33,99 €
Die auf einer öffentlichen Blockchain basierende Zahlungsform der Kryptowährungen wird bei Straftaten immer häufiger genutzt, um illegal erlangte Gelder zu verschleiern. Dieses Buch bietet eine praxisorientierte Unterstützung für die tägliche Arbeit in der polizeilichen Ermittlung. Es erklärt, warum Kriminelle Kryptowährungen nutzen und führt in die wesentlichen Techniken und Eigenschaften der Blockchain-Technologie sowie der Kryptowährungsforensik ein. Erläutert wird, welche Spuren Kryptowährungen am Einsatzort hinterlassen, wie diese gesichert werden können und wie Kryptowährungen in verschiedenen Deliktsfeldern eingesetzt werden. Ergänzt werden die Darstellungen durch Checklisten, Infoboxen mit Hintergrundinformationen sowie ein Glossar mit den wichtigsten Fachbegriffen.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2025
von
Michael Scherrer
[Bild vergrößern]
www.kriminalistik.de
GrundlagenDie Schriftenreihe der „Kriminalistik“
Michael Scherrer zählt zu den ausgewiesenen Spezialisten für Kryptowährungsforensik und Blockchain-Analyse. Sein Fokus liegt auf der Zusammenarbeit mit polizeilichen, Steuer- Zoll- und Finanzbehörden, um deren Ermittlungsarbeit in Bezug auf Kryptowährungsdelikte zu unterstützen. Als Referent in Fortbildungen, bei Fachveranstaltungen und als Lehrbeauftragter an Polizeihochschulen führt er z.B. in die Grundlagen der Ermittlungsarbeit mit Kryptowährungen ein. Hauptberuflich ist er bei einem internationalen Blockchain-Analyseunternehmen für den öffentlichen Sektor in Deutschland, Österreich und der Schweiz verantwortlich.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über <https://portal.dnb.de> abrufbar.
ISBN 978-3-7832-4075-7
E-Mail: [email protected]
Telefon: +49 6221 1859 599Telefax: +49 6221 1859 598
www.cfmueller.de
© 2025 C.F. Müller GmbH, Waldhofer Straße 100, 69123 Heidelberg
Hinweis des Verlages zum Urheberrecht und Digitalen Rechtemanagement (DRM)
Dieses Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Der Verlag räumt Ihnen mit dem Kauf des e-Books das Recht ein, die Inhalte im Rahmen des geltenden Urheberrechts zu nutzen.
Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Dies gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.
Der Verlag schützt seine e-Books vor Missbrauch des Urheberrechts durch ein digitales Rechtemanagement. Angaben zu diesem DRM finden Sie auf den Seiten der jeweiligen Anbieter.
Für Juliane und Jakob
Kryptowährungen sind aus dem Alltag kriminalistischer Ermittlungen nicht mehr wegzudenken. Ihre zunehmende Verwendung in unterschiedlichsten Straftaten stellt Ermittlerinnen und Ermittler vor ständig neue Herausforderungen. Glücklicherweise wachsen auch die Möglichkeiten an innovativen Ermittlungsansätzen laufend. Dieses Buch richtet sich speziell an Interessierte und Praktiker in Polizei, Zoll, Steuerfahndung, Sicherheitsbehörden und Nachrichtendiensten sowie Studierende der relevanten Fachrichtungen. Ziel ist es, Ihnen eine klare, praxisorientierte Einführung und dauerhafte Hilfestellung in die kriminalistische Arbeit mit Kryptowährungen zu bieten.
Der Komplexität von Kryptowährungen lässt sich mit dem klassischen Handwerkszeug der Kriminalistik gut begegnen. Dieser Ratgeber informiert darüber, wie sich traditionelle Ermittlungsverfahren effektiv und mit modernen Methoden der Blockchainanalyse kombinieren lassen. Der Schwerpunkt umfasst praktische Handlungsempfehlungen und viele Erfahrungswerte: z.B. Wie erkennen und sichern Sie Kryptowährungsspuren? Wie lässt sich trotz der vermeintlichen Anonymität digitaler Währungen eine Täteridentifikation durchführen? Welche spezifischen Chancen ergeben sich aus der Transparenz der Blockchain-Technologie?
Wenn dieses Buch Ihnen als Ermittlerinnen und Ermittlern die Berührungsängste gegenüber Kryptowährungen nimmt und Sie sich nach der Lektüre gut auf den Ersten Angriff am Tatort „Blockchain“ vorbereitet fühlen, dann hat es sein Ziel erreicht. Vielleicht springt dabei sogar der Funke der Faszination für Kryptowährungen über?
Mein herzlicher Dank gilt allen Ermittlerinnen und Ermittlern, die mich durch den täglichen Austausch zur Erstellung dieses Buches angeregt haben. Ihre Begeisterung, mit der sie das Thema Kryptowährungen im Ermittlungsalltag voranbringen, ist inspirierend. Ein besonderer Dank geht an meinen Freund Scott Petry, der mich vor Jahren erstmals mit Kryptowährungen in Berührung gebracht und meine Faszination dafür geweckt hat, sowie an meine Freundin Minh Dao, meine Partnerin in Crypto Crime. Dem Verlag C.F. Müller danke ich herzlich für die freundliche und professionelle Betreuung.
Ich freue mich auf den fachlichen Austausch mit Ihnen sowie darauf, gemeinsam zukünftige Herausforderungen anzugehen. Gerne unterstütze ich Sie dabei mit neuen Tools und Techniken, um Ihre Ermittlungsarbeit noch effizienter und erfolgreicher zu gestalten.
Für den direkten Kontakt und Austausch erreichen Sie mich unter [email protected]
Weiterführende Ergänzungen sind hier hinterlegt: www.blockchainermittlungen.de/buch
Berlin, Juli 2025 Michael Scherrer
Vorwort
Abbildungs- und Tabellenverzeichnis
I.Einleitung
1.Kryptowährungen im Ermittlungsverfahren
2.Kryptowährungen und kriminalistisches Denken
II.Einführung in die Welt der Kryptowährungen
1.Geschichte der Kryptowährungen
2.Kryptowährungen am Markt
3.Bitcoin und Philosophie
4.Eigenschaften von Kryptowährungen
5.Die technischen Grundlagen
6.Das Double-Spending-Problem
7.Sind Kryptowährungen Geld?
8.Der Preis von Kryptowährungen
9.Das Konzept von Stablecoins
10.NFTs
11.Arten von Krypto-Token
12.Regulierungen: MiCa, DAC8, Travel Rule
13.Kryptoadoption
III.Kryptowährungen und Kriminalität
1.Die Lage
2.Kryptokriminalität – Die großen Fälle
3.Kursvolatilität und Stablecoins
4.Krypto-Geldautomaten
5.Herausforderungen für Kriminelle
IV.„Erster Angriff Krypto“: Spuren von Kryptowährungen am Tatort
1.„Erster Angriff Krypto“
2.Spuren von Kryptowährungen
3.Bedeutung von Kryptospuren für die Tatablaufrekonstruktion
4.Der digitale Einsatzort
5.Der materielle Einsatzort
6.Darstellung On- und Off-Ramping
7.On- und Off-Ramping
8.Kryptoverwahrung
8.1Custodial Storage
8.2Non-custodial storage
9.Private key und Seed Phrase
9.1Spurenlage Seed Phrases
10.On Chain Transaktionen
10.1Verschleierungstechniken
10.2Mixer
10.3CoinJoin
10.4Peeling Chains
10.5Cross-Chain Swaps
10.6Layer 2 Technologien
10.7Nested Services
10.8Privacy Coins
10.9Außergewöhnliche Transaktionsmuster
10.10DeFi als Verschleierungsmechnismus
10.11Decentralised Finance (DeFi) – Eine Übersicht
11.Mittelspersonen im Ökosystem Kryptowährungen
11.1Exchanges
11.2Hawala-Syteme und Kryptowährungen
11.3Peer to Peer Anbieter (P2P)
11.4Over-the-Counter OTC
12.Die Rolle der Digitalen Forensik
13.Auskunftsverfahren
V.Blockchainanalyse in der Ermittlungspraxis
1.Tracingtools
2.API, Daten- und On-Premise Lösungen
3.Blockchainanalyse in der Privatwirtschaft
4.Technik der Kryptowährungen
4.1Einführung in die Technik der Blockchainanalyse
4.2Seed Phrases
4.3Kryptowährungsadressen
4.4Kryptowährungstransaktionen
4.5UTXO und account based Blockchains im Kontext kriminalistischer Ermittlungen
4.6Konsensmechanismen
5.Verschiedene Arten von Blockchains
5.1Einführung
5.2Die wichtigsten Blockchains
6.Sicherungsmaßnahmen bei Kryptowerten
7.Seed Phrases Recovery
8.Derivation Paths
9.Mustererkennung auf der Blockchain
10.Change of Ownership
11.Pseudonymität und deren Aufhebung
VI.Kryptowährungen in verschiedenen Phänomenbereichen
1.Kryptowährungen im Ermittlungsalltag
2.Cybercrime
3.Darkweb
4.Glückspiel und Online-Casinos
5.Online Gaming
6.Betrugsdelikte und Investmentscams
7.Polizeilicher Staatschutz und PMK
8.Akteure im Bereich PMK
8.1Einzeltäter
8.2Zukunftsperspektive
9.CSAM
10.Geldwäsche
11.Geldwäschemittels Hawala
12.BTM – Handel mit verbotenen und sanktionierten Stoffen
13.Kryptowährungen im Handel mit Fentanylvorprodukten
VII.Kryptowährungen in den Strukturen der Sicherheitsbehörden
1.Polizeiliche Organisation
2.Digitale Finanzermittlung
3.Die FIU
4.Der Zoll
5.Zentralstelle für Sanktionsdurchsetzung (ZfS)
6.Die Bundespolizei
VIII.Aktenverwertung
1.Einbringen von Sachbeweisen
2.Confidence level
3.Bewertung von Beweismitteln
4.Bewertung von Kryptowerten im Rahmen kriminalistischer Ermittlungsverfahren
5.Daten aus Auskunftsverfahren (Subpoena Returns)
6.Vermögensabschöpfung von Kryptowährungen
IX.Kryptowährungen in der Finanzverwaltung
1.Kryptowährungen und das Finanzamt
2.Steuerfahndung
3.Betriebsprüfung
4.Veranlagung
5.Vermeidung potenzieller Steuerausfälle und Vollzugsdefizite
X.Kryptowährungen bei den Nachrichtendiensten
1.Kryptowährungen im Aufgabenbereich der Nachrichtendienste
2.Bundesnachrichtendienst (BND) – Auslandsaufklärung
3.Low-Level-Agenten im Kontext kryptowährungsbasierter Operationen
4.Verfassungsschutz des Bundes und der Länder – Inlandsaufklärung
5.Militärischer Abschirmdienst (MAD)
6.Kryptowährungen im Rahmen der Sicherheitsüberprüfung
XI.Aktuelle Trends und zukünftige Entwicklungen der Blockchainanalyse
1.Blockchainanalyse in der polizeilichen Praxis
2.DeFi-Anwendungen
3.Krypto und die Politik
XII.Schluss
Glossar
Literatur- und Quellenverzeichnis
Sachverzeichnis
Abbildung 1:
Marktanteile Kryptowährungsmarkt
5
Abbildung 2:
Blocks auf der Blockchain
11
Abbildung 3:
Kursentwicklung Bitcoin/USD
18
Abbildung 4:
Kryptokunst
44
Abbildung 5:
Krypto am Tatort
45
Abbildung 6:
Digitaler Einsatzort
47
Abbildung 7:
Krypto Devotionalien
50
Abbildung 8:
Grafik On- und Off-Ramping
51
Abbildung 9:
Wallet Arten
59
Abbildung 10:
Seed Phrase, PIN, Private Keys
66
Abbildung 11:
Recovery Sheets und Seed Phrases
67
Abbildung 12:
Markt der Stablecoins
130
Abbildung 13:
Derivation Path Baumstruktur
135
Tabelle 1:
Kryptowährungsadressen (Beispiele)
109
Tabelle 2:
Blockchain Übersicht
116
Kryptowährungen haben sich im Bereich der Ermittlungen zu einem zentralen Faktor entwickelt. Ermittlerinnen und Ermittler begegnen digitalen Währungen zunehmend in Straftaten wie Ransomware-Attacken, Betrugsdelikten, illegalem Handel im Darknet sowie bei Geldwäsche und Terrorismusfinanzierung. Diese vielfältigen Delikte, deren Ausmaß sich ständig verändert und in weitere neue und mithilfe von KI in immer komplexere Kryptostraftaten mündet, verdeutlichen die dringende Notwendigkeit, die neuen Herausforderungen zu verstehen und passende Ermittlungsmethoden zu entwickeln.
Die Struktur der Blockchain-Technologie, welche Kryptowährungen zugrunde liegt, bietet für Ermittler sowohl Hindernisse als auch bedeutende Chancen. Während Kryptowährungen Transaktionen anonymisiert erscheinen lassen, sorgt die Blockchain für eine dauerhafte, unveränderbare Dokumentation jeder einzelnen Bewegung. Diese Kombination aus Pseudonymität und Transparenz erfordert neue analytische Fähigkeiten, eröffnet aber gleichzeitig neuartige kriminalistische Ansätze.
Eine zentrale Herausforderung besteht darin, Kryptowährungstransaktionen einzelnen Tatverdächtigen zuzuordnen. Die Anonymität der Blockchain ist nur eine scheinbare: Mithilfe spezialisierter Software und kriminalistischer Analysen können Ermittler reale Identitäten hinter Transaktionen ermitteln. Eine wichtige Rolle spielen dabei die Schnittstellen zu realen Personen oder Finanzinstituten – etwa über Wechselbörsen oder Finanzdienstleister. Auch die Analyse einzelner Blockchain-Adressen ist hierbei von zentraler Bedeutung.
Ziel ist es, Ihnen einen prägnanten Überblick über die relevantesten kriminalistischen Einsatzfelder von Kryptowährungen zu geben. Sie erhalten dabei ein klares Verständnis der wichtigsten Herausforderungen sowie konkrete Hinweise auf bewährte Ermittlungsstrategien und moderne technische Hilfsmittel wie die Blockchainanalyse.
Für viele erfahrene Ermittlerinnen und Ermittler stellen Kryptowährungen zunächst ein unbekanntes und scheinbar fremdartiges Feld dar. Dabei verfügen Sie bereits über eine Vielzahl bewährter kriminalistischer Techniken, die sich hervorragend auf dieses neue Gebiet übertragen lassen. Dieses Buch zeigt Ihnen konkret und praxisnah, wie Sie Ihre bestehende Expertise sinnvoll und erfolgreich in der Blockchainanalyse anwenden können. Auch in der Blockchainanalyse gilt, dass man kriminalistisches Denken lernen und üben kann.[1]
Im Mittelpunkt stehen klassische kriminalistische Methoden, etwa die Spurensicherung, Täterprofilanalyse und Geldflussanalysen, die direkt auf die Arbeit mit der Blockchain übertragen werden können. So ermöglicht die Blockchain beispielsweise durch ihre Transparenz detaillierte Rekonstruktionen von Tatverläufen. Transaktionen werden unveränderlich gespeichert, mit genauen Zeitstempeln versehen und lassen sich somit lückenlos nachvollziehen. Durch den Einsatz von Blockchainanalyse-Tools können Ermittler Verdächtige trotz pseudonymer Adressen eindeutig identifizieren und deren kriminelle Netzwerke offenlegen.
Das Ziel dieses Buches ist es, Ihnen das Vertrauen zu geben, dass Ihre bestehenden Kenntnisse in der klassischen Kriminalistik die optimale Basis bieten, um sich schnell und effektiv in die blockchainbasierte Ermittlungsarbeit einzuarbeiten. Anhand anschaulicher Praxisbeispiele erfahren Sie, wie klassische Ermittlungsansätze gewinnbringend mit modernen digitalen Methoden kombiniert werden können.
Zusätzlich erhalten Sie eine klare Orientierung, welche spezifischen Fähigkeiten Sie vertiefen sollten und welche Instrumente besonders geeignet sind, um erfolgreich Kryptowährungen und Blockchain-Technologie in Ihre Ermittlungen einzubeziehen. Durch diesen praxisnahen Brückenschlag zwischen traditioneller kriminalistischer Arbeit und innovativen Methoden der Blockchainanalyse sind Sie optimal aufgestellt, um auch komplexe Kryptowährungs-Ermittlungen sicher und kompetent zu meistern.
Eine der grundlegenden Ideen hinter Bitcoin war es, Menschen ohne Zugang zu einem klassischen Bankkonto die Teilnahme am internationalen Zahlungsverkehr zu ermöglichen („Banking the unbanked“). Bitcoin ist als erste Kryptowährung ein dezentrales Netzwerk, das ohne zentrale Instanz zur Steuerung oder Überwachung auskommt. Im Gegensatz zu den meisten alltäglichen Zahlungssystemen, die durch zentrale Institutionen kontrolliert und überwacht werden, basiert Bitcoin auf Eigenverantwortung der Teilnehmer. Dadurch entfällt nicht nur eine mögliche Anlaufstelle bei Problemen, sondern auch die Möglichkeit einer zentralen Überwachung oder des Ausschlusses einzelner Teilnehmer. Zur Sicherstellung der Funktionsfähigkeit und Integrität des Systems dienen dabei Konsensmechanismen, die gleichzeitig sicherstellen, dass niemand aus dem Netzwerk ausgeschlossen werden kann.
Transaktionen im Bitcoin-Netzwerk sind global durchführbar und unabhängig von nationalen Grenzen, da jeder weltweit Zugang zur entsprechenden Software hat. Nutzer treten pseudonym auf, vergleichbar mit Nummernkonten bei Banken. Im Gegensatz zu Anonymität erlaubt Pseudonymität grundsätzlich eine Rückverfolgbarkeit zu den Beteiligten. Werte lassen sich innerhalb von Sekunden weltweit übertragen, sofern eine Internetverbindung besteht.
Die grundlegenden technischen Konzepte von Bitcoin wurden 2009 im Whitepaper von Satoshi Nakamoto beschrieben.[1] Nakamoto agierte dabei unter einem Pseudonym, was in der einschlägigen Literatur ausführlich dokumentiert ist. Das Verständnis der Entstehungsgeschichte Bitcoins ermöglicht ein tiefergehendes Verständnis seiner technischen und ideologischen Grundlagen. Im Kontext der globalen Finanzkrise entstand Bitcoin auch als Reaktion auf die Unzufriedenheit mit bestehenden Banksystemen, insbesondere vor dem Hintergrund staatlicher Rettungsaktionen für Banken. Am 3.1.2009 ging das Bitcoin-Netzwerk online; dabei hinterließ Nakamoto im sogenannten Genesis-Block eine symbolische Nachricht mit Bezug auf die Finanzkrise, um auf die Motivation für ein unabhängiges Zahlungssystem hinzuweisen.[2]
Inspiriert von libertären Grundsätzen der Cypherpunk-Bewegung ermöglichte Bitcoin erstmals direkte („Peer-to-Peer“) Zahlungsvorgänge ohne Banken oder andere Finanzdienstleister. Der populäre Leitsatz „be your own bank“ (vgl. Kap. IV. 7 On- und Off-Ramping) verweist dabei auf die Eigenverantwortung der Nutzer, insbesondere hinsichtlich der Sicherheitsrisiken, wie Diebstahl, Hacking oder Verlust persönlicher Zugangsdaten. Anders als bei traditionellen Bankdienstleistungen gibt es hier keine Möglichkeit zur Schadensregulierung durch eine zentrale Instanz. Diese Eigenverantwortung spielt für Ermittlungen eine bedeutende Rolle, da Nutzerfehler wertvolle Ermittlungsansätze bieten können.
Eine der ersten Anwendungen von Bitcoin zeigte sich im Fall der Plattform Wikileaks.[3] Nachdem US-Behörden traditionelle Finanzwege für Spenden an Wikileaks blockierten, ermöglichte Bitcoin weiterhin ungehinderte Transaktionen.
Ausgehend von den Erfahrungen mit Bitcoin entstanden zahlreiche weitere Kryptowährungen, die häufig spezifische Schwachstellen von Bitcoin beheben oder dessen Funktionen erweitern wollten. Ein wesentlicher Fortschritt erfolgte durch Ethereum, dass die Blockchain-Technologie um die Möglichkeit erweiterte, sogenannte Smart Contracts zu implementieren, wodurch neue Anwendungsszenarien eröffnet wurden. Zudem zogen Kryptowährungen durch ihre starken Kursschwankungen rasch das Interesse von Spekulanten auf sich, was wiederum zur Entstehung weiterer Projekte führte, deren primärer Fokus weniger auf technologischen Innovationen als vielmehr auf spekulativen Chancen lag.
Die Internetplattformen CoinGecko listet insgesamt mehr als 17.000 Kryptowährungen mit einer Marktkapitalisierung von 3,98 Billionen US$.[4] Betrachtet man diese Zahlen genauer, sieht man, dass allein Bitcoin eine Marktkapitalisierung von 2,1 Billionen US$ hat und damit 64% des gesamten Marktes darstellt. Ethereum ist zwar mit 304 Mrd. US$ deutlich kleiner, hat aber trotzdem einen Marktanteil von 9%. Weitere bedeutende Kryptowährungen sind der Stablecoin Tether, XRP, Binance Coin und Solana, die mit Bitcoin und Ethereum zusammen auf einen Marktanteil von mehr als 86% kommen.
[Bild vergrößern]
Auch die Nutzerbasis und die On-Chain-Aktivitäten sind Indikatoren für die Relevanz einer Kryptowährung.[6] Für die kriminalistische Arbeit sind diese Kennzahlen allerdings nur von untergeordneter Bedeutung. Immer wieder gibt es Kryptowährungen, die trotz ihres geringen Marktanteils verstärkt von Kriminellen genutzt werden. Gründe dafür sind meist besondere Eigenschaften, wie beispielsweise niedrige Gebühren oder eine hohe Anonymität. So besitzen etwa Tron mit aktuell weniger als 1% Marktanteil und der Stablecoin Tether (USDT) mit rund 4% zwar vergleichsweise geringe Marktanteile, tauchen jedoch in aktuellen Ermittlungen besonders häufig auf.[7]
Ende der 1980er Jahre schlossen sich technisch versierte Aktivisten zur sogenannten Cypherpunk-Bewegung zusammen, deren Ziel es war, die Privatsphäre mithilfe kryptographischer Verfahren zu schützen.[8] Als Kommunikationsplattform richtete die Gruppe 1992 eine Mailingliste ein, auf der sie zahlreiche Ideen und Konzepte veröffentlichte, die heute als Vorläufer moderner Kryptowährungen gelten können. Am 1.11.2008 versandte Satoshi Nakamoto sein berühmtes Bitcoin-Whitepaper über genau diese Mailingliste.
Kryptowährungen waren insofern die Verwirklichung der Ideale der Cypherpunk Bewegung:
•
Dezentralisierung
•
Pseudoynmität
•
Kryptographische Sicherheit
•
Widerstand gegen Zensur
Elektronische Geld wurde als entscheidender Faktor zur Verteidigung der Privatsphäre betrachtet, weil es finanzielle Transaktionen zwischen Bürgern ermöglichte, ohne dass der Staat diese überwachen oder unterbinden konnte.
Aus der libertären Cypherpunk-Bewegung gingen neben Kryptowährungen auch das TOR-Netzwerk, VPN-Technologien, verschlüsselte Messenger wie Signal sowie zahlreiche weitere blockchainbasierte Anwendungen hervor. Dieser historische Hintergrund erklärt auch die oft emotionale Bindung vieler Menschen an Kryptowährungen. Für sie verkörpern Kryptowährungen sämtliche Ideale der Bewegung und lassen staatliche Regulierung oder behördliche Eingriffe besonders kritisch erscheinen. Diese kritische Haltung gegenüber staatlicher Kontrolle erstreckt sich auch auf konventionelle, von Zentralbanken verwaltete Währungen, weshalb Kryptowährungen von manchen Gruppen als Symbol der Befreiung von staatlicher Unterdrückung betrachtet werden (vgl. hierzu „Fluchtwährungen“ im Kap. VI. 7 Polizeilicher Staatschutz und PMK). Dies erklärt auch, weshalb Diskussionen über staatliche Eingriffe und regulatorische Maßnahmen oftmals emotional geführt werden. Ähnliches gilt auch für das Thema der Blockchainanalyse, da die kriminalistische Auswertung von Blockchain-Daten häufig als Konflikt empfunden und als Bedrohung für die Privatsphäre wahrgenommen wird.
Wenn wir Geld an eine andere Person übertragen möchten, stehen uns mehrere Möglichkeiten zur Verfügung: Wir können Bargeld persönlich übergeben oder jemanden beauftragen, das Geld als Boten zu übermitteln. Alternativ sind bargeldlose Transaktionen weltweit über Banken möglich, ebenso wie die Nutzung von Zahlungsdienstleistern – etwa per Direkttransfer, Kreditkartenzahlung oder herkömmlicher Banküberweisung. Gemeinsames Merkmal all dieser Varianten, mit Ausnahme der persönlichen Bargeldübergabe, ist jedoch die Abhängigkeit von Dienstleistern, die für ihre Dienste in der Regel Gebühren verlangen. Dies ist im Alltag meist unproblematisch, birgt jedoch gewisse Risiken, da Zahlungsanbieter Transaktionen aus wirtschaftlichen, politischen oder rechtlichen Gründen ablehnen oder blockieren können. Kryptowährungen bieten in diesem Kontext entscheidende Vorteile: Durch ihre dezentrale Struktur und das Fehlen einer zentralen Kontrollinstanz können Transaktionen nicht blockiert oder zensiert werden. Neben dem bereits erwähnten Fall von Wikileaks (s. o.) gab es auch andere prominente Beispiele wie Edward Snowden, der 2013 nach der Veröffentlichung der NSA-Dokumente Bitcoin nutzte, um anonym Spenden für seinen Rechtsschutz zu sammeln.[9] Diese Bitcoin-Spenden – teils über den von WikiLeaks verwalteten „Journalistic Source Protection Defence Fund“ – ermöglichten Snowden finanzielle Unterstützung, ohne dass staatliche Stellen den Geldfluss kontrollieren oder sperren konnten. Ein weiteres Beispiel sind iranische Bürger und Unternehmen, die seit etwa 2012 aufgrund internationaler Finanzsanktionen verstärkt Bitcoin für internationale Transaktionen nutzten.[10] Dadurch konnten sie trotz Sanktionen weiterhin internationale Handelsbeziehungen pflegen und Geschäfte durchführen, ohne auf reguläre Bankdienstleistungen angewiesen zu sein. Die dezentrale Natur von Kryptowährungen stellt somit ein wesentliches Merkmal und einen entscheidenden Vorteil gegenüber traditionellen Finanzsystemen dar.[11]
Wie bereits erläutert, wurde Bitcoin ursprünglich als alternatives Zahlungsmittel zum traditionellen Bankensystem konzipiert. Neben der Unabhängigkeit von zentralisierten Institutionen und den vergleichsweise geringen Transaktionsgebühren stellt insbesondere die Möglichkeit einer raschen und globalen Wertübertragung einen wesentlichen Vorteil von Kryptowährungen dar. Werden Kryptowährungen mithilfe einer sogenannten Wallet verwahrt (genauer gesagt werden dabei lediglich die zugehörigen privaten Schlüssel gespeichert – s. Kap. IV. 9 Private key und Seed Phrase), lässt sich diese problemlos auf Reisen mitführen, wodurch der Zugriff auf die digitalen Vermögenswerte jederzeit und standortunabhängig gewährleistet ist. Wird der private Schlüssel zudem in Form einer sogenannten Seed Phrase (s. Kap. IV. 9 Private key und Seed Phrase) memoriert, ermöglicht dies darüber hinaus einen unauffälligen und spurlosen Transfer des Vermögens in ein anderes Land.[12]
Infobox: Vorteile von Kryptowährungen
1.
Dezentralität
•
Keine zentrale Kontrollinstanz
•
Niemand kann ausgeschlossen werden
•
Unabhängigkeit von Banken und Zahlungsdienstleistern
2.
Niedrigere Gebühren
•
Keine oder geringe Transaktionskosten
•
Kosteneinsparung bei internationalen Transfers
3.
Schnelle Transaktionen
•
Weltweite Überweisungen innerhalb weniger Sekunden oder Minuten
•
Sofortige Verfügbarkeit des Geldes
4.
Globale Verfügbarkeit
•
Uneingeschränkter Zugang weltweit
•
Wallets sind international nutzbar und mobil
5.
Diskretion und Privatsphäre
•
Kryptowährungen lassen sich „spurlos“ über Grenzen transportieren
•
Privater Zugriff über Seed Phrase möglich
→ Diese Vorteile können aber auch von Kriminellen missbraucht werden.
Diese Vorteile von Kryptowährungen gelten auch für Kriminelle. Sie können aus dem System der Kryptowährungen von Aufsichts- oder Ermittlungsbehörden nicht ausgeschlossen werden und Kryptowerte lassen sich weltweit und sekundenschnell versenden und spurlos über Grenzen mitnehmen. Bei den Ermittlungen sollte man diese Eigenschaften von Kryptowerten immer im Hinterkopf haben, um zu bewerten, ob sich Kriminelle auf diese Weise Vorteile verschaffen könnten. Gibt es einen solchen Verdacht, müssen entsprechende Spuren von Anfang an in den Ermittlungen berücksichtigt werden (s. Kap. IV. 2 Spuren von Kryptowährungen).
Um in der kriminalistischen Arbeit mit Kryptowährungen umzugehen, ist es nicht zwingend notwendig, die zugrundeliegende Technologie bis ins letzte Detail zu verstehen. Tatsächlich ist diese Technologie weniger komplex, als häufig vermutet wird. Im Folgenden stellen wir die wesentlichen Merkmale kurz und verständlich dar. Weiterführende und gut strukturierte Literatur zu diesem Thema finden Sie im Kapitel Weiterführende Literaturempfehlungen.
Technische Grundlage von Kryptowährungen ist die sogenannte Blockchain, eine dezentrale Datenbank, die Transaktionsdaten speichert, ohne dass eine zentrale Kontrollinstanz erforderlich ist. Die Blockchain verhindert dabei insbesondere das sogenannte Double-Spending-Problem, also die doppelte Ausgabe eines digitalen Wertes.
Während Banken Transaktionen ihrer Kunden in einem zentralen Hauptbuch dokumentieren und durch aufwendige Systeme sicherstellen, dass Fehler ausgeschlossen und doppelte Ausgaben verhindert werden, übernehmen bei Kryptowährungen Blockchain-Netzwerke diese Aufgabe. Im traditionellen Bankensystem entstehen hohe Kosten für die Pflege dieser Systeme, weshalb Kunden Gebühren für Konto- und Transaktionsleistungen zahlen müssen. Kryptowährungen hingegen verzichten auf eine zentrale Instanz und nutzen stattdessen eine dezentrale Speicherung der Transaktionen in der Blockchain.
Eine Blockchain besteht aus vielen miteinander verknüpften Blöcken, in denen Transaktionsdaten gespeichert sind. Jeder Block ist durch kryptografische Verfahren fest mit seinem Vorgänger verbunden – daher auch der Begriff „Blockchain“.
Die Blockchain ist eine spezielle Form der Distributed-Ledger-Technologie (DLT), bei der das Transaktionsbuch dezentral, also auf zahlreichen Knotenpunkten („Nodes“) im Netzwerk verteilt gespeichert wird. Die Anzahl der Nodes bestimmt den Grad der Dezentralisierung und somit auch die Robustheit einer Blockchain.
Infobox: Blockchain und Nodes
Was ist ein Node?
Ein Node ist ein Netzwerk-Computer, der Blockchain-Daten speichert, Transaktionen validiert und so die Sicherheit und Dezentralität der Blockchain gewährleistet.
Anzahl der Nodes (weltweit):
•
Bitcoin: ca. 66.400 erreichbare Nodes (global deutlich mehr)
•
Ethereum: ca. 8.300-14.900 Nodes
•
Solana: ca. 4.500 Nodes (Validatoren und RPC)
•
Tron: ca. 7.500 Nodes weltweit
Bitcoin-Nodes in Deutschland:
•
ca. 1.280 Nodes (~5,6% der global erreichbaren Nodes)
Im Kern handelt es sich bei einer Blockchain um eine dezentrale, chronologisch geordnete Datenbank aus Transaktionen, die blockweise gespeichert werden. Ein durchschnittlicher Block der Bitcoin-Blockchain enthält typischerweise zwischen 2.300 und knapp 3.000 Transaktionen, abhängig von der aktuellen Blockgröße, Nutzung von SegWit und Batch-Transaktionen. Enthalten sind jeweils pseudonyme Adressen von Absender und Empfänger, der Transaktionswert sowie ein Zeitstempel. Die Daten eines Blocks sind durch kryptografische Verfahren geschützt und können nachträglich nicht mehr verändert werden. Jeder Block enthält zudem einen kryptografischen Fingerabdruck („Hash-Wert“) seines Vorgängerblocks, wodurch die einzelnen Blöcke untrennbar miteinander verkettet werden. Diese Verkettung trägt wesentlich zur Resistenz der Blockchain gegenüber Manipulationen bei.
[Bild vergrößern]
Wenn eine Transaktion zu einem Block hinzugefügt werden soll, bietet der Absender eine Transaktionsgebühr an. Die Wallet-Software erledigt diesen Vorgang automatisch. Validatoren oder Miner konkurrieren darum, die im Mempool gespeicherten Transaktionen in den nächsten Block aufzunehmen. Dabei müssen sie ein kryptografisches Rätsel lösen, indem sie den Hash-Wert des Vorgängerblocks mit einer zusätzlichen Zahl („Nonce“ – Number Only Used Once) so kombinieren, dass ein vorgegebener, niedriger Hash-Wert erreicht wird. Da sich der Hash-Wert nicht vorhersehen lässt, ist das Finden der passenden Nonce nur durch systematisches Ausprobieren möglich. Miner setzen hierfür leistungsfähige Rechner ein, um möglichst schnell eine passende Lösung zu finden und den nächsten Block zu erzeugen („Mining“). Erfolgreiche Miner erhalten als Belohnung einen Mining Reward sowie alle gesammelten Transaktionsgebühren des Blocks. Höhere Gebühren erhöhen dabei die Wahrscheinlichkeit, dass eine Transaktion schneller bestätigt wird.
Infobox: Transaktionen pro Block auf der Bitcoin Blockchain
Was ist ein durchschnittlicher Block?
Ein durchschnittlicher Bitcoin-Block umfasst alle darin bestätigten Transaktionen, inklusive Coinbase-Transaktion (Blockbelohnung).
Anzahl Transaktionen pro Block (aktuell):
Durchschnitt: ca. 2.300-3.000 Transaktionen pro Block
Aktuelle Live-Werte: zeitweise höher (~3.600-4.000 pro Block, je nach Netzwerkauslastung)
Einflussfaktoren:
•
Blockgröße
•
Nutzung von SegWit (Segregated Witness)
•
Batch-Transaktionen (Zusammenfassung mehrerer Zahlungen in einer Transaktion)
Die Blockchain-Technologie zeichnet sich durch ihre Transparenz aus: Jeder Nutzer kann sämtliche in der Blockchain gespeicherten Daten einsehen – pseudonyme Adressen von Sendern und Empfängern, Zeitstempel und Transaktionsbeträge. Allerdings sind die Identitäten hinter den Adressen standardmäßig anonymisiert. Die Blockchain-Analyse ermöglicht es Ermittlungsbehörden jedoch zunehmend, pseudonyme Adressen konkreten realen Personen zuzuordnen (vgl. Kap. V Blockchainanalyse in der ErmittlungspraxisEinleitung).
Aus kriminalistischer Perspektive lassen sich folgende Merkmale von Kryptowährungen festhalten, die deren Attraktivität für kriminelle Aktivitäten zunächst erhöhen könnten:
•
Keine zentrale Kontrollinstanz, keine Möglichkeit des Ausschlusses einzelner Nutzer von Transaktionen.
•
Unveränderbarkeit und Fälschungssicherheit der gespeicherten Transaktionsdaten.
•
Transparente, jedoch pseudonyme Speicherung der Adressen auf der Blockchain.
Allerdings ist diese scheinbare Sicherheit trügerisch, da moderne Blockchain-Analyse-Techniken die pseudonymen Adressen zunehmend entschlüsseln und eine Zuordnung zu realen Identitäten ermöglichen.
Dezentralität ist ein Konzept, das für uns im Alltag oft ungewohnt ist. Deshalb taucht häufig eine grundlegende Frage auf: Wie wird in einem System ohne zentrale Instanz Einigkeit darüber erzielt, welcher Eintrag als nächster in die Blockchain aufgenommen wird? Und wie wird sichergestellt, dass ein Coin nicht zweimal verkauft werden kann (double spending)?
Im Alltag sind wir fast ausschließlich von zentralisierten Systemen umgeben. Diese Systeme verfügen über eine zentrale Instanz, die entscheidet, kontrolliert und gegebenenfalls eingreift. Sie stellt sicher, dass alle Einträge in einem zentralen Hauptbuch einheitlich sind. Daher fällt es uns schwer, sich ein dezentrales System vorzustellen, das dennoch zuverlässig funktioniert. Blockchain-Systeme kommen jedoch genau ohne diese zentrale Instanz aus.
Eine Blockchain wird von einer Vielzahl von Knoten (Nodes) betrieben, deren Anzahl je nach Blockchain variieren kann. Diese Knoten einigen sich mittels sogenannter Konsensmechanismen gemeinsam darauf, welcher neue Block hinzugefügt wird. Dabei gibt es verschiedene Verfahren; die bekanntesten und am weitesten verbreiteten sind Proof-of-Work (PoW) und Proof-of-Stake (PoS).
Der erste Konsensmechanismus, der beim Start von Bitcoin eingeführt wurde, ist Proof-of-Work. Die Grundidee von PoW ist, dass die Teilnahme an diesem Verfahren einen erheblichen Aufwand erfordert, wodurch verhindert wird, dass jemand ohne ernsthafte Absicht am Mining-Prozess teilnimmt. Miner konkurrieren hierbei miteinander, indem sie versuchen, als Erste einen gültigen Hashwert zu berechnen, der bestimmten Anforderungen entspricht. Während es früher noch möglich war, Bitcoins mit einem gewöhnlichen PC zu minen, ist heute aufgrund der hohen Konkurrenz spezielle, leistungsfähige Hardware (ASICs) notwendig. Diese Hardware ist teuer, verbraucht viel Strom und erzeugt eine beträchtliche Menge Abwärme, die zusätzlich gekühlt werden muss.
Der hohe Energieverbrauch von Proof-of-Work wird in der Öffentlichkeit und in wissenschaftlichen Kreisen regelmäßig kritisch diskutiert. Die tatsächlichen Kosten für das Mining eines Bitcoins variieren stark und hängen insbesondere von Strompreisen und technischer Effizienz ab.
Heute müssen Interessierte nicht unbedingt selbst als Miner tätig werden. Sie können in sogenannte Mining-Pools investieren, die es erlauben, auch mit geringerem finanziellem Einsatz am Mining-Prozess teilzuhaben.
Als Reaktion auf die Kritik am hohen Energieverbrauch des PoW-Verfahrens wurde das Proof-of-Stake-Verfahren als Alternative entwickelt. Mit der Umstellung von Ethereum auf Proof-of-Stake („The Merge“ im September 2022) nutzen inzwischen viele Blockchains dieses energiesparendere Verfahren. Bei Ethereum spricht man nicht mehr von Minern, sondern von Validatoren, da diese keine rechenintensiven Rätsel lösen, sondern ihren Anspruch auf Validierung durch das Halten und Hinterlegen einer beträchtlichen Menge Kryptowährung nachweisen. Bei Ethereum beträgt der notwendige Einsatz (Stake) mindestens 32 ETH. Aktuell gibt es über eine Million Validatoren im Ethereum-Netzwerk.
Da Proof-of-Stake deutlich weniger Energie verbraucht als Proof-of-Work, gilt es als nachhaltige und effiziente Lösung. Allerdings gibt es Stimmen, die argumentieren, dass Proof-of-Stake weniger dezentral sein könnte, da diejenigen mit größerem Kapital stärker bevorteilt werden könnten.
Auch beim Staking gibt es Dienstleister, die sogenannte Staking-Pools anbieten, wodurch Anleger mit kleinerem Portfolio ebenfalls von den Staking Rewards profitieren können. Diese Rewards sind vergleichbar mit Zinserträgen aus klassischen Geldanlagen (vgl. Kap. V. 4.6 Konsensmechanismen).
Die Vorteile von Kryptowährungen für kriminelle Akteure wurden bereits dargestellt. Unabhängig davon wird im Kontext von Kryptoschulungen regelmäßig diskutiert, ob Kryptowährungen tatsächlich Geld darstellen. Die Frage lässt sich nicht pauschal beantworten und bedarf einer differenzierten Betrachtung. Festzustellen ist jedoch, dass Kryptowährungen, einschließlich Bitcoin, weder in Deutschland noch in der Europäischen Union den Status eines gesetzlichen Zahlungsmittels besitzen.
Volkswirtschaftlich betrachtet stellt sich die Frage, inwiefern Kryptowährungen, hier beispielhaft der Bitcoin, die zentralen Funktionen von Geld erfüllen. Diese Thematik wird hier in aller Kürze dargestellt; eine umfassende Behandlung findet sich bei Maume.[13]
Ein Gut muss zuerst die Funktion eines Wertaufbewahrungsmittels erfüllen, bevor es als Geld dienen kann. Dies bedeutet, dass es Werte langfristig und stabil speichern kann. Während Güter wie Zucker aufgrund ihrer mangelnden Widerstandsfähigkeit gegenüber Feuchtigkeit ungeeignet sind, erfüllt Bitcoin grundsätzlich diese Voraussetzung: Alle Transaktionen werden dauerhaft und unveränderlich auf der Blockchain gespeichert. Allerdings weisen Fromberger/Zimmermann zutreffend darauf hin, dass durch die öffentliche Transparenz der Blockchain jede einzelne Bitcoin-Einheit zurückverfolgt werden kann.[14] Daraus ergibt sich ein kriminalistisches Risiko: Bitcoins, die beispielsweise in Verbindung mit terroristischen Aktivitäten gebracht werden („Tainted Coins“), könnten erheblich an Nutzbarkeit und somit auch an Wert verlieren. Die Wertaufbewahrungsfunktion von Bitcoin wird darüber hinaus durch die hohe Preisvolatilität erheblich eingeschränkt, was die Eignung für alltägliche Transaktionen zusätzlich reduziert (vgl. hierzu ausführlich Kap. II. 8 Der Preis von Kryptowährungen). Gleichzeitig bieten diese Schwankungen Potenzial für spekulative Investments.
