier erschlagen. Wie eine Wand baute sich die Hitze vor ihm auf. Als er endlich den Ausgang erreichte, war er schweißgebadet. Etwas, an das er sich noch gewöhnen würde.
Was zog ihn nach New York? Was versuchte er hier zu finden, was er zu Hause nicht erreichen konnte? Er wusste es nicht. Es war eher eine Eingebung oder ein Drang. Die Stadt hatte ihn schon immer fasziniert, seit er vor vielen Jahren das erste Mal hier gewesen war. Jede Straße war eine pulsierende Ader niemals stillstehenden Lebens. Das hatte er immer mit seiner damaligen Reise verbunden, dieses Gefühl der Freiheit und Unbeschwertheit. Jeden einzelnen Tag hier hatte er ausgekostet, vom ersten Sonnenstrahl bis zum letzten Blick auf die Straßen der Metropole. Keine Sekunde war verschwendet. Egal, was er tat – alles hatte einen Sinn, war richtig, war gut.
Das fehlte ihm, sein Gleichgewicht, ja, seine Freiheit. Er wollte nicht weg von seiner Familie und hin zu einem Leben als Single. Es ging ihm nicht um Äußerlichkeiten, so weit konnte er sich selbst bereits einigermaßen sicher sein. Es ging um etwas viel tiefer Liegendes, etwas sehr viel Fundamentaleres. Es ging um das Überleben seiner Seele. Ada hatte vollkommen Recht.
Er war nicht mehr er selbst, hatte sich irgendwo und irgendwann verloren. Oder er hatte sich nie wirklich gefunden. Unmöglich zu sagen. Es gab wenig Zuversicht in ihm, dafür umso mehr Sorgen, Ängste und Sehnsüchte. Es war wie ein Gewirr aus Ketten und Seilen, das sich zunehmend um seinen Körper legte. Je älter er wurde, desto enger und intensiver schnürte es sich um seinen Hals, seinen Brustkorb, seine Hände.
Die Entfremdung des Bildes von seiner Wirklichkeit wuchs Tag für Tag weiter. Zwischen dem Mann, den alle anderen in ihm sahen und dem, den er selbst in sich sah, entstand eine unüberwindbare Kluft. Wer war er überhaupt? Adas Ehemann? Der Vater von Käthe und Noah? Der Unternehmer? Der Angestellte? Der Christ?
Ein Christ. Vor vielen Jahren hatte Mark begonnen, an den Gott der Kirche zu glauben. Es waren ein paar gute Jahre, die leider viel zu schnell vergingen. Heute gab es nicht mehr viel, auf das er zurückgreifen konnte, wenn es um Glauben ging.
Mark trat auf die letzte Stufe der aus dem U-Bahnschacht führenden Treppe und hinaus in den Großstadtdschungel. Er atmete tief durch. Er war tatsächlich zurück, zurück in der Stadt, die er wie keine andere liebte, obwohl er sie kaum kannte. Das Gemisch der unterschiedlichsten Gerüche, ein Mix aus Abgasen, Staub, Speisen und Müll war so typisch gewesen und nun roch er es erneut. Ja, er war zurück.
Nach einer Weile durchquerte er den kleinen Park neben dem Flatiron Building und ging die Straße zu seinem Hostel entlang. Nicht lang und er stand vor der unscheinbaren kleinen Tür, die den Eingang markierte. Als er hindurchtrat, bemerkte er, dass es nichts von seinem Charme eingebüßt hatte. Mehr als schlafen konnte man hier nicht. Viel mehr wollte er auch nicht. Sein Frühstück würde er wieder in der morgendlichen Betriebsamkeit der Großstadt einnehmen, und zwar so, wie tausende New Yorker auch, im Freien. Er wusste, was er wollte – einen Kaffee und einen Bagel von einem der zahllosen Imbisswagen an den Straßenrändern.
Er stand an der Rezeption. Seine Unterkunft war ein 135 Jahre altes Gebäude, das einst die Heimat von Herumtreibern, Dealern und anderen zwielichtigen Gestalten gewesen war. Heute war es ein Kunstwerk, welches es so in New York möglicherweise kein zweites Mal gab, von Künstlern gestaltet durch diverse Installationen und Wandgemälde. Sogar das stille Örtchen war hier ein Museum der Kuriositäten. Bei seinem letzten Besuch musste Mark eine Nacht in einem Zimmer mit einer für ihn erschreckenden Wandbemalung verbringen. Heute würde er darauf achten, ein anderes Zimmer zu bekommen. Dennoch wanderten seine Gedanken zurück zu diesem Zimmer. Eine Art Engel, nackt und gefesselt, hatte die Künstlerin dort an die Wand gemalt. Ein Engel, oder vielleicht auch ein Dämon, mit männlichem Genital und weiblichen Rundungen. Damals war es für ihn schockierend, diese übermenschlich großen Gebilde über sich zu sehen, wenn er die Augen vom Bett auf die umliegenden Wände richtete. Heute fühlten sich die Erinnerungen beunruhigend real an.
„So sieht es in dir aus, Mark.“ Da war sie wieder, diese Stimme, die ihn seit geraumer Zeit verfolgte. Jeden Sieg über seine Gewohnheiten, jeden Schritt in die richtige Richtung, jede kleine Veränderung kommentierte sie spöttisch. Und sie war mit ihm gereist. Warum auch nicht? Sie gehörte zu ihm. Warum wunderte er sich nun so sehr darüber? Er ließ sie reden. „Das ist deine Gebundenheit. So sieht es in dir aus! Deine Seele stirbt ab, auch wenn du es nicht wahrhaben willst. Du kannst dich mir nicht entziehen. Dafür hast du zu viele schlechte Entscheidungen getroffen, dich zu lange an den falschen Orten aufgehalten, dich zu sehr verstellt. Davon erholt man sich nicht, es bleibt in einem.“
Jede Stufe hinauf zu Marks Zimmer war gepflastert mit Vorhaltungen, mit Erinnerungen an Verfehlungen und Sünden. Als er sich erschöpft auf das Bett fallen ließ, kehrte seine Hilflosigkeit zurück. Das Gefühl, mit dem er jeden Morgen aus dem Bett kroch und die Gewissheit, sein Leben in die falsche Richtung gesteuert zu haben, überfluteten ihn.
Für alles gibt es eine Stunde. Alles, was unter dem Himmel geschieht, hat seine Zeit.
(NeÜ)
Schon wieder dieser Traum. Mark fuhr sich benommen mit der Hand über das Gesicht. Es war kalt im Zimmer. Die Klimaanlage hatte ganze Arbeit geleistet – zu einem hohen Preis, dem Preis der Stille. So etwas findet man in New York nur schwer –einen ruhigen Ort. Das war es auch nicht, was er gerade suchte. Lebendig wollte er sein, kraftvoll und voller Energie. Nichts davon war im Moment zu spüren. Wieder dachte Mark über seinen Traum nach. Er sah Szenen seiner Kindheit, die Nacht, als sein Vater ihn verließ, Momente der Suche nach körperlicher Nähe, Gesprächsfetzen mit den Freunden seiner Mutter, alten Lehrern und Freunden. All das wurde dirigiert und in Szene gesetzt durch die eisige Stimme, die ihn erschaudern ließ. Aus dieser Perspektive betrachtet war jede Entscheidung, jedes Puzzlestück auf dem Weg des Heranwachsens ein Stein in der Festung seines Herzens. So oft wollte er anders abbiegen, umdrehen, eine Ausfahrt eher nehmen. Aber kein einziges Mal gelang es ihm. Er war der Mann, der er war. Seine Geschichte gehörte zu ihm, prägte ihn. Sie machte ihn zu dem, der er heute war.
„Unsere Erfahrungen zeichnen uns, machen uns stärker, helfen uns das Leben anzunehmen, als das, was es ist.”
Wie oft hatte er Aussagen wie diese schon gelesen. Jedes Selbsthilfebuch, jede Erfolgsgeschichte hatte diese Moral. Nimm deine Vergangenheit an, versöhne dich mit ihr und du wirst Erfolg im Leben haben. Welche Ironie doch darin steckte, erkannte er erst an diesem Morgen. Unsere Erfahrungen machen uns zu dem, der wir sind und auf ihrer Basis entscheiden wir als die, die wir zu sein scheinen. Und diese Entscheidungen sind dann nicht selten wieder fatale oder zerstörende Wege. „Wie kann ich denn anders entscheiden, als so, wie ich es seit jeher tue?“, sagte er zu sich selbst.
„Gar nicht!“, hörte er die bestätigende Stimme in seinem Inneren. Es zu akzeptieren schien ihm im Moment der einzige Weg, zumindest gab es Mark genug Kraft, in den Tag zu starten. Für einen kurzen Augenblick spürte er Frieden. Für einen kurzen Augenblick konnte er die Schönheit des Morgens genießen und sich auf sein erstes New Yorker Frühstück freuen.
Der erste Tag begann fast schon poetisch. Auf der Stadt lag ein leichter Schleier morgendlichen Nebels. Die Art von Dunst, die einem verriet, dass es ein schöner, sonniger Sommertag werden würde. Und so saß er erneut dort, wo ihn seine Erinnerungen der letzten Jahre immer wieder hingezogen hatten: an der Ecke 5th Avenue und Broadway, an einem kleinen Tisch mit blauem Sonnenschirm, umgeben vom typischen New Yorker Straßenlärm, dem Duft der Großstadt, seinem Kaffee und dem Bagel, den er sich gerade schmecken ließ. Neben ihm sah er den kleinen, vertraut wirkenden Park, den er jeden Abend und jeden Morgen durchqueren würde. Sein Hotel lag auf der anderen Seite der winzigen Oase, in deren Mitte sich ein kleines Bistro befand, welches die vermutlich besten Burger der Stadt kreierte.
„Vielleicht sollten wir auswandern? Irgendwo hin, wo wir neu anfangen könnten. Eine neue Umgebung, ein neues Land, vielleicht würde das helfen?“ Seine Gedanken führten ihn durch die vielen Städte und Länder, die er in diversen Urlauben und Geschäftsreisen kennen gelernt hatte. Spanien, Italien, die Niederlande, Frankreich, Estland, Bulgarien, Polen – sicher, einige würde er nicht wählen. Aber zu einigen der Orte gehörten die schönsten Erinnerungen, die er hatte. Je weiter er sich in seine Gedanken verliebte, desto entspannter fühlte er sich. Das war schon immer so – sich wegträumen, sich aus der Geschichte stehlen, jemand Neues sein.
Sich als der Mensch zu akzeptieren, der er war, fiel ihm sichtlich schwer, es war nahezu unmöglich. Zu viele Ecken und Kanten erkannte er an sich und schlimmer: Zu viele Urteile über sich selbst musste er schon ertragen. Er passte nie ins Muster, war anders als andere. Mark spürte, wie Wut in ihm aufstieg. Eine Wut, die er gut kannte. Sie war schon da, seit er denken konnte. Gespeist wurde sie durch die guten Ratschläge von Bekannten, durch Festlegungen, durch die eigene Biografie und all die Fehlentscheidungen. Es war eine Wut, die die eigene Identität einschloss, sie fast auffraß. Sie war es, die der Stimme ihre Macht verlieh – je stärker die Wut, desto lauter die Stimme in seinem Inneren. Diese Stimme, diese unüberhörbare, zerstörerische Stimme: Da war sie wieder.
Aber nicht lange, denn irgendetwas erregte Marks Aufmerksamkeit. Wer war dieser Mann? Eine ganze Weile musste er schon dort an der Ecke gestanden haben. Abgerissen und irgendwie unförmig. In dunkle Farben gehüllt, stand er an der Hauswand und verschmolz förmlich mit ihr. Kaum erkennbar und doch sehr klar wahrnehmbar. Mark spürte, wie sich eine Gänsehaut auf seinem Körper ausbreitete. Er fröstelte. Es war ein unwirklicher Moment und so schnell wie er entstand, verschwand er auch wieder. Beim zweiten Blick hatte sich auch der Kerl in Luft aufgelöst. War es nur Einbildung gewesen? Vielleicht. Aber seine Emotionen waren real. Mark brauchte eine Weile, um sich zu fangen, die so plötzlich aufkeimenden Gefühle zu verarbeiten und sich aus seiner Gedankenwelt zu befreien.
Zeit sich auf den Weg zu machen. Da er keine Ahnung hatte, wie er seine aufkeimende Frustration unter Kontrolle bekommen sollte, konnte er genauso gut einfach losgehen. Das was er immer tat, wenn seine Gefühle ihn zu überwältigen drohten. Er lief einfach los. Schlug neue Wege ein, versuchte sich an neuen Projekten, neuen Ideen. Einfach irgendetwas, Hauptsache es überspielte seine Emotionen. Überraschenderweise waren Alkohol und Drogen nie eine Option gewesen. Was an sich verwunderlich schien, da er sich doch sonst alle Mühe gab, jede emotional tröstende Beschwichtigung auszuprobieren. Das hatte er wohl den Menschen zu verdanken, die Gott in sein Leben gestellt hatte, als dieser und er selbst noch Freunde waren. Eine Zeit, die ihm endlos fern erschien, ein anderes Kapitel seines Lebens.
Als Mark die Straße entlangging, stiegen Erinnerungen an seine Jugendtage auf. Wie befreiend diese Zeit damals war und wie kompliziert zugleich. Seit er denken konnte, existierte diese innere Zerrissenheit, fast schon eine Art Dialektik zwischen dem, der er sein wollte und dem, der er sein konnte. Als Kind waren Marks Optionen begrenzt. Was hätte er auch ändern können an dem Umfeld, in das er hineingesetzt war? In seiner Vergangenheit mischten sich stets Freude mit Traurigkeit, Ausgelassenheit mit Verbitterung, Frieden mit Krieg. Vielleicht war das Leben einfach so. Vielleicht erlebten alle Menschen diese Höhen und Tiefen. Aber wie oft hatte er sich gefragt, welche Schuld er daran hatte, dass sein Vater die falschen Entscheidungen getroffen hatte und ihn aufgab. Was hatte Mark nicht alles versucht, um im Umfeld seiner Mitschüler auch nur ein Quantum an Anerkennung zu erhalten. Wie tief die Narben waren, die seine Kindheit hinterlassen hatte, stellte er erst viel später fest.
Das alles hatte sich geändert, als er Christ geworden war. Die sich anschließenden Jahre waren viel stärker von positiven Erfahrungen geprägt als von schmerzenden. Und doch war auch hier die Stimme ein steter Bestandteil seines Lebens gewesen. Wie oft hatte sie ihm Rechte abgesprochen. Wie oft war Mark resigniert zurückgeblieben und hatte sich seinem Schicksal ergeben – nicht zu genügen, den Maßstäben der anderen nicht zu entsprechen. Oder waren es doch nur seine eigenen Erwartungen gewesen, denen er nicht genügt hatte? Er wusste es nicht mehr. Hatte er es je gewusst? Schon wieder Resignation.
Marks Blick fiel auf das Rockefeller Center mit seinen imposanten Ausmaßen und der beeindruckenden Architektur. Es bestand aus über zwanzig Gebäuden, wobei das größte davon über siebzig Stockwerke hoch war. Was musste Menschen angetrieben haben, eine solche Stadt aus dem Nichts zu erschaffen? Der Tatendrang der Gründerväter beeindruckte Mark einmal mehr. Er hielt inne, spürte die warme Mittagsluft in seinem Gesicht und dachte über seinen weiteren Weg nach. Der Central Park sollte sein nächstes Ziel sein.
Gerade als er sich umdrehte, um seinen Weg fortzusetzen, sah er ihn wieder: den Mann im Schatten. Diesmal konnte er ihn etwas genauer sehen. Er trug ein schmutziges Basecap, eine zerschlissene Lederjacke und eine ausgewaschene Jeans. Sein Bart war ungepflegt, sein Gesicht wirkte hart und unnachgiebig. Seine Hände waren zu Fäusten geballt. Um den Hals hing eine Kette mit einem seltsamen Symbol. Seine ganze Erscheinung war verstörend. Als der Schatten sah, wie Mark ihn anstarrte, grinste er und verschwand. Es war also keine Einbildung. Er war Wirklichkeit. Mark ergriff eine sich auftürmende Welle von Gefühlen. Er zitterte. Er begann ziellos umherzulaufen, fast zu rennen. Als er ein paar Kilometer in die eine Richtung gegangen war, kehrte er um und lief in eine andere weiter. Er versuchte sich zu beruhigen, sich einzureden, dass dort nichts war. Zumindest nichts, was ihm galt. Irgendein Typ, der zufällig zweimal dort stand, wo auch er war. Er überlegte sich Szenarien, die Erklärungen bieten sollten, aber letzten Endes doch nicht halfen.
Ohne seine Uhr wusste er nicht, wie lange er gelaufen war, aber es mussten wohl einige Stunden gewesen sein. Handy und Uhr hatte er zu Hause gelassen. Sie waren nicht nötig auf dieser Reise. Er wollte allein sein, allein und doch umschlossen. Wo sonst als an einem Ort, der so lebhaft, so dynamisch war wie Manhattan, fand er Einsamkeit im Bad der Menge? Das genau war es, was ihn bewegte, hierher zurückzukommen. Er wusste, dass es der richtige Platz war. Aber wie war es möglich, inmitten von Millionen Menschen einer Person zweimal zu begegnen? Es musste etwas zu bedeuten haben. Nur was?
Langsam kam die Ruhe zurück. Vermutlich war es Nachmittag und vermutlich war er weit weg von seinem Hotel. Gut, dass es hier nicht schwer war, die Orientierung zurückzugewinnen. In dem perfekt angeordnetem Netz von Straßen und Avenues fand man schnell einen Ausgangspunkt. Etwa dreißig Blocks weiter hatte ihn sein Weg geführt. Er stand irgendwo auf der Canal Street. Für heute hatte er genug und so nahm er die nächstgelegene U-Bahn zurück zum Maddison Square Park. Er war seit seiner ersten Begegnung mit diesem Fleckchen Erde verliebt in diesen Park, der wahrlich nicht groß, aber einladend war. Und die nie abflauende Menschenschlange, die sich zu jeder Tageszeit um die kleine Imbissbude drängte, empfand er schon damals als beruhigend.
***
Seine Gedanken führten ihn erneut zurück zu einer seiner wenigen wirklich guten Entscheidungen – seiner Freundschaft mit Gott. Damals hatte er eine Nähe zu ihm gespürt, die ihn noch immer tief bewegte. Es war wie ein Geschenk des Himmels. Er hatte sich nie sonderlich mit Religion beschäftigt, nie wirklich nach Gott gefragt. Sein Interesse hatte wahrlich anderen Dingen gegolten. Aber es hatte den Anschein, als interessiere sich Gott umso mehr für ihn. Die Umstände seiner Veränderungen hatten nur einen Schluss zugelassen: Gott wollte ihm begegnen. Und diese Sicherheit begleitete Mark durch die schönsten Erinnerungen, aber auch die tiefsten Täler. Schon damals war er sich selbst nicht treu geblieben, hatte Entscheidungen getroffen, die sich als falsch herausstellt hatten. Aber das, was er vor allem anderen gelernt hatte, war ein einfaches Prinzip: Je mehr ich im Vordergrund stehe, desto mehr Anerkennung bekomme ich von anderen Menschen. Die zweite Reihe wird nicht mehr gesehen. Mark suchte sich seine Spielwiesen, die Dinge, in denen er gut genug war, um Anerkennung zu erhalten. Seither hatte sich wenig verändert. ‚Noch immer scheint das dein Grundprinzip zu sein‘, sinnierte er vor sich hin.
‚Für heute ist es genug! Zurück ins Hostel!‘, befahl er sich selbst und ging. Um diese Zeit waren viele der Gäste noch unterwegs und so konnte er sich Zeit lassen und die heiße Dusche vollends genießen. Seine Gedanken kamen zur Ruhe und er spürte seine Müdigkeit. Trotz aller Bedrängnis an diesem Tag war er froh hier zu sein.
Scham ist wie ein Schatten, der sich auf unsere Seele legt. Wir verlieren den Blick für das Licht und das Gute in uns.
Die beiden folgenden Tage verliefen ruhig. Der Schatten war nicht mehr zu sehen und langsam gewann Mark den Eindruck, dass es sich wohl doch um einen Zufall gehandelt hatte. Entspannt durch diesen Gedanken, nahm er sich ausreichend Zeit, all die Orte zu besuchen, nach denen er Sehnsucht hatte. Er besichtigte Grand Central Terminal mit seinen prunkvollen Kronleuchtern und seinen nahezu unbezahlbaren Uhren. Mehr als 750.000 Menschen passieren den wahrscheinlich größten Bahnhof der Welt täglich. Er schlenderte in aller Gemütlichkeit zum Battery Park, um mit der Staten Island Fähre einen Blick auf die sich sanft ausbreitende Skyline der Insel werfen zu können. Dies war ein Tipp, für den er schon vor fünf Jahren dankbar war. Er genoss die aufschäumende Gischt des Bootes, als es über das Wasser preschte und den stetigen Wind, der ihm durch die Haare wehte. Die salzige Luft roch befreiend und er hatte zum ersten Mal seit einer Ewigkeit wieder das Gefühl, dass seine Seele Raum zum Atmen fand. Hier, weit weg von allen Verpflichtungen, fühlte er sich frei – frei genug zumindest, um sich der urbanen Schönheit, die sich langsam von ihm entfernte, bewusst zu werden. Zum ersten Mal seit seiner Ankunft, das wurde ihm hier klar, wünschte er sich Konversation. Zu Marks großer Zufriedenheit war das Schiff voll mit wild schnatternden Touristen. Es dauerte nicht lange, bis sich das eine oder andere freundliche, unverbindliche Gespräch ergab.
An diesem Abend schloss er sich einer Gruppe französischer Studenten an, die er auf dem Rückweg nach Manhattan kennen gelernt hatte. Sie fanden einen netten Jazzclub, in dem die Musik sehr viel besser war, als das Bier und das Essen. Es war gut, wieder unter Menschen zu sein. Auch wenn sein Französisch und ihr Englisch nicht annähernd ausreichten um sich angemessen unterhalten zu können, hatten sie Spaß. Er ging glücklich ins Bett und dieses Hochgefühl trug ihn auch durch den darauffolgenden Tag, an dem Soho und das Meatpacking District auf dem Tourplan standen. Mark wollte den High Line Park, eine ehemalige Hochbahn, die zu einem imposanten Grünstreifen umgebaut wurde, entlang flanieren und sich im mehr und mehr als Künstlerviertel etablierenden Meatpacking District seine Zeit vertreiben.
Während des ganzen Tages fragte er sich, wie er seiner Reise ein Ziel geben konnte. Sicher, New York an sich brauchte das nicht. Hier war das einfache Sein schon Ziel genug. Jeder Häuserblock, jede Straßenecke, schlicht jeder Eindruck war hier bereits sinnstiftend. Aber seine innere Reise hatte kein Ziel, zumindest keines, dass ihm bewusst gewesen wäre. Das Gefühl, eine Veränderung herbeiführen zu müssen, war so stark geworden, dass er einfach geflohen war. Doch jetzt, wo er hier war, fragte er sich immer wieder zu welchem Zweck dies geschehen war. Jede Flucht hat ein Ende und unweigerlich würde er zurückkehren müssen. Zurück in sein gewohntes Umfeld, seine Lebensrollen, die ihm zunehmend unwirklicher und fremder erschienen, je mehr er sich seinem Seelenzustand zuwandte. Wie war er eigentlich zu all diesen Personen geworden, die sich in seiner Seele eingenistet und sie unter sich aufgeteilt hatten?
Als Student war vieles noch einfach, noch überschaubar gewesen. Mark studierte Betriebswirtschaft und obwohl er darin wahrlich nicht der Beste war, gelang es ihm einen guten, erfüllenden Job in einer angesehenen Firma zu erhalten. Er heiratete jung und gründete fast zeitgleich eine Familie und übernahm eine leitende Funktion in seiner Ortsgemeinde. Er etablierte ein, für sich genommen, gutes Leben. Es gab Krisen in seiner Ehe – durchaus schwere, musste er zugeben. Es war nie wirklich leicht, dafür gab er meist seiner Jugend die Schuld. Die schleichende Veränderung in seinem Herzen beachtete er nicht. Mark hatte Freunde, eine Bühne für seinen extrovertierten Charakter und genug Abwechslung, um nicht als langweilig zu gelten. Dennoch war diese Phase seines Lebens durchzogen von inneren Zwiespälten. Mit der Freiheit der Eigenständigkeit begann auch die Verantwortung, sein eigenes Leben den persönlichen Werten gemäß zu gestalten. Vielleicht lag hier die Ursache für seinen Zusammenbruch? Eigentlich, so musste sich Mark nun eingestehen, gelang ihm genau das nie. Nach außen erfolgreich und entschieden, entwickelte sich eine Maske, die zu schützen, ihm jeden Preis wert war. An dieser Stelle begannen seine Entscheidungen verworrene, verfehlende Wege einzuschlagen. Je mehr er sich in seine eigene Sünde verstrickte, desto wertvoller wurde das Bild, das er nach außen aufbaute. Viel zu spät erkannte er die Festungen, die sich so unmerklich in seinem Inneren errichtet hatten. Das waren Festungen, die alles durchzogen, was ihm wichtig schien. Seine Familie, sein Umfeld, seine eigene Identität litten auf die unterschiedlichsten Arten. Das Häufchen Selbst, das er sich aufbauen konnte, zerbrach unter dem Druck der Scham, die sich in seinem Inneren breit machte. Hätten die Menschen erkannt, was wirklich in ihm vorging, wäre seine schützende Fassade zerbrochen, wie ein Tongefäß auf felsigem Grund.
Mark musste sich entscheiden seine Gedankenreise abzubrechen. Ihm war schlecht und er spürte, wie sich in ihm Wut und Traurigkeit vermengten, die nach einem Ventil suchten. Er wollte heute niemanden mehr sehen und so beendete er den Tag mit einem schnellen Abendessen und verschwand in seinem Zimmer.
***
In dieser Nacht kehrten die Träume zurück. Mark erwachte schweißgebadet. Hellwach sah er auf die Uhr. Es war gerade erst drei Uhr. An Schlaf war nicht mehr
