Kunststoff – Material der Stunde?! - Elke Beilfuß - E-Book

Kunststoff – Material der Stunde?! E-Book

Elke Beilfuß

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Beschreibung

Magisterarbeit aus dem Jahr 2001 im Fachbereich Design (Industrie, Grafik, Mode), Note: 2,0, Universität Bremen, Sprache: Deutsch, Abstract: Um 1968 wurden zahlreiche Entwürfe für Möbeldesign und Wohngestaltung mit Kunststoffen verwirklicht. Anhand unterschiedlicher Beispiele aus Möbeldesign und Kunst wird gezeigt, dass Kunststoff als Material in diesen Gestaltungslösungen eigenständig präsent ist. Seine plastische Eigenschaft, die freie Formbarkeit, wurde kreativ genutzt. Kunststoffe eroberten die gesamte Wohnung. In den fünfziger Jahren zog Kunststoff wegen seiner praktischen Aspekte in die Haushalte ein. Eimer, Schüsseln und Oberflächen aus Plastik waren leicht, unzerbrechlich und abwaschbar. Repräsentativ waren diese alltäglichen Haushaltsgegenstände jedoch nicht. Sie wurden vielmehr in den Küchenschränken und in der Besenkammer versteckt. Um 1968 hatte sich das Bild gewandelt. Das Material Kunststoff wurde für Möbel und Designobjekte neu entdeckt. Es war noch unberührt. Daher bot es sich zur Gestaltung von Möbeln an, die eine veränderte, freiere Lebensauffassung vermitteln sollten. Ein Bedeutungswandel der Stoffe, den Jean Baudrillard mit dem Begriff »Polymorphismus« umschrieben hat, war für das Material Kunststoff möglich. Die Entwürfe wurden dem Material Kunststoff gerecht. Sie gaben ihm einen neuen Sinn, das Material selbst wurde mit neuer Bedeutung aufgeladen. Vom künstlichen Stoff, der den natürlichen imitierte, avancierte Plastik in den sechziger Jahren zum eigenständigen Material in Möbeldesign und Wohngestaltung. Abstract in english: Around 1968 several ideas for furniture design and interior design were made out of plastics. The text gives exampels to show, that the material was used in an creative and new way in the field of design especially in the sixties and seventies of the 20th Century.

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Veröffentlichungsjahr: 2008

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KUNSTSTOFF - MATERIAL DER STUNDE ?!

Möbeldesign und Wohngestaltung mit Kunststoffen um 1968

Elke Beilfuß

Vorwort

Die vorliegende Publikation wurde 2001 als Mag ister arbeit an der Uni versität Bremen im FB 9 Kulturwissenschaft bei Prof. Dr. Michael Müller eingereicht und 2007 zur Veröffentlichung im Grin-Verlag geringfügig überarbeitet. Heute würde ich die Arbeit möglicherweise anders schrei ben, vor allem in Hinblick darauf, dass ich damals das Kunststoff design der DDR aussparte - aus persönlicher Distanz. Mittlerweile lebe ich im Osten Deutschlands und habe mich nicht nur aus beruflichem Interesse mit der Geschichte und Kultur der DDR befasst. In dieser Arbeit taucht der Name Horst Michel kurz auf, er wird erwähnt in einer Fußnote mit einem Artikel über "Beispiele plastegerechter Gestaltung" in der DDR. Mittlerweile beschäftige ich mich als wissen schaftliche Mitarbeiterin unter anderem seit 2003 mit dem Hochschul-nachlass, bestehend aus Möbeln, Entwürfen und Akten, des Institut für Innengestaltung von Horst Michel aus den 1950er bis 1960er Jahren an der Bauhaus-Universität Weimar.

Elke Beilfuß

Inhalt

 

Einleitung

Plastik

Form und Material - Entwurf und Herstellung

Kunststoff

Kunststoffverarbeitung in der Möbelfertigung um 1968 bis heute

Kunststoffgeschichte oder der Beginn des „Plastikzeitalters"

'68er-Revolution und Wohnen

Hedonismus - Sexualität

Mobil und flexibel wohnen

Pop-Art und Massenkultur

Farbexperimente

Zum Mond - Zukunfts- und Technologiebegeisterung

Psychedelische Erlebnisse

Von der Entwicklung der Petrochemie bis zur Ölkrise

Schlußbemerkung

Anhang

Publikationen

Quellen

Abbildungsnachweis

Kunststoffe im Produktdesign

 

Einleitung

 

Zeitreisen

 

 

1 Anzeige, 2001

 

»Die Retro-Masche. Mit Vollgas zurück« titelte die Zeitschrift „Design Report" im Juni 1999. Nicht nur das Automobildesign vonNew BeetleüberChrysler PT CruiserbisJaguar S-Typerinnert an Vorbilder aus vergangenen Zeiten; dieselben Kühlschränke, wie sie bereits in den Fünfzigern den Sound einer zuklappenden Autotür der „Ami-Schlitten" nachahmten, sind wieder gefragt und designed. Zur Jahrtausendwende ist aus jeder Phase des 20. Jahrhunderts etwas dabei. Die Sixties und Seventies sind in, aber ebenso Design aus Bauhaus und Ulm. Entweder werden die Produkte mit der Anmutung einer vergangenen Zeit gestaltet oder getreu nach den Original entwürfen neu aufgelegt. Auch die Achtziger[1] rücken wieder näher und versetzen uns zurück in alte Erinnerungen. Im Jahr 2000 trat Stefan Raab beim „Grand Prix d'Eurovision« mit seiner Gruppe noch als Abba-Verschnitt aus den Siebzigern auf und ein Jahr später kann man schon wieder in der Popper-Disco (Abb. 1) tanzen.

 

Als Gründe für den Retro-Look und das Retro-Design führt Kai-Uwe Scholz (1999, 19) in der Zeitschrift „Design Report" den Verlust von Identitäts- und Heimatgefühlen beim Käufer an sowie des sen Wunsch nach „guten alten Bekannten" und „Vertrauten" in Zeiten fortschreitender Veränderung von Technologie und Nutzungsmöglich keiten: »Nicht technisch, aber ästhetisch scheint der Fortschrittszwang des Projekts Moderne abgeschafft und selbst der Postmoderne [ist] längst die Puste ausgegangen. Zugleich kommen die technologischen Innovationsschübe immer schneller. Da geraten sogar Wirtschafts-magazine über sozialpsychologische Zusammenhänge ins Grübeln. Die globale Fusionswelle tilge selbst so bekannte Namen wie Daimler-Benz, die Kunden und Arbeitnehmer über Jahrzehnte Identitäts- und Heimatgefühle gegeben hätten.«

 

Eine Zeitreise ist natürlich nicht möglich. All jene, deren Zeit es war, können sich zwar bruchstückhaft oder auch ganz persönlich und emotional erinnern, aber der Gedanke, eine Epoche zu rekonstruieren, ist absurd. Vielmehr scheint, wie Susanne Holschbach (1995, 163) es beschreibt, das Alte neue Aussagen bereitzuhalten, es wird neu bewer tet: »[Die Mode] kann aber auch für die Neubewertung „abgelegter" Dinge und Stile sorgen - die „Revival-Bewegungen" legen hierfür Zeugnis ab (in der Wiederholung im „Revival" ändern die jeweiligen Phänomene dabei jedoch ihre ursprüngliche Bedeutung).« In gewisser Hinsicht bezieht sich das auch auf diese Arbeit, die ihre heutige Perspektive nicht verleugnen will. Die zeitgenössischen Tendenzen und Blickwinkel haben mich zum einen bewogen, über Möbelentwürfe und Wohngestaltung mit dem Material Kunststoff um 1968 zu schreiben. Zudem ist es auch die Zeit, in die ich selbst 1965 hinein geboren wurde und die mich unbewußt und bewußt in meiner Kindheit geprägt hat: Mit dem Material Plastik, mit poppigen Farben und Mustern und mit den Tendenzen der sechziger und siebziger Jahre bin ich wie selbst verständlich aufgewachsen.

 

 

2 Verner und Marianne Panton in ihrem Privathaus 1973

 

Die einzelnen Designobjekte, die heute Klassiker sind und als her ausragend für die Zeit um 1968 angesehen werden, können zwar etwas über den Zeitgeist der Sechziger aussagen. Diese Objekte wieder zu entdecken, sie auszustellen, sie zu sammeln, sie erneut zu produ zieren und die eigene Inneneinrichtung mit ihnen zu bereichern, ent springt jedoch dem Zeitgeist und der Kultur der Neunziger. Ein Blick ins Internet, auf die Seiten des Online-Auktionshauses eBay unterwww.ebay.dezeigt die Trends. Mit den Suchbegriffen „Design" und „Kunststoff" lassen sich vor allem Kunststoffobjekte und Möbel fin den, die vermutlich in den 1960er und 1970er Jahren entworfen wur den. Für die Suche nach Objekten aus dieser Zeit eignet sich auch der Name des Designers „Panton" hervorragend, wenngleich die meisten der gefundenen Artikel nicht von Verner Panton (Abb. 2) entworfen sind. In den Überschriften heißt es beispielsweise »quietschgelber Panton-Art Kinderstuhl« oder »Designer Stuhl, der PANTON-CHAIR«, obwohl im Text nachzulesen ist, daß der Designer Ernst Moeckl den angebotenen Stuhl gestaltete. Hier zeigt sich, daß Panton mittlerweile zum Inbegriff eines Designstils wurde, den man sich heute gerne aneignen möchte. Dieser Trend könnte, entsprechend der Recherchen bei eBay, auch mit „space-age-design" bezeichnet werden. Der Begriff „space age" wurde in vielen der gefundenen Anzeigen benutzt und deutet die Wünsche nach dem Einrichtungsstil heute an. Einen »Panton Plastik Space Age 70er ... Hocker !!!« bot ein Verkäufer namens tinid zum Startpreis von 1,- DM an. Spezialist auf dem Gebiet des Space-Design scheint der Verkäufer mit dem schönen Namen angel.s zu sein, er schrieb »don't forget: space age macht sexy!«. Zu einem angebotenen Stuhl des Designers Helmut Starke textet er: »enjoy your bid and have a lucky space age day!« Auf der Space-Age-Welle schwimmt auch der kommerzielle Anbieter von Designklassikernretromodern.commit. Die Firma aus Atlanta, USA, zeigt die virtuelle Ausstellung „Transmitting from Space: Electronics Design from the 1960s/70s" der Sammlung Karl Taps X, New York.[2]

 

 

3 Super-Luftkissen- Trockenhaube HLH 10,1971/1975 Jurgen Greubel ABS, PVC

 

 Zahlreiche Ausstellungen der letzten Jahre präsentierten herausragen des Design aus den sechziger Jahren. Erinnern wir uns an die Objekte und Einrichtungsgegenstände, die uns selbst damals umgaben, so sind von diesen Designklassikern möglicherweise nur wenige oder über haupt keine dabei. Ein Gegenstand, eine Trockenhaube der Firma Braun, hat mich in den Siebzigern besonders fasziniert. Entgegen her kömmlicher Trockenhauben, die an einem Ständer hängen und mit glühenden Drähten beheizt werden, wird dieSuper-Luftkissen-Trockenhaube HLH1(Abb. 3)[3] mit warmer Luft aufgeblasen. Die Haube wird direkt auf die Haare oder die Lockenwickler gesetzt, seitlich und hinten ist der Kopf von einer Plastikfolie umgeben, die sich durch die warme Luft kissenartig aufbläst. Mit diesem Objekt verbinde ich Wärme und Weichheit. An die heute viel zitierten Designklassiker, die in meiner Kindheit neu auf den Markt kamen, erinnere ich mich aber kaum, vielleicht noch an das ein oder andere Küchengerät von Braun. Das läßt sich leicht erklären: Meine Eltern waren zwar, entsprechend der damaligen Zeit, mit farbigen Mustertapeten und Polstermöbeln mit Schaumstoffkern eingerichtet, aber nicht nach Anregungen der Zeitschrift „Schöner Wohnen". An teuren Designartikeln waren meine Eltern nicht interessiert. Das lag daran, daß sie sich nach ihrer Heirat Mitte der Sechziger Jahre zwar zeitgemäß, aber eher praktisch einge richtet hatten. Die Möbel sollten vor allem robust, bequem und lange haltbar sein. Mein Vater betrachtete fast alles, auch das Mobiliar, aus der Sicht des Ingenieurs. Er legte daher in erster Linie auf Funktion und Technik Wert, weniger auf Modisches. Häufiger Tapetenwechsel, durch mehrere Umzüge, brachte allerdings doch die Moden und den Stil der Siebziger in unser Zuhause. Bunte, poppige, klein oder groß gemusterte Tapeten waren besonders bei meiner Schwester und mir sehr beliebt.

 

Ein anderes Beispiel von Wohnkultur oder auch Anti-Design-Kultur aus den sechziger Jahren liefert Volker Albus. Er berichtet unter dem Titel »Auf Matratzenhöhe. Oder: Warum das „68er-Design" eine Erfin dung der 90er Jahre ist« (Kat.-Ausst. Berg. Universität/GH Wuppertal o.J., 176-179, Albus) über seine persönlichen Erfahrungen in einer Szene, die um 1968 mehr nach den Meinungen und Haltungen der Einzelnen fragt und diese zum Unterscheidungskriterium erhebt, gestylte Äußerlichkeiten jedoch eher ablehnt. Für Volker Albus (Jahrgang 1949) veranschaulichen die selbstgebauten Matratzenlager in den Wohnungen von Freunden und Altersgenossen jene Haltung dieser Zeit: »Die Matratze war mehr als nur die einfachste Möglichkeit, die Bedürfnisse nach einer Sitz- und Liegegelegenheit auf billigste Art und Weise zu erfüllen. Sie war eine Art Chiffre für einen ganz bestimmten Lebensstil. Sie war sozusagen die Couchgarnitur der Jugend dieser Jahre.« (ibid., 178). Auch über die mit Freunden eröff nete Kneipe, dasNull,sagt Volker Albus, daß diese ebenso wie die pri vaten Wohnräume, quasi nicht designed wurde: »Die Wände wurden irgendwie dunkel angestrichen, ich glaube braun und rot, das war aber auch schon alles. Genau genommen blieb alles beim Alten. Ungestaltet. Ein Irgendwie von Tischen, Bänken, Stühlen und Flippern.« (ibid., 179).

 

Um1968 -Zeit und Ort

 

Das Jahr '68 gilt als das Revolutionsjahr der Studenten in der westli chen Welt: Die Flower-Power-Bewegung des Woodstock-Festivals und die Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg prägten das Bild in Amerika; in der Bundesrepublik begannen die Studenten, sich gegen eine vermeintliche Idylle[4], der ein allgemeines Verdrängen des Unheils von Krieg und Naziherrschaft zugrunde lag, aufzulehnen.

 

 

4 Persil-Werbungl 1966 Foto: Michael Ruetz

 

Was bedeutet „Um 1968"? Definiert man, wie historisch für das zwanzigste Jahrhundert in Deutschland allgemein gebräuchlich (vgl. Ruetz 1997, 10, Sachsse), die Dezennien von der Mitte des einen bis zur Hälfte des nächsten Jahrzehnts, dann bildet das Jahr 1968 das Zentrum der sechziger Jahre. Im Bildband »1968. Ein Zeitalter wird besichtigt« dokumentiert Michael Ruetz die Zeit des Umbruchs in Deutschland mit Fotografien aus den Jahren 1964 bis 1974 (Abb. 4 u. 5). Diese Zeitspanne ist in der vorliegenden Arbeit mit „um 1968" eben so gemeint.

 

 

5 Witz, 1966 Foto: Michael Ruetz

 

Oskar Negt fragt, wie sich kollektives Gedächtnis bildet und was aufbewahrungswürdig erscheint. Vor allem ist die Frage, woran messen wir, welches Wissen über Vergangenes für eine jetzige Generation als eine erweiterte Lebensperspektive nützlich ist und nicht lediglich weiterer Wissensballast bleibt. Folgende Formen des kollektiven Erinners sind Negt für das zwanzigste Jahrundert bedeutsam, wobei er sich an Nietzsche, Adorno und Kant orientiert (Negt 1998, 39/40):

 

Nietzsche meint: »Nur was nicht aufhört weh zu tun, bleibt im Gedächtnis«[5] (zit. n. Negt 1998, 40). Das sei die härteste Form des Erinnerns und beträfe vor allem Geschichtsverbrechen, Krieg, Völker-und Rassenmord. Um aus diesen Ereignissen zu lernen, formulierte Adorno folgenden kategorischen Imperativ: »Handle so, daß Du angesichts solcher Geschichtsverbrechen alles unternimmst, die Bedingungen ihrer Unwiederholbarkeit zu verbessern« (zit. n. Negt 1998, 40).

 

Die großen politischen und sozialen Revolutionen sind erinne rungswürdig, denn sie gaben unvorhersehbare Anstöße zu neuem geschichtlichen Nachdenken. Immanuel Kant formulierte es für seine Zeit wie folgt: »Die Revolution [1798] eines geistreichen Volkes, die wir in unseren Tagen haben vor sich gehen sehen, mag gelingen oder scheitern; sie mag mit Elend und Greueltaten [...] angefüllt sein [...] diese Revolution findet doch in den Gemütern der Zuschauer (die nicht selbst in diesem Spiele mitverwickelt sind) eineTeilnehmungdem Wunsche nach, die nahe an Enthusiasmus grenzt [...]ein solches Phänomen in der Menschengeschichte vergißt sich nicht mehrweil es eine Anlage und ein Vermögen in der menschlichen Natur zum Besseren aufgedeckt hat, dergleichen kein Politiker aus dem bisherigen Laufe der Dinge herausgeklügelt hätte [...]«[6](zit. n. Negt 1998, 41).

 

In den Ereignissen um 1968 sieht Oskar Negt im Sinne von Kant und Nietzsche weder eine Revolution, noch ein Verbrechen. 1968 sei eine Zeit unausgestandener Probleme und wie ein gutes Buch, dessen geschichtliche Texte immer wieder gelesen werden (1998, 41).

 

Die Ereignisse, die in der DDR zur Produktion von „Plaste und Elaste" führten und das, was damals jenseits der Mauer aus Kunststoff gestal tet wurde, sind nicht Bestandteil dieser Arbeit.[7]Deshalb, weil in der am Kommunismus orientierten DDR völlig andere Gesetze des Marktes (Planwirtschaft) und der Politik (Sozialismus) vorherrschten und diese alle gesellschaftlichen Bereiche beeinflußten. Auch die Gestaltung von Lebensräumen und von Visionen orientierte sich daher an anderen Gegebenheiten als in demokratisch regierten Ländern. Den Versuch, dies zu untersuchen möchte ich hier nicht unternehmen, auch weil mir die DDR persönlich fremd ist. Sicherlich ist die Identität im Osten der Bundesrepublik stark durch die vierzigjährige Geschichte der DDR geprägt. Im Mittelpunkt des Interesses stehen jedoch Entwürfe aus der Zeit um 1968, die einen Einfluß auf die Produktkultur, den Einrichtungsstil und das Wohnen in der Bundesrepublik hatten, hier zu zählen internationale Designobjekte, Architekturentwürfe und Kunstwerke.

 

Zeitgeist, Zeitströmungen, gesellschaftliche und politische Einflüsse

 

Es stellt sich die Frage, welche Zeitströmungen um 1968 die Entwerfer bei der Gestaltung von Möbeln und Wohnen beeinflußt haben. Einige der vorliegenden Publikationen über Design der sechziger Jahre the matisieren einzelne Zeitgeistphänomene wie „Pop Culture", „The Space Age", „Design and Anti-Design" (Garner 1996) und ähnlich „Hochkultur Pop" und „Raumfahrt" (Kat.-Ausst. Berg. Universität/GH Wuppertal o.J.) und ordnen entsprechende Entwürfe zu. Es scheint mir interessant, diese Zeitströmungen sowie gesellschaftliche Bedin gungen in die Überlegungen zur Formfindung einfließen zu lassen, eine Klassifizierung will ich aber nicht vornehmen. Objekte wie bei spielsweise der Kugelfernseher aus Japan oder der KugelsesselGlobe(Abb. 6) von Eero Aarnio sind augenscheinlich von Science-fiction und Raumfahrtzeitalter inspiriert, jedoch spiegeln sich in einem ein zelnen Objekt oft auch mehrere Zeitströmungen wider. Der Kugelsessel steht beispielsweise gleichermaßen für die Individualisierung der Gesellschaft und für neue Freiheiten des Einzelnen. Der Sitzende ist in der Kugel quasi abgeschirmt und kann sich, durch die Drehbarkeit des Sessels, seinen Mitmenschen zuwenden oder sich isolieren. Mit denFlying Chairs(Abb. 7) hebt Verner Panton die übliche Anordnung von Sitzelementen auf. Die hängenden Sitzschaukeln ermöglichen freie Bewegung und eine gewisse Zufälligkeit. Gemeinschaft und Individualisierung werden im Entwurf derFlying Chairsgleicher maßen betont. Folgende Aspekt sind für die Phase um 1968 von Bedeutung:

 

- „68er-Revolution"

 

- Hedonismus - Sexualität

 

- Drogenkonsum und psychedelische Raumerlebnisse

 

- Pop-art und Massenkultur

 

- Mondlandung 1969 und Science-fiction-Begeisterung

 

- Öl-Krise 1973

 

 

6 Ball Chair, Globe, Kugelsessel, 1963 Eero Aarnio

Glasfaserverstärktes Polyester

 

 

7 Wohnlandschaft Flying Chairs (Prototypen), 1963 Verner Panton

 

Arbeitsweise und methodisches Vorgehen

 

Eine Beurteilung der Wohn- und Designentwürfe oder auch von expe rimentellen Objekten bzw. Kunstwerken zu diesen Themen soll unter den oben genannten Aspekten vorgenommen werden. Die Entwürfe werden vor dem Hintergrund von politischen und gesellschaftlichen Aspekten beleuchtet und sollen im gesellschaftlichen, politischen oder auch künstlerischen Kontext gesehen werden. Gesellschafts-politische Hintergründe und entwerferisches Tun werden so miteinander in Verbin dung gebracht. Die zuvor aufgezählten kulturgeschichtlichen Themen bieten sich für die Organisation der Arbeit und als Einteilung der Kapitel an. Daher werden einige Designer, Architekten und Künstlergmppen an unterschiedlichen Stellen mehrfach im Buch genannt und mit jeweils ent sprechenden Entwürfen in den kulturhistorischen Bezügen verortet.

 

Ich habe mich zum einen auf Aussagen und Publikationen bezogen, die aus den sechziger und frühen siebziger Jahren stammen sowie auf spätere und aktuelle Ausstellungs- und Sammlungskataloge zu Objekten und Themen der sechziger und siebziger Jahre. Des weiteren habe ich drei Fragen an ausgewählte Designer und Architekten zu ihren Entwürfen und Visionen aus den späten Sechzigern gestellt. Die Fragen wurden letztlich nur von wenigen der angeschrieben Gestalter beantwortet. Eero Aarnio, Peter Ghyczy und D'Urbino + Lomazzi haben verbindlich geantwortet, eine weitere Antwort von Günter Beltzig fiel eher karg und kritisch aus, die von Jean-Paul Jungmann war wiederum mehr allgemein informativ, das Material betreffend gehalten. Ferner schickte Arno Votteler freundlicherweise ein Zeitschrifteninterview, in dem er bereits ähnliche Fragen beantwortet hatte.[8]

 

Das Material Kunststoff wird in seiner Modellierbarkeit unter dem Aspekt der damaligen technischen Möglichkeiten betrachtet. Daher sind die Herstellungsverfahren und industriellen Verarbeitungs methoden des Kunststoffs um 1968 von Interesse. Die Geschichte der Kunststoffe verdeutlicht wiederum die Entwicklung von frühem „Kunststoff" auf der Basis natürlicher Rohstoffe, wie zum Beispiel Zellulose oder Kautschuk, hin zur Erfindung der vollsynthetischen Polymere, die eine freie Formbarkeit und starke Farbigkeit der Dinge ermöglichen.

 

Was fasziniert uns am Beginn des neuen Jahrtausends an der Zeit um 1968? Ist das Interesse deshalb so groß, weil viele Utopien und Ideologien am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts gescheitert sind? Die Zeit um 1968 war angefüllt mit Visionen!

 

Im folgenden ist zu lesen, was aus der Zeit um 1968 heute für uns von Bedeutung ist und auch weiterhin sein könnte- es sind gestalterische und künstlerische Visionen zum Wohnen aus der Zeit um 1968.

 

Plastik

 

Plastik: Material der Stunde?

 

In den sechziger Jahren scheint Plastik das Material der Stunde gewesen zu sein, aber durch die Rohstoffknappheit mit Beginn der Ölkrise 1973 stiegen die Kosten für Kunststoffe, und Ende der Siebziger wurden in der Gesellschaft verstärkt ökologische Aspekte wahrgenommen. In den achtziger Jahren wuchs der Wunsch nach umweltverträglichen Produkten und es wurden vermehrt Naturmaterialien verwendet, „Jute statt Plastik". Die Umweltbelastung und Gesundheitsgefährdung bestimmter Kunststoffe, sei es bei der Herstellung, im Gebrauch oder bei der Entsorgung, wurden zunehmend kritisch betrachtet.

 

Kunststoff ist als Material für Gebrauchsgegenstände in den neun ziger Jahren von Designern wieder entdeckt worden. Die Firma artipresent hat seit Mitte der 90er Jahre beispielsweise internationalen Erfolg mit der Marke Authentics, einer Serie von Gebrauchsgegen ständen im Plastik-Look.[9]Die Massenprodukte aus Kunststoff zeichnen sich durch Materialeigenschaften wie leichte Transparenz und matte Oberflächenbeschaffenheit aus, so wird den Plastikgegenständen eine neue Qualität entlockt. In Verbindung mit einer leuchtenden Farbigkeit der Entwürfe entstanden ansprechende Kunststoffwaren (Abb. 8). Das Image des billigen und als Ersatz dienenden Stoffes haftet diesen Entwürfen nicht an. Der Verkaufserfolg der Plastikprodukte zeigt die Akzeptanz bei den Käufern. Die Authentics-Entwürfe waren in den letz ten Jahren mehrfach von anderen Herstellern kopiert worden und der Schutz der eigenen Produkte kostete die Firma artipresent jährlich bis zu 70 000 DM. Die Marke Authentics wird weltweit vertrieben. Firmeninhaber Hansjerg Maier-Aichen erklärt den internationalen Erfolg der Produkte wie folgt: »Für die Japaner ist unsere innovative Art, das Material Kunststoff zu benutzen, wie Zen. In den USA steht Kunststoff für preiswerte Technologie.« (zit. n. Schwab 2000, 8). Obwohl die Firma artipresent aufgelöst wird, soll es mit der Marke Authentics weitergehen: als Ideenschmiede für innovatives Design. „Authentics" der Name deutet es an, die Produkte aus Plastik sollen authentisch sein und nicht billiger Ersatz für andere Materialien.

 

 

Korb 2 Hands, ca. 1997 Konstantin Grcic Kunststoff

 

Natürlich künstlich