Lampenfieber - Claudia Spahn - E-Book

Lampenfieber E-Book

Claudia Spahn

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Beschreibung

Lampenfieber verstehen und erfolgreich damit umgehen Ein Auftritt steht bevor, eine Rede muss gehalten werden, das Publikum wartet gespannt – man spürt ein Prickeln, der Atem geht schneller, das Herz schlägt bis zum Hals … Mit derlei Anzeichen von Lampenfieber haben auftretende Künstler jeden Tag zu tun, in der Regel während ihres gesamten Berufslebens. Jedoch nicht nur künstlerisch Tätige, sondern auch Lehrer, Manager, Moderatoren, Politiker, Journalisten u. a. kennen Lampenfieber aus vielen beruflichen Situationen. Wie man mit seinem Lampenfieber umgehen kann, zeigt Claudia Spahn fundiert und anschaulich in diesem praktischen Handbuch.   - Was ist Lampenfieber? Warum tritt es auf? Wie äußert es sich? Wie bekomme ich es in den Griff? - gut nachvollziehbare Erklärungen zum Lampenfieber, erweitert um Analyse und Maßnahmen - für Kreativschaffende in Theater, Film, Oper, aber auch für andere Berufe und Situationen - mit persönlichen Erfahrungen von z.B. Renée Fleming, Gerd Heinz, Gidon Kremer, Waltraud Meier u.a. - konkrete Übungen zum Warm-up, zur Aufrichtung, zur Bühnenpräsenz und zur Spannungsregulation   Ein menschliches Phänomen Wichtig ist, Lampenfieber als ganz normales und sinnvolles menschliches Phänomen zu begreifen, mit dem man gut umgehen kann und das beim Auftritt, in einem wichtigen Gespräch, bei einer Rede und in vielen anderen Situationen in kreative Energie umgewandelt werden kann. In diesem Buch werden die gesellschaftlichen, individuellen und situativen Faktoren analysiert, die zur Entstehung von Lampenfieber beitragen. So hat sich z.B. im Bereich der darstellenden Künste (Musik, Musiktheater, Schauspiel, Tanz) durch Livestreams bzw. Live-Darbietungen die Ausübung des Berufs komplett gewandelt. Aber auch mentale Vorstellungswelten haben sich geändert, Verunsicherungen entstehen aus einem falschen Anspruchsdenken, möglichst fehlerfrei, "cool" oder perfekt zu sein. Hier bietet der Ratgeber Hilfe, sich damit kritisch auseinanderzusetzen.   Keine "Angst vor der Angst" Der Auftritt auf einer Bühne oder einem Podium ist immer eine Interaktion mit dem Publikum; man tritt zu diesem Publikum in eine Beziehung. Das kann ein besonderer, ein wunderbarer Moment werden – auch mithilfe ganz kleiner, aber hilfreicher Auftrittsrituale, die viele Musiker, Schauspieler und Tänzer pflegen. Also: Keine Angst – und auch keine "Angst vor der Angst", sondern aus der Anspannung eine positive Spannung machen!   Von Claudia Spahn ist ebenfalls erschienen: "Musikergesundheit in der Praxis. Grundlagen, Prävention, Übungen"

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 227

Veröffentlichungsjahr: 2012

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Claudia Spahn

Lampenfieber

Claudia Spahn

Lampenfieber

Handbuch für den erfolgreichen Auftritt

Grundlagen • Analyse • Maßnahmen

HENSCHEL

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen

Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.

E-Book ISBN: 978-3-89487-821-4

© 2012 by Henschel Verlag in der Seemann Henschel GmbH & Co. KG, Leipzig

Die Verwertung der Texte und Bilder, auch auszugsweise, ist ohne Zustimmung des Verlags urheberrechtswidrig und strafbar. Dies gilt auch für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und für die Verarbeitung mit elektronischen Systemen.

Lektorat: Anja Herrling

Umschlaggestaltung: Ingo Scheffler, Berlin

Titelabbildungen: links: eine geschäftliche Vortragssituation,

© Jim Craigmyle/Corbis; rechts: Szenenfoto aus »Der blaue Engel«

(P. Turrini), Insz. am Theater am Kurfürstendamm, Berlin (2011),

© Cinetext C/P

Satz und Gestaltung: Das Herstellungsbüro, Hamburg

E-Book-Herstellung und Auslieferung: Brockhaus Commission, Kornwestheim, www.brocom.de

www.henschel-verlag.de

www.seemann-henschel.de

Inhalt

Vorwort

Grundlagen

Was ist Lampenfieber?

Was passiert bei Lampenfieber?

Warum tritt Lampenfieber auf?

Wie kann sich Lampenfieber äußern?

Wie verläuft Lampenfieber?

Wie häufig ist Lampenfieber?

Analyse

Welche gesellschaftlichen Faktoren beeinflussen Lampenfieber?

Welche individuellen Faktoren beeinflussen Lampenfieber?

Welche situativen Faktoren beeinflussen Lampenfieber?

Maßnahmen

Was kann ich im Umgang mit Lampenfieber erreichen?

Wie kann ich mein Lampenfieber optimieren?

Grundeinstellungen zum Lampenfieber

Ansätze im Überblick

Selbstreflexiver Ansatz

Körperbezogene Ansätze

Kognitive Ansätze

Mentale Ansätze

Settingbezogene Ansätze

Kreative Ansätze

Welche Ansätze im Umgang mit Lampenfieber helfen mir in meiner Situation?

Programmerstellung

Risiken

Phasen in der Lebenszeitperspektive

Kindheit und Jugend

Studium

Berufsjahre

Übungen

Übungen zum Warm-up

Übungen zur Aufrichtung

Übungen zur Bühnenpräsenz

Übungen zur Spannungsregulation

Interview mit Gerd Heinz

Literaturverzeichnis

Über die Autorin

Vorwort

Dieses Buch zum Thema Lampenfieber ist ein Handbuch in mehrerlei Hinsicht: ein handliches Buch aus der Praxis für die Praxis, eine Handreichung für Ratsuchende, ein Begleiter in der eigenen Entwicklung auf Bühne oder Podium und ganz grundsätzlich ein Buch, das man gerne zur Hand nehmen möge. Es richtet sich an alle, die sich mit Lampenfieber auseinandersetzen wollen, sei es vor einem professionellen Auftritt auf Bühne oder Podium oder vor der Festrede auf einer Familienfeier.

Mit Blick auf die praktische Umsetzung werden im ersten Teil des Buches die wissenschaftlichen Grundlagen des Lampenfiebers in verständlicher Form vermittelt. Diese Kenntnisse ermöglichen es, dass wir Lampenfieber als normales und sinnvolles menschliches Phänomen verstehen und in der Lage sind, darüber nachzudenken. Das Ziel sollte sein, Lampenfieber so optimal einzustellen, dass es unsere Bühnenpräsenz und Konzentration verbessert. Welche Faktoren hierbei eine Rolle spielen, wird aus den Blickwinkeln des gesellschaftlichen Hintergrunds, der Person des Auftretenden und des Bühnensettings im zweiten Kapitel analysiert. Im gesamten Buch finden sich Beispiele, welche die Erlebnisse unterschiedlicher Personen und Auftrittssituationen anschaulich wiedergeben.

Ein Schwerpunkt liegt hierbei auf den Berichten von Bühnenkünstlern wie Sängern, Musikern und Schauspielern. Dieser Fokus entsteht naturgemäß aus der Tatsache, dass die genannten Berufsgruppen über eine ganz besonders intensive Erfahrung im Umgang mit Lampenfieber verfügen. Alle, die in ihrem Leben unter anderen Bedingungen oder in ganz privatem Rahmen auftreten, können von diesen Erfahrungen profitieren.

Das vorliegende Handbuch gibt Ihnen als Leser eine klare Orientierung im persönlichen Umgang mit Lampenfieber und lässt Ihnen gleichzeitig eigenen Gestaltungsspielraum in der Nutzung der vielfältigen Ansätze und Übungen, die im Kapitel »Maßnahmen« enthalten sind.

Persönliche Einblicke in die Welt von Schauspiel, Film und Oper gibt uns abschließend der erfahrene Schauspieler, Regisseur und Hochschullehrer Prof. Gerd Heinz in einem Interview.

Wenn Sie die Lektüre des Buches über alle anwendungsbezogenen Überlegungen hinausgehend auch einfach genießen können, so würde mich dies als Autorin ganz besonders freuen.

Claudia SpahnFreiburg im Januar 2012

Grundlagen

Was ist Lampenfieber?

Eine der ältesten literarischen Quellen, in der die Aufregung eines Vortragenden zu Beginn einer Rede beschrieben ist, findet sich 55 v. Chr. bei Marcus Tullius Cicero in seiner Schrift »Über den Redner« (»De oratore«). Hier hören wir aus dem Munde des Redners Lucius Licinius Crassus: »Was mich betrifft, so stelle ich gewöhnlich bei euch fest und mache auch an mir selbst sehr oft die Erfahrung, dass ich bei den ersten Worten einer Rede vor Angst erbleiche und von ganzem Herzen und an allen Gliedern bebe …« (Cicero, 2007, S. 58).

Die Situation, sich vor anderen Menschen zu exponieren, löst in uns allen ein ähnliches Programm aus. Wir spüren dies durch eine erhöhte Körperspannung, eine stärkere Konzentration und Aufmerksamkeit sowie durch ein intensiviertes Gefühlserleben. Es handelt sich dabei um einen ganz eigenen, besonderen Zustand, in dem wir uns sonst kaum befinden. Jeder Mensch erlebt diesen im Laufe seines Lebens, denn Präsentationssituationen wie Referate in der Schule oder Reden und Ansprachen bei festlichen Anlässen sind fester Bestandteil unserer Kultur. Darüber hinaus gibt es Berufsgruppen, die sich regelmäßig und in besonderer Weise vor anderen exponieren und deshalb umfangreiche Erfahrungen im Umgang mit Auftrittssituationen erwerben. Zu diesen zählen insbesondere Künstler in den Bereichen Musik, Schauspiel und Tanz, aber auch in Kommunikationsberufen Tätige wie Lehrer, Pfarrer, Journalisten, Manager, Politiker u.a. Entsprechend verschieden können auch die Auftrittsorte sein: vom Besprechungs- und Klassenzimmer über einen Hörsaal oder eine Kirche bis hin zur Bühne eines Konzertsaals oder Theaters. Ähnlich variabel ist die Zahl und Zusammensetzung der Zuschauer und Zuhörer.

Als eigener Begriff für den bereits bei Cicero beschriebenen Zustand tauchte im 19. Jahrhundert der Begriff »Lampenfieber« im deutschen Sprachraum auf. Etymologisch entstand er aus dem Wort »Lampen«, welches im 13. Jahrhundert aus dem französischen Wort lampe für Beleuchtungsmittel entlehnt wurde, und dem Wort »Fieber«, womit eine »fieberhafte Körperreaktion« gemeint war. In der zusammengesetzten Wortbedeutung beschreibt damit »Lampenfieber« den Zustand, der sich unter der Beleuchtung der »Lampen« auf der Bühne einstellt. Im »Etymologischen Wörterbuch« (Kluge, 1989) finden wir den Eintrag: »Aufregung vor dem öffentlichen Auftreten«.

»Lampenfieber« hat sich bis heute in unserem Sprachgebrauch erhalten. Äquivalente Bezeichnungen sind im Spanischen fiebre de candilejas, im Italienischen febbre della ribalta, im Französischen le trac sowie im Anglo-Amerikanischen stage fright. Die spanische Bezeichnung bezieht sich – wie der deutsche Begriff – direkt auf die Bühnenlampen (candilejas), die italienische auf die Bühne bzw. die Rampe selbst (ribalta). Der französische Begriff soll sich vom Verb traquer ableiten, was »jemanden jagen bzw. hetzen« bedeutet; in der Jägersprache heißt es entsprechend traquer un animal, »ein Tier treiben oder umstellen« (Le Corre, 2006). Kurt Tucholsky griff unter seinem Pseudonym Peter Panter in einem Artikel mit dem Titel »Lampenfieber«, den er 1930 für die Weltbühne verfasste, diesen französischen Begriff auf und formulierte: »Lampenfieber heißt ›trac‹ auf französisch. Der kleine zuckende Laut gibt den Peitschenschlag der Nerven gut wieder (…)«. Die englische Bezeichnung stage fright akzentuiert neben dem Begriff der Bühne den Schrecken und die Angst.

In den verschiedenen Ländern begegnet man interessanten Spuren des Lampenfiebers. So zeugt das Schild mit der Aufschrift »salle du trac«, das neben der Tür zum Einspielraum im Conservatoire Supérieur de Paris (CNR) angebracht ist, von der Präsenz des Lampenfiebers im Leben der jungen Musiker (Abb. 1). Dieser »Lampenfieber-Raum« hat schon viele Menschen mit unterschiedlichen Instrumenten gesehen, die sich auf Prüfungen vorbereitet haben. Le trac – Lampenfieber – hatten sie alle. Denn im »salle du trac« spielt man sich ein, bevor die Jury zum Vorspiel in den Konzertsaal bittet.

Auch im englischen Sprachgebrauch gibt es einen solchen Raum, der auf das Phänomen Lampenfieber hinweist, nämlich den sogenannten green room, in dem sich die Künstler hinter der Bühne aufhalten, wenn sie auf den Auftritt warten. In Künstlerkreisen wird gemutmaßt, dass hinter diesem Begriff eine Anspielung auf die grünliche Gesichtsfarbe stehe, die an manchen Künstlern vor dem Auftritt zu beobachten ist. Etymologisch ist dies vermutlich jedoch nicht korrekt, da sich der Begriff wohl eher von der grünen Wandfarbe des hinter der Bühne befindlichen Aufenthaltsraumes eines Londoner Theaters zur Zeit Shakespeares ableitet.

Abb. 1: »salle du trac« im Conservatoire Supérieur de Paris (CNR)

Die ursprüngliche Bedeutung des Wortes Lampenfieber ist heute im deutschen Sprachgebrauch einer gewissen begrifflichen Unschärfe gewichen. Im Alltagsverständnis wird Lampenfieber – sowohl unter Künstlern als auch in anderen Berufen – unterschiedlich interpretiert: Die einen stellen sich etwas Positives darunter vor – im Sinne von »auf etwas hinfiebern« –, andere halten es für eine problematische Erscheinung – im Verständnis des Fiebers als Krankheitszeichen. Selbst in der wissenschaftlichen Literatur wird der Begriff Lampenfieber nicht eindeutig verwendet (Brodsky, 1996; Möller u. Castringius, 2005).

Was passiert bei Lampenfieber?

Die Erscheinungen des Lampenfiebers können bei jedem Menschen verschieden ausgeprägt sein oder wahrgenommen werden. Betrachten wir Lampenfieber in seiner Phänotypie systematisch, so lassen sich über die individuelle Ausprägung hinausgehende Gemeinsamkeiten beschreiben. Hierzu gehört, dass sich Lampenfieber auf verschiedenen Ebenen, nämlich auf der emotionalen und körperlichen Ebene sowie auf den Ebenen des Denkens und Verhaltens äußert. Einen Überblick über die häufigsten Anzeichen von Lampenfieber fasst Tabelle 1 auf der folgenden Seite zusammen.

Körper

Gefühl

Denken

Verhalten

schneller Herzschlag

intensiviertes Gefühlserleben

Konzentrationsstörungen

unkontrollierte Körperhaltungen und -bewegungen

schneller und flacher Atem

Angst und Panik

negative Gedanken und Erwarten von Katastrophen

bereits in der Vorbereitung die Konfrontation mit dem Auftritt vermeiden

kalte und schweißige Hände

innere Aufregung

ständiges Denken an den Auftritt schon Wochen vorher

aggressives Verhalten gegenüber der Umwelt

trockener Mund

Hilflosigkeit

über Publikum mit Angst nachdenken

stereotype Verhaltensweisen

Erröten oder Blässe

Ausgeliefertsein

sich selbst unangemessen kleinmachen

Auftrittssituation vermeiden

Zittern an Armen und Beinen

Verzweiflung

mit Experten im Publikum beschäftigt sein

Überaktivität und Aufgedrehtsein

Übelkeit

sich bedroht fühlen

an schwierige Passagen denken

Flucht in äußere Umstände

Kopfschmerzen und Schwindel

Scham

unbegründete negative Selbsteinschätzung

sozialer Rückzug

Harndrang oder Durchfall

Unlust aufzutreten

Blackout

Blockaden

Tabelle 1: Häufige Anzeichen von Lampenfieber, geordnet nach den vier Ebenen Körper – Gefühl – Denken – Verhalten; die Kombination der vier Ebenen muss nicht der Anordnung in den Zeilen folgen.

Körperliche Ebene

Die bekannten körperlichen Anzeichen des Lampenfiebers, wie schnelle Atmung und beschleunigter Herzschlag, Mundtrockenheit, Zittern, kalte und schweißige Hände etc., sind Ausdruck eines durch Angst ausgelösten physiologischen Programms. Im Körper kommt es dabei zu einer Aktivierung des sympathischen Teils des autonomen Nervensystems. Angst – fright – als Warnsignal stößt Körperreaktionen an, die zum Ziel haben, die maximale Konzentration und Muskelkraft für Kampf – fight – oder Flucht – flight – bereitzustellen. Man spricht in diesem Zusammenhang von den »drei großen F«. Dieses Programm ist phylogenetisch, d.h. bezogen auf die Entwicklungsgeschichte der Menschheit, bereits sehr alt und trägt der Tatsache Rechnung, dass der Mensch – als ein hinsichtlich seiner Köperkräfte eher bescheiden ausgestattetes Wesen – in Gefahrensituationen schnell und mit höchster Konzentration entscheiden können musste, ob es klüger sei zu fliehen (häufig die bessere Option) oder zu kämpfen (bei fraglichen Erfolgsaussichten nicht selten die ungünstigere Variante). Im Vergleich zum Menschen zeigen z.B. Nashörner keine sichtbaren Anzeichen von Angst, die sie auf eine Flucht vorbereiten, da sie den allermeisten anderen Tieren kräftemäßig überlegen sind. Im Kampf mit dem Menschen gereicht ihnen dies heute zum Nachteil, denn sie laufen auch nicht weg, wenn sich ihnen ein Jäger mit Gewehr nähert.

Das autonome (vegetative) Nervensystem steuert die inneren Vorgänge unseres Körpers wie z.B. Kreislauf, Atmung, Verdauung, Muskeltonus, die nicht direkt oder nur zum Teil unserer Kontrolle unterliegen und nicht ohne Weiteres willentlich beeinflussbar sind. Es besteht aus zwei antagonistisch wirkenden Schenkeln, dem Sympathikus und dem Parasympathikus. Der Parasympathikus ist stärker aktiv in der sogenannten »Hängemattensituation«: Wir haben gegessen, wir verdauen, sind müde, können uns ausruhen und müssen unsere Aufmerksamkeit nicht auf eine Aufgabe richten. Der Sympathikus überwiegt in Situationen, in denen wir wach, konzentriert und auf körperliche und geistige Aufgaben ausgerichtet, also handlungsbereit sind. Man könnte auch sagen, dass wir bei überwiegend parasympathischer Aktivität mehr nach innen, auf uns selbst und bei überwiegend sympathischer Aktivität mehr nach außen orientiert sind.

Beim Auftritt ist der Sympathikus stark aktiviert und wir finden daher alle Symptome, die uns in die Lage versetzen, »fit« für die auf uns zukommende Aufgabe zu sein (Abb. 2). Ausgehend von der ursprünglichen Kampf-Flucht-Situation wird Energie im Körper bereitgestellt, welche die großen Muskeln der Oberarme, der Beine und des Rumpfes mit Sauerstoff und Nährstoffen aus dem Blut versorgt. Um genügend Sauerstoff aufnehmen zu können und die Atmungsfunktion zu optimieren, werden die Bronchien in der Lunge erweitert und die Atmung wird beschleunigt. Der Mund wird trocken. Um das Blut schneller durch den Körper zu pumpen, nimmt der Herzschlag zu. Das Blut zentriert sich in den großen Muskeln. Gleichzeitig verengen sich die Blutgefäße in der Peripherie des Körpers, besonders an den Händen, sodass wir kalte Hände bekommen. Der gesamte Muskeltonus erhöht sich, durch Zittern wird zusätzliche Körperwärme erzeugt. Die inneren Augenmuskeln sind stärker angespannt, sodass unsere Pupillen sich weiten. Die sympathische Aktivierung bewirkt eine direkte Verstärkung der Schweißsekretion und führt damit u.a. zu schweißigen Händen. Die Blasenfunktion wird angeregt und wir verspüren Harndrang. Die Verdauung wird angehalten, d.h. Nahrung entleert sich entweder überstürzt (Durchfall) oder bleibt im Magen liegen (Übelkeit, Erbrechen).

Die Steuerung dieser vegetativen Funktionen des Körpers erfolgt im Gehirn durch den Hypothalamus. Von hier aus werden Impulse über Nervenwurzelzellen im Rückenmark und über weiterführende Nerven zu den Organen geleitet. Mittels des Hormons Noradrenalin als Überträgerstoff werden dort die oben beschriebenen Effekte ausgelöst. Das bekannte Hormon Adrenalin wird durch Stimulation aus dem Hypothalamus im Nebennierenmark gebildet und direkt ins Blut ausgeschüttet. Die Katecholamine Adrenalin und Noradrenalin bewirken neben den bereits beschriebenen Effekten, dass gespeicherte Energie mobilisiert und Glucose aus dem Blut in die Zelle aufgenommen werden kann. Damit steht für Muskeltätigkeit ausreichend Energie zur Verfügung. Andererseits werden adrenalinvermittelt im Gehirn Denkvorgänge unterdrückt, weshalb es in Auftrittssituationen zu sogenannten Blackouts kommen kann.

Der Adrenalinanstieg kann vor und während des Auftritts zu unterschiedlichen Zeitpunkten erfolgen (vgl. Kap. »Wie verläuft Lampenfieber?«, S. 28). Auch der Abbau von Adrenalin nach einem Auftritt verläuft individuell unterschiedlich. Manche Menschen sind direkt danach müde und haben ein Schlafbedürfnis, andere sind noch Stunden hellwach und können nur sehr langsam zur Ruhe kommen. Künstler, die regelmäßig abends auftreten und am nächsten Morgen bereits wieder eine Probe haben, können durch den resultierenden Schlafmangel maßgeblich belastet sein. Je nach Tätigkeit auf Bühne und Podium können manche körperlichen Erscheinungen des Lampenfiebers mehr oder weniger stören. So sind für Sänger und Sprecher Mundtrockenheit und die beschleunigte Atemfrequenz unangenehm auf der Bühne, während sie für Streich- und Tasteninstrumentalisten oder für Tänzer kaum eine Rolle spielen. Es gibt jedoch keine eindeutigen Hinweise darauf, dass die körperlichen Erscheinungen aus physiologischer Sicht systematisch mit der spezifischen Auftrittstätigkeit in Verbindung stehen. Sänger bekommen demnach nicht vornehmlich einen trockenen Mund und Pianisten nicht vermehrt kaltschweißige Hände. Die Wahrnehmung der körperlichen Reaktionen ist jedoch je nach Bühnentätigkeit häufig genau auf das Symptom fokussiert, welches am meisten stört, sodass der Eindruck entstehen kann, es handle sich um tätigkeitsspezifische Lampenfiebererscheinungen. Eher scheinen die Symptome jedoch einem individuellen Muster zu folgen. Für Instrumentalisten kann es besonders belastend sein, wenn durch die erhöhte Muskelspannung, durch Zittern und Verkrampfungen an Armen und Händen die erforderliche feinmotorische Kontrolle und Schnelligkeit beeinträchtigt sind. Eine eindrucksvolle Schilderung der Lampenfiebererscheinungen bei Flötisten finden wir bei Johann Joachim Quantz in seiner 1752 erschienen Schrift »Versuch einer Anweisung die Flöte traversière zu spielen«:

Abb. 2: Körperliche Erscheinungen des Lampenfiebers

»Die Furcht verursachet eine Wallung des Geblüthes, wodurch die Lunge in ungleiche Bewegung gebracht wird, und die Zunge und Finger ebenfalls in eine Hitze gerathen. Hieraus entsteht nothwendiger Weise ein im Spielen sehr hinderliches Zittern der Glieder: und der Flötenspieler wird also nicht im Stande seyn, weder lange Passagien in einem Athem, noch besondere Schwierigkeiten, so wie bey einer gelassenen Gemüthsverfassung, herauszubringen. Hierzu kömmt auch noch wohl, daß er bey solchen Umständen, absonderlich bey warmem Wetter, am Munde schwitzet; und die Flöte folglich nicht am gehörigen Orte fest liegen bleibt, sondern unterwärts glitschet: wodurch das Mundloch derselben zu viel bedecket, und der Ton, wo er nicht gar außen bleibt, doch zum wenigsten zu schwach wird.« (Quantz, 1997, S. 168)

Emotionale Ebene

Da Lampenfieber mit der Grundemotion Angst verbunden ist, lassen sich die wissenschaftlichen Erkenntnisse aus der Emotionsforschung zur Angst heranziehen.

Wir gehen heute davon aus, dass es neben dem beschriebenen Programm des vegetativen Nervensystems mit Hypothalamus und den Hormonen Adrenalin und Noradrenalin im Gehirn einen zweiten Verschaltungsweg (Abb. 3) gibt, der deutlich langsamer erfolgt und eine bewusstseinsnähere Reaktion darstellt (Altenmüller, 2009). Er beteiligt höhere Gehirnareale und bietet eine genauere Analyse der Auftrittssituation. Aus der Gedächtnisregion des Gehirns werden Gedächtnisinformationen zur emotionalen Bedeutung der Auftrittssituation geliefert. Hieraus ergeben sich wichtige Ansatzpunkte dahingehend, dass Lampenfieber durch die Auseinandersetzung der Betroffenen mit sich selbst und durch die Aufarbeitung früherer Erfahrungen beeinflusst werden kann. Wir wissen auch, dass Lampenfieber eine starke Lernkomponente besitzt. Joseph E. Ledoux konnte in seinen Untersuchungen an Mäusen feststellen, dass situative Angst in Zusammenhang mit entsprechenden Stimuli erlernt wird (Ledoux u. William, 1986).

Abb. 3: Die zentrale Steuerung der Angst bei Lampenfieber (nach Altenmüller, 2009)

Grundsätzlich erleben wir beim Lampenfieber uns selbst und unsere Gefühle intensiver als sonst. Unabhängig davon, wie die Gefühle beim Lampenfieber ausgeprägt sind, spüren wir uns in einer einzigartigen Weise in der Gegenwart und in allen Facetten unseres Seins. Dies ist wahrscheinlich mit ein Grund, warum Bühnenkünstler die Bühne lieben, obwohl ihnen dort Höchstleistungen abverlangt werden. Nicht umsonst spricht Friedrich Schiller 1803 in seinem Gedicht »An die Freunde« von »den Brettern, die die Welt bedeuten«. Auch wenn die Aufregung beim Auftritt nicht immer nur angenehm sein mag, so ist sie doch höchst intensiv und führt zu einem Verlangen, diesen besonderen Zustand immer wieder zu erleben. Hierauf deuten die Biografien vieler Künstler hin, die nach einer erfolgreichen Bühnenkarriere ein Comeback erzwingen wollen, wie es z.B. Maria Callas auf tragische Weise versucht hat.

Die unangenehmen Gefühle des Lampenfiebers äußern sich in übersteigerter Angst, in Gereiztheit, in Gefühlen der Hilflosigkeit und des Ausgeliefertseins sowie des Kontrollverlusts. Bei manchen Menschen stellt sich in Auftrittssituationen auch ein Zustand ein, in dem sie sich selbst wie durch eine zweite Person von außen wahrnehmen und – während sie auf der Bühne sind – gleichzeitig beobachten. Dieses Phänomen bezeichnen wir als Depersonalisation. Es handelt sich um ein Phänomen, welches bei erhaltenem Realitätsbezug per se als nicht pathologisch einzustufen ist.

Denken

Das Spektrum der Gedanken beim Lampenfieber ist sehr individuell und deshalb immens groß. Trotzdem gibt es wiederkehrende, typische Themen und Inhalte. Ein oft geäußerter Gedanke vor dem Auftritt ist dieser: »Warum bin ich jetzt hier und muss gleich auftreten und sitze nicht mit Freunden im Café?« Daneben kreisen die Gedanken häufig um Personen im Publikum, deren Beurteilung aus beruflichen oder persönlichen Gründen wichtig ist. Bezüglich der Erwartungshaltung vor dem Auftritt gibt es zwei unterschiedliche Tendenzen: Die eine führt dazu, das Beste anzunehmen nach dem Motto: »Es wird schon klappen!«, während die andere vom Schlimmsten ausgeht, die Person im Extremfall sogar sicher ist, dass alles in einer Katastrophe enden wird. Die Tendenz zur negativen Annahme ist meist mit weiteren negativen Gedanken verbunden, z.B. Unsicherheiten überzubewerten, sich klein zu machen gegenüber anderen oder belanglose Ereignisse als negative Vorzeichen zu interpretieren etc. Während des Auftritts können die Gedanken abschweifen, indem sie sich mit Personen im Publikum oder anderen, unpassenden Dingen beschäftigen. Das Denken kann auch auf die Erwartung besonderer Schwierigkeiten beim Auftritt gerichtet sein. Die Gedanken nach dem Auftritt gelten häufig Fragen wie: »War ich gut auf der Bühne, wie bin ich angekommen, wie habe ich gewirkt?« Generell sind Gedankeninhalte im Zusammenhang mit dem Auftritt in der Regel wenig sachlich geprägt und nicht lösungsorientiert, sondern Ausdruck der starken Gefühle in der Auftrittssituation.

Verhalten

Auch auf der Ebene des Verhaltens sind auf der Bühne häufig Phänomene zu beobachten, welche die Präsentation maßgeblich mitgestalten. Insbesondere sind hier die Köperhaltung und die Bewegungen zu nennen. Hochgezogene Schultern, ständiges Räuspern und Hüsteln beim Redner, verkrampft angewinkelte Arme oder auch unwillkürliche nicht zur Musik passende Handbewegungen beim Sänger können als Zeichen der Unstimmigkeit vom Publikum wahrgenommen werden. Dies trifft besonders auch auf die Anteile des Verhaltens zu, die durch die eigentliche Bühnenaktion oder Inszenierung nicht festgelegt sind. Die individuellen Verhaltensweisen im Umgang mit dem Auftritt, wie z.B. Rituale, sind in Zusammenhang mit der Persönlichkeit im Kapitel »Analyse« ab S. 38 näher beschrieben. Bevorstehende Auftritte führen normalerweise dazu, dass wir motiviert sind, uns vorzubereiten und all unsere Ressourcen zu aktivieren. Wird die Angst vor dem Auftritt zu stark, so setzt als typische Reaktion Vermeidung ein. Sie kann sich als Lern- oder Spielblockade in der Vorbereitung auf Auftritte äußern oder in dem Versuch, die Auftrittssituation selbst zu umgehen. So wird von der Pianistin Martha Argerich berichtet, dass es sie als Kind furchtbar nervös machte, vor Publikum zu spielen und dass sie dies gerne vermeiden wollte. Ihr Biograf Olivier Bellamy berichtet: »Zwei Tage vor einem Konzert legte sie einmal ihre Schuhe mit nassem Papier aus, um sich eine Erkältung zu holen und auf diese Weise dem grausamen Frondienst zu entgehen.« (Bellamy, 2011, S. 41) Körperlich kann sich Vermeidung als Müdigkeit oder Erschöpfung zeigen oder auch dazu führen, dass wir uns von anderen zurückziehen. Die gegensätzliche Reaktion besteht darin, dass wir in übermäßige Aktivität verfallen, um der Aufregung keinen Raum zu geben. Auch hierdurch kann jedoch die Aufnahme- und Konzentrationsfähigkeit in der Vorbereitung des Auftritts verringert sein.

Zusammenwirken der Ebenen

Die verschiedenen Ebenen, auf denen sich Lampenfieber äußert, beeinflussen sich gegenseitig. Dieselben körperlichen Werte beim Lampenfieber wie z.B. Pulsschlag und Blutdruck können individuell mit unterschiedlichen Gefühlen verbunden sein (Craske u. Craig, 1984; Abel u. Larkin, 1990; Fredrikson u. Gunnarsson, 1992). So kann eine Person mit starken körperlichen Anzeichen des Lampenfiebers sich sehr gut fühlen, während eine andere Person bei geringeren Anzeichen unangenehme Angst empfindet (Spahn, 2010; auf S. 31f. ausführlicher beschrieben). Es wird deshalb vermutet, dass das Gesamterleben des Lampenfiebers davon abhängt, wie die körperlichen Anzeichen individuell gedeutet werden. So verstärkt eine ängstliche Wahrnehmung des körperlichen Befindens die Symptome eher, während eine ruhige Haltung zur Minderung der Symptome beiträgt. Hieraus können sich selbst verstärkende Kreisläufe in beide Richtungen entwickeln. Die Möglichkeit positiver »Neueinordnung« der körperlichen Symptome kann man auch zur Optimierung des Lampenfiebers nutzbar machen, wie im Kapitel »Maßnahmen« auf S. 94f. ausführlich dargestellt wird.

Warum tritt Lampenfieber auf?

Wie oben erläutert, entsteht Lampenfieber durch ein evolutionsbiologisch sehr altes Programm. Die Ausstattung, Gefahrensituationen zu erkennen und diese erfolgreich zu meistern, sicherte dem Homo sapiens das Überleben. Angst als zentrales Gefühl spielte hierbei eine wichtige Rolle, denn sie lieferte das entscheidende Signal dafür, dass im Körper optimale Bedingungen für Kampf oder Flucht hergestellt wurden. In der frühen Menschheitsgeschichte stellten hauptsächlich wilde Tiere, wie z.B. ein Furcht einflößender Tiger, die lebensbedrohlichen Feinde dar (Abb. 4).

Abb. 4: Tippoo’s Tiger, mechanische Orgel, hergestellt um 1793 für Tipu Sultan, Herrscher des Königreichs Mysore in Indien (Victoria und Albert Museum, London)

Heute müssen wir mit solchen Gefahren im Alltag zwar nicht mehr rechnen. Die Situation der Bedrohung durch ein wildes Tier hat sich jedoch in der kulturellen Praxis des Stierkampfs erhalten, über den Hemingway in seinem Roman »Tod am Nachmittag« (1932) so treffend schrieb: »Der Stierkampf ist die einzige Kunstform, in der sich der Künstler in Todesgefahr befindet.« Der Torero durchlebt dabei eine Form des Lampenfiebers, die durch existentielle Angst geprägt ist, wie eindrucksvoll in Günter Schwaigers Dokumentarfilm »Arena« (2010) oder auch von dem berühmten Stierkämpfer José María Manzanares in einem Zeit-Interview dargestellt wurde (Düker, 2011). Zumeist gelingt es den Toreros, diese Angst zu beherrschen und den Kampf anzunehmen. Nur vereinzelt gibt es Berichte, dass ein Stierkämpfer – wie der mexikanische Matador Christian Hernández – dem Kampf nicht standhielt und flüchtete (Spiegel, 2010).

Auch bei manchen zirzensischen und artistischen Vorführungen ist für den Künstler die Angst, körperlich Schaden zu erleiden, als Kern geblieben. Über seine Erfahrungen berichtet der 45-jährige Falko Traber, Hochseilartist aus der berühmten Traber-Familie, in einem Interview mit Gerd Kempf (2005):

»Höhenangst kenne er [Traber] nur vom Hörensagen, doch der Respekt vor der Tiefe ist dem Hochseilartisten trotz aller Routine geblieben. ›Routine macht es gefährlich‹, weiß Falko Traber, der im zarten Alter von fünf Jahren erstmals die Balance auf dem Hochseil gehalten hat und bis heute als Artist noch jedes Mal vom Lampenfieber gepackt wird, bevor er seinen waghalsigen Beruf ausübt. ›Lampenfieber‹, sagt er, ›ist ein gutes Zeichen, dass die Sinne funktionierend.‹ Wie ein Torero, wenn er die Arena betritt, so verwandelt sich der im Privatleben eher nervöse Falko, sobald er im Kostüm auf das Seil steigt und das Lampenfieber ablegt: ›Da ist man dann ein ganz anderer Mensch.‹ 1996 erlebte er in Baden-Baden aber auch das Gegenteil eines Höhenflugs, als er sich auf dem Seil nicht umdrehen konnte, aber gespürt hat, wie sein ihm mit einer Helmkamera folgender Partner Lutz Schreyer aus 29 Metern vom Seil fiel und diesen Sturz nicht überlebte. Falko selbst stand unter Schock und hat es ›wie ein verletztes Tier gerade noch geschafft herunterzukommen‹. Die Füße vom riskanten Beruf lassen, käme für ihn nicht in Frage, dazu ist er zu fest in die Familientradition eingebunden.«

Wir entnehmen diesem Bericht, dass hier Lampenfieber verbunden ist mit der Realangst vor einer lebensgefährlichen Situation. Gleichzeitig wird die Nähe von Höhenrausch und Absturz – beim Hochseilartisten im ganz wörtlichen Sinne – deutlich. Gerade die Verknüpfung von Hochgefühl und Angst übt eine große Anziehungskraft aus. Diese Mischung – alltagssprachlich auch als »Kick« oder »Thrill« bezeichnet – scheinen zunehmend mehr Menschen gerade in den Ländern zu suchen, die durch Zivilisation eine hohe Lebenssicherheit bieten. Viele setzen sich potentiell bedrohlichen Situationen aus oder nehmen passiv daran teil. Besonders bei Auto- oder Skirennen ist die ungeheure Anziehungskraft solcher Veranstaltungen wesentlich dadurch zu erklären, dass für den Zuschauer ein Nervenkitzel besteht, ob die Rennläufer und -fahrer schadlos durch das Rennen kommen oder ob spektakuläre Unfälle zu beobachten sind, die nicht selten für die Sportler eine akute Gefahr für Leib und Leben bedeuten. Auch Sportarten wie Fallschirmspringen oder Gleitschirmfliegen bergen konkrete Risiken, die im schlimmsten Fall für den ausübenden Sportler tödlich enden können. Der Psychoanalytiker Michael Balint hat schon 1959 in seiner Schrift »Angstlust und Regression« analysiert und anschaulich beschrieben, was an diesen Situationen für viele Menschen so spannend ist:

»In allen Lustbarkeiten und Vergnügungen dieser Art lassen sich drei charakteristische Haltungen beobachten: a) ein gewisser Betrag an bewusster Angst, oder doch das Bewusstsein einer wirklichen äußeren Gefahr; b) der Umstand, dass man sich willentlich und absichtlich dieser äußeren Gefahr und der durch sie ausgelösten Furcht aussetzt; c) die Tatsache, dass man in der mehr oder weniger zuversichtlichen Hoffnung, die Furcht werde durchgestanden und beherrscht werden können und die Gefahr werde vorübergehen, darauf vertraut, dass man bald wieder unverletzt zur sicheren Geborgenheit werde zurückkehren dürfen. Diese Mischung von Furcht, Wonne und zuversichtlicher Hoffnung angesichts einer äußeren Gefahr ist das Grundelement aller Angstlust (thrill).« (Balint, 1994, S. 20f.)

Evolutionsbiologisch könnte man die Hypothese aufstellen, dass der Mensch die früher in der Natur vorhandene Gefahrensituation heute bewusst sucht und sich Angst auslösenden Situationen aussetzt, um sich eine stimulierende Erfahrung zu verschaffen. Diese Hypothese wird gestützt durch neurowissenschaftliche Erkenntnisse aus der Angstforschung, welche die Bedeutung der Angst für die Persönlichkeitsentwicklung und das kreative Lernen bestätigen (Hüther, 1998).

Die besondere Mischung von Angst und Hochgefühl findet sich typischerweise auch beim Lampenfieber in sozialkommunikativen und künstlerischen Auftrittssituationen. Der auftretende Künstler oder