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Hier finden Sie alles für eine komplette Lahmheitsuntersuchung beim Pferd. Von der Adspektion und Palpation über Röntgen- und Ultraschall-Untersuchungen bis hin zu Leitungs- und Gelenkanästhesien.
Antworten auf die immer wieder gestellten Fragen: Welche Beugeprobe ist hier aussagekräftig? Wo genau setze ich die Leitungsanästhesien? Welche Strukturen anästhesiere ich damit? Ist die Röntgenaufnahme korrekt angefertigt?
Systematisch aufgebaut, folgt dieses Buch einer strukturierten Lahmheitsuntersuchung – und Sie können jede Technik und jede Röntgenaufnahme nachvollziehen.
Die Aufarbeitung der lahmheitsverursachenden Strukturen erfolgt anhand der Untersuchungsergebnisse, denn die Befunde bestimmen den nächsten Schritt. So können Sie Fälle aus der Klinik gezielt aufarbeiten. Kein Befund bleibt unbemerkt, keine Diagnose unbedacht.
Für Tierärzte in der Pferde- und Gemischtpraxis, Anfangsassistenten und Studenten, die einen Überblick über den systematischen Ablauf der Lahmheitsuntersuchung beim Pferd erhalten möchten.
Praxisbuch.Pferd. Die problemorientierte Reihe.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 277
Veröffentlichungsjahr: 2018
Praxisbuch Pferd
Lahmheitsuntersuchung beim Pferd
Michael Röcken, Guido Stadtbäumer, Michael Becker
307 Abbildungen
Die Diagnostik von Lahmheitsursachen und Bewegungsstörungen ist eines der Schwerpunktgebiete des Tierarztes in der Pferdepraxis.
Der erste Schritt der klinischen Lahmheitsuntersuchung ist die Festlegung der lahmenden Gliedmaße sowie die Beurteilung des Lahmheitsgrads. Erst dann werden durch verschiedene differenzierende Untersuchungen die lahmheitsverursachende Region und die schmerzauslösende Struktur ermittelt.
Aufgabe und Schwerpunkt dieses Buches ist daher die umfassende Darstellung eines systematischen, klinisch-orthopädischen Untersuchungsgangs mit besonderer Berücksichtigung der diagnostischen Anästhesien.
Gestützt auf eigene langjährige Erfahrungen in der Pferdeorthopädie haben die Autoren versucht, den Untersuchungsgang praxisorientiert und im üblicherweise praktizierten Ablauf mit Text- und Bildmaterial anschaulich darzustellen. Bevor apparative Methoden zum Einsatz kommen, sollte immer eine sorgfältige klinische Untersuchung erfolgen. Der Leser bekommt Hinweise zum sinnvollen Einsatz der verschiedenen bildgebenden Verfahren und zur weiteren diagnostischen Vorgehensweise. Es würde den Rahmen des Buches sprengen, diese Verfahren und ihre Interpretationen ausführlicher zu behandeln. Für diese Informationen muss auf die weiterführende Literatur verwiesen werden.
Das Buch richtet sich besonders an praktizierende Tierärzte in Gemischtpraxen mit Pferdeanteil, an Anfangsassistenten und Studierende der Veterinärmedizin, die einen kurzen und gut gegliederten Überblick über den systematischen Ablauf einer Lahmheitsuntersuchung beim Pferd erhalten möchten.
Die Autoren hoffen, dass sich dieses Buch zu einem hilfreichen Begleiter in der täglichen Praxis entwickeln wird.
Unser besonderer und herzlicher Dank gilt an dieser Stelle den beiden Mitarbeiterinnen des Enke Verlags, Frau Dr. Maren Warhonowicz und Frau Carolin Patricia Frotscher, die in überaus engagierter Weise die verschiedenen Stadien in der Entstehung dieses Buches sehr konstruktiv, manchmal kritisch, aber immer als treibende Kraft begleitet haben.
Michael Röcken
Guido Stadtbäumer
Michael Becker
Vorwort
Teil I Orthopädischer Untersuchungsgang
1 Einleitung
2 Anamnese und Allgemeinuntersuchung
2.1 Vorbericht
2.2 Allgemeinuntersuchung
3 Klinische Untersuchung
3.1 Einleitung
3.2 Beurteilung in Ruhe
3.2.1 Adspektion
3.2.2 Orientierende Palpation
3.2.3 Zusammenfassung Beurteilung in Ruhe
3.3 Beurteilung in der Bewegung
3.3.1 Vorführen des Pferdes auf gerader Strecke
3.3.2 Untersuchung auf gebogener Linie, verändertem Untergrund und unter dem Reiter
3.3.3 Provokationsproben
3.3.4 Pathognomonische Lahmheiten und Gangbilder
3.3.5 Zusammenfassung Beurteilung in der Bewegung
3.4 Palpation und spezielle klinische Untersuchung
3.4.1 Einleitung
3.4.2 Huf
3.4.3 Krongelenk und Fesselbeuge
3.4.4 Fesselgelenk und Gleichbeine
3.4.5 Röhrbein
3.4.6 Karpalgelenk
3.4.7 Unterarm, Ellbogen, Oberarm
3.4.8 Schultergelenk
3.4.9 Schulterblatt und Aufhängung Rumpf
3.4.10 Sprunggelenk
3.4.11 Tibia/Fibula
3.4.12 Kniegelenk
3.4.13 Femur und Hüftgelenk
3.4.14 Iliosakralgelenk
4 Weiterführende Untersuchungen
4.1 Leitungsanästhesien
4.1.1 Allgemeines Vorgehen
4.1.2 Leitungsanästhesien an der Vordergliedmaße
4.1.3 Leitungsanästhesien an der Hintergliedmaße
4.2 Anästhesien synovialer Räume
4.2.1 Allgemeines Vorgehen
4.2.2 Gelenksanästhesien
4.2.3 Anästhesie von Sehnenscheiden
4.2.4 Anästhesie von Schleimbeuteln
4.3 Bildgebende Verfahren
4.3.1 Röntgen
4.3.2 Sonografie
4.3.3 Andere bildgebende Verfahren
4.4 Labor
Teil II Differenzialdiagnostische Aufarbeitung der Gliedmaßenabschnitte anhand der Klinik und diagnostischen Anästhesien
5 Vordergliedmaße
5.1 TPA positiv
5.1.1 Lahmheitsverursachende Strukturen
5.1.2 Weiteres diagnostisches Vorgehen
5.1.3 Häufige Erkrankungen
5.2 MPA positiv
5.2.1 Lahmheitsverursachende Strukturen
5.2.2 Weiteres diagnostisches Vorgehen
5.2.3 Häufige Erkrankungen
5.3 Tiefe 4-Punkt-Anästhesie positiv
5.3.1 Lahmheitsverursachende Strukturen
5.3.2 Weiteres diagnostisches Vorgehen
5.3.3 Häufige Erkrankungen
5.4 Hohe 4-Punkt-Anästhesie positiv
5.4.1 Lahmheitsverursachende Strukturen
5.4.2 Weiteres diagnostisches Vorgehen
5.4.3 Häufige Erkrankungen
5.5 Anästhesie des Fesselträgerursprungs positiv
5.5.1 Lahmheitsverursachende Strukturen
5.5.2 Weiteres diagnostisches Vorgehen
5.5.3 Häufige Erkrankungen
5.6 Anästhesie der Nn. medianus und ulnaris positiv
5.6.1 Einleitung
5.6.2 Lahmheitsverursachende Strukturen
5.6.3 Weiteres diagnostisches Vorgehen
5.6.4 Häufige Erkrankungen
5.7 Ellbogengelenksregion
5.7.1 Lahmheitsverursachende Strukturen
5.7.2 Weiteres diagnostisches Vorgehen
5.7.3 Häufige Erkrankungen
5.8 Schultergelenksregion
5.8.1 Lahmheitsverursachende Strukturen
5.8.2 Weiteres diagnostisches Vorgehen
5.8.3 Häufige Erkrankungen
5.9 Schulterblatt und Rumpfaufhängung
5.9.1 Lahmheitsverursachende Strukturen
5.9.2 Weiteres diagnostisches Vorgehen
5.9.3 Häufige Erkrankungen
6 Hintergliedmaße
6.1 MPLA positiv
6.1.1 Lahmheitsverursachende Strukturen
6.1.2 Weiteres diagnostisches Vorgehen
6.1.3 Häufige Erkrankungen
6.2 Tiefe 4-Punkt-Anästhesie positiv
6.2.1 Lahmheitsverursachende Strukturen
6.2.2 Weiteres diagnostisches Vorgehen
6.2.3 Häufige Erkrankungen
6.3 Hohe 4-Punkt-Anästhesie positiv
6.3.1 Lahmheitsverursachende Strukturen
6.3.2 Weiteres diagnostisches Vorgehen
6.3.3 Häufige Erkrankungen
6.4 Anästhesie des Fesselträgerursprungs positiv
6.4.1 Lahmheitsverursachende Strukturen
6.4.2 Weiteres diagnostisches Vorgehen
6.4.3 Häufige Erkrankungen
6.5 Anästhesie der Nn. tibialis und peroneus communis positiv
6.5.1 Einleitung
6.5.2 Lahmheitsverursachende Strukturen
6.5.3 Weiteres diagnostisches Vorgehen
6.5.4 Häufige Erkrankungen
6.6 Kniegelenksregion
6.6.1 Lahmheitsverursachende Strukturen
6.6.2 Weiteres diagnostisches Vorgehen
6.6.3 Häufige Erkrankungen
6.7 Hüftgelenksregion
6.7.1 Lahmheitsverursachende Strukturen
6.7.2 Weiteres diagnostisches Vorgehen
6.7.3 Häufige Erkrankungen
6.8 Becken und Iliosakralgelenk
6.8.1 Lahmheitsverursachende Strukturen
6.8.2 Weiteres diagnostisches Vorgehen
6.8.3 Häufige Erkrankungen
Teil III Anhang
7 Abkürzungsverzeichnis
Autorenvorstellung
Anschriften
Sachverzeichnis
Impressum
1 Einleitung
2 Anamnese und Allgemeinuntersuchung
3 Klinische Untersuchung
4 Weiterführende Untersuchungen
Lahmende Pferde sind nicht nur in ihrer typischen und artspezifischen Lebensweise als Flucht- und Lauftier eingeschränkt, was in einzelnen Fällen bei hochgradigen Lahmheiten sogar tierschutzrelevant werden kann. In den meisten Fällen dienen sie als Reit- und Fahrpferde und können diesen Zweck lahmend nicht erfüllen.
Im Rahmen der klinischen Untersuchung ist es wichtig, anhand des Vorberichts und möglicher Entzündungsanzeichen eine akute von einer bereits länger bestehenden Lahmheit abzugrenzen. Nicht nur die Therapie, sondern auch die Diagnostik ist auf die wichtige Frage akut oder chronisch abzustellen.
Die Systematik dieses Buches orientiert sich u.a. am Ergebnis von diagnostischen Anästhesien. Diese stellen bekanntermaßen bis heute beim subakut bis chronisch lahmen Pferd einen der wichtigsten differenzialdiagnostischen Untersuchungsschritte dar. Es sei aber auch bereits an dieser Stelle betont, dass das akut hochgradig lahme Pferd nicht ohne vorangegangene eingehende klinische und radiologische Untersuchung routinemäßig anästhesiert werden sollte und wenn, dann nur nach kritischer Abwägung der Befundlage. Dies gilt insbesondere für Lahmheiten, die Folge eines bekannten oder vermuteten Traumas wie Schlagverletzung, Anrempeln, Fehltritt u.Ä. sind.
Fakt aber ist, dass die meisten lahmenden Pferde dem Tierarzt mit unklarem Vorbericht und ohne deutliche Hinweise auf die Lahmheitsursache vorgestellt werden. In diesen Fällen sind, neben der immer erst durchzuführenden sorgfältigen klinischen Untersuchung, die diagnostischen Anästhesien ein sehr wichtiges Hilfsmittel zur Lokalisierung des Schmerzes. Je nach Ergebnis der Anästhesie erfolgt dann der Einsatz der bildgebenden Verfahren.
Nur selten sind Lahmheiten so typisch, dass sie anhand ihres klinischen Bildes schon eindeutige Hinweise auf ihre Ursache liefern. Die häufigsten Formen dieser „pathognomonischen Lahmheiten“ beruhen auf mechanischen oder internistischen Ursachen bzw. auf Ausfällen motorischer Nerven. Sie sind im Folgenden in einem kleinen Kapitel gesondert angeführt.
Um den Rahmen des Buches nicht zu sprengen, wird auf spezielle Erkrankungen des Bewegungsapparats beim Fohlen nicht eingegangen. Ebenfalls unberücksichtigt bleiben die Krankheiten der Wirbelsäule, obwohl diese bekanntermaßen auch Lahmheiten zur Folge haben können.
Es werden auch keine Hinweise zur Therapie gegeben. Möglicherweise wird ein diesbezüglicher Abschnitt in einer späteren Auflage ergänzt werden.
Abschließend sei es den Autoren erlaubt, auf die Wichtigkeit einer ordnungsgemäßen und nachvollziehbaren Dokumentation in Wort und Bild speziell auch bei der Lahmheitsuntersuchung des Pferdes hinzuweisen. Denn Schadensersatzansprüche und Haftungsprozesse aufgrund unzureichender Behandlungsunterlagen und ungenügender Qualität der bildgebenden Verfahren sind häufig Gegenstand gerichtlicher Auseinandersetzungen.
In Zweifelsfällen sollte der orthopädisch weniger versierte Tierarzt von dem Einholen einer zweiten konziliaren Meinung oder einer Überweisung in eine Spezialklinik nicht zurückschrecken.
Wie bei jeder Erkrankung sollte der Tierarzt auch beim Vorliegen einer Lahmheit gewissenhaft und gründlich mit dem Besitzer, Trainer oder Reiter die Vorgeschichte des Pferdes und den bisherigen Verlauf der Erkrankung ermitteln und aufnehmen. Die Bedeutung einer detaillierten Anamnese darf nicht unterschätzt werden, auch wenn sie oft zeitaufwendig ist und der erfahrene Pferdetierarzt aus den ihm präsentierten subjektiven Informationen die wichtigen Fakten „filtrieren“ muss ( ▶ Abb. 2.1). Nicht selten werden z.B. Angaben zur Lahmheitsdauer eher geschönt. Eine erfolgreiche Kommunikation mit den oft durch die Medien mit Halbwissen versorgten Begleitpersonen gelingt dem Tierarzt nur durch diplomatisches Vorgehen. Dabei sind Kenntnisse des Tierarztes über den jeweiligen Einsatzbereich des Pferdes und Ausbildungsstand von Pferd und Reiter eine hilfreiche Ausgangsbasis.
Die Anamnese umfasst sowohl Basisinformationen zum Patienten als auch zur vorliegenden Problematik.
Zu den Basisinformationen zählen:
Alter
Es gibt eine Reihe von Lahmheitsursachen, die eng mit dem Alter des Patienten verknüpft sind. Man denke an die Ruptur des Zehenstreckers beim Fohlen oder die klinische Manifestation einer Osteochondrosis dissecans (OCD) beim Jungpferd, aber auch an geriatrische Lahmheitsprobleme, z.B. durch fortschreitende Osteoarthritiden.
Geschlecht
Es bestehen keine signifikanten Unterschiede zwischen den Geschlechtern, was die Lahmheitsursache anbelangt. Die Kenntnis einer bisherigen oder zukünftig möglichen Zuchtverwendung kann prognostisch wichtig sein.
Rasse
Die rassespezifische sportliche Nutzung und nicht die Rasse an sich hat einen Einfluss auf unterschiedliche Lahmheitsursachen (z.B. Kronbeinfrakturen beim barrel racing).
Nutzung des Pferdes
Freizeitpferde
Sportpferde (Dressur, Springen, Vielseitigkeit, Distanz, Fahren, Western etc.)
Zuchtpferde
Arbeitspferde
Hieraus können sich zum einen mögliche Hinweise zur Lahmheitsursache ergeben, zum anderen aber auch prognostische Überlegungen. Insbesondere Kenntnisse zum Leistungsniveau und der künftigen Perspektive geben eine Vorstellung vom möglichen Wert des Pferdes und zum wirtschaftlich sinnvollen Rahmen der Untersuchung, ggf. in Absprache mit dem Besitzer.
Daneben erfolgt die Erhebung wichtiger Informationen zur vorliegenden Erkrankung:
Welches Problem liegt vor?
Seit wann besteht die Symptomatik?
bisheriger Verlauf
Gab es ein bekanntes Trauma?
gleichmäßig lahm – Besserung – Verschlechterung
Falls gebessert oder verschlechtert: unter welchen Umständen?
Besserung oder Verschlechterung in der Bewegung oder in der Ruhe?
Änderungen im Management
Beschlagwechsel
Trainingsbedingungen
Bodenverhältnisse
Fütterung/Haltung
bisherige Behandlungen und deren Ergebnis
frühere Lahmheitsprobleme
Hilfreich ist oftmals die Frage nach Voruntersuchungen oder Dokumentationen. Häufig liegen bereits Röntgenaufnahmen oder Sonografiebilder vor, insbesondere bei länger andauernden Lahmheiten oder Rezidiven. Auch Fotos oder Videos sind manchmal von Nutzen.
Abb. 2.1 Für die Aufnahme des Vorberichts sollte man sich Zeit lassen. Oft ergeben sich wichtige Informationen erst im Lauf eines intensiven Gesprächs.
Diese kann im Zuge einer Lahmheitsuntersuchung in verkürzter Form erfolgen, wobei mögliche Hinweise aus der Anamnese zu berücksichtigen sind. Möglicherweise beeinflussen hochgradige Schmerzzustände das Allgemeinbefinden (erhöhte Puls- und Atemfrequenz). Bei Verdacht auf Entzündungen – insbesondere der synovialen Räume, aber auch bei Phlegmonen – ist zwingend die innere Körpertemperatur zu bestimmen und eventuell spezifische ▶ Laborparameter.
Die eigentliche Lahmheitsuntersuchung beginnt im Stand der Ruhe in Form einer Adspektion des Pferdes und einer ersten orientierenden Palpation. Danach schließt sich die Untersuchung in der Bewegung an sowie die spezielle Palpation und weitere klinische Untersuchungen (z.B. Hufzangenprobe oder Provokationsproben). Grundsätzlich wird die gesamte erkrankte Gliedmaße beurteilt, da man sonst Gefahr läuft, bei zufälligen, oft unbedeutenden oder lang ausgeheilten Befunden „hängen zu bleiben“ und damit das eigentliche aktuelle Problem zu übersehen.
Ergeben sich aus diesen klinischen Untersuchungen eindeutige diagnostische Hinweise, so sind häufig direkt weiterführende Untersuchungen (Röntgen, Sonografie, gezielte diagnostische Anästhesien) sinnvoll, um eine exakte Diagnose zu stellen.
Ergibt sich aus der klinischen Untersuchung kein eindeutiger Hinweis, so sind als nächster Schritt systematische diagnostische Anästhesien angezeigt.
Ziel dieses Untersuchungsschritts
Körperhaltung und Gliedmaßenstellung beurteilen
augenfällige Veränderungen vermerken (Verletzungen, deutliche Schwellungen, knöcherne Zubildungen, Muskelasymmetrien oder -atrophien)
Die Besichtigung des Pferdes erfolgt zunächst von allen Seiten und aus einiger Entfernung ( ▶ Abb. 3.1). Besonderes Augenmerk wird auf die Haltung des Pferdes gerichtet, die durch ungleichmäßige Gewichtsverteilung oder eventuelle Schonung einer oder mehrerer Gliedmaßen (z.B. bei Hufrehe) erste Hinweise geben kann. Begutachtet wird ebenfalls die Gliedmaßenstellung inkl. möglicher Fehlstellungen, und auch deutliche Asymmetrien ( ▶ Abb. 3.2) werden bereits auffällig. Ausfälle motorischer Nerven führen zu typischen ▶ Haltungsbildern, wie z.B. der sog. „Kusshandstellung“ bei einer Radialisparese oder das Abplatten der Schulter bei der Lähmung des N. suprascapularis.
Abb. 3.1 Bei der Adspektion in Ruhe achtet man auf gleichmäßige Belastung der Gliedmaßen und gewinnt darüber hinaus einen ersten Eindruck vom Typ und Temperament des Patienten.
Abb. 3.2 Asymmetrie der Kruppenmuskeln.
Diese nimmt Bezug auf die eventuell bei der Adspektion im Stand erfassten Auffälligkeiten. Der Tierarzt erfühlt Regionen vermehrter Wärme, Umfangsvermehrungen sowie Muskelveränderungen wie Verhärtungen, Narben oder Dellen. An den Gliedmaßen wird die Pulsation der Mittelfußarterie überprüft und mit dem kontralateralen Bein verglichen ( ▶ Abb. 3.3, ▶ Abb. 3.36).
Abb. 3.3 Die Prüfung vermehrter Pulsation der Mittelfußarterie gibt Aufschluss über mögliche entzündliche Vorgänge im Bereich der Zehe.
Abb. 3.3a An der Vordergliedmaße wird medial die A. digitalis palmaris communis palpiert.
Abb. 3.3b Die Palpation der A. metatarsea dorsalis lateralis an der Hintergliedmaße erfolgt von lateral.
Praxis
Befunde aus diesen Untersuchungsschritten
Hinweise auf hochgradige Schmerzzustände (erhöhte Puls- und Atemfrequenz)
Hinweise auf entzündliche Erkrankungen (erhöhte Körpertemperatur, verstärkte Pulsation der Mittelfußarterien, Schmerz, Wärme, Schwellung)
Hinweise auf Traumata
offene Verletzungen
deutliche Schwellungen
atypische Haltung (wie z.B. Kusshandstellung, Abplatten der Schulter, Entlastungshaltung beider Vordergldm.)
Fehlstellungen dokumentieren, um sie später in die Befundung mit einzubeziehen
Asymmetrien in der Muskulatur dokumentieren, um sie später in die Befundung mit einzubeziehen
Weiteres Vorgehen
Überprüfung und Versorgung offener Verletzungen,
bei Verdacht auf Fraktur/Fissur (akute Lahmheit, Palpations- oder Rotationsschmerz) auf Beurteilung in der Bewegung verzichten und zunächst mittels Röntgen/Sonografie abklären
bei Hufrehe Röntgen, lokale und systemische Therapie einleiten
pathognomonische Haltungen direkt weiter ▶ abklären
andernfalls bisherige Befunde dokumentieren und mit der systematischen Untersuchung fortfahren
Ziel dieses Untersuchungsschritts
Identifizierung der lahmen Gliedmaße(n), des Lahmheitsgrads und der Art der Lahmheit!
Durch Provokationsproben werden möglichst selektiv Strukturen unter Stress gesetzt. Verstärkt sich anschließend die Lahmheit, kann die betroffene Region möglicherweise eingegrenzt werden (nur hinweisender Charakter).
Ein erstes Vorführen des lahmen Pferdes erfolgt bevorzugt auf hartem, ebenem Untergrund (z.B. Pflaster) über eine wenigstens 20–30 m lange gerade Strecke. Je nach Temperament kann das Pferd am Halfter oder aufgetrenst vorgeführt werden. Das Pferd sollte dabei am relativ langen Zügel gemustert werden, ansonsten können Einwirkungen des Vorführers das Gangbild erheblich beeinflussen. Das Vorführen erfolgt im fleißigen Schritt ( ▶ Abb. 3.4) und im Trab ( ▶ Abb. 3.5) möglichst ruhig und gleichmäßig.
Abb. 3.4 Bereits beim Vorführen des Pferdes im Schritt sollte man die Beurteilung von vorne, von der Seite und von hinten vornehmen. Dies erlaubt das Erkennen von Schrittverkürzungen oder auch eines ungleichen Absinkens von Schulter bzw. Hüfte.
Abb. 3.4a Vorführen im Schritt, Ansicht von vorne.
Abb. 3.4b Vorführen im Schritt, seitliche Ansicht.
Abb. 3.4c Vorführen im Schritt, Ansicht von hinten.
Abb. 3.5 Wie schon im Schritt erfolgt das Vorführen im Trab auf ebenem hartem Boden und wird aus den 3 vorgenannten Positionen beurteilt. Sitz, Art und Grad der Lahmheit werden registriert.
Abb. 3.5a Vorführen im Trab, Ansicht von vorne.
Abb. 3.5b Vorführen im Trab, seitliche Ansicht.
Abb. 3.5c Vorführen im Trab, Ansicht von hinten.
Identifikation der erkrankten Gliedmaße Man begutachtet erst alle Gliedmaßen gleichzeitig, dann die Vorhand bzw. Hinterhand gesondert und zuletzt die einzelne Gliedmaße. Dazu muss der Untersucher das Pferd von vorne, von der Seite und von hinten gesehen haben. In der Regel sind Vorhandlahmheiten von vorne und von der Seite, Lahmheiten der Hinterhand von der Seite und von hinten am besten zu erkennen.
Geachtet wird auf Nickbewegungen von Kopf und Hals, Schritt- oder Trittverkürzungen, Asymmetrien im Bewegungsablauf. Im Zweifel empfiehlt sich der wiederholte Vergleich der verdächtigen Extremität mit der kontralateralen Gliedmaße. Neben dem visuellen Eindruck beim Vortraben findet auch ein akustischer Vergleich des Hufschlags statt, oftmals wird das kranke Bein vorsichtiger aufgesetzt und damit leiser. Es kann auch hilfreich sein, sich vom Pferd wegzudrehen (oder die Augen zu schließen) und sich nur auf das Gehör zu konzentrieren. Voraussetzung ist, dass dann eine 2. Person gleichzeitig das Auffußen beobachtet und so der „Hörbefund“ einer Gliedmaße zugeordnet werden kann.
Graduierung der LahmheitEbenso wird der Grad der Lahmheit beurteilt. Man beginnt mit der Bewegung des Pferdes im Schritt. Ist die Lahmheit schon hier offensichtlich, dann erfolgt die Besichtigung im Trab mit Vorsicht (über wenige Tritte), um weitere Traumatisierungen der betroffenen Gliedmaße zu vermeiden.
Die Graduierung der Lahmheit ist in der Literatur uneinheitlich. Eine Standardisierung ist daher empfehlenswert, und es wird zu einer 5-stufigen Einteilung der Lahmheit im Trab geraten ( ▶ Tab. 3.1).
Tab. 3.1
Lahmheitsgrade (nach Ross MW, Dyson SJ. Diagnosis and Management of Lameness in the Horse. 2nd ed. Oxford: Elsevier Ltd; 2010: 72).
Lahmheitsgrad
Klinisches Bild
0
Ohne Lahmheit.
1
Undeutliche, geringgradige Lahmheit im Trab auf gerader Linie. Möglicherweise ist ebenfalls undeutlich in einzelnen Phasen eine geringe asymmetrische Bewegung von Kopf oder Hüfte zu beobachten.
2
Deutliche geringgradige Lahmheit. Die asymmetrischen Bewegungen von Kopf oder Hüfthöcker sind konstant zu erkennen.
3
Mittelgradige Lahmheit mit deutlicher Nickbewegung bzw. Hüfthöckerasymmetrie. Entlastungsbewegung mit Gewichtsverlagerung auf die diagonal fußende Gliedmaße.
4
Hochgradige Lahmheit mit extremer Kopf- oder Beckenbewegung. Die Fußung ist plan, und Trab über einige Tritte ist möglich.
5
Höchstgradige Lahmheit ohne Lastaufnahme bei Zehenspitzenfußung oder fehlender Belastung in der Bewegung.
Art der Lahmheit Neben der Identifikation der lahmen Gliedmaße und der Bestimmung des Lahmheitsgrads ist die dritte und ungleich schwieriger zu beantwortende Frage die nach Art und eventuell Ursache der Lahmheit.
Grundsätzlich kann man zwischen Stützbein- und Hangbeinlahmheiten unterscheiden; dazwischen liegen zahlreiche Variationen von sog. gemischten Lahmheiten.
Bei einer Stützbeinlahmheitvorne wird die Nickbewegung des Kopfes zur Entlastung der erkrankten Gliedmaße vermindert, umso deutlicher erfolgt sie beim Stützen der gesunden Seite, was den Eindruck gibt, das Pferd „falle“ auf die gesunde Extremität. Ähnlich verhält es sich mit einer eingeschränkten Bewegung des Beckens bei Belastung der kranken Hintergliedmaße, wohingegen die Kruppe mit dem gesunden Bein deutlich gesenkt und gehoben wird.
Hangbeinlahmheitenwerden nicht selten von schmerzhaften Zuständen aus den proximalen Gliedmaßenabschnitten verursacht. Dabei wird das erkrankte Bein kürzer und flacher geführt, die Beugung der betroffenen Regionen ist eingeschränkt.
Bei bilateralen Lahmheiten (z.B. palmar foot syndrome) verringern sich häufig die asymmetrischen Bewegungsabläufe bzw. verschwinden völlig. Übrig bleibt ein gebundener, klammer Gang mit schwunglosen, kurzen Tritten. Das Erkennen der hauptsächlich lahmen Gliedmaße wird dadurch ebenso erschwert wie beim Vorliegen von diagonalen oder sagittalen Ausgleichsbewegungen, die zu sog. Scheinlahmheitenführen können.
Speziell zur weiteren Abklärung solcher differenzialdiagnostischen Fragestellungen ist es sinnvoll, die adspektorische Beurteilung einer Lahmheit außer auf harter, gerader Vorführbahn auch auf anderem Untergrund und auf gebogener Linie fortzusetzen.
Speziell Hangbeinlahmheiten verstärken sich oft auf weichem Boden (Reithalle/Reitplatz), da das Vorführen der erkrankten Gliedmaße durch den Sandboden zusätzlich erschwert wird. Die Beurteilung kann dabei sowohl an der Hand als auch an der Longe ( ▶ Abb. 3.6) auf beiden Händen erfolgen, da die Symptomatik sich oft deutlich verändert, je nachdem, ob die erkrankte Gliedmaße die innere oder äußere im Bogen ist.
Abb. 3.6 Das Longieren in allen 3 Gangarten und auf beiden Händen ergänzt den Gesamteindruck. Der Lahmheitsgrad an der Hand sollte für ein – vorsichtiges – Longieren im Trab nicht mehr als 3/5, für ein Galoppieren an der Longe nicht mehr als 2/5 betragen.
Abb. 3.6a Longieren im Schritt auf der linken Hand.
Abb. 3.6b Longieren im Trab auf der linken Hand.
Abb. 3.6c Longieren im Galopp auf der rechten Hand.
Seit vielen Jahren hat sich auch die Lahmheitsbeurteilung auf kleinem Kreisbogen auf hartem Boden etabliert. Die Prüfung auf einen sog. „Wendeschmerz“ erfolgt im Schritt an der Hand nach beiden Seiten ( ▶ Abb. 3.8). Das Mustern des Pferdes in der Volte (ca. 10 m Durchmesser) erfolgt dabei an der Hand des Vorführers ( ▶ Abb. 3.7). Nur ein harter, rutschfester Untergrund (z.B. gewalzter Splitt) lässt eine für das Pferd risikoarme Begutachtung an der Longe zu. Auch auf der Volte verstärken sich viele Lahmheiten, und man beobachtet dies bei unterschiedlichen Krankheiten, je nachdem, ob das kranke Bein innen oder außen auf dem Kreis geführt wird. In aller Regel verstärken sich Lahmheiten aus dem distalen Gliedmaßenbereich, wenn das betroffene Bein innen ist, und Lahmheiten aus der proximalen Gliedmaße, wenn das Bein außen geht und damit weiter vorgeführt werden muss. Dies gilt typischerweise auch für Lahmheiten aus der Fesselträgerursprungsregion.
Abb. 3.7 Vortraben auf hartem Boden auf dem Kreisbogen – auf Pflaster und Asphalt an der Hand, nur bei rutschfesten Böden auch an der Longe möglich.
Abb. 3.7a Vortraben auf dem Kreisbogen, seitliche Ansicht.
Abb. 3.7b Vortraben auf dem Kreisbogen, Ansicht von hinten.
Abb. 3.8 Enge Wendung zur Prüfung des Wendeschmerzes nur im Schritt!
Manche Fragestellungen sind nur unter dem Reiter oder bei Rennpferden auf der Bahn im entsprechenden Tempo zu klären, insbesondere wenn der Verdacht besteht, dass die Pferde sich in der Bewegung „anschlagen“. Das sog. Streichen, Greifen oder Einhauen kommt jedoch nicht nur beim Rennpferd vor, sondern zeigt sich auch bei Reitpferden, v.a. in den Seitwärtsbewegungen (Traversalen). Bei diesbezüglichen Fragestellungen können Videoaufzeichnungen und deren Begutachtung in slow motion hilfreich sein.
Auf eine Begutachtung auf dem Laufband oder auf Ganganalysesystemen soll hier nicht weiter eingegangen werden.
Insbesondere die Beugeproben sind ein essenzieller Bestandteil der Lahmheitsuntersuchung, besonders bei der Abklärung von geringgradigen Lahmheiten. Hier sind sie eine Hilfe, um die erkrankte Region möglicherweise näher einzugrenzen, und sie sollten routinemäßig durchgeführt werden. Bei hochgradigen und höchstgradigen Lahmheiten sollte dagegen mit Provokationsproben äußerst zurückhaltend umgegangen werden.
Keil- und Brettproben können zur weiteren Differenzierung eingesetzt werden. Je nach Positionierung des Keils werden spezifische Strukturen unter Stress gesetzt und so eventuell vorhandene Schmerzen verstärkt.
Eine Bewertung des Ergebnisses von Provokationsproben erfolgt immer auf Basis des ursprünglichen Bewegungsablaufs, d.h., bewertet wird die Verstärkung der Lahmheit. Man beurteilt in 3 Stufen (+ bis +++) bzw. wertet das Ergebnis negativ (-).
Die Beugeproben sollten mit der kontralateralen Beugung verglichen werden, um sie richtig bewerten zu können. Pferde zeigen nämlich häufig deutlich individuelle Empfindlichkeiten, weshalb – insbesondere bei älteren Pferden – eine Beugeprobe auch ohne Bezug zu einer Lahmheit positiv ausfallen kann. Daher ist es sinnvoll, mit der vergleichenden Beugeprobe immer zunächst an der gesunden oder weniger lahmen Gliedmaße zu beginnen.
Mithilfe der Beugeprobe kann der Lahmheitsgrad vorübergehend verstärkt werden. Die Proben werden über ca. 1 min mit einer Kraft von 100–150 Newton durchgeführt, dies entspricht der Kraft, die notwendig ist, um ca. 10–15 kg anzuheben. Anschließend wird das Pferd unmittelbar vorgetrabt. Insbesondere bei Gelenk- oder Sehnenscheidenschmerzen und bei anderen gelenknahen Problemen ist ein positives Ergebnis zu erwarten.
Während des Beugevorgangs achtet man auf akute Beugeschmerzreaktionen, aber auch auf Beugehemmungen.
Sogenannte „Übersichtsbeugeproben“ ( ▶ Abb. 3.9, ▶ Abb. 3.17) sind mehr oder weniger unspezifisch und geben eher einen allgemeinen Eindruck von Konfiguration und Konstitution der gebeugten Gliedmaße.
Spezifische Beugeproben einzelner Gelenke gelingen insbesondere an der Zehe kaum, da meist alle 3 Phalangengelenke gleichzeitig gebeugt werden ( ▶ Abb. 3.10). Lediglich das Fesselgelenk ( ▶ Abb. 3.11) kann speziell durch Fixation von Röhre und Krongelenksregion (fast) unabhängig von Kron- und Hufgelenk gebeugt werden. Nach proximal schließt sich die Karpalbeugeprobe an ( ▶ Abb. 3.12). Ähnlich den Zehengelenken sind auch die Provokationsergebnisse an den proximalen Gelenken nur schwerlich dem Ellbogen- oder dem Schultergelenk eindeutig zuzuordnen. Alle Manipulationen – auch die Extensionsprobe und die Abduktion – betreffen beide Gelenke mehr oder weniger gleich bzw. gegenläufig ( ▶ Abb. 3.13, ▶ Abb. 3.14, ▶ Abb. 3.15, ▶ Abb. 3.16).
Abb. 3.9 Übersichtsbeugeprobe an der Vordergliedmaße: Die Zehengelenke, der Karpus und geringgradig auch das Ellbogengelenk sind einbezogen.
Abb. 3.10 Das alleinige Beugen der Zehengelenke gelingt bei Fixation von Karpus und Unterarm in kaum gebeugter Haltung. Alle 3 Zehengelenke sind betroffen.
Abb. 3.11 Die isolierte Beugeprobe des Fesselgelenks erfordert die Fixation von Fesselbein und Röhrbein, das gleichzeitige Beugen der beiden distalen Zehengelenke muss vermieden werden.
Abb. 3.12 Bei der Karpalbeugeprobe wird das Ellbogengelenk geringgradig mit gebeugt, was jedoch in der überwiegenden Zahl der Fälle vernachlässigt werden kann.
Abb. 3.13 Bei der Beugung des Ellbogengelenks lässt sich die gleichzeitige Streckung von Karpal- und Schultergelenk nicht vermeiden.
Abb. 3.14 Umgekehrt führt die Beugung der Schulter zu einer gleichzeitigen Streckung des Ellbogengelenks. Neben einer Lahmheitsverstärkung kommt es bei Schulterschmerzen häufig zu Unmutsäußerungen der Pferde während der Probe.
Abb. 3.15 Die Abduktionsprobe an der Vordergliedmaße verläuft nicht selten auffällig bei Verletzungen von Sehnen- und Bandstrukturen medial in der Ellbogen- und Schulterregion.
Abb. 3.16 Für die Adduktion der Vordergliedmaße gilt Entsprechendes. Auch diese Probe ist häufig auffällig bei Verletzungen von Sehnen- und Bandstrukturen; unter Zugbelastung kommen hier die lateral gelegenen Strukturen.
Auch an der Hintergliedmaße hat die Übersichtsbeugeprobe, die eine Kombination aus Zehenbeugeprobe und Beugung der proximalen Gliedmaße (v.a. Tarsalgelenk und Kniegelenk) darstellt, nur eine eingeschränkte Aussagekraft ( ▶ Abb. 3.17). Sinnvoll ist es, auch hier die Zehengelenksbeugeprobe ( ▶ Abb. 3.18) und die Beugeprobe von Tarsus und Knie getrennt vorzunehmen ( ▶ Abb. 3.19). In dieser Region gelingen weitere Differenzierungen durch den Extensionstest des Tarsalgelenks ( ▶ Abb. 3.20) und der isolierten Kniegelenksbeugung ( ▶ Abb. 3.21). Eine Provokation der Hüftgelenke gelingt durch Abduktion der Gliedmaße bei gleichzeitiger Vor- und Rückbewegung des Beines ( ▶ Abb. 3.22) sowie durch die Adduktionsprobe ( ▶ Abb. 3.23).
Abb. 3.17 Die Übersichtsbeugeprobe an der Hintergliedmaße bezieht Zehengelenke, Sprung- und Kniegelenk mit ein.
Abb. 3.18 Die Zehengelenksbeugeprobe hinten erfordert erneut das Fixieren der Röhre bei kaum gebeugtem Sprunggelenk.
Abb. 3.19 Bei der auch als Spatprobe bezeichneten Beugung des Tarsus lässt sich das gleichzeitige mäßige Beugen des Kniegelenks nicht vermeiden.
Abb. 3.20 Auch ein Extensionstest des Tarsalgelenks führt gleichzeitig zu einer gewissen Beugung des Knies. Dies ist bei der Ergebnisbewertung zu berücksichtigen.
Abb. 3.21 Die isolierte Kniegelenksbeugung lässt Tarsus und Zehe möglichst unbeeinflusst.
Abb. 3.22 Mit der Abduktion der Hintergliedmaße versucht man die Provokation schmerzhafter Prozesse im Hüftgelenk und Oberschenkelbereich.
Abb. 3.23 Die Adduktionsprobe der Hintergliedmaße kann insbesondere schmerzhafte Reaktionen an den Menisken und den seitlichen Bandstrukturen verstärken.
Für diese Provokationen wird die Gliedmaße je nach Fragestellung auf einen Keil platziert bzw. durch das Anheben eines auf ein Brettende gesetzten Pferdebeins wird ein Keil erzeugt. Die Probe wird bei aufgenommener kontralateraler Gliedmaße für 30–60 sec vorgenommen. Je nach Fragestellung kann dieser Keil nach vorne, hinten oder zur Seite offen sein ( ▶ Abb. 3.24), was zur Überstreckung, Trachtenhochstellung oder einem seitlichen Anheben der Zehe führt. Schmerzen aus dem Bereich der Seitenbänder des Hufgelenks (seitliches Hochstellen), den dorsalen Hufgelenksanteilen (Trachtenhochstellung) oder infolge eines palmar foot syndrome (Überstreckung) werden dadurch möglicherweise verstärkt, entweder durch Dehnungs- oder durch Stauchungskräfte. Die Spezifität dieser Proben ist jedoch nicht so groß, wie in der älteren Literatur beschrieben.
Abb. 3.24 Beispiele von Keilproben an einer Vordergliedmaße: Die dorsalen, palmaren und seitlichen Regionen werden vermehrt durch Zug und Druck belastet.
Abb. 3.24a Keilprobe mit Mehrbelastung dorsaler Strukturen.
Abb. 3.24b Keilprobe mit Mehrbelastung palmarer Strukturen.
Abb. 3.24c Keilprobe mit Mehrbelastung seitlicher Strukturen.
Einige Erkrankungen, darunter insbesondere Paresen und Paralysen von Nerven, aber auch spezielle Traumata und Funktionsstörungen sowie kongenitale Fehlfunktionen führen zu typischen, teilweise pathognomonischen Lahmheitsbildern, die eine Diagnose bereits im Stand oder nach wenigen Schritten ermöglichen.
Bei den über längere Zeit bestehenden nervalen Funktionsausfällen treten nach kurzer Zeit muskuläre Veränderungen in Form von Inaktivitätsatrophien hinzu, die das Krankheitsbild noch verdeutlichen. Nicht mit krankhaften Zuständen verwechseln darf man dagegen rassetypische Bewegungsabläufe, wie z.B. den Termino des Peruanischen Paso oder den Tölt und Passgang bei Isländern und anderen Gangpferderassen.
Ursächlich ist meist ein Trauma durch einen direkten Schlag auf das Schultergelenk oder aber der Nerv wird überdehnt, wenn die Schulter durch ein Hängenbleiben an einem Hindernis nach hinten gerissen wird.
Folge ist eine Stützbeinlahmheit, bei der im Moment der maximalen Lastaufnahme das Schulterblatt nach außen wegklappt (sog. Abplatten), was am besten von vorne im Schritt zu sehen ist. Ursache dafür ist der Ausfall der Mm. supraspinatus und infraspinatus, die für die laterale Stabilität des Schulterblatts sorgen. Im weiteren Verlauf wird durch die Atrophie dieser Muskeln das Bild noch deutlicher, die Spina scapulae tritt als knöcherne Gräte zwischen den sich zurückbildenden Muskeln hervor ( ▶ Abb. 3.25), und auch das Abplatten wird eher deutlicher sichtbar.
Möglicherweise kommt es durch das Abplatten zu wiederholten Traumatisierungen des Nerven.
Abb. 3.25 Atrophie der Schultermuskulatur der rechten Vordergliedmaße. Die Spina scapulae tritt deutlich hervor.
(aus: Brehm W, Gehlen H, Ohnesorge B, Wehrend A. Handbuch Pferdepraxis. 4. Aufl. Stuttgart: Enke; 2016)
Der N. radialis innerviert die Strecker von Ellbogen, Karpus und Zehe motorisch sowie die Haut lateral an Ober- und Unterarm sensibel. In den meisten Fällen wird der Nerv in der Region geschädigt, wo er den Humerus lateral quer passiert. Dies erfolgt nicht selten als postanästhetischer Schaden, ansonsten können auch Traumata wie Schlagverletzungen oder Humerusfrakturen zu Quetschungen oder gar Abrissen des Nerven führen. Die Schädigungen nach Allgemeinnarkose können auch ischämische Ursache haben und sind meist reversibel. Abzugrenzen sind Myositiden des M. triceps brachii als Differenzialdiagnose (Enzymbestimmung!)
Die Symptome der Radialislähmung sind typisch ( ▶ Abb. 3.26): Das Pferd kann die Gliedmaße nicht vorführen und nicht belasten, der Ellbogen scheint nach distal verlagert (dropped elbow), und das Bein erscheint daher länger (sog. Kusshandstellung). Bei passivem Vorziehen des Beines kann es belastet werden. Die Hautsensibilität lateral an Ober - und Unterarm fehlt.
Abb. 3.26 Radialislähmung an der rechten Vordergliedmaße.
Betroffen ist der M. quadriceps femoris, was es dem Pferd unmöglich macht, die Gliedmaße zu belasten. Alle Gelenke sind gebeugt, das Vorführen ist eingeschränkt möglich. Bei längerem Weiterbestehen der Lähmung kommt es zu einer Quadrizepsatrophie.
Auch die Peronaeuslähmung ist nicht selten Folge der Lagerung in Allgemeinnarkose. Ansonsten können Traumata wie Tritte anderer Pferde den Nerven schädigen. Dies geschieht meist auf Höhe des Fibulaköpfchens, wo der Nerv sehr oberflächlich verläuft.
Durch den Funktionsverlust der Zehenstrecker und der Beuger des Tarsalgelenks fußt das Pferd bei fast gestrecktem Sprunggelenk auf der Vorderfläche von Huf und Fessel.
Bedingt durch einen zu flachen lateralen Femurrollkamm kann die Kniescheibe bereits intrauterin nach lateral abgleiten. Es handelt sich um eine erblich bedingte kongenital ausgebildete Missbildung, die besonders beim Shetlandponyfohlen vorkommt. Das Knie kann nicht gestreckt werden, Folge der meist beidseitigen Schädigung ist eine hundesitzige Stellung.
Mittleres und mediales Patellarband formen eine Art Schlaufe um den medialen Femurrollkamm. Durch Muskelzug kann diese Schlaufe über einen Knochenvorsprung des Rollkamms gehoben und fixiert werden, was dem Pferd ein anstrengungsfreies passives Stehen ermöglicht (Spannsägenkonstruktion).
Bleibt die Kniescheibe dort allerdings hängen, kann das Kniegelenk nicht gebeugt werden, ebenso wenig das Sprunggelenk. Dieser Zustand kann habituell, aber auch permanent auftreten, wobei Ersteres durch Seitwärts-, Rückwärts- oder Vorwärtsbewegungen gelöst werden kann. Die permanente Fixation bedarf der chirurgischen Intervention. Die proximale Patellafixation ( ▶ Abb. 3.27) tritt gehäuft bei Pferden mit einer steilen Stellung in Knie- und Sprunggelenk sowie mit schlechter Bemuskelung auf. Durch entsprechendes Training kann vielfach Besserung erzielt werden.
Sehr viel seltener kommt es zur distalen Fixation der Kniescheibe am lateralen Rollkamm auf Höhe der Tuberositas tibiae, bei der das Knie hochgradig abgebeugt ist und nicht gestreckt werden kann ( ▶ Abb. 3.28, ▶ Abb. 3.29).
Abb. 3.27 Typisches klinisches Bild bei stationärer Kniescheibenfixation nach proximal: Knie- und Sprunggelenk sind gestreckt und können nicht gebeugt werden.
(aus: Brehm W, Gehlen H, Ohnesorge B, Wehrend A. Handbuch Pferdepraxis. 4. Aufl. Stuttgart: Enke; 2016)
Abb. 3.28 Typisches klinisches Bild bei einer Kniescheibenfixation nach distal: Das Knie ist gebeugt und kann nicht gestreckt werden.
Abb. 3.29 Röntgenaufnahme der Kniescheibenfixation nach distal. Die Verlagerung der Patella ist deutlich zu erkennen.
Diese Bewegungsstörung ist durch ein unwillkürliches, übermäßiges Beugen von Sprunggelenk und Knie an einer oder beiden Hintergliedmaßen gekennzeichnet. Die Zehe kann dabei bis unter den Bauch hochgezogen werden.
Als Ursache werden einerseits neuromuskuläre Störungen (Intoxikationen), andererseits auch schmerzhafte Prozesse (Spat) oder eine angeborene Verkürzung des seitlichen Sehnenstreckers beschrieben.
Auch dieser Muskel ist Bestandteil der Spannsägenkonstruktion. Ist er gerissen, ist eine Kniegelenksbeugung bei gleichzeitig gestrecktem Sprunggelenk möglich, die Achillessehne erscheint dabei gefältelt, was besonders beim Aufheben der Gliedmaße deutlich wird ( ▶ Abb. 3.30). Die betroffene Gliedmaße kann Last aufnehmen, und das Geschehen insgesamt erscheint für das Pferd wenig schmerzhaft. Heilung erfolgt durch mehrwöchige Boxenruhe.
Abb. 3.30 Ruptur des M. fibularis tertius.
Abb. 3.30a Nur im akuten Stadium der Erkrankung lässt sich palpatorisch eine Lücke im Muskel nachweisen.
(aus: Brehm W, Gehlen H, Ohnesorge B, Wehrend A. Handbuch Pferdepraxis. 4. Aufl. Stuttgart: Enke; 2016)
Abb. 3.30b Nach Ruptur des M. fibularis tertius ist eine Kniegelenksbeugung bei gleichzeitig gestrecktem Sprunggelenk möglich.
(aus: Brehm W, Gehlen H, Ohnesorge B, Wehrend A. Handbuch Pferdepraxis. 4. Aufl. Stuttgart: Enke; 2016)
Betroffen sind die langen Sitzbeinmuskeln, v.a. der M. semitendinosus. Nach Muskelfaserrissen, aber auch als Injektionsfolge nach i.m.-Injektion kann es zu Verwachsungen, Fibrosierungen oder metaplastischen Verkalkungen kommen.
Folge ist eine typische, am besten im Schritt sichtbare Bewegungsstörung, bei der die Gliedmaße kurz vor dem Aufsetzen wenige Zentimeter zurückzuckt.
Diese wahrscheinlich neuromuskulär bedingte Erkrankung äußert sich in unwillkürlichen Muskelbewegungen besonders der Hintergliedmaßen und des Schweifs, seltener auch der Schultergliedmaßen. Auffällig werden die Pferde meist beim Rückwärtsrichten, wobei eine Hintergliedmaße ruckartig hochgezogen und gebeugt und zitternd seitlich weggehalten wird. Der hochgestellte Schweif zittert dabei ebenfalls. Nach kurzer Zeit wird dann das Bein abgesetzt, und das Zittern lässt nach. Der ganze Vorgang kann beliebig reproduziert werden und fällt in weniger ausgeprägten Fällen häufig bei der Beugeprobe auf.
Nicht unbedingt pathognomonisch, aber doch sehr häufig wird bei subchondralen zystoiden Defekten über eine plötzlich in der Bewegung und ohne erkennbares Trauma auftretende mittelgradige bis hochgradige Lahmheit berichtet, die oft schon nach wenigen Minuten deutlich gebessert ist. Meist sind die Pferde nach 1–2 d wieder lahmfrei. Dieses Ereignis kann sich in unregelmäßigen Abständen wiederholen. Bei einer derartigen Symptomatik sollte besonders auf zystoide Strukturveränderung mit Gelenksbeteiligung geachtet werden.
Typisch an dieser Lahmheit ist das reproduzierbare Auftreten nur unter Bewegung/Belastung. Je nach Umfang und Lokalisation der Thrombose kommt es zu Lahmheiten, die sich dramatisch verstärken können. Die Pferde zeigen hochgradige Lahmheiten und Schmerzreaktionen mit Schwitzen und Störungen des Allgemeinbefindens. Im Stand wird die erkrankte Gliedmaße hochgehalten und nicht mehr belastet. Dieser Zustand bessert sich relativ schnell wieder, sobald das Pferd nicht mehr bewegt wird.
Die Symptomatik der akuten Hufrehe ist in den meisten Fällen gekennzeichnet durch eine typische Körperhaltung mit nach vorne gestrecktem Kopf und Hals, entlastend weit nach vorne gestellten Vordergliedmaßen und den weit nach vorne unter den Körper geschobenen Hintergliedmaßen, wobei die Trachten vermehrt belastet werden. Diese Anzeichen sind krankheitstypisch und können daher als pathognomonisch bezeichnet werden ( ▶ Abb. 3.31, ▶ Abb. 3.32
