Kurdistan - Tobias Huch - E-Book

Kurdistan E-Book

Tobias Huch

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Beschreibung

"Das Buch 'KURDISTAN' von Tobias Huch zähle ich zu den Standardwerken über den Nahen- und Mittleren Osten. Es ist ein überzeugendes Werk für all jene, die den Zustand des Nahen- und Mittleren Ostens verstehen wollen. Das Werk belegt, dass Huch unbestritten zu den besten Kurdistanexperten gehört." (Ali Ertan Toprak, Bundesvorsitzender Kurdische Gemeinde Deutschland e.V.) "Der Autor schafft es auf eindrucksvolle Art, einer seit Jahrhunderten unterdrückten Minderheit eine Stimme zu geben." (pogrom 2018) "Fazit: Lesenswert! Kurdistan von Tobias Huch bietet umfangreiche Hintergrundinformationen um den Konflikt zwischen der Türkei und der kurdischen Minderheit zu verstehen." (ruhrbarone) "Jemand, der Antworten sucht, findet verlässliche Problembeschreibungen. Wo es für Optimismus noch lange keinen Raum gibt und jemand nur einfach eine Übersicht erwartet, wird er sicher mit gewecktem Interesse weiterdenken. Bundeskanzler, Außenminister nebst ihren Beraterstäben sowie alle Parteistrategen sollten es zwingend lesen. Journalisten auch." Tichys Einblick

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Seitenzahl: 223

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen National­bibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://d-nb.de abrufbar.

Alle Bilder stammen aus dem Archiv des Autors, außer S. 11 (Bildteil) © Sebastian Backhaus und S. 8/9 (Innenteil) © Rainer Lesniewski/Shutterstock.com

Für Fragen und Anregungen:

[email protected]

Originalausgabe

1. Auflage 2019

© 2019 by riva Verlag, ein Imprint der Münchner Verlagsgruppe GmbH

Nymphenburger Straße 86

D-80636 München

Tel.: 089 651285-0

Fax: 089 652096

Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Redaktion: Alfred Hackensberger

Lektorat: Daniel Matissek, Sabine Franke

Umschlaggestaltung: Marc-Torben Fischer, München

Satz und E-Book: Daniel Förster, Belgern

ISBN Print 978-3-7423-0427-8

ISBN E-Book (PDF) 978-3-95971-946-9

ISBN E-Book (EPUB, Mobi) 978-3-95971-947-6

Weitere Informationen zum Verlag finden Sie unter

www.rivaverlag.de

Beachten Sie auch unsere weiteren Verlage unter www.m-vg.de

Ich widme dieses Buch meiner Mutter und meinem Vater:

Ohne eure Unterstützung gäbe es dieses Buch nicht.

Danke.

Inhalt

Vorwort

Teil I­Geschichte, ­Politik und Struktur

1. Die Geschichte der Kurden

2. Sykes-Picot, Sèvres und Lausanne

3. Die unterschiedlichen Teile Kurdistans und ihre Parteien

Trennung nach Sprachen

Trennung nach Staatsgrenzen

Die Region Bakur

Başûr – die Autonome Region Kurdistan

Das syrische Kurdistan: Rojava

Der iranische Teil: Rojhilat

4. Die Familien Barzani und Talabani

Macht und Relevanz im Allgemeinen

Die Vorgeschichte der Familien

Konflikt und Bürgerkriege

Die jüngere Entwicklung

5. Abdullah Öcalan und die PKK

Teil II­Aktuelle ­Situation der Kurden

6. Minderheiten

7. Presse- und Meinungsfreiheit

Grundsätzliches zur Entwicklung der Pressefreiheit in Kurdistan

8. Die Situation der Frauen

Zwischen Tradition und Moderne

Gegensätze zwischen Anspruch und Wirklichkeit

Die Unterdrückung der Frau ist allgegenwärtig

Bildteil

Teil IIIWirtschaft und Partner

9. Wirtschaftliche Situation

Aufschwung seit 1991

2014: Die Krise

Die gegenwärtige Lage

Einflussnahme der irakischen Zentralregierung

Ausblick

10. Beziehungen zur Türkei

Kurden und Türken im Licht der Geschichte

Wirtschaftliche Partnerschaft

Das türkische Kurdenproblem

Wohlwollen und Willkür – die Beziehung zu Erdoğan

Pragmatismus als Fundament

11. Waffenlieferungen

Teil IVUnabhängigkeit und Freiheit

12. Kurdische Unabhängigkeit – ein unerfüllter Traum

Die Ankündigung des Referendums 2017

Barzanis Beweggründe

Vom Westen alleingelassen

Durchführung, Ausgang und Folgen des Referendums

Ein weiteres Unabhängigkeitsprojekt: Das kurdische Staatswesen in der Föderation Nordsyrien

13. Die Rolle des Iran

14. Israel und Kurdistan – Geschwister im Schicksal

Ein Gastbeitrag von Arye Sharuz Shalicar

Resümee

Danksagung

Glossar

Quellen

Über den Autor

Vorwort

Kurdistan. Vor dem Jahr 2014 verbanden viele mit diesem Begriff wohl am ehesten »Das wilde Kurdistan« von Karl May. Ich selbst habe diese orientalischen Reiseerzählungen des deutschen Erfinders von Winnetou und Old Shatterhand – wohl auch zum Glück – nicht gelesen. So konnte ich mich ganz vorurteilsfrei in mein persönliches Kurdistan-Abenteuer stürzen. Ich muss gestehen, dass für mich – als Politiker, Ex-Unternehmer und später hauptberuflicher Journalist – das Land ein weißer Fleck war.

Natürlich wusste ich, dass es Kurden und das sogenannte »Kurdenproblem« gibt, aber wirklich beschäftigt hatte ich mich damit nicht. Auch war ich nie in Kurdistan gewesen. Dann kam jedoch das Jahr 2014. Genauer gesagt, es war der Juni 2014. In diesem Monat wurde die Geschichte der gesamten Region neu geschrieben. Denn der sogenannte Islamische Staat (IS) überfiel den Irak. Zuerst überrannten die Terroristen nahezu kampflos Mossul, die zweitgrößte Stadt des Landes, da der Großteil der dort stationierten irakischen Armee davongelaufen war. Im August drangen die Extremisten in die Ninive-Ebene und in die Provinz Sindschar (Shingal) ein, den Lebensraum der ethnischen Minoritäten von Assyrern und Jesiden.

Ich erinnere mich noch gut: Es war eine Reportage des US-Nachrichtensenders CNN über den Vernichtungsfeldzug des IS, die mich damals, wie ein Schlag ins Gesicht, plötzlich wachrüttelte.

Am 2. August hatten die Dschihadistenhorden ihre Jagd auf die Jesiden begonnen. Hunderttausenden Jesiden war nur die panische Flucht geblieben, um ihr nacktes Überleben zu retten. Dabei sind die Jesiden traditionell friedfertige Menschen, die einer monotheistischen, nicht-aggressiven Naturreligion anhängen. Nun mussten sie in das Sindschar-Gebirge fliehen, ihren letzten Zufluchtsort, dorthin, wo sich ihre heiligen Tempel und Wallfahrtsstätten befinden.

Die Temperaturen lagen, wie im Sommer im Irak üblich, bei 50 Grad Celsius im Schatten. Das ist buchstäblich eine mörderische Hitze für alle jene, die nicht genügend Wasser bei sich haben. Hunderte von Jesiden verdursteten auf ihrem oft tagelangen Fußmarsch in die rettenden Berge. Mütter mussten sich entscheiden, welches ihrer Babys überleben durfte und welches sie zum Sterben zurückließen. Denn das Wasser, das zur Verfügung stand, reichte nur für ein Kind.

Die Not und das Elend der Flüchtlinge waren in einer Flut von Bildern und Videos im Internet zu sehen. Kinder brüllten nach Wasser. Menschen weinten vor Angst. Sie erzählten von Massenerschießungen und brutalen Entführungen durch den IS, die sie mit ansehen mussten. Helikopter flogen zwar pausenlos Lebensmittel und Wasser zu den Tausenden von Flüchtlingen auf dem Plateau des Sindschar-Gebirges. Aber die Hilfslieferungen reichten nicht. Voller Verzweiflung und Panik bestürmten Menschen die Hubschrauber, um ausgeflogen zu werden. Jeder in der Menge versuchte irgendwie einen Platz zu ergattern. Aber der Helikopter war binnen weniger Momente voll besetzt und musste abheben.

Ein Reporter von CNN, der mitgeflogen ist, hat zutiefst bewegende Bilder mit seiner Kamera eingefangen. Da sind die weiterhin angsterfüllten Blicke der Jesiden, obwohl sie der Hölle entkommen sind. Darunter ist ein kleines Mädchen, mit dunklen, weit aufgerissen Augen. Ihre schmalen Kinderlippen zittern, sie ringt panisch nach Luft, ihr Körper scheint kurz davor, zu kollabieren. Die Kamera fängt diesen Blick des Mädchens ein, von dem man nicht weiß, ob es überleben wird. Es ist ein schockierender Blick, der mir mitten ins Herz geht.

Diese Momente im Hubschrauber bedurften keiner Worte mehr. Sie lösten in mir eine Explosion aus. Wut, Verzweiflung, Hass und Hilflosigkeit kamen zuerst hoch, aber am Ende stand dann der feste Wille: Du musst etwas tun! Ich griff zum Telefon und rief Gunter Völker an, der in Erbil, der Hauptstadt der Autonomen Region Kurdistans, ein bekanntes Restaurant mit deutscher Küche unterhält. Er berichtete von Hunderttausenden von Flüchtlingen, denen in erster Linie sauberes Trinkwasser fehle. Daraufhin organisierten wir gemeinsam eine erste Wasserlieferung nach Erbil, die wir aus eigener Tasche finanzierten. Über Nacht baute ich eine Spendenseite im Internet auf, und meine politische Jugendorganisation, die Jungen Liberalen Rheinland-Pfalz, erklärte sich bereit, als transparente Sammelstelle zu fungieren. So konnten wir sofort helfen. Ab dem 26. August gingen die ersten Spenden ein. Nach zehn Tagen waren schon über 20 000 Euro gespendet worden. Kurz darauf war ich auf dem Weg in die Autonome Region Kurdistan. Das Flugzeug musste vor der Landung auf dem Flughafen von Erbil mehrmals kreisen, um sicherzugehen, dass es vom IS nicht abgeschossen werden konnte.

Nach diesem September 2014 habe ich die Autonome Region Kurdistan immer wieder besucht – mindestens ein Dutzend Male. Ich mag die Stadt Erbil mit ihrer Altstadt und der alles überragenden, imposanten Zitadelle. Ich kenne die Erdölmetropole Kirkuk mit ihren politisch-ethnischen Konflikten sowie das moderne Sulaimaniyya und natürlich auch Dohuk, das heute vorwiegend aufgrund seiner großen Flüchtlingslager bekannt ist. Unausweichlich waren während des Kriegs gegen den IS auch einige Frontbesuche bei Mossul, in Kirkuk und im Sindschar-Gebirge.

Zum Glück ist dieser Kampf heute zu Ende. In den zerstörten Dörfern und Städten hat der Wiederaufbau begonnen. Die Menschen im heute eher westlich orientierten, irakischen Teil Kurdistans glauben wieder an eine Zukunft. Sie sind offen geblieben, und ihre Gastfreundschaft ist nach wie vor legendär. Das mag mit daran liegen, dass die Bewohner dieser Region in einer multiethnischen und multireligiösen Gesellschaft groß geworden sind, was Toleranz lehrt.

Die Autonome Region Kurdistan steht Europa weit näher als dem Irak, zu dem sie de facto gehört. Es war deshalb nicht verwunderlich, dass die deutsche Bundesregierung für den Kampf gegen den IS Waffen nach Erbil schickte. Sie waren entscheidend im Krieg gegen die Extremisten. Vor allem dank deutscher Militärhilfe konnte der IS aus Kurdistan vertrieben werden. Eine ganz besondere Rolle spielten dabei die Panzerabwehrraketen vom Typ MILAN. Durch sie konnten die zuvor schier unaufhaltsamen Selbstmordattentäter mit ihren Autobomben zielgenau ausgeschaltet werden.

Die Geschichte der Kurden ist geprägt vom Kampf um Unabhängigkeit und dem Willen zur Freiheit. Ihr größter Wunsch ist ein unabhängiger, eigener Staat. Im Jahr 2017 glaubte die kurdische Unabhängigkeitsbewegung schon, dem Ziel einen entscheidenden Schritt näher gekommen zu sein. Im September des Jahres fand im Irak ein Referendum über die Unabhängigkeit der Autonomen Region Kurdistan statt. Ich war als offizieller deutscher Wahlbeobachter vor Ort, neben weiteren internationalen Wahlbeobachtern aus Großbritannien, Österreich, Polen und sogar Japan. Zufällig traf ich bei einer Wahllokalkontrolle auf den deutschen Generalkonsul, der sich ebenfalls einen Eindruck von der Wahl verschaffen wollte.

Das Referendum geriet zum vollen Erfolg für die Befürworter der Unabhängigkeitsbestrebungen: Über 90 Prozent der überwiegend kurdischen Bevölkerung votierte für die Unabhängigkeit – doch leider hatten sie die Rechnung ohne die westliche Staatengemeinschaft gemacht, die das Referendum nicht nur nicht anerkannte, sondern scharf kritisierte. Ein weiteres Mal ließ der Westen die Kurden wie eine heiße Kartoffel fallen (siehe Kapitel 12).

Infolge der verstärkten Bemühungen der Kurden um ­Unabhängigkeit befürchtete die irakische Regierung als Konsequenz des Referendums Separationsbestrebungen auch in anderen Landesteilen, und entschied sich für harte Gegenmaßnahmen. Im Verbund mit schiitisch-islamistischen Truppen aus dem Iran überfielen irakische Einheiten die kurdische Erdölstadt Kirkuk und vertrieben die dortigen kurdischen Einwohner – nicht ohne diverse Kriegsverbrechen zu begehen. Der Verlust von Kirkuk hat die Seele der Menschen in der Autonomen Region Kurdistan tief verletzt und die politischen Gräben zwischen ihnen und der irakischen Regierung in Bagdad erneut weit aufgerissen. Tatsache ist, dass an ein unabhängiges Kurdistan auf dem derzeitigen Gebiet des Irak erst einmal nicht mehr zu denken ist, Verhandlungen über eine Unabhängigkeit sind vorerst ad acta gelegt.

Dafür gibt es auf der anderen Seite der Grenze neue Hoffnungen. Im Norden Syriens hat sich eine Föderation mit basisdemokratischen Regierungen etabliert: die autonom agierende Demokratische Föderation Nordsyrien. In dieser Region leben zwar überwiegend Kurden, trotzdem ist das, was dort entstehen soll, kein reiner Staat für Kurden. Es handelt sich vielmehr um ein polyethnisches Projekt, an dem auch Araber, Assyrer und Turkmenen gleichberechtigt mitwirken.

Ich war in Nordsyrien, um die Entwicklungen rund um diese junge demokratische Regierung zu beobachten, deren Entwicklung schon deshalb spannend ist, weil dieses Staatsprojekt ohne kurdischen Nationalismus auskommen will. Schulen, Verwaltung und Krankenhäuser der Demokratischen Föderation Nordsyrien werden von den USA unterstützt. Im syrischen Teil Kurdistans hat es Washington also nicht nur bei der Militärhilfe für die Demokratischen Kräfte Syriens (DKS) belassen, sondern engagiert sich auch im Zivilleben. Zur Erinnerung: Die DKS (im Englischen SDF für Syrian Democratic Forces) haben mithilfe der USA den IS bekämpft und besiegt. Sie haben Rakka, die Hauptstadt des »Kalifats« des Islamischen Staates, von der Gewaltherrschaft der Terroristen befreit. (Die DKS, in denen Kurden, Araber und Christen Seite an Seite kämpfen, sind nicht mit den sogenannten »syrischen Rebellen« zu verwechseln, die, beispielsweise in Aleppo, jahrelang gegen das Regime von Präsident Bashar al-Assad Widerstand leisteten.)

Dieses Buch versucht einen genaueren Einblick in das syrische und das irakische »Kurdistan« zu geben. Wer sind diese Kurden, die wir als Partner des Westens im Mittleren Osten sehen, an vorderster Front unsere Freiheit und unseren Lebensstil gegen den Terror verteidigend? Welche Rolle können sie zukünftig im komplexen politischen Geschehen der Region spielen? Basierend auf vielen, teils vertraulichen Gesprächen werde ich nach allgemeinen Eingangskapiteln zu Geschichte, Politik und Struktur der Kurdengebiete auf die derzeitige Lage hinsichtlich der Presse- und Meinungsfreiheit, der Menschenrechte und der Rechte der Frauen insbesondere im irakischen Teil der Kurdenregion eingehen. Wie sieht es aus mit der Religionsfreiheit, und wie leben die verschiedenen konfessionellen Gruppen mit- und nebeneinander? Inwiefern dominiert der Islam die beiden Regionen und ist die Situation in Syrien und im Irak anders als bei den Nachbarn?

Im dritten Abschnitt des Buches zeige ich auf, wie die Autonome Region Kurdistan und die angrenzenden Kurdengebiete wirtschaftlich aufgestellt sind und warum gerade bei den irakischen Kurden eine so große Abhängigkeit von der Türkei zu beobachten ist. Ich hinterfrage die aktuellen Grenzen und die Haltung der Bundesregierung zur »territorialen Integrität« des Irak und zu ihrer umstrittenen Partnerschaft zum Iran und der Türkei. Der letzte Teil des Buches befasst sich damit, ob die Autonome Region Kurdistan überlebensfähig ist, und wenn ja, wie. Welche Rolle können die Kurden im gesamten Mittleren Osten zukünftig einnehmen, und welche Chancen bieten sie uns im Westen als Partner?

Der Glaube ist in dieser Region nach wie vor stark verwurzelt, er ist dort geradezu identitätsbestimmend. Das gilt insbesondere für die vielen Minoritäten, die bereits viele Jahrhunderte vor dem sunnitischen Islam existierten, der gegenwärtig den religiösen »Mainstream« im Mittleren Osten bildet. Das Kurdengebiet ist die Heimstätte von Jesidentum, Zoroastriern, Aleviten, Drusen und dem Judentum, um nur einige zu nennen. Es ist die Wiege vieler Kulturen – und nicht zuletzt deshalb sollte uns die Zukunft dieser Region nicht gleichgültig sein.

Teil I­Geschichte, ­Politik und Struktur

1. Die Geschichte der Kurden

Wer sind die Kurden? Woher stammen sie? Was sind ihre Anliegen? Das sind Fragen, die ich mir noch vor wenigen Jahren selbst gestellt habe. Zwar gab es schon damals in meinem Freundes- und Bekanntenkreis viele Kurden, die ich als solche aber gar nicht bewusst wahrgenommen habe. Für mich waren es einfach türkische Freunde, nichts weiter. Aus manchen Ecken waren in Bezug auf Kurden zwar dumme Sprüche wie »Wer nichts wurde, wurde Kurde« zu vernehmen, oder sie wurden als »Bergtürken« verspottet – aber ich habe das nicht näher hinterfragt. Erst später, als ich mich mit dem Thema Kurdentum eingehender befasst habe, wurde mir klar, dass solche flapsigen Sprüche und abwertenden Aussagen von hier lebenden Türken eine Folge der strikten Assimilierungspolitik in der Türkei waren. Denn die Herabwürdigung eines gesamten Volkes von annähernd 50 Millionen Menschen war Teil einer perfiden Strategie des türkischen Staates, die das Ziel verfolgte, den Kurden ihre Identität zu rauben. Man hat ihnen ihre eigene Sprache verboten, ihre Kultur durften sie nicht leben, ihre Namen wurden geändert und ihre Städte umbenannt. Bis heute leben Kurden in der Türkei nur dann unbehelligt, wenn sie sich als Türken ausgeben.

Im Nachbarland Syrien war die Situation ähnlich, wobei das Assad-Regime die Kurden jedoch nicht so aggressiv und brutal verfolgte, wie das bis heute in der Türkei geschieht. Auch in Syrien war es den Kurden offiziell nicht erlaubt, ihre Sprache zu benutzen. Sie konnten ihre Kinder nicht mit kurdischen Namen registrieren lassen, keine Firmen mit kurdischen Namen gründen, keine kurdischen Privatschulen eröffnen und keine Bücher und Materialien auf Kurdisch veröffentlichen. Erst durch den Bürgerkrieg hat sich das alles geändert. Die Rechte der Kurden auf ihre Sprache und Kultur wurden – wie die der christlichen Minderheit – in einer neuen Verfassung in Nordsyrien festgeschrieben.

Für mich war die Auseinandersetzung mit der wechselhaften, leidvollen und ereignisreichen Geschichte der Kurden sehr ergreifend und bewegend. Ich bin zeitlebens ein politischer Mensch gewesen, war von meinem 16. bis 18. Lebensjahr Mitglied zuerst der Jungen Union, dann der CDU, ehe ich später zur FDP wechselte und als Junger Liberaler aktiv wurde. Mir lagen immer die Menschen- und Bürgerrechte sehr am Herzen. Das unbedingte Eintreten für Selbstbestimmung, Unabhängigkeit und unveräußerliche Grundrechte waren auch der Anlass für meinen Parteiwechsel gewesen, weil ich diese Interessen bei den Liberalen besser vertreten fand als bei den anderen Parteien. Infolge dieser Fokussierung war ich wie gefesselt vom Volk der Kurden und ihrem Schicksal. Vom ersten Augenblick meiner Beschäftigung mit dem Kurdentum an war ich beeindruckt, mit welchem ungebeugten Stolz, mit welch faszinierendem Willen zur Selbstbehauptung dieses Volk bis heute erhobenen Hauptes lebt – nach so vielen Jahrhunderten der Verfolgung und des Leids.

Kulturhistorisch sind die Kurden als Ethnie hochinteressant. Ihr Ursprung liegt in Mesopotamien, einem Gebiet, das wie keines sonst für die Wiege der Zivilisation, den Anfang der Kulturgeschichte steht. Mesopotamien bedeutet wörtlich »zwischen den Flüssen«; es ist jenes legendäre Zweistromland, das die fruchtbaren Ebenen zwischen Euphrat und Tigris umfasst. Vor über 5000 Jahren waren hier die Stämme der Gutäer und Lullubäer heimisch, etwa im Bereich des mittleren und nördlichen Zagros-Gebirges; die verwandten Stämme der Hurriter lebten im benachbarten Osttaurus-Gebirge. Das Siedlungsgebiet dieser Völker reichte bis weit in die fruchtbare Tiefebene Mesopotamiens hinein, und aus ihnen – so vermutet man – gingen später unter anderem die Meder hervor. Diese werden heute oft als die Vorfahren der Kurden gesehen, da sich ihr Siedlungsgebiet schon früh über das weite Gebiet des heutigen »Kurdistans« erstreckte. Grundlage dieser Spekulation sind vor allem die Publikationen des Orientalisten Vladimir Minorsky, der eine große Überschneidung in der Sprache der Meder und der Kurden erkannt zu haben glaubte.

Wirklich wissenschaftlich beweisbar sind die verschiedenen Thesen zur Ethnogenese der Kurden nicht, vor allem die Vorstellung einer monolinearen Weiterentwicklung aus wenigen Ursprungsstämmen zu einem Volk, über klar voneinander abgrenzbare Zwischenstufen, ist zu vereinfachend. Man weiß heute, dass sich die Ethnogenese meist durch Migrationsbewegungen und Umgebungswechsel vollzieht. Sie ist ein hochkomplexer Vorgang. Doch vor dem Hintergrund, dass Mesopotamien immer ein Vielvölkergebiet war, kann man durchaus eine anhaltende Durchmischung annehmen, an deren Ende dann das Volk der Kurden hervortrat.

Sicher ist nur, dass »… die kulturellen Wurzeln der Vorfahren der Kurden … überwiegend in den altiranischen und altindischen Zivilisationen begründet« liegen, wie die renommierten Autoren Strohmeier und Yalçın-Heckmann in ihrem Standardwerk Geschichte der Kurden schreiben. Spätere Einflüsse fußen also auf diesem Ursprung. Für diese These der schrittweisen Durchmischung spricht übrigens auch, dass schon immer zahllose Völker, Stämme und Kulturen durch das Siedlungsgebiet der Kurden zogen und ihre bis heute sichtbaren Spuren in der kurdischen Kultur hinterließen: Sumerer, Assyrer, Meder, Perser, Juden, Akkader und viele andere brachten Einflüsse mit und prägten das Kurdentum, wie es heute besteht.

Kurd – »die Kurd« – nannte man im Mittelalter die meist in abgelegenen Gebirgsregionen umherziehenden Nomadenstämme, ohne damit eine kurdische Ethnie zu beschreiben. Eine exakte Abgrenzung des Begriffs »Kurdistan« existiert bis heute nicht. Tatsächlich war die Topografie, die geologische Beschaffenheit ihrer Heimatregion, einer der Hauptgründe dafür, dass die Kurden weder untereinander noch in der Wahrnehmung ihrer Nachbarvölker so etwas wie eine eigene Identität entwickelten – geschweige denn politische Unabhängigkeit. Ihre Territorien umfassten zwar ein riesiges Gebiet im Mittleren Osten, doch sie lebten stets zersiedelt und infolge des unwegsamen Geländes voneinander getrennt. So waren kultureller Austausch und Handel schwierig.

Die soziale Struktur der Kurden, die in Stammesgesellschaften und Großgruppen lebten, erschwerte zudem eine staatliche Einigung. Die Kurdengebiete lagen (und liegen noch heute) in einer strategisch bedeutsamen, von vielen Interessensphären beanspruchten Großregion. So schlossen die einzelnen Clans jeweils Bündnisse mit lokalen Machthabern, was allerdings verhinderte, dass sich ein kurdisches Gemeinschafts- oder später gar ein Nationalbewusstsein wie bei anderen Völkern entwickeln konnte.

Die seit der islamischen Expansion überwiegend sunnitischen Kurden gerieten ab dem 16. Jahrhundert in die innerreligiösen Konflikte und Machtkämpfe der islamischen Großmächte – insbesondere zwischen dem Osmanischen Reich und den schiitischen Persern. Dass dabei die kurdischen Stämme die sunnitischen Osmanen unterstützten, wurde von diesen durch Gewährung weitreichender Autonomie für die einzelnen kurdischen Kleinstaaten und Fürstentümer belohnt – womit sich die Zersplitterung der Kurden untereinander fortsetzte. Als das Osmanische Reich an Bedeutung verlor und als Schutzmacht wegfiel, kam es zu religiösen Konflikten der Kurden mit benachbarten christlichen Staaten wie etwa Armenien, was die europäischen Großmächte auf den Plan rief, die die Osmanen zu Gegenmaßnahmen drängten.

Im 19. Jahrhundert war schließlich das zuvor gute Verhältnis der Kurden zum Sultan in Istanbul zerrüttet, und die Kurden wagten den offenen Widerstand; allerdings wieder nicht konzertiert und mit einheitlichen Zielen – etwa Bestrebungen für einen Nationalstaat –, sondern nur aus lokalen Interessen heraus. In diesen Unruhen hat die erbitterte Ablehnung kurdischer Unabhängigkeitsbestrebungen durch die Türkei ihren Ursprung.

Als das Osmanische Reich nach dem Ersten Weltkrieg zerfiel, hegten die Kurden zunächst große Hoffnung auf einen eigenen Staat. Aus taktischen Erwägungen hatten die westlichen Entente-Mächte zuvor versucht, die mit den Mittelmächten verbündete Türkei von innen zu schwächen, indem sie die Kurden zum Widerstand aufriefen und ihnen im Zuge einer neuen Nachkriegsordnung staatliche Unabhängigkeit versprachen. Der Friedensvertrag von Sèvres sah denn auch ein autonomes »Kurdistan« vor, allerdings in einem weit reduzierterem Gebiet als erhofft. Doch nicht einmal dies wurde realisiert, weil der Vertrag nie umgesetzt wurde.

Die nationaltürkische Bewegung Kemal Atatürks tat ein Übriges, um den kurdischen Traum vom eigenen Staat zu zerschlagen, Für Minderheiten hatte die neue Türkei keinen Platz – weder Armenier noch Griechen oder Kurden konnten auf Autonomierechte hoffen. Und als die von Atatürk befriedete anatolische Rumpftürkei im Vertrag von Lausanne von den Westmächten anerkannt wurde, war für die Kurden im gesamten Mittleren Osten überhaupt kein Staat mehr vorgesehen; ihr Territorium wurde auf Iran, Irak und die Türkei verteilt. Weitere bedeutende Kurdensiedlungen fanden sich außerdem in Gebieten Syriens und der Sowjetunion. In all diesen Staaten wurde jede Form kurdischer Eigenständigkeit und Kultur mehr oder minder stark unterdrückt; vor allem in der Türkei waren die Kurden dauerhaft Repressalien ausgesetzt – und sind es bis heute. Die Kurden blieben das größte lebende »Volk ohne Staat« der Moderne.

Das Stammesdenken der Kurden wurde erstmals durchbrochen, als sich Ideen des Kommunismus in den 1970er-Jahren als grenz- und clanübergreifendes ideologisches Bindeglied unter kurdischen Intellektuellen verbreiteten und sich politische Kräfte gründeten, die über alle Grenzen hinweg in Parteien aktiv wurden. Am bedeutendsten war hier die Kurdische Arbeiterpartei (PKK) unter Abdullah Öcalan, die schon bald zu einer zunehmend paramilitärischen und zeitweilig terroristisch agierenden Einheit wurde. Vor allem in der Türkei führte ihre Bekämpfung durch den türkischen Staat zu einem faktischen Bürgerkrieg, der bis heute schwelt und über 40 000 Menschenleben forderte.

Die politischen Veränderungen seit den 1990er-Jahren im Nordirak führten in den dortigen Kurdengebieten zur Herausbildung einer Teilautonomie. Daraus formierte sich nach turbulenten Jahren des wirtschaftlichen Aufschwungs und militärischer Konflikte mit radikalislamischen Kräften, besonders mit dem sogenannten Islamischen Staat, schließlich die Autonome Region Kurdistan. 2017 votierten über 90 Prozent der Wähler im Rahmen eines Unabhängigkeitsreferendums für einen eigenständigen kurdischen Staat Das Referendum war jedoch nicht bindend, worauf ich in Kapitel 12 noch näher eingehen werde, und brachte letztendlich nur »auf dem Papier« den Status der Unabhängigkeit.

In anderen Ländern des »historischen« Kurdistans – also der Kernsiedlungsgebiete, die sich zusammengenommen über eine Fläche etwa der Größe Deutschlands erstrecken –, leben Kurden noch immer in Unfreiheit, häufig unterdrückt und verfolgt; doch der Funke der Freiheit hat auch dort gezündet. In Syrien und im Iran kämpfen Kurden für ihre Unabhängigkeit, und auch in der Türkei behaupten Kurden zunehmend entschlossener ihre Eigenständigkeit und besinnen sich auf ihre Identität. Es ist diesem großen Volk mit einer so reichen Kultur zu wünschen, dass die Geschichte es doch noch entschädigt für so viele Generationen von Leid und Entbehrung. In Syrien scheinen die Kurden ihrem Ziel einen großen Schritt nähergekommen zu sein. Es ist dort zwar kein kurdischer Staat entstanden, dafür aber eine autonome Zone, in der Kurden gemeinsam mit Arabern, Assyrern, Armeniern und Turkmenen an einer Demokratie arbeiten.

Mir persönlich ist bei der Vorstellung, die Kurden seien das Ergebnis von so vielen Einflüssen bedeutender Völker, besonders der Gedanke sympathisch, dass das kurdische Volk gewissermaßen der natürliche Erbe der höchsten kulturellen Eigenschaften der Menschheitsgeschichte ist. Die reichhaltige Kultur der Kurden, ihre Traditionen und all das, was ihre Identität ausmacht, sind wie ein Fingerabdruck der Historie und zugleich das Spiegelbild unserer eigenen Vergangenheit.

2. Sykes-Picot, Sèvres und Lausanne

Bis heute ist der gesamte Mittlere Osten ein Pulverfass: Ob im Irak, in Syrien, im Iran, in der Türkei, im Libanon oder in den Palästinensergebieten – überall kracht es mal mehr, mal weniger. Viele Politiker der Gegenwart, vor allem in den USA, machen es sich bei der Suche nach Gründen für die anhaltende Instabilität der gesamten Region zu einfach und schieben die Probleme pauschal auf »den Islam« als Ganzes oder auf eine irgendwie konfliktträchtige arabische Natur. Aber das sind Stereotypen, und diese können als solche nicht greifen.

Ein Blick auf die Landkarte zeigt rasch, wo die wahren Wurzeln der Dauerkrise liegen. Der Mittlere Osten beheimatet eine unübersichtliche Vielzahl unterschiedlicher Ethnien, Stammesgesellschaften und Glaubensgemeinschaften – und deren Siedlungsgebiete haben mit den Staatsgrenzen meist sehr wenig gemeinsam. Ein bunter Haufen von Völkern – getrennt nach Sprachen, Sitten und Kultur – lebt verstreut über unterschiedliche Länder und Herrschaftsgebiete, die erst in jüngerer Zeit künstlich geschaffen wurden. Die Grenzen zeichnete man zu großen Teilen einfach mit dem Lineal. Vielerorts geometrisch figurierte Staatsgrenzen können jedoch nur eines bedeuten: Natürlich gewachsen ist hier nichts!

In der Tat bestimmten fremde Herren die willkürlich gezogenen Grenzen, und zwar erstmals vor 102 Jahren in einem Geheimvertrag zwischen England und Frankreich, der heute als Sykes-Picot-Abkommen bekannt ist. Jeder, der sich mit dem Mittleren Osten und den Hintergründen seiner Konflikte näher befasst, »stolpert« zwangsläufig früher als später über dieses Abkommen. Nahostexperten bezeichnen es zu recht als »die Wurzel allen Übels«. In Erwartung des Untergangs des Osmanischen Reiches im Ersten Weltkrieg trafen sich im November 1915 der französische Diplomat François Georges-Picot und der englische Diplomat Mark Sykes. Sie handelten ein Abkommen aus, das am 16. Mai 1916 offiziell beschlossen wurde und eine Aufteilung des Osmanischen Reiches nach dessen Untergang zum Gegenstand hatte. Die beiden Diplomaten umrissen die kolonialen Interessen beider Großmächte für die Nachkriegsordnung. Neben der Schaffung neuer, unabhängiger Staaten definierten sie die Mandatsgebiete Frankreichs und Englands. Die Gebiete des heutigen Jordaniens und des Zentral- und Südirak ging an die Briten, während sich Frankreich die Herrschaft über die Südost-Türkei, den Nordirak, Syrien und den Libanon sicherte.

Das Abkommen wurde 1917 durch die neue bolschewistische Regierung Russlands offengelegt und erregte international großes Aufsehen und diplomatische Verstimmungen. Bei der Aufteilung der »Kriegsbeute« blieben die Ansprüche anderer Mächte unberücksichtigt, und die betroffene Region war nach imperialistischer Manier aufgeteilt worden. Trotzdem wurde das Abkommen zunächst umgesetzt. Aber schon kurz nach Ende des Ersten Weltkriegs gerieten Frankreich und Großbritannien in Streit. Britische Truppen besetzten die Stadt Mossul und die umliegenden Erdölfelder im heutigen Irak, obwohl dieses Gebiet Frankreich zugesprochen war.

Zudem fühlten sich die arabischen Stämme durch das Abkommen hintergangen, da man ihnen die Herrschaft über ganz Arabien versprochen hatte. Die Stämme hatten sich unter der Führung des Großscherifen von Mekka an der Seite der Briten in der sogenannten »Arabischen Revolte« gegen das Osmanische Reich erhoben. Auf diesem Konflikt basiert übrigens der berühmte Hollywood-Film Lawrence von Arabien, wobei die Rolle des britischen Geheimagenten T. E. Lawrence bei den Aufständen in der Forschung heute mehr als umstritten ist.

Sehr bald kam es zu neuen Verhandlungen, die am 10. August 1920 in den Vertrag von Sèvres mündeten. Er zählt – wie der weitaus bekanntere Versailler Vertrag – zu den sogenannten »Pariser Vorortverträgen«, die die politische Neuordnung nach dem Ende des Ersten Weltkriegs regelten. In diesem Vertrag von Sèvres verfügten die siegreichen Westmächte der Triple-Entente – Frankreich, Russland und Großbritannien – einen Diktatfrieden über das ehemalige Osmanische Reich. Weite Teile des zuvor osmanisch beherrschten Nahen Ostens wurden neu strukturiert. Die Region der Levante – Palästina, Jordanien, Syrien – teilten die Franzosen und Briten in separate Mandatsgebiete, und das weitgehend in Übereinstimmung mit den Sykes-Picot-Bestimmungen. Außerdem war ein eigener Staat »Mesopotamien« vorgesehen, und einige Regionen sollten ihre ersehnte politische Unabhängigkeit erlangen. Das betraf den arabischen Staat der Hedschas, heute Teil Saudi-Arabiens, ferner die Armenier und die Kurden.