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Im Jahr 1881 führte Karl May beim deutschen Lesepublikum Krüger-Bei ein, einen deutschen Exilanten, der es am Hof des Beys von Tunis zum Kommandanten der Leibwache gebracht habe. May schreibt hier ein schweres und keineswegs mit Erfolg gesegnete Lebensschicksal um: Johann Gottlieb Krüger aus Mecklenburg war mit geringer Schulbildung in die Fremdenlegion eingetreten, aus ihr in Nordafrika desertiert und auf Irrwegen durch die Berberei schließlich am Hof des Beys von Tunis als kärglich besoldetes Mitglied der Leibwache aufgenommen worden. - Hier werden von Mounir Fendri, dem Entdecker der handschriftlichen Lebensbeschreibung Krügers, diese Manuskripte zum ersten Mal mit einer umfassenden biographischen Einleitung und gründlichen Kommentaren herausgegeben. Mit den Beiträgen von Walter Schmitz zur Kolonialkultur in Deutschland und von Martin Lowsky zu Karl May gewährt der Band einen umfassenden Einblick in Phantasie und Wirklichkeit des kolonialen Zeitalters. Johann Gottlieb Krüger aber gewinnt hier erstmals seine eigene Stimme.
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Seitenzahl: 450
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Walter Schmitz
Johann Gottlieb Krüger im Dienst des Beys von Tunis: Eine interkulturelle Begegnung der anderen Art
Mounir Fendri
Über Johann Gottlieb Krüger und seine Lebensbeschreibung
Eigenhändige Lebensbeschreibung des Joh. Gottlieb Krüger genannt Muhamed ben Abdallah Nimse
[Original-] Inhaltsverzeichnis
[Von der brandenburgischen Heimat über den preußischen Militärdienst in die französische Fremdenlegion]
2.1 [Ein ominöser Traum]
2.2 Erstes Kapitel: Desertation von Preußen – Algier – Bugia – Kabyls
[Flucht aus der Fremdenlegion – Aufnahme bei den Kabylen – Bekehrung zum Islam]
3.1 Zweites Kapitel: Unterhaltung mit den Kabyls – Gefecht – Erwarten Sidi Ali
[Kulturelle und religiöse Eingliederung–Wanderungen in der Kabylei – Beschneidungszeremonie]
4.1 Drittes Kapitel: Reise nach Gifza – Unterricht der Religion – Muhameds Reise nach den Himmel, in der Nacht
4.2 Viertes Kapitel: Reise zum Scheick ben Samom – Zieht ein verborgenen Schatz – Joseph verliert sein Kopf – Grausamkeit in Asomoren
4.3 Fünftes Kapitel: Verkauft als Sklave, nach Owled Matta – Gabela Tod – Trauer um ihn
4.4 Sechtes Kappitel: Tod der Bruder von Gabela – Krankheit – Skorpionstich – Ausgezogen – Verwundet – kommt nach Imdoken
4.5 Siebentes Kapitel: Reise mit ein Schraif aus Babilon – Bey El-Hagya Hamed aus Konstantina – Verließ den Schraif und ging nach Zoff – Gerid – Tukurt
4.6 Achtes Kapitel: Kanon Gießen in Tukurt – Todt der Römer – Ging nach Et-Mezin – Zurück nach Zoff – Gerid – Tunis
In der neuen Fremd-Heimat: Das Leben in Tunesien
5.1 Neuntes Kapitel: Auf Nahme in Tunis – Expedition – Gefecht mit den Arabern – Schahter beim Ahmed Bascha – Verheirethet
5.2 [In Tunesien]
Landes- und völkerkundliche Beobachtungen und sonstige Erlebnisse in Algerien und Tunesien
6.1 [Algerische Nachträge]
6.2 [Tunesische Notizen]
6.3 [Krügers Träume]
6.4 [Aphorismen]
Zeitgenössische Zeugnisse über Krüger und seine Welt
1835 – Fürst Herrmann von Pückler-Muskau
Um 1840 – Christian Ferdinand Ewald
1842 – Gottfried Scholl
1848 – Marie E. von Schwartz
1863–1867 – Gustav Nachtigal
1868 – Heinrich Freiherr von Maltzan
1872 – B. in T. [= Ein Offizier der kaiserlichen Marine]
Martin Lowsky
Karl May, Tunesien und Krüger-Bei
Abbildungsverzeichnis
In dem Universum von Lebensläufen aus vier Kontinenten, das Karl May in über 70 Bänden seines Œuvres entworfen hat, findet sich das gesamte Spektrum an Völkerstereotypen des 19. Jahrhunderts: der lässige englishman mit imperialem Selbstbewußtsein, der listige, aber auch charmante Franzose, der geldgierige, aber auch coole Yankee und viele andere mehr; und es findet sich auch die Geschichte eines erfolgreichen integrierten Flüchtlings. Er ist ein Deutscher. Und wie die Deutschen in Karl Mays Weltbild für gewöhnlich, so setzt auch dieser sich unter misslichen Umständen in der Fremde dank seiner, in allen Widrigkeiten redlichen und tüchtigen deutschen Wesensart durch, auch wenn er unter den orientalischen Bedingungen zu einer etwas skurrilen Figur wird. ›Krüger Bei‹ hat es, als er 1885 – im Kolportageroman Deutsche Herzen – Deutsche Helden – erstmals sein Heimatrecht im Karl-May-Universum ausübt, schon weit gebracht; er ist Hauptmann der Palastwache des Beys von Tunis, und wird auch fürderhin uns Lesern – dann sogar als Titelfigur im zweiten, 1913 erschienenen Band der Trilogie Satan und Ischariot, aber zuvor auch schon in der Tunesien-Erzählung Der Krumir (2007) – als ein fähiger Befehlshaber, von biederer Jovialität wiederbegegnen. Und die Komik seines Radebrechens in der ihm in der Fremde fremd gewordenen Muttersprache tut der imposanten Statur dieses Mannes keinen Abbruch.1
So fügt sich Krüger Bei wie selbstverständlich in Karl Mays Phantasma eines ›Kolonialismus ohne Kolonien‹,2 denn seine Werke, die der Autor als Autodidakt aus einer Vielzahl gedruckter Quellen seit den 1880er Jahren als vorgeblich selbst erlebte Reiseabenteuer komponierte, sind gleichsam naive Spiegel der Wilhelminischen Weltpolitik – und überhöhte Gegenbilder; denn den »Austragungsorten und Vertretern« der deutschen Orientpolitik seiner Zeit weicht der Karl May aus und verschafft damit seinem reisenden und abenteuernden Helden gleichsam einen »exklusiven Status […] als einziger Vertreter Deutschlands im Osmanischen Reich«.3 Dieser Kara Ben Nemsi, das Autor-Ich in den arabischen Romanen des sächsischen Fabulierers, der ja sein eigentliches Abenteuerleben als Kleinkrimineller im sächsisch-böhmischen Grenzgebiet absolviert hatte,4 danach eine harte Schule als Kolportageschreiber durchlaufen hatte, – Kara Ben Nemsi also lebt ein anderes Leben: Es ist die fiktive Biographie umfassender Wunscherfüllung, und Karl Mays Wünsche haben manches gemeinsam mit der Ideologie des Wilhelminischen Reiches, mit dessen Aufstieg auch er ein erfolgreicher Schriftsteller und Villenbesitzer geworden ist; schließlich aber gehören Mays Phantasmen nur ihm selbst; es geht um die Selbstlegitimation einer angefochtenen Autorschaft. Und so soll am ›deutschen Wesen‹ in Karl Mays phantastischer Globalpolitik, die Welt nicht etwa durch schiere Macht genesen, sondern nur, indem ein leuchtendes Beispiel gesetzt wird: Und dieser vorbildliche Deutsche ist eben jenes Buch-Ich, unter wechselnden Namen bekannt, bei den edlen Wilden Nordamerikas als Old Shatterhand, und von der arabischen Wüste bis in die Schluchten des Balkans als Kara Ben Nemsi, Karl, der Sohn der Deutschen: Es ist immer der Autor ist, der – so die Fiktion – lebte, was er schreibt, endlich eine authentische Existenz. Seit dem Roman Krüger Bei »gibt es keinen Zweifel mehr: der Name May und sein – zu Unrecht getragener – Doktortitel tauchen mehr oder weniger offen auf. In Personalunion ist der Held der Romanhandlung zugleich der bekannte sächsische Schriftsteller.«5 Kara Ben Nemsi hat Anfechtungen zu überwinden, mit oft übermenschlicher Anstrengung. Er bleibt stets der Sieger,6 aber er ist kein Eroberer; er hilft, zieht weiter und kämpft für das Gute und Edle. Und in den meisten Fällen sind die Deutschen, denen er begegnet, ihm in diesem Sinne verwandt, so auch Krüger Bei.
In den Denkfabriken der imperialen Globalisierung des späten 19. Jahrhunderts kursierte die Vorstellung von den fünf Reichen, die mächtig genug sein würden, im Kampf um die Aufteilung der Welt in Kolonien und Einflusssphären zu bestehen.6 Gesetzt waren dabei die Positionen der alten Kolonialmächte, Großbritanniens und auch Frankreichs. Die Lage des jungen Deutschen Reiches, des ›ewigen Zweiten‹,7 dagegen war prekär. »Weltmacht oder Untergang«, so lautete eine viel zitierte Formel.8
Viel später erst scheint sich ein geopolitischer Ausweg zu öffnen – freilich täuschend genug, denn es ist ein Ausweg in den Untergang: Das Ende einer Welt, die nach 1918 ›von gestern‹ ist, der Erste Weltkrieg, der eben auch ein Krieg um die koloniale Ausdehnung des Deutschen Kaiserreiches nach Osten sein sollte9 – und nicht mehr nur nach Übersee. Doch zunächst hatte das Reich schon unter dem ersten Kaiser Wilhelm I., der endlich die mittelalterliche Reichsherrlichkeit in der Gegenwart wiederaufleben lassen sollte, und seinem machtpolitisch versierten Kanzler Bismarck sich einige Kolonien zu sichern versucht. Man war nicht ganz erfolglos,10 und unter dem ›jungen Kaiser‹ Wilhelm II. wird der globale Kampf um den ›Platz an der Sonne‹, den sich die Deutschen redlich verdient hätten, mit verstärkter Anstrengung fortgesetzt. Den Wetteifer mit den großen Imperien hatte Deutschland, die kontinentale Großmacht, förmlich 1884/85 mit der Ausrichtung der Kongo-Konferenz aufgenommen und damit seinen Anspruch auf den Rang einer Weltmacht angemeldet. Mächtige Interessengruppen wie der Alldeutsche Verband11 fordern und verstärken diese Politik. Und konsequent kommt es zu einer Kolonialisierung von Lebenswelt, Kultur und Wissen. Es bedarf nicht der militärischen Eroberung, um die ›unbekannte Ferne‹ ins Wissensuniversum der Europäer zu integrieren und sie damit auch zu verwandeln; Kaufleute, Missionare, ›Helden der Wissenschaft‹ tun das ihrige.12 Gewürdigt wird in einer Weltgeschichte des Jahres 1909 etwa Gustav Nachtigal: Für ihn wie für viele Deutsche »war platonischer Forschungseifer ohne jede Rücksicht auf politische oder wirtschaftliche Nebeninteressen die einzige Triebfeder, sich an der Aufschließung Afrikas zu beteiligen«;13 Nachtigals Bücher hatten höchst wahrscheinlich schon zu Karl Mays früher Lektüre gehört;14 der berühmte Afrikareisende hatte sich in teilnehmender Beobachtung geübt, paßte sich – wiederum ganz wie Mays Kara Ben Nemsi – an die Sitten und Gebräuche der Völker, die er erforschen wollte, an. Populäre Bilder zeigen ihn so. (Abb. 1)
Soviel dem ›Volk der Dichter und Denker‹ die frühe ›Völkerkunde‹ als erweitertes Weltwissen bedeuten mochte; die ›Welt‹ zu entdecken bedeutete stets auch,
Abb. 1: Der Forscher Nachtigal bei Scheich Omar von Bornu, 5. Juni 1807.
Macht und Reichtum zu mehren. Lange schon hatten auch die Deutschen sich ihren Anteil an den vielfältigen Schätzen der von Europa aus neu geordneten Welt gesichert. Kolonialwaren wurden schon vor 1600 gehandelt, doch mit Beginn des 19. Jahrhunderts erhält diese traditionsreiche Ausbeutung ferner Regionen einen neuen Schub. Mehr und mehr dringen von den Hafenstädten ausgehend Kolonialwarenläden ins Binnenland vor bis in Kleinstädte und ländliche Gebiete.
Jetzt bannen die Reize des Orients, das ferne Asien und in geringerem Maße auch das abenteuerliche Südamerika überdies die kollektive Imagination der Deutschen.15 Imaginäre Reisen in den Orient waren zu Beginn des 19. Jahrhunderts geradezu Mode bei deutschen Dichtern. Friedrich Rückert hatte 1822 als Antwort auf Goethes Westöstlichen Diwan (1819) seine West-östlichen Rosen vorgelegt, dann jedoch, in einem zeittypischen Prozeß der Professionalisierung, die orientalisierende Poesie gegen die Philologie vertauscht, – mit Professuren der Orientalistik in Erlangen späterhin in Berlin. August von Platen hingegen hatte im Jahr 1821 seiner Sammlung von Ghaselen gleichsam das Motto einer Wiederverzauberung der Welt vorangestelllt: »Der nie gewagt zu fliegen/Nach dem Orient, wie wir,/Lass das Büchlein, lass es liegen,/Denn Geheimnis ist es dir.«16 Jetzt aber, nachdem der Welthandel und die koloniale Verteilung der Welt so recht in Schwung gekommen waren, werfen die Deutschen einen neuen, von kolonialer Hoffnung geprägten Blick auf die Welt, und auch wenn sie nicht stets am Verteilen der Reichtümer unmittelbar beteiligt sind, so kommt von dieser Welt doch vieles und vielerlei bei ihnen an. Auch die Deutschen genossen die Vorteile der kolonialen Erschließung der Welt, schätzten »das Gefühl, ein wenig auf der ›Schokoladenseite‹ der Welt zu stehen.«17 Die Kolonialwarenhandlungen bieten ein reichhaltiges Sortiment, vor allem Genuss und Konsum profitieren vom intensivierten Welthandel18
Der Konsum von Kolonialwaren stellte für Generationen eine herausgehobene Art der Bedürfnisbefriedigung dar. Ihr Konsum versprach eine Wirkung weit über den Verzehr hinaus. Gleichsam als speichernde Botenstoffe verliehen Kolonialwaren ihren europäischen Konsumenten einen Fernsinn, aufgeladen mit dem Gefühl, über ein Stück Welt zu verfügen und es privilegiert zu genießen. Frühe Reiseschriftsteller prägten in ihren Werken entsprechende Phantasien, noch bevor die kolonialen Genussstoffe in Europa verbreitet waren.
Und in Friedrich Wilhelm Hackländers Roman Handel und Wandel (1850) erzählt so ein junger Kaufmannslehrling zum »großen Ergötzen« seines Zuhörers, was ihn zu dieser Lehre bewegt habe. Er habe »immer beim Anblick von Kaffee und Zucker an die fernen Meere gedacht, und von wunderbaren Ländern geträumt, mit denen ich durch den Spezereihandel in, wenn auch indirekte, Verbindung trete.«20 So verspricht denn ein Gedicht, das noch 1927 der Leipziger Lehrerverein zur Behandlung in den Schulen empfahl, im Titel Die ganze Welt:19
Abb. 2: Die Yenidze in Dresden. Luftaufnahme um 1920.
Wo hängt der größte Bilderbogen?
Beim Kaufmann, Kinder, ungelogen!
Man braucht nur draußen stehenbleiben,
guckt einfach durch die Fensterscheiben,
da sieht man ohne alles Geld
die ganze Welt.
Man sieht die braunen Kaffeebohnen,
die wachsen, wo die Affen wohnen.
Man sieht auf Waschblau, Reis und Mandeln,
Kamele unter Palmen wandeln
und einen Ochsen ganz bepackt
mit Fleischextrakt.
[…]
und manchmal steht ein bunter Mohr,
der lacht, davor.
Die spektakuläre Ikone dieses Konsum-Aufschwungs war am 11. Januar 1909 in der sächsischen Residenzstadt Dresden entstanden – der Bau einer eigenen ›Tabakmoschee‹, der berühmten Yenidze, die sich an die barocke Altstadt anschließend als moderner Tempel eines orientalischen Wohllebens inszenierte.20 (Abb. 2) Die Helden der kolonialen Eroberung aber werden zugleich die Verehrungsfiguren der Populärkultur. Die damaligen Medien und Wissensspeicher agieren mit schier revolutionärer Effizienz.21 Dies beginnt mit den werbenden Verpackungen und weiteren Anpreisungen der neuen Waren22 – so, wie dann noch der niedliche, ›bunte‹ und heitere Sarotti-Mohr die Schokolade aus feinsten Kakaobohnen präsentiert; wie so oft vereinen sich auch in dieser Figur Afrikanisches und Orientalisches in einer ebenso hybriden wie für die Kundschaft völlig plausiblen Mischung.23 Auch Sammelbildchen werden den Waren häufig beigegeben; sie zeigen nicht nur die andere Welt, sondern ebenso die Helden des Kolonialzeitalters, Forscher und Eroberer.24 (Abb. 3) Die junge Fotografie erschließt exotische Fernen,25 und die traditionsreiche Malerei steht nicht zurück.26 (Abb. 4; 5) Der Zauber des Orients ist bei den Weltausstellungen zu bewundern,27 frühe Manifestationen »der globalen Massen- und Konsumkultur, in der wir heute
Abb. 3: Kamelreiter der deutschen Schutztruppe während des Hottentotten-Aufstandes.
Abb. 4: Samoum.
Abb. 5: Franz Roubaud. Traversée de la rivière. 1912, Öl auf Leinwand, 60,5x 92,5 cm.
leben«, die allerdings eher eine »Basar-Romantik« inszenieren, noch in Bewunderung und Anerkennung keineswegs frei von rassistischer Herablassung.28 Geht man sodann in die Operette, also jene Opernvariation mit breiterem Unterhaltungswert, die zugleich als Wissensspeicher so wie Karl Mays Bücher ihre eigenen Klischees des Weltwissens verbreitet, so befindet man sich in einer weiteren Sparte des damaligen ›Welttheaters‹,29 und es darf neben der ›venezianischen Nacht‹ oder einem Ausflug ins mondäne ›Pariser Leben‹ (schon gewürzt mit Offenbachscher Ironie), neben dem revolutionär-verdächtigen und faszinierenden Südamerika oder dem Fernen Osten selbstverständlich die Zauberwelt des Alten Orients nicht fehlen: Johann Strauß hatte seinen Walzer Tausend und eine Nacht 1871 komponiert; im Jahr 1906 brachte er eine frühere, neu bearbeitete Operette nun mit diesem werbewirksamen Titel auf die Bühne; sie spielt ›irgendwann und irgendwo im Morgenland‹. Dass die ›große Oper‹ – von Aida bis zu Turandot – eine Exotisierung der Bühnenwelten vorantreibt und vielleicht sogar die Vorbilder liefert, an denen auch das nicht ganz so exklusive Publikum der Breitenmedien oder der ›kleinen Oper‹, der Operette, gerne teilhaben möchte, versteht sich von selbst. In einer Kultur, die dem Spektakel einen prominenten Platz einräumt, ist die Exotik des Orientalismus unverzichtbar;30 so lädt die ›andere‹, fremd-faszinierende Welt denn auch die Besucher der Vergnügungsparks ein – als ungefährliche Kulisse. Und die allbeliebten Familienblätter, die man in der ›Gartenlaube‹ im Familienkreise lesen soll – so hatte es ja der Prototyp, eben die Zeitschrift Die Gartenlaube im Titelbild vorgegeben –, führten ganz behaglich in die exotische Ferne und machten die Deutschen – so auch den Reiseschriftsteller, der nicht gereist war, Karl May31 – mit fremden Völkern und Kulturen bekannt. Es entstand eine Weltoffenheit, die nicht immer frei ist von einem Air provinzieller Beschränktheit.
Allmählich, im Übergang vom 18. zum 19. Jahrhundert schuf sich »die Einbildungskraft der westlichen Öffentlichkeiten« einen Orient als »Ort der Erotik und Exotik«,32 und zugleich leistete – durchaus in Überblendung der Perspektiven – die »Reiseliteratur von Abenteurern, Missionaren, Militärs und Forschern« einen Beitrag zu der sich allmählich etablierenden Wissenschaft der ›Völkerkunde‹, früh auch mit ›rassenkundlichem‹ Einschlag. Doch die erfundenen Geschichten der ›Hochliteratur‹ schließen sich hier nicht an; hier, bei den Autoren des sog. ›poetischen Realismus‹ bietet das Bild vom Orient, wie in einem entzaubernden Spiegel, nun auch die desillusionierende ›Wahrheit‹ auch über die nur scheinhaft ›andere‹ Realität in der ›Heimat‹. Die ›Verklärung der Wirklichkeit‹ zunächst einmal, die durchaus zum Programm eines ›poetischen Realismus‹ gehörte, will nicht gelingen, wenn man in den ›märchenhaften Orient‹ tatsächlich reist. Auch und gerade die Phantasmen der Konsumwelt erscheinen dann als bloßes Blendwerk: Friedrich Wilhelm Hackländers Romanfigur hatte sich besonders für die ›Etiquetten‹ begeistert, mit denen die Waren in jener neuen Konsumkultur für den Käufer identifizierbar gemacht wurden – samt imaginärem Mehrwert: 33
Hier war ein Schiff zu sehen mit vollen Segeln, welches gerade in der kleinen Bucht eines fernen Welttheils anlegte. […] [S]chlanke Palmen und Brodbäume nickten über den Ufer-Rand. Gott wer das einmal in Wirklichkeit ansehen könnte! […] Hatte ich dort das wirkliche Meer gesehen, so blickte ich auf Zeugen, die aus Kameelhaaren gemacht waren, lange Carawanen-Züge, die durch ein unendliches Sandmeer zogen. […] Wie oft war ich dem Kameel durch alle Straßen gefolgt, auf welchem der kleine rote Affe saß und hatte sehnlich gewünscht, es möge mir nur einmal vergönnt sein, das Land zu sehen, in welchem diese Thiere wild umherspringen.
Seine Abenteuer, Prüfungen und Intrigen bestehet der Ich-Erzähler freilich im heimischen Deutschland, bis er schließlich – nach einer Reise nach Südfrankreich – als ein wohlbestallter Kaufmann und glücklicher Ehemann seinen ›Bildungsroman‹ beschließen kann. Als der Autor Hackländer indessen zehn Jahre zuvor –1840 – eine Reise in den Orient unternommen hatte, machte er den Kontrast zwischen der Wunder- und Sehnsuchtswelt der »arabischen Mährchen« und dem »Schmutz und Elend im realen Orient« zum Kompositionsprinzip seiner Reisebeschreibung.34 Die Realität in der Ferne ist hässlich, und läßt sich nicht ›verklären‹. Aber – und diesen Befund sollten etwa Gottfried Keller und Wilhelm Raabe alsbald exemplarisch formulieren – wer dann heimkehrt, wird vollends desillusioniert.
Bis in die Gegenwart ja stellt sich die Frage, wie der koloniale Weltenwanderer denn den Weg zurück in die Heimat findet. Dass hier durchaus ein verdecktes Problem aufzuhellen wäre, davon gibt die Literatur noch immer Zeugnis. In Ilja Trojanows Der Weltensammler (2006) bleibt Richard Burton, der Romanfigur, wie sie Trojanow aus den biografischen und autobiografischen Quellen des Lebens und Denkens von Sir Richard Francis Burton (1821–1890) geschaffen hat, die Heimat fremd, nachdem er die koloniale Aneignung der Welt auf die Spitze getrieben hatte, als teilnehmender Beobachter – und Störer – sogar bei der Hadsch nach Mekka. Burtons Schilderung Personal narrative of a pilgrimage to El Medinah and Meccah, im Jahr 1855 veröffentlicht, befand sich – in deutscher Übersetzung – in Karl Mays Bibliothek.35 Trojanovs Burton ist nicht nur an der Beherrschung und Ausbeutung der Kolonialvölker interessiert, sondern ihm geht es um die kulturelle Aneignung, die er eben in mannigfaltiger Verkleidung, als teilhabender Beobachter verwirklichen will. Verloren hat er dabei seine eigene Identität.36 Nach England findet Richard Burton in Trojanows Roman nicht mehr zurück. Er stirbt im katholischen Süditalien, der letzten Fremdkultur auf seiner Lebensreise.
Doch schon die Literatur des sogenannten ›Realismus‹ des 19. Jahrhunderts kennt die Figur des problematischen Heimkehrers. Und sie ist – in kritischer Akzentuierung – eng verflochten mit den ›Medien des Realismus‹, die zugleich ›Medien des Orientalismus‹ waren.37 Auch in Gottfried Kellers Seldwyler Novellen öffnet sich der heimische Horizont dieses Schweizmodells ins Weite, hatten doch die Schweizer zwar nicht als Eroberer, aber als Handelsleute und Söldner seit je her ihre Weltläufigkeit unter Beweis gestellt. Für Pankraz, den Schmoller, die Titelfigur der Novelle von 1856, wird das Militär in der Fremde eine Schule des Lebens, und er entschließt sich deshalb, »heimzukehren und meine erworbene Arbeitsfähigkeit und feste Lebensart in der Heimat zu verwenden.«38 Als Oberst im Afrikakorps der französischen Fremdenlegion nach 15 Jahren heimgekehrt, erzählt er seine doppelte Bekehrung: Zuerst, im Kolonialdienst der Ostindischen Kompanie, macht ihn seine unsoziale ›Grobheit‹, mißleitet zudem durch die Lektüre des englischen Klassikers Shakespeare, zur leichten Beute der stolzen und koketten englischen Schönen Lydia; dann aber, bei der anderen Kolonialmacht, in französischem Dienst, allein in der algerischen Wüste, besteht er eine gesteigerte Konfrontation: Er wird diesmal nicht zur ›Beute‹, sondern hält, diesmal nicht von literarischer Lektüre mißleitet, in der Wüste Nordafrikas – eine Metapher der Welt selbst – einem wilden Löwen stand, wird so durch Lebensgefahr zu Geduld und Menschenfreundlichkeit erzogen. ›Nordafrika‹ hat den mürrischen Pankraz soweit domestiziert, dass er sich in der Schweiz als Heimat einzufügen – oder anzupassen – weiß.
Waffentechnisch gut ausgerüstet – wie Karl Mays Kara Ben Nemsi – hatten sie sich in der kolonialen Welt bewegt: Pankraz, der »mit einer guten Büchse bewaffnet« ist,39 und auch Leonard Hagebucher, der Protagonist in Wilhelm Raabes Roman Abu Telfan oder Die Heimkehr vom Mondgebirge; der war bei seinem Aufbruch ins innere Afrika mit »einer guten Doppelbüchse, nebst der dazugehörenden Munition« ausgerüstet.40 Aber Pankraz und Hagebucher werden nicht zu Helden des Kolonialzeitalters. Hagebucher wird gefangengenommen und leidet ohnmächtig als Sklave im Tumurkieland. Als der heimgekehrte Kriegsmann Pankraz aber die Geschichten seiner Ohnmachts-Erfahrungen in der fremden, weiten Welt im trauten Familienkreis erzählt, schlafen seine Zuhörer erst einmal ein.41 Während es doch sprichwörtlich wurde, dass einer, der eine Reise getan, auch etwas zu erzählen habe,42 bedeutet ›Heimkehr‹ jetzt Kommunikationslosigkeit, mit der sich Pankraz entsagend und gemeinnützig tätig einrichtet. »[…] erschossen, erschlagen und… totgeschwiegen«43 bleibt alles, was sich heimatlicher Bürgerlichkeit nicht fügt – so wie ja auch für die ›wilde‹ Poesie in der Prosa der Verhältnisse zur Mitte des 19. Jahrhunderts kein Platz mehr ist. Und so bleibt bei dem früher anstößig unangepaßten Pankraz, so wohl integriert er jetzt auch wirken mag, doch unklar, ob hier nicht »ein Sein im Zeichen der Resignation verdeckt« sei44 und ob vielleicht statt eines Modells der Selbstgewinnung durch Entsagung vielmehr ein Muster der Selbstentfremdung in der ›Heimat‹ geboten werde.45
Eben um das Paradox einer unheimatlichen Heimat wird dann – im Jahr 1867 – Wilhelm Raabe seinen Abu Telfan-Roman kreisen lassen. Leonard Hagebucher kehrt erst nach Jahren der Sklaverei in Abu Telfan am Fuß des Mondgebirges, dessen Existenz – einem ironischen Autorkommentar zufolge – freilich unsicher ist,46 zurück in seine Heimat nach Bumsdorf, nahe dem Residenzstädtchen mit dem ebenso sprechenden Namen Nippenburg: In Abu Telfan hatte Hagebucher nichts gestört als die physische, rohe Gewalt und das Heimweh. Jetzt, im Duodez-Format der ›Heimat‹, fing alles an ihn zu beunruhigen. »[S]eine Persönlichkeit, sein Ich in dem gewohnten Lebenskreise zu behaupten«,47 ist gar keine leichte Aufgabe. Er gilt als unverbesserlicher Taugenichts – »Der Bursche lief fort, weil er einsah, daß man ihn hier nicht gebrauchen könne; man hat ihn auch dort nicht gebrauchen können, er ist heimgekommen, und ich habe ihn wieder auf dem Halse!« So sein Vater. Als »[e] in verwilderteres und, trotz der halbeuropäischen Kleidung, aschanti-, kaffern- oder mandingohafteres Subjekt« tritt er auf: Er war eben48
als ein armer Mann aus der Fremde heimgekehrt […], und man teilte einander unter bedächtigem Kopfschütteln mit, daß ein Vagabond in alle Ewigkeit ein Vagabond bleiben werde, und daß es vielleicht um vieles besser gewesen wäre, wenn die Mohren dahinten am Äquator den unnützen Menschen bei sich behalten hätten.
Raabes Hagebucher jedenfalls paßt nicht ins Klischee vom Deutschen, der in der Welt erfolgreich ist; von den Schätzen des Orients findet sich nichts im Gepäck des Heimkehrers. Als er dann noch die Verhältnisse im Tumurkieland mit denen »der eigenen süßen Heimat« in einem öffentlichen Vortrag vergleicht, gilt er endgültig als ein »verruchte[r] Spötter« und ein verdächtiges Subjekt.49 So scheint ihm sein schweres Sklavenleben in Afrika letztlich geradezu erstrebenswerter als die bürgerliche Existenz inmitten seiner Landsleute, die sich selbst für das »biederste Volk der Erde« halten, »das Treu und Redlichkeit übt und, seit es aus dem Urschlamm entstand, seinen Regierungen nicht ein einziges Mal einen gerechten Grund zur Klage gegeben hat.«50 Während Hagebucher sich schließlich eine Art exterritorialen Fluchtorts schafft, der in seiner Beschränktheit bloß noch idyllisches Gegenmodell und sterile Enklave inmitten der fortschreitenden Nation ist, erweist sich das eigentliche Dilemma, wie es die Romanhandlung bis dahin entwickelt hatte, als unlösbar. Es ist die Schein-Differenz zwischen Heimat und Fremde.51 Mittlerweile ist in Welthandel und Weltverkehr dank der Berichte und Bilder aus aller Welt schon eine »Einheit der Welt« hergestellt,52 und diese geht tiefer, als es die Exotik der Bilder aus den ›fernen Länder‹ vermuten läßt; die mediale Oberfläche verbirgt eine wirkliche ›Wahrheit‹ ›über uns‹: ›Tumurkieland‹ und Deutschland – so der kritische Kommentar des ›realistischen‹ Romans zum medialen Afrikadiskurs53 – sind sich ähnlicher, als es den biederen Deutschen lieb ist;54 denn nicht die Barbarei wurde kolonisatorisch zivilisiert, sondern die heimische Zivilisation weist gut kaschierte ›barbarische‹ Züge auf. Letztlich wird Afrika zur Metapher der Unbekanntheit der Europäer mit sich selbst, jenem ›wahren, inneren Afrika‹, das als weißer Fleck der Mentalität in dem Reich des Unbewussten so genau dem weißen Fleck im Inneren des schwarzen Kontinents entspricht, der die Entdeckungsreisenden und Kolonisatoren so reizt.55
So beschreibt Raabe denn hier nicht etwa die authentische Erfahrung eines Heimkehrers ›realistisch‹, sondern fragt vielmehr nach der Realität des Afrikadiskurses in einer ›mittleren‹ – oder auch ›mittelmäßigen‹ Kultur,56 wie er sich in der zweiten Jahrhunderthälfte in vielfältigen Medien etabliert hatte; während Hagenbucher den »empirische[n] Erwartungsdruck der Öffentlichkeit« – letztlich eine kolonial imprägnierte Neugierde – nicht zu befriedigen vermag,57 hat am ›wirklichen Afrika‹ des Leonhard Hagenbucher in Bumsdorf und Nippenburg niemand Interesse.
Das Schicksal des Mannes ›aus dem Volk‹, Johann Gottlieb Krüger, führt keineswegs in die Diskursräume der ›realistischen‹ Literatur eines Gottfried Keller oder Wilhelm Raabe, kann aber als deren Realitätskomplement entziffert werden. Gehört zu den Hauptthemenkreisen des damaligen Afrikadiskurses der »Einfluss der europäischen Kolonisation in den Küstengebieten, vor allem in den afrikanischen Mittelmeerländern«,58 so veranschaulicht Krügers Lebensgeschichte, wie dieser Einfluß allmählich entstand, wie weit entfernt von europäischen Vorstellungswelten sogar das ›äußere Afrika‹, eben die Maghrebregion, entfernt war und wie groß die sozialen und Bildungsdifferenzen innerhalb der ›europäischen Zivilisation‹ waren. Denn im Vergleich zu diesem Schreibenden gehört sogar der ›Vagabund‹ Hagebucher zu den Privilegierten. Schon alle Voraussetzungen, aus denen sich allmählich die Desillusions- und Entsagungsgeschichten bei Keller und Raabe entwickeln, fehlen bei Johann Gottlieb Krüger. Er hat nicht die Ausrüstung eines Kolonialhelden; er ist ein waffenloser Deserteur, vorher ein geschundener Fremdenlegionär. Die Hunger- und Armutskrise in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts hatte viele Deutsche zur Auswanderung gezwungen. Krüger ist arm und wird es bleiben. Versucht hatte er, seinen gedrückten Lebensbedingungen, die sich nur während seiner Dienstzeit beim Preußischen Militär erträglicher gestaltet hatten, in der französischen Fremdenlegion zu entgehen, die – am 10.März 1831 gegründet – sogleich eine rege Werbetätigkeit entfaltet hatte. Im Dezember 1831 schiffte sich »die gesamte Fremdenlegion nach Algerien« ein, um den im Mai 1830 begonnenen Eroberungskrieg, nach mancherlei Rückschlägen, doch noch erfolgreich zum Ende zu bringen. »Unter den Legionären der ersten Jahre in Algerien dominierten zunächst die Schweizer […] und die Deutschen mit einem Anteil von etwa 40 %.«59 Die Legion hatte den Ruf, dass sie »nur aus Abentheurern, Vagabunden und schlechtem Gesindel zusammengesetzt« sei;60 immerhin aber hatten sich die Deutschen früh Respekt als das »›Rückgrat‹ der Legion« erworben.61 Nachdem sieben Bataillone der Fremdenlegion in den strapazenreichen Kämpfen und Scharmützeln, aber auch durch Krankheit und Unterversorgung fast völlig aufgerieben waren, stellte man eine ›neue Fremdenlegion‹ auf, die im Januar 1837 abermals nach Nordafrika verlegt wurde.
›Legio patria nostra‹/ ›Die Legion ist unser Vaterland‹ – das war seit ihrer Gründung das Motto der Fremdenlegion. Freilich erweist sie sich für Krüger und viele andere als äußerst unheimatlich. Kolonialmächte verwandelten das Land ja keineswegs in eine staatlich durchorganisierte Provinz, sondern gingen von ›Inseln der Herrschaft‹ aus, die sich erst allmählich soweit verdichteten, dass eine vollständige Abhängigkeit vom ›Mutterland‹ entstand. Krügers Schicksal beginnt in der ersten Phase dieser Landnahme, und entsprechend wenig zeugt dabei von kolonialer Machtentfaltung. Eine Notiz in der Zeitschrift Preußischer Volksfreund umreißt aus zeitgenössischer Kenntnis, was auch Krüger, der ja nach seiner Flucht aus der Zwangs-›Heimat‹ der Legion wiederum zwangsweise zum Islam konvertierte,62 zu erwarten hatte: 63
Die Renegaten haben in Afrika einen außerordentlich geringen Werth. Die Deserteurs, welche das Glück haben, nach Fez zu gelangen, um dort den Islam anzunehmen, werden unter die kaiserliche Leibgarde gesteckt, die aus ungefähr 6000 spanischen und französischen Renegaten besteht […] Viele aber gelangen nicht bis Fez, sondern fallen schon auf dem Wege dahin den Häuptlingen dieser oder jener Stämme in die Hände, die sie ohne Weiteres für drei bis vier Dollars als Sklaven verkaufen, während die schwarzen Sklaven zwischen 30 und 80 Dollars im Preise stehen.
Krüger also flieht aus der unerträglichen Schinderei in der Legion, und er gerät in eine faktische Sklaverei bei vielfältigen Herren, zuletzt eben dem Bey von Tunis in dessen Leibgarde.
Mögen »Wüstensöhne und Despoten« das »Bild des Vorderen Orients« in den deutschsprachigen Weltgeschichten noch des 20. Jahrhunderts bestimmen,64 so ist Krüger ein Zeuge nicht etwa für den geordneten Schulstoff der Geschichte, sondern für die sinistre Wirklichkeit. Jedes der in der ›Heimat‹ verbreiteten Bilder aus einer fernen Welt, »die sich ganz und gar von der unterscheidet, in der die Menschen wohnen, deren Träume diese Exotik ausmalen«, 65 löst sich auf, sobald man, wie Krüger, ohne Schutz und Hilfe dieser ›Welt‹ in der ›Berberei‹ ausgesetzt wird. Auch von den erotischen Träumen, die für den Exotismus der Voyeure so unverzichtbar sind,66 wird in Krügers desolater Ehe keiner eingelöst. Und schließlich wird auch die süße Hoffnung auf Heimkehr nach Deutschland sich nie erfüllen. Er bleibt trotz wohlmeinender Vermittlungsversuche in die Fremde gleichsam verbannt. Und will man fragen, wie eine glückliche Heimkehr denn hätte gelingen können, so ist zumindest die Einschätzung der Zuhausegebliebenen in Raabes Roman wohl ›realistisch‹ genug, um auch den Verwandten Krügers unterstellt zu werden: Die lassen das ›verkommene Subjekt‹ lieber, zwar nicht bei den Mohren, aber doch in der ›Berberei‹.67
Krüger ist der Gegentyp auch zu allen Europäern, die sich nach Nordafrika aufmachten, um dort die ›Fremde‹ nicht zu erobern, sondern sie bloß zu erfahren: unberührte Landschaft, fremde Völker mit anderen Lebensformen, eine nicht kleinlich beschränkte, in ihrer Willkür mal beängstigende, mal beeindruckende Herrschaft, die erst allmählich unter den Druck kolonialer Expansion geriet; denn erst diese Entwicklung hatte ja solche Reisen überhaupt erst in größerer Zahl möglich gemacht,68 und so sind sie mit der Wirklichkeit machtpolitischer und kultureller Kolonisierung unauflöslich verbunden. Unter dem Titel Kulturmensch in »barbarischer« Fremde hat Mounir Fendri schon vor geraumer Zeit diesen Nordafrikareisenden eine grundlegende Studie gewidmet.69 Zahlreiche Namen sind zu nennen, Reisebeschreibungen wurden veröffentlicht; das Muster kultureller Selbstgewissheit der Europäer angesichts der befremdlichen Umstände in Nordafrika tritt immer wieder zutage. Was von der Fremde wahrgenommen wurde, dient zur Vergewisserung des Eigenen. Die Fremde ist nicht herausfordernd und radikal anders, sondern sie bietet vielmehr die Gelegenheit, das Vertraute noch einmal zu bestätigen und zu steigern; gerade deutsches Wesen wird überall in der Welt geschätzt und kann sich überall behaupten. Der Bogen zu Karl Mays naivem Kolonialismus der Seele schließt sich. – Das Eigene ist die ›Kultur‹ Europas, das Andere bleibt exotisch, faszinierend, manchmal bewundert und beneidet, im selben Impuls aber doch insgeheim oder offen als rückständig betrachtet. Und das ›innere Afrika‹ löst keinerlei Verstörung aus. Die koloniale Welt ist schon recht gut geordnet, und sie wartet nur darauf, von Männern mit gesicherter Persönlichkeit in den Blick genommen zu werden. Auch einige Frauen schließen sich solchen Expeditionen schon an.70
Der Kontrast zu Krügers Aufzeichnungen könnte nicht größer sein. Die Erfahrungen Krügers sind gänzlich anderer Art. Begründet ist dies schon darin, dass er ganz gewiss kein ›Kulturmensch‹ war, sondern eben einer, den auch die europäische Leitkultur kaum erreicht hatte: Er gehört zu den Armen und Ungebildeten, denen in der Geschichte dann auch nur die Rolle der Unbeachteten zugedacht ist. Die Kategorien kultureller Deutung, die zugleich im 19. Jahrhundert als Kategorien kultureller Dominanz begriffen werden – und dies nicht nur im Vergleich mit den fernen Ländern im Maghreb, sondern auch etwa im Blick der Deutschen auf Polen oder Tschechen oder auch im Blick der Franzosen nach Deutschland – diese Kategorien einer ›überlegenen Kultur‹ stehen Krüger überhaupt nicht zur Verfügung. In jene europäischen Selbsterkundungen der Gebildeten – die Erfahrungen der frühen Reisenden, die imaginierten Fremderkundungen in der Literatur – sind die autobiographischen Notizen Krügers nicht einzupassen. Ebensowenig passen sie zu den ›Kriegserinnerungen‹ aus der Legion, wie man sie etwa in der Gartenlaube lesen konnte; dort berichtet 1860 Theodor Küster, freilich ein Offizier, von seinen »Besuchen bei einheimischen Würdenträgern, deutschen Kolonisten, der Teilnahme an arabischen Fantasias und abenteuerlichen Jagden.«71 Dazu kommt eine Literatur populären Heldentums; im Ersten Weltkrieg wird der deutsche Fremdenlegionär gar noch zum heldischen Protagonisten einer ungemein publikumswirksamen ›Schundliteratur‹. Die Serie Heinz Brandt der Fremdenlegionär, die im Dresdner Mignon-Verlag erscheint, hat einen beispiellosen Erfolg und dies trotz aller volkspädagogischen Warnungen vor solcher Lektüre.72 Diese Geschichten galten – ungeachtet der geschilderten Gefahren und Mühsale – als verführerisch, da jene »Heldenhaftigkeit des deutschen Legionärs« geradezu »einen Glorienschein« erhalte und nachher auch zur Nachahmung einlade.73 – Früh eingesetzt hatte denn auch die zur Heroisierung konträre Warnliteratur. Schon 1837 hatte Herrmann Hauber seine Memoiren aus Algier oder Tagebuch eines deutschen Studenten in französischen Diensten vorgelegt.74 Anders freilich als Krügers biographische Ansätze präsentiert dieser Text, wie die lange Reihe der folgenden, die bis ins 21. Jahrhundert führt, sich als äußerst homogen, entwickelt ein Warn-Schema in einer kaum variationsfähigen Topik, schildert dabei Not und Elend der Legionäre. Auch hier tragen die Familienzeitschriften zur Ausgewogenheit im Medienuniversum bei, stellen nicht nur den zufriedenen Offizier, sondern ebenfalls deutsche Fremdenlegionäre vor, die nur eins bedauern: Fremdenlegionäre geworden zu sein und »ihre Heimat verlassen zu haben«;75 die einschlägigen Scenen aus der Fremdenlegion in Afrika praktizieren freilich eine appellative Rhetorik und nutzen stereotype Formeln einer ›mittleren‹ – wenn man so will: halb-gebildeten – ›Literatur‹, wie sie das Publikum eines Familienblattes erwarten mochte, wie sie aber Krüger wiederum fremder nicht sein konnten:76
Ein Marsch in Afrikas sandigen Steppen! Kann sich der Leser wohl einen Begriff von einem solchen Marsche machen? Nein, er kann es nicht! – Unmöglich ist es, sich die glühenden Sonnenstrahlen, die wie zerschmolzenes Blei auf das Haupt fallen, vorzustellen – unmöglich kann er eine Idee von der brennenden Atmospähre haben, die die Lungen versengt und einem compacten Körper gleich die Brust wie ein Alp zerdrückt! – Und nun füge man die Equipierung, Montirung und Bewaffnung des Soldaten hinzu, die ein Gesammtgewicht von über 60 Pfund ausmacht, und trotz alledem kann man sich noch keine Vorstellung von den unsagbaren Qualen einer Expedition in der Richtung der Wüste machen.
Krügers Ansätze einer Beschreibung des eigenen Lebens weisen dieses Pathos des Leidens nicht auf; sie blieben freilich auch unbekannt. Der rührige Afrikareisende und -forscher Gustav Nachtigal, der Krügers Niederschriften als biografische Quelle veranlasste, hat sie dann doch nicht ausgewertet. Hätten aber diese Aufzeichnungen einen Weg in die Öffentlichkeit finden können, hätten sie sich als irritierendes Korrektiv des Mediendiskurses der bürgerlichen Bildungsgesellschaft erwiesen. Gustav Nachtigal hatte Krüger offenbar als ethnographischen Informanten betrachtet und ihn wohl auch deshalb zur Niederschrift seiner Erlebnisse ermutigt;77 Krügers Verzicht auf Ich-Darstellung mag auch von den Erwartungen dieses primären Adressaten mit bestimmt sein. Der Essay, den Nachtigal aus Krügers Informationen erarbeiten wollte, blieb ungeschrieben; aber die überlieferten handschriftlichen Notizen erlauben einen Einblick in die Arbeitsweise und verdeutlichen nochmals die Besonderheit von Krügers Schreiben. Hatte Krüger seine »Lebensgeschichte, die er mit gewisser Vorliebe schriftstellerisch ausgearbeitet hat,« Nachtigal »zu etwaiger Zustutzung etc.« übergeben;78 Nachtigal hatte einen Essay auf der Basis von Krügers Erinnerungen geplant, und die ethnologische Erwartung des Adressaten hatte offenkundig von Fall zu Fall auch Krügers Schreibstrategie bestimmt; so berichtet er über die Gebetspraxis der Muslime und Nachtigal überträgt, nun schon sprachlich normalisiert, dies in seinen Notizen: 79
3. Verließ Timrai und ging nach Esnagen zu, wo er 2 Deutsche, 1 Schmid aus Hamburg u. einen Bauer […] von Saarlouis antraf. [Bei seinem Gastgeber] mußte er von Europa ertzählen bis der Muedsen zum 5ten Mal zum Gebet rief u. Alles sich zu dem Gebet versammelte Nachher kam ein alter Mann und unterrichtete ihn im Islam. Er wurde beschnitten. u. im Waschen u. Beten unterichtet. Sie beten des Tages 5 mal und vor jedem Gebet machen sie eine Abwaschung: des Morgens sobald der Tag anbricht beten sie 2 mal für sich u. ihre Sünden; wenn d. Sonne den Himmel röthet, 2mal zu Gott u. Mohamed; auf den Mittag 4 mal; Nachmittag 4 mal; wenn die Sonne untergeht 3 mal, (2 laut u. 1 in Gedanken); in der Nacht 4 mal (2 laut, 2 leise); nachher 2mal für die Ruhe der Nacht und 1 mal für ihre Sünden. Nach jedem Gebet stellen sie sich mit dem Angesicht auf Mekka, heben beide Hände hoch bis an die Ohren, lassen sie wieder fallen u. sagen Allah akbar (Gott ist groß), das Fathia und ein kurzes Gebet; dann neigen sie sich runter und die Haend auf die Knie, wiederholen Allah akbar, richten sich wieder auf und fallen ganz auf die Erde, indem sie sagen Allah máleki Elhamdo (Gott mein König sei gelobt), richten sich wieder auf und beten weiter. Diese Bewegungen werden bei jedem Gebete wiederholt. Zum Waschen hocken sie sich nieder, nehmen Wasser in die rechte Hand, schmeißen es auf die linke und waschen sich die Haut 3mal; dann wird Wasser in den Mund genommen, 3mal ausgewaschen und die Gurgel ausgespült die Nase 3 mal ausgeschnauft u. gewaschen und so nachher jeder Arm 3 mal bis zum Ellenbogen; dann die Füße 3mal vom kleinen Gefüss bis zum großen und bis zu den Knöcheln. Zuletzt wird Wasser zwischen die beiden Zeigefinger genommen und über das Haupt gestrichen, noch einmal, um die Ohren auszuwaschen, endlich noch den benetzten Finger noch einmal über das Haupte gestrichen und das Glaubensbekenntnis hergesagt.
Krügers – pragmatischer, aus seinem Erlebnis der Wüste leicht abzuleitender – Hinweis, dass Wasserverschwendung beim Gebet für Sünde gehalten wird, entfällt in Nachtigals Notizen zur Gebetspraxis. – Insgesamt sind Krügers Aufzeichnungen aber locker gefügt. Oft prägt ein krasses Auf-und-Ab, zumeist kommentarlos, seine Schreibhaltung, immer aber eine Unkenntnis von Rechtschreibregeln und erst recht jener sinnstiftenden Zusammenhänge, die von Fall zu Falle der Ethnologe nachliefert: Als der Bey von Tunis von einem Besuch in Frankreich zurückkehrt, sitzt er zu Gericht, denn: »In wehrend seiner abwesenheit nach Frankreich hatten sich viele Räuber und Mörder eingefunden die ihm weil er wieder Gericht hielt vorgebracht wurden machte aber keine große Gustizige über sie, ließ ihr die Köpfe gleich runter hauhen, so wie das Gericht über sie gehallten war«. So Krügers lapidare Beschreibung.80
Hier werden die im Orientkult des 18. Jahrhunderts in grotesker Verzerrung scheinbar gebannten Schreckbilder zur schlichten Wirklichkeit.81 Gegenüber dem zwar gefährlichen, aber letztlich ohnmächtigen Osmin aus Mozarts Oper die Entführung aus dem Serail, der alle Fremden am liebsten köpfen, spießen, hängen möchte, ist der Bey von Tunis, Krügers Dienstherr, von beachtlicher Effizienz. Die Unberechenbarkeit der fremden Macht bleibt in Krügers Wahrnehmung bestehen. Was aber das Handeln des Beys tatsächlich steuern mag – rechtliche Grundsätze, persönliche Überzeugung, achtlose Grausamkeit oder Machtkalkül –, das entzieht sich Krügers Kenntnis, und wir erfahren es aus dessen Notizen nicht. Ganz anders hatte der Fürst Pückler, als er Tunis besuchte und ehrenvoll empfangen wurde, einen solchen Gerichtstag erlebt; die Schilderung in seinem – beim gebildeten Publikum wie bei der Kritik – höchst erfolgreichen – Reisebuch schildert der Fürst eben eine solche Gerichts-»Ceremonie«, wie sie »mit vieler Würde von statten« ging.82 – Für die Reisende Marie Espérance von Schwartz umgeben den ›Schater‹ Krüger selbst freilich, als sie ihm 1848 in Tunis begegnet, die Schrecken des Todes, erklärte er ihr doch »mit tiefer hohler Stimme«, er sei, »was man Scharfrichter nennt«, vermag sie, die einen Entsetzensschrei ausstößt, jedoch zu beruhigen: Er habe ja »noch nie einen Menschen hingerichtet«.83 Eine weitere, zur Anekdote stilisierte Miniatur des befremdeten Fremdverstehens – zwischen der gebildeten Dame auf Abenteuerreise und dem exotisch gewordenen Unterschicht-Europäer, dem sie in heimischen Landen wohl kaum ihre Aufmerksamkeit zugewandt hätte.
Krüger steht zwar, wie gerade seine Versuche, sich mit fast zufälligen Resten der Bildung zu schmücken,84 keineswegs in Opposition zu jener höheren Schicht, der er nicht angehört. – Pankraz, der Schmoller, war in seiner Lektüre Shakespeares der ›wahren Wirklichkeit‹ der Poesie begegnet und dadurch zu seiner – noblen, wenn auch wenig weltklugen – Feldeutung der Realität konventioneller Koketterie mißleitet worden. Als Leonard Hagebucher nach Bumsdorf zurückgekehrt war, versuchte er, sich durch die Lektüre eines Konversationslexikons wieder in die Welt eines deutschen Philistertums, das sich als gebildet begriff, einzubürgern, freilich vergebens. – Zur Buch- und Bildungskultur aber hatte Krüger ohnehin kaum Zugang. In der Heimat aber war er mit seinen lückenhaften Volksschuldkenntnissen bereits ausgegrenzt, und die wenigen Bildungsfrüchte, die er in seine Notate, und zwar offenbar ohne Kenntnis ihrer genauen Herkunft einstreut, belegen dies denn auch eindrucksvoll. Es sind Versuche, Richtpunkte für sein eigenes verwirrtes Leben, in einer geordneten Bildungswelt zu finden, die nicht die seine ist. »Wer nie sein Brot mit Tränen aß…«, dies mag eine Zeile aus Goethes Bildungsroman Wilhelm Meister gewesen sein, deren Herkunft ihm fremd war, die aber mit den höheren Weihen der Bildung versehen ihm ebenso Trost spenden konnte, wie religiöse Sätze aus seinem neuen Glauben, die er ebenfalls festhält. Er schreibt dies alles denn auch unterschiedslos in sein Notizbuch, versucht auf ›Goethe‹ dann mit politischmoralischer Selbstbehauptung zu antworten, und zwar mit der Berufung auf sein in Kummer und Not bewährtes »Gefühl für Menschenrechte«.85 Jene Teleologie des Lebenslaufes aber, wie sie im Projekt Deutsche Bildung seit 1800 entwickelt worden war, erschließt sich dem schreibenden Krüger nicht. Weder bringt ihm ›das Alter in Fülle, was seine Jugend ersehnt hatte‹ – trotz solch wiederum einschlägiger Goethe-Maxime86 –, und ganz gewiß gehört er nicht zu den ›Männern, die Geschichte machen‹; sondern er gehört zu denen, die von der Geschichte herumgestoßen werden und ihre eigene Lebensgeschichte weder in die Zukunft zu entwerfen, noch gar einen solchen selbstbestimmten Entwurf, gleichsam den persönlichen Lebensroman, zu verwirklichen wissen. Krüger lebt situativ und er erzählt additiv, reiht ein Geschehnis ans andere. Auf unerträgliche Situationen reagiert er. Während die Vertreter der Kolonialmacht stets bestrebt waren, »eine Identität als ›weiße‹, europäische Herrscher zu profilieren« und sich durch eine kulturelle und – und im Lauf des Jahrhunderts zunehmend auch rassische – Überlegenheit »von den lokalen Bevölkerungen abzugrenzen«,87 ist von all dem bei dem gejagten Krüger keine Spur zu entdecken. Auch wo er Aberglauben und Wundersucht der Beduinen notiert, zieht er daraus kein Gefühl der Überlegenheit, so sehr ist er damit beschäftigt, das nackte Leben zu retten. Immer wieder gelingt ihm eine neue Flucht – als geringstes Anzeichen autonomer Selbstbestimmung, denn oft genug endet sie wiederum in größerer Misere und Unterwerfung. Plötzlichkeit: die Reaktion auf das, was der Zufall bringt, dem Krüger kein umfassendes Lebensnarrativ zu unterlegen weiß, bestimmt sein Dasein in der Fremde. Die Distanzlosigkeit seiner Notizen, Verzicht auf Reflexion und Sentiment, die zahlreichen Wiederholungen, Ungenauigkeiten der Berichterstattung, das auch von außen veranlasste neue Ansetzen und Variieren des Vorhandenen, das alles macht Krüger zu einem leidenden Ethnographen seiner selbst, der sich in der Fremde in diesen Notizen selbst wie einen Fremden betrachtet.
Wir werden mit Krüger in die Welt derer geführt, die mit der Etablierung der gebildeten Schriftkultur vollends ihre Stimme in der Öffentlichkeit verlieren; ihre Botschaft ist uninteressant für das dominante Weltwissen der ›Heimat‹. So bleiben Krügers Aufzeichnungen unveröffentlicht und lange sogar unentdeckt.88 Erst um 1900 werden sich in Deutschland erste Erkundungen ins Leben der Unbedeutenden und Unbekannten etablieren können. Es sind die Exoten im eigenen Land, die Arbeiter und Proletarier, denen sich jetzt eine, wenn auch noch eine geringere Aufmerksamkeit zuwendet. Ein Johann Gottlieb Krüger aus Mecklenburg ist dann längst vergessen. Seine Notizen bleiben Archivgut. Wenn wir sie heute lesen, öffnen sie uns gleichsam eine Tür in ein anderes 19. Jahrhundert. Es ist nicht das Jahrhundert der siegreichen Nationen, die vorgeblich all ihre Mitglieder in sich begreifen als ein einziges ›Volk‹. Es zeigt sich vielmehr, dass Verlierer auch auf der siegreichen Seite zu finden sind: Menschen wie Krüger, die in der Heimat achtlos behandelt, gleichsam überflüssig sind, und die in der Fremde deshalb erst recht nicht ihr Glück finden.
Doch mit einem Artikel, den die Gartenlaube im Jahr 1873, zwei Jahre nach der Gründung des Deutschen Kaiserreiches veröffentlichte,8989 gibt es zumindest einen Beleg für das Medienformat, wie es sich hier entwickelt hatte. Hier lässt sich die Differenz zu Krügers ungeschönten Aufzeichnungen unmittelbar ermessen. Die Berichterstatter besuchen einen ›anderen Krüger‹, ebenfalls deutscher Leibgardist des Beys von Tunis – Herrn Müller – dort in »einem kleinen, unscheinbaren, aber sauber gehaltenen Hause«, erster Beleg deutscher Ordnung, wie sie sich Karl May nicht besser hätte ausmalen können. Im gut geführten Hausstand findet sich, übersandt von einem Verwandten aus Deutschland, auch »eines jener Flugblätter über Episoden aus dem deutsch-französischen Kriege«, und da ›Herr Müller‹ noch nie das dort abgedruckte Lied Die Wacht am Rhein gesungen hörte, stimmt man »einen Chorus« an, der im französischen Kolonialreich die deutsche Stimme erhebt – und alle sind zutiefst gerührt von »der Macht des deutschen Liedes«. – Nachdem so von Krügers Leben und Schicksalen immerhin Bruchstücke – und zwar aus heutiger Sicht kaum glaubhafte – bekannt geworden waren, etabliert sich ein nationales Narrativ als eine gleichsam sekundäre Rezeptionsebene, die erst dank der hier vorliegenden Edition mit dem nie wahrgenommenen, unmittelbaren primären Rezeptionsangebot verglichen werden kann. Diese sekundäre Rezeption, die nach dem Muster des ›Kulturmenschen im Abenteuerreich‹ konstruiert ist, verdankt dem sächsischen Erfolgsschriftsteller Karl May nicht wenig. Aber Krügers Notizen bieten uns weitaus mehr, als nur eine interessante Quelle der beeindruckenden Nebenfigur bei Karl May. Sie bieten uns die Wirklichkeit der Armen und Missachteten, die in den geordneten Erzählungen der imaginären Weltbilder ebensowenig wie bei denen die behaupten, sie wüssten, ›wie es (wirklich) gewesen ist‹, zumeist nicht vorkommen.
1 Dies wäre zu differenzieren; Grundlegendes zu den genannten Werken in den jeweiligen einschlägigen Abchnitten von: Karl-May-Handbuch. 2. erw. Aufl. Hg. v. Gert Ueding u. Klaus Rettner. Würzburg: Königshausen & Neumann 2001; Genaueres findet man in dem Beitrag von Martin Lowsky in diesem Band. – Ich danke Tim Preuß (Dresden) für seine umsichtige und verläßliche Hilfe bei der Arbeit an meiner hier vorgelegten Studie.
2 So eine Kapitelüberschrift in dem Band: Deutscher Kolonialismus. Fragmente seiner Geschichte und Gegenwart. Hg. von der Stiftung Deutsches Historisches Museum. Berlin, Stuttgart: Stiftung Deutsches Historisches Museum, Theiss 2016, S. 235.
3 Andrea Polaschegg: Immer wenn ich an den Orient denke, fällt mir der Islam ein. Die feinen Unterschiede in Karl Mays Morgenland. In: Karl May: Brückenbauer zwischen den Kulturen. Hg. v. Wolfram Pyta. Berlin: LIT 2010, S. 91–107, hier S. 96. Ebd., S. 96f., die Präzisierung, dass der Reisename eigentlich ›Nachkomme der Österreicher‹ bedeutet, und dessen Diskussion. Vgl. weiter dies.: Durch die Wüste ins Reich des silbernen Löwen. Kara Ben Nemsi reitet durch den deutschen Orientalismus. In: Karl May. Imaginäre Reisen. Hg. v. Sabine Beneke, Johannes Zeilinger im Auftrag des DHM. [Katalog zur Ausstellung des DHM vom 31. August 2007 bis 6. Januar 2008.] Berlin: DHM 2007, S. 115–136; sowie Karl-Heinz Kohl: Kulturelle Camouflagen. Der Orient und Nordamerika als Fluchträume deutscher Phantasie. In: Beneke/ Zeilinger, Imaginäre Reisen (wie oben), S. 95–114, bes. S. 107–113. – Weiter Eckehard Koch: »Was haltet ihr von der orientalischen Frage?« Zum zeitgeschichtlichen Hintergrund von Mays Orientzyklus. In: Karl Mays Orientzyklus. Hg. v. Dieter Sudhoff und Hartmut Vollmer. Paderborn: Igel 1991, S. 64–82. Im Besonderen zum Kontext ›Krüger Beis‹ unten im Beitrag von Martin Lowsky, S. 214.
4 Vgl. meine Studie: Karl Mays phantastische Werdejahre: Der Schriftsteller als Kleinkrimineller in der Armutsregion an der sächsisch-böhmischen Grenze. In: Sächsisch-Böhmische Beziehungen im Wandel der Zeit. Hg. v. Kristina Kaiserová und Walter Schmitz. Bd. 1: Textband. Dresden: Thelem 2013, S. 154–185.
5 Hartmut Kühne: Satan und Ischariot I–III. In: Karl-May-Handbuch (wie Anm. 1), S. 216–222, hier S. 219. 6 Vgl. die aufschlussreiche Analyse des kolonialen Herrschaftssymbols der ›Nilpferdpeitsche‹ bei Karl May in Axel Dunker: »Durch die Wüste undsoweiter«. Orient, Orientalismus und der deutsche Kolonialismus der Phantasie. In: Maskeraden des (Post-)Kolonialismus. Verschattete Repräsentationen ›der Anderen‹ in der deutschsprachigen Literatur und im Film. Hg. v. Ortrud Gutjahr und Stefan Hermes. Würzburg: Königshausen & Neumann 2011, S. 173–195, hier S. 177–180.
6 Vgl. meine Studie: MITTELEUROPA – Landschaft und Diskurs. In: ›Mitteleuropa‹. Geschichte eines transnationalen Diskurses im 20. Jahrhundert. Bd. 1. Hg. v. Jacques Lajarrige, Walter Schmitz und Giusi Zanasi. Dresden: Thelem 2011, S. 11–40, hier S. 18. – Vgl. hier und im Folgenden nur Klaus J. Bade (Hg.): Imperialismus und Kolonialmission. Kaiserliches Deutschland und koloniales Imperium. 2. Auflage. Stuttgart: Steiner 1984. – Christopher A. Bayly: Die Geburt der modernen Welt. Eine Globalgeschichte 1780–1914. Frankfurt a. M., New York: Campus 2006.
7 Vgl. Russell A. Berman: Der ewige Zweite. Deutschlands Sekundärkolonialismus. In: Phantasiereiche. Zur Kulturgeschichte des deutschen Kolonialismus. Hg. v. Daniela Gretz. Frankfurt a. M.: Campus 2003, S. 19–32.
8 Vgl. Christian Geulen: Weltordnung und »Rassenkampf«. Zur ideologischen Matrix des Kolonialismus. In: Deutscher Kolonialismus (wie Anm. 2), S. 33–39, hier S. 34.
9 Zu ›Mitteleuropa‹ als Expansionsraum des Deutschen Kaiserreiches vgl. meine Studie MITTELEUROPA – Landschaft und Diskurs (wie Anm. 7), S. 15–21.
10 Die deutschen Kolonialaktivitäten galten lange als »marginaler Kolonialismus«. Vgl. Ulrike Lindner: Transimperiale Orientierung und Wissenstransfers. Deutscher Kolonialismus im internationalen Kontext. In: Deutscher Kolonialismus (wie Anm. 2), S. 16–29, hier S. 17.
11 Vgl. Roger Chickering: We Men Who Feel Most German: A Cultural Study of the Pan-German League, 1886–1914. Boston: Allen & Unwin 1984.
12 Rebekka Habermas: Intermediaries, Kaufleute, Missionare, Forscher und Diakonissen. Akteure und Akteurinnen im Wissenstransfer. Einführung. In: Von Käfern, Märkten und Menschen. Kolonialismus und Wissen in der Moderne. Hg. v. ders. und Alexandra Przyrembel. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2013, S. 27–48. – Zur zeittypischen Charakteristik des Forschers als ›Held‹ bei Matthias Fiedler: Zwischen Abenteuer, Wissenschaft und Kolonialismus. Der deutsche Afrikadiskurs im 18. und 19. Jahrhundert. Köln, Weimar, Wien: Böhlau 2005, S. 136–142.
13 Weltgeschichte. Die Entwicklung der Menschheit in Staat und Gesellschaft, in Kultur und Geistesleben. Hg. v. Julius von Pflugk-Harttung. 6 Bde. Berlin 1907–1910. Hier Bd. 6, S. 278. Zit. nach Hartmut Bergenthum: Berlin: Kolonialismus und Rassismus in der populären Weltgeschichtsschreibung, vornehmlich dargestellt am Beispiel der Ullstein-Weltgeschichte. In: Kolonialismus hierzulande. Eine Spurensuche in Deutschland. Hg. v. Ulrich van der Heyden und Joachim Zeller. Erfurt: Sutton 2007, S. 370–374, hier S. 371. – Eine neuere Monographie zu Nachtigal fehlt, vgl. Claus Priesner: Nachtigal, Gustav. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Bd. 18, S. 682–684, sowie zu Nachtigals Aufenthalt in Tunesien Mounir Fendri.: Kulturmensch in »barbarischer« Fremde. Deutsche Reisende im Tunesien des 19. Jahrhunderts. München: Iudicium 1996, S.258–297.
14 So Hans Wollschläger: Vorwort: Karl Mays Reisen und ihre Wirklichkeit. In: Karl May: Gesammelte Werke. Bd. 82: In Fernen Zonen. Karl Mays Weltreisen. Orient 1899–1900. Amerika 1908. Hg. v. Lothar und Bernhard Schmid. Bamberg, Radebeul: Karl-May-Verlag 1999, S. 5–12, hier S. 6.
15 Vgl. Birthe Kundrus: Die Kolonien – »Kinder des Gefühls und der Phantasie«. In: Dies., Phantasiereiche (wie Anm. 8), S. 7–18. – Dies.: Spurensuche. Der deutsche Kolonialismus in kulturgeschichtlicher Perspektive. In: Gutjahr, Maskeraden (wie Anm. 6), S. 17–38. Weiter Klaus R. Scherpe: Szenarien des Kolonialismus in den Medien des deutschen Kaiserreichs. In: Ebd., S. 149–172. – Stefan Koppelkamm: Exotische Architekturen im 18. und 19. Jahrhundert. Veröffentlicht im Rahmen des Gesamtprojekts Exotische Welten. Europäische Phantasien. Berlin: Ernst & Sohn 1987. – Im Materialteil auf Südamerika konzentriert, aber für uns dennoch methodisch anregend Susanne Zantop: Kolonialphantasien im vorkolonialen Deutschland (1770–1870). Berlin: Schmidt 1999, S. 9–29.
16 August von Platen: Werke. Bd. 1. Hg. v. Jürgen Link. München: Winkler 1982, S. 242. – Dazu Andrea Pollaschegg: Der Flug in die Fremde – der Flug in die Dichtung. Zu einer poetischen und hermeneutischen Denkbewegung um 1800. In: Topographien der Literatur. Deutsche Literatur im transnationalen Kontext. Hg. v. Hartmut Böhme. Stuttgart 2005, S. 648–672.
17 Gordon Uhlmann: Hamburg: Kolonialwaren. In: van der Heyden/Zeller, Kolonialismus hierzulande (wie Anm. 14), S. 348–52, hier S. 350.
18 Ebd., S. 351.
20 Friedrich Wilhelm Hackländer: Handel und Wandel. Hg. von Taro Breuer. Jena: IKS Garamond 2003, S. 53. – Hinweis auf diese Stelle bei Torsten Hahn: Objektive und ›Ideale‹ Bilder. Aufgenommen während einer Reise in den Orient in den Jahren 1840 und 1841. In: Magie der Geschichten. Weltverkehr, Literatur und Anthropologie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Hg. v. Michael Neumann und Kerstin Stüssel. Konstanz: Konstanz University Press 2011, S. 175–196, S. 178.
19 Allerhand Sachen zum Lesen und Lachen. Hg. v. Leipziger Lehrerverein. Leipzig 1927, S. 36f. Zit. nach Uhlmann, Hamburg: Kolonialwaren (wie Anm. 18), S. 350.
20 Vgl. Christa Meyer-Köster: 1001 Nacht mitten in Dresden. In: Verschwunden – Vergessen – Bewahrt? Industriedenkmale in Deutschland. Hg. v. Verlag Redieck & Schade. Rostock: Redieck & Schade 1999, S. 73–76. Vgl. weiter zur ›Tabakmoschee‹ und dem Image der Orientzigarette Tino Jacobs: Rauch und Macht. Das Unternehmen Reemtsma 1920 bis 1961. Göttingen: Wallstein 2008, S. 31f. – Koppelkamm, Exotische Architekturen (wie Anm. 16), S. 169ff. – Nur am Rande dazu Klaus R. Scherpe: Reklame für Salem Aleikum. 11. Januar 1909: Die Dresdner Cigarettenfabrik Yenidze erhält eine Moscheekuppel. In: Mit Deutschland um die Welt. Eine Kulturgeschichte des Fremden in der Kolonialzeit. Hg. v. Alexander Honold und dems. Stuttgart, Weimar: Metzler 2004, S. 381–388. – Völlig getrennt von der Gegenwart, noch diesseits der Schwelle der Katastrophen, die das 20. Jahrhundert – durchaus in globalem Maßstab – bringen sollte, kannte das 19. Jahrhundert auch noch ein »harmlose[s] Unterhaltungsbedürfnis«, welchem in seiner Harmlosigkeit freilich die weniger harmlosen Bedingungen der darzustellenden Welt noch unbewusst blieben; Beat Wyss: Bilder von der Globalisierung. Die Weltausstellung von Paris 1889. Berlin: Insel 2010, S. 12. Spätestens seit Edward Saids Orientalismus-These ist der Vorwurf gegen diese Bilder und harmlosen Versatzstücke der globalisierten Weltsicht des 19. Jahrhunderts ein wissenschaftlicher Gemeinplatz geworden. Der Erfolg von Saids These muss hier nicht dokumentiert werden, es sei aber auf die notwendige Kritik hingewiesen, so z. B. in der Rezension von James Clifford: Orientalism by Edward W. Said. In History and Theory 19 (1980), H. 2, S. 204–223; sowie die Übersicht zur Kritik an Said bei Markus Schmitz: Kulturkritik ohne Zentrum. Edward W. Said und die Kontrapunkte kritischer Dekolonisation. Bielefeld: transcript 2008, S. 361–383. Umfassend zu Ereignis, Imagination und Erinnerungsstrategien: Koloniale Vergangenheiten – (post-)imperiale Gegenwart: Prozesse und Repräsentationen im Aufriss. In: Koloniale Vergangenheiten – (post-)imperiale Gegenwart. Vortragsreihe im Rahmen des Jubiläums »550 Jahre Albert-Ludwigs-Universität«. Hg. v. dens. Berlin: BWV 2010, S. 7–24; sowie Dirk von Laak: Im Tropenfieber. Deutschlands afrikanische Kolonien zwischen Verlangen und Vergessen. Ebd., S. 87–98.
21 Zu den medialen Bedingungen und Formen dieser exponentiellen Steigerung des Weltwissens im 19. Jahrhundert vgl. nur die einschlägigen Beiträge in: Kommunikationsrevolutionen. Die neuen Medien des 16. und 19. Jahrhunderts. Hg. v. Michael North. 2. Aufl. Köln, Weimar, Wien: Böhlau 2001. Speziell zu Afrika im Zeitschriftendiskurs der Zeit von 1850–1870 vgl. Daniela Gretz: Das »innere Afrika« des Realismus., Wilhelm Raabes Abu Telfan (1867) und der zeitgenössische Afrika-Diskurs. In: Neumann/Stüssel, Magie der Geschichten (wie Anm. 20), S. 197–216, hier S. 198–206. Weiter Klaus R. Scherpe: Szenarien des Kolonialismus in den Medien des deutschen Kaiserreichs. In: Koloniale Vergangenheiten – (post-)imperiale Gegenwart (wie Anm. 22), S. 165–184.
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