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Der introvertierte Schriftsteller Uli hat drei große Leidenschaften: Bücher schreiben, seine eigene Serie produzieren und in Jakob verliebt sein.
Die Sache hat nur einen Haken - Jakob ahnt nichts von seinem Glück. Er kennt Uli nicht einmal. Dafür bekommt er regelmäßig Herzflattern, wenn er mit Bestsellerautorin Ulrika van Orb chattet. Eigentlich ist Jakob schwul und kann mit Frauen überhaupt nichts anfangen, trotzdem kribbelt es jedes Mal, wenn sie sich online treffen.
Niemand weiß, wer sie ist, niemand hat sie je gesehen und bis auf eine Handvoll Eingeweihte weiß auch niemand, dass sich hinter Ulrika van Orb keine Frau, sondern ausgerechnet der schüchterne Uli verbirgt, der im stillen Kämmerlein erotische Romane schreibt. Seine Serie „Küss mich, lieb mich“ bricht alle Rekorde, doch Uli wird nicht geliebt. Auch geküsst hat er schon lange niemanden mehr. Allerdings würde er gern, Jakob nämlich, und sicher wäre es ein Leichtes, sich der Sache zu stellen und einfach die Wahrheit zu sagen. Doch Uli ist nun einmal der, der er ist und über seinen Schatten zu springen, ist gar nicht so einfach …
Abgeschlossener Roman, entspricht ca. 325 Taschenbuchseiten
Weitere Bücher von Sasha Lilus:
Rock Dance Love_1 – Jay
Rock Dance Love_2 – Noah
Rock Dance Love_3 – Dragon
Rock Dance Love_4 – Dylan
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Veröffentlichungsjahr: 2022
Sasha Lilus
Küss mich,
lieb mich
Gay Romance
Das vorliegende Buch ist reine Fantasie.Ähnlichkeiten mit lebenden oder bereits verstorbenen Personen sind zufällig und nicht beabsichtigt.
ImpressumV.i.S.d.P.Sasha Lilus c/o Autorencentrum.deEin Projekt der BlueCat Publishing GbRGneisenaustr. 6410961 Berlin
E-Mail: [email protected].: 030 / 61671496
Copyright © Sasha Lilus, November 2021
Coverbild: iStock.com/ WiroKlyngz
Coverdesign: Sasha LilusAlle Rechte, einschließlich dem des vollständigen oder teilweisen Nachdrucks in jeglicher Form sind vorbehalten.
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
16. Kapitel
17. Kapitel
18. Kapitel
19. Kapitel
20. Kapitel
21. Kapitel
22. Kapitel
23. Kapitel
Epilog
… Jeans Stimme ist rau vor Erregung, als er sich zu mir herunterbeugt.
„Was willst du, Baby? Sag es mir.“
Ich zittere, heißes Blut schießt mir direkt in die Lenden, entfacht ein Feuer der Leidenschaft. Seine großen, warmen Hände wandern über meinen Rücken, umfassen meinen Hintern und kneten ihn langsam und genüsslich, machen aus mir ein willenloses Bündel. Instinktiv ziehe ich die Beine an und spreize sie ein wenig, um ihm besseren Zugang zu gewähren.
„Das weißt du doch“, flüstere ich tonlos.
„Ich will es hören.“ Knurrend entblößt er seine weißen Raubtierzähne, bereit, sie mir ohne Gnade in den Hals zu stoßen.
„Dino! Sag mir, was du willst!“
Oh Jean … mein Geliebter … mein eleganter schwarzer Panther!
Geschmeidig wie eine Raubkatze gleitet er über mich und öffnet meine Beine mit seinen Knien. Hitze flutet mich und ich verbrenne fast, als ich stöhne:
„Dich … ich will dich!“
„Ulysses? Ulysses!“
Die energische Stimme seiner Mutter ließ die Finger, die fieberhaft über die Tastatur flogen, in der Bewegung erstarren. Mist, wie so oft war Uli während des Schreibens so tief im Geschehen versunken, dass ihm die Jeans im Schritt kniff. Jedes Mal, wenn Jean und Dino zur Sache gingen, war er mittendrin, statt nur dabei.
Als die Tür zu seinem Zimmer aufgerissen wurde, schaffte er es geistesgegenwärtig zwar noch, das Notebook zuzuklappen, nicht aber, seinen verräterischen Schwanz auf Normalgröße schrumpfen zu lassen.
„Schaust du schon wieder Pornos?“, missbilligend fixierte seine Mutter das Notebook auf seinem Schoß und obwohl es eine undurchsichtige Barriere bildete, wusste er, dass sie wusste, dass sich darunter ein Ständer erster Güte versteckte. Mahnend hob sie den Zeigefinger.
„Du wirst davon süchtig und dann kriegst du nie wieder einen hoch ohne den Dreck. Und was wird dann aus meinen Enkelkindern?“
„Mama!“, stöhnte er und verdrehte die Augen. „Wie oft denn noch? Ich bin schwul.“
„Ja ja“, sie winkte ab. „Das vergeht wieder.“
„Das sagst du seit acht Jahren. Es wird nicht vergehen. Von mir gibt es keine Enkelkinder. Halte dich damit gefälligst an Penny.“
Ulysses und Penelope Orbschak waren Zwillinge, vierundzwanzig Jahre alt, geboren und aufgewachsen in Berlin Moabit. Nicht gerade der hipste Stadtbezirk, aber Uli hatte sich im Laufe der Jahre damit arrangiert.
Ihre ausgefallenen Namen hatten sie dem Umstand zu verdanken, dass sie auf einer griechischen Insel von einem Briten gezeugt wurden. Wahrscheinlich wusste nicht einmal der sprichwörtliche Geier, warum ihre Mutter die beiden ausgerechnet nach einem antiken Liebespaar benennen musste. Sie selbst hieß Heidrun und arbeitete als Krankenschwester in der Charité. Vielleicht wollte sie ihren Allerweltsnamen und ihr Allerweltsleben mit etwas besonders Exotischem kompensieren.
Uli jedenfalls war dankbar, dass Penny und er ein gemischtes Doppel waren, sonst wären sie bei Mamas Faible für schräge Namen am Ende vielleicht noch Castor und Pollux oder Hanni und Nanni geworden.
Er war auch froh, dass sie für seinen Namen die englische Variante gewählt und ihn nicht Odysseus genannt hatte. So konnte er reinen Gewissens behaupten, Uli zu heißen und wurde im Höchstfall für den altmodischen Namen bedauert. Allerdings klappte der Beschiss nur, wenn Heidrun nicht in der Nähe war, denn sie ließ es sich nicht nehmen, ihre Kinder immer und überall mit ihren vollen Namen zu rufen. Dschullissies und Pienieloupie, er war sich bis heute nicht darüber im Klaren, was ihm peinlicher war, die Namen an sich oder das lausige Englisch seiner Mutter.
„Penelope!“, Heidrun schnaufte verächtlich. „Ehe deine Schwester schwanger wird, friert die Wüste ein.“
Daran allerdings gab es keinen Zweifel. Penelope, oder Penny, wie der Rest der Welt sie rief, arbeitete im ‚Karma‘, einem angesagten Szeneclub in Berlins Mitte, und war dort drauf und dran, im Management durchzustarten. Ihre Mutter zur Oma zu machen, kam für Penny daher ungefähr an Stelle sechshundertvierundneunzigtausend der am dringendsten zu erledigenden Dinge.
„Ich wäre ja schon froh, wenn sie einen ordentlichen Job hätte“, Heidrun war jetzt voll in Fahrt.
„Penny hat einen ordentlichen Job“, widersprach Uli, doch sie winkte abfällig ab.
„Pfff, sie mixt Drinks in irgendeinem Club. Das hat doch keine Zukunft.“
„Das Karma ist nicht irgendein Club, es ist DER Club und Penny mixt da keine Drinks. Sie wurde eingestellt, weil sie eine kaufmännische Ausbildung hat und sich engagiert. Ihr Chef will sie fürs Management aufbauen und dann verdient sie richtig gutes Geld.“
„Wie auch immer. Ich bin froh, dass wenigstens du solide bist. Und die richtige Frau wirst du auch noch finden.“
Sie tätschelte ihm über den Kopf und Uli riss sich zusammen, um nicht reflexartig wegzuzucken, denn mit jeder ihrer Aussagen lag seine Mutter sowas von daneben, das es schon fast schmerzte.
„Ich muss gleich zur Arbeit. Wenn du mit was auch immer du tust fertig bist, kannst du noch fix einkaufen gehen. Wir brauchen Kartoffeln. Milch ist auch alle. Ach warte, ich schreib dir am besten einen Zettel.“ Sie flitzte hinaus.
Uli stieß hörbar Luft aus und rückte die Hose zurecht. Sein Ständer hatte sich gezwungenermaßen verdünnisiert, die Stimmung war futsch und der Gedankenfaden gerissen. Angenervt schlurfte er in die Küche, ließ sich von seiner Mutter Spickzettel und Einkaufskorb in die Hand drücken und machte sich auf den Weg zum Supermarkt zwei Straßen weiter.
Draußen wehte ihm eine steife Brise um die Nase. Es war fünf Uhr nachmittags und bereits stockdunkel. Der eiskalte Januarwind stach in seine Wangen und die Luft roch nach Schnee. Bloß das nicht. Berlin und Schnee bedeutete Verkehrschaos ohne Ende, streikende S-Bahnen und schmuddelige Matschepampe auf den Gehwegen, die keiner wegräumte und auf der man freiweg zum nächsten Beinbruch schlidderte.
Jean und Dino hatten es besser. Bei ihnen war der Frühling angebrochen, die Tage lau und die kühlen Abende vertrieben sie sich vor dem gemütlichen Kamin. Vögelnderweise natürlich.
Uli trabte im fahlen Licht der Straßenlaternen Richtung Supermarkt, seufzte und durchforstete sein Hirn. Wann hatte er zum letzten Mal gevögelt? So richtig intensiv und romantisch? Und damit meinte er nicht die alkoholgetränkten Notstandsficks mit Ben, seiner ersten und bisher einzigen großen Liebe. Ein Paar waren sie schon lange nicht mehr, dafür aber immer noch beste Freunde und Geschäftspartner.
Ein zweiter, diesmal tieferer Seufzer entrang sich seiner Kehle. Sex mit dem Ex, wie jämmerlich. Aber würde Ben sich seiner nicht gelegentlich erbarmen, hätte er überhaupt keinen Sex mehr. Doch was sollte er machen? Uli war halt nicht der geborene Draufgänger. Er saß lieber an seinem Schreibtisch und verlor sich in Tagträumen. Und die waren daran schuld, dass er seit vier Jahren ein Doppelleben führte.
Nein, natürlich war er nicht Batman, der sich nach seinem Tagwerk in einen engen, sexy Anzug warf, um das Böse auf der Welt auszumerzen. Uli war alles andere als ein Kämpfer. Allerdings hatte er ziemlich schmutzige Fantasien, welche ihm zwar keinen heißen Lover einbrachten, dafür aber eine ordentliche Stange Geld und regelmäßige Top Ten Platzierungen in den Lesecharts diverser E-Book-Händler.
Uli war ein Sensibelchen, jemand, dem es mitunter an Selbstbewusstsein fehlte und der ungern auf Menschen zuging. Das änderte aber nichts an der Tatsache, dass er sich zu einem erfolgreichen Schriftsteller gemausert hatte. Einem sehr erfolgreichen sogar. Anfangs zwar nicht ganz freiwillig, denn Ben, der nach ihrer missglückten Beziehung sein bester Freund geworden war, hatte ihm nach langer, vergeblicher Intervention einfach eine seiner Geschichten aus der sprichwörtlichen Schublade geklaut und sie unter dem Pseudonym Ulrika van Orb bei Amazon hochgeladen.
Dies hatte einen von Ulis seltenen Wutausbrüchen zur Folge, zum Ersten wegen des Vertrauensbruchs und zum Zweiten wegen des für Uli unmöglichen Pseudonyms.
Allerdings war der Groll auf Ben nicht von langer Dauer, denn am vierten Tag nach Veröffentlichung verselbständigte sich das Ganze und die Verkaufszahlen schossen in ungeahnte Höhen. „Küss mich, lieb mich“, ausgerechnet sein dramenbehafteter Hetero-Erstling, schlug ein wie eine Bombe und katapultierte sich auf Anhieb in die Top Zwanzig der Verkaufscharts.
Und Uli? Der verzieh Ben großmütig, setzte sich auf den Hosenboden und befasste sich intensiv mit dem Phänomen Selfpublishing. Er überarbeitete die Stories, die auf seinem Computer im Dornröschenschlaf lagen, durchforstete das Internet nach Grafikern, die ihm anständige Buchcover liefern konnten, und startete durch.
Mittlerweile schrieb er als Ulrika van Orb erotische Heteroromane und nicht minder heiße Gay-Romance-Schmonzetten.
Ben hingegen managte unauffällig das Leben seines besten Freundes und sorgte dafür, dass Ulis Geld keinen Schimmel ansetzte. Nach dem Abschluss eines BWL-Studiums war er bei Theo Spranger Productions, der Produktionsfirma eines seiner zahllosen Freunde eingestiegen und überredete Uli, einen ordentlichen Batzen seines frisch verdienten Geldes zu investieren, damit aus „Küss mich, lieb mich“ eine Serie werden konnte. Die erste Staffel lief inzwischen im Internet, und zwar so erfolgreich, dass die Streamingplattform eine Zweite in Auftrag gegeben hatte. Geschäftsführer Theo Spranger gehörte neben Ben und Regisseur Henning Sturm zu den drei einzigen Menschen, die wussten, wer hinter dem Pseudonym Ulrika van Orb steckte.
Sie alle respektierten Ulis Wunsch nach Anonymität und hielten seine Identität unter der Decke. Theo liebte es förmlich, dass Ulrika van Orb diese Aura des Geheimnisvollen umgab, denn das machte das Ganze für die Fans spannender.
Und noch einen Effekt hatte die Zusammenarbeit mit Theo und Henning. Mit der Zeit waren sie Freunde geworden und obwohl Uli es niemals zugeben würde, genoss er mittlerweile, dass sie ihn regelmäßig aus seiner selbstgewählten Isolation herausholten.
Uli hatte Geschichten im Kopf, seit er denken konnte. Als Kind traktierte er Penny und seine Familie damit, später verewigte er sie auf dicken Collegeblöcken und noch später hämmerte er sie in die Tasten seines altersschwachen Laptops. Seine romantische Ader wollte gefüttert werden und weil er sich kaum traute, auf Männer zuzugehen, befriedigte er diese Bedürfnisse mit Hilfe der Flucht in eine andere Realität.
Doch Schriftsteller zu werden, war nie Ulis Ziel. Im Gegenteil, nach dem Abi schrieb er sich an der altehrwürdigen Humboldt-Universität Berlin für den Studiengang Betriebswirtschaftslehre und Steuerwesen ein, um später als Steuerberater arbeiten zu können. Krisensicher, zukunftsträchtig und lukrativ sei das, jauchzte seine Mutter, als er ihr die Entscheidung mitteilte.
Penny hatte nur abgewunken, ihn als hoffnungslosen Langweiler tituliert und war zur nächsten Party abgezwitschert, während seine Mutter vor Freude buchstäblich auf dem Tisch tanzte. Wenigstens aus einem ihrer Kinder würde etwas Vernünftiges werden, wenn bei Penny schon Hopfen und Malz verloren waren.
Gleich zu Anfang des Studiums lernte er den fünf Jahre älteren Ben kennen und ließ sich von ihm erobern. Die Beziehung selbst hielt nicht mal ein Jahr, doch ihre Freundschaft dafür noch immer.
Allerdings hatte Uli seiner Familie bis heute nicht gebeichtet, dass er von der Uni geflogen war, weil ihm die Schreiberei keine Zeit mehr für sein Studium ließ. Sie wussten auch nicht, dass er inzwischen einer der erfolgreichsten deutschsprachigen Autoren war und dass Pennys neuste Lieblingsserie auf seinem Mist gewachsen war.
Sie hatten ebenso keinen blassen Schimmer davon, dass sich auf seinem Bankkonto mittlerweile eine stetig wachsende und äußerst ansehnliche Summe befand und er zwar inzwischen einen eigenen Steuerberater beschäftigte, jedoch niemals einer werden würde.
Uli genierte sich ganz einfach, seiner Mutter reinen Wein einzuschenken. Er fand es unglaublich spannend, in homo- und heterosexuelle Abgründe abzutauchen und sie detailliert zu beschreiben. So detailverliebt, dass seine Texte haarscharf an handfester Pornografie vorbeischlidderten. Mama tat sich schwer genug damit, sich mit seinem schwulsein abzufinden. Ihr entsetzter Aufschrei über sein Geschreibsel würde ihm wochenlang in den Ohren klingen. Und Penny? Ihr Verhältnis war nie das Beste gewesen, doch nach seinem Outing ging es endgültig den Bach runter. In ihren Augen war er ein Loser, sie machte sich gern und ausgiebig über seine Sexualität lustig und er wusste, dass sie ihn nicht für voll nahm. Zudem war seine Schwester ein materialistisches kleines Aas, dem er nichts entgegenzusetzen hatte. Mit ziemlicher Sicherheit hätte sie ihm sein Geld in kürzester Zeit doppelt und dreifach aus dem Kreuz geleiert.
Und so ließ er aus reinem Überlebenswillen die beiden einzigen Frauen in seinem Leben in dem Glauben, dass er seinen Lebensunterhalt mit Hilfe von BAföG und einem Teilzeitjob in der Unibibliothek bestritt.
Dass er wieder zu Hause lebte, verbesserte seine Situation nicht. Der WG, in der er die letzten Jahre zugebracht hatte, war wegen Eigenbedarfs gekündigt worden und Träumer- Uli hatte es einfach verpennt, sich etwas Neues zu suchen. Ben hatte ihm zwar angeboten, übergangsweise auf seiner Couch zu campieren, doch das hielt er genau zwei Wochen lang aus. In dieser Zeit durfte er die Bekanntschaft von nicht weniger als sechs One-Night-Stands machen. Natürlich kannte er Bens Lebenswandel, oder vielmehr glaubte er bis dahin, ihn zu kennen. Sein bester Freund war nie ein Kind von Traurigkeit gewesen, doch dass er derart herumfickte, war ihm neu und nachdem ihm einmal zu viel von einem der Typen ein Dreier angeboten wurde, ergriff er die Flucht.
Notgedrungen kroch er in seinem alten Kinderzimmer unter, dass inzwischen dummerweise einer Rumpelkammer glich, weil seine Mutter und seine Schwester dort alles abstellten, was sie nicht mehr brauchten.
Seine Mutter störte es nicht weiter, dass er in der Wohnung war. Im Gegenteil, ihr kam es sehr gelegen, konnte sie doch, so wie früher, sämtliche nervige Hausarbeit auf ihn abwälzen. Penny allerdings motzte ständig an ihm rum. Mal war er im Bad, wenn sie hinein wollte, dann wieder mochte sie das Essen nicht, das er kochte. Aber das kannte er bereits von früher. Ihr konnte man es nie recht machen.
Er brauchte dringend eine eigene Bude, doch obwohl er sich mit seinen ehemaligen WG- Mitbewohnern sehr gut verstanden hatte, wollte er es kein zweites Mal darauf ankommen lassen und sich etwas Eigenes suchen. Große Ansprüche hatte er nicht, aber der Markt war hoffnungslos überlaufen. Ben hatte ihm einen Termin mit einem Makler beschafft, der ihm bei der Wohnungssuche behilflich sein sollte. Wurde echt Zeit, aus dem Schoß der Familie zu entfliehen.
Doppelleben …
Auf der Suche nach Mehl strich sein Blick gedankenverloren über das Regal mit den Backzutaten. Einerseits ein erfolgreicher Autor, andererseits ließ er sich von Mutter und Schwester scheuchen wie ein dummer Junge. Armselig war das. Absolut erbärmlich.
Das Handy in seiner Hosentasche piepte. Nachricht von Penny:
»Hab eine Mappe mit Unterlagen für die Bar auf meinem Bett liegenlassen. Brauche sie dringend. Bring sie gegen Mitternacht in den Club, da habe ich Pause. Ich sage an der Tür Bescheid, dass sie dich reinlassen!«
Na klasse! Ein Befehl. Wie immer. Anrede Fehlanzeige. Bitte und danke absolute Fremdwörter. Sie schnipste mit dem Finger und Uli sprang.
„Fuck! Bin ich dein Laufbursche?“, entfuhr ihm ziemlich unwirsch, was ihm einen tadelnden Blick von einer Verkäuferin einbrachte, die neben ihm ein Regal bestückte.
„Sorry“, murmelte er und drückte auf Kurzwahl fünf auf seinem Smartphone. Nach dem gefühlt hundertsten Klingeln sagte ihm die nette Computerstimme am anderen Ende, dass seine Schwester gerade nicht erreichbar sei.
„Fuck!“, sagte er noch einmal, aber diesmal leise. Der Abend war eh schon versaut, weil Theo und Henning eine Strategiesitzung wegen der zweiten Staffel angesetzt hatten, bei der er dabei sein musste. Klar, das war wichtig, aber es lief gerade so gut mit Jean und Dino und er wollte einfach nur weiterschreiben. Eigentlich hatte er vor, Ben sein Konzept in die Hand zu drücken und ihn das machen lassen, auch auf die Gefahr, sich dafür einen Heidenärger mit Theo einzuhandeln. Doch dass er sich die Nacht mit sinnlosen Botengängen um die Ohren schlagen musste, weil Penny mal wieder was vergessen hatte, ging ihm total gegen den Strich.
Ah, na endlich … da war das Mehl! Angefressen warf er ein Päckchen in den Korb, packte am nächsten Regal noch eine Tafel seiner Lieblingsschokolade obendrauf und stellte sich mit finsterem Gesicht an die Kasse.
Das Leben war schön! Benedikt Schwarz grinste zufrieden, angelte nach dem halbaufgerauchten Joint auf dem Nachttisch und zündete ihn an.
Neben ihm grummelte es. Der Typ, den er vorhin Grund und Boden gefickt hatte, kam langsam wieder zu sich. Er war nach einem wahren Höllenritt in ein postorgasmisches Koma gefallen und weggepennt.
„Willst du auch?“, Ben nahm einen tiefen Zug und reichte den Joint an seinen Bettgefährten weiter. Der warf einen kurzen Blick auf sein Handy und schüttelte den Kopf.
„Nee, hab nachher noch Schicht.“ Er stand auf, streckte seinen gut gebauten Körper und kratzte sich hingebungsvoll am Hintern. „Kann ich schnell duschen? Dann muss ich nicht nochmal nach Hause.“
„Sicher“, sagte Ben. „Bad ist am Ende des Flurs. Handtücher sind im Regal.“
Er sah dem knackigen Hintern mit den roten Kratzspuren nach und lehnte sich grinsend zurück. Der Typ war ein blutjunger dunkelhaariger Student namens Tino und er hatte ihn vorhin im Supermarkt aufgerissen. Oder Tino ihn? Unwichtig. Nichts ging über einen spontanen Nachmittagsfick, vor allem, wenn der Sex so geil war, wie eben.
Ben war eine auffällige Erscheinung – charismatisch, groß, gutaussehend, breitschultrig, blauäugig, naturblond. Weißblond, um genau zu sein. Sein helles Haar, das er in einem sorgfältig gestylten Sidecut trug, war ebenso sein Markenzeichen, wie das großflächige Tattoo, das sich, ausgehend von seiner rechten Brust über Schulter und Arm bis zum Handgelenk zog.
Er wusste genau, wie er auf Männer wirkte und das nutzte er gnadenlos aus. Ben war eine bekennende Schlampe, allerdings eine, die am oberen Ende der Nahrungskette stand.
Am Abend hatte auch er noch einen Termin. Strategiebesprechung für die zweite Staffel „Küss mich, lieb mich“. Erste Entwürfe standen zur Diskussion und Theo wollte den Co- Autor vorstellen, den er zu Ulis Unterstützung engagiert hatte. Aber bis dahin war noch viel Zeit.
Er stellte sich vor, wie sich der rassige Tino unter der Dusche räkelte und bekam schon wieder einen Ständer.
Carpe diem …
Ben zog noch einmal genüsslich am Joint, drückte ihn aus und fischte ein Kondom aus der Schale auf dem Nachttisch. Schicht hin oder her, eine schnelle Nummer unter der Dusche musste noch drin sein.
Als er die Badezimmertür öffnete, stutzte er. Tino stand nicht, wie erwartet, in der Duschkabine, sondern hatte es sich in der Badewanne in einem Schaumberg gemütlich gemacht. Umso besser. Ben stand auf Wasserspielchen.
„Hab mich schon gefragt, wann du kommst“, sagte Tino mit einem provokanten Grinsen im Gesicht. Ben tauchte die Hand ins Wasser und strich ihm übers Knie.
„Das ist aber keine schnelle Dusche.“
„Konnte nicht widerstehen. Wir sind zu sechst in der WG und in Ruhe baden ist nicht, weil ständig einer aufs Klo muss.“
„In Ruhe baden ist bei mir auch nicht.“ Ben klebte ihm das Kondompäckchen auf die feuchte Stirn, stieg in die Wanne und setzte sich auf den Rand.
Tino beugte sich interessiert vor.
„Du bist schon wieder hart.“
„Immer bereit“, Ben schnappte nach Luft, als sich Tinos nasser Fuß in seinen Schritt verirrte und die langen Zehen an seinem Schwanz zu kraulen begannen.
„Nett“, er umfasste das Fußgelenk und zog. Tino verlor den Halt und rutschte unter Wasser. Prustend kam er wieder hoch.
„Drecksack!“, fluchte er und wischte sich das Wasser aus den Augen.
Ben schöpfte eine Handvoll Wasser und ließ es über seinen Unterleib rinnen.
„Nee, ist ganz sauber.“
Tino grinste und kam auf die Knie. Das Kondompäckchen hatte sich von seiner Stirn gelöst und trieb zwischen den Schaumbergen. Er rettete es vor dem Ertrinken und legte es auf den Wannenrand. Dann griff nach dem Schwamm und wischte damit über Bens Penis.
„Dann wollen wir dir die Nudel mal ordentlich polieren.“
Ben kaschierte den Lacher, der dringend aus ihm herauswollte, mit einem trockenen Husten. Ach du Scheiße, aus welchem Billigporno kam das denn? Er nahm Tino den Schwamm weg und drückte den dunklen Schopf in seinen Schoß.
„Na dann putz mal los, Honey.“
Ben war schon auf dem Sprung, als sein Handy vibrierte.
„Hey Kätzchen, was gibt’s?“
Am anderen Ende der Leitung hörte er Uli schnauben und grinste. Uli konnte es auf den Tod nicht ausstehen, wenn er ihn Kätzchen nannte und genau deswegen tat er es umso lieber.
„Kannst du mich bei Theo entschuldigen? Hab mein Konzept schon an alle gemailt.“
„Wie jetzt? Du willst nicht kommen?“
„Bin gerade im Flow, Ben. Du machst das auch ohne mich.“
Dieser verdammte … warum wunderte ihn das nicht!
„Vergiss es, van Orb!“ Ben, der eigentlich staufrei mit dem Fahrrad zur Produktionsfirma nach Kreuzberg hatte fahren wollen, griff kurzentschlossen zum Autoschlüssel, warf mit Schmackes die Wohnungstür hinter sich zu und machte seinem Unmut Luft.
„Scheiße, Uli! Immer dasselbe Theater! Darf ich dich daran erinnern, dass du die Hauptfigur in unserem Spielchen bist? Du bist nicht nur der Autor, sondern auch einer der Geldgeber, also zeig gefälligst Verantwortung! Und außerdem stellt sich heute dein neuer Co vor. Den kann ich höchstens ficken, aber nicht einschätzen, ob er was als Autor taugt. Du musst mit ihm arbeiten, nicht ich, also spar dir deine Starallüren für später auf und heb deinen kleinen Arsch vom Sessel!“
Er sah auf die Uhr und stöhnte. Mit dem Auto und dem zusätzlichen Umweg über Moabit würden sie nie im Leben pünktlich in der Firma sein.
„Aber ich …“, haspelte Uli, doch Ben schnitt ihm rüde das Wort ab.
„Ich bin in spätestens zwanzig Minuten bei dir. Und wehe, du stehst nicht schon auf der Straße!“
Seufzend speicherte Uli sein Manuskript ab, schickte das Serienkonzept auf den Drucker und lief ins Bad. Den Tag konnte er, schreibtechnisch gesehen, komplett in die Tonne treten. Aber Ben hatte ja recht. Natürlich musste er bei der Sitzung dabei sein, auch, wenn er eigentlich besseres zu tun hatte.
Kritisch begutachtete er sich im Spiegel. Seine Haare waren in Ordnung, aber der Rest brauchte dringend Wasser. Er klaute sich Pennys Duschhaube, stülpte sie über und sprang unter die Dusche.
Er trat im selben Moment vor die Haustür, in dem Ben um die Ecke bog. Das war Timing!
„Hey“, schmunzelnd schwang er sich auf den Beifahrersitz. Sein bester Freund hatte erwartungsgemäß das Gesicht zur Faust geballt und sah ihn nicht an.
„Du hattest recht, also komm wieder runter“, sagte Uli versöhnlich. „Hier …“
Er öffnete die Tüte, die er in seiner Hand hielt, holte eine Zimtschnecke heraus und hielt sie Ben vor die Nase.
„Beiß ab, dann geht’s dir besser.“
Ben nahm Witterung auf.
„Von Franzi?“
„Woher sonst? Habe sie heute Mittag ganz frisch geholt.“
„Du weißt, wie du mich bestechen kannst“, Ben schnappte nach dem Teilchen und biss ein großes Stück heraus. Mit vollen Backen kauend, fädelte er in den laufenden Verkehr ein.
„Keine Bestechung, aber eine Entschuldigung. Es tut mir leid. Du kennst mich doch. Ich würde alles tun, um meinen Hintern nicht aus dem Sessel heben zu müssen.“
„Ja, ja, wenn du mich nicht hättest!“
„Keine Angst, ich weiß, was ich an dir habe.“
„Wenigstens etwas, Kätzchen.“
„Ich geb dir gleich Kätzchen.“ Uli musste lachen.
„Gib‘s lieber Theo. Du könntest ihn übrigens anrufen und sagen, dass wir zu spät kommen, weil Madame van Orb zu lange vorm Schminkspiegel gesessen hat.“
„Spinner“, Uli boxte Ben gegen den Arm und griff zum Handy.
Der neue Co- Autor entpuppte sich als ruhiger, angenehmer Mann, der sich selbst nicht allzu ernst nahm. Den ersten Lacher gab es bereits bei der Vorstellung.
„Benedikt Schwarz“, Ben reichte ihm die Hand.
„Angenehm. Marius Weiß.“
„Nicht dein Ernst.“
„Aber immer.“
Uli grinste und nahm beide Männer in Augenschein. Hier prallten Gegensätze aufeinander und das betraf nicht nur die Namen. Bens Nachname war Schwarz, aber er war so hell, wie niemand sonst, den er kannte. Die weißblonden Haare, die helle Haut und die hellblauen Augen ließen ihn mitunter sogar etwas albinohaft erscheinen.
Marius Weiß hingegen war ein dunkler Typ. Er hatte selbst jetzt, mitten im Winter, einen zartbraunen Teint, was entweder auf südländische Vorfahren oder regelmäßige Besuche im Sonnenstudio zurückzuführen war. Aber da Marius‘ Haar und Augen ebenso dunkel waren, tendierte Uli eher zur ersten Variante.
Marius stammte aus einem hessischen Provinzkaff, hatte als freier Journalist bisher vorwiegend für kleine Lokalblätter gearbeitet und fand das nach drei Jahren zunehmend unbefriedigend. Als Co- Autor für eine Serie betrat er Neuland. Er war achtundzwanzig Jahre alt, groß, fast schon ein wenig schlaksig und sah auf seine ganz eigene Art gut aus. Das schmale Gesicht wurde von einer markanten Nase dominiert, die es, in Kombination mit einer auffälligen schwarzen Hornbrille, zu einem echten Hingucker machte. Eine widerspenstige Haarsträhne fiel ihm wieder und wieder über die Augen und Marius hatte die Angewohnheit, sie alle paar Minuten mit einem energischen Griff nach hinten zu schieben.
Uli fand ihn auf Anhieb sympathisch. Auch Ben schien von ihm angetan zu sein. Aber bei ihm hieß das gar nichts. Der fand alles gut, was auch nur halbwegs fickbar war, und Marius hatte bereits bei seiner Vorstellung durchblicken lassen, dass er ebenfalls an ihrem Ufer fischte.
Die Besprechung zog sich bis kurz nach dreiundzwanzig Uhr. Marius hatte ein paar gute Ideen eingebracht und Uli freute sich. Mit ihm würde er gern arbeiten.
Anschließend standen sie zu dritt im Hinterhof, weil Ben und Marius noch eine rauchen wollten.
„Wie wäre es mit Einstand, Großer?“ Ben zwinkerte Marius auffordernd zu. „Also ich hätte Lust auf einen Drink. Meine Kehle ist staubtrocken von dem ganzen Gequatsche.“
„Nichts dagegen“, erwiderte Marius. „So lange ihr sagt, wo es hingeht? Ich bin erst seit zwei Tagen in Berlin und kenne mich überhaupt noch nicht aus.“
„Extra wegen uns hergezogen?“, fragte Ben und zuckte vielsagend mit den Augenbrauen.
„Auch, ja. Aber nicht hauptsächlich. Kleinstadt und beschissene Trennung, wisst ihr? Ich musste einfach raus aus dem Ganzen.“
„Na da bist du bei mir an der richtigen Adresse!“, Ben schlug ihm auf die Schulter und reckte sich ein bisschen, doch Marius überragte ihn trotzdem noch um ein paar Zentimeter.
„Ich würde sagen, wir gehen ins ‚Firehouse‘.“
Uli seufzte. War ja klar, dass Ben seinen Aufreißerclub vorschlug. Gegen eine stille Kneipe hätte er nicht mal was gehabt, aber das ‚Firehouse‘ war genau die Art Club, die er mied, wie die Pest.
„Ohne mich“, sagte er. „Ich muss ohnehin noch ins ‚Karma‘.“
„Was willst du denn in dem Hetenschuppen?“, ätzte Ben.
„Nichts. Nur Penny ein paar Unterlagen bringen, die sie vergessen hat.“
„Spielst du wieder den Laufburschen für das Miststück?“
„Notgedrungen. Muss es noch ein Weilchen aushalten mit ihr.“
„Also gut. Erst ‚Karma‘ und dann ‚Firehouse‘?“
„Nee, lass mal Ben, ich passe. Du kannst mich am ‚Karma‘ absetzen und dann fahre ich nach Hause. Ich muss ein paar Gedanken zu Ende spinnen.“
Marius verschwand noch mal aufs Klo und Ben sah ihm mit schräg gelegtem Kopf nach.
„Lass bloß die Pfoten von ihm“, sagte Uli missmutig. „Ich finde ihn sehr sympathisch und würde gern unbelastet mit ihm arbeiten.“
„Kannst du. Er ist nicht mein Typ.“
„Ich weiß immer, wenn du lügst. Seit wann hast du sowas wie einen Typ?“
„Böses Kätzchen“, Ben lachte, hob die Hand zum Schwur und versteckte die andere demonstrativ auf dem Rücken. „Ich verspreche hoch und heilig: Marius ist tabu.“
„Sind wir wieder im Kindergarten? Ich weiß, dass du hinter deinem Rücken die Finger gekreuzt hast.
