Kurze Geschichte der Imperien - Hans-Heinrich Nolte - E-Book

Kurze Geschichte der Imperien E-Book

Hans-Heinrich Nolte

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Beschreibung

Grundkonzept dieses Buches ist eine fortlaufende Darstellung ausgewählter, meist historiographisch nicht umstrittener Imperien in Abgrenzung zu nationalstaatlichen Gegenbewegungen. Insgesamt werden 14 Imperien und/oder Hegemonialmächte skizziert: vom Römischen, Chinesischen, Osmanischen oder Habsburgischen Reich bis zu den Imperien Russlands und Groß-Britanniens. In die politikwissenschaftliche Debatte um eine angemessene Ordnung moderner Gesellschaften mischt sich der Autor dieses Buches als Historiker ein. Hans-Heinrich Noltes "Kurze Geschichte der Imperien" wägt im historischen Vergleich die Vor- und Nachteile dieser Staatsform gegen ein System von Unionen ab. Ab wann gibt es Imperien, und wie veränderte sich ihre Struktur? Was leisten sie, und was können sie nicht? Die historische Übersicht legt nahe, dass Imperien besser in der Lage sind, weiträumige und sogar globale Probleme zu bearbeiten, dass aber Nationalstaaten es besser verstehen, Vorteile zu erkämpfen, konkrete Kontrolle zu sichern und Identifizierung zu ermöglichen. Das spricht für die Union von Nationalstaaten, da sie auf globale Probleme genauer reagieren können und doch Raum für nationale oder andere Identitätsbildungen lassen. Der universale Trend ist also nicht »from Empires to Nations«, wie man nach den Weltkriegen annahm oder gar »from Nations back to Empires«, wie manche hoffen, sondern »from Empires to Unions«.

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Seitenzahl: 981

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Hans-Heinrich Nolte

Kurze Geschichte der Imperien

Mit einem Beitrag von Christiane Nolte

BÖHLAU VERLAG WIEN KÖLN WEIMAR | 2017

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek :Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in derDeutschen Nationalbibliografie ; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Umschlagabbildungen :Quaternionenadler, die Flügel mit den Reichsständen belegt, als Symbol des Reiches Holzschnitt von Hans Burgkmair d.Ä., 1510; https://de.wikipedia.org/wiki/Reichsadler Sargon II. Wandrelief 8. Jh. v. Chr.

© 2017 by Böhlau Verlag GmbH & Co. KG, Wien Köln WeimarWiesingerstraße 1, A-1010 Wien, www.boehlau-verlag.com

Alle Rechte vorbehalten. Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt.

Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist unzulässig.

Satz : Michael Rauscher, WienDruck und Bindung : Balto print, VilniusGedruckt auf chlor- und säurefreiem PapierPrinted in the EU

ISBN 978-3-205-20331-5 | eISBN 978-3-205-20549-4

Inhalt

Vorwort

1Steuern wir auf ein neues Imperium zu?

Die USA als Weltreich?

Notiz zur Historiografie

Kriterienkatalog

Gegenbewegung

Kleine Gesellschaften, »Stämme«, Königreiche

2Imperien als Zusammenfassungen einer Welt

Neuassyrisches Reich

Rom

China unter den Song

Mongolische Reiche – Dschingis Khan

Osmanisches Reich

Gegenbewegung

Opposition aus Israel

3Imperien als Wiederherstellungen

Heiliges Römisches Reich

Indien unter den Moguln

China unter den Mandschu

Gegenbewegung

Ein Weltsystem von Nationen

4Imperien als Mitglieder des Weltsystems

Russland

Großbritannien

Indien unter den Briten

Gegenbewegung

Aufstand der Nationen?

5Unionen – oder doch Imperien?

UdSSR

Aus Sowjetrepubliken werden Nationen

Das »Dritte Reich«

Die USA als globale Nation

6Was waren, was leisteten Imperien und Unionen?

Anhang

Abkürzungen

Literatur (Kurztitel)

Personenregister

Vorwort

Das Buch wendet sich an historisch und politisch interessierte Bürger, die in der Geschichte nach Hinweisen suchen, wie man die Gegenwart angemessen gestalten kann, aber skeptisch gegenüber plakativen Analysen sind. Da die Meinung weit verbreitet ist, dass die USA ein Imperium sei oder China eines werden könne, wird die Geschichte der Imperien als einer Staatsform in einem Abriss vorgestellt. Geht es einigen Politikwissenschaftlern bei ähnlichen Unternehmen eher darum, eine in der »Anarchie der Staatenwelt« verlässliche Ordnung zu finden, ist es mein Ziel, historische Befunde zu erarbeiten. Ab wann gibt es Imperien ? Die kurze Antwort ist : seit mehr als drei Jahrtausenden. Wie veränderte sich die Struktur ? Eine Periodisierung wird vorgeschlagen. Was leisten Imperien, was können sie nicht ? Die Übersicht legt nahe, dass Imperien besser in der Lage sind, weltweite Probleme zu bearbeiten, dass aber Nationalstaaten besser Vorteile erkämpfen, konkrete Kontrolle sichern und Identifizierung ermöglichen. Das spricht für Unionen, da sie auf globale Probleme adäquater reagieren können und doch Raum für nationale (oder andere) Identitätsbildungen lassen. Der universale Trend lautet also nicht »from Empires to Nations« (wie man nach den Weltkriegen annahm) oder gar »from Nations back to Empires« (wie manche hoffen), sondern »from Empires to Unions«.

Eine Gesetzmäßigkeit, dass in Unionen immer bessere Politik gemacht wird, gibt es selbstverständlich nicht ; aber die Diskussionsebene Union ist den zu lösenden Aufgaben angemessen.1 Ich hoffe, mit diesem Buch zu einer tiefen und weiten Perspektive zu der Frage beizutragen, welche Verfassung die Welt im 21. Jh. braucht. Mein Votum geht für uns Europäer dahin, Europa möge im Rahmen der Vereinten Nationen die Rolle einer Provinz der Welt akzeptieren sowie in Stabilität und festen Grenzen zu einem solidarischen Ausgleich der immer noch wachsenden sozialen und wirtschaftlichen, politischen und rechtlichen Differenzen innerhalb der Union und der Welt beitragen.

Der Text beruht nur in kleinen Bereichen (Aufnahme Moskaus in die antiosmanische Liga 1686 sowie deutsche Besatzungspolitik und Holocaust in der UdSSR) auf eigenen Archivarbeiten, sondern vielmehr auf Sekundärliteratur sowie bereits publizierten (also von anderen ausgewählten und herausgegebenen) Quellen. Um Vorgänge realitätsnah zu rekonstruieren und tradierte Konzepte zu hinterfragen, wird oft auf solche Quellen Bezug genommen. Um Kontrolle und Selbstkontrolle zu formalisieren, wurden zu den Beispielen Zeitleisten (die Daten wurden an Datensammlungen kontrolliert2) eingebracht ; deren Aussage liegt v. a. in der Auswahl. Es wurde versucht, viel Sekundärliteratur zum Thema zu rezipieren, allerdings überwiegend nur, soweit sie in deutscher, englischer oder russischer Sprache vorliegt. Auch Bildersammlungen zur Weltgeschichte wurden herangezogen.3 Um auch in den Anmerkungen ein angemessenes Maß zwischen Detail und Überblick zu erreichen, werden Quellen und Darstellungen meist nur an einem Ort zitiert. Für häufiger vorkommende Texte wurden Kurztitel gebildet, die im Literaturverzeichnis aufgelöst werden, wo der Leser auch andere Hinweise zur Literaturaufnahme findet.

Insgesamt werden 14 Imperien und/oder Hegemonialmächte skizziert, und zwar mehr Landmächte als Seemächte. Aufgrund geringer oder fehlender Kompetenz konnten leider keine Beispiele aus dem vorkolumbianischen Amerika und aus der romanischen Welt einbezogen werden. Da der Text in deutscher Sprache vorgelegt wird, werden die Skizzen aus der Geschichte deutschsprachiger Staaten relativ kurzgehalten, weil der Leser sich leicht anderweitig über sie informieren kann.

Da ich versuche, an einer – ursprünglich politikwissenschaftlichen – Debatte als Historiker teilzunehmen, schließe ich mich Herfried Münklers Bitte an, den Text als »reflexive Orientierung« und nicht auf Detailfehler hin zu lesen.4 Ich bitte Kolleginnen und Kollegen, Historiker, Soziologen und Politikwissenschaftler um »Hebammenhilfe« beim gemeinsamen Nachdenken über unsere Konzepte zu Geschichte und Gegenwart der Welt.

Das Grundkonzept des Buches ist eine fortlaufende Darstellung ausgewählter, meist historiografisch nicht umstrittener Imperien zusammen mit nationalen Infragestellungen. Die beiden Argumentationsreihen werden aufgeteilt in die Kapitel 1–5 Imperien sowie Gegenbewegungen. In Kapitel 6 werden Imperien und Gegenbewegungen einander direkt gegenübergestellt.

Der innere Aufbau dieser Kapitel wiederholt sich bei sämtlichen Beispielen. Die Skizzen der verschiedenen Imperien folgen also einem gemeinsamen Schema :

–Chronologischer Aufriss,

–Quellenkunde und Methode,

–Soziale Einheiten und Ökonomie,

–Religionen und Ideologien,

–Außenbeziehungen,

–Formen von Politik,

–Kriterienkatalog.

Das Buch wäre ohne meine Familie nicht geschrieben worden. Ich danke meiner Frau, dass sie zu diesem Buch den Beitrag über das Neuassyrische Reich geschrieben hat. Außerdem hat sie das Entstehen des Buchs mit Kritik begleitet und es diskutierend gelesen. Meinen Kindern und Enkelkindern danke ich für ihre Geduld mit dem alten Großvater hinter den Bücherbergen – und beim Dämmebauen im Bullerbach ! Mein besonderer Dank gilt Henner für seine Erklärungen des gegenwärtigen Kapitalismus, Insa für die anthropologischen Argumente und eine genauere Vorstellung von oraler Kultur ; Christian für Aufklärung über Seuchen, Piroschka für psychologische Kritik der Außenpolitik und Jakob für sein Bestehen auf fremden Lebensformen. Und ihnen allen dafür, dass sie mit mir den Rhein hinaufgefahren sind, eine fraglos imperiale Wasserstraße – nur eben im deutschen Sinn, also angefüllt mit der Geschichte von lauter Kleinstaaten und anderen Einzelheiten, nicht zuletzt dem schönen jüdisch-deutschen Märchen von der Lore auf dem Stein. Sowie vielen anderen Missverständnissen. Aber eben auch viel Zuwendung.

Das Buch gehört zur Teildisziplin »Welt- und Globalgeschichte«.5 Ich danke Adelheid von Saldern und Helmut Bley dafür, dass sie 1977 die erste kooperative Vorlesung zu diesem Bereich in Hannover mit mir zusammen angeboten, und Irmgard Wilharm, Carl-Hans Hauptmeyer sowie Claus Füllberg-Stolberg, dass sie an späteren weltgeschichtlichen Vorlesungen mitgearbeitet haben.6 Weiter danke ich den Mitdiskutanten bei mehreren Konferenzen zu imperialen Themen in Wien und Hildesheim, Berlin und Hannover, Ratten/Steiermark und Barsinghausen am Deister. Auf der letzten dieser Tagungen hat Jürgen Nagel in Hagen die Frage nach kulturellen Ähnlichkeiten, hier in den Baustilen, initialisiert – gibt es »Imperiales Bauen« ?7 Und Michael Gehler hat in Hildesheim Forschungen zu den Veränderungen der letzten Jahrhunderte zusammengeführt in der Frage, ob man sinnvoll von einer »Weltgesellschaft« sprechen kann.8

Danken möchte ich weiter den Beiträgern zur »Zeitschrift für Weltgeschichte« sowie den Herausgebern der »Feldbauer-Weltgeschichte« und der »Edition Weltregionen« für ihre Kritik an Konzepten. Namentlich nennen möchte ich an dieser Stelle Dariusz Adamczyk, Martin Aust, Jens Binner, Manuela Boatcă, Beate Eschment, Peter Feldbauer, Michael Gehler, Peter Kehne, Andrea Komlosy, Harald Kleinschmidt, Christian Lekon, und Helmut Stubbe da Luz. Herfried Münkler danke ich für die Herausgabe eines Themenheftes der »Zeitschrift für Weltgeschichte«. Besonders verbunden bin ich den Kolleginnen und Kollegen am Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte in Wien, die mich so freundlich an ihren globalhistorischen Arbeiten haben partizipieren lassen. Sehr danke ich den engagierten Hörern meiner Vorlesungen und den Mitdiskutanten im Verein für Geschichte des Weltsystems. Meinem alten Göttinger Studienkollegen Rolf Wernstedt danke ich dafür, dass er stets auf dem Zusammenhang von wissenschaftlicher Arbeit und politischer Entscheidungsfindung bestanden hat.

Dem Böhlau-Verlag bin ich sehr dafür verbunden, dass er den Text sorgsam hat Korrektur lesen lassen.

Barsinghausen, 24. Mai 2017Hans-Heinrich Nolte

»Wer Entlegenes nicht in Betracht zieht,wird Kummer in greifbarer Nähe finden.«Konfuzius, Gespräche, Buch XV, Kapitel XI.

»Unruhig ist unser Herz, bis wir ein wenig mehr verstanden haben.«Der Heilige Augustinus verzeihe mir die Abwandlungseines berühmten Satzes aus dem ersten Kapitel der Konfessionen.

»Wer an den Weg baut, hat viele Meister.«Deutsches Sprichwort.

11995 habe ich auf der Grundlage meiner historischen Forschungen dafür votiert, dass die Europäische Union ihre Mittel genauer kalkulieren und eine Grenze im Osten bestimmen sollte : H.-H. Nolte : Wohin mit Osteuropa ? Überlegungen zur Neuordnung des Kontinents, in : Aus Politik und Zeitgeschichte (im Folgenden : APUZ), 22.11.1995, Beilage zu »Das Parlament«, S. 3–11 ; ND in : Deutscher Hochschulverband (Hg.), Almanach 1995, Bd. VIII, S. 133–144. Im Februar 2013 habe ich dafür plädiert, dass die EU mehr Mittel den Peripherien der Union widmen sollte : H.-H. Nolte : Zentrum und Peripherie in Europa aus historischer Perspektive, in : APUZ, 4.2.2013, S. 36–41, online : www.eurotopics.net/fluter.de/hanisauland.de/apuz/izb/deutschlandarchiv (eingesehen 10.02.2017). Auch wenn meine beiden Vorschläge keine politische Unterstützung fanden, konnte ich sie doch auf der Ebene publizieren, auf der lesende Politiker sie zur Kenntnis nehmen konnten (und können).

2Ploetz, Wirtschaftsploetz, Matz : Daten, Hellwig/Linne, Brockhaus Weltgeschichte, zu jedem Kapitel angegebene Literatur.

3Illustrationen zur Geschichte : Gerstenberg Weltgeschichte, Knesebeck Weltgeschichte ; Interpretationen von Bildern : MacGregor : Objekte.

4Herfried Münkler : Translation, Filiation und Analogiebildung : Politische Legitimation und strategische Reflexion im Spiegel vergangener Imperien, in : Münkler/Hausteiner, S. 34–69, S. 35.

5Einführungen : Komlosy : Globalgeschichte ; Pernau : Geschichte ; Conrad : Globalgeschichte (volle Titel u. S. 476 ff.).

6Vgl. H.-H. Nolte : Zur Institutionalisierung von welt- und globalgeschichtlicher Forschung im deutschsprachigen Raum (2014) in : http://www.vgws.org/files/vgws_dp_007.pdf (eingesehen 10.02.2017).

7Bericht in Verein für Geschichte des Weltsystems, Rundbrief 240, in. http://www.vgws.org Rundbriefe (eingesehen 18.02.2017).

8Bericht http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=6900 (eingesehen 15.01.2017).

1Steuern wir auf ein neues Imperium zu?

Die USA als Weltreich?

In nicht einmal einem Jahrzehnt, zwischen dem Sieg der südosteuropäischen Nationen in den Balkankriegen ab 1911 und dem der Angelsachsen und Franzosen im Ersten Weltkrieg, wurden vier Imperien besiegt und drei davon wurden sogar aufgelöst. Seitdem haben wir den Eindruck, dass die Ära der Imperien vorbei ist. Österreich-Ungarn wurde 1918 in mehrere Nationalstaaten aufgeteilt, wie auch der Westen des Russischen Reiches. Das »Deutsche Reich« verlor Provinzen an Frankreich im Westen, Dänemark im Norden und Polen im Osten. Der Versuch Italiens, Deutschlands und Japans im Zweiten Weltkrieg 1937–19451, noch einmal die Welt imperial aufzuteilen, scheiterte und führte zur Gründung der Vereinten Nationen. Die letzten Imperien änderten ihre Namen – aus Großbritannien wurde das Vereinigte Königreich, und das Kaiserreich Japan erscheint uns als etwas rätselhaftes Relikt samt wunderschönem Garten in der Mitte der Metropole Tokio. Der Iran und Äthiopien wandelten sich in Republiken. Die Sowjetunion wurde von ihren Gegnern als Imperium angegriffen und schon damit als gewaltsam und veraltet hingestellt ; auch sie wurde ab 1991 in Nationalstaaten aufgeteilt.

Diese scheinbare Sicherheit des 20. Jahrhunderts, dass die Zeitalter der Imperien vorbei sind, wurde nach dem Zusammenbruch der UdSSR 1991 und besonders mit dem 21. Jh. brüchig, weil die Übermacht der USA erdrückend schien und scheint. Zuerst nordamerikanische Kritiker, dann auch solche in aller Welt sehen die USA auf dem Weg in ein neues Imperium : US-amerikanisches Kapital fordert globale Chancen, US-Geheimdienste hören den Rest der Welt (einschließlich der Bündnispartner) ab, die Kriegsmarine der USA kontrolliert die Weltmeere und interveniert von der Ukraine bis Südkorea – z. B. mit Manövern. Amerikanische Truppen werden in Jugoslawien, Afghanistan und dem Irak eingesetzt. Vielleicht lassen sich ja auch die globalen und immer tiefer miteinander verbundenen Probleme am besten, oder vielleicht auch nur am ehesten, mit der Institution eines Imperiums lösen ?

Es kann nicht die Aufgabe eines Historikers sein, über die politischen Lösungen der Zukunft zu schreiben. Da mit den Imperien aber eine politische Herrschaftsform wieder ins Gespräch gekommen ist, die über 3000 Jahre alt ist, kann ein Historiker versuchen, eine Übersicht über Leistungen und Defizite von Imperien anzubieten. Sowohl der Respekt vor Imperien – wer zähmte die Wölfin ? – als auch deren Infragestellung – wer zerbrach das Gefängnis der Völker ? – gehören zur Kultur Europas und seiner Siedlungskolonien sowie vielleicht zur Kultur der Welt. Die Diskussion umfasst sowohl die Kritik der Bibel am Sündenpfuhl Babylon als auch die vielen Wiederherstellungen des Römischen Reichs. Es verspricht also Aufschluss, wenn die Geschichte der Imperien erstens global verglichen und zweitens in den Kontext der Kritik durch die kleinen Einheiten und besonders die Nationen gestellt wird.

Was leisten Imperien, um Herfried Münklers Frage zu wiederholen,2 und was leisten sie nicht ? Es ist schwierig, für eine solche Frage Standards und Perspektiven präzis zu bestimmen, dem sei vorweg zugestimmt.3 Mit der nötigen Vorsicht möchte ich aber die These vorausschicken, dass Imperien viele Jahrhunderte lang Kommunikation und Austausch innerhalb von Großregionen, von »Kulturen« und »Kontinenten« erleichterten und eher als kleine und einzelne Staaten Schutz gegen schwer zu fassende nomadische Gegner boten. Schlechter als Einzelstaaten sicherten sie Konkurrenz und Kontrolle sowie die Realisierung regionaler, ethnischer, religiöser oder anderer partikularer Interessen. Und Imperien boten geringere Möglichkeiten der Identitätsbildung.

Notiz zur Historiografie

Seit Edward Gibbons und Theodor Mommsen ist das Römische Imperium ein feststehendes Thema der Geschichtsschreibung, und mehrfach wurde in der Geschichte eines neueren Imperiums vergleichend auf das Römische Bezug genommen, etwa von Robert Seeley (der klassischer Philologe war)4 in seiner Geschichte des britischen Reiches. Die eigentlich komparative Geschichtsschreibung hat sich der Imperien erst spät angenommen.5 Das lag sicher einerseits daran, dass gegen ein solches historisches Makrothema zwischen Akkad und den USA viele methodische Einwände vorgebracht werden können, zum andern aber auch daran, dass die Themen der Historischen Sozialwissenschaft, die in Deutschland den Vergleich entwickelt hat, eher Arbeiterschaft oder Bildungsinstitutionen waren und man sich auf zwei oder höchstens drei Vergleichsnationen beschränkte. Es lag also auch daran, dass die Wende der 1960er und ’70er Jahre zu sozialwissenschaftlichen Themen als Kritik an der alten Nationalgeschichte durchgesetzt und erst mit dem Ende des Jahrtausends wieder in Frage gestellt wurde – durch eine Wende zur Geschichte von Kultur, Staat und Habitusfragen oder Gewaltsamkeit, auch zu Welt- und Globalgeschichte. Damit passte das Thema »Imperien« wieder besser in die akademische Landschaft.

Der Zusammenbruch der UdSSR verschaffte dem Thema, wie erwähnt, neue politische Aktualität – zum einen, weil die UdSSR von vielen als Imperium attackiert worden war und deshalb die Frage nach dem Ende von Imperien vergleichend neu gestellt wurde, etwa von Alexander Motyl6 ; zum anderen, weil die Chance groß war, dass die letzte verbleibende Supermacht, die USA, nun zum neuen Imperium würde.7 Michael Hardt und Antonio Negri legten dagegen eine eher philosophische als historische Untersuchung vor, nach der die USA nur ein Instrument einer neuen imperialen, jedoch nicht mehr territorial gebundenen Klasse von Superreichen seien. Marxistische Kritik hat ihrerseits auf Arbeiten von Marx zum Verhältnis von Nationalstaat und Internationalem System verwiesen und betont, dass die USA nicht im globalen internationalen, sondern nur im »partikularen imperialistischen Eigeninteresse« handle.8

Zu diesem Zeitpunkt bedeutete »Empire« in der amerikanischen Linken – deutlich z.B. mit Noam Chomsky und Benjamin Barber – schon eine Zusammenfassung politischer und politikwissenschaftlicher Kritik an den USA.9 Auch in der europäischen Öffentlichkeit wurde das Konzept in diesem Sinn benutzt, etwa von Jean Ziegler.10 Das Konzept knüpfte an die Kritik der USA als imperialistisch an, die sich selbstverständlich auf die Imperialismusdiskussion und konkret auf William Appleman Williams 1959 erschienenes Buch bezog,11 besaß aber eine neue Qualität.

Historische Vergleiche brachte z. B. Charles A. Maier ein, der die USA in den Kontext von früheren Imperien stellte, wobei er seine Beispiele auf bestimmte Fragestellungen hin untersuchte, z. B. sämtliche Grenzprobleme miteinander verglich.12 Julian Go nutzt den Vergleich zwischen dem Britischen Imperium und den USA, um mit vielen Tabellen aufzuzeigen, dass die USA zeitversetzt strukturell gleich waren, z. B. ähnliche Anteile des Staatshaushalts für Rüstung ausgaben, ähnliche Interventionswellen und Truppenstationierungen durchführten etc. Das ist ein wichtiger Beitrag – seine Schlussfolgerung, dass die USA auch ein Imperium waren/sind, macht aber nur im Zusammenhang einer Definition Sinn, die Expansion zum Hauptkriterium erklärt.13 Der damit vertretene Ansatz geht daran vorbei, dass Expansion eine Universalie der Weltgeschichte ist und kolonialer Expansionismus seit dem Mittelalter ein Charakteristikum aller Staaten des europäischen Systems darstellt14 – von Rhodos, der Zuckerkolonie des Malteser-Ordens, bis zur Kolonie Kongo des gerade gegründeten Staates Belgien. Wenn man den Begriff so weit fasst wie Go, dann fällt auch das Herzogtum Kurland unter die Imperien,15 und damit verliert der Begriff jede Schärfe.

Herfried Münkler ordnet seine Beispiele in eine Typologie und in historische Parallelabläufe wie Zivilisierung und Barbarengrenze/Scheitern an der Macht der Schwachen.16 Ähnlich verfährt Ulrich Leitner, der aber seine Beispiele auf politikwissenschaftliche Kategorien hin befragt. Er geht v. a. auf das römische und das amerikanische Beispiel ein ; seine Stärke liegt dabei in den systematischen Veranschaulichungen.17 Ulrich Menzel hat in seinem monumentalen Werk über »Imperium und Hegemonie in der Hierarchie der Staatenwelt« 14 Beispiele von Song-China bis zu den USA nach 1990 verglichen, wobei er von einem weiten Imperiumsbegriff ausgeht und auch Vorherrschaft (Hegemonie) von Handelsstädten wie Genua oder Venedig einschließt.18

In seiner Definition auf der Grundlage vieler Beiträge zur Diskussion des letzten Jahrzehnts betont Bernd Hausberger in der von ihm behandelten Periode der Frühen Neuzeit den Vergleich mit dem modernen europäischen Staat. Imperien sieht er als territoriale

»Ordnungskonfigurationen, in denen um 1750 an die 70 Prozent der Weltbevölkerung lebten […]. Ihre Herrschaft war militärisch durchgesetzt und in der Regel durch eine universalistische Reichsideologie gestützt. Dabei blieben Imperien heterogene, unvollständig zentralisierte Agglomerationen […].«19

Hier wird versucht, einen chronologisch weiten Überblick zu gewinnen, der an die Geschichte der großen Mächte seit Leopold von Ranke, Paul Kennedy und Amy Chua anknüpft. Dies Übersichten enthalten stets Beispiele, manche vom Persischen Reich bis zu den USA.20 Detailstudien in einem von mir herausgegebenen Sammelband betreffen Polen/Litauen, China, Napoleons Empire, UdSSR sowie die USA und Großbritannien im Irak.21 Herfried Münkler versammelte 2010 in einem Heft der »Zeitschrift für Weltgeschichte« zu der Fragestellung, was Imperien leisten, die Beispiele Rom, Russland, USA und Großbritannien, außerdem Texte zur biblischen Kritik der Imperien.22 Jane Burbank und Frederick Cooper legten im selben Jahr einen umfangreichen Sammelband vor, der zwölf territoriale Beispiele bzw. zeitlich eng begrenzte chronologisch organisierte Aufsätze mit zusammenfassenden Überlegungen vereint.23 Hartmut Leppin und andere publizierten 2012 mehrere imperiale Beispiele aus den christlichen Traditionen und Kurzvorstellungen vom Perserreich, China und den Fatimiden, an die Stefan Weinfurters vergleichende Überlegungen zum Kaisertum im 1. Jahrtausend anschlossen.24 Michael Gehler und Robert Rollinger veröffentlichten schließlich 2014 ein Mammutwerk von 1.762 Seiten, in dem sie Ergebnisse einer Konferenz in Hildesheim sammelten – diese umfassen über 60 Beiträge, die von Babylonien bis zur EU reichen, aber auch mehrere Aufsätze zu Theorie und Kunst.25 Dieser Band liegt dem hier vorliegenden Buch in besonderen Maß zugrunde.26

Die angelsächsische »New Imperial History« hat von den 1980er Jahren an Gewicht auf einheimische Akteure, Fragen von Rassismus und Geschlecht, auf Netzwerke und Individuen gelegt und stärker nach kulturellen und institutionellen Kontexten gefragt.27 An einzelnen Lebensläufen wurde die Durchlässigkeit zwischen Kolonie und Metropole aufgezeigt.28 Neben – in chronologischer Abfolge oder vom theoretischen Ansatz her – umfassende Arbeiten traten regionale Sammlungen, etwa Thomas Harris Kompendium zu Imperien der Antike,29 oder Vergleiche wie jener Andrea Komlosys von Habsburgermonarchie, Osmanischem und Britischem Reich.30 John Darwin hat 2007 in seiner Geschichte der globalen Reiche zwischen 1400 und 2000 asiatische und europäische Reiche verglichen und in einen großen weltgeschichtlichen Kontext gestellt.31 An dieser Stelle kann auch mein welthistorischer Versuch von 2005 genannt werden.32 Christopher Beckwith hat die Reichsgründungen an der Seidenstraße systematisch dargestellt.33

Anders als die Imperien der Weltgeschichte in Zentralasien, China, Indien oder in den Anden haben die Imperien der europäischen Mächte im »langen« 19. Jahrhundert auch nach 1945 kontinuierlich akademisches Interesse gefunden. Das lag an der Aktualität der leninschen Imperialismustheorie,34 die zur Legitimation der UdSSR herangezogen wurde und auf der viele antikapitalistische und antikoloniale Bewegungen ihre politischen Programme bauten. Historische Forschungen wurden in Verteidigung und Kritik dieser Theorie35 begründet. Es entstand eine beträchtliche Zahl von Archivarbeiten zu den europäischen imperialistischen Staaten. Sammlungen wurden z. B. von Hans-Ulrich Wehler 197036 und Wolfgang Mommsen 197137 vorgelegt. Heinrich August Winkler gab 1974 mehrere Aufsätze zu dem Alternativkonzept »Organisierter Kapitalismus« heraus.38 Jürgen Osterhammel hat einen nicht periodisch bestimmten Begriff von Imperialismus in die Debatte eingebracht,39 der sich neben dem etablierten aber nicht durchgesetzt hat.

Die Sammlungen zum Imperialismus boten nicht nur theoretische, sondern auch länderspezifische Beispiele zur europäischen Expansion, zu denen weiter geforscht wurde und an die heute angeknüpft wird,40 etwa von Julian Go in seinem Vergleich der britischen und amerikanischen Imperien.41 Osterhammel hat in seiner epochemachenden Geschichte des 19. Jahrhunderts vor einigen Jahren den Stand des Wissens zusammengefasst und dabei auch die Perspektive derer berücksichtigt, welche von den europäischen Mächten unterworfen worden waren.42

Zum 19. Jahrhundert sind eine Reihe länderübergreifender Sammelbände erschienen, in denen Kritik des Eurozentrismus, Agrarrevolutionen, Totaler Krieg, Wirtschaftskrisen, Weltordnungsvorstellungen, imperialer Pomp, Säkularisierungen, Verkehrsrevolutionen und Entwicklung des Weltsystems thematisiert werden. Außerdem werden Entwicklungen von geistesgeschichtlichen Konzepten, Nationen und Individuen innerhalb von Imperien, sowie Imperien insgesamt verglichen.43 Jörn Leonhard und Ulrike von Hirschhausen gliedern den von ihnen herausgegebenen Sammelband44 nach Herausforderungen des Raumes (die überwiegend den Eisenbahnbau betreffen), Kartierungen und Klassifizierungen, Repräsentation (die neue Rolle der Monarchie), Religion und Erziehung, Konflikten sowie den Erfahrungen des Ersten Weltkriegs für Indien, Österreich-Ungarn, Russland und das Osmanische Reich. Überzeugend ist auch die Erforschung von imperialen Netzwerken.45 Stefan Berger und Alexei Miller46 haben zum Verhältnis von Nationenbildung und Imperien Beiträge eingeholt, die von Großbritannien über Frankreich bis zum »Spanischen Imperium 1700–1914« und dem Osmanischen Imperium reichen. Martin Aust und Benjamin Schenk47 haben Arbeiten zu Autobiografien in Vielvölkerreichen gesammelt und damit eine wichtige Quellengattung sehr detailliert zugänglich gemacht.

Arbeitsansätze

Unter »Arbeitsansätze« werden Forschungsrichtungen skizziert, die auf Weiterarbeit an den Geschichtsbildern hindeuten. Damit wird daran erinnert, dass diese im Fluss sind, sowohl was die Fragestellungen angeht als auch, was die Möglichkeiten angeht, die Fakten zu ermitteln.

Großgliederungen

Soziale Strukturen eignen sich wenig zur Kennzeichnung von Großperioden (etwa : Feudalismus, Kapitalismus), weil reale Gesellschaften stets gemischt sind – die Monarchie, eine im Kern patrimoniale Institution, stabilisiert noch im 21. Jahrhundert die englische Gesellschaft. Einordnungen sind aber notwendig, um einzelne Fakten verständlich zu machen. Die bloße chronologische Fixierung, die hier immer wieder zugrunde gelegt wird, ist zur Kontrolle und um der Genauigkeit willen nötig, aber ebenfalls nicht ausreichend. Die Unterschiedlichkeit der Räume, nicht nur nach ihrer geografischen Ausstattung, sondern auch nach ihrer Prägung durch Kulturen des Menschen (Jagd, Rodung, Wegebau, Eisenbahnen u. a.) und durch Religionen (Tempel und Kirchen, Kirchwege, Wallfahrtswege u. a.), muss vorweg bedacht werden, damit man sie beim Re-Konstruieren der Geschichte im Blick hat. Zur geografischen und chronologischen Einordnung folge ich deshalb einer Mischung sozialer und ökonomischer, religiöser und politischer Kriterien.

Periodisierungen

Ein erster Ansatz zur Gliederung des unendlichen und vielfältigen historischen Materials besteht in der chronologischen Einteilung in (lange dauernde) Perioden, die durch (kurze) Epochen gegliedert sind.48 Eine Epoche kann ein Tag sein – wie der »Sonntag von Bouvines«49 –, aber grundlegende Wechsel können sich auch über Monate und Jahre hinziehen. Mit einem sowohl chronologisch als auch inhaltlich engen Begriff von Revolution bildeten diese Epochen : neolithische – agrarische – militärische – industrielle – postindustrielle Revolution. Allerdings wird gegen den engen Revolutionsbegriff eingewandt, dass in der Realität alle diese Umwälzungen lange dauerten.50 Perioden können nach Jahrhunderten gegliedert werden – wobei dann wieder »lange« und »kurze« Jahrhunderte unterschieden werden.51 Mehrere Jahrhunderte können chronologisch in Großperioden zusammengefasst werden, wie »Frühe Neuzeit.«52

Periodisierungen werden aber auch nach sozialökonomischen Strukturen vorgenommen, wobei die politischen Positionen prägend sind. Als liberal gilt die Abfolge vorindustriell – industriell – Überflussgesellschaft – postindustriell ; sowjetmarxistisch war die Abfolge Sklavenhaltergesellschaft – Feudalismus – Kapitalismus – Sozialismus. Nach Religionen kann man die Weltgeschichte ebenfalls gliedern : Religionen, Kulturen : Achsenzeit – Konfessionalisierung – Säkularisierung. Hier wird eine Abfolge patrimonial – klerikal – feudal – allodial53 – handelskapitalistisch – industriekapitalistisch – sozialistisch – postkapitalistisch – als Raster benutzt.

Man kann aber auch nach Räumen gliedern, z. B. nach der Prägung durch Weltreligionen und/oder Kulturen : Hinduismus – Buddhismus – Konfuzianismus – Judentum – Christentum – Islam – Atheismus – Individualismus – »Länder der Freiheit«, Westen. Da sich allerdings kaum große Räume finden, die durch eine Religion oder eine Kultur allein geprägt worden sind, ist der Terminus Weltregionen erklärungskräftiger, außerdem kann man meist noch stärker durch Austausch bestimmte Meeresräume hinzufügen – vom Indischen Ozean und dem Mittelmeer bis hin zum Atlantik.

In der konkreten Arbeit der Geschichtsschreibung wird man chronologische, religions- und geistesgeschichtliche, sozialhistorische und räumliche Kategorien meist verbinden müssen, wenn man ein Phänomen erklären will. Imperien lassen sich weder chronologisch noch räumlich leicht eingrenzen : Einige haben 1000 Jahre gedauert,54 andere nur zwölf ; viele haben sich über mehrere Weltregionen erstreckt,55 andere innerhalb einer Weltregion bestanden.56 Man kann angesichts solcher Befunde annehmen, Imperien seien eine »Universalie« der Weltgeschichte, die in allen Perioden und Regionen vorkommt und die auch immer wieder im Kontext mit (unterschiedlichen) Weltreligionen steht. Imperium als Institution, die diesen Namen trägt, also in den Quellen vorfindlich ist, gelangte im 20. Jh. jedoch an ihr Ende.

Das »Europäische57 Weltsystem«58 ist dagegen ein historisches Konstrukt, das bisher vor allem mit sozialhistorischen, teilweise sogar bloß ökonomischen Kategorien in Zeit und Raum bestimmt worden ist. Für das System sind ebenfalls ungleich verbundene Entwicklungen59 kennzeichnend, nach deren Struktur die Regionen in Zentrum – Halbperipherie – Peripherie und Außenwelt gegliedert werden können. Die staatlichen Mitglieder des Systems, auch die Imperien, sind ebenfalls oft intern durch ungleich verbundene Entwicklungen zwischen Zentren und Innere Peripherien gekennzeichnet. Die Akteure im wirtschaftlichen Bereich dieses Systems sind Kaufleute, Handwerker, Gutsbesitzer und Schiffskapitäne, staatliche Bürokratien sowie (z. B. im Handel mit Pferden und Kühen sowie mit Sklaven) Khane und Kosaken-Atamane, aber auch Großbauern.

Es macht Sinn, das europäische »Konzert der Mächte« als die politische Ebene des Systems zu bestimmen, auch wenn letzteres im 12. Jh. entstand, in dem noch niemand vom Konzert sprach. Viele Imperien sind älter als dies System, andere sind erst in seinem Rahmen gegründet worden. Der Westfälische Friede von 1648 gibt die politische Verfassung des Systems wieder : Staaten mit unterschiedlicher Macht, die sich gegenseitig als souverän anerkennen, aber als Klub die nichteuropäischen Mächte ausschließen bzw. sie dem »Oktroi des europäischen öffentlichen Rechts«60 unterwerfen.

Unter den verschiedenen Gliederungskonzepten steht hier das der Imperien im Vordergrund. Bis hin zum Osmanischen vereinten sie jeweils eine »Welt«, allerdings brachen sie sämtlich auch wieder auseinander. Mongolen und Muslime bildeten mehrfach neue Imperien, und das chinesische wurde über mehr als ein Jahrtausend mehrfach wieder gegründet. Aber im Westen Eurasiafrikas misslangen die Versuche der Wiedergründung des Römischen Reichs, und vom 12/13. Jahrhundert an wurde das bestehende Imperium in das »Europäische System« integriert. Von den unterschiedlichen im Lauf der Geschichte wichtigen »Welt-Systemen« war das Europäische von besonderer Bedeutung, weil die Mächte dieses Systems als erste rund um den Globus Territorien eroberten und Ketten von Stützpunkten errichteten. Diese Mächte waren Fernhandelskompanien und Königreiche, Orden und Abenteurer – ein Kaiserreich war nicht darunter (Kaiser Karl V. war an der Expansion beteiligt, aber als König von Spanien).

Zeitleiste 1: Europäisches Weltsystem, Räume und Perioden verschränkt

13. Jh.

Hegemonialkampf (HK) Kirche >< Heiliges Römisches Reich, Agrarrevolu-tion, europäische Arbeitsteilung, Militarisierung, Erste Industrielle Revolution (IR) EROBERUNGEN : 3. EUROPA

16. Jh.

HK Spanien >< Frankreich. Globale Arbeitsteilung ; Fernhandel mit Silber, Manufakturen, Waffen ; Rohstoffe aus Peripherien und Halb-Peripherien EROBERUNGEN : Lateinamerika und Sibirien.Asiatische und afrikanische »Schießpulverreiche«, »Revolution des Fleißes« Textil, Keramik in Asien

17./18. Jh.

HK England >< Niederlande, Zweite IR : Dampf-maschine, Eisenbahnen, Volleisenschiffe, gezogene GeschützrohreEROBERUNGEN : Indien, Amerika, Schwarzmeerküste

1776 ff.

Atlantische Revolutionen, 1794–1815 HK Frankreich>< Großbritannien

19. Jh.

Britische Hegemonie ;EROBERUNG des Globus ; Afrika, ChinaAnpassung Osmanen, Persien, Japan

1860 ff.

Dritte IR : Chemie, Elektro, kleine Motoren : Maschinen-Gewehr, Pkw

1914–1918

1. Weltkrieg ; HK Deutschland >< Großbritannien. »Ende der Imperien«

1920 ff.

Vierte IR : Massenproduktion mit Fließband, Atombombe

1917–1991

Sozialismus der UdSSR als antisystemische Bewegung

1937–1945

2. Weltkrieg. USA Hegemon, aber »Kalter Krieg« – HK UdSSR >< USA

1960 ff.

Entkolonialisierung

1970 ff.

Fünfte IR : EDV in die Produktion

1990 ff.

Wiederaufstieg asiatischer Staaten

2000 ff.

Sechste IR : Gensequenzierung, Nanotechnologie, Internet in ProduktionDie kapitalistische Wirtschaft ist (zusätzlich zu den Folgen von IR) durch Wellen gekennzeichnet, Investitions-schübe und Abschwünge (A- und B-Phase), die unter Umständen zu einer Depression führen (1928, 2008).

Das entscheidende Instrument zur Expansion war das Militär, allerdings in einem weiten Sinn. In Austausch und Konkurrenz mit muslimischen Mächten entwickelten europäische Staaten überlegene Techniken beim Bau von Kanonen, von militärisch überlegenen Schiffen oder Eisenbahnen – sowie die Kapazität, den Aufwand zu finanzieren. Der Anstieg des Wohlstands in Westeuropa bildete dann eine Voraussetzung für eine stärkere Stellung der Städte und des Handelskapitals sowie der Parlamente in einigen Staaten im Zentrum des Systems.

Der Widerstand einiger Imperien in Asien gegen die Europäer war über Jahrhunderte hinweg erfolgreich und die Expansion des Osmanischen Imperiums hat zur Militarisierung des Systems beigetragen. Der Aufstieg von Nationalstaaten seit dem 16. Jh. wurde in das Europäische System integriert, zu dem seit seiner Entstehung ein Imperium gehört hatte und im 18. Jh. ein zweites hinzukam. Die industrielle Revolution in England im 18. Jh. vermehrte die Macht dieses nationalen Königreiches derart, dass die Imperien (wie andere Staaten auch) sich im 19. Jh. veranlasst sahen, die Erste Industrielle Revolution61 nachzuholen.62 Das gelang in Deutschland, Japan und Österreich-Ungarn, nicht aber in Russland und China. Nationalstaaten und Imperien agierten im 19. Jh. gemeinsam, z. B. bei der Verbreitung moderner Medizin oder der Organisation der ersten Kongresse der Friedensbewegung. Die nationalen Bewegungen schwächten die Imperien, was die Gegner ausnutzen konnten. Der Imperiumsbegriff war seit dem 16. Jh. zur Diffamierung der Gegner benutzt worden, und diese wurde im 19. Jh. durch Nationalbewegungen verschärft – Imperien wurden zu »Völkergefängnissen«. Der Zweite Weltkrieg als Versuch von drei Staaten, in kürzester Zeit mit Gewalt neue Imperien zu erzwingen, desavouierte den Begriff weiter. 1945 wurde das Konzept der Union gegen die Imperien eingesetzt, um Bedürfnisse zu befriedigen – sowohl nach Differenzierungen als auch nach Vereinheitlichungen. Der Imperiumsbegriff ist deshalb seit 1918, spätestens aber seit 1945 zu nüchterner Beschreibung von politischer Realität der Gegenwart nicht mehr erhellend.

Quellenkunde und Historiografie

Der erste Schritt in Richtung besserer Kenntnis hinsichtlich unserer Beispiele stellte kritische Lektüre wissenschaftlicher Literatur dar (die zu Anfang jedes Beispiels aufgeführt ist). Der zweite Schritt war das Studium von Quellen. Dabei haben wir versucht, die Erfahrung von Wolfgang Reinhard im Kopf zu behalten : Es handelt sich meist um tertiäre Quellen,63 »Monumenta Historica«, die primär von anderen im Archiv oder in einer Ausgrabung gefunden bzw. zum Denkmal erklärt, sekundär von oft wieder anderen Kolleginnen und Kollegen ediert sowie tertiär von weiteren Kolleginnen und Kollegen in Sammelbänden so zugänglich gemacht wurden, dass selbst ein Welt- und Globalhistoriker sie findet. Diese Problematik wurde und wird als Verhältnis von Area Studies und Weltgeschichte diskutiert und an ihr wird gearbeitet.64 Hinzu kommt, dass jeder Welt- oder Globalhistoriker sein Spezialgebiet, seine Area Studies, pflegen muss, um sich der methodischen Schwierigkeiten des Fachs bewusst zu bleiben.65 Aus der Entscheidung zur Quellennähe historischer Arbeit folgt, dass viele Imperien und insbesondere die europäischen Reiche spanischer und französischer Sprache hier nicht eingehend behandelt werden. Christiane Nolte ist Philologin. Sie befasst sich derzeit mit altorientalistischen Kulturen und Sprachen. Ich lese (neben deutschen) lateinische, griechische, englische und russische Quellen. Allerdings habe ich in der Hoffnung, dass genug Quellen ins Englische übersetzt sind, auch China, Indien und das Osmanische Reich als Beispiele skizziert.

Die einzelnen Kapitel setzen ein, indem die ausgewählten Imperien und ihre Gegner erst mit den Mitteln »historischen Verstehens« als »Individuen« skizziert und anschließend verglichen werden. Dabei wird nach Querverbindungen, gegenseitigen Beeinflussungen, »Entanglements« gefragt. Da die Zahl dieser Querverbindungen und Beeinflussungen spätestens seit dem Ende des Römischen Reiches im Westen in geometrischer Reihe zunimmt, kann man ohne globalhistorische Konzepte in diesen Zusammenhängen nicht mehr arbeiten. In der Vormoderne bilden Imperien und ihre Gegner feste politische Größen, über die man klassischen Texten folgend berichten kann. »Kultur« definiere ich (für die Periode vor den Säkularisierungen) entlang religiöser, aber auch geistes- und kunstgeschichtlicher sowie habitueller Traditionen und nicht nach Räumen.66 Unter »Weltregion« verstehe ich den Zusammenhang eines größeren Raumes, der meist durch engere wirtschaftliche und politische sowie kulturelle Interaktionen gekennzeichnet ist.67 Unter »Weltsystem« wird ein überregionaler Zusammenhang verstanden, den verschiedene – z. T. in Organisationen verbundene – Akteure in sozial-, politik-, religions-, geistes-, ökonomie-, militärgeschichtlichen (und anderen) Kontexten schaffen und gestalten.68 Dem Weltsystemkonzept ist nicht ohne Grund Eurozentrismus vorgeworfen worden ;69 dem versuchen meine Frau und ich entgegenzuwirken, indem wir zahlreiche Beispiele aus Asien denn aus Europa rekonstruieren. Dass die Periode der europäischen Vorherrschaft und die in dieser Periode bewirkte Veränderung der Imperien nicht ohne Geschichte Europas beschrieben und erklärt werden kann, scheint allerdings selbstverständlich, gerade wenn man Europa als Provinz versteht.70 Mein heutiges Arbeitskonzept nenne ich »kulturvergleichende Perspektive vielfältiger Modernen mit besonderer Berücksichtigung von Systemen«.71 Ein Konzept, in dem ich viel von dem wiederfinde, ist das der Mehrstimmigkeit, in meinem Fall aus der Sozialpsychologie zitiert.72 Das Konzept Nation gebrauche ich mit Beachtung des Unterschieds zwischen »Volk« oder Sprachnation in herderscher und Nation als vorwiegend politischer Einheit in westeuropäischer Tradition.73

Suraiya Faroqhi hat darauf hingewiesen, dass jüngere Forschung vielfach – im Einklang mit neueren Fragestellungen, aber auch im Kontext der fortschreitenden Erarbeitung von Archiven – weniger Gewicht auf Krieg und Außenpolitik als auf einzelne Akteure und Alltag, auf Produktion und Handel, auf Kommunikation, Kunst und Kultur legt.74 Für diesen Ansatz gibt es glänzende Beispiele : von Missionaren im Ruderboot bis zu endogenen Religionen Westafrikas in Wort und Symbol,75 vom Nachdenken über die Wirkungen der Globalisierung auf Kultur bis zu Sammlungen wie »Culture in Motion«76. Geistes-77 und Religionsgeschichte78 liegen mir näher ;79 aber auch sie stehen hier nicht im Zentrum. Im Folgenden wird versucht, viel davon in die Argumentation einzubringen, aber der hier gelegte Schwerpunkt bleibt altmodisch : Zentral ist weithin Politik- und Institutionen-Geschichte.

Soziale Einheiten und Ökonomie

Auf die trotz der archäologischen Erfolge der letzten Jahrzehnte noch weithin unbekannten Gesellschaften der Jäger und Sammler wird unten eingegangen. Möglicherweise wurde der Übergang vom Sammeln zur Produktion von Nahrung in der Jungsteinzeit, die Neolithische Revolution80, nicht zuletzt dadurch bedingt, dass mehr Menschen in einem Gebiet lebten, als dort mit dem Jagen und Sammeln leicht ernährt werden konnten, sodass einzelne häufiger Gräser säten, um die Körner zu essen, oder junge Ziegen aufzogen, um Milch und Fleisch zur Verfügung zu haben.81 Die Neolithische Revolution ging mit einer Reihe von Innovationen zusammen, z. B. Korbflechten und später Keramik, und zog soziale Veränderungen nach sich, weil es galt, die Ernten zu schützen. Es entstanden zwei Grundformen von Produzenten : solche, die feste Wohnorte entwickelten – meist lebten sie von Ackerbau und Viehzucht –, und Nomaden, die in Regionen mit schlechten Bedingungen für Ackerbau überwiegend von Viehzucht allein lebten und den saisonal wechselnden Bedingungen ihrer Weiden folgten, etwa in ariden Gebieten im Sommer im Hochland und im Winter in der Steppe lebten. Es gab auch nomadisierende Bauern wie in Nordrussland, die im Wald nach drei, vier Jahren die erschöpften Felder aufgaben, neue rodeten und dann in deren Nähe zogen. Häuser aus Balken und Lehm oder Stroh waren für sie Mobilien, weil man sie abreißen und wieder aufbauen konnte82 wie Jurten.

Die Grenzen zwischen Nomaden und Sesshaften waren lange fließend, wurden aber schon zeitgenössisch als strukturbestimmend verstanden.83 Wechselbeziehungen fanden ständig, aber selten von gleich zu gleich statt. Oft wandten die Nomaden Gewalt an, um Zutritt zu den Gütern der Sesshaften zu bekommen, und ihrerseits »gebrauchte die agrarisch-städtische Zivilisation die Handelsbeziehungen als Instrument zur politischen Kontrolle der Viehzüchter«, wie Inna Deviatko schreibt.84 Für die meisten der folgend behandelten Imperien haben Interaktionen zwischen Sesshaften und Nomaden eine große Rolle gespielt, so in Assur, in Song- und Mandschu-China, in den Mongolenkhanaten, bei der ottonischen Reichsbildung sowie der jahrhunderte dauernden Auseinandersetzung zwischen Russland und »Polewetzern«, Tataren oder Kasachen.

Auch nach der Neolithischen Revolution hat die Nutzung von nicht kultivierter Natur, von »Wildnis«, durch Sammeln, Jagd und Fischfang noch eine Rolle gespielt. Ob als Jäger und Sammler, als Viehzüchter oder Getreidebauer : die Arbeit auf Höfen und in Jurten verrichteten stets Mann und Frau gemeinsam, naturgemäß in Arbeitsteilung. Gewiss wurde in mancher Rollenzuweisung auch patriarchalische Herrschaft zwischen den Geschlechtern organisiert, aber doch nicht allein.85

Die Produktion derer, die das Land bearbeiteten, stellte die Basis für geradezu jegliche Herrschaftsbildung. »Staat« ist ein Begriff der Frühen Neuzeit, der aber von vornherein einen Kompromiss bezeichnet, der nötig wurde, als man in Europa mit den tradierten Kategorien wie Imperium oder Regnum nicht mehr auskam. Ursprünglich meint »status« einen bestimmten, verlässlichen und berechenbaren Zustand von Macht, zu dessen Beschreibung man die »Statistik« benötigt. In dem Wort »Sonntagsstaat« kommt diese Bedeutung noch, wenn auch für Kleidung, zum Ausdruck. Meist werden im Folgenden Termini der Zeit wie »Reich« verwendet (obgleich diese nicht immer den kulturellen Kontexten entsprechen) ; wo »Staat« für Herrschaft vor der Frühe-Neuzeit-Periode benutzt wird, wird der Leser gebeten, die skizzierten Differenzen zu bedenken.86

Dass Bauern oder Viehzüchter verlässlich mehr produzierten, als sie zur unmittelbaren Wiederherstellung ihrer Familien, ihrer Arbeitsinstrumente und gegebenenfalls des Bodens benötigten, ermöglichte Berufe, die nicht unmittelbar mit Produktion befasst waren. Man kann mit Karl Wittfogel argumentieren, dass der höhere Grad der Komplexität der Landwirtschaft in Bewässerungsgebieten Herrschaft erforderte,87 wogegen aber spricht, dass Bewässerung oder Rodung durchwegs als Arbeit der Dörfer geleistet wurden. Man kann mit Alfred Weber die Bedeutung der (vielleicht durch Klimaverschlechterung veranlassten ?) Angriffe von Viehzüchtern auf die Welten von Gesellschaften von Ackerbauern betonen, also exogene Gründe.88 Offenbar wirkten sowohl exogene als auch endogene Gründe, aber innerhalb der Gruppe der Herren bildete das Mehrprodukt dann das Objekt der Auseinandersetzung zwischen »Leviten« und Kriegern, Obersten Priestern und Königen. Am stabilsten mochte es scheinen, wenn die Könige oder Kaiser dann auch die Brückenbauer in die Transzendenz waren, die pontifices maximi. Viehzüchter und Bauern werden bekannte Herren den unbekannten vorgezogen haben, solange Erstere nicht allzu viel forderten. Denn offen war oder schien doch, wie viel von ihrem Mehrprodukt sie den Schutzgebenden geben wollten – bzw. was die andern sich davon nehmen wollten oder konnten und in welcher Form.89

Relativ unmittelbare Formen von Herrschaft auf Basis der neolithischen Kultur werden unten am Beispiel des Neuassyrischen Reiches skizziert. Ob das Expansionsbedürfnis des Römischen Imperiums damit zusammenhängt, dass die Böden Italiens nach Jahrtausenden neolithischen Ackerbaus erschöpft waren (was eine andere oder auch zusätzliche Interpretation zu der im Folgenden skizzierten sozialgeschichtlichen böte), ist meines Wissens nicht ausreichend erforscht.

Die wichtigsten agrarischen Revolutionen der Zeit nach den großen Imperien Roms und Chinas, also der Periode, die wir für Europa Mittelalter nennen, waren der etwa gleichzeitige Übergang zum Nassreisanbau in China, zur Dreifelderwirtschaft in Europa und zur vielfältigen Fruchtfolge in der »Etagenwirtschaft« in muslimischen Ländern.90 Wer machte danach die Arbeit ?91 In welchen Formen wurde was getan, damit Gemeinschaften existieren konnten, aus denen vielleicht politische Institutionen entstanden ?

Für die Bildung eines König- oder sogar Kaiserreichs brachte es Unterschiede, ob die Bevölkerung eines Imperiums überwiegend aus Nomaden bestand, die viele Quadratkilometer Land benötigten, um mit ihren Tieren einen Lebensunterhalt zu schaffen, oder aus Bauern, die mit weniger Platz auskamen und also eine höhere Dichte der Bevölkerung erreichen konnten. Zwischen den bäuerlichen Gesellschaften bestanden freilich noch einmal große Unterschiede – die chinesische Nassreiswirtschaft (die in Vietnam entwickelt wurde) brauchte zwei bis drei Hektar Land je Hof, die europäische Dreifelderwirtschaft (die ihren Ursprung zwischen Seine und Rhein hatte) benötigt zehn bis 15 Hektar ; die schwedische oder russische Waldbauernwirtschaft auf wandernden Feldern (bei günstigen Bedingungen) verlangte nach der fünf- oder sechsfachen Fläche, also über 100 Hektar. Die Wege waren unterschiedlich lang, und vor allem war eine Kontrolle der Produzenten unterschiedlich kostspielig.92 Hinzu kommen weitere Differenzen – für die Dreifelderwirtschaft brauchte es Pferde und Mühlen ; die Nassreiswirtschaft ernährte die Familie ohne diese Hilfsmittel. Wo wenige Pferde, die man auch für die Kriegsführung braucht, gezüchtet werden, müssen sie importiert werden. Pferde waren bis zum 19. Jh. Mittel der Macht ; in mehreren Imperien (China, Mogulreich, Russland) kaufte man sie bei den Viehzüchtern jener Steppen, gegen deren Herrscher man kämpfte.

Wichtig war auch, welche Produktivität die Landwirtschaft erreichte. Meist bietet das Verhältnis von ausgesätem zu geerntetem Korn einen brauchbaren Indikator ; aber wo noch viel »nicht« – oder vielmehr meist im Kontext älterer Wirtschaftsformen – ausgebeutete Natur zur Verfügung steht, bezeichnet dieser Indikator nur einen Teil der bäuerlichen Wirtschaft. Die Messung der Agrarergebnisse in Gewicht je Fläche, z. B. in Doppelzentner je Hektar, deutet auf den Übergang zur industriell betriebenen Landwirtschaft, in welcher deren Anteil am Bruttoinlandsprodukt kontinuierlich gesunken ist, also an Bedeutung verloren hat.

In vielen nomadischen Gesellschaften war die Jurte, in vielen bäuerlichen und städtischen das »Haus« oder der »Hof« die soziale Grundeinheit : meist sowohl in den Städten als auch auf dem Land. Das brachte durchaus Hierarchien mit sich, auch wenn es eine Familie war, die in dem Haus wohnte – mit unterschiedlichen Rechten von Vater, Mutter und Kindern sowie Dienstbotinnen oder Dienstboten, Sklavinnen oder Sklaven. Nach welchen Regeln die Familien lebten, war sowohl regional als auch chronologisch unterschiedlich. Im Katholizismus hatte (und hat) die Ehe sakralen Charakter, in anderen Religionen nicht – damit in Verbindung stehen Fragen wie : Ab welchem Alter dürfen Mädchen verheiratet werden ? Wer hat das Recht, die Heiratspaare zu bestimmen etc.?93

In Russland war die nächste politische Einheit die Nachbarschaft, organisiert im »Mir«, in Japan das Kollektiv aus jeweils fünf bäuerlichen Haushalten ; in Westeuropa entwickelte sich auf dem Land das Dorf zur kleinsten politischen Größe, auch viele Einwohner von Städten lebten als »Ackerbürger« de facto von der Landwirtschaft.

Freie Leute auf dem Lande kann man unter dem Begriff »Bauer« zusammenfassen, der mit »Nachbar« zusammenhängt – in Russland hießen Bauern einfach »Christen«. Allerdings wurden auch unter diesen Nachbarn die Rechtsverhältnisse immer differenzierter. Folgt man der Definition des Terminus Bauer durch Eric Wolf : »Bevölkerungen, die grundsätzlich durch Kultivieren bestimmt sind und eigenständige Entscheidungen über den Vorgang der Kultivierungen treffen«,94 trifft die Kennzeichnung in der Frühen Neuzeit auf die Mehrheit der Landbewohner in Indien, China und Westeuropa zu. Die Mehrheiten der Landbewohner Osteuropas waren »an die Scholle gebunden«, sie durften ihre Höfe also nicht aufgeben.95 Die Bearbeiter des Landes in vielen Kolonien waren Sklaven.96

Und auch auf den Feldern und Viehweiden freier Bauern arbeiteten Unfreie – Mitglieder der Familie, Gesinde und oft auch Sklaven. In vielen Gesellschaften konnte jeder freie Mann auch Sklaven besitzen, also auch ein Bauer. In der Regel – und in späten Phasen von Adelsgesellschaften manchmal qua Vorschrift – nahm der Adel für sich das alleinige Recht auf Sklaven oder Leibeigene in Anspruch ; ein Monopol, das zur Bildung von Gütern mit unfreien Landarbeitern genutzt wurde. Mit dem Aufstieg von nichtadligen Kaufleuten und Produzenten und der Durchsetzung neuzeitlicher globaler Arbeitsteilung errichteten Unternehmer in den Peripherien Plantagen für Zucker, Kaffee oder Baumwolle, die auf Sklavenarbeit beruhten.

Da die römische Gesellschaft in der Periode des Imperiums zu einem großen Teil auf Sklavenarbeit beruhte und die Eroberungszüge oft auch dem Rekrutieren von Sklaven dienten, wird ein innerer Zusammenhang zwischen Imperium und Sklaverei angenommen. Aber in vielen anderen Imperien, vom Heiligen Römischen Reich bis China, spielte Sklaverei keine fundamentale ökonomische oder soziale Rolle, anders als für koloniale Unternehmen in manchem kleinen Königreich wie Dänemark oder Dahomey. Allerdings gab und gibt es bis zur Gegenwart immer Haussklaverei – also Sklaven oder quasi rechtlose Dienstboten.97

Mit der Verdichtung der Bevölkerung wurden alte Wanderhandwerke (wie Schmied und Töpfer) ansässig und neue Handwerke entstanden. In Indien gab es eine sehr alte, im Kastensystem organisierte Aufteilung von Tuchgewerbe ; in Russland wurde das Schmiedehandwerk im 17. Jh. differenziert.98 Im Verlauf der Frühen Neuzeit, vom 15. bis zum 18. Jh., kam es zu einer globalen »Revolution des Fleißes« – mit Manufakturen in Indien, Porzellanfabriken in China, Hüttenwerken in Belgien, Schweden und Russland. Es ist kennzeichnend, dass das Gewerbe anstieg, wenn die Bevölkerung derart wuchs, dass sie an die Grenze jener Zahl an Menschen kam, die aus dem jeweiligen Land bei dem jeweiligen Stand der Technik ernährt werden konnte.99 Das galt auch, wenn Mächte – seien es Staaten des Europäischen Systems, seien es selbstständige Imperien wie Rom oder das Osmanische Reich – z. B. zur Getreideversorgung Kolonien heranziehen konnten. Mit zunehmender Überlegenheit des »Westens« taten das v. a. die Europäer.100

Die Industrielle Revolution veränderte vom 19. Jh. an mit dem hohen Verbrauch an Kohle, maschinell gewonnener Energie und insbesondere der Beschleunigung sowie Verbilligung des Verkehrs zu Wasser und zu Lande nicht nur das Alltagsleben der Menschen, sondern auch die Handlungsbedingungen aller Mächte der jeweiligen Zeit.

Die erste »Revolution« der Frühen Neuzeit ist die agrarische, die durch die globale Verbreitung von – für die jeweilige Empfängerregion – neuen Kulturpflanzen, Intensivierung der Produktion, Erweiterung der Anbaufläche, Spezialisierung für Weinanbau oder Schafzucht und den Import von Zucker und Tabak gekennzeichnet ist, z. B. in China.101 Diese Veränderung wurde nicht von Latifundisten, sondern von »unabhängigen kleinen Besitzern« getragen.102 In den Kontexten von Landrechten in Europa brauchten diese Besitzer »den Staat«, das Parlament in London, einen absoluten Fürsten, um feudale Rechte am Land abzuwehren – Rechte der Gemeinden, der Familien oder des Fürsten –, um also den Landbesitz von einem feudal abhängigen zu einem Allod, einem freien Eigentum zu machen, das verkauft werden konnte.103 Die Veränderungen dauerten Jahrzehnte und Jahrhunderte, es ist daher missverständlich, sie »Revolution« zu nennen. Der Übergang zur Mehrfruchtwechselwirtschaft setzte einheitliche Besitzrechte voraus. Am Ende des 18. Jh. war die neue Wirtschaftsform jedoch europaweit verbreitet, und sie führte zu einem Anstieg der Ernten.104 Im Verlauf des 19. Jh. verdoppelten oder verdreifachten sich die Getreideernten in den meisten europäischen Staaten.105

Die zweite »Revolution« des 18. und 19. Jh. – die »Industrielle Revolution« im engen Sinn – war gekennzeichnet durch den Einsatz alter Werkstoffe wie Eisen in neuen Mengen und mehr noch durch den Einsatz von maschinell hergestellter Energie.106 Die Beobachtung, dass zum Aufbau einer Produktionsstätte mehr Kapital und zu ihrem Betrieb mehr Arbeiter nötig waren als bis dahin auch für große Manufakturen, diente Karl Marx als Ausgangspunkt seiner kritischen Analyse der zeitgenössischen Produktionsweise. Obgleich gerade in England viele alte Gesellschaftsformen weiterbestanden – etwa die Monarchie, der Hochadel, die vielen Agrarproduzenten, die Gentlemen waren oder doch gern gewesen wären, die Fernhandelskompanien –, erlangten Industrieunternehmer und Kapitaleigner einen neuen Status von sozialer Macht, der sich eine organisierte Arbeiterschaft gegenüberstellte.

Mit den wirtschaftlichen Revolutionen der Frühen Neuzeit, der globalen gewerblichen »Revolution des Fleißes« im 18. Jh. und der regional europäischen industriellen, die in Zusammenführung asiatischer und europäischer Entwicklungen entstand,107 veränderte sich das Verhältnis von Land und Stadt grundlegend. Der Wert der in Städten (und industriellen Siedlungen) produzierten gewerblichen Güter überstieg jenen von landwirtschaftlich hergestellten Waren schnell und um ein Vielfaches, und bald lebten auch mehr Menschen in den Städten als auf dem Land. Englands Führungsrolle in dieser gewandelten Gesellschaft beruhte nicht zuletzt darauf, dass das Königreich durch die nationale Integration von vielen Besitzenden im Parlament Mittel und Wege fand, die neue Wertschöpfung steuerlich zu erfassen. Die finanzielle Kapazität des Staates bildete die Grundlage seiner militärischen Erfolge. Mit der Union mit Schottland wurde England Teil Großbritanniens und begann die Reihe der »Groß-Länder«, in der später »Groß-Deutschland« folgte. Der indische Kaisertitel 1876 bildete nur noch einen Schmuckstein am Gewölbe ; mehr als Empress of India blieb Victoria stets Queen of Great Britain.

Als grobe Einordnung zur Kennzeichnung der sozialökonomischen Strukturen wird hier108 vorgeschlagen : patrimonial – klerikal – feudal – allodial – handelskapitalistisch – industriekapitalistisch – sozialistisch – postkapitalistisch. Viele bäuerliche Gesellschaften haben die patriarchalische Struktur der Höfe auf den »Landesvater« zu übertragen, der als Besitzer des ganzen Landes erschien, das nennen wir patrimonial. Bestimmen Tempel oder Kirche das politische Leben, sprechen wir von klerikal. Alimentiert der Fürst seine Krieger mit Einnahmen, die mit Abhängigkeit verbunden sind, nennen wir es feudal ; ist der Besitz privat und frei, allodial. Bringt der Handel die höchsten Gewinne und politische Macht, bezeichnen wir das als handelskapitalistisch, ist die industrielle Produktion bestimmend, industriekapitalistisch. Wird in gemeinsamer Entscheidung von Arbeitern oder einer Bürokratie produziert, ist von sozialistisch die Rede.109 Ob es eine postkapitalistische Gesellschaft gibt (und was das bedeuten würde110), muss in diesem Kontext nicht diskutiert werden.

Religionen und Ideologien

Religionen gehören zu den wichtigen welthistorischen Verbindungswegen und Entwicklungseinflüssen.111 In welcher Form welche Religionen von Imperien und Königreichen zu nachträglicher Legitimation, aber oft auch für vorangehende Begründung in Anspruch genommen werden, muss für jedes Imperium und jede Dynastie einzeln untersucht werden. Häufig wird mit der Religion auch eine Wechselbeziehung, eine transnationale Verflechtung angesprochen, zumindest, wenn es sich um Weltreligionen handelt. Die klassische These von Karl Jaspers, dass die meisten Weltreligionen in der »Achsenzeit« entstanden sind,112 kann man als bedeutende Zeitenwende akzeptieren, weltweite Ausbreitung findet sich vom ersten Jahrhundert nach Christi an.113 Aber ein Imperium kann auch aus einem partikularen Glauben, z. B. einem Schamanismus, begründet werden.

Wichtig ist, dass mit der Religion zumindest moralische, oft auch rechtliche Kontrollmechanismen verbunden sind. Die Katholische Kirche hat selbst Kaiser wegen Abweichungen von der moralischen Norm vor ihr geistliches Gericht gezogen, und sowohl Islam als auch Christentum kennen die Verurteilung eines Herrschers wegen Häresie. In muslimischen Reichen bildeten die führenden Geistlichen mit der Ulema eine Beratungsinstitution, welche der Fürst in Betracht ziehen musste ; in christlichen Reichen kam entweder Papst bzw. Patriarch oder Konzil eine ähnliche Funktion zu. Die politische Unabhängigkeit des Papstes wurde in den Ostkirchen als Versuchung durch Macht verstanden – Kaiser und Patriarch sollten in »Symphonie« die Kirche führen und nicht in einem Streit zwischen »zwei Schwertern«.

Unter Ideologie wird ein Gedankengebäude verstanden, dass innerweltlich angelegt ist und sich weder auf Offenbarung noch auf Erleuchtung beruft, sondern auf Rationalität oder auch auf antirationalen, aber nicht auf Transzendenz abhebenden Egoismus. Ideologien sind, von der Religion her besehen, Säkularisierungen : Überführungen von Ewigem, von aeterna, in den Bereich des Zeitlichen, der saecula. Säkularisierungen haben die gesamte Geschichte des Christentums als Staatsreligion begleitet.114 Dabei ging es am Anfang häufig um Vermögenswerte – die Kirchen wurden – meist durch Spenden – sehr reich und ihnen gehörten in manchen Ländern bis zu einem Drittel des Bodens, sodass es in einer landwirtschaftlich geprägten Periode schwierig wurde, Herrschaft zu implementieren, weil der König oder Kaiser seine Leute (an erster Stelle seine Ritter bzw. Soldaten) nicht in ausreichender Zahl alimentieren konnte. Es wurden also immer wieder Kirchengüter eingezogen – von protestantischen, aber auch von katholischen Fürsten.

Säkularisierung ging aber über Vermögenstransfer hinaus – religiöse Symbole wurden zu säkularen, aus dem Licht Christi wurde das Licht der Aufklärung, aus dem Heiligen Römischen Reich das Deutsche Reich.

Außenbeziehungen

Die Rolle von Fernbeziehungen für Gesellschaft und Politik ist, z. B. im Handel mit Flintsteinen, seit der Steinzeit belegt ; Vater und Sohn McNeill rechnen im »Nil-Indus-Korridor« seit dem 3. Jt. vor Christus mit interaktiven Kulturen. Diese Kulturen blieben von da an in Kontakt und bildeten das »Old World Web«.115 Unterhalb dieses Netzes entwickelten sich durch Religion, Kultur und/oder intensiveren Handel geprägte »Weltregionen«.116 Kontinente sind eher irreführende Raumbegriffe,117 abgesehen vielleicht von Europa.118 Religion ist präziser als etwa der Begriff Kultur, aber Religionen sind häufig global und taugen wenig für regionale Unterteilungen. Weltregionen werden manchmal zu Imperien zusammengefasst oder aus Imperien werden Weltregionen, innerhalb derer kulturpolitische Akteure eine »kosmopolitische Transkulturation« vorantreiben, die sie bei Bedrohungen auch verteidigen.119

Auch bäuerliches Leben war durch Fernbeziehungen mitgeprägt. Die einzelne Familie brauchte Salz, Eisen für einige Werkzeuge und von Zeit zu Zeit frisches Saatgut und neue Tiere, um Inzucht zu vermeiden. Auch die Heiraten führten über den Hof hinaus. Man bedurfte der Dienste eines Schmieds für gewisse Feinheiten, musste Keramik kaufen. Die bäuerliche Familie brauchte auch Religion. Schamanismus mochte aus lokalen Traditionen stammen, auch Heilerinnen und Hexen.120

Wo Christentum oder Islam eingeführt wurden, förderte man Bezüge über große Entfernungen. Beide Religionen stammen, wie die Urform des Ackerbaus, aus Westasien. Sie brachten nicht nur Heiligungen und Einteilungen des Lebens, des Jahres und der Woche mit, sondern auch Institutionen wie einen eigenen, verheirateten priesterlichen Stand, Zentralverwaltungen und Schriftlichkeit sowie Hochschulen. Nicht zuletzt transportierten die großen Religionen viele Geschichten aus anderen Räumen, welche die Welt und Gott erklärten, etwa den Sintflut-Mythos, der schon im Gilgamesch-Epos zu finden ist und durch das Christentum in viele Ecken der Welt transportiert wurde. Ähnlich brachte die buddhistische Mission ihre Schriften nach China und Japan, die hinduistische die ihren nach Sumatra und wurde Kungfutse nach Vietnam verbreitet.

Die am leichtesten nachprüfbaren Fernbeziehungen sind jene des Fernhandels, der für alle Perioden belegt ist.121 Sassanidische Seide aus dem 7. Jh. findet sich in Tokyo genauso wie in Köln – letztere aus dem Grab Bischof Kuniberts, erstere aus dem Besitz des japanischen Kaisers. Zugegeben, der chinesische Kaiser hatte das Geschenk aus Persien für die Japaner nachweben lassen (ob die es gemerkt haben ?).122 Oft war es Handel mit Luxusgütern, denn schwere Massenfrachten wie Getreide, Holz oder auch Mühlsteine waren nur mit großen Kosten über Land zu transportieren. Unmöglich war es nicht : Gilgamesch holte Holz aus dem Libanon und die Mogulhauptstadt Agra wurde durch die Herden bepackter Büffel versorgt, welche eine eigene Kaste aus Bengalen nach Norden trieb. Aber Rom und Konstantinopel bezogen ihr Getreide über das Mittelmeer und der Norden Chinas über den Kaiserkanal.

Dieser Fernhandel, der bestimmte Wege über Land oder Routen auf See benötigte, war für die Herren leicht zu kontrollieren, weil sie hier sozusagen punktuell Zölle und Abgaben erheben und damit einen Teil des Mehrwerts an sich bringen konnten. Herren waren hier Handelsstädte wie Venedig oder Genua, Königreiche wie Portugal, das seinen Indienhandel lange aus den Abgaben der nichteuropäischen Händler im Indischen Ozean finanzierte, oder Imperien wie das Mongolische beziehungsweise das Osmanische. Allerdings setzten die Zölle als (militärische und politische) Leistung voraus, dass die Wege und Routen freigehalten wurden – gegen wirtschaftliche und militärisch kompetente Konkurrenten oder andere Herren, die ihren Anteil am Transit forderten, wie die Teilhorden der Mongolen und der (turksprachigen) Tataren gegen den Großchan im 14. Jh. oder die Dänen mit dem Sundzoll. Schweden hat im 17. Jh. mit der Errichtung des »Dominium maris Baltici« seine zusätzlichen Zölle auf die Exporte der Anrainer der Ostsee gelegt. Und natürlich funktionierte Macht und Gewinnmaximierung auch durch rohe Gewalt, z. B. den Ausschluss Antwerpens vom Welthandel durch die holländische Besetzung Nordflanderns und die Sperrung der Schelde.

Zölle auf Fernhandel bildeten für viele Imperien eine wesentliche und oft entscheidende Ressource. Noch das Deutsche Reich von 1871 sollte sich weithin aus Zolleinnahmen finanzieren, da es gegenüber den Bundesstaaten gerade im Steuerrecht eben schwach war (auch wenn die Kaiser das mit Pomp und Hermannsdenkmal zu übertünchen suchten).

Formen von Politik

Sowohl Nomaden als auch Sesshafte organisierten sich über die Familie hinaus in Klientelverbänden, die Hierarchie von Angesicht zu Angesicht ordneten und Autorität durch »Gaben« anerkannten.123 Das Prinzip der Klientele von »Verwandten und Freunden« ist eine Universalie, es kommt immer wieder vor – ob in einer Religion, einem Imperium, einer Partei oder einem modernen Konzern. »In der Frühen Neuzeit sind Klientelverbindungen in praktisch allen europäischen soziopolitischen Einheiten zu finden.«124 Dass heute Klientelverbindungen eine große Rolle spielen, lässt sich nicht nur für Russland leicht zeigen.

Vereinigen sich – ob aus eigener Zustimmung oder Zwang – mehrere Klientele, kann man vor der Staatenbildung von »Stämmen« reden. Fürst und Gefolgschaft, Monarch und Adel, Kaiser und Teilkönigreiche verfolgten sowohl verschiedene als auch gleiche Interessen. Verschiedene, weil sie jeder einen möglichst großen Anteil an Naturalabgaben, »Zins« von Arbeitszeit und Zöllen, von Mehrprodukt und Mehrwert, haben wollten. Gleiche, weil sie alle auf die Sicherheit und Stabilität des Gemeinwesens achten mussten. Sicher konnte man Kriege gegen aufsässige Bauern und widerspenstige Städter führen, aber die Kosten waren hoch und oft waren Zugeständnisse nötig. Und Feinde gab es immer und in allen Perioden. Die Bauern in Osteuropa125 mussten z. B. bis ins 18., die Bauern im subsaharischen Afrika zwischen den arabischen Imperien und westeuropäischen Handelsgesellschaften bis ins 19. Jh. hinein fürchten, von Sklavenjägern gefasst oder von den eigenen Herren an diese verkauft zu werden.126

Feinde der Imperien waren die »Barbaren«, die Goten und Hunnen, die Tataren und Türken, deren Anstürmen Königreiche und Imperien immer wieder erlagen. Aber es gab auch Kämpfe mit Nachbarn ähnlicher Kultur – Donatisten gegen Arianer, Sunniten gegen Schiiten, Katholiken gegen Protestanten, Gelbmützen gegen Rotmützen, Wahabiten gegen Anhänger des Adat. Oder die Konkurrenten waren einfach andere Staaten – im tatarischen System des 14. Jahrhunderts der vier »Zaren« (wie die Moskauer sie nannten) in Kasan, Astrachan, auf der Krim und in Sibirien andere Khane ; oder im Konzert der christlichen Mächte andere Könige. Die Vorstellung, Annexion eines Landes und Vernichtung seiner politischen Struktur sei alleinstellend für das 20. Jh., geht an der Realität der früheren Jahrhunderte vorbei – so wurde allein im 17. Jh. der katholische irische Adel von den Briten und der protestantische tschechische Adel von den Habsburgern vertrieben und – was vielleicht wichtiger war – enteignet. Der polnische Adel wurde von den ukrainischen Kosaken in den Westen gejagt und die Juden wurden ermordet.127

Ordnung des Landes und Schutz vor Feinden, das waren Grundaufgaben der Politik. Hinzu kam schon lange Wirtschaftsförderung, z. B. in China.128 Wirtschaftsförderung als Staatszweck wurde allgemein von der Frühen Neuzeit an forciert – England sicherte sich im Frieden von Utrecht das Privileg, Sklaven in den spanischen Kolonien verkaufen zu dürfen ; Peter I. plante, Russland durch die Übernahme westeuropäischer Institutionen zur Großmacht zu machen, und Alexander Hamilton plädierte dafür, die »jungen Industrien« der USA durch hohe Zölle vor der britischen Konkurrenz zu sichern.129 Imperien konnten im Rahmen solcher Wirtschaftspolitik den Vorteil größerer Märkte bieten.

Die territoriale Größe und die Herrschaft über mehrere Königreiche brachte jedoch noch einen weiteren Konfliktbereich : In allen Staaten gab und gibt es vielfältige Probleme zwischen Zentren und inneren Peripherien.130 In Imperien können solche Probleme aufgrund der territorialen Ausdehnung und der kulturellen Vielfalt besondere Bedeutung erlangen. Sie bilden übrigens auch eines der Grundprobleme in Unionen, etwa der EU.131

Das leitet zum nächsten politischen Problem über : Zumindest vor der Medien- und Kommunikationsrevolution am Ende des 20. Jh. behinderte imperiale Ausdehnung stets Personen, die in den Provinzen lebten, bei Partizipation an Politik. Imperien konnten gut lokale oder regionale, auch religiöse Autonomien gewähren, solange Grundleistungen für das Imperium gewährleistet blieben. Ein Beispiel bietet das Einsammeln der Raya-Steuern durch die religiösen Millets im Osmanischen Reich. Aber Mitbestimmung an den zentralen politischen Entscheidungen konnten Imperien nur schlecht gewähren. Trotz ihrer Bemühungen um ein fortschrittliches Image bei der westeuropäischen Intelligenzia setzte Katharina II. von Russland folglich bei ihrem (dann doch nicht realisierten) Entwurf für eine Verfassung des Imperiums 1767 von vornherein fest :

»Ein weitläufiges Reich setzet eine souveräne Gewalt in derjenigen Person voraus, die dasselbe regieret. Die Geschwindigkeit der Entscheidungen muss, da die Sachen von weit her kommen, die aus der Entfernung der Orte entstehende Langwierigkeit aufheben […].«132

Sind Imperien besonders abweisend gegenüber einer Teilnahme anderer, etwa des Adels oder des besitzenden Bürgertums (geschweige denn der »einfachen« Bürger und der Frauen), an den politischen Entscheidungen ? Neigen sie zur Tyrannis ? So besagte jedenfalls der Vorwurf aller Feinde, von Jeremias und Brutus bis zur Amerikanischen Revolution 1776 :

Die Geschichte des gegenwärtigen Königs von Groß Britannien ist eine von wiederholtem Unrecht und von Usurpationen, die alle das unmittelbar Ziel haben : diese Staaten der absoluten Tyrannei zu unterwerfen.133

Die wohl älteste Form imperialer Legitimation stammt aus den Religionen. Die Nähe des Herrschers zu Gott, gar sein göttlicher oder doch heiliger Charakter unterscheidet den Imperator aber nicht von einem König – wie bei den Merowingern hing die Fruchtbarkeit des Landes in China vom König bzw. Kaiser ab. »Allzeit Mehrer des Reichs« von Gottes Gnaden klingt wie eine etwas umständliche Übersetzung von »divus Augustus«. Aber noch jeder deutsche protestantische Fürst im 18. Jh. ist summepiscopus in rebus externis, und das Bündnis zwischen Thron und Altar dauert an – bei den Verlierern des Ersten Weltkriegs bis 1918 und bei den Siegern gegebenenfalls noch heute : Die Königin von England lässt den Titel F(idei) D(efensor), den der Papst König Heinrich VIII. verliehen hatte (bevor der König sich vom Vatikan abwandte), noch heute auf ihre Münzen prägen. Und, um das vorweg zu nehmen, die USA setzen das »in God we trust« auf jeden Dollar.