Beschreibung

Über das Buch Arbeitslos bleiben oder ein halbes Jahr in die Kleinstadt Arpikylä ziehen – als Vertreterin des Ortspolizeidirektors? Maria Kallio, rothaarig, klein und tough, wählt den Job und erwartet ein Idyll, wo allenfalls betrunkene Mopedfahrer zu verwarnen sind. Doch kaum ist Kallio im Amt, da stürzt eine ansässige Künstlerin vom Turm der stillgelegten Kupfermine..

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 361


Über das Buch

Arbeitslos bleiben oder ein halbes Jahr in die Kleinstadt Arpikylä ziehen – als Vertreterin des Ortspolizeidirektors? Maria Kallio, rothaarig, klein und tough, wählt den Job und erwartet ein Idyll, wo allenfalls betrunkene Mopedfahrer zu verwarnen sind. Doch kaum ist Kallio im Amt, da stürzt eine ansässige Künstlerin vom Turm der stillgelegten Kupfermine ...

Über die Autorin

Leena Lehtolainen, 1964 geboren, lebt und arbeitet als Kritikerin und Autorin in Degerby, westlich von Helsinki. Sie ist eine der erfolgreichsten und renommiertesten finnischen Schriftstellerinnen. Sie hat mit der Polizistin und Juristin Maria Kallio die erste weibliche Kultfigur der finnischen Krimiszene geschaffen. Alle zehn bisher in Finnland erschienenen Krimis um die Kommissarin Maria Kallio sind von Gabriele Schrey-Vasara ins Deutsche übersetzt worden.

Leena Lehtolainen

Kupferglanz

Roman

Aus dem Finnischen von Gabriele Schrey-Vasara

CulturBooks Verlag

www.culturbooks.de

Impressum

eBook-Ausgabe: © CulturBooks Verlag 2014

Gärtnerstr. 122, 20253 Hamburg

Tel. +4940 31108081, info@culturbooks.de

www.culturbooks.de

Alle Rechte vorbehalten

Titel der finnischen Originalausgabe: Kuparisydän

© 1995 by Leena Lehtolainen

Deutsche Printausgabe: © Argument Verlag 1999

Redaktion und Lektorat: Iris Konopik und Else Laudan

eBook-Cover: Magdalena Gadaj

eBook-Herstellung: CulturBooks

Erscheinungsdatum: 01.10.2014

ISBN 978-3-944818-59-7

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16

- 1 -

Ich hatte immer schon ein gutes Geruchsgedächtnis. Noch nach Jahren kann ich mir den Duft eines Ortes oder eines Menschen in Erinnerung rufen. Wenn ich an den Frühling denke, fällt mir das ­lockende Aroma der feuchten Erde ein, den Herbst erkenne ich am schweren, melancholischen Dunst des nassen Laubs.

Bei Ostwind stieg von der Abraumhalde des Bergwerks, die von allen Plörre genannt wurde, der bittere Geruch von Schwefel und Kupfer auf und legte sich über Arpikylä. Keine Frage, ich war wieder in meiner Heimatstadt, die ich mit neunzehn, vor gut zehn Jahren, hinter mir gelassen hatte. Als ich noch hier lebte, hatte ich den Geruch kaum wahrgenommen. Damals war mir auch nicht aufgefallen, wie majestätisch der graue, steinerne Turm das Profil der Stadt beherrschte.

Als ich jetzt die Hauptstraße entlangging, hing der Turm über der Stadt wie ein großes graues Gespenst, gleichzeitig schwerelos und bedrückend. Der Hügel, auf dem er stand, glänzte kupfern; die leuchtende Farbe unterstrich die drohende Finsterkeit des Turms. Ich konnte nicht anders – ich musste den Blick abwenden, den klaren Himmel anschauen und die grünenden Birken unterhalb des Hügels. Und mich fragen, was in aller Welt mich hierher zurückgeführt hatte.

Ich hatte sogar schon angefangen, mich in Arpikylä einzugewöhnen. Ich war ja nicht für immer zurückgekommen, nur für ein halbes Jahr, und davon hatte ich die ersten zwei Monate schon hinter mir.

So allmählich gewöhnte ich mich daran, dass das Leben mich ohne Vorwarnung von einem Ort an den nächsten warf. Vor gut einem Jahr hatte ich das Juraexamen abgelegt und in einer kleinen Anwaltskanzlei in Tapiola einen Job gefunden. Anfangs ließ sich alles ganz gut an, aber nach und nach kamen mir die Vorgänge in der Kanzlei immer verdächtiger vor. Während des Weihnachtsurlaubs hatte ich beschlossen, risikofreudig zu sein und zu kündigen, aber gerade da bekam der Chef und Hauptteilhaber einen Herzinfarkt und starb. Bei der Nachlassabwicklung stellte sich heraus, dass die Kanzlei konkursreif war. Die Firma wurde verkauft, und ich stand mit einer Kündigung und ein paar Monatsgehältern Abfindung da.

Einen neuen Job zu finden schien unmöglich. Ich hatte sogar meinen Stolz geschluckt und bei meinem früheren Arbeitsplatz, dem Dezernat Gewaltkriminalität bei der Kripo in Helsinki, angerufen – ich bin nicht nur Juristin, sondern auch Kriminalhauptmeisterin –, aber dort war natürlich nichts frei, im Gegenteil, das Dezernat sollte abgebaut werden. Auch alle anderen Versuche schlugen fehl. Mein Leben hatte keinen Fixpunkt, denn zu allem Überfluss war mein Freund Antti gerade für ein knappes Jahr nach Chicago gegangen, um dort nach seiner Promotion wissenschaftlich zu arbeiten. Ich hing trübselig in Anttis Wohnung herum, die mir schrecklich leer vorkam, und verbrachte die Hälfte des Tages beim Sport, die andere Hälfte mit Lesen. Durch die Kneipen zog ich auch viel zu oft. In meiner Verzweiflung spielte ich sogar mit dem Gedanken weiterzustudieren.

Da mir nichts Besseres einfiel, hatte ich beschlossen, von meinem letzten Geld für einen Monat nach Chicago zu fliegen. Das bedeutete natürlich, dass mir erst mal das Arbeitslosengeld gestrichen wurde. Am Tag vor dem Abflug rief Jussi Rantanen an, der Ortspolizeidirektor von Arpikylä. Er erklärte, er wolle endlich sein Jurastudium abschließen und brauche für ein paar Monate eine Vertretung. Jussi Rantanen und meine Eltern gehören zu den Stützen des Kammerchors von Arpikylä. Infolgedessen war die arbeitslose Tochter des Ehepaars Kallio nach Ansicht von Ortspolizeidirektor Jussi die passende Kandidatin für die Vertretung.

Ich wusste nur zu gut, dass ich Ende September die nächste Rate meines Studiendarlehens zurückzahlen musste. Der Ortspolizeidirektor in meiner Heimatstadt konnte nicht so wahnsinnig viel zu tun haben, dachte ich. Irgendeine Bude würde ich wohl auch finden – bei meinen Eltern zu wohnen wäre mir nicht im Traum eingefallen, und ich glaube auch nicht, dass sie das gewollt hätten. Ich bat mir ein paar Wochen Bedenkzeit aus. Schließlich rief ich Jussi von Chicago aus an und sagte zu, obwohl Antti skeptisch war.

»Du behauptest doch immer, du hasst die Stadt. Was treibt dich jetzt plötzlich dahin?«

»Ein halbes Jahr lässt es sich überall aushalten. Und ein paar nette Leute wohnen da immerhin auch. Ella, meine beste Schulfreundin, ist Kulturdezernentin. Und Koivu arbeitet ja inzwischen in Joensuu, das ist bloß eine halbe Stunde von Arpikylä.«

Natürlich gab es noch andere Gründe für meine Zusage. Dass ich bald dreißig wurde, brachte mich irgendwie dazu, nach meinen Wurzeln zu suchen. Vielleicht wollte ich deshalb für eine Weile zurück nach Arpikylä.

Arpikylä – das Narbendorf. Der Name war absurd. Man behauptete, er wäre von den wundenartigen Rändern und der schorfbraunen Farbe der Erzschicht unter dem alten Bergwerkshügel abgeleitet. Ein Schulfreund von mir, der die Stadt hasste, hatte immer ­erklärt, der Name käme daher, dass keiner dort leben konnte, ohne Narben davonzutragen. Natürlich war es ein trostloser Ort, wie jede Kleinstadt, die um einen einzigen Betrieb gewachsen ist. In meinem ersten Jahr auf der Polizeischule hatte ich grinsend gelesen, dass Arpikylä von den Lesern einer Illustrierten auf die Liste der zehn ödesten Städte Finnlands gesetzt worden war. Nie wieder zurück, hatte ich mir geschworen.

Es hatte natürlich einen gewissen Schick, aus Arpikylä zu stammen. Es klang interessanter als Hyvinkää, Loimaa oder Kokemäki, irgendwie härter. Maria Kallio aus Arpikylä, dem Wilden Osten Finnlands. In den letzten Jahren hatte die Stadt versucht, sich ein neues, freundliches Image zuzulegen. Das Motto dieser Kampagne klang allerdings ziemlich krampfig: Arpikylä – die Stadt mit dem Kupferherz. Dabei waren die Erzvorkommen, denen die Stadt ihre Existenz verdankte, seit Jahren erschöpft.

Vom Turm her war ein immer schneller wiederholtes Warnsignal zu hören. Ich sah besorgt hinüber. Sie würden doch wohl nicht den Turm zum Einsturz bringen? Ich wusste zwar – schließlich hatte ich selbst die Genehmigung erteilt –, dass nur eine kleine Sprengung in ziemlicher Entfernung vom Turm vorgesehen war, aber ich konnte nicht anders als stehen zu bleiben und mich zu überzeugen, dass der graue Alte den Anprall überstand.

Links hinter dem Turm stieg eine winzig kleine Staubwolke auf, als auch schon das gleichmäßige Entwarnungssignal ertönte. Der neue Pächter des Alten Bergwerks setzte die Ausfahrt für die Touristenführungen durch die Stollen instand. Nächsten Freitag sollte das Gelände eröffnet werden.

Ich winkte dem Turm zu, bevor ich mich auf den Weg zum Polizeirevier machte. Er winkte nicht zurück, sondern starrte mich böse an: Wie konnte ich mir einbilden, so ein kleiner Knall würde ihm etwas anhaben? Einen Moment lang erschien mir der Turm geradezu Furcht erregend; er führte das Kommando, er warf lange, dunkle Schatten über seine Umgebung.

Noch beim abendlichen Jogging hatte ich das Gefühl, der Turm wachte über meine Schritte. Ich hatte mir vorgenommen, während meiner sechs Monate in ländlicher Umgebung gesund zu leben: viel Sport, viel Schlaf, viel Gemüse und unter der Woche höchstens ein Bier pro Abend. Das gesunde Leben zahlte sich aus, das Laufen fiel mir neuerdings so leicht, dass ich mit dem Gedanken spielte, im August am Helsinki City Marathon teilzunehmen. Koivu hatte mir erzählt, dass die Polizeibehörde in Joensuu eine Mannschaft aufstellte, vielleicht konnte ich mich da anschließen ...

Nach einem Blick auf die Uhr zog ich das Tempo an. Ich hatte beim Weggehen die Sauna angeheizt, denn ich hatte nur sechs Kilometer laufen wollen. Jetzt waren es schon acht, und für den Rückweg nach Kuusikangas würde ich noch zehn Minuten brauchen. ­Bestimmt war das Feuer bis dahin längst ausgegangen.

Mein Herzschlag war doppelt so schnell wie der Rhythmus des ­Simon & Garfunkel-Songs in meinem Walkman. Ich mochte aber nicht anhalten und das Band vorspulen. Dieser Teil der Waldstrecke war mir immer unheimlich gewesen; hinter den schwarzgrünen Kiefern konnte sich alles Mögliche verbergen. Auch das ferne Motorengeräusch klang bedrohlich.

Ein Nissan mit lädiertem Auspuff tauchte auf dem Hügel hinter mir auf, knatterte vorbei und bremste plötzlich. Als der Fahrer die Tür aufstieß, war ich drauf und dran kehrtzumachen. Die untergehende Sonne hinter den Kiefern spiegelte sich in der Tür und blendete mich, so dass ich das Gesicht des Fahrers nicht gleich sah.

»Maria!«

Die Stimme kam mir irgendwie bekannt vor. Ich lief zum Auto. Auf halbem Weg begriff ich plötzlich, dass der Mann dort Johnny war. Ich verfluchte meine zerschlissene Jogginghose, mein schweißnasses Gesicht und meine zerzausten Haare. Beim ersten Wiedersehen mit Johnny nach fünfzehn Jahren hätte ich es vorgezogen, möglichst toll auszusehen.

»Ja, ich bin’s«, sagte ich gewollt unbefangen, obwohl die Hand, die ich Johnny entgegenstreckte, zitterte.

»Ich hab schon von deiner Mutter gehört, dass du hier arbeitest. Ich hatte vor, irgendwann mal vorbeizuschauen.«

Einen Moment brachte ich kein Wort heraus, guckte ihn nur an. Johnny war immer noch göttlich schön, genau wie damals, als ich fünfzehn war. Eigentlich sah er jetzt noch besser aus. Sein Adoniskörper war so muskulös wie früher, aber in das fast zu perfekte Gesicht des schönen Jungen von damals hatten sich ein paar Falten eingegraben, die ich sehr sexy fand.

»Ich mache die Vertretung für den Ortspolizeidirektor und wohne in Onkel Penas Haus in Kuusikangas. Und du?«, fragte ich, als wüsste ich es nicht längst. »Bist du Sportlehrer geworden?«

»Ja, schließlich hab ich mich dann doch dafür entschieden. Die letzten paar Jahre war ich an der Schule in Tuusniemi, jetzt hab ich hier eine Stelle gekriegt. Tuija und ich haben geheiratet, vor zehn Jahren, wir haben zwei Kinder, und seit einem halben Jahr leben wir getrennt.« Johnny lächelte schwach.

»Wohnt ihr ... wohnst du hier?« Ich bemühte mich um einen gleichgültigen Ton und strich mir die roten Haare aus dem Gesicht.

»Wir haben ein Haus in Kyykeri, aber da bin ich im Frühjahr ausgezogen. Die Sommerferien über wohne ich mal hier, mal da, meistens bei meinen Eltern in Sysmäjärvi. Anfang August kriege ich dann eine Dienstwohnung. Ich hab ja jetzt eine feste Anstellung. ­Tuija hat schon seit fünf Jahren ihre Praxis hier. Du hast sicher gehört, dass sie Zahnärztin geworden ist?«

Ich nickte. Es kam mir seltsam vor, dass Johnny so unbefangen plauderte, als hätten wir uns bloß ein paar Wochen nicht gesehen. Vielleicht war das Wiedersehen für ihn nichts Besonderes.

»Willst du ein Stück mitfahren? Ich hol die Kinder ab, sie sind bei Tuijas Eltern im Sommerhaus, und Kuusikangas liegt am Weg.«

»Danke, aber ich lauf noch ein bisschen. Aber wenn du mal in der Nähe bist, dann komm vorbei, du kennst das Haus ja. Wär schön, sich in aller Ruhe zu unterhalten.«

Johnny versprach, sich vielleicht bei Gelegenheit mal blicken zu lassen. Ich setzte mich wieder in Trab, und bald darauf knatterte der Nissan an mir vorbei. Ich rannte in der Staubfahne, die er hinter sich herzog, und mein Herz schlug viel schneller als bei diesem Tempo zu erwarten. Meine Beine waren wie Pudding, ein Wunder, dass ich überhaupt noch fähig war zu laufen.

In den vergangenen Jahren hatte ich oft darüber nachgedacht, wie ich reagieren würde, wenn Johnny plötzlich vor mir stünde. Allerdings hatte ich nicht erwartet, rot zu werden wie ein Teenager. ­Bestimmt hatte ich eben völlig blöd ausgesehen. Verdammt, erst vorletzte Nacht hatte ich wieder von Johnny geträumt. In den letzten fünf Jahren hatte ich regelmäßig mindestens einmal im Monat solche Träume. Beim Erwachen kam ich mir dann immer wie gedemütigt vor – es lag doch alles schon fünfzehn Jahre zurück, warum kam ich von diesem Phantasie-Johnny nicht los? In meinem letzten Traum waren wir uns in der Sportabteilung im Kaufhaus begegnet. Ich hatte mir Fußbälle angesehen, als Johnny mich plötzlich bei den Armen packte und anfing, mich zu küssen.

Den letzten Kilometer rannte ich wie Lasse Viren über die zehn Kilometer in München, als er dem Hauptfeld nachsetzte. Im Saunaofen brannte noch ein kleines Feuer, und als ich in die Glut blies, flammte es auf. Ich machte Bauchmuskelübungen und Liegestütze auf dem Hof, ein paar Klimmzüge an der Teppichstange, dehnte mich zum Schluss und holte das eine kalte Bier, das erlaubte, aus dem Keller.

Johnny war meine erste Liebe gewesen. Er spielte Fußball und Gitarre und trainierte eine Zeit lang die Juniorenmannschaft, in der ich mitspielte, bis mein Busen so groß wurde, dass ich mich allzu deutlich von den Jungen unterschied. So gab ich den Fußball auf und wurde Bassistin in einer Rockband, in der außer mir nur Jungs spielten. Wir probten im gleichen Raum wie Johnnys Band Synthetische Tiger. Wir nannten uns Rattengift und spielten Punk, die Synthetischen Tiger softeren Folk-Rock, aber manchmal hatten wir auch gemeinsame Jamsessions, bei denen wir uns an Beatles-Songs und sonstigem zur Allgemeinbildung gehörenden Gedudel versuchten. Natürlich veranstalteten wir in unserem Probenraum auch grandiose Besäufnisse.

Ich goss noch etwas Wasser auf die Steine, es zischte behaglich. Es war sicher zehn Jahre her, seit ich Johnny zuletzt gesehen hatte. ­Eigentlich hieß er Jarmo, aber er wurde Johnny genannt, so lange ich denken konnte. Für mich war er immer Johnny gewesen, und wenn jemand von Jarmo Miettinen sprach, wusste ich nicht gleich, wer gemeint war.

Ich nahm mein Bier und ging auf den Hof, um mich abzukühlen. Mikko, Penas schöner grau getigerter Kater, hockte auf dem Dach der Sauna und lauerte den Vögeln auf. Verglichen mit Einstein wirkte Mikko schmächtig. Hoffentlich fühlte sich Einstein bei Anttis Eltern in Inkoo wohl. Die alte Wehmut beschlich mich wieder, obwohl ich versuchte, sie abzuschütteln. Ich sehnte mich nach Antti, daran konnte kein Zweifel bestehen.

Antti hatte noch drei Monate in Chicago vor sich. Er hatte kurz vor Weihnachten promoviert, mit einer Dissertation über die mathematische Kategorienlehre, und brauchte nach der langen Schufterei einen Tapetenwechsel. Ich dachte an seinen konzentrierten Gesichtsausdruck bei der Doktordisputation, an die schlanken Finger, mit denen er das schulterlange schwarze Haar zurückstrich. Antti entsprach nicht meiner stereotypen Vorstellung von einem genialen ­Mathematiker; er trug weder eine dicke Brille noch Kreppschuhe, sondern hatte ein Indianerprofil und lief fast immer in schwarzen Jeans herum, wohl nicht die übliche Garderobe an amerikanischen Universitäten.

Mikko miaute an der Tür zum Ankleideraum. Er war die einzige mir bekannte Katze, die sich gern in der Sauna aufhielt. Als ich ihn reinließ, kletterte er auf seinen Stammplatz auf der mittleren Pritsche, rollte seinen Schwanz adrett um sich und schnurrte. Ob er Pena vermisste?

Ich hatte in Chicago erfahren, dass mein Onkel Pena nach einer Gehirnblutung halbseitig gelähmt war und die Sprache verloren hatte. Er lag im Krankenhaus und würde aller Wahrscheinlichkeit nach nicht mehr auf seinen kleinen Hof zurückkehren. Mit dem Herzen hatte er auch schon seit langem Probleme. Da hatte ich plötzlich die Lösung für mein Wohnungsproblem: Ich würde auf Onkel Penas Hof in Kuusikangas wohnen und neben meinem Polizeijob anständige körperliche Arbeit leisten. In Arpikylä würde ich in aller Ruhe über die fundamentalen Dinge des Lebens nachdenken können – zum Beispiel über Anttis wiederholte Heiratsanträge, auf die ich ­immer noch nichts anderes zu sagen wusste als »jetzt noch nicht«.

Es verwirrte mich, dass Antti mich heiraten wollte. Wir kannten uns seit gut anderthalb Jahren, hatten ein halbes Jahr zusammengelebt – meiner Ansicht nach hauptsächlich wegen der Verhältnisse auf dem Wohnungsmarkt –, und seit vier Monaten lag jetzt der Atlantik zwischen uns. Es war viel leichter, in Arpikylä zu leben als in der Wohnung in Helsinki, wo mich alles, vom Geschirr und den Laken angefangen, an Antti erinnerte.

Ich goss noch einmal Wasser auf, es zischte, und Mikko sprang auf die untere Pritsche. Antti nahm das Leben so furchtbar ernst. Deshalb wollte er wohl auch heiraten. Und Kinder haben. Und ich wusste, dass ich Antti liebte, und irgendwann würde ich wohl auch Kinder wollen. Immerhin war ich schon dreißig, die Zeit tickte vorbei und würde nicht für eine Sekunde anhalten, und ich wurde nicht jünger. Aber ich wollte mich weder von der Zeit noch von meinem Alter zu einer Entscheidung drängen lassen, für die ich noch nicht reif war.

Ich goss die letzte Kelle Wasser auf. Jetzt spukte obendrein Johnny in meinem Leben herum. Johnny und Tuija ließen sich scheiden. Auch daran wollte ich nicht denken. Ich schrubbte mich mit ­einer Wurzelbürste, holte mir etwas von Penas selbst gebrautem, verdächtig starkem Met aus dem Keller, fläzte mich vor den Fernseher und sah mir eine Krimiserie an, in der nordkalifornische Spekulanten sich gegenseitig umlegten.

Am nächsten Tag saß ich mit Ella in der städtischen Kantine, wo wir ein paar Mal in der Woche zusammen aßen. Passenderweise lag die Kantine von ihrem und von meinem Arbeitsplatz ungefähr gleich weit entfernt.

Ella sprach begeistert von der Eröffnung des Alten Bergwerks.

»Hast du eine Einladung bekommen?«, fragte sie besorgt. Gute, alte Ella. Ella hatte es immer schon gegeben, als Kinder hatten wir im selben Hof gespielt, und bis auf ein Jahr in der Mittelstufe waren wir wohl immer in der gleichen Klasse gewesen. Gute Freundinnen wurden wir allerdings erst in der Oberstufe. Wir passten beide nicht recht in die Form, die für Kleinstadtmädchen vorgesehen war. Ein Junge aus meiner Klasse, der mich nicht mal mochte, hatte einmal gesagt: »In unserer Klasse gibt’s zwei Mädchen, die keine Gänse sind: Ella und Maria.« Ich fühlte mich immer noch ziemlich geschmeichelt.

Ellas Burschikosität war anders als meine. Sie war viel größer als ich, hatte breite Schultern und einen kleinen Busen und trug fast immer bunte Hosenanzüge. Ihr dunkles Haar war kurz und glatt gekämmt; die große Brille hatte sie gegen Kontaktlinsen eingetauscht, die die braunen Augen in ihrem runden, weichen, rotwangigen Gesicht leuchten ließen. Ella war praktisch und vernünftig, aber kein Gluckentyp, künstlerisch begabt, aber keine Spur von Boheme. Wie geschaffen für den Posten der kleinstädtischen Kulturdezernentin, den sie vor ein paar Jahren ergattert hatte, nachdem sie so schlau gewesen war, sich das richtige Parteibuch zuzulegen. Ellas Mann, Matti Virtanen, war bildender Künstler.

»Hab ich bekommen. Kivinens Sekretärin hat mich eingeladen, als sie die Genehmigung für das Feuerwerk abgeholt hat. Ist dieser Kivinen tatsächlich so ein Himmelsgeschenk für die Stadt? Woher hat er überhaupt das Geld, um das Alte Bergwerk zu pachten?«

»Hast du keine Zeitungen gelesen? Ein paar gute Unternehmenskäufe, das Geld seiner Frau als Grundkapital. Kivinen stammt von hier und hat sich wohl irgendeine Zuneigung zu dieser Stadt bewahrt.«

Natürlich hatte ich über Seppo Kivinen, Hauptaktionär und Geschäftsführer der Aktiengesellschaft Altes Bergwerk, einiges gelesen. Auch mein Vater hatte mir das eine oder andere erzählt. Als die ­Arpikylä-Tourismus AG, die zur Hälfte der Stadt und zur Hälfte ein paar lokalen Unternehmern gehörte, vor dem Konkurs stand, war plötzlich Diplomkaufmann Seppo Kivinen mit seinen großen Plänen aufgetaucht. Er hatte genau ausgetüftelt, wie sich das Alte Bergwerk profitabel verwerten ließ. Nach gründlichen Instandsetzungsarbeiten würde auf dem Gelände eine gewaltige Abenteuerhöhle entstehen, weitere Attraktionen wären der beeindruckende Turm, das neu gestaltete Bergwerksmuseum und ein piekfeines Aussichtsrestaurant, ein Goldwäscherweg, ein Sommerschlittenhügel und wer weiß was noch alles.

»Sind diese Superfreizeitparks nicht schon wieder out? Vor ein paar Jahren sind doch so ungefähr an jeder Ecke welche gegründet worden.«

Ella trank so hingebungsvoll von ihrer Buttermilch, dass sie einen weißen Oberlippenbart davontrug.

»Aber Kivinens Pläne kreisen alle um das Bergwerksthema. Jedenfalls hat er Ideen. In einer der hohen Aufbereitungshallen will er eine Trainingsbahn für Kaisa Miettinen bauen, du weißt doch, die Speerwerferin. Und Matti und Meritta ziehen im August einen Ferienmalkurs zum Bergwerksthema durch, der ist schon ausgebucht.«

»Das kostet doch ein Schweinegeld! Die Stadt bürgt für sämtliche Kredite, oder?«

»Na ja, darum gab’s ziemlich Krach. Aber Kivinen beschäftigt fast hundert Leute, das hat schon was zu bedeuten in einer Stadt mit fast dreißig Prozent Arbeitslosen.«

Das war mir durchaus klar, und ich wusste, dass Kivinen gerade mit diesem Argument Zuschüsse von allen möglichen Stellen an Land gezogen hatte. Da gab’s das Innenministerium, den Strukturentwicklungsfonds und das Ministerium für Handel und Industrie – Kivinen war angeblich mit Innenminister Pekkarinen und mit dem früheren Handelsminister Juhantalo gut befreundet, wenn er auch über Juhantalo kein Wort mehr verlor, seit der wegen undurchsichtiger Geschäfte vor Gericht gestanden hatte.

»Übrigens«, wechselte ich das Thema, »rate mal, wen ich gestern getroffen hab? Den Johnny Miettinen.«

Ella lächelte mitleidig. Zwar hatte ich die schlimmste Johnny-Verknalltheit schon in der Oberstufe überwunden, aber wenn ich zu viel getrunken hatte, heulte ich ihm damals immer noch nach, und Ella hatte sich den Blödsinn anhören müssen.

»Und, hat’s dich erwischt?«

»Leider.«

»Er ist wirklich gut erhalten«, lachte Ella. »Da kriegt unsereins auch mal was zu sehen, solche Prachtexemplare sind hier ziemlich dünn gesät.«

Ich schob die letzte Fuhre Kartoffelmus in den Mund und sah auf die Uhr. Das Mittagessen mit Ella hatte sich wieder mal ziemlich in die Länge gezogen.

»Ich hab in einer Viertelstunde einen Termin mit dem Chef vom Jagdverein«, sagte ich im Aufstehen. »Die hatten letzten Herbst Wilderer in ihrem Revier. Drück mir die Daumen, dass ich mich nicht total blamiere. Bevor der Typ kommt, muss ich schnell noch die Gesamtreform zum Jagdgesetz durchlesen.«

Jussi hatte ein rosiges Bild von seiner Arbeit gemalt. Praktisch keine Kriminalität, allenfalls kleine Einbrüche oder betrunkene Mopedfahrer. Leichte Verwaltungsarbeit, Genehmigungen und dergleichen. Vielleicht war das wirklich leicht für ihn, nach zehn Jahren im Job. Aber ich wusste über die Abläufe im Amtsgebäude nicht so ganz ­Bescheid und kannte auch nicht mehr alle Honoratioren am Ort. Deshalb musste ich doppelt schuften. Als Ortspolizeidirektorin war ich eine Art Müllhalde der Kommunalverwaltung und, von Pfändungen angefangen, für alles Mögliche zuständig.

Als ich über die Hauptstraße von Arpikylä zum Amtsgebäude zurückging, kam mir mit langen Schritten eine Frau entgegen, die ich beinahe gegrüßt hätte, obwohl wir uns nicht persönlich kannten. Seit sie im letzten Sommer bei der Weltmeisterschaft im Speerwurf Silber gewonnen hatte, gehörte Kaisa Miettinen zu den Dauerpromis. Ich wusste, dass sie Johnnys Kusine war, sechs Jahre jünger als ich und eine irrsinnig talentierte Speerwerferin. Sie wurde als Favoritin für die Europameisterschaft in diesem Sommer gehandelt.

Zu meiner Überraschung nickte Kaisa mir zu und lächelte schüchtern. Ich lächelte zurück und lief die letzten Meter zu meinem Arbeitsplatz. Das neue Amtshaus war vor ein paar Jahren gebaut worden, weil die alte Polizeistation nicht mehr ausreichte. Das Dienstzimmer des Ortspolizeidirektors war hell und geräumig, an der Wand hing noch das Bild von Expräsident Mauno Koivisto. Ich überlegte, ob ich irgendwie aktiv werden müsste, um es gegen das seines Nachfolgers austauschen zu lassen. Allerdings kam es mir völlig blöd vor, dass im Dienstzimmer jedes kleinen Beamten in jedem Kuhdorf das Bild des Präsidenten hängen musste. Sollte es da­ran erinnern, dass der große Bruder wacht? Vielleicht war das unter Präsident Kekkonen tatsächlich der Fall gewesen.

Mit dem Jäger wurde ich ohne größere Schnitzer fertig. Zum Glück war der Rektor an meinem Gymnasium ein leidenschaftlicher Jäger gewesen, der regelmäßig die Schule schwänzte, wenn die Enten- und die Elchjagd eröffnet wurden. An den beiden Tagen durften auch die Schüler schwänzen, ich konnte mich also bestens an die Termine erinnern. Außerdem hatte der Mann eigentlich gar kein Anliegen. Wahrscheinlich wollte er nur mal sehen, wie sich eine Frau im Sessel des Polizeidirektors von Arpikylä ausmachte.

Unsere Bürokraft Hilkka, die einzige Frau unter dem fest angestellten Personal der Polizeistation, brachte mir ein Bündel Pässe und Führerscheine zum Unterschreiben. Keiner dabei, den ich kannte – die, die jetzt ihren Führerschein machten, waren über zehn Jahre jünger als ich und mir völlig unbekannt. Jetzt würden sie bald stolz auf der Hauptstraße von Arpikylä auf- und abkreuzen und zwischendurch vor der Imbissstube parken, um die Passanten zu beobachten. Die Freizeitmöglichkeiten, die die Kleinstadt ihren Jugendlichen bot, waren in den letzten zwölf Jahren kein bisschen interessanter geworden.

Das Telefon schrillte.

»Koivu hier, hallo. Erinnerst du dich an die Einbruchserie im letzten Monat, Ferienhäuser in Nordkarelien. Ihr hattet auch ein paar, in Juojärvi. Wer hat das bei euch noch mal bearbeitet?«

»Na, die Auswahl ist ja nicht groß.« Arpikylä hatte acht Polizisten, zwei bei der Kripo und sechs bei der Schupo. »Das war Antikainen. Er ist gerade im Haus.«

»Kannst mich gleich mit ihm verbinden. Noch was. Ehm ... weißt du vielleicht, welche Größe Anita in dieser englischen Skala haben könnte, also mit Größe zehn und zwölf und so?«

»Was hast du denn vor?« Pekka Koivu war in Helsinki beim ­Dezernat Gewaltkriminalität mein Kollege gewesen. Nach meinem Weggang waren wir in Verbindung geblieben, und ich war traurig, als er zu seiner Freundin Anita nach Joensuu zog. Er hatte die Nase voll von der immer chaotischeren Situation bei der Helsinkier Polizei und von seinem versoffenen Chef, der aus irgendeinem Grund absolut nicht aus dem Amt zu kriegen war.

»Anita hat nächste Woche Geburtstag, und ich wollte ihr ein Nachthemd schenken ...«

»Warum fragst du nicht die Verkäuferin?« Koivu schwieg. Mir dämmerte, um welche Art von Nachthemd es sich handelte. »Warte mal, Anita ist ziemlich groß, aber schlank ... Größe zehn, denk ich. Bist du sicher, dass Anita so was gefällt?«

»Na, sie beklagt sich immer, dass sie keine solchen Fummel hat wie die Frauen im Fernsehen.«

»Du musst ja wissen, was du tust. Aber Koivu – nichts Schwarzes. Weiß passt besser zu Anita.«

Wir verabredeten uns für nächste Woche bei mir zum Saunen. Ich bezweifelte allerdings, dass Anita es ihm erlauben würde. Sie mochte mich ebenso wenig wie ich sie. Die Antipathie war gleich bei unserer ersten Begegnung da gewesen. Koivu hatte uns unbedingt miteinander bekannt machen wollen. So hatten Antti und ich Koivu in Leppävaara besucht, und schon bei der zweiten Flasche Bier hatte Anita angefangen zu nörgeln.

»Pekka, du solltest nichts mehr trinken, du musst morgen arbeiten. Und bei Frauen wirkt Alkohol ja wohl noch stärker als bei Männern?«

Als Koivu Fleischklößchen, Nudelsalat und geriebene Möhren servierte, nahm Anita nur Möhren mit Hüttenkäse – sie war Vegetarierin. Ich ertappte mich dabei, wie ich mein Brot doppelt so dick mit Butter bestrich und bei jeder Gelegenheit lästerlich fluchte. Anitas Vegetarismus klang mir eher nach Gesundheitsfanatismus, und sie schien auch Koivu zu einer anderen Lebensweise zwingen zu wollen. Bei ihrer spitzen Bemerkung über den Kognak, den Koivu zum Kaffee anbot –, Anita trank natürlich weder Kognak noch Kaffee, sondern Kräutertee – wurde mir klar, dass sie eifersüchtig war. Ich fing an, über Anttis und meine Zukunftspläne zu reden, und schmiegte mich ganz gegen meine Gewohnheit an ihn, aber nicht mal das schien zu helfen.

Jetzt machte ich mir Sorgen um Koivu. Der Arme war offensichtlich wahnsinnig verliebt und stand völlig unter dem Pantoffel. Im August wollten sie heiraten. Hoffentlich passte in der Kirche jemand auf mich auf, sonst würde ich Koivu bestimmt in letzter Minute zurufen: »Heirate um Himmels willen nicht diese Nörgelziege!«

Antikainen kam rein und sagte, er führe nach Joensuu, um die Ferienhauseinbrecher zu vernehmen. Zwei Finnen und ein Nachbar aus dem Osten, die Beute sollte angeblich zum größten Teil über die Grenze geschafft werden. Da hatten die Lokalzeitungen wieder mal Gelegenheit, den Russenhass zu schüren. Und die kleinen finnischen Ganoven machten sich diese Stimmung zunutze. Einer, der im Frühjahr einen Kiosk aufgebrochen und schon zweimal für das gleiche Delikt gesessen hatte, hatte allen Ernstes geglaubt, den Verdacht von sich ablenken zu können, indem er ein paar Rubelscheine am Tatort zurückließ. Sein Pech, dass auf den Banknoten seine Fingerabdrücke waren.

Nach der Arbeit fuhr ich eine Runde um das Alte Bergwerk. Oben auf dem Turm war ich ewig nicht mehr gewesen. Seit ein paar Jahren war er jetzt gesperrt. Vielleicht ergab sich bei der Eröffnungsparty am Freitag eine Gelegenheit hinaufzusteigen. Der Hügel glänzte kupfergelb, der helle Sandboden ließ den Turm noch dunkler und steinerner aussehen. Sein Schatten starrte mir noch lange nach, als ich nach Kuusikangas fuhr.

- 2 -

Ich hatte gerade meine allabendlichen sechs Kilometer gejoggt und mir den Schlafanzug angezogen, als ich ein Auto auf den Hof fahren hörte. Es war erst acht, und ich hoffte, dass mich nichts Dienstliches erwartete. Ein Klopfen, und gleich darauf kam Johnny herein.

»Grüß dich. Gehst du schon schlafen?« Sein Lächeln war das gleiche wie vor fünfzehn Jahren, so umwerfend, dass ich mir in Gedanken die Ohren lang zog.

»Nö, ich bin eben vom Joggen gekommen. Setz dich doch, ich wollte sowieso gerade Tee kochen.«

Johnny setzte sich in Onkel Penas Schaukelstuhl und versuchte, Mikko auf seinen Schoß zu locken. Ich verdrückte mich erst an den Herd und setzte Wasser auf, dann ins Schlafzimmer, um mir einen Slip anzuziehen und ein Sweatshirt, das hoffentlich verbergen würde, dass ich keinen BH trug. Beim Anziehen stellte ich fest, dass meine Hände zitterten. Aus dem Spiegel auf der kupferbeschlagenen Kommode starrten mir unruhige dunkelgrüne Augen entgegen.

»Ich dachte, ich schau mal vorbei, weil wir gestern nur so kurz miteinander reden konnten«, sagte Johnny und sah mich prüfend an. »Du hast dich überhaupt nicht verändert.«

»Guck mal genauer hin, dann siehst du alle Falten. Und was in meinem Kopf steckt, hat sich ganz schön verändert, Gott sei Dank.«

»Machst du noch Musik?«

»Eigentlich nur noch so für mich. Antti, mein Freund, spielt Klavier, und manchmal improvisieren wir zusammen. Aber in einer Band hab ich seit meinem ersten Jurasemester nicht mehr gespielt. Und du? Gibt’s die Synthetischen Tiger noch?«

»Schon seit Jahren nicht mehr, aber zwischendurch hatten wir mal so ’ne Gruppe, da hat auch euer Gitarrist von damals, der Jaska Korhonen, mitgespielt. Aber man wird allmählich alt. Die Stimme ist auch weg, vom ewigen Brüllen im Sportunterricht.«

Johnny war vier Jahre älter als ich, aber er hatte noch nichts von Midlife an sich. Sein Filmstarkinn war noch größer geworden, aber die fünf Kilo, die er zugelegt haben mochte, schienen reine Muskelmasse zu sein. Ich wunderte mich, wieso Johnny damals vor fünfzehn Jahren nicht gemerkt hatte, wie verknallt ich war, wo ich doch in seiner Gegenwart selbst jetzt total befangen war.

»Hast du von den anderen was gehört?«, fragte ich, während ich den Tee aufbrühte. Wir tratschten über alte Bekannte, redeten über Bücher und Musik. Allmählich löste sich meine Nervosität, Johnny war ein angenehmer Gesprächspartner. Deshalb war ich damals wohl auch in ihn verschossen, am guten Aussehen allein konnte es nicht gelegen haben. Johnny war attraktiv, hatte Grips und war obendrein nett. Eine seltene Kombination in einer Stadt von der Größe Arpikyläs.

»Bist du schon lange mit diesem Antti zusammen?«

»Knapp zwei Jahre.«

»Noch nicht lange genug, um ihn leid zu werden?«

»Nö. Ab und zu treibt er mich allerdings auf die Palme. Ich bin wohl nicht der Typ für Zweierbeziehungen.«

Johnny streichelte Mikko, der faul auf seinem Schoß lag und in überraschend hohen Tönen schnurrte. Durch das offene Fenster zog der Duft des Sommerabends herein. Eine Amsel flötete auf dem Saunadach, die Birken im Hof wiegten sich sanft. Ich verspürte kein Bedürfnis zu reden. Johnny saß im Gegenlicht, ich sah nur sein Profil mit dem kantigen Kinn und seine Hände, die die Katze liebkosten.

Das Telefon unterbrach die Stille. Ich schrak auf, Mikko sprang von Johnnys Schoß. Es war Eeva, meine Schwester.

»Ich hab Besuch«, sagte ich, nachdem sie mir fünf Minuten lang über die ersten Worte ihres Söhnchens Saku Bericht erstattet hatte. Eevas Geschichten bereiteten mir irgendwie Unbehagen. Ich kannte mich mit kleinen Kindern nicht aus. War es etwas Besonderes, dass ein Kind mit elf Monaten laufen lernte und eine Cremetube aufdrehen konnte?

»Besuch? Deshalb klingst du so komisch. Wer denn?«

»Erinnerst du dich an Johnny Miettinen?«

»Ach, der ...«, lachte Eeva. »Wirst du immer noch rot, wenn er dich anspricht?«

Verdammte Eeva. Natürlich hatte sie damals mitgekriegt, wie verknallt ich war, das war wohl niemandem entgangen. Außer Johnny selbst.

»Schöne Grüße an die Kollegin«, rief Johnny, als ich gerade den Hörer auflegte.

Auf einmal erinnerte ich mich ganz deutlich an einen Sommerabend vor fünfzehn Jahren. Ich war nach Hause gekommen, eine Platte von Queen, Bohemian Rhapsody, an mich gepresst, die ich mir von Johnny geliehen hatte. Eeva hatte die Initialen auf der Hülle sofort gesehen und meiner anderen Schwester zugegrinst: »Maria ist scharf auf Johnny, dabei hat der schon ’ne Freundin ...«

Ich hatte mir die Platte drei Tage lang fast pausenlos angehört, und die Hülle lag nachts unter meinem Kopfkissen – wenigstens hatte ich noch so viel Verstand, dass ich nicht auch die Platte unters Kissen legte.

»Hat deine andere Schwester schon Kinder?« Johnnys Frage riss mich aus meinen Gedanken.

»In vier Monaten kommt das erste. Gut, dass die beiden das Kinderkriegen übernehmen, da lassen mich meine Eltern endlich mit ­ihren Enkelwünschen in Ruhe. Wie alt sind denn deine Kinder?«

»Tuomas ist sieben, kommt im Herbst in die Schule. Vilma ist fünf.«

Die Geburtsanzeige von Tuomas hatte ich damals zufällig gesehen, meine Mitbewohnerin Jaana hatte das Provinzblatt abonniert. Ich war damals mit Harri, dem Vogelfreak, liiert, aber nach der Geburtsanzeige geisterte Johnny eine Zeit lang häufiger als sonst durch meine Träume. Warum zum Teufel träumte ich nie von anderen verflossenen Schwärmen oder Lovern, weder von Harri noch von dem Gammler Pete, dem ich einen zweiwöchigen Liebeskummer verdankte, oder von Kristian, der an der juristischen Fakultät eine glänzende Karriere machte? Bei der Erinnerung an sie spürte ich nur eine leise Nostalgie, ein leicht belustigtes Gefühl. Aber Johnny ...

Als hätte er meine Gedanken gelesen, sagte Johnny: »Ich habe in all den Jahren oft überlegt, wie es dir wohl geht. Vor ein paar Jahren, als dieser Mord passiert ist und dann ein Polizist auf die Mörderin geschossen hat und die aus dem Fenster stürzte, stand dein Name in der Zeitung. Ich hatte den Eindruck, dass du ein turbulentes Leben führst. Ich dachte, hoffentlich seh ich dich noch mal, bevor irgendein Drogengangster dich umlegt.«

In Johnnys Stimme war ein leises Lachen, aber seine Augen lachten nicht.

»Die betrunkenen Autofahrer in Arpikylä sind auf jeden Fall ungefährlicher als die Mörder in der Hauptstadt.« Ich trank den kalt gewordenen Tee aus, sehnte mich nach etwas Stärkerem. Geh jetzt, Johnny, geh, bevor ich was Dummes sage.

»Wir könnten mal ’ne Jamsession machen, du und ich und Jaska vielleicht«, schlug Johnny vor.

»Meine Finger sind völlig steif. Was Schnelles ist nicht drin.«

»Wir können auch nichts mehr. Jaska spielt von Jahr zu Jahr schlechter. Der ist seit ein paar Jahren arbeitslos und völlig runtergekommen. Hoffentlich berappelt er sich jetzt, nachdem er den Job im Alten Bergwerk gekriegt hat. Allein hätte er das sowieso nicht zustande gebracht, Meritta hat ihm die Stelle verschafft.«

»Meritta?«

»Na, Jaskas Schwester, die Künstlerin, du hast bestimmt in der Zeitung über sie gelesen.« Johnnys Stimme klang seltsam, und wie um das Thema zu wechseln, fing er an, von seinen Kindern zu sprechen.

Es war fast Mitternacht, als er ging. Mikko im Arm, starrte ich seinem knatternden Nissan nach. Übermorgen bei der Party im Alten Bergwerk würden wir uns wieder sehen, nächste Woche vielleicht Musik machen ...

Ich war unruhig, mochte nicht schlafen gehen, drosch stattdessen das unschuldige Sofakissen durchs Zimmer wie früher den Fußball. Die Katze sah sich das Theater ein paar Minuten lang an und zog es dann vor, durch das offene Fenster auf den Hof zu springen. Schließlich fiel mir nichts Besseres ein, als Antti anzurufen, aber er war nicht in seinem Arbeitszimmer. Eine Frau mit spanischem Akzent erklärte, »Doctoor Saarkjiila« hätte eine Vorlesung. So begnügte ich mich mit einem superstarken Kamillentee. Trotzdem schlief ich erst bei Sonnenaufgang ein.

Am Freitag merkte ich, dass ich mich auf die Eröffnungsparty am Abend freute. Immerhin hatte ich die letzten anderthalb Monate ziemlich solide gelebt: Einmal war ich mit Koivu in Joensuu durch die Kneipen gezogen, und einmal hatte ich einen Abend bei Ella verbracht. Mittsommer hatte ich mit meinen Eltern im Sommerhaus ­gefeiert.

In der Mittagspause kaufte ich mir zur Feier des Tages neue Spitzenstrümpfe. Als ich an der Würstchenbude vorbeikam, die sich den stolzen Namen Zitty-Kiosk zugelegt hatte, sah ich den neuen Streifenwagen davor stehen. Hopponen und Lasarov saßen im Auto, tranken Milch und aßen Hamburger, und der Motor schnurrte fröhlich vor sich hin.

Ich konnte nicht vorbeigehen, als hätte ich nichts bemerkt. Ich klopfte auf der Fahrerseite ans Fenster. Hopponens ketchupbeflecktes Gesicht grinste mich an, er drehte die Scheibe herunter.

»He, Jungs, Leerlauf ist heutzutage verboten ... Wie wollt ihr anderen ein Bußgeld aufbrummen, wenn ihr selbst gegen das Gesetz verstoßt«, sagte ich und versuchte, meine Verärgerung nicht zu zeigen. In Tapiola hätte ich ein paar Mal fast Prügel bezogen, als ich Luftverschmutzer aufforderte, den Motor abzustellen.

Hopponen schien nicht zu begreifen, was ich meinte.

»Wir haben doch wohl ein Recht auf unsere Mittagspause«, zischte er so heftig, dass ein Stück Hamburger auf meiner Bluse landete.

»Klar doch, hab ich nichts gegen. Bloß den Motor solltest du abstellen.«

»Es ist Leerlauf, wenn er mehr als zwei Minuten im Stand läuft«, klärte Lasarov seinen jüngeren Kollegen auf.

Hopponen verzog seinen runden Mund und drehte den Schlüssel hastig in die falsche Richtung, so dass der neue Saab beleidigt aufheulte. Ich dankte und ging weiter. Wie sie mich jetzt wohl titulierten? Nörgelnde Alte? Blöde Kuh? Oder noch saftiger?

Wahrscheinlich machte ich mir selbst das Leben schwer. Ich wusste nur zu gut, dass die Jungs auf dem Revier über meine Anstellung nicht gerade gejubelt hatten. In der ganzen Provinz Nordkarelien gab es immerhin eine Vizeortspolizeidirektorin und fünf Polizistinnen, aber Frauen bei der Polizei schienen hier noch größere Ausnahmen zu sein als in Helsinki. Die Männer hatten sich durchaus bemüht, höflich zu sein, aber unter der Oberfläche schwelte ein Misstrauen, das von Zeit zu Zeit aufflammte. Man hatte mir gleich im Frühjahr klargemacht, dass ich nicht dazugehörte. Die Mannschaft der Polizeistelle spielte im Sommer finnischen Baseball und im Winter Volleyball gegen die städtischen Angestellten, um das Zusammengehörigkeitsgefühl zu stärken. Weil ich meine Kollegen besser kennen lernen wollte, hatte ich gesagt, ich würde mitspielen. Es war, als hätte ich im Pausenraum eine Bombe fallen lassen. Schließlich hatte sich Lasarov, der Dienstälteste, ein Herz gefasst und erklärt, auch in der städtischen Mannschaft spielten nur Männer mit guter Kondition.

»Du kannst gern kommen und uns anfeuern«, hatte Lasarov hinzugefügt und gezwungen gelächelt. Ich schluckte die Bemerkung herunter, dass ich es gewohnt war, mitzuspielen und nicht am Spielfeldrand bewundernd zuzugucken. Trotzdem waren seit dem Vorfall alle davon überzeugt, die »kleine Kallio« verstünde nicht so recht, was sich für einen Ortspolizeidirektor schickt. Und nun bestätigte ich diese Überzeugung durch meine Nörgelei. Aber die Gleichgültigkeit meiner Kollegen ärgerte mich. Ab und zu überkam es mich, die Welt verbessern zu wollen; in dem Zustand dachte ich sogar da­ran, die gebrauchten Obsttüten zum Einkauf mitzunehmen. Zurzeit trug ich meinen Müll, brav sortiert, in den Saunaofen, in den normalen Mülleimer und auf Onkel Penas Komposthaufen und spürte, wie der Heiligenschein um meinen Kopf wuchs. Natürlich waren die Abgase in Arpikylä ein Klacks gegen den Smog, der zum Beispiel über Chicago hing, aber irgendwo musste ja der Anfang gemacht werden.

Am Nachmittag hatte ich den Eindruck, dass die Männer mir aus dem Weg gingen. Der Pausenraum leerte sich schlagartig, als ich mir um drei meine Kaffeeration holte. Ich kümmerte mich nicht weiter darum, in Gedanken war ich schon bei der Party. Als letzte Amtshandlung der Woche hängte ich das Porträt von Ahtisaari, das die Post am Morgen gebracht hatte, über dem Sofa auf, nachdem ich Koivistos Bild abgenommen hatte. Sollte ich das Koivisto-Bildnis meinen Eltern schenken, vielleicht als Wandschmuck für das Plumpsklo beim Sommerhaus? Stand in der Dienstvorschrift, wie mit den Porträts von Expräsidenten zu verfahren war? Koivisto schien die Stirn zu runzeln, als ich ihn fürs Erste in der untersten Schreibtischschublade versteckte.

Ich hatte mit meinen Eltern ausgemacht, dass ich bei ihnen duschen und mich umziehen würde. Am Morgen war ich mit dem Fahrrad zur Arbeit gekommen, nach der Party wollte ich mir ein Taxi nach Kuusikangas nehmen. Ich machte einen Abstecher ins ­gegenüberliegende Alkoholgeschäft, bevor ich auf Penas altem, dreigängigem Drahtesel, dessen Kette längst hätte geölt werden müssen, hügelabwärts zu meinem Elternhaus fuhr.

Der Schlüssel steckte, aber es war niemand zu Hause. Komisch. Meine Eltern waren doch auch zur Eröffnung eingeladen. Allerdings waren es bis dahin ja noch ein paar Stunden. Ich schob den Gin, den ich gekauft hatte, in den Gefrierschrank und verzog mich unter die Dusche. Genießerisch ließ ich das Wasser über meine verschwitzten Schultern laufen, passte aber auf, dass meine Haare nicht nass wurden. Ich hatte sie gestern in der Sauna gewaschen und mir sogar die Mühe gemacht, Henna einzumassieren, um ihr natürliches Rot zu verstärken.

Als ich vom Duschen kam, war der Gin gut gekühlt. Ich mixte ihn mit Eis und Zitronensaft. Der scharfe Geschmack trieb mir Tränen in die Augen, und ich schüttete etwas Puderzucker aus Mutters Vorräten dazu, um die Bitterkeit zu mildern. Der zweite Schluck schmeckte schon besser. Ich leerte mein Schminktäschchen auf dem Frisiertisch und stellte das Glas neben den Lippenstift.

Wie oft hatte ich mich freitags in diesem Spiegel betrachtet und mich für eine Fete zurechtgemacht! Ich versuchte, hinter meinem Spiegelbild das fünfzehn Jahre jüngere Mädchen mit dem runden Gesicht und dem Pagenkopf zu entdecken. Dieses Mädchen hatte keine Falten um die Augen. Ihr fehlten auch die drei grauen Haare, die an den Schläfen unter dem Rot hervorlugten. Und die breiten Schultern.

Das merkwürdig perlende Freitagsgefühl stellte sich wieder ein, dieses Gefühl, das an eine Zeit erinnerte, als gerade auf dieser Fete alles Mögliche passieren konnte, als alles offen war. Vielleicht entdeckt Johnny mich heute Abend ... Das hatte ich vor fünfzehn Jahren gedacht und nicht etwa jetzt, oder?

Ich hatte Lust auf Musik. Meine Schwestern und ich hatten unsere Platten natürlich mitgenommen, als wir auszogen, bei meinen Eltern gab es nur noch Arja Saijonmaa und Klassisches. Das Radio war meine Rettung: Sie brachten ein uraltes Stück von den Hurriganes. »I’m A Roadrunner, Honey ...« Ich nahm noch einen Schluck und fing an, mich zu schminken. Mit dreißig war ich darin viel geschickter als mit fünfzehn.

Meine Eltern kamen, als ich mir gerade den zweiten Drink mixte. Meinem Vater stand ins Gesicht geschrieben, dass etwas passiert war.

»Wir mussten ins Krankenhaus«, erklärte er. »Pena hatte wieder einen Herzinfarkt.«

»Oh Gott! Wie geht’s ihm?«

»Immer noch ziemlich schlecht, aber sie meinen, dass er durchkommt. Ich soll heute Abend noch mal anrufen.« Mein Vater ließ sich seufzend aufs Sofa fallen und trank gedankenverloren aus meinem Glas. »Helena war bei ihm und hat ihm erzählt, was es Neues gibt, und plötzlich wurde er ganz blau.«

»Weiß er von der Eröffnungsfeier?«