Kulturnotizen aus der Provinz - Hellmuth Inderwies - E-Book

Kulturnotizen aus der Provinz E-Book

Hellmuth Inderwies

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Beschreibung

In einer Zeit der fortschreitenden allgemeinen Urbanisierung des Menschen muss sich das Land immer noch mit dem Vorurteil kultureller Rückständigkeit gegenüber den städtischen Zentren auseinandersetzen. Dem widerspricht der Autor, indem er die Vielfalt kulturellen Lebens am Beispiel der Kreisstadt Pfaffenhofen a. d. Ilm und der Region um die Jahrhundertwende vor Augen führt, ohne auch die augenscheinlichen Defizite nicht zu übersehen.

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Seitenzahl: 715

Veröffentlichungsjahr: 2021

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„Kultur ist die Gesamtheit aller Formen der Kunst, der Liebe und des Denkens…“

(André Malraux)

Vorwort des Verfassers

Über zehn Jahre (2007 bis 2017) verlegte das Medienhaus Kastner AG in Wolnzach die in einem sehr strengen Rhythmus von vier Wochen erscheinende Monatszeitung „Der Pfaffenhofener“. Sie bot ihren Lesern eine Vielfalt von Lokalnachrichten über das Leben in der Kreisstadt an der Ilm, wobei auf das kulturelle Geschehen ein Hauptaugenmerk gerichtet war. Dabei ging es vornehmlich um Themen von grundlegender Bedeutung und längerfristigem Interesse. Vor allem die ältere Generation schätzte die reich illustrierte Printausgabe, weil sie immer wieder Impulse für anregende Diskussionen und sogar wegweisende Initiativen auslöste. Man bedauerte es außerordentlich, als der Verlag nach einem Jahrzehnt das Ende ankündigte, um der gegenwärtigen Medienentwicklung zu entsprechen. Doch auch dem Hause Kastner fiel die Entscheidung nicht ganz leicht, weil man sich der großen Wertschätzung dieses Organs bewusst war und sich zudem der eigenen Tradition als Zeitungsverlag verpflichtet fühlt. Man begründete die Maßnahme wie folgt:

„Medien wandeln sich durch die Digitalisierung besonders stark. Die Zukunft gehört nun einmal dem Internet, heute den Mobiles, und es wird bald weitere Medienträger geben. So werden wir neue Formate auf diesen Kanälen entwickeln. Dies ist verbunden mit einer Stabsübergabe an die nächste Generation, der 5., in der Geschichte des Medienhauses Kastner. Es bedarf in unserer sich schnell ändernden Welt eines solchen Generationswechsels, um nicht im Gewohnten zu veralten. Das schließt nicht ein Bewusstsein über Tradition und Verantwortung für die bisherigen Leser aus. Aber auch sie wechseln gerade ins digitale Zeitalter. Bereits jetzt schätzen die Digital Natives die Papierform nicht mehr. Manche halten sie gar für Umweltschädigung, doch das gehört mit zu den Irrtümern der Neuen Zeiten.“ (Der Pfaffenhofener, 15. Dezember 2017, Ausgabe 12/KW 50, Editorial, S. 1)

Um beim Wandel der Medienkultur mit ihren unverkennbaren Fortschritten nicht auch gänzlich den „Irrtümern der Neuen Zeiten“ ausgeliefert zu sein, entsprach ich als Autor einem vielfachen Wunsch ehemaliger Leser, ich möge die Artikel, die ich in den zehn Jahren in „Der Pfaffenhofener“ monatlich veröffentlichte, zusammen mit meinen Erinnerungen an mein Wirken als Kulturreferent der Stadt Pfaffenhofen a. d. Ilm als Buchausgabe publizieren. Um sich in längere Texte zu vertiefen, sich emotional hineinzuversetzen und Inhalte zu reflektieren, seien nach wie vor auch Printerzeugnisse für ein breites Publikum unverzichtbar. Inzwischen könne man viele meiner Beiträge in „Der Pfaffenhofener“ und meine Reden und Einführungen bei Veranstaltungen als historische Quellen betrachten, weil sie vor allem Wertigkeit und Wandel kultureller Entwicklung um die Jahrhundertwende vor Augen führen. Sie zeichneten zusammen mit meinen Aktivitäten als Kulturreferent ein Gesamtbild, das teilweise dem vieler Klein- und Mittelstädte in unserem Lande entspricht.

Als Eduard Kastner die Herausgabe seiner Monatszeitung für die Stadt Pfaffenhofen und ihre unmittelbare Region ins Auge gefasst hatte, wollte er mich deshalb als Redaktionsmitglied gewinnen, weil ich publizistische Erfahrung besaß, im Mai 1996 von meinen Stadtratskollegen zum Kulturreferenten gewählt worden war und damit wesentlichen Einfluss auf die Gestaltung des Kulturprogramms nehmen konnte. Über diese Arbeit sowie über Phänomene des Kulturbetriebs schlechthin sollte ich regelmäßig in dem im März 2007 zum ersten Mal erscheinenden Organ berichten, dabei stets einen Blick auf die Kontinuität von Planungen und Aktivitäten werfen und vor allem auch die historische Dimension berücksichtigen: Wo lagen und liegen die Schwerpunkte und Intentionen kultureller Initiativen und Entwicklungen in einer noch stark ländlich geprägten Kreisstadt wie Pfaffenhofen a. d. Ilm? Welche Möglichkeiten sind vorhanden, welche Vielfalt wird geboten? Wo ist ein Vergleich mit anderen Kommunen oder früheren Zeiten angebracht? Welche Nachhaltigkeit ist zu erwarten? usw. usw.

In einer Kommune wie Pfaffenhofen a. d. Ilm, einem regionalen Zentrum mit vielen Ressourcen, aber auch in manchem Bereich noch mit ersichtlichem kulturellem Nachholbedarf, stehen dem ehrenamtlichen Kulturreferenten nur in ganz seltenen Fällen in der Verwaltung Experten zur Seite. Er selbst verfügt zumeist allenfalls aufgrund seines Berufs und seiner Teilnahme am kulturellen Geschehen über gewisse theoretische Vorkenntnisse. Das erschwert seine Aufgabe allein schon in Organisationsfragen in hohem Maße. In dieser Hinsicht konnte ich wenigstens auf meine Erfahrung als langjähriger Vereinsfunktionär zurückgreifen. Bis 2009 waren es ja doch immerhin 56 Jahre, in denen ich in Pfaffenhofen als 1. und 2. Vorsitzender Verantwortung getragen hatte (FSV Pfaffenhofen: 13 Jahre 1. Vorsitzender, 9 Jahre 2. Vorsitzender; Rotary Club Pfaffenhofen: 1 Jahr Präsident, 2 Jahre Vizepräsident, Gründungsmitglied; Sportgremium Pfaffenhofen: 18 Jahre 1. Vorsitzender, 13 Jahre 2. Vorsitzender, Gründungsmitglied). Obwohl ich bei Hans Sedlmayr an der LMU München Kunstgeschichte studiert hatte und als Germanist und Historiker am Schyren-Gymnasium relevante Fächer unterrichtete, betrat ich selbst auf thematischer und inhaltlicher Ebene hier bisweilen Neuland.

Der Kulturbegriff der Gegenwart hat sich allein schon in seiner Etymologie hin zu einem außerordentlich weiten und vielseitigen Phänomen entwickelt. Er umfasst auch in ländlichen Regionen eine derartige Fülle von Bereichen des Lebens, dass man ihn heute oft nicht mehr griffig zu definieren vermag. Vielfach ist er auf der sprachlichen Ebene inhaltlicher Unverbindlichkeit angelangt. Überall, wo der Mensch im positiven wie auch im negativen Sinn tätig ist, ist von „Kultur“ die Rede. Das von ihm aufgrund seiner Denk- und Handlungsweisen geschaffene Dasein, das er in der Gesellschaft, in seiner Arbeitswelt, bei sozialen Aktivitäten und durch seine sonstigen Lebensgewohnheiten und Wertvorstellungen entwickelt, kommt hier zum Ausdruck. Da gibt es eine Alltagskultur, zu der etwa eine Umgangskultur, so eine Gesprächs- und Kommunikationskultur gehören, weiterhin eine Esskultur, eine Jugendkultur, eine Para-, Dia- und Ideokultur, in der Wirtschaft eine Firmen- und eine Handelskultur, eine Sportkultur, dementsprechend eine Fußball- und eine Fankultur, eine Spaßkultur, eine Sprachkultur, eine Politik- und Klimakultur, eine Subkultur, eine Streitkultur und sogar eine Verbrecher- und eine Kriegskultur usw. usw.

Bei dem übermäßig breiten Spektrum von Bedeutungen, die ineinander übergehen, konnte es sich bei meinem politischen Wirken nur um einen sehr engen, normierten Kulturbegriff handeln. (s. Andreas Reckwitz, Die Kontingenzperspektive der Kultur. Kulturbergriffe, Kulturtheorien und das kulturwissenschaftliche Forschungsprogramm. in Handbuch der Kulturwissenschaften, hsg. v. Friedrich Jäger/Jörn Rüsen, Bd. 3, Themen und Tendenzen, Stuttgart/Weimar 2004, S. 1 – 20!). Deshalb sind in dieser Abhandlung nur die ohnehin schon außerordentlich vielfältigen kulturellen Ausdrucksformen und Aktivitäten enthalten, die zu meinem Zuständigkeitsbereich als Kulturreferent gehörten.

Als ich im Mai 2008 aus diesem Ehrenamt ausschied, das mir trotz aufwändiger Arbeit, die viel Zeit in Anspruch nahm, und trotz mancher nicht immer sachkundiger Kritik doch große Freude bereitet hatte, ergaben sich für mich als Autor von Kulturberichten in „Der Pfaffenhofener“ fortan bei der Berichterstattung zwei Perspektiven: zum einen ein Blick zurück auf die Kulturarbeit, die ich selbst in den vergangenen zwölf Jahren wesentlich beeinflusst oder mitgestaltet hatte und zum andern die Betrachtung jener Aktivitäten in den Jahren danach, für die ich politisch nicht mehr verantwortlich war und die ich als Bürger der Stadt aus einer stärkeren Distanz heraus wahrnehmen konnte! Dass ich in dieser Zeit auch immer wieder gebeten wurde, bei Projekten der Künstler/innen mitzuwirken (Vorträge, Einführungen u. a.), freute mich außerordentlich und ließ mich den Verlust des politischen Amts sehr schnell vergessen. So folgte nach einer Phase der stärkeren Identifikation und der sorgfältigen Nacharbeit (1996 – 2008) jene der intensiveren Betrachtung aus der Distanz und der kritischen Bewertung (2008 – 2019) kulturellen Geschehens. Damit Kontinuität und Wandel anschaulicher vor Augen treten, war es notwendig, beide Phasen kulturgeschichtlicher Phänomene und die damit einhergehende Entwicklung zu berücksichtigen. Dies geschieht in dieser Retrospektive auf zwei Ebenen, die ineinander übergehen und nicht voneinander zu trennen sind: die kulturelle Mitarbeit eines Programmgestalters und die Kulturrezeption des Konsumenten.

In dem zeitlichen Abschnitt, in dem ich das Kulturreferat innehatte, kann auf vollständige Darstellung des vielfältigen kulturellen bzw. künstlerischen Schaffens und Gestaltens in Pfaffenhofen und der unmittelbaren Region kein Anspruch erhoben werden. Über das städtische Programm hinaus bereichert von jeher eine außerordentliche Vielzahl von Aktivitäten den Kulturkalender. Zudem gehörte ein Teil des musischen Bereichs zu den Referaten meiner Stadtratskollegen Martin Wolf („Musikschule, Stadtkapelle, Konzerte“) und Reinhard Haiplik („Ausländerfragen und kulturelle Partnerschaften“). Es wurden hier grundsätzlich nur jene Aktivitäten aufgegriffen, die ich selbst mitgestaltet und miterlebt habe. Es ist darüber hinaus noch Vieles geschehen, das eine Würdigung verdient, hier aber nicht berücksichtigt wurde, weil ich es nur am Rande mitverfolgen konnte. Diese Einschränkung soll auch durch den Titel „Kulturnotizen aus der Provinz“ zum Ausdruck kommen, der regionale Bezug zudem durch das Titelbild von Anton Ritzer. Um die Gefahr einer allzu subjektiven Wahrnehmung zu mindern, entschied ich mich bei der Wiedergabe des Sachverhalts für die dritte Person. Als zentrale Quellen dienten meine sorgsam geführten Terminkalender und meine weit über 200 interpretierenden und stets schriftlich fixierten Einführungen und Vorträge, die ich in zwei Jahrzehnten bei Ausstellungen, Informations-, Fest- und Gedenkveranstaltungen nicht nur in Pfaffenhofen gehalten habe. Hinzu kommen Aufzeichnungen über die Gespräche mit den Künstlern, Experten der Kunst, Niederschriften der Sitzungen des Kulturausschusses und des Stadtrats von Pfaffenhofen, Zeitungsberichte, Festschriften der Vereine und Informationen aus den Tagungen des „Arbeitskreises für gemeinsame Kultur bayerischer Städte“, Handreichungen usw. Mein besonderer Dank gilt dem Leiter der Lokalredaktion des Pfaffenhofener Kurier, Robert Schmidl, und seinem Stellvertreter, Michael Kraus, für ihre Hilfe bei der Illustration.

In der Funktion als Kulturreferent und vor allem nach Verlust des Amts durfte ich in hohem Maße auch andernorts aktiv werden. Es folgten zahlreiche Einladungen in niederbayerische Zentren, wie Schönau, Vilshofen, Eggenfelden, Rotthalmünster, Pfarrkirchen, Bad Birnbach Passau, Burghausen und nach München (Orangerie, Italienisches Kulturinstitut, Informationszentrum der Hypo-Vereinsbank, wiederholt im Informationsbüro des Europäischen Parlaments usw.). Sogar ins Ausland führte der Weg. In Italien (Lombardei) standen Vorträge über die gemeinsame europäische Geschichte auf dem Programm, im Bildungshaus Kloster Neustift/Südtirol hielt ich für den Bayerisch-Slowenischen Kreis, Europäische Bewegung e. V. einen Vortrag über „Gemeinsame ethische Werte als Fundament Europas“ und im österreichischen Eisenstadt bei einem Europaseminar einen über den „Lobbyismus in der Europäischen Union“. Hinzu kommen Veranstaltungen in Kommunen der regionalen Nachbarschaft, wie Wolnzach (Rathauskeller), Geisenfeld (Rathaus), Ainau (Kunsttage), Ingolstadt (Klenze-Park und Audi-Akademie), Aichach, Reichertshausen, Scheyern, Schrobenhausen u. a. Die hier gesammelten Eindrücke fließen in die Darstellung mit ein. Ein Vergleich mit dem Kunst- und Kulturbetrieb Pfaffenhofens und der sich daraus ergebenden Planung einiger gemeinsamer Aktivitäten lag stets nahe, solange ich das Amt begleitete. Dieser Blick über die Mauern des eigenen Betätigungsfelds ist gerade für den Kulturreferenten einer kleineren Kommune bei seiner Planung von zentraler Bedeutung. Denn er soll mit seinem doch sehr viel schmaleren Kulturprogramm, das dem Bürger nicht die große Auswahl bietet wie in den großen Zentren, die kulturellen Ansprüche aller erfüllen. Er steht deshalb auch viel schneller im Kreuzfeuer der Kritik, weil ihn zumeist jeder persönlich kennt und problemlos Kontakt mit ihm aufnehmen kann. Dass Werturteile der Heimatzeitung, dem gerade im ländlichen Raum sehr einflussreichen Medium, dabei eine zentrale Rolle spielen, liegt nahe. Mit meinen Kulturnotizen soll ein möglichst objektiver Einblick in die Situation vermittelt werden, wie sie sich in einer ländlichen Mittelstadt um die Jahrhundertwende darstellte. Und es sollen vor allem auch ´meine Künstler´, wie ich sie als Kulturreferent immer genannt habe, ein wenig in Erinnerung bleiben.

Inhaltsverzeichnis

Vorwort des Verfassers

Abschnitt A

Kulturarbeit in der Kreisstadt Pfaffenhofen

1. Ausgangsituation und Grundbedingungen

2. Das Engagement der Protagonisten (1996 – 2019)

2.1 Initiativen und Aktivitäten kunstliebender Bürger

2.1.1 Das vereinsamte Depot in Heißmanning

2.1.2 Der Skulpturenpark – eine vergebene Chance

2.1.3 Impulse für das literarische Leben

2.2 Kunstvereine und Künstlergruppen

2.2.1 Theaterspielkreis (TSK) Pfaffenhofen und Lutz-Festival

2.2.2 Vom Hobby-Kunstkreis zum Kunstkreis e.V.

2.2.3 Querformat

2.2.4. Gruppe Luni

2.2.5. Fotofreunde VHS Pfaffenhofen

2.2.6. Holzschnitzer VHS Pfaffenhofen

2.2.7. Gebirgs- und Volkstrachtenverein „Ilmtaler“

2.3. Beiträge von Künstlern, Vereinigungen und Unternehmen

3. Das zähe Ringen um eine städtische Galerie

4. Institutionen des städtischen Kulturkalenders (1996-2008)

4.1 Ausstellung „Hallertauer Künstler“

4.2 Kultursommer und Europäische Kulturtage

4.3 Kulturförderpreis (Laudationes des Kulturreferenten)

4.3.1 Norbert Käs

4.3.2 Benedikt Hipp

4.3.3 David Böhm

5. Überregionale Aktivitäten (1996 – 2019)

5.1 Pro Europa Una e.V.

5.2 Das Kunstfest in Göbelsbach

5.3 Eine Künstlerwerkstatt

5.4 Ein Finanzamt als Kunsttempel

5.5 Arbeitskreis für gemeinsame Kulturarbeit bayerischer Städte e.V.

5.6 Ehrenamtsdienstreisen eines Laudators

6. Reden des Kulturreferenten und Interviews

6.1 Michael Weingartner zum Gedenken (10. Todestag)

6.2 „Haus der Begegnung“ feiert Geburtstag

6.3 „Athen – Rom – Christentum“ Gemeinsame Werte als Fundament Europas

6.4 „Kultur ist Ausdruck innerer Werte“

6.5 „Herbert und Schnipsi“

Abschnitt B

„Der Pfaffenhofener“ – Kulturberichte – Quellen

7. Beiträge des Kulturreferenten

7.

1 Unterschätzte Wiege der Kultur

7. 2 Zehn Jahre Kultursommer in der Kreisstadt

7. 3 Kunstvermittlung als Weg zur kulturellen Bildung

7. 4 Eine bewegte Zeit geht zu Ende

7. 5 „Pfaffenhofen leuchtet“

7. 6 Kunst braucht Öffentlichkeit – Öffentlichkeit braucht Kunst

7. 7 Restauration und Neugestaltung: Pfaffenhofens Begegnung mit seiner kulturellen Vergangenheit

7. 8 Heimatgeschichte in universalem Zusammenhang

7. 9 Der Auftakt beim Pfaffenhofener Kultursommer 2009

7. 10 Hermann E. Hechenberger stiftet zwei Skulpturen

7. 11 Besinnung auf gemeinsame Werte schafft Vertrautheit

7. 12 Erwacht Pfaffenhofen aus seinem musealen Dornröschenschlaf?

7. 13 Gemeinschaften bilden – Kontinente verbinden

7. 14 Das kulturelle Highlight 2013 in Pfaffenhofen

7. 15 Pfaffenhofen frönt dem besonders groß geschriebenen SUPERLATIV

7. 16 Sankt Stephan strahlt zur Weihnachtszeit

7. 17 Der Hallertauer 2015 in neuem Erscheinungsbild

7. 18 „Des schmeckt ma ned“

-

Stefan Reischl nach erfolgreichem kabarettistischem Debüt im Interview mit

Hellmuth Inderwies

7. 19 Pfaffenhofen versteckt seine Identität

7. 20 Alighieri Dante und sein Traum von Europa

7. 21 Ein einzigartiger Kunsttempel feiert Jubiläum

8. Porträt des Pfaffenhofener Kulturreferenten

von Lorenz Trapp

9. Mein Resümee

10. Literaturverzeichnis

Anhang:

„Als alles anders wurde“

Abschnitt A

Kulturarbeit in der Kreisstadt Pfaffenhofen (1996 – 2008)

1. Ausgangsituation und Grundbedingungen

Wegen seiner Nähe zu München und Ingolstadt, Augsburg und Regensburg ist die Kreisstadt Pfaffenhofen a. d. Ilm mit ihren gegenwärtig 25 917 Einwohnern (7/2020) trotz eines reichen kulturellen und gesellschaftlichen Lebens sehr oft einem analogen Vergleich mit diesen bedeutenden bayerischen Kulturzentren unterworfen. Ihr Erscheinungsbild und ihr Angebot werden hierbei mitunter maßlos unterschätzt und vor allem von jenen als wenig bedeutsam abgetan, die vorweg die vielfältigen Optionen dieser Großstädte wahrnehmen. Als Kulturreferent hat auch Hellmuth Inderwies nicht selten diese Erfahrung machen müssen und war dann sehr echauffiert, wenn die despektierliche Herabsetzung ohne jegliche Begründung auch noch in der Presse zum Ausdruck kam. Dies war für ihn mitunter ein Anlass, den Sachverhalt schriftlich zurechtzurücken, so z. B. in einem Brief an den Chefredakteur des Donau-Kurier vom 06.09.1997:

Sehr geehrter Herr Prof. Kraft, manchmal wirkt es schon ein wenig peinlich, mit welcher Arroganz das Kulturbewusstsein der ländlichen Region von den sog. Kulturzentren eingestuft wird. Der Beitrag im Kulturteil des DONAU KURIER „Mit sieben Meilenstiefeln durchs Universum“ vom 5. Sept. 1997, Nr. 204, S.18 (aw) ist beredtes Zeugnis davon. Es geht hier um die Vergabe des Kulturförderpreises der Stadt Pfaffenhofen 1997, der Steffen Kopetzky „flugs – nachdem er schon in Klagenfurt den Preis des Landes Kärnten abgesahnt hat – verliehen wurde“. Ich darf hierzu ausdrücklich feststellen:

1. Lange bevor überhaupt die Einladung des jungen Autors nach Klagenfurt erfolgte, hat der Kulturausschuss der Stadt Pfaffenhofen am 13.03.1997 auf Antrag des Kulturreferenten Steffen Kopetzky einstimmig als Preisträger vorgeschlagen. Ebenso einstimmig wurde darauf der Beschluss vom Stadtrat bestätigt.

2. Zu diesem Zeitpunkt war Steffen Kopetzky bereits lange für eine Autorenlesung am 3. Sept. 1997 im Rahmen des Kultursommers der Stadt verpflichtet worden. Bei dieser Gelegenheit sollte dann auch die Verleihung des Kulturförderpreises erfolgen.

3. Steffen Kopetzkys aufsehenerregender Erstlingsroman „Eine uneigentliche Reise“ wurde am 20.03. und 21.03.1997 von der „Berliner Morgenpost“ und der „ZEIT“ zuerst rezensiert. Der Autor stellte ihn bei Anwesenheit des Bayerischen Fernsehens am 09.04.1997 in Pfaffenhofen offiziell vor. Einen Berichterstatter des Donau Kurier habe ich damals leider nicht begrüßen können.

4. Der Kulturausschuss der Stadt Pfaffenhofen ist, zumal sich zwei Germanisten in seinen Reihen befinden, die Steffen Kopetzky von Kindheit an kennen, durchaus in der Lage, ohne Vorgabe Klagenfurts sein literarisches Talent und sein Können einzuschätzen.

5. Ich halte einen Hinweis auf diesen Sachverhalt in Ihrer Zeitung für angebracht und bitte Ihre Mitarbeiter in Zukunft um eine gewissenhaftere Recherche.

Mit freundlichen Grüßen

Hellmuth Inderwies

(Kulturreferent der Stadt Pfaffenhofen)

Mehr als der vordergründige Hinweis, dass lediglich eine zu saloppe Formulierung in dem Artikel zu einem Missverständnis geführt habe, war nicht zu erwarten. (s. 7. 1 „Unterschätzte Wiege der Kultur“ S. 400!)

Man mag mit Dieter Kramers Thesen, die er in seiner 2012 erschienenen Kritik an der Kulturpolitik („Kulturpolitik neu erfinden: Die Bürger als Nutzer und Akteure im Zentrum des kulturellen Lebens“, Klartext-Verlagsgesellschaft, Essen) nicht in allen Punkten übereinstimmen, eine seiner früheren Erkenntnisse gilt mit gewissen Einschränkungen zumindest für das Kulturleben bis zum heutigen Tag: „Die Zentren statten sich in dieser Situation offensiv mit einer neuen kulturgestützten Metropolen-Ideologie aus und beanspruchen für sich alle positiven Qualitäten wie Urbanität, Kultur, Weltoffenheit, Flexibilität, Modernität. Die Regionen werden zur Provinz herabgestuft, für sie bleiben die negativen Zuweisungen: Enge, Provinzialität, Nationalismus, Fremdenhass, Borniertheit sollen ihre Charakteristika sein (obwohl es das auch alles in den Großstädten gibt.).“ (s. „Über den Avantgardismus des Provinziellen“ in „Kulturpolitische Mitteilungen“, Nr. 59, IV/1992, S. 44!) Die Betrachtungsweise, die zu solch negativem Werturteil provinziellen Kulturlebens führt, erweist sich jedoch heute als sehr oberflächlich und schief. Die ländliche Region hat mit der Urbanisierung zwar lange den Charakter eines agrarischen Lebensraums beibehalten und vielfach nur kleinere Zentren der Vermarktung ihrer Güter gebildet. Betrachtet man aber in Deutschland deren Entwicklung, wie sie in der Mitte des letzten Jahrhunderts ihren Anfang nahm, so ist der Wandel zahlreicher bäuerlicher Landstädtchen zu beachtlichen kleinen Kulturzentren nicht zu übersehen. Im Rahmen der allmählich einsetzenden Stadtflucht, die in den beiden letzten Jahrzehnten in ihrem Ausmaß die Landflucht überholte, haben sich die Infrastruktur und das Gesicht der Kreisstadt Pfaffenhofen stark verändert. Die Einwohnerzahl stieg in diesem Zeitraum um das Dreifache. Vieles hat zu dieser Entwicklung beigetragen, nicht zuletzt auch jene Bildungsoffensive, die Georg Pichts Buch „Die deutsche Bildungskatastrophe“ aus dem Jahr 1964 ausgelöst hat. Allzu negative Kritik ignoriert zudem die vorhandenen grundverschiedenen Ressourcen gänzlich und übersieht, dass eine ländliche Region für ihr Selbstverständnis einen eigenständigen wesensgemäßen Kulturcharakter benötigt. So kommen hier der etwas anders geartete Lebensrhythmus und der besondere Lebensstil expliziter zum Ausdruck. Diese wiederum sind zum einen im Gegensatz zu der stärker universal ausgerichteten Kulturarbeit in den großen Zentren in viel höherem Maße getragen von der eigenen Geschichte, von Tradition und Brauchtum. In einer Landschaft wie der Holledau spielt darüber hinaus das sprichwörtliche Selbstbewusstsein einer sehr bodenständigen Bevölkerung eine nicht geringe Rolle.

Der allenthalben bekannte Songtext der Dellnhauser Musikanten dokumentiert dies metaphorisch. Er besitzt nahezu den Stellenwert einer Stammeshymne:

„Mir san Holledauer

von da Sunnaseiten

ham an Droadacker

und a Hopfaleitn

mir ham zwoa Goas im Stoi

und zwoa Böck im Pfluag

Schneid und saubere Madln

hamas gnua.“

Zum andern wird übersehen, dass ländliche Regionen seit langer Zeit auch Impulse, Anregungen und Innovationen aus den umliegenden großstädtischen Kulturzentren erhalten. Ein stetig wachsender Zuzug von Neubürgern spielt in Pfaffenhofen eine wichtige Rolle. Die oft vermutete Abgrenzung nach außen ist deshalb keineswegs vorhanden. Man lebt nicht in einem Elfenbeinturm kultureller Volks- und Eigentümelei, schon gar nicht in einem Ghetto kultureller Beschränktheit. Dies belegen auch die zahlreichen künstlerischen Vereinigungen und Vereine, die sich im Laufe der Zeit gebildet haben und manchmal auf eine lange Tradition verweisen können. Regionale Eigenart und universale Ausdrucksformen begegnen einander und vermischen sich. Gerade damit sind aber auch enorme finanzielle Belastungen für die ländlichen Kommunen verbunden, deren kulturelle Infrastruktur sich zudem als wesentlich schlechter darstellt als in großstädtischen Zentren. So bedarf es z. B. für eine Großveranstaltung in Pfaffenhofen der Besucher aus der Provinz, die zumeist weit größere Entfernungen zurückzulegen haben als dies in der Großstadt der Fall ist. Zudem fehlt es hier vielfach noch an geeigneten verfügbaren Räumen oder Lokalitäten. Und dies gilt nicht nur für Veranstaltungen, sondern auch für die Bereiche künstlerischer Erziehung und Ausbildung. Ein Vorteil gegenüber den Großzentren ist allerdings nicht zu übersehen: Der kulturbewusste Bürger Pfaffenhofens ist im Sinne des Berichts der Enquete-Kommission „Kultur in Deutschland“ (Bundestag 13.12.2007/BBE-Newsletter 02/2008) nicht nur als Steuerzahler ein Finanzier kulturellen Lebens, sondern er ist in viel höherem Maße als ehrenamtlicher Akteur und damit als gestaltende Kraft in das kulturelle Leben integriert.

Auch wenn in vielen Mittel- und Kreisstädten wie Pfaffenhofen a. d. Ilm eine Vielzahl von Gruppen, wie Kulturpolitiker, die kommunale Verwaltung, Vereine, Schulen, Kirchen, Unternehmen, vereinzelt auch interessierte Geschäftsleute usw. und nicht zuletzt natürlich Künstler und Bürger das kulturelle Leben sehr engagiert mitgestalten, so spielt dieser Bereich in der wissenschaftlichen Forschung bis heute noch eine untergeordnete Rolle. Dies rührt in hohem Maße auch davon her, dass es nur bedingt einen einheitlichen Typus des ländlichen Kulturraums gibt und die regionalen Unterschiede im Detail stark variieren.

Der vom kommunalen Parlament gewählte ehrenamtliche Kulturreferent kann kaum auf erprobte und damit brauchbare Organisationsmuster zurückgreifen. Er muss das Konzept seiner Arbeit weitgehend selbst entwickeln und dabei die besonderen Umstände ins Kalkül ziehen. Da ein besoldeter Kulturmanager in vielen Fällen eine zu große Belastung für den Haushalt bedeutet, kann er sich gegebenenfalls nur auf Grund seiner beruflichen Tätigkeit in bescheidenem Maße auf eigene Sachkenntnisse stützen und hoffen, dass er in der kommunalen Verwaltung Idealisten findet, die sich über ihren eigentlichen Aufgabenbereich hinaus auch noch seinen Anliegen, vor allem bei der Werbung und Organisation, widmen. Zudem steht ihm oft auch kein allzu üppiger Kulturetat zur Verfügung. In Pfaffenhofen waren es von 1997 bis 2007 im Durchschnitt lediglich 1,2 % des Gesamthaushalts, 2017 dann doch beachtliche 2,95 %. Nach der Wahl von 2008 wurde ein Kulturdezernat geschaffen, das den ehrenamtlichen Kulturreferenten weitgehend entlastet. Das darf als ein gewaltiger Fortschritt betrachtet werden, zumal andere Bereiche, wie Sozial- und Wohlfahrtspflege, Wohnungs- und Straßenbau, Schule und Bildung, Naturschutz und Landschaftspflege usw., gerade kleinere Kommunen heute oftmals bereits überfordern. Hinzu kommt, dass kulturelle Spitzenangebote zumeist mit hohen Kosten verbunden sind.

Um unter derartigen Bedingungen ein Kulturangebot zu offerieren, das dem Anspruch spezifischer landstädtischer Bevölkerung entsprechen soll, ist gerade hier eine enge Zusammenarbeit auf politischer Ebene für den Kulturreferenten unabdingbare Voraussetzung, will er sich zudem nicht einseitiger kulturalistischer Denkweise verdächtig machen. Als Hellmuth Inderwies (FWG) 1996 sein Amt übernommen hatte, war es ihm gerade deshalb ein Grundanliegen, im Stadtrat eine überfraktionelle Zusammenarbeit in Gang zu bringen. Diese war mit seinen ehemaligen Schülern am Schyren-Gymnasium Reinhard Haiplik (ÖDP, Referent für Ausländerfragen und kulturelle Partnerschaften) und Martin Wolf (CSU, Referent für Stadtkapelle, Musikschule, Konzerte) ein problemloses Unterfangen. Zusammen mit der tatkräftigen Unterstützung von Manfred Brandt, Elisabeth Benen (jetzt E. Steinbüchler) und Heidi Gernet, Mitgliedern der städtischen Verwaltung, setzten sie einen Vernetzungsprozess zwischen den kunst- und kulturbeflissenen Kräften in Gang und bereicherten zweifelsohne schon auf Grund eines dadurch gewonnenen breiten Spektrums in zwei Legislaturperioden (1996 bis 2008) den Kulturbetrieb. Sie erfüllten in hohem Maße die unmittelbar nach ihrer Wahl in einer gemeinsam verfassten Pressemitteilung (vom 12.05.1996) veröffentlichten Vorgaben:

„Angestrebt wird eine bestmögliche Terminabstimmung bei Veranstaltungen in den jeweiligen Bereichen, aber auch gemeinsame Planungen von kulturellen Programmen. Die unterschiedliche Schwerpunktsetzungen in den drei Referaten sollen zum Garanten für eine kulturelle Vielfalt werden. Die gegenseitige Abstimmung soll von vorneherein ein schädliches Konkurrenzdenken heraushalten.“

Dass von den Fraktionsmitgliedern der SPD, der zu diesem Zeitpunkt (01.05.1996) die Rolle der führenden Oppositionspartei zugefallen war, niemand für eine Mitarbeit gewonnen werden konnte, ergab sich wohl aus der neuen Referatsverteilung: “Prominentestes ´Opfer´ war Klaus Herber, der sein Kulturreferat an Hellmuth Inderwies (FWG) abtreten musste. Der SPD-Fraktionssprecher lehnte daraufhin jedes andere Angebot ab und wird deshalb in den nächsten sechs Jahren als einziger Stadtrat kein eigenes Referat betreuen.“ (PK Nr. 109, Samstag/Sonntag, 11./12. Mai 1996, S. 29)

Klaus Herber hatte allerdings mit Ausnahme seines Engagements für den Skulpturenpark und sein nicht immer sehr entschiedenes Votum für einen Stadthallenbau in den sechs Jahren seiner Amtszeit nicht gerade signifikante kulturelle Spuren hinterlassen. Mit seiner Entscheidung entsprach er auch nicht dem Anliegen, das der 1. Bürgermeister Hans Prechter in seiner Eröffnungsrede an den neuen Stadtrat richtete: “Ich wünsche uns allen, dass es uns gelingt, bei aller politischer Unterschiedlichkeit, die notwendigen Diskussionen und Meinungsabgleichungen, in korrektem, menschlichem und fairem Miteinanderumgehen zu bewerkstelligen. Nur in einer solch sachlichen, fairen und konstruktiven Zusammenarbeit liegt der Schlüssel zum Erfolg.“ (Niederschrift über die öffentliche Sitzung des Stadtrates Pfaffenhofen a. d. Ilm vom 02.05.1996, S. 3)

Um die Verantwortlichkeit für das Kulturleben in Pfaffenhofen nach den Kommunalwahlen von 1996 auf eine breitere Basis zu stellen und es zugleich zu intensivieren, bedurfte es nach dem politischen Umbruch im Stadtrat und dem Agreement der drei Referenten verschiedener Fraktionen über ihre künftige kulturelle Zusammenarbeit zunächst der Sammlung der dafür in Frage kommenden Kräfte, die gemeinsam bei einer Vernetzung, so bei Termingestaltung, Ortswahl der Veranstaltungen, Planung von Projekten, Kostenkalkulierung, Werbung, Information und Erfahrungsaustausch usw. mitwirken. Die ehrenamtliche Verpflichtung aller Beteiligten sollte hierbei zum absoluten Maßstab des Handelns werden.

Die Reisen in italienische Regionen, wie sie der „bayerische Römer“ Antonio Cigna, maestro d´arte, seit 1981 wohnhaft in der Kreisstadt, mit dem von ihm gegründeten „Kulturverein für europäische Integration“ (später: „Pro Europa Una e.V.“ / Sitz wurde im Jahr 2016 von Pfaffenhofen nach München verlegt!) und Repräsentanten kulturellen Lebens organisiert hat, machen eine Grundvoraussetzung transparent, ohne die ein lebendiger und abwechslungsreicher Kulturbetrieb in landstädtischen Kommunen kaum möglich ist. Es handelt sich um Aktivitäten von Künstlern, künstlerischen Gruppen und Vereinen, Unternehmen, öffentlichen Ämtern und kulturbeflissenen Privatpersonen, die sich freiwillig und ehrenamtlich in den Dienst der Gesellschaft stellen. In großen Kulturzentren sind dafür in wesentlich höherem Maße bzw. in erster Linie öffentliche Institutionen zuständig, die sich damit ausschließlich und professionell beschäftigen. Eine steuernde Zentrale mit eigenem Haushalt ist Koordinationsfaktor, Organisator und Veranstalter, während Kontakte und Vernetzung in ländlichen Regionen in hohem Maße der individuellen und sozialen Initiativen bedürfen.

So lag der Schwerpunkt der Arbeit, die die drei nunmehr zuständigen Referenten des Stadtrats in Pfaffenhofen als Vertreter der öffentlichen Hand zu leisten hatten, in einer angemessenen Hilfestellung und Unterstützung der freiwilligen und ehrenamtlichen Aktivitäten. Hierbei wiederum waren sie überdies auf den parlamentarischen Konsens, auf Kräfte aus der städtischen Verwaltung und auf Vereine angewiesen. Eine vordringliche Devise konnte für sie in den zwölf Jahren gemeinsamer Arbeit nur lauten: „Anschieben werden wir dort, wo privates Engagement etwas von öffentlicher Bedeutung nicht leisten kann oder will.“ (s. Gemeinsame Pressemitteilung vom 12.05.1996!)

Dies aber ist allein schon bei Künstlern mit ihrer wesensgemäßen Individualität keine leicht zu bewältigende Aufgabe. Deshalb kam es beim Kultursommer des Jahres 1996 nur zu einem, bereits vor der Wahl von den zuständigen Referenten (Klaus Herber, Max Penger) erstellten, äußerst schmalen Programm mit lediglich zwei durchaus niveauvollen, Veranstaltungen. Zum ersten Mal ging am 29. Juni in Pfaffenhofen ein „Open Air Klassik-Konzert“ über die Bühne, zu dem die Wirte von Siglbräu und Kastanienhof eingeladen hatten. Allerdings musste man wegen eines heftigen Regenschauers unter das Dach der Niederscheyerer Sport- und Mehrzweckhalle flüchten. Das Kammerorchester der Münchener Philharmoniker spielte Melodien von Mozart bis Vivaldi. Und nur einen Monat später, nämlich am 28. Juli, konnte der Pfaffenhofener „Turf Concerts“-Veranstalter Karl Käser zusammen mit dem Pfaffenhofener Kurier im Prielhof des Klosters Scheyern Konstantin Wecker mit einer Gruppe von Sängerinnen des Chors „Les Voies d´Esparance“ aus Kamerun präsentieren.

Bei allem Engagement des erst 1996 in den Stadtrat gewählten Kulturreferenten Hellmuth Inderwies, Künstler und Künstlervereinigungen zu gemeinsamen Aktivitäten vor allem bei städtischen Großveranstaltungen zu motivieren, ihm wurde trotz der noch geringen Erfahrung bereits zu Beginn seiner Amtszeit sehr schnell bewusst, dass die Stadt Pfaffenhofen nicht annähernd die geeigneten räumlichen Voraussetzungen für das vorhandene kulturelle Angebot, eine enge Vernetzung des Kulturbetriebs und für größere Veranstaltungen bot! Und dieses Defizit war dem Wesen des ländlichen Provinzstädtchens entsprechend ein historisches Phänomen.

Bereits am 12. März 1948 hatte Walter Repke, der Begründer einer Malschule in der Scheyererstraße 38, ein schriftliches Gesuch an den Stadtrat gerichtet, in dem er um „Zuweisung eines geeigneten Unterrichtsraumes“ bat, um seine Pläne erfüllen zu können. Und in jüngerer Zeit, nämlich am 02.02.1990, wies der 2. Bürgermeister Willihard Kolbinger, zugleich auch Kulturreferent der Stadt, bei der Verabschiedung des Leiters der Städtischen Musikschule, Friedrich Huntscha, auf dieses Defizit hin. Die zur Verfügung stehenden Räumlichkeiten in der „Alten Post“ am Hauptplatz und im Haus der Begegnung seien auf Dauer nicht das Ideal: „Die Stadt wird irgendwann in den nächsten Jahren einen Veranstaltungsraum brauchen, welcher der Musik und dem Theater dient und auch die eventuelle Zusammenfassung der Musikschule beinhaltet.“ (PK Nr. 30 vom 6. Februar 1990, S. 13) Der Musikunterricht fand damals in verschiedenen Gebäuden statt, was Verwaltung und Organisation des Stundenplans, den Meinungsaustausch unter den Lehrern, gemeinsame Projekte usw. außerordentlich erschwerte, zumal zu diesem Zeitpunkt etwa 800 Schüler die Musikschule besuchten. Diese war 1982 durch die Erweiterung einer bereits bestehenden Singschule entstanden. Der bei der Abschiedsfeier ihres Leiters Friedrich Huntscha auch anwesende 1. Bürgermeister Sepp Hobmeier (FWG) konnte allerdings dem gleichzeitig in sein Amt eingeführten Nachfolger auf Grund eines bereits gefassten Beschlusses des Stadtrats nur bessere Bedingungen versprechen: „Wir richten für Auwi Geyer ein Büro und einen Arbeitsplatz für eine Sekretärin ein.“ (Zitatstelle, s. o.!) Wohl etwas zu wenig für den neuen Amtsinhaber, der in der Folge das kulturelle Leben der Stadt im Bereich der Musik in hohem Maße mitgestaltete! Im Stadtrat wurde damals allzu gerne der Bortenschlager-Saal, obwohl er privates Eigentum war und oft nicht zur Verfügung stand, als Alibi benutzt, um bei der Raumproblematik keine Zugeständnisse machen zu müssen. Weitere immer wieder ins Spiel gebrachte Alternativen, wie das Kolpinghaus, das evangelische Gemeindezentrum, die Eislaufhalle, die kreiseigene Aula des Schyren-Gymnasiums oder jene der Hauptschule konnten und können ein Kultur- bzw. Bürgerhaus nicht ersetzen. Und die von den Sportvereinen des Sportgremiums Pfaffenhofen hart erkämpfte und ohnehin überbelegte sogenannte Mehrzweckhalle in Niederscheyern ist nun einmal als Dreifachsporthalle konzipiert und nicht als Konzertsaal. Wie aus inoffiziellen Umfragen hervorging, befürwortete damals bei weitem die Mehrheit der Bürger den Bau eines Kulturzentrums. (s. auch PK Nr. 238, 15.10.1996, S.15, „Stimmen zur Stadthalle“!) Um Letzterem die notwendige Dynamik zu verleihen, hatte Hellmuth Inderwies bereits in der Sitzung des Kulturausschusses vom 01.10.1996 mit Nachdruck für die Gründung eines „Kulturgremiums“ plädiert, ähnlich dem von ihm im Jahr 1976 mitgegründeten „Sportgremium“, das sich als eine ständige Bürgerinitiative von gegenwärtig 31 Sportvereinen versteht. Pfaffenhofen sei moralisch dazu verpflichtet, für das kulturelle Leben angemessene Voraussetzungen wie eine Stadthalle als Kulturzentrum zu schaffen, zumal es wegen seiner ansonsten fehlenden Finanzkraft auf die Aktivitäten seiner zahlreichen Kunst-, Kultur- und Musikvereine angewiesen sei, um deren durchaus vorhandenes und ansprechendes Kulturangebot wirkungsvoll nützen zu können. Man fasste den Beschluss, dass die Stadt bei der Gründung eines Kulturgremiums, dem ein wesentliches Wort bei der Gestaltung des Kulturprogramms zufallen solle, logistische und ideelle Hilfestellung leisten werde. Dem Kulturreferenten sicherte man die Unterstützung der Verwaltung zu. Gleichzeitig wurden die drei Kulturbeauftragten aufgefordert, ein Programm für den Kultursommer 1997 zu erarbeiten. An den Stadtrat ging die Empfehlung, hierfür 15. 000,-- DM zu genehmigen.

Wie notwendig die Gründung eines derartigen Kulturgremiums als ständige beratende Arbeitsgemeinschaft war, geht auch aus einer stichpunktartigen Aufstellung von Empfehlungen hervor, die wenig später (07.11.1996) die Kunsterzieher am Schyren-Gymnasium und zugleich sehr aktiven Künstler, Manfred Leeb, Reiner Schlamp und Heribert Wasshuber, schriftlich an den Kulturreferenten und zugleich Lehrerkollegen richteten:

„Lieber Herr Inderwies, lieber Hellmuth,

wir haben uns einige Gedanken zur zukünftigen Situation der bildenden Kunst notiert und schlagen vor:

1. Eine zweijährige Ausstellung Pfaffenhofener Künstler im HDB (Haus der Begegnung) oder in der Sparkasse, im alten Rentamt durchgehend zwei Wochen lang (ein guter Termin wäre Oktober, aber nicht während der Ferien). Die Stadt organisiert, erstellt einen Katalog, macht ein Dauerplakat (Auftrag an einen einheimischen Künstler), lädt ein. Ein prägnanter, griffiger Titel der Ausstellung wäre zu finden. Eine Jury wählt aus, die Jurytätigkeit beginnt schon bei der Einladung, d. h. es wird nicht allgemein eingeladen. Die Aufsicht stellen nicht nur die Künstler. Die Stadt soll auf ihr Hausrecht pochen und die Belegung des Hauses so regeln, dass eine zweiwöchige Benutzung aller Räume im Parterre möglich ist. (Das sollte auch bei anderen Ausstellungen möglich sein, zumindest eine Woche) Ziel: Die Stadt übernimmt die grundsätzliche Aufgabe, die vom Kunstverein nicht ausreichend erfüllt wird, nämlich einheimische Künstler zu fördern.

2. Der nächste Kulturpreis der Stadt geht an die Kunst.

3. Städtische Kunst: eine Ausstellung aller bisher von der Stadt angekauften Bilder „Zeitgenössische Kunst im Besitz der Stadt Pfaffenhofen“

4. eine Veröffentlichung: „Künstler im Landkreis Pfaffenhofen“ eine Art Almanach, Personality-Vorstellung mit Foto Adressen, Vita usw. Die Stadt schreibt die Künstler an (vorgefertigtes Blatt zum Ausfüllen).

5. Die Kunstprozente bei städtischen Bauten wirklich für die Kunst am Bau (einheimische Künstler bevorzugen) ausgeben.

6. Entschiedene Unterstützung der Idee „Stadthalle“

7. Persönliche und praktische Kulturförderung durch den Kulturreferenten, z. B. Besuch von Figurentheateraufführungen der „Spielbude“,

8. eine geplante Ausstellung von italienischen Künstlern in Pfaffenhofen unter der Bedingung, dass Pfaffenhofener Künstler in Italien ausstellen können,

9. eine bessere und attraktive Durchführung der Hallertauer Ausstellung, v. a.: längerfristige Planung, nicht so kurz wie 1996 (Kulturreferent: K. Herber), alternativ zur Ausstellung unter 1. Die Jury legt bei der Auswahl der Bilder einen großzügigeren Maßstab an.

10. Kunstankauf durch die Stadt: Erhöhung der Ankaufsumme. Nicht wie bisher Ablieferung der Bilder durch die Künstler, sondern Atelierbesuche durch Kunstgremium nach Absprache (auf 3-5 Künstler pro Jahr beschränkt, im Turnus)

11. Einzelausstellungen aller langjährig im Landkreis tätigen Künstler (Negativbeispiel: Ausstellung erst nach Ableben von Hautmann) (Positivbeispiel: Ausstellung Kroha zum 60. Geburtstag und Weingartner)

Die hier aufgelisteten Punkte verdeutlichen signifikante Defizite des Kunst- und Kulturbetriebs, die in jener Zeit in Pfaffenhofen offenkundlich zutage traten, auch wenn sie etwas einseitig aus der Perspektive bildender Künstler formuliert wurden. Sie waren für den Kulturreferenten ein durchaus wichtiger Teil seines Programms kulturpolitischer Arbeit, die er in der bevorstehenden Legislaturperiode zu erledigen hatte. Sieht man von dem zentralen Ziel, dem Bau einer Stadthalle ab, so wurden trotz eines sehr engen Finanzrahmens die meisten Maßgaben erfüllt, wenn auch nicht immer in adäquater Form. Wenn die Gründung eines Kulturgremiums, wie es der Kulturreferent mehrfach gefordert hatte, sofort erfolgt wäre, hätte man zu diesem Zeitpunkt wohl wesentlich bessere Rahmenbedingungen für den Kulturbetrieb durchzusetzen können. Ein breites Angebot an Präsentationen von öffentlichem Interesse war ja vorhanden. Erst nahezu zehn Jahre später konnten die Künstler allmählich zu einer geschlossenen Arbeits- und Interessengemeinschaft zusammenwachsen, der man auch Gehör schenkte. Zudem begannen nach der Jahrhundertwende die wirtschaftlich mageren Jahre der bayerischen Kommunen, in denen auch Pfaffenhofen eine zeitweilige Haushaltssperre nicht erspart blieb, worunter die Kulturarbeit außerordentlich zu leiden hatte.

Bei der vorhandenen Raumnot war die Breite des Angebots zu keiner Zeit zufriedenstellend zu bewältigen. Sehr augenscheinlich war sie bei der Jubiläumsfeier „15 Jahre Querformat“ am 25. Oktober 1996 im Haus der Begegnung spürbar geworden, als diese Künstlergruppe (Anna Brummer, Evi Burger, Konrad Dördelmann, Malu Ertl, Heide Frahm, Isolde Gamperl, Annemarie Glück, Kiki Mittelstaedt, Anton Oberhofer, Petra van der Valk-Lehner) Gäste aus München, Eichstätt und Regensburg empfing und ihre Mentorin Annemarie Glück ein klein wenig süffisant darauf verwies, dass man in einem übermäßig genutzten Raum mit der Dauer der Ausstellung über lediglich ein Wochenende einen unfreiwilligen Rekord aufstellen werde (s. auch PK Nr. 249, 28. Okt. 1996, S. 9!). Sie wollte damit die Initiative der damals 84-jährigen Maria Noichl unterstützen, die als Motor den 1990 gegründeten “Freundeskreis Stadthalle Pfaffenhofen“ über viele Jahre hinweg „am Köcheln gehalten“ hat, wie es Max Penger beim „Tag der Stadthalle“ zwei Wochen zuvor (12.10.1996) in der Aula des Schyren-Gymnasiums in seiner kurzen programmatischen Ansprache ausgedrückt hatte. (s. auch PK Nr. 238, 15. Okt. 1996, S. 15) Zur gleichen Zeit feierte im Bortenschlager-Saal der Trachtenverein „d´Ilmtaler“ den 70. Geburtstag mit einem großen Heimatabend. Nichts anderes als eine Konkurrenzveranstaltung wegen der fehlenden Terminabstimmung! Sie stand unter dem vom Vorsitzenden Matthias Lob gewählten Motto „Treu dem guten alten Brauch!“, dem Wahlspruch des Vereins, der auch ein wenig auf den Kulturbetrieb zutraf. Dies mag dazu beigetragen haben, dass sich die Besucherzahl beim „Tag der Stadthalle“ in Grenzen hielt.

Eine stärkere Koordination wäre in einem Kunstgremium möglich gewesen. Max Penger, der sich - abgesehen von der 2. Bürgermeisterin Inge Hoiss und dem Kulturreferenten Hellmuth Inderwies - von Seiten des Stadtrats auf Grund persönlicher Einladung zu dieser Veranstaltung des „Freundeskreises Stadthalle“ etwas mehr Interesse erwartet hatte, gehörte hier zusammen mit Klaus Herber und Martin Wolf zu den engagiertesten Befürwortern eines Kulturzentrums, für dessen Notwendigkeit eindrucksvoll geworben wurde. Eine Vielzahl von Pfaffenhofener Kulturvereinen bot ein buntes Rahmenprogramm mit Musik, Tanz, Kabarett, Chorgesängen, Malerei, Töpferei usw. „Stachelbären“, Tanzsportgemeinschaft „Blau-Gelb“, Hobbykunstkreis, Liedertafel, Theaterspielkreis und Stadtkapelle waren vertreten und deuteten an, wie man in Zukunft bei angemessenen Voraussetzungen gemeinsame Veranstaltungen sehr viel besser arrangieren könne. Es wäre wichtig gewesen, die durchwegs niveauvollen Darbietungen aus verschiedensten Genres der Kunst im Vorfeld aufeinander abzustimmen. Auch hier hätte eine stärkere Kooperation stattfinden müssen. Für den anwesenden Kulturreferenten ein wichtiges Argument, bei seinen Bemühungen um Vernetzung der in Frage kommenden aktiven Kräfte, und da vor allem auch auf ihre Arbeitsbedingungen, ein besonderes Augenmerk zu richten! Dafür hätte der Bau einer Stadthalle wichtige Dienste leisten können.

Über zwei Jahre gehörte dieses Thema zu jenen Vorhaben, die im Rathaus und in der Öffentlichkeit am meisten diskutiert wurden. Im Rahmen einer Besichtigungsfahrt des Stadtrats nach Grafing und Eching informierte man sich über Nutzung derartiger Kulturzentren, über Bewirtschaftung und Folgelasten. Man war beeindruckt von den Möglichkeiten, die sie boten. Schon zuvor hatte man eine halbe Million Mark als eine Art Rücklage und Grundstock ins Auge gefasst.

Am 03. Februar 1997 stellte Maria Noichl in einem couragierten Schreiben an den 1. Bürgermeister den Antrag, „für das Projekt Stadthalle den Sparbetrag im Rückhaltehaushalt um 500.000,-- bis zu 1.000 000,-- aufzustocken.“ und erinnerte daran, dass „Pfaffenhofen mit seinen 21 500 Einwohnern Kreisstadt eines Mittelzentrums ist und so bestehen auch Verpflichtungen zu entsprechender kultureller Repräsentation, damit nicht der Begriff Schlafstadt dominant werden kann.“ Kulturreferent Hellmuth Inderwies nutzte bei der Eröffnung der Ausstellung „Hallertauer Künstler“ am 05.09.1998 die Gelegenheit, um zum wiederholten Male sehr eindringlich auf die räumliche Enge des Kunst- und Kulturlebens in Pfaffenhofen hinzuweisen. So sehr er persönlich das „Haus der Begegnung“ schätze, „so ungeeignet sind seine Räume für die Präsentation von Bildern. Es handelt sich um Klassenzimmer einer ehemaligen Schule, aus der die Lehr- und Lernatmosphäre und vielleicht auch ein wenig die Atmosphäre erzieherischer Bevormundung nie ganz zu verbannen sein werden. Kunst will aber nicht mehr nur wie in früherer Zeit den Unwissenden belehren und unterhalten, dem barocken Grundsatz ´docet et delectat´ entsprechend, sie braucht heute vor allem das Gespräch mit dem geistig emanzipierten Rezipienten, gewissermaßen das Gespräch mit einem Partner. (…) Es ist lange an der Zeit, wenn Pfaffenhofen nicht gänzlich den Anschluss verlieren will, auch den kulturellen Ansprüchen seiner Bürger Rechnung zu tragen und das Projekt ´Stadthalle´ ernsthaft in Angriff zu nehmen. Sie, meine Damen und Herren, müssen in noch viel höherem Maße als bisher die Funktion des Kulturgewissens dieser Stadt erfüllen.“ Vor dem letzten „Tag der Stadthalle“ am 11. Oktober 1998 im „Haus der Begegnung“ nahm Maria Noichl einen kritischen Leserbrief eines ortsansässigen Pfaffenhofener Künstlers, des Marinemalers Viktor Gernhard, zum Anlass, ein weiteres Mal für ihr Anliegen zu kämpfen. Dieser bezweifelte, dass die Qualität von Kunstausstellungen vom Bau einer Stadthalle abhängig sei, und prophezeite auf Grund der Rentabilität eines solchen Gebäudes hohe Defizite. (PK Nr. 230, Mittwoch, 7. Oktober 1998, S. 21)

Maria Noichl fasste in der Antwort darauf ihre wichtigsten Argumente zusammen: „Stadthalle/Kulturzentrum – seit 37 Jahren ist die Notwendigkeit dieser wirtschaftlichen und kulturellen Belebung in unserer Kreisstadt, dem Mittelzentrum zwischen München, Augsburg und Ingolstadt, im Gespräch. Gut, es lassen sich immer wieder Provisorien finden, über den würdigen, angemessenen Rahmen der erfreulich anspruchsvollen Veranstaltungen wird besser geschwiegen. Es sind ja immer die gleichen Interessenten und Teilnehmer – diese weit verbreitete Meinung bestätigt, dass Provisorien auf lange Zeit eine Bremse für Kultur und Wirtschaft sind. (…) Ohne Kulturbremse hätte auch Pfaffenhofen mit der Stadthalle viele Räume als Anziehungspunkt für viele Künstler und das weit über die ganze Hallertau hinaus.“ Und sie nennt im Rahmen weiterer Nutzungsmöglichkeiten verbunden mit wirtschaftlicher Prosperität: Musikschule, Tagungsräume, Arbeitsplätze, Einkäufe auswärtiger Besucher usw. (PK Nr. 232, Freitag, 9. Oktober 1998, S.27)

Auf der gleichen Seite des „Pfaffenhofener Kurier“ unterstützte Kulturreferent Hellmuth Inderwies die Argumente von Maria Noichl in einer Pressemitteilung: „Dass ein solch kostspieliges Projekt nicht von heute auf morgen in die Tat umgesetzt werden kann, ist jedem plausibel. Das hindert aber nicht daran, ja es ist geradezu unsere Pflicht, als aktive Bürger unseres Gemeinwesens für die Zukunft vorzudenken und vorzusorgen. (…) Wer stets der Norm huldigt, dass das, was wir bisher nicht gehabt haben, grundsätzlich nicht notwendig sei, der provoziert Stillstand und Stagnation. Er wird, wie es eine geläufige Metapher so schön umschreibt ´auf der Strecke bleiben´. Dabei steht der Bedarf der Stadthalle oder auch eines Hallenbads für die Kreisstadt Pfaffenhofen schon heute bei der Mehrheit der Bürger außer Frage. Und dass damit Opfer verbunden sind … ebenso!“

Den Parkplatz des Schwimmbades, Volksfestplatz, das ehemalige Schlachthofareal, das Bunkergelände sowie die vom Stadtrat für kurze Zeit favorisierte Insel, auf der neben der Stadthalle auch eine Freilichtbühne vorgesehen war, hatte man verschiedentlich als Kultur- und Freizeitzentren ins Auge gefasst. Letztere wurde auch deshalb von Holzschutzmitteln der hier in der Vergangenheit imprägnierten Hopfenstangen mit großem finanziellem Aufwand entgiftet. Das Projekt scheiterte freilich damals weniger an einem dadurch u. U. etwas überforderten städtischen Haushalt, sondern vor allem an der Furcht des Stadtrats vor den nicht tragbaren Folgekosten des Unterhalts, zumal auch das Projekt „Tiefgarage unter dem Hauptplatz“ auf Grund eines Ratsbegehrens zu diesem Zeitpunkt wieder aktualisiert worden war. Da nützte es wenig, dass sich Maria Noichl noch einmal bei der Bürgerversammlung vom 02.12.1999 im Bortenschlagersaal „als unermüdliche Kämpferin des ´Freundeskreises Stadthalle´ präsentierte, die an Besichtigungsfahrten zu den Stadthallen in Gersthofen und Erding erinnerte und darauf aufmerksam machte, dass diese ganzjährig ausgebucht seien, so dass keine der beiden Gemeinden hätte Bankrott anmelden müssen.“ (PK Nr. 281, Sa./So. 4./5. Dezember 1999, S. 27) Geblieben ist nach langen beharrlichen Bemühungen, ein Kulturzentrum zu schaffen, ein vom „Freundeskreis Stadthalle“ erstelltes stenogrammartiges Raumprogramm als Entscheidungshilfe für den Stadtrat:

„1. Saalgrößen:

A. Hauptsaal: 820 Personen, Galerie: 180 Personen / Gesamt: 1000 Personen, Unterteilung des Hauptsaales in zwei Räume zu je: Großer Raum 570 Personen – Kleiner Raum 250 Personen

B. Multifunktionsraum: 150 qm Kombinutzung durch Musikschule und Stadthalle, für Musikschule: Veranstaltungsraum für Klassenvorspiele; Stadthalle: Orchestervorbereitung, kleine Ausstellungen, Probenraum für Tänzer, usw.

2. Bühne:Hauptbühne 140 qm, Hinterbühne 60 qm, Vorderbühne 30 qm (mit Orchestergraben) Bühnennebenräume ca. 200 qm (Umkleide-Schmink-Kostüm-Lagerräume, Magazin), Lastenaufzug

3. Ausstellungsflächen:Kunstausstellungen im Foyerbereich min. 300 qm. Wichtig: Feste Wände, Kombinutzung bei Veranstaltungen, Garderobe, Sektbar

4. Seminar –, Konferenzräume:Diese Räume werden bereits durch die bestehenden Räume abgedeckt: kleiner Raum d. Hauptsaals (250 Personen) und Multifunktionsraum (ca. 120 Personen)

5. Gastronomie:Musikschule/Stadthalle, Cafeteria (60 qm), Stadthalle: Verteilerküche (1000 Personen); Sektbar (Kombinutzung: Bei Veranstaltungen: Sektbar/ bei Ausstellungen-Ausstellungsfläche

Bitte mit evtl. Änderungen wieder zurückfaxen:Fax Nr. 08441/82829“

Zusammen mit diesem Vorschlag ging auch ein sehr detailliertes Raumprogramm der Städtischen Musikschule und der Stadtkapelle, Spielmannszug und Bigband am 12.07.1998 an die Stadt, das sehr hohen Ansprüchen durchaus gerecht wird:

„1. Eingangshalle (Aula)mit Sitzgelegenheiten für Wartende (insbes. Mütter, kl. Kinder usw.) sowie ausziehbarem Podium ca. 250 qm

2. 4 Verwaltungsräume:

a) Schulleiter (zugleich Besprechungszimmer) ca. 25 qm

b) Sekretariat (Geschäftsstelle) ca.30 qm

c) Stellvertretender Schulleiter evtl. Verwaltungsleiter ca. 25 qm

d) Verwaltungsarchiv ca. 20 qm

3. 14 Allgemeine Räume

a) Lehrerzimmer (für ca. 23-25 Personen) ca. 70 qm

b) Cafeteria mit Teeküche für Lehrer ca. 10 qm

c) Lehrertoilette (Bezug zu Lehrerzimmer u. Teeküche f. Lehrer) nach Bedarf

d) Bibliothek für Noten und Bücher der MS ca. 40 qm

e) Instrumentenarchiv (Lager)der MS ca. 30 qm

f) kl. Büroraum (Bezug zu Bibliothek/Instrumentenarchiv) ca. 15qm

g) 2 Toiletten (behindertengerecht) je Geschoß ca. 20 qm

h) 1 Abstellraum für Reinigungsmaschinen, Putzmittel usw. je Geschoß ca. 9 qm

i) 1 Abstellraum je Geschoß für Unterrichtsmaterial je ca. 15 qm

j) Hausmeisterbüro (Bezug zur Werkstatt) ca. 15 qm

k) Stuhllager (Bez. z. Verwaltungsraum, Klassenvorspielraum, Probenraum, STK und Aula) ca. 20 qm

l) Besuchergarderobe (durch Rollladen abschließbar, so dass bei Benutzung über größere Zeiträume nicht ständig Personal erforderlich ist)

m) Notenbibliothek für STK (Bezug zum Probenraum) ca. 15 qm

n) Instrumentenarchiv (Lager) für STK (Bezug zu Probenraum STK) ca. 25 qm

4. Veranstaltungs- und Probenräume(wenig parallele Wände):

a) Probenraum für Stadtkapelle, Spielmannszug u. Big Band (abgestuft und speziell akustisch ausgebaut, auch für den Schlagzeugunterricht) ca. 160 qm

b) Tonstudio (Bezug zu Probenraum STK und Veranstaltungsr. Klassenv.) ca. 20 qm

c) Veranstaltungsraum für Klassenvorspiele mit Bühne (für ca. 100 Personen) ca. 150 qm

d) dazugehöriger Vorbereitungsraum (Stimmzimmer, Einspielen, Instrumentenkoffer usw.) ca. 20 qm

5. 2 Räume für den Elementarunterricht(wenig parallele Wände):

a) Musikalische Früherziehung (evtl. Schwingboden) ca. 60 qm

b) Musikalische Grundausbildung (evtl. Schwingboden) ca. 60 qm

6. 3 Räume für Ensemble, Chor, Ergänzungsfächer, Kurse, Seminare u. Workshops(wenig parallele Wände)

a) 2 Mehrzweckräume für Ensembleproben, gemischte Ensemble, Chor usw. (evtl. Kombiräume, Bezug zur Stadthalle – Garderobe für Künstler) je ca. 40 qm

b) Volksmusikstüberl ca. 25 qm

7. 20 Räume für den Instrumentalunterricht und Übe- bzw. Einspielräume(wenig parallele Wände):

a) 6 Unterrichtsräume (Gruppenunterricht) je ca. 27 qm

b) 10 Unterrichtsräume für Einzelunterricht je ca. 17 qm

c) 4 Übe- und Einspielräume für Schüler/innen je ca. 12 qm

8. Theatron – Freilichtbühne für ca. 200 Zuschauer

9. Parkplätze(für Lehrkräfte und Eltern der Schüler) n. Bed.

10. Lift(behindertengerecht) nach Bedarf

11. Technische Räume(Heizung, Werkstatt usw.) ca. 80qm

12. Kellerräumenach Bedarf“

Geblieben sind über diese Initiativen hinaus auch die metaphorischen Embleme vom letzten „Tag der Stadthalle“: Bausteine aus Papier, die später in solche aus Ton umgetauscht wurden. Letztere wurden nummeriert und zusammen mit einem Zeugnis über den anteiligen Besitz für jeweils 5.-- DM verkauft. Nach Fertigstellung des Gebäudes sollten sie als Mosaik eine Wand der Eingangshalle zusammen mit den Namen ihrer Käufer schmücken.

Noch einmal keimte Hoffnung auf, dass Pfaffenhofen ein Kulturzentrum erhalten werde. E.ON unterbreitete im Mai 2007 der Stadt ein schriftliches Verkaufsangebot zum Gebäude des Zählerprüfwerks samt Grundstück mit 5830 Quadratmetern an der Ingolstädter Straße für 650 000,-- Euro. Der Ausschuss für Kultur, Sport, Jugend und Soziales war sich in seiner Sitzung vom 05. Juli 2007 weitgehend darüber einig, dass man der Sache nähertreten solle. Vor allem Musikreferent Martin Wolf (CSU) und Kulturreferent Hellmuth Inderwies (FW) votierten für einen Kauf, um für Musikschule und Stadtkapelle ein Zuhause und damit angemessene Arbeitsbedingungen zu schaffen: Das Dachgeschoß könne wegen der freitragenden Decke zudem leicht zu einem Konzertsaal ausgebaut werden. Auch den übrigen Kunstvereinen würden damit Möglichkeiten geboten, hier Veranstaltungen durchzuführen. Die Lage für die Einrichtung eines Kulturzentrums sei wegen der in der Nähe bereits vorhandenen Parkplätze sehr günstig. Auch der Fraktionsvorsitzende der SPD, Klaus Herber, befürwortete einen Kauf, zumal der Bedarf derartiger Räumlichkeiten unbestritten sei. So könne der „Freundeskreis Stadthalle“ wieder aktiv werden und zusammen mit der städtischen Verwaltung ein Raum- und Nutzungskonzept erarbeiten und Kostenvoranschläge für die notwendigen Umbaumaßnahmen einholen. 1. Bürgermeister Hans Prechter wollte noch einmal in Verhandlungen mit E.ON eintreten, um einen günstigeren Kaufpreis zu erzielen. Zudem teilte er mit, dass der Pfaffenhofener Gastwirt Adi Descy gerne eines der drei Stockwerke für die von ihm regelmäßig organisierten Musikveranstaltungen mit internationalen Größen nützen würde. In dessen Schreiben vom 3. Juli 2007 an den 1. Bürgermeister der Stadt Pfaffenhofen (Verteiler: Reinhard Haiplik, Klaus Herber, Hellmuth Inderwies, Martin Wolf) ist zu lesen: „So könnte man zukünftig größere Veranstaltungen in regelmäßigem Turnus, wie Blues-, Klassik- oder Jazztage, Literaturtage oder Kabarett- und Theater-Reihen durchführen, oder auch überregionale Kunstausstellungen, Künstler und Symposien nach Pfaffenhofen holen und abwechslungsreiche und anspruchsvolle Unterhaltung in einem festen Rahmen bieten.“

Letztendlich aber entschied die Stimme der Verwaltung: Hauptamtsleiter Hans-Dieter Kappelmeier vertrat den Standpunkt, dass der Finanzplan der Stadt gegenwärtig keine weiteren großen Maßnahmen mehr erlaube, zumal der Rathaus-Umbau, die Straßen- und Kanalsanierung sowie das Hauptschulhallenbad, Turnhalle und Reparatur des Dachs der Eissporthalle anstünden. Da half auch die provozierende Frage des Kulturreferenten nicht, ob es sich die Stadt denn wirklich leisten könne, auf ein so zentral gelegenes Grundstück im Hinblick auf die zukünftige Innenstadtentwicklung zu verzichten. Er handelte sich lediglich vom Ausschussvorsitzenden, 1. Bürgermeister Hans Prechter, die Schelte ein: „Sie sind ein schlechter Kaufmann. Jeder solche Satz macht das Grundstück teurer.“ (Kulturausschusssitzung vom 05.07.2007) Das war für die Stadt Pfaffenhofen allerdings bedeutungslos geworden, weil eben diese kostbare Immobilie sehr bald von privater Hand erworben wurde.

So konnte lediglich die Umwandlung eines Klassenzimmers, das im ehemaligen Mädchenschulhaus als eine Art Film- und Medienraum genutzt wurde, in einen Ausstellungsraum für bildende Kunst als „Städtische Galerie“ im „Haus der Begegnung“ (2006) und die Eröffnung einer Rathausgalerie (bereits 1999 auf den Gängen im 1. und 2. Stockwerk, später auch im Erdgeschoß) zwischen 1996 und 2008 das Raumproblem ein wenig mildern.

Wie groß die Defizite Pfaffenhofens als Kreisstadt an räumlicher Ausstattung für den Kulturbetrieb bis heute geblieben sind, lässt sich leicht an einem Vergleich mit der Situation in Nachbarkommunen ähnlicher Größe und Funktion feststellen. Sieht man von einer vor einigen Jahren in eine sogenannte Kulturhalle umbenannte Fabrikhalle ab, in der mangels entsprechender Ausstattung nahezu nur Vorträge, Lesungen und Ausstellungen möglich sind, so verfügt man allein über ein ehemaliges Schulgebäude, das vor nunmehr 40 Jahren ohne allzu großen Aufwand in ein „Haus der Begegnung“ umfunktioniert wurde und einer nicht zu bewältigenden Vielfalt von gesellschaftlichen Bedürfnissen (vom Informationsamt bis zur Gymnastikgruppe) zu dienen hat.

In welchem Ausmaß räumliche Probleme das Kunst- und Kulturleben in Pfaffenhofen beeinträchtigen, beweist bis zum heutigen Tag auch die wertvolle Sammlung regionaler Requisiten, über die der Landkreis verfügt und die in einem von der Stadt angemieteten Stadel des Thalmeierhofs in Heißmanning seit 1988 eine Bleibe gefunden haben. Etwa 1000 Besucher strömen in dieses Museumsdepot, wenn sich zumeist nur einmal im Jahr beim Tag der offenen Tür am Kirchweihsonntag im Oktober auf Einladung des Heimat- und Kulturkreises die Tore öffnen. Ulrich Wieczorek, ab 1990 Vorsitzender des Vereins und ab 2002 als Stadtrat Referent für Stadtentwicklung, Raumordnung und Städtebau musste sich als ein engagierter Verfechter der Errichtung eines Heimatmuseums in dieser Zeit schon damit zufriedengeben, dass man wenigstens im denkmalgeschützten und heute nicht mehr zugänglichen engen Mesnerhaus in der Scheyerer-Straße einige Exponate religiöser Kunst der Öffentlichkeit präsentieren konnte. In dieser Situation schlug er im Rahmen der Diskussion über den Tiefgaragenbau am unteren Hauptplatz vor, dass man deren Einfahrt und Ausfahrt dadurch attraktiv gestalten könne, wenn man dort in Vitrinen jeweils einige kostbare Gegenstände im Wechsel ausstelle.

Raumnot und kulturelles Desinteresse der Mehrheit im Stadtrat verhinderten auch, dass Pfaffenhofen heute ein Eislaufmuseum besitzt. Im Jahre 1997 richtete Emil Hammer, Gründer und langjähriger Vorsitzender des EC Pfaffenhofen e. V., ein Schreiben (mit Datum vom 05. 12. 1997) an den 1. Bürgermeister Hans Prechter, dass die Stadt aus den Spitzenzeiten des deutschen Eislaufs 3500 Exponate erwerben könne, die der Arbeitskreis für ein Deutsches Eislaufmuseum gesammelt hatte, das in München gegründet werden sollte. Darunter befanden sich u. a. die ersten Knochenschlittschuhe und Johann Wolfgang von Goethes Schlittschuhe aus Holz. Da aber das Olympische Komitee in Zürich kurzfristig beschloss, ein Olympiamuseum im Neubau des Olympiageländes in der Landeshauptstadt zu errichten, wurde an Emil Hammer, den Vater des Pfaffenhofener Eisstadions, der lange Jahre auch Schatzmeister der Deutschen Eislaufunion war, das Angebot gerichtet, die wertvolle Sammlung in die Kreisstadt zu holen. Die Nähe Münchens und die gute Verkehrsanbindung sprachen für eine solche Maßnahme. In diesem Zusammenhang wurde u. a. auch vom Sportgremium der Vorschlag unterbreitet, mit einem Anbau an das Eisstadion auf der Seite zur Ingolstädter Straße den ersten Schritt zu unternehmen, um die Arena in eine Halle zu verwandeln und das Museum hier, an einem dafür exponierten Ort, einzurichten. In der Sitzung vom 28.05.1998 fand jedoch nur eine Minderheit des Stadtrats an diesem Unterfangen, für das sich Kulturreferent und zugleich Sportgremiumsvorsitzender Hellmuth Inderwies mit Nachdruck eingesetzt hatte, Gefallen. Vor allem die SPDRätin Sieglinde Wiegand (Referentin für Stadt- und Stiftungshäuser) unterstützte die ablehnende Haltung des 1. Bürgermeisters mit dem Hinweis, sie habe einem Zeitungsbericht entnommen, dass in Garmisch ein entsprechendes Museum entstehe. Da fänden die Exponate den richtigen Platz. Unter der Überschrift „Wenig Interesse an Pfaffenhofener Eislaufmuseum“ berichtete der Pfaffenhofener Kurier (Nr. 123, Sa. So. Mo. 30./31. Mai/1. Juni 1998, S. 28):

„Die allermeisten Räte schienen die Ansicht des Bürgermeisters zu teilen. Doch damit zogen sie den Unmut von Kulturreferent Hellmuth Inderwies (FWG) auf sich. Nach dem Angebot von Emil Hammer habe die Stadt nicht einmal den Versuch unternommen, dieser Offerte auch nur näherzutreten, schimpfte er. Und diese Vorgehensweise habe vielleicht sogar System und sei ein weiterer Beleg dafür, wie im Rathaus kulturelle Angebote, die aus der Bevölkerung kommen, behandelt werden, wetterte der FWG-Rat und setzte noch einen drauf. ´Ich stelle bei vielen Kollegen ein sehr geringes Kulturbewusstsein fest´, urteilte er, was in den Reihen der so gescholtenen Räte für erhebliche Unruhe sorgte.“

Mit der Ablehnung dieses Angebots blieb die Armut an Museen in Pfaffenhofen bestehen. Eine weitere Chance für eine kulturelle Aufwertung der Kreisstadt war vergeben worden.

2. Das Engagement der Protagonisten (1996 – 2019)

2.1. Initiativen und Aktivitäten kunstliebender Bürger

2.1.1 Das vereinsamte Depot in Heißmanning

Wie sehr sich Bürger Pfaffenhofens und der Region gerade im Bereich heimatlicher Kunst am kulturellen Leben beteiligen, lässt sich an ihrem Interesse am Museumsdepot in Heißmanning und vor allem an ihren hier geleisteten aktiven Beiträgen nachweisen. Da erklärte 1998 Johann Zagler aus Karlskron den Gebrauch alter Bauernschlitten und Heuwagen, Georg Appel aus Förnbach, wie man Sicheln und Sensen dengelt, und Georg Stemmer aus Ilmried stellte sein Modell eines Hallertauer Bauernhofs vor, den er bis ins kleinste Detail in 2000 Stunden maßstabsgetreu nachgebaut hatte. Als ständiger Gast leistete der „Förnbacher Schmied“, der gelernte Kunstschlosser Karl Schmidt, einen bedeutenden Beitrag. Bei der jährlichen Öffnung des Museumsdepots führte er sein Handwerk an einer von ihm aufgebauten Schmiede vor Augen und demonstrierte, wie mit alten Techniken Geschichte zum Leben erweckt werden kann. U. a. verfolgten die Besucher stets mit großem Interesse die Fertigung von Hufnägeln aus Schmiedeeisen mit Hilfe von Hammer, Esse und Amboss. Er war es auch, der 1998 bei der Hallertauer Messe am gemeinsamen Stand von Stadt und Heimat- und Kulturkreis nützliche Ratschläge erteilte, wie man alte, vorweg in der Landwirtschaft verwendete Geräte und Werkzeuge für ein Museum aufbereitet und konserviert.

Seine ganz besondere Wertschätzung freilich galt einem alten Uhrwerk, das 1769 vom Pfaffenhofener Schlosser- und Uhrmachermeister Joseph Scherffl gefertigt worden war und im 77,71 Meter hohen Kirchturm der Stadtpfarrkirche seinen Dienst verrichtet hatte. Tagtäglich musste es früher ein dafür entlohnter Uhrmacher, der zunächst 130 steile Stufen zu bewältigen hatte, per Hand aufziehen, ehe es 1967 durch ein elektronisches Zeitmessgerät ersetzt wurde und über 30 Jahre in einem Bretterverschlag im Kirchturm still vor sich dahinrostete. Josephine Ehmer, Mitglied des Heimat- und Kulturkreises war es zu verdanken, dass es nicht gänzlich in Vergessenheit geriet.

Nachdem Karl Schmidt den Bauplan des mehrere Zentner schweren Geräts photographisch fixiert hatte, zerlegte er es in seine Einzelteile, um seinen Transport vom Turm herab überhaupt möglich zu machen. Nach ihrer Restauration und ihrem Zusammenbau fehlten ihm lediglich die originalen Zeiger und ein Ziffernblatt. Erstere, die viele Jahre zuvor bei einem Pfarrfest versteigert worden waren, konnte er nach langer Suche wieder auffinden. Der Eigentümer Walter Schütz, ein Pfaffenhofener Bürger, stellte sie gerne zur Verfügung. Ein Ziffernblatt freilich war nicht aufzutreiben. Karl Schmidt vermutete, dass nie eines vorhanden war, sondern dass die Daten, wie es auch anderorts in früherer Zeit zumeist der Fall war, lediglich auf dem Turm aufgemalt waren. Um es bei der Hallertauer Messe 1996 und dann ein zweites Mal 1998 einem breiten Publikum funktionsfähig zu präsentieren, schuf er ein Glockenschlagwerk und verkürzte das vier Meter lange Perpendikel mit den Gewichten durch Umlenkrollen. Ein Ziffernblatt fertigten die Handwerker des städtischen Bauhofs nach antikem Muster an.

Hallertauer Messe 1996 (Bild: K. Schmidt)

Hernach begann allenthalben die Diskussion über einen Stellplatz, der dem kostbaren Uhrwerk angemessen und der Öffentlichkeit zugänglich sein sollte. Über eine Einlagerung im Heißmanninger Depot und hernach in einem renovierten unterirdischen Kreuzgang der Spitalkirche kam man aber nicht hinaus. Bis zum 11. Mai 2004 hielt die Standortdebatte im Stadtrat an, bis sie der 2. Bürgermeister Franz Schmuttermayr und Kulturreferent Hellmuth Inderwies nach mehreren vergeblichen Initiativen und einem Treffen mit Karl Schmidt beendeten und das Foyer im Haus der Begegnung als geeigneten Platz im Kulturausschuss durchsetzen konnten. Hier sei für das historische Uhrwerk die notwendige Höhe des Raums gegeben und es sei bei langen Öffnungszeiten für jeden, der das Gebäude betritt, ein Blickfang.

Als ein Symbol für den Lauf, den Rhythmus und die Ganzheit des Lebens hat das Uhrwerk hier, an einem Ort menschlicher Begegnung, eine würdige Bleibe gefunden. Eine Minderheit im Stadtrat freilich äußerte auch bei solcher Entscheidung entgegen der Ansicht von Experten noch Bedenken, ob denn der Boden bei dem zentnerschweren Koloss nicht einbrechen würde. Er trägt ihn zwischenzeitlich bereits mehr als 15 Jahre. Breite Zustimmung und Anerkennung der Besucher für diese Lösung, um die man im Rathaus allzu viele Jahre ringen musste, sind bis zum heutigen Tag immer noch zu vernehmen. Kurt Jurkus, der sorgsame „Hüter und Hausherr“ der gegenwärtig wichtigsten Kultur- und Begegnungsstätte Pfaffenhofens, ist in der Lage, seinen Gästen zu demonstrieren, dass das historische Uhrwerk auch heute noch seinen Dienst durchaus zeitgemäß erfüllen kann.

2.1.2 Der Skulpturenpark – eine vergebene Chance

Die Umsetzung eines Aufsehen erregenden Großprojekts in seiner Heimatstadt, das dem Trend der Zeit entsprach, ging gleichermaßen auf die Initiative eines privaten Kunstenthusiasten zurück: Dr. Christian Herb, Zahnarzt in Pfaffenhofen und Vorsitzender des Kunstvereins, hatte die Beteiligung der Stadt bei der Errichtung eines Skulpturenparks im Gerolsbachtal zwischen Bachgrund und Niederscheyerer Grundschule erwirkt. In einem Vortrag, den er am 16.09.1995 bei der Ausstellung von Plastiken in der Galerie des Naturkosthofs Hirschberger in Weihern hielt, wies er auf die Bedeutung eines derartigen Projekts hin. In der Gegenwart sei die dritte Dimension in der Kunst beim Betrachter oft viel weniger im Bewusstsein vorhanden als die Zweidimensionalität von Bildern, Zeichnungen und Fotografien. Auch deshalb sei eine Bewegung in Gang gekommen, die schon über ein Jahrzehnt anhalte: „Die zeitgenössische Plastik als künstlerisches Ausdrucksmittel ist mehr und mehr in unseren urbanen Alltag gerückt; verstärkt finden wir Skulpturen im Stadtraum auf Plätzen, in Höfen und Straßenzügen.“ konstatierte er.

Die Bekanntschaft mit jungen Stahlbildhauern der Gruppe Odious in Berlin hatte Christian Herb auf die Idee gebracht, auch in seiner Heimatstadt in einem Skulpturenpark moderne Kunst im öffentlichen Raum zu präsentieren. Für sein Vorhaben erhielt er die tatkräftige Unterstützung des international bekannten Bildhauers Prof. Bernhard Heiliger, den er während seines Studiums und seiner Ausbildung zum Zahnmediziner in Berlin kennengelernt hatte, und zu einem begeisterten Anhänger von dessen Bildhauerkunst geworden war. Der Schöpfer zahlreicher Großplastiken aus Stahl für den öffentlichen Raum stand ihm mit Rat und Tat zur Seite. Er stellte zum Auftakt als kostenlose Leihgabe seine Stahlplastik „Großer Bogen“ (entstanden 1991) zur Verfügung.

Als sie als erstes der 10 bis 15 Exponate, die man zunächst vorgesehen hatte, in Pfaffenhofen ankam, erhielt Christian Herb die traurige Nachricht, dass Bernhard Heiliger am 25. Oktober 1995 kurz vor Vollendung seines 80. Lebensjahres in Berlin verstorben war. Er sah in einer zügigen Umsetzung seines Projekts nunmehr auch ein Vermächtnis des großen Künstlers, der sich vor allem durch die von ihm geschaffenen Porträtköpfe bedeutender Politiker (u. a. Bundespräsident Theodor Heuss, Bundeskanzler Ludwig Erhard, Berliner Oberbürgermeister Ernst Reuter) einen Namen gemacht hatte.

Bernhard Heiliger, Großer Bogen, 1991, Eisen, 310 x 900 x 250 cm

Zudem konnte Christian Herb den Kunstwissenschaftler Prof. Lothar Romain, Präsident der Hochschule der Künste in Berlin, als Kurator gewinnen, der gleichermaßen von dem Projekt begeistert war und dies in einem Vorwort der Festschrift zur Einweihung am 24.05.1997 unter dem Titel „Spannkraft eines Materials“ kundtat:

„(…) Der Skulpturenpark am Gerolsbach in Pfaffenhofen wird den Spaziergängern und Besuchern ein Spektrum deutscher Stahlbildhauerei der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zeigen. Es sind und werden verschiedene Generationen samt unterschiedlichen Werkkonzepten präsentiert. Das schließt ein bemerkenswerte Zeitverschiebungen, aber auch Geistesverwandtschaften bei aller Differenz der Formensprache. Bernhard Heiliger gehört zur ersten Generation der deutschen Bildhauer nach dem 2. Weltkrieg, hat aber erst Ende der 70er Jahre den Stahl als sein Medium entdeckt, während der zehn Jahre jüngere Alf Lechner schon Anfang der 60er Jahre zu den Pionieren der zweiten deutschen Moderne zählt. Lun Tuchnowski war lange Jahre ein enger Mitarbeiter des großen dänischen Bildhauers Robert Jakobson, der wiederum zur Nachkriegsavantgarde in Frankreich gehört und später (wie übrigens auch noch Lechner) an der Akademie der Bildenden Künste in München lehrte. Gisela von Bruchhausen und Hartmut Stielow schließlich haben bei Heiliger in Berlin studiert und waren beide in den 80er Jahren Mitglieder der Berliner Gruppe Odious, die der Stahlbildhauerei neue Impulse gegeben hat. (…)“

Alf Lechner, Quadratteilung – Raumanordnung 1979-1997, Stahl