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"Kurzum" sammelt Vorträge und Gedanken aus den Jahren 2007 bis 2018, die zu ganz unterschiedlichen Anlässen entstanden sind. Im ersten Teil "Im freien Gelände" finden Sie Essayistisches zu den Themen Geschichte, Gesellschaft, Politik, Religion und Publizistik, der zweite Teil "Im Auftrag" bezieht sich direkt auf das Programm und auf Produktionen von und für BR-alpha bzw. ARD-alpha.
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Seitenzahl: 435
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Kurzum
Teil 1 - Im freien Gelände
Sehen und Glauben – Bild und Wirklichkeit (2016)
Demokratie unter Beschuss? (2017
Zu Besuch bei Martin Luther (2017
Asante – danke (2014)
Bildung und Integration (2016)
Geschichte und Fernsehen (2018
Bavaristische Ringvorlesung (2007)
Agenturen und Instanzen der Geschichtsvermittlung (2007)
Teil 2 - Im Auftrag
Dieses Programm ist ein Schatz (2007)
Wann ein Gespräch gelingen kann (2013)
Empathie – stumme Schreie (2010)
Inklusion – gemeinsam anders (2011)
Dyslexie (2014)
Vom Reich zur Republik (2013)
Die Reichsgründung (2012)
Europas letzter Sommer (2012)
Gewaltfrieden (2010)
Die Konterrevolution (2011)
Hitler vor Gericht (2010)
Hitler vor Gericht – eine rechtliche Würdigung (2010)
Der Weg zur Macht (2013)
Frei (2014)
Der Staat ist für den Menschen da (2009)
Der Primus (2015)
Das Buch der Bücher (2013)
Charles Darwin (2009)
Joseph von Fraunhofer (2012)
Was wir noch nicht wissen (2011)
„… hätten Sie nicht Lust, bei uns mal einen Vortrag zu halten…“ (mündlich) „… wir würden uns sehr freuen, wenn wir Sie gewinnen könnten für…“ (schriftlich). Mit einer solchen oder ähnlich freundlichen Ansprache, die zugleich Vertrauen wie Zutrauen ausdrückt, ist der erste Schritt getan. Einen Vortrag halten, einen Impuls geben, einen Inhalt deklamieren zu dürfen, das ist eine schöne und tolle Sache, ja, tatsächlich auch eine Ehre, die einem zuteil wird. Und es schmeichelt natürlich dem eigenen Ego. Wer anderes behauptet, dessen ganzer Stolz ist die eigene Bescheidenheit, oder er schwindelt schlicht ein wenig, weil sich understatement meist ganz gut macht.
Natürlich kommt man einer solch schmeichelhaften Bitte gerne nach, was heißt, dass man einen Auftrag übernimmt! Ein Vortrag bedeutet für den Referenten ja beileibe nicht nur Publizität, sondern auch echte Arbeit. Schließlich möchte der Veranstalter seinen Gästen etwas bieten und jede und jeder Einzelne im Publikum schenkt dem Referenten etwas von ihrer und seiner Lebenszeit. Das bedeutet, der Referent, dem während seines Vortrages die ganze Aufmerksamkeit des Saales gilt, trägt eine große Verantwortung.
Die Vorbereitung allerdings gestaltet sich wie eine Berg- und Talfahrt! Anfangs überwiegt die Freude über die Einladung, die schier beschwingte Lust auf den Vortrag, da der Termin ja noch in gemessener Ferne liegt. Mit dem unerbittlichen Näherrücken des Datums verflüchtigt sich dann aber die Leichtigkeit etwas, denn irgendwann macht sich doch auch die „Last“ bemerkbar. Man muss ja mal beginnen, seine Gedanken zu ordnen. Überraschenderweise passt das Vortragsdatum jetzt irgendwie gar nicht mehr so gut zum eigenen Terminkalender. Zum Glück wird man ja in aller Regel gebeten, sich zu einem Thema zu äußern, das zum eigenen beruflichen Fachbereich gehört, wenngleich das Thema nicht immer pfeilgerade im Epizentrum der eigenen Expertise liegt, sondern sich nicht selten eher im Randbereich tummelt. Es ist doch immer wieder erstaunlich, wie viel man im eigenen Fachbereich nacharbeiten oder sich der sicher gewusst geglaubten Daten, Zahlen und Fakten durch (Nach-) Recherchen versichern muss.
Noch bevor man sich an den Inhalt macht, müssen noch die Rahmenbedingungen geklärt werden: Wer sitzt denn im Auditorium und wie viele? Was darf man an Kenntnissen voraussetzen? Wie lang darf der Vortrag sein, welche Räumlichkeit steht zur Verfügung und welche Technik? Gibt es ein Rahmenprogramm, ist der Vortrag der einzige oder nur einer von vielen Tagesordnungspunkten? Und, und, und …
Dann geht endlich die inhaltliche Arbeit los, man überlegt sich die Kernbotschaft, eine Struktur, sucht Belege, Zitate und – je nach Thema – auch Anekdotisches. Man schreibt und schreibt, man verwirft, man schreibt neu, man ändert, man feilt. Mit Freude stellt man fest, dass manche Passagen schon recht gelungen scheinen, kasteit sich aber zur gleichen Zeit, da andere noch den Charakter eines Rohbaus haben. Fast unmerklich erliegt man dem Rausch des Besessenen, das Bestmögliche zu fabrizieren.
Ist es geschafft, so ist das Tal durschritten, die Vorfreude steigt wieder, die Last ist perdu und die Lust wieder obenauf.
Nicht nach jedem, aber doch nach manchem Vortrag stellt sich aber eine kleine Traurigkeit ein. Man hat sehr viel Arbeit, Zeit und Lust investiert, doch nach dem einen – zugegeben schönen – Moment des Vortrages verschwindet das Werk… nach einer Karenzzeit auf dem Schreibtisch erst im Ablagekorb, dann in einem Ordner oder aber, ganz schlimm, im Shredder.
Schade eigentlich, dachte sich der Autor, und hat daher beschlossen, eine Auswahl seiner Vorträge, die er zu unterschiedlichsten Anlässen halten durfte, gesammelt und bescheiden vorzulegen. Ganz analog in digitalen Zeiten. Einfach zum Schmökern und Nachlesen in diesem kleinen Bändchen.
Warum? Vielleicht gilt auch für den Autor: Seine Bescheidenheit ist sein ganzer Stolz!
Die Vorträge und Gedanken in diesem Büchlein sind in zwei Teilen angeordnet, in einen ersten Teil „Im freien Gelände“ und einen zweiten Teil „Im Auftrag“, der sich direkt auf das Programm und auf Produktionen von und für BR-alpha bzw. ARD-alpha bezieht.
Danken möchte ich an dieser Stelle auch noch ausdrücklich allen, die zum Gelingen der Vorträge und dieses Buches beigetragen haben!
Viel Vergnügen beim Überfliegen, Stöbern oder Lesen wünscht Ihnen
Ihr
Werner Reuß
Es bleibt der Eindruck, dass uns das Sehen, dass uns die Bilder, die dabei entstehen und die damit verbundenen Affekte, fest im Griff haben. Wir werden sie nicht los, ob wir nun wollten oder nicht. Und wir sehen nicht nur sehr viele Bilder, wir erzeugen ständig neue und mehr. Manche behaupten, es würde einen einzelnen Menschen mehr als zehn Jahre seines Lebens kosten, wenn er sich nur jene Videos ansehen wollte, die an einem einzigen Tag, also innerhalb von 24 Stunden, auf YouTube hochgeladen werden. Wen das betrübt, der wird der Aphoristikerin Ingrid Buchwald recht geben wollen, die fast schon verzweifelt ausrief: „Keine Amnestie für Bilder – hängt sie auf!“
***
„Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern macht erst sichtbar“, so der Maler und Grafiker Paul Klee. Abstrakt klingt das gut, konkret kann das schmerzhaft sein. Max Liebermann sollte einmal eine hochstehende Dame der Gesellschaft porträtieren, sie saß ihm mehrmals bereitwillig Modell, doch als er das Werk schließlich enthüllte, war die Dame sichtlich empört, sie fand sich überhaupt nicht getroffen, worauf Liebermann ihr entgegnete: „Ach, hör´n Se doch uff, ick hab Se doch viel ähnlicher jemacht, als Sie sind!“ - Sie sehen, Kunst macht erst sichtbar. „Bilder zeigen, was wir erkennen, nicht was wir sehen“, so Marc Kraft, Entwickler von Medizintechnik.
Oder vielleicht stimmt ja, was Kurt Tucholsky einmal sagte: „Wir alle sehen nur, was wir sehen wollen!“ – Oder, wenn wir milder sein wollen, vielleicht sehen wir nur, was wir sehen können. In einem Interview auf ARD-alpha berichtete Hellmuth Karasek von einem Besuch bei dem damals schon betagten Marcel Reich-Ranicki. Karasek fragte ihn: „Na, mein Lieber, wie geht’s Dir denn?“ – Worauf Reich-Ranicki antwortete: „Mir geht´s nicht gut … nein, ich korrigiere: Mir geht’s schlecht.“ – Worauf Karasek meinte: “Wirklich? Aber Du schaust eigentlich ganz gut aus!“ – Darauf Reich-Ranicki: „Mein Lieber, im Gesicht habe ich auch nichts!“ – Die Schnittwunde in der Hand ist für Nichtbetroffene halt doch eher sichtbar als meine Migräne im Kopf.
Mit diesen kleinen Sottisen bin ich schon fast in mein Thema hineingestolpert: Sehen und Glauben - Bild und Wirklichkeit... ein ungemein spannendes Thema, aber auch sehr verführerisch für Abschweifungen. Bei der Vorbereitung ging es mir, als wenn ich einen Begriff im Lexikon nachgeschlagen hätte. Vielleicht kennen Sie das auch: Beim Blättern im Nahbereich des gesuchten Wortes, stößt man auf andere Begriffe, auf Unbekanntes, Interessantes, Neues, man bleibt unwillkürlich hängen und im schlimmsten Fall vergisst man sogar, wonach man ursprünglich gesucht hat.
Sie kennen sicher auch den vor langer Zeit ausgestrahlte Fernsehspot einer Versicherungsfirma, in dem ein Autofahrer zu sehen war, der im dichten Verkehr am Straßenrand eine attraktive Dame erblickte, sie lächelte ihm zu, er ihr, und schwupps schwiff er vom eigentlich Verkehrsgeschehen ab und folgte ihr mit seinen Blicken, verständlich, aber unklug, denn dabei übersah er das Bremsen seines Vordermannes und – zack – war es passiert.
Ein bisschen ist es mir bei der Vorbereitung zu diesem Thema auch so gegangen, ich habe unterwegs – bildhaft gesprochen – viele Damen getroffen, einigen davon bin ich auch sehr bereitwillig gefolgt, weil sie mir gar so attraktiv zugelächelt haben.
Und ich habe nicht jede dieser Damen brüsk zurückgewiesen, sondern einige haben mir sogar geholfen, unser Thema besser zu verstehen. Daher möchte Sie schon jetzt um Nachsicht für die eine oder andere kleine Abschweifung bitten, verstehen Sie es einfach als Versuch, mich unserem Thema spiralförmig zu nähern.
Beginnen wir ganz schlicht mit dem „Sehen“. Das Sehen ist für den Menschen von zentraler Bedeutung. Haben Sie mal versucht, mit geschlossenen Augen geradeaus zu gehen? Es wird Ihnen nicht gelingen. Ohne es zu merken, haben Sie schon nach wenigen Schritten einen Rechts- oder Linksdrall, und Sie müssen dazu nicht einmal Alkohol getrunken haben. Das liegt daran, dass bei jedem Menschen eine Seite muskulär immer etwas stärker ausgeprägt ist, und wenn die für Sie unmerkliche Korrektur über die Augen fehlt, driften Sie ab, ohne es zu merken. Ein immer wieder erstaunlicher Effekt, der, bleiben schlimmere Folgen aus, auch beim Selbstversuch zu Heiterkeit führt.
Das war übrigens schon die erste Dame, der ich gefolgt bin und die mich lehrte: Die räumliche Orientierung findet ausschließlich über die Augen statt.
Um die Bedeutung des Sehens nochmals ganz klar zu machen, lassen Sie mich das Selbstverständliche repetieren: Vier unserer fünf Sinnesorgane befinden sich ausschließlich an oder in unserem Kopf. Die Augen, die Ohren, die Nase und die Zunge. Nur die taktile Wahrnehmung geschieht über die Haut und über den ganzen Körper verteilt. Taktil nehmen wir vornehmlich nicht mit dem Kopf wahr, und wenn, dann meist passiv und ungewollt, wenn uns in Kindesjahren Tante Gerda bei ihren Besuchen wieder mal heftig den Kopf streichelte oder Mutter unseren Kopf hielt, wenn sie uns den Scheitel zog. Ansonsten sind taktile Wahrnehmungen mit dem Kopf – von Liebkosungen mal abgesehen – eher schmerzhaft und unfreiwilliger Natur.
Von den fünf Sinnen, die schon Aristoteles beschrieben hat, ist das Sehen, die visuelle Wahrnehmung unserer Umwelt, der wohl dominanteste Sinn. Etwa 80% der Informationen über unsere Umwelt, sagen Wissenschaftler, erhalten wir über unsere Augen. Etwa ein Viertel bis ein Drittel unseres Gehirns ist damit beschäftigt, das zu verarbeiten, was über die Augen an Eindrücken vermittelt wird. Über die Augen encodieren wir unsere Umwelt und im Gehirn decodieren wir sie wieder. Erstaunlicherweise allerdings sehr häufig nicht eins zu eins, vieles wird interpretiert, das meiste gewichtet, manches weggelassen, anderes hinzugefügt. Unser Gehirn ist erstaunlich und erfinderisch in der Darstellung der optischen Wirklichkeit.
Da das „Sehen“ von so zentraler Bedeutung für uns ist, scheint es wenig verwunderlich, dass der Begriff „Sehen“ auch dort Eingang und Verwendung in unserer Sprache gefunden hat, wo wir das eigentliche „Sehen“, also die visuelle Wahrnehmung unserer Umwelt, gar nicht meinen. Das ist also die zweite Dame, die ich Ihnen vorstellen möchte: Die oft unbewusste Verwendung und Bedeutung des Begriffes „Sehen“ in unserer Sprache und unseren Sprachbildern. Nur einige Beispiele:
„Du wirst schon sehen, was Du davon hast“, sagt Muttern drohend zu ihrem Sohnemann, wenn er mal wieder die Hausaufgaben nicht gemacht hat, und meint doch nur, dass er womöglich die Versetzung in die nächste Klassenstufe nicht schaffen wird. – „Kommst Du denn zur Party? – Weiß noch nicht, mal sehen...“ lautet die Antwort, die eigentlich nur Entschlussunfreudigkeit ausdrücken soll. „Siehst Du, jetzt hast Du es verstanden!“, meint schlicht, jetzt hast selbst Du es endlich kapiert! – Aber auch in indirekter Form nutzen wir Sprachbilder, die sich vom „Sehen“ her ableiten. „Auf der Party ist er wieder völlig aus dem Rahmen gefallen“, sagen wir, wenn er sich mal wieder nicht benehmen konnte. „Hast Du denn in der Sache schon entschieden? – Nein, ich kann mir noch kein rechtes Bild davon machen“, will schlicht sagen, ich habe noch keine abschließende Meinung, ich weiß noch nicht, was ich davon halten soll. Gern sagen wir auch: „Ja, ich bin im Bilde“, damit meinen wir weniger, dass wir glücklich sind, es geschafft zu haben, uns einen Platz auf dem Foto für das Familienalbum zu ergattern, als vielmehr, dass wir informiert sind und Bescheid wissen.
Letzten Sonntag saß ich noch bei strenger Temperatur, aber von der Sonne verführt, auf der Außenterrasse eines Cafés, als eine Damen-Gruppe um die Ecke bog und die vorauseilende Dame den nachfolgenden zurief: „Schaut mal, wie hier der Wind pfeift!“ - All diese Sprachbilder benutzen wir, sagt meine zweite Dame, weil das Sehen so ungemein bedeutsam ist und wir den Tatbestand, den wir beschreiben wollen, mit einem Sprachbild aus dem Bereich „Sehen“ eine größere Bedeutung zumessen wollen. Bilder – auch Sprachbilder – scheinen also für unsere Orientierung, für die Wahrnehmung und die Beurteilung unserer Umwelt eine große Rolle zu spielen.
Schon der Kabarettist Dieter Hildebrandt wies darauf hin, dass dies ganz generell auch für unsere „Bildung“ gilt, so meine dritte Dame. Sowohl für den Bildungs-Prozess als auch für den Bildungs-Status spielen Bilder eine große Rolle. Denn, so Hildebrandt, „Bildung kommt vom Bild und nicht vom Buch, sonst hieße es ja Buchung!“ Ganz unrecht hat er nicht, denn wenn wir etwas lernen, dann bildet sich etwas, dann entsteht etwas, von dem wir uns ein Bild machen können, von dem wir eine Vorstellung haben, es erklären und für uns verständlich und verstehbar machen können.
Der weltweit ziemlich einmalige, in andere Sprachen nicht übersetzbare Begriff der „Bildung“ entstammt ja der deutschen Mystik des Mittelalters. Eckhart von Hochheim, bekannt als Meister Eckhart, Philosoph und Theologe aus dem 13. Jahrhundert, formulierte es als eine Art Sisyphos-Arbeit: Eine unverzichtbare, aber nie endende Aufgabe sei es, sich in das „Bild“ Gottes, wie es in der biblischen Tradition überliefert ist, „hineinzubilden“. Wer sich z.B. in die umfassende, grenzenlose Liebe Gottes hineinversenken könne, dessen Wesen werde von dieser Liebe „angesteckt“, so Meister Eckhart.
Im Übrigen verweisen Hirnforscher darauf, so meine vierte Dame, dass unser Wissen ganz allgemein zum allergrößten Teil räumlich abgespeichert wird. Auch hier geht es also um eine bildliche Vorstellung. Selbst Schnellrechner oder Schnelldenker haben Methoden entwickelt, ihr Wissen in Bilder zu transformieren und räumlich abzulegen. Sie stellen sich Schubladen vor oder Häuser, in die sie das Wissen ablegen. Also auch die Tatsache, dass wir Wissen räumlich ablegen, hängt wohl mit der überragenden Bedeutung zusammen, die die visuelle Wahrnehmung unserer Umwelt hat, für unsere Weltdeutung, für das Erkennen, für das Verarbeiten und für das Verstehen von Welt.
Bevor wir nun zum Umgang mit dem Sehen oder besser gesagt: zu dem Umgang mit dem Gesehenen kommen, wollen wir kurz rekapitulieren, was „Sehen“ eigentlich bedeutet und wenigstens ein bisschen verstehen, wie es funktioniert, um diesem Wunder näher zu kommen.
Die folgenden Überlegungen stammen von der Website www.dasgehirn.info:
„(Mit unseren Augen, WR) erkennen wir Dinge, die so gigantisch und weit entfernt sind, wie die Sterne im Universum und so winzig und nah wie eine Ameise auf unserem Unterarm. Wir können zehn Millionen Farbtöne unterscheiden und selbst ein Photon, die kleinste Lichteinheit, genügt, um im Auge eine Reaktion auszulösen. Schon das allein macht den Sehsinn so bemerkenswert. Das größte Wunder aber ist, wie das visuelle System aus dem riesigen Strom von Informationen, der ständig wie ein nie siegender, wild rauschender Wasserfall über unsere Augen strömt, ein weitgehend stimmiges, jedenfalls verständliches Abbild der Welt in unseren Köpfen erschafft. (Und zwar in unseren verschiedenen Köpfen zwar kein gleiches, aber doch sehr ähnliches Abbild der Umwelt, so dass wir uns darüber verständigen können, WR). Im Zusammenspiel mit anderen Teilen des Denkorgans werden dabei Sinnesempfindungen sortiert, gefiltert, bewertet und so geschickt mit Gedächtnisinhalten und Erfahrungen verknüpft, dass wir uns scheinbar mühelos in unserer extrem komplexen Umgebung zurechtfinden. […]
Aus dem unaufhörlichen, riesigen Datenstrom filtert das visuelle System bestimmte Informationen heraus, sortiert sie, verarbeitet sie weiter und gibt ihnen eine Bedeutung. So können wir Formen, Konturen, Helligkeitsunterschiede, Bewegungen, Objekte und auch Personen erkennen und auch wiedererkennen und zugleich – wie gesagt – bis zu zehn Millionen verschiedene Farbtöne unterscheiden. Über die dahinterstehenden Prozesse (des Sehens, des En- und Decodierens, des Entstehens der Welt in unserem Kopf, WR) weiß die Wissenschaft schon viel.“2
„15 Gramm wiegen sie nur, unsere beiden Augen. Das entspricht kaum einem 5000-stel unseres Körpergewichts (in der heutigen Wohlstandsgesellschaft bei einigen Herrschaften wohl noch viel weniger, WR), und doch bildet die hochkomplexe Struktur der Augen und der Informationsverarbeitung der Reize, die über unsere Augen in unser Gehirn strömen, unser Fenster zur Welt. […] Schon die Lage der Augäpfel in tiefen, von Schädelknochen wohlbehüteten und geschützten Höhlen macht deutlich, wie wichtig der Sehsinn in der Entwicklung des Menschen war und für unser Alltagsleben noch immer ist. Um möglichst viele Informationen über die Umwelt einzufangen, sind die kugelförmigen, etwa 24 Millimeter durchmessenden Augäpfel ständig in Bewegung. Sechs zarte Muskeln pro Auge erlauben es uns, auch ohne Kopfdrehung von links nach rechts ein Gesichtsfeld von bis zu 180 Grad zu überblicken. Nach oben und unten sind es immerhin noch 60 bzw. 70 Grad. […]
Im Auge selbst gibt es eine klare Arbeitsteilung: Einerseits muss einfallendes Licht gesammelt, gebrochen und auf eine Ebene fokussiert werden, sodass sich dort ein scharfes Abbild der Außenwelt ergibt. Dies ist Sache des optischen Apparats, zu dem alle lichtdurchlässigen Teile gehören. Seine Funktion ähnelt der des Objektivs einer Kamera, seine Leistung übertrifft allerdings die eines kompletten Objektivsatzes bei weitem. Nachdem die ‚Vorarbeit‘ geleistet ist, übernimmt die Netzhaut (Retina) die Regie. Sie wandelt die Lichtreize in Nervenimpulse um, aus denen das Gehirn dann letztlich eine visuelle Wahrnehmung erzeugt.“3
Das Gesehene wird also erst encodiert, dann wieder decodiert, dieser Prozess der Übersetzung ist wichtig, will man unser „Sehen“ verstehen lernen.
„Welche Bedeutung der Sehsinn besitzt, wird schnell erkennbar, wenn man weiß, dass etwa ein Viertel bis ein Drittel des gesamten Gehirns und 60 Prozent der Großhirnrinde, dem Sitz höherer Hirnfunktionen, mit der Analyse der sichtbaren Welt beschäftigt sind. Wissenschaftler sprechen deshalb auch lieber vom ‚visuellen System‘ – und meinen damit die verschiedenen komplex miteinander verschalteten Teile des zentralen Nervensystems, die allesamt am Sehen beteiligt sind und dabei jeweils spezialisierte Aufgaben übernehmen.“4
Das Sehen ist der bisher am intensivsten und besten erforschte Sinn des Menschen. Die Wissenschaft kann relativ gut erklären, wie das Sehen physiologisch funktioniert, also, wenn Sie so wollen, den mechanischen Teil verstehen wir sehr gut. Aber wie kommt nun „die Welt“ in unseren Kopf? Wie schaffen wir es, die Signale, die unser Auge liefert, im Kopf wieder zusammenzusetzen, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden, zu filtern und zu analysieren, so dass ein stimmiges und halbwegs maßstabsgetreues, zumindest gefühlt „richtiges“ Bild vom Draußen im Drinnen entsteht, und zwar in nur wenigen Millisekunden? Und nicht nur das Erkennen entsteht beim Sehen, sondern mit dem Sehen ist zugleich auch immer Empfindung verbunden. Wie nun verbindet unser Gehirn das Sehen mit dem Empfinden?
„Eine vollständig befriedigende Antwort auf diese Frage hat die Wissenschaft noch nicht gefunden. Zwar füllen die Erkenntnisse über den Sehsinn schon heute ganze Bibliotheken. Und unser Wissen über das Sehen und wie Sehen biologisch und physiologisch funktioniert, übertrifft das über die anderen Sinne bei weitem. Aber es gibt noch immer große Lücken in unserem Wissen und Verstehen (vor allem der Frage, wie wir diesen Bildern Sinn geben und warum wir welchen Bildern welchen Sinn zuschreiben, WR). Den Hirnforschern und Anatomen, den Psychologen und Physiologen, aber auch Informatikern, Philosophen und anderen Spezialisten, die sich damit beschäftigen, das Wunder Sehen (Interpretieren und Verstehen zu enträtseln, WR), wird die Arbeit also so schnell nicht ausgehen.“5
Jetzt kommen wir zu der – meine ich – attraktivsten und interessantesten Dame. „Sehen“ bedeutet ja nicht nur, das Erkennen der Welt, sondern es bedeutet immer zugleich und untrennbar damit verbunden auch das Bewerten der Welt. Wenn wir sehen, sehen wir nicht emotionslos wie eine Kamera, die plump, gefühllos und gleichgültig (im Sinne von unbeteiligt) und „gleich gültig“ (im Sinne von gleichwertig) ein Bild erzeugt, also ohne Priorität und Hervorhebung.
Eine Kamera ist gnadenlos. Wer kennt das nicht? Wir haben uns viel Mühe gegeben für ein Porträtfoto, das Lächeln der zu porträtierenden Person hervorgezaubert, die letzte Strähne aus dem Gesicht gestrichen, den Essenskrümel aus dem Mundwinkel gewischt und das Gesicht in sanftes Licht getaucht. Eigentlich wäre das Porträtfoto auch ganz prima gelungen, aber eben nur eigentlich, denn wir haben die olle Stoffhose, die auf dem Bügel im Hintergrund an der Tür hängt, völlig übersehen, vielleicht nicht das Auge, aber spätestens das Gehirn hat die Hose ausgeblendet, weil sie für das Porträtfoto nicht wichtig war. Nur der doofe Fotoapparat weiß nicht, was wichtig ist, wie soll er auch? Er bildet gnadenlos alles auf dem Chip mit ab, was abzubilden ist, ohne Wertung, ohne Gewichtung, ohne Emotion. Zum Glück aber gibt es Foto-Bearbeitungsprogramme, die mühevoll und zeitraubend das nacharbeiten müssen, was unser Gehirn parallel und sofort zu leisten im Stande ist, nämlich Unwesentliches auszublenden.
Bei allem atemberaubenden Fortschritt der Technik ist das doch der entscheidende Unterschied zwischen uns Menschen und jeder noch so guten Technik: Wir filtern, wir fokussieren, wir schreiben dem Gesehenen sofort einen Sinn zu, und nicht nur einen Sinn, sondern auch eine Emotion, es geht gar nicht anders, das können wir nicht mal entscheiden, wir können die Emotion, die Wertung des Gesehenen, nicht ausblenden, das Gehirn liefert dieses „Extra“ kostenfrei mit, abbestellen können wir es nicht. Und wir können die Art der Emotion auch nicht steuern, weder in Richtung noch in Heftigkeit. Wir können nicht entscheiden, meist auch nicht erklären, warum wir uns in wen verlieben, warum uns dieses Auto besser gefällt oder warum der Sonnenuntergang so schön ist und wir den Blick nicht wenden können. Schönheit ist übrigens auch ein schönes Thema, jeder weiß, was Schönheit ist, jeder Hersteller von Urlaubsprospekten weiß, was schöne Bilder sind und was sie zu erzeugen vermögen, aber versuchen sie mal, Schönheit allgemeingültig zu definieren oder auch nur zu erklären! – Aber auch dieser Dame wollen wir jetzt nicht weiter folgen.
Jedenfalls vermittelt unser Gehirn unserer bewussten Wahrnehmung nie nur das „nackte“, das unkommentierte Bild. Mit jedem Bild, mit jeder Landschaft, mit jedem Menschen, mit jedem Ablauf, mit jeder Bewegung, die, das und den wir erkennen, ist immer zugleich auch eine Emotion verbunden: Zuneigung, Abneigung, Wut, Trauer, Freude, Aufregung, Erregung oder Angst! - Bilder freuen uns, ärgern uns, erheitern uns, Bilder empören uns, machen uns Angst, rühren uns, Bilder berühren uns, mehr als alles andere. Das gilt für authentische Bilder, für Fotos ebenso wie für Bilder aus der Kunst und noch mehr für Bewegtbilder aller Art. Dabei scheint es für unser Gehirn völlig unerheblich zu sein, ob wir das Gesehene „unmittelbar“ erleben, sozusagen filterlos, oder ob das Gesehene medial vermittelt wird. Auch über Fernseh- oder Kinobilder können wir uns aufregen, erregen, freuen, ärgern, ängstigen oder erheitern.
Nicht von ungefähr hat auch das BVerfG in seinen verschiedenen Rundfunk-Urteilen immer wieder auf die ganz besondere Suggestivkraft von Bildern und Bewegtbildern hingewiesen und auch gerade daraus eine Pflicht des Staates zu einer positiven Ordnung des Rundfunkwesens abgeleitet.
Dass „Sehen“ nicht nur dem bloßen Erkennen dient, sondern immer auch mit Wertung, mit Gefühl verbunden ist, mehr als die anderen Sinneswahrnehmungen, wusste schon Altmeister Johann Wolfgang von Goethe: In seinen „Zahmen Xenien“ dichtete er:
„Dummes Zeug kann mal viel reden
kann es auch schreiben!
Wird weder Leib noch Seele töten
Es wird alles beim Alten bleiben.
Dummes aber, vors Auge gestellt
Hat ein magisches Recht
Weil es die Sinne gefesselt hält
Bleibt der Geist ein Knecht“
Mit der Wucht und Kraft von Bildern, das sollte man nicht vergessen, arbeitet u.a. auch die Erotik- und Pornographie-Industrie. Auch dieser Dame folgen wir nun besser nicht.
Auf drei Archetypen des Umgangs mit Bildern will ich kurz rekurrieren:
Der erste Typ handelt nach dem Motto: „Ich glaube nur, was ich sehe“, das ist der Skeptiker, der Purist, der sich selbst als Realist bezeichnen würde und nur den Augen traut. Die verschärfte Form lautet daher: „Ich glaube nur, was ich mit meinen eigenen Augen sehe!“ – Naja, mit fremden Augen zu „sehen“ ist auch ein bisschen schwierig, noch zumindest... Ausnahme sind die medialen Bilder: Die sind schon ausgewählt, redaktionell bearbeitet und dennoch nehmen wir sie als Wirklichkeit an, glauben ihnen und meinen am Ende, es sei so gewesen, wie es uns gezeigt wurde, schließlich haben wir es ja mit unseren eigenen Augen gesehen! Manchmal glauben wir sogar, selbst dabei und vor Ort gewesen zu sein. – Vielleicht liegt diese gleiche Gültigkeit von selbst Gesehenem und medial Vermitteltem auch daran, dass unser Gehirn ja nichts anderes macht, als eine Fernsehredaktion. Es verarbeitet die Bilder redaktionell, es bearbeitet sie, es wählt aus und gewichtet sie.
Aber können wir unseren Augen immer trauen? Ich rede noch nicht einmal von Bildmanipulationen, denn da stimmt ja trotzdem, was wir sehen, auch wenn das Gesehene nicht stimmt, weil es ge- oder verfälscht wurde.
Aber kennen wir nicht alle Situationen von „Selbstfälschungen“, also z.B. die Situation, dass unbeteiligte, neutrale Unfallbeobachter diametral Entgegengesetztes beschwören? Der eine schwört Stein und Bein, dass der Unfallwagen bei rot über die Ampel gefahren sei, der andere dass die Ampel grün zeigte. Beide haben recht, denn sie haben es jeweils so gesehen, auch wenn objektiv nur einer recht haben kann oder keiner, vielleicht war die Ampel gerade von grün auf orange gesprungen? Und wie ist es mit optischen Täuschungen?
Gestatten Sie mir das Wortspiel: Wir sollten unseren Augen - bei allem Vertrauen in die Kraft und Fähigkeit unseres visuellen Sinnes – nicht blind vertrauen.
Der zweite Typ ist deutlich interessanter, er sagt: „Ich sehe nur, was ich glaube.“ Vielleicht ist er ein Träumer, vielleicht ein Architekt von Luftschlössern, vielleicht ein Realitätskonstrukteur, jedenfalls gehört er auch zu den psychiatrisch außerordentlich interessanten Wesen. Aber wir sollten diesen Typ nicht voreilig und überheblich beiseiteschieben, wir sollten unseren Hochmut zügeln. Hat er es im Leben nicht ein wenig leichter, ist sein Leben nicht angenehmer?
„Alle Dinge sind Gift, und nichts ist ohne Gift, allein die Dosis macht, dass ein Ding kein Gift ist“, meinte der Schweizer Arzt Phillipus Aureolus Theophrastus Bombastus von Hohenheim, genannt Paracelsus. Es kommt also auf den Grad der Abweichung an und auf die Art, das Wesen und den Inhalt des Glaubens, was unser Archetyp sieht. Wie realitätsnah ist der Glauben jenes Typen, der nur sieht, was er glaubt? Und welchen Bildern entspringt sein Glaube? - Befindet er sich mit seinem Sehen noch im Interpretationsspielraum des auch für andere noch Sehbaren? Oder schon außerhalb eines Interpretationskorridors, der den meisten Menschen zugänglich ist, kann er sich also noch mit anderen über sein Sehen verständigen?
Im Übrigen entspricht dieser Typ, dieser Realitätskonstrukteur, der Funktionsweise unseres Gehirns ziemlich genau. Unser Gehirn gibt nicht immer die Realität wider, sondern manipuliert etwas herum. Es gibt viele Versuche, die das belegen. Zwei Beispiele: Von der ollen Flanell-Hose an der Tür, die unser Gehirn für unsere Wahrnehmung nicht freigegeben hat, habe ich schon gesprochen. Es gibt noch einen einfachen Versuch, den ich jetzt nur vom Prinzip her schildern will, die genaue Anleitung können Sie im Internet finden. Sie kennen das berühmte Schneerauschen in Ihrem Fernseher. An einer bestimmten Stelle kleben Sie nun einen schwarzen Punkt auf die Mattscheibe. In einer bestimmten Entfernung von diesem schwarzen Punkt kleben Sie auf die Mattscheibe ein weißes Quadrat. Sie schauen auf den schwarzen Punkt, anfangs nehmen Sie das weiße Quadrat im Augenwinkel noch sehr genau wahr. Aber nach kurzer Zeit verschwindet es in Ihrer Wahrnehmung, die weiße Fläche wird von der Realitätskonstruktion Ihres Gehirns mit dem Schneerauschen gefüllt. Da sich das weiße Quadrat nicht bewegt, für Sie nicht bedrohlich ist und sich keinerlei Nutzen für Sie aus der Kenntnis zu ergeben scheint, dass da noch ein weißes Quadrat zu sehen ist, löscht das Gehirn diese Info für Sie einfach aus.
Ein bisschen wie unser Gehirn funktioniert auch die digitale Bildübertragung beim Fernsehen. Wurde beim analogen Fernsehen noch Bild für Bild komplett übertragen, wird beim digitalen Fernsehen nur noch jener Anteil eines Bildes übertragen, in dem sich eine Veränderung ergibt. Alles andere bleibt wie gehabt. Aber nun laufen wir wieder Gefahr, einer Dame zu folgen, die uns vom Geschehen wegführt, daher zurück zum Thema:
Ein großes Magazin schrieb einmal: „Wie wir die Welt um uns herum visuell wahrnehmen, beruht größtenteils auf Spekulationen des Gehirns, meist liegt es dabei richtig, aber eben nicht immer.“6 – Sie kennen die kleinen Verwirrungen, derer wir uns bewusst werden. Wir schätzen den Radius eines Kreises, wenn er inmitten kleiner Kreise liegt, deutlich größer, als wenn er inmitten lauter großer Kreise liegt. Und wir wissen auch, dass das Fühlen das Sehen prägen kann. Wenn wir wissen, wie sich eine Sache anfühlt, sehen wir sie anders. Das Rot des Pullovers, der auf der Haut kratzt, wirkt unangenehmer als der blaue, auf der Haut so kuscheligweiche Flanell-Pullover.
Wie wir die Welt um uns herum wahrnehmen, beruht großteils auf Spekulationen des Gehirns. Meist liegt es dabei richtig - aber eben nicht immer.
Das Gehirn verknüpft die verschiedenen Sinneseindrücke und verwendet prioritär jene Information, die zuverlässiger scheint.
Und unser Gehirn lässt nicht alle Informationen, die es über das Auge aufnimmt, in unser Bewusstsein treten, oder zumindest nicht in gleicher Gewichtung. Suchen wir zum Beispiel nach einem Menschen in einer großen Menschenmenge oder einem Objekt inmitten vieler anderer, ignorieren wir andere Menschen, andere Objekte, nehmen sie kaum wahr, könnten sie später kaum beschreiben. Wir sehen also nicht alles, wie es vor unseren Augen „ist“, sondern nur einen Teil davon, das Auge fokussiert sich auf irgendetwas Bestimmtes und blendet anderes aus. Wie bei einem Teleobjektiv. Das in den Fokus genommene Objekt ist scharf und deutlich erkennbar, andere Bereiche verschwimmen bis ins Unkenntliche.
Und wir sind völlig fixiert auf den oder das Gesuchte. Viele von Ihnen kennen vielleicht auch den berühmten „Gorilla-Versuch“. Man zeigte Versuchspersonen einen Film, in dem zwei unterschiedlich gekleidete Teams von Basketballspielern gleichzeitig mit je einem Ball spielten. Die Versuchspersonen wurden gebeten zu zählen, wie oft sich die Spieler eines der Teams den Ball zuspielten. Die Aufgabe erforderte hohe Konzentration. Nach rund 45 Sekunden lief eine Person im Gorilla-Kostüm quer und auffällig durch die gesamte Szene. Als die Versuchspersonen später gefragt wurden, ob ihnen etwas aufgefallen sei, konnte nur ein extrem kleiner Teil berichten, den Gorilla gesehen zu haben. Alle anderen waren erstaunt und hatten nichts bemerkt, das Gehirn hatte diese für die Aufgabe unwichtige Information schlicht ausgeblendet, jedenfalls nicht zugelassen, dass sie ins Bewusstsein tritt.
Aber auch andere Informationen blendet das Gehirn verblüffenderweise aus. „Etwa bei einem Experiment auf einem Universitäts-Gelände. Versuchsleiter hatten einen Campus-Plan in der Hand und fragten Passanten, wie sie am schnellsten zu einem bestimmten Gebäude kommen könnten. Unerwartet (für die Befragten, aber geplant von den Versuchsleitern) bahnten sich zwei Männer mit einer Tür ihren Weg genau zwischen den beiden Gesprächspartnern hindurch. Diesen Moment nutzten die Forscher, um die Fragenden auszutauschen. In mehr als der Hälfte der Fälle erkannten die Befragten den Wechsel nicht. Erstaunt darüber, wurden die Forscher immer kühner, tauschen Männer gegen Frauen, Junge gegen Ältere aus.“7 Das Ergebnis blieb das Gleiche, in den allermeisten Fällen wurde der Austausch der Fragenden von den Befragten nicht bemerkt.
Allerdings, und das macht die Sache außerordentlich interessant, manipuliert das Gehirn nicht nur Bilder, die von außen in unser Gehirn gelangen, in dem es Dinge hinzufügt oder redigiert und schlicht streicht. Unser Gehirn ist außerordentlich kreativ, es erweist sich als regelrechter Künstler. Denn es entstehen auch innen im Gehirn Bilder, Sequenzen, ja ganze kleine Filmchen, die uns als „Erinnerung“ dargeboten werden, obschon sich das zum Teil sehr deutlich Memorierte nicht so oder überhaupt nie zugetragen hat. Das Gehirn konstruiert diese Ereignisse nur.
In der Psychologie spricht man von „Erinnerungsverfälschung“ und von „Erinnerungsfälschung“ des Gehirns. Die Begriffe wurden schon 1886 von Emil Kraepelin eingeführt, der in der wissenschaftlichen Psychiatrie arbeitete und u.a. an der Ludwig-Maximilians-Universität in München lehrte. Dabei meint die Erinnerungsverfälschung eine unabsichtliche Veränderung bestehender Gedächtnisinhalte. Also Ereignisse, die tatsächlich stattgefunden haben, werden in der Erinnerung schlicht verändert, unbewusst wohlgemerkt. Die Erinnerungsfälschung dagegen meint das Entstehen neuer, eigener Gedächtnisinhalte, die keine Entsprechung mit einem realen Ereignis haben. In beiden Fällen ist die Erinnerung absolut real und konkret. Und beide Vorgänge unterscheiden sich von der bewussten Falschaussage, also der Lüge. In beiden Fällen würden wir Stein und Bein schwören, dass sich das Erinnerte genau so zugetragen hat.
Darüber hinaus ist es sogar möglich und erstaunlich einfach, Menschen falsche Erinnerungen einzupflanzen. Sogar an Straftaten, die sie nie begangen haben, erinnern sich Menschen in einer erstaunlichen Präzision, wie Experimente gezeigt haben. In einem Experiment hat man Erwachsenen suggeriert, sie hätten als Jugendliche eine Straftat begangen. In einem Fall hat man einer Frau erzählt, sie habe mit einem handgroßen Stein nach ihrer Freundin geworfen und diese dabei schwer am Kopf verletzt. Das Experiment war so subtil und geschickt angelegt, dass die Frau im Folgenden sogar Einzelheiten der Tat preisgab. Sie konnte den Grund ihrer Aggression benennen („Meine Freundin hat mich eine Schlampe genannt, da bin ich ausgerastet, weil es gegen unsere Familie ging, denn zwei meiner Schwestern bekamen schon mit 15 ein Kind“), sie konnte den Tathergang wiedergeben, sie wusste noch, wie das Wetter an dem Tag war und was sie und ihre Freundin damals für Klamotten trugen, ja sie konnte sich sogar noch an die Polizisten erinnern, die damals ins Haus kamen, und sie exakt beschreiben.
In Wahrheit hat es diese Tat niemals gegeben. Als die Frau am Ende aufgeklärt wurde, war sie ganz baff und verwirrt und konnte kaum mehr glauben, dass es sich dabei um eine Erfindung handelte, so real waren die Bilder, die ihr „Gedächtnis“ ihr bereitgestellt hatte.
Bei ähnlichen Experimenten legten 21 von 30, also fast 70% der Befragten, Geständnisse von zum Teil schwerwiegenden Straftaten ab, die sie sogar sehr genau beschreiben konnten, die sie aber in Wahrheit nie begangen hatten. Das wirft ein neues Licht auf die Ergebnisse von Polizeiverhören, denn in der Kriminalistik ist eine Zeugenaussage noch immer der – wie es heißt – „König der Beweise“.
Aber warum ist das so? Warum spielt uns das Gedächtnis derartige Streiche und konstruiert sogar Erinnerungen von Ereignissen, die niemals stattgefunden haben?
Harald Welzer, Sozialpsychologe und Leiter der Gruppe „Erinnerung und Gedächtnis“ am Kulturwissenschaftlichen Institut in Essen meint zugespitzt: „Unser ganzes Leben ist in der Erinnerung eine Erfindung“, und weiter: „Es gehört zur menschlichen Normalität, sich falsch zu erinnern. Das korrekte Erinnern ist das Anomale.“ Zwar forme das Gedächtnis das „Ich“, Erinnerung bilde sich aber erst in der Gemeinschaft heraus, in der Kommunikation mit anderen. Welzer spricht von „kommunikativem Gedächtnis“. Erinnert werde nicht, was passiert sei, sondern was sich erzählen lasse. Und das Gedächtnis ist auch mit Fakten, die anderes belegen, nur schwer zu überzeugen. Dem Gedächtnis lassen sich keinen Zügel anlegen, es ist außerordentlich kreativ und unberechenbar. Auch Historiker leiden unter dieser Kreativität des Gedächtnisses. Johannes Fried, einer der renommiertesten Historiker Deutschlands, sagt: „Das Gedächtnis arbeitet nicht für Historiker, es dient dem Leben und dieses bedarf fließender Anpassung. (…) Jede Aussage eines Zeitzeugen ist damit Deutung und Konstrukt, Erinnerung und keine Wahrnehmung“, so Fried.
Wir müssen uns also verabschieden von der Vorstellung, dass unser Gedächtnis eine Art Archiv sei, das pedantisch unser Erleben und die Wirklichkeit abspeichert und über Tage, Wochen, Monate und Jahre unverändert zum Abruf bereithält. Das Gegenteil ist der Fall. Das Gehirn fummelt ständig im Archiv herum, ergänzt, korrigiert, vernichtet, erfindet. Experten sprechen von „False Memory“, zugespitzt könnte man sagen: Unser Gedächtnis wird jeden Tag neu überarbeitet. Denn das Gehirn arbeitet nicht wie eine Kamera, die eine Szene objektiv und vollständig aufnimmt. Es speichert vielmehr nur die einprägsamsten Fragmente. All diese Eindrücke werden zudem noch in verschiedenen Hirnregionen abgelegt und verbinden sich dort mit schon vorhandenem Wissen. Beim Erinnern werden nun diese im Gehirn verstreuten Fragmente zusammengekramt, entsprechende Lücken werden schlicht gefüllt mit dem Wahrscheinlichsten oder Angenehmsten. Das Erinnern ähnelt einem Stegreiftheater, in dem ein vergesslicher Regisseur andauernd improvisiert.8
Selbst die Prominenz ist nicht vor falschen Erinnerungen gefeit, und wenn es sich auch nur um die Chronologie von Ereignissen handelt. Der damalige US-Präsident George W. Bush hatte während eines Schulbesuches in Florida von den Terroranschlägen 9/11 in New York erfahren, die Bilder eines sichtlich konsternierten Präsidenten gingen später um die Welt. Bush memorierte die Ereignisse anders. Er behauptete später steif und fest, er habe noch vor Betreten des Klassenzimmers im Fernsehen verfolgt, wie das erste Flugzeug in das World-Trade-Center flog. Erwiesenermaßen gab es zu dem Zeitpunkt aber noch gar keine Aufnahmen bzw. Live-Übertragungen. Bush hat unbewusst später Gesehenes, spätere Erinnerungen in den Ablauf eingebaut und eine neue Reihenfolge der Ereignisse, wie zumindest er sie erlebt hat, konstruiert.
Wir kennen das aus dem Erinnern von Ereignissen, die wir gemeinsam erlebt haben. Zum Beispiel den gemeinsamen Urlaub. Was der eine nicht mehr weiß, ergänzt der andere, in Details, die beide, aber unterschiedlich, memorieren, kann man sich fast zerstreiten, weil jeder auf seine Version beharrt und dem anderen unterstellt, er wolle den wirklichen Hergang absichtlich falsch wiedergeben. Meist aber ist Erinnern ein sozialer Vorgang. Experimente zeigen, schon nach der ersten Unterhaltung über Vergangenes verändern sich Erinnerungen, zum Teil sogar erheblich.
Gedächtnisforscher meinen, nur weil wir gegenseitig unsere Erinnerungen beeinflussen, können wir uns auf ein gemeinsames Bild der Vergangenheit verständigen. Darauf beruht unsere soziale Identität.
Elizabeth Loftus, Professorin an den Instituten für Psychologie, Kriminologie und Rechtswissenschaft der University of California, stellt fest: „Das Gedächtnis ist suggestiv, subjektiv und formbar.“ Bewusst steuerbar ist es nicht, denn im Grunde macht das Gedächtnis, was es will. Aber: Es tut das immer in der besten Absicht und zum Wohle des Trägers des Gedächtnisses. – Wir sind etwas abgeschwiffen und dieser Dame erstaunlich weit gefolgt, aber sie war eben auch attraktiv.
Eine andere Dame verweist darauf, dass auch beim Lesen Bilder entstehen, man kann beim Lesen guter Bücher förmlich eintauchen in die Szenerie und sieht auch die handelnden Personen leibhaftig vor sich. Wie wichtig es sein kann, sich die Erfahrungen Dritter über Bücher anzulesen und förmlich anzueignen, zu den eigenen Erfahrungen zu machen, darüber hat Stefan Zweig wie folgt geschrieben: „Und ich verstand, dass die Gabe oder die Gnade, weiträumig zu denken und... die Welt von vielen Flächen her anzuschauen, nur dem zuteil wird, der über seine eigene Erfahrung hinaus die in den Büchern aufbewahrte aus vielen Ländern, Menschen und Zeiten einmal in sich aufgenommen hat, und war erschüttert, wie eng jeder die Welt empfinden muss, der sich dem Buch versagt. (...) Denn wenn wir lesen, was tun wir schon anderes, als fremde Menschen von innen heraus mitzuleben, mit ihren Augen zu schauen, mit ihrem Hirn zu denken? (...) Und je mehr ich nachdachte, umso mehr erkannte ich, dass unsere geistige Welt aus Millionen von Monaden einzelner Eindrücke besteht, die geringste Zahl aus nur Geschautem und Erfahrenem stammt – alles andere aber, die wesentlich verflochtene Masse, sie danken wir Büchern, dem Gelesenen, dem Übermittelten, dem Erlernten.“ Stefan Zweig meinte, ohne Bücher bleibt einem die Welt verschlossen. Auch diese Dame wollen wir verlassen.
Ein weiteres Beispiel für die Realitätskonstruktion unseres Gehirns über die Augen sind die Farben, die wir wahrnehmen.
Farblos - die einzige Farbe, die es wirklich gibt! Die folgenden Überlegungen stammen von der Website http://www.apotheke-mayr.com der Stadtapotheke Gleisdorf: 9
„Die bunte Welt um uns herum entsteht einzig und allein in unserem Kopf. Die Dinge selbst haben keine Farben, Pflanzen sind nicht grün, Blut ist nicht rot und das Meer ist schon gar nicht türkisblau. Die Farbwahrnehmung hängt nur vom Licht ab, von seiner Wellenlänge, und davon, was das Auge und vor allem das Gehirn daraus machen.
„Licht besteht aus Wellen mit verschiedener Länge. Diese Wellen selbst sind nicht farbig, wenn sie aber auf unsere Netzhaut fallen, rufen sie im Sehsystem einen bestimmten Farbeindruck hervor. Die kurzen Wellen ergeben die Wahrnehmung Blau, die langen Wellen Rot. Weißes Licht ist eine Kombination sämtlicher Wellenlängen von ganz kurz bis ganz lang. Erst wenn man weißes Licht durch ein Prisma fallen lässt, wird es in seine Bestandteile zerlegt.
Wie sieht die Welt also aus, wenn Farbe nur eine Interpretationssache ist?
Die Annahme, eine farblose Welt sei grau, ist naheliegend, aber auch falsch. Auch der Eindruck Grau ist eine Interpretation unseres Gehirns. Wir können uns Farblosigkeit einfach nicht vorstellen, ebenso wenig wie wir uns Farben vorstellen können, die außerhalb unseres Wahrnehmungsbereiches liegen.
Ultraviolettes oder infrarotes Licht lässt sich zwar nachweisen – wir können es aber nicht sehen und wissen nicht, wie es optisch wirkt. Alleine die Bezeichnung ruft aber eine Einschätzung hervor, die vermutlich falsch ist.
Denn auch eine ‚rote Rose‘ ist falsch, da es in Wirklichkeit gar kein Rot gibt. Wir drücken damit aus, wie wir Dinge wahrnehmen und nicht, wie sie sind.
Wenn wir Farbe sehen, sehen wir im Grunde Licht, das vorher den Umweg über die Oberfläche eines Gegenstandes genommen hat. Fällt weißes Licht auf Materie, dann schluckt deren Oberfläche ein bestimmtes Spektrum der Wellenlänge. Die übrige Lichtenergie wird abgestoßen oder reflektiert. Erscheint ein Auto schwarz, dann hat seine Oberfläche also fast die gesamte Lichtenergie eingefangen und schickt fast keine Wellen zu unserem Sehsystem. Die Lichtenergie geht jedoch nicht verloren, sondern verwandelt sich in Wärme. Deshalb ist es in einem schwarz wirkenden Auto wärmer als in einem weißen. Die Oberfläche eines weiß scheinenden Autos schluckt folglich keine Strahlen, sondern stößt sie fast vollständig ab. Die Oberfläche einer ‚roten‘ Tomate absorbiert jene Wellenlängen, die unser Gehirn als grün interpretieren würde. Das Grün bleibt sozusagen als Wärme in der Tomate, während das Rot zu unserem Auge geschickt wird. Aber: die Tomate selbst ist nicht rot. Beleuchtet man sie nämlich mit farbigem Licht aus dem die Wellenlängen des roten Spektrums bereits ausgefiltert sind, kann sie keine entsprechenden Wellen mehr reflektieren und scheint deshalb schwarz. Die Tomate besitzt also lediglich die Eigenschaft, unter bestimmten Voraussetzungen, in unserem Kopf die Wahrnehmung Rot auszulösen.“10
Sie sehen also, der zweite Typ, der nur sieht, was er glaubt, nur sieht, was er sehen will, kommt der Funktionsweise unseres Gehirns erstaunlich nahe. Auch das Gehirn zeigt uns nur, was es will.
Dann gibt es aber noch den dritten Typus, den u.a. wir Christen verkörpern, denn wir müssten eigentlich sagen: „Ich glaube nur, was ich nicht sehe.“ Denn „Sehen“ wird oft als Synonym für „Wissen“ verwendet. Und wenn man sich unser Glaubensbekenntnis, das apostolische Glaubensbekenntnis, vor Augen führt (wovor denn sonst), dann scheint der Satz: „Ich glaube nur, was ich nicht sehe“ für Christen durchaus angemessen zu sein: „Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde“, so heißt es dort gleich zu Beginn. – Wir glauben an Gott, auch ohne ihn sehen zu müssen, ohne ihn je gesehen zu haben, ohne ihn sehen zu können, jedenfalls nicht im irdischen Leben. Wir glauben auch, so endet unser Bekenntnis, „an die Auferstehung der Toten und das ewige Leben“11. Ich denke, niemand hier im Saal hat je einen Gestorbenen real wieder getroffen, sich mit ihm zum Essen verabredet oder auf ein Gläschen Wein. Dennoch glauben wir an die Auferstehung der Toten. Und, wie heißt es im Johannes-Evangelium, Kapitel 20, Vers 29: „Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.“ – Und im 2. Korinther-Brief gibt es gleich zwei passende Stellen dazu: In Kapitel 5, Vers 7 heißt es: „Wir wandeln im Glauben und nicht im Schauen“ und in Kapitel 4, Vers 18: „Denn was sichtbar ist, das ist zeitlich, was aber unsichtbar ist, das ist ewig.“ – „Glauben“ heißt eben gerade nicht „Wissen“, und meist heißt Glauben auch: nicht Sehen! - Weltlich könnte man mit dem Fotografen Darko Todorovic sagen: „Die meisten schauen nur, die wenigsten sehen!“
Da ich ihn so verehre, lassen Sie mich noch meinen Alltagsphilosophen zitieren, Eugen Roth, der so schön den Unterschied von „Glauben“ und „Wissen“ auf den Punkt bringt:
„Ein Mensch denkt logisch, Schritt für Schritt,
jedoch, er kommt nicht weit damit!
Ein anderer Mensch ist besser dran,
der fängt ganz schlicht zu glauben an.
Im Staube bleibt Verstand oft liegen,
der Glaube aber, kann auch fliegen!“
Wir geleiten nun auch diese Dame sanft und galant, aber bestimmt hinaus und wenden uns wieder unserem Ursprungsthema zu:
Wir wissen verstandesgemäß sehr wohl, dass auch das „ist“ und sein kann, was wir nicht sehen oder auch gar nicht sehen können. Die Mathematik und die Physik lehren uns viele Dinge, die schon schwer zu verstehen, aber erst recht nicht zu sehen sind, auf bestimmte Farbspektren habe ich bereits verweisen dürfen. Die Phänomene der Quantenphysik wären weitere Beispiele. Sie existieren, sind nachzuweisen, aber in den seltensten Fällen zu „sehen“.
Aber es finden sich auch einfachere Beispiele: Als Juri Gagarin im April 1961 als erster Mensch die Erde umrundete, kam der überzeugte Kommunist mit der triumphal vorgetragenen Erkenntnis zurück: „Ich war im Himmel, Gott gibt es nicht! – Ich habe gesucht und gesucht, aber ich habe ihn nicht gesehen!“ – Worauf ihm ein sehr bekannter Hirnchirurg aus Moskau antwortete: „Dann geht es Ihnen wie mir... ich habe schon endlos viele Köpfe geöffnet und Gehirne operiert, aber dabei noch nie auch nur einen einzigen Gedanken gesehen!“ – Nun wird kein ernsthafter Mensch bestreiten, dass es Gedanken gibt, Produkte unseres Denkens, aber haben Sie schon mal einen gesehen, auch nur mal versucht, zu definieren, was ein Gedanke ist?
Ja, was ist ein Gedanke? – Eine Meinung, ein Einfall, eine Ansicht, eine Idee, ein Urteil, eine Schlussfolgerung, eine bewusste oder zumindest bewusstseinsfähige psychologische Handlung, eine Vorstellung, eine Konstruktion von Sätzen, manchmal auch von Handlungen, von Abläufen, von Objekten und Menschen, von Szenen oder gar von Gefühlen?
Und was ist mit unseren Träumen? Träume sind meist wenig Gespräch, aber viel Bild. Wir sehen Bekanntes und Unbekanntes, wir sehen uns bekannte und unbekannte Menschen, wir sehen klare, logische Dinge und wirres Zeug, wir sind in Träumen mal beteiligt, mal nur Zuschauer, wir sind in der Gegenwart, manchmal aber auch in der Vergangenheit oder in einem uns nicht bekannten Raum-Zeit-Gefüge. Jedenfalls sind Träume bildbestimmt. Sind Träume, die manchmal erstaunlich oder auch erschreckend real sein können, nun Gedanken? Und wenn ja, wer denkt denn da eigentlich, wer konstruiert da welche Bilder und warum? Bestellt haben wir Träume nur in den seltensten Fällen, das macht unser Gehirn gratis und unaufgefordert, und beileibe nicht immer zu unserer Erbauung. Und warum lässt das Gehirn diese oft nur konstruierten Bilder in unser Bewusstsein gelangen? Ist es so, dass das Gehirn den Raum des Unbewussten aufräumen muss und daher all diese Bilder erstmals auf den Flur des Bewusstseins legt, wie Loriot die Weihnachtsgeschenkpapiere? Erstaunlich auch, dass auch jene Träume, die uns sehr bewegen, relativ schnell wieder verblassen. Die Bilder werden uns von unserem Gehirn gegeben, dann wieder genommen. Hat vielleicht doch mit Aufräumen zu tun… – Naja, auch dieser Dame wollen wir nicht weiter folgen, so verlockend es auch wäre.
Jedenfalls wissen wir, dass es Gedanken gibt, auch ohne sie gut definieren und schon gar, ohne sie visuell sehen zu können. Wir sehen allenfalls das Konstrukt, das Ergebnis von Gedanken. Ähnlich ist es mit der Liebe, wir wissen, dass es sie gibt, können sie aber nicht sehen, nicht riechen, nicht schmecken und schon gar nicht greifen. Wir können unsere Liebe immer nur in Ersatzhandlungen zum Ausdruck bringen. Was wir „sehen“, ist ein sich zärtlich umschlungenes Pärchen, ein älteres Paar, das händchenhaltend promeniert, ein Vater, der seine Tochter zärtlich auf die Wange küsst, das alles sind Kompensationen des Unvermögens, Liebe unmittelbar sichtbar zu machen, es sind Ersatzhandlungen. Wir zeigen unsere Liebe durch Zeit, die wir einem anderen Menschen schenken, durch Zärtlichkeit und Empathie, durch Verstehen und Verständnis, durch Geschenke und Hilfe, durch Verlässlichkeit, Vertrautheit und Vertraulichkeit. Aber versuchen Sie doch einmal, in einer Beziehung zu klären, wer wen mehr liebt? Ist es jener, der sie ständig liebkost und sich täglich, ja stündlich seiner Liebe ihr gegenüber verbal bekennt, oder ist es jene, die still seine Gegenwart genießt, die ein tiefes, sie fast verzehrendes Empfinden für ihn verspürt, das sich sprachlich aber überhaupt nicht mehr fassen lässt? Unmittelbar sichtbar ist die Liebe jedenfalls nicht und ein Liebesthermometer gibt es auch (noch) nicht. Dennoch wissen wir, dass es sie gibt, die Liebe – Gott sei Dank!
Vielleicht können wir all diese Dinge, die sich dem Sprachlichen, dem Erklärbaren entziehen, ja, vielleicht können wir sogar Gott doch irgendwie „sehen“, nur eben nicht mit unseren „Augen“. „Sehen ist nicht sehen, sehen ist denken“, meinte der österreichische Diplomat und Schriftsteller Alexander von Villers. Und wie lässt Antoine de Saint-Exupéry schon den schlauen Fuchs zum „Kleinen Prinzen“ sagen: „Hier mein Geheimnis. Es ist ganz einfach: Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar!“ – Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar, wiederholte der Kleine Prinz, um es sich zu merken.
Ergänzen lässt sich die Erkenntnis des „Kleinen Prinzen“ durch die Feststellung, die Altmeister Goethe zugeschrieben wird: „Nur weil du die Augen offen hast, musst Du nicht gleich glauben, dass Du auch siehst.“ – Wir brauchen also für die Entstehung von Bildern gar nicht immer nur zu sehen. Bilder können auch ohne Sehen entstehen. Wer kennt das nicht, wir hören eine angenehme Stimme im Radio, schwuppdiwupp haben wir ein Gesicht dazu, vielleicht eine Adaption eines uns sympathischen, realen anderen Menschen. Vielleicht eine Summe von uns sympathischen Merkmalen: Das blonde Haar von Gabi mischt sich mit den blauen Augen von Steffi und dem sanften Lächeln von Susi, vielleicht komponiert unser Gehirn so das imaginäre Aussehen der uns sympathischen Radio-Sprecherin. Sehr häufig sollte man dann seine hübsche Vorstellung mit der Realität nicht abgleichen, selten wird man positiv überrascht. Als ich noch selbst beim Radio arbeiten durfte, habe ich oft die Enttäuschung herausgehört, die bei der ersten Begegnung der Hörer mit mir in deren Worten lag: „Ach Sie sind das, Sie habe ich mir aber ganz anders vorgestellt!“ – Schlechter, hässlicher, mit noch weniger Haaren haben sie mit diesen Worten eindeutig nicht gemeint. Sie hatten offenkundig ein anderes „Bild“ von mir vor ihrem geistigen Auge, dem ich gar nicht entsprechen konnte, leider... oder vielleicht auch zum Glück, ich weiß es nicht.
Aber brauchen wir eigentlich immer Bilder? – Geht es überhaupt ohne? – Jedenfalls sollen wir uns nicht immer ein „Bild machen“, jedenfalls nicht von Gott. Nach unserem heutigen Verständnis lautet das zweite Gebot zwar: „Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen.“ - In der anglikanischen, der orthodoxen und reformierten Tradition heißt es aber im zweiten Gebot: „Du sollst dir kein Gottesbildnis machen, das irgendetwas darstellt am Himmel droben, auf der Erde unten oder im Wasser und unter der Erde.“ – Aber wer kommt schon völlig aus ohne Bild, auch ohne jegliches Gottesbild? – Von Dingen, die uns etwas bedeuten, machen wir uns eben auch gern ein „Bild“, davon haben wir gern eine „Vorstellung“, davon wollen wir eine Vorstellung haben! Und nicht nur eine „optische“, sondern auch eine affektive. Denn was wir uns nicht vorstellen können, das „ist“ nicht oder das hinterlässt zumindest keinen großen Eindruck auf uns.
Ein Beispiel aus der Politik: Als in Ruanda 1994 innerhalb von nur 100 Tagen rund eine Million Tutsi von der Hutu-Mehrheit ermordet wurden, meist bestialisch, mit Macheten abgeschlachtet, da hat die Welt kaum Anteil genommen. Warum? Es gab einfach keine Bilder davon, nur Berichte. Berichte nehmen wir auf, vielleicht sogar empört, aber erregen, aufregen und berühren können Bilder deutlich mehr. Bilder brennen sich ein. Auch wenn wir Zeit und Anlass, Grund und Ursache der Bilder vergessen sollten (was vielfach geschieht), die Bilder selbst bleiben fest verankert in unserem Gedächtnis…
Bilder machen Kriege – und Bilder beenden Kriege! Als unerträgliche Bilder vom Bürgerkrieg in Somalia 1992 über das Fernsehen an die amerikanische Öffentlichkeit gelangten, man flüchtende, verhungernde Kinder gesehen hat, entschloss sich US-Präsident George Bush Senior unter dem Druck der Öffentlichkeit, amerikanische Soldaten zu entsenden, die öffentlichkeitswirksam unter einer Scheinwerferflut an der Küste Somalias landeten. 1993 kam es dann zur folgenschweren Schlacht in Mogadischu, bei der viele amerikanische Soldaten starben und in deren Folge tote amerikanische GIs von einem johlenden, jubelnden Mob nackt durch
