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Lancaster hatte grundsätzlich schon von einem Ballon gehört. Er hatte aber nur eine sehr vage Vorstellung von so einem Ding, obwohl er einmal ein Bild in einer Zeitung gesehen hatte. Er hätte aber nie gedacht, dass er so ein Ding je zu Gesicht bekommen würde. Mit Verfolgungsjagden kannte er sich durchaus aus, er war Stunden und Tage im Sattel gesessen, um hinter irgendwem her zu jagen. Aber dass er einmal in so einem Ballon hinter seinen Feinden her jagen würde, damit hätte er nicht gerechnet…und doch war es dann seine Idee.
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Seitenzahl: 539
Veröffentlichungsjahr: 2016
Hugin West
Der Teufel soll ihn holen
© 2016 Hugin West
Verlag: tredition GmbH, Hamburg
ISBN
Paperback:
978-3-7345-4602-0
Hardcover:
978-3-7345-7067-4
e-Book:
978-3-7345-4603-7
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In den letzten Strahlen der untergehenden Sonne näherte sich Alexander Lancaster der Wagenburg von Nordosten. Die acht Wagen waren schön ordentlich zu einem Karree aufgestellt, innerhalb dessen man vier Zelte aufgeschlagen hatte, die eine Feuerstelle umgaben, über der jetzt wohl in einem großen Kessel Essen zubereitet wurde, wie ihm der leichte Duft verriet, den ihm der Abendwind entgegen trug, denn die Sicht auf die Feuerstelle selbst verdeckten ihm im Augenblick die Wagen und Zelte. Alles war schön ordentlich und symmetrisch angeordnet und hatte irgendwie etwas Militärisches.
Alexander Lancaster hatte in den letzten Tagen immer wieder die Spuren dieser Lagerplätze vorgefunden und auch dieser Lagerplatz würde wieder die gleichen Spuren hinterlassen.
Es war aber nicht so, dassAlexander Lancaster hinter diesem Wagentreck her gewesen wäre, sondern vielmehr hinter der Bande, die ihnen auf den Fersen war. Aber als er gestern gemerkt hatte, wie nahe er ihnen schon gekommen war, hatte er sich entschlossen, die Verfolger zu überholen, und sich den Wagentreck einmal anzusehen. Er hatte sowieso noch keinen Plan, wie er Jesse Crown und seiner Bande beikommen sollte.
Er hatte dafür jetzt allerdings einen ziemlichen Gewaltritt hinter sich, sein Pferd war erschöpft und er selbst kaum weniger, außerdem schrie irgendetwas in ihm nach einem riesigen Steak und einer tüchtigen Portion Bratkartoffel, benebst einigen Tassen Kaffees, möglichst süß, schwarz und stark. Dieses Irgendetwas in ihm würde sich allerdings auch mit einem möglichst großen Teller Bohnen mit Speck durchaus zufrieden geben.
Niemand bemerkte zunächst sein Herannahen und so lenkte er sein Pferd zwischen zwei der Wagen hindurch, wo er auf zwei Mädchen stieß, die unverkennbar Zwillingsschwestern waren. Sie mochten etwa zwölf oder dreizehn Jahre alt sein, sie waren sehr schlank, zeigten aber auch deutlich erste weibliche Rundungen. Sie hatten hübsche, eher schmale Gesichter, strahlend blaue Augen und lange, blonde Locken, die sie hinten lose zusammen gebunden hatten.
Sie blickten überrascht hoch, als Alexander Lancaster plötzlich zwischen den Wagen auftauchte und sein Pferd anhielt, hatten ihre Überraschung aber rasch überwunden, und noch bevor er etwas sagen konnte, fragte eine der beiden:
„He, wer sind Sie denn, Mister?“
Lancaster tippte kurz an die Krempe seines breitkrempigen Hutes,
„Hi, Ladies!“, grüßte er dabei: „Wer ist denn der Bosshier?“
„Unser Dad.“, antworteten sie einstimmig mit einer gewissen Wichtigkeit in der Stimme, vergaßen aber, auch seinen Namen zu nennen.
In diesem Augenblick tauchten zwei Männer zwischen den Zelten auf, er war wohl inzwischen auch von anderen bemerkt worden.
„He Mister, wo kommen Sie denn her?“, wollte einer der beiden wissen, während ihn die beiden abschätzend und ein wenig mißtrauisch musterten.
Alexander Lancaster stieg vom Pferd,
„Hi, Gents“, grüßte er: „Mein Name ist Lancaster, wer ist denn hier der Boß?“, wiederholte er seine Frage.
„Der Bosshier ist Mr. Vanderbilt. Kommen Sie mit, Mister.“
Lancaster folgte den beiden. Neugierige Augen starrten ihm entgegen, als er zwischen den Zelten hindurch schritt. An die zwanzig Männer waren es wohl, die sich hier auf dem freien Platz rund um die Feuerstelle aufhielten, die meisten noch irgendwie beschäftigt.
Über dem Feuer hing tatsächlich ein großer Kessel, an dem vier Frauen herumwerkten, unter anderem indem sie darin immer wieder kräftig rührten.
„Da drüben ist Mr. Vanderbilt.“, sagte einer der beiden Männer, denen er gefolgt war, und wies dabei auf das Zelt rechterhand, vor dem zwei Männer standen, die wohl eben in ein Gespräch verwickelt gewesen waren, ihm aber jetzt ebenfalls neugierig entgegen sahen.
Alexander Lancaster ging auf die beiden zu und er wußte sofort, wer von den beiden Mr. Vanderbilt war. Das konnte nur dieser große, breitschultrige Bursche sein, gut in den Fünfzigern, mit buschigen Augenbrauen und einem gepflegten aber dichten Vollbart.
„Ich nehmen an, Sie sind Mr. Vanderbilt?“, sagte Lancaster, während er auf den Mann zuschritt.
„So ist es, junger Mann.“, bestätigte ihm der Gefragte: „Und was verschafft uns die Ehre, Mister...?“
„Lancaster, Alexander Lancaster.“, stellte der sich vor: „Aber ich glaube, mein Name tut hier nicht wirklich was zur Sache, denn eigentlich bin ich mehr oder weniger zufällig hier. Ich sah Ihr Lager und da dachte ich, vielleicht kriege ich zur Abwechslung eine ordentliche Mahlzeit ab. Schätze, ich reite dann noch ein gutes Stück, bevor ich mich auch ein wenig aufs Ohr haue.“
„Es wird gleich dunkel sein.“
„Aber wir haben fast Vollmond, ... und ich kenne die Gegend ein wenig.“
„Na schön, wie Sie meinen, Mr. Lancaster, an einer ordentlichen Mahlzeit soll ´s meinetwegen nicht fehlen, das Essen wird bald fertig sein. Nehmen Sie einstweilen hier Platz, ich komme gleich zu ihnen zurück.“
„Komm, Eric,“, wandte er sich daraufhin an den anderen Mann, der noch immer neben ihm stand: „sehen wir nach den Pferden.“
Und mit diesen Worten entfernten sich die beiden.
Lancaster sah sich um, er sollte hier Platz nehmen, damit war wohl gemeint, hier vor dem Zelt, wo er jetzt stand. Er ließ sich also auf die Hacken nieder und beobachtete das Treiben im Lager. Zwei Männer brachten eben weiteres Brennholz heran.
Zwei der Frauen am Feuer hatten im Übrigen ziemliche Ähnlichkeit mit den Zwillingen, die ihn vorhin empfangen hatten. Die eine mochte Anfang Dreißig sein, wie die Zwillinge war sie sehr schlank aber doch mit sehr netten weiblichen Rundungen; sie hatte auch die gleichen strahlend blauen Augen der Zwillinge und ebenso lange, blonde Haare wie sie, nur vielleicht etwas dunkler. Alles in allem war sie eine sehr attraktive Frau. Sie war wohl die Mutter der Zwillinge, also Mrs. Vanderbilt sozusagen.
Die zweite war mindestens ebenso attraktiv, aber bedeutend jünger, achtzehn oder neunzehn vielleicht, höchstens zwanzig – unwillkürlich blieben seine Augen für eine kleine Weile bei ihr hängen, immerhin war sie tatsächlich eine Augenweide. War sie eine jüngere Schwester von Mrs. Vanderbilt, oder eine Tochter? Im letzten Fall müßte Mrs. Vanderbilt allerdings sehr jung Mutter geworden sein.
Da wurde Alexander Lancaster aber in seinen Überlegungen von den beiden Zwillingen unterbrochen. Sie waren schon die ganze Zeit etwas abseits gestanden und hatten gelegentlich miteinander getuschelt, wie er beobachtet hatte – zweifellos über ihn.
Jetzt ließen sie sich neben ihm nieder und eine der beiden fragte: „Sie heißen Lancaster?“
„So ist es, Alexander Lancaster. Und Ihr?“
„Wir sind Polly und Dolly.“ bei dem Namen Polly deutete das Mädchen auf sich selbst.
„Polly und Dolly...“, wiederholte Lancaster: „Nun ja, hübsche Namen.”
„Nun ja ...“, meinte das Mädchen zweifelnd: „Sheila ist ein hübscher Name. So heißt unsere Schwester, oder Liza, das ist unsere zweite Schwester.“
„Ist eine von ihnen da drüben am Feuer?“
„Ja, Sheila. Eigentlich heißt sie ja Cäcilia, aber als sie noch klein war, hatten sie ein irisches Kindermädchen, die nannte sie Sheila und der Name ist ihr geblieben, offensichtlich gefiel er Mum und Dad.“
„Verstehe. Und die andere Frau ist eure Mutter?“
„Nein, das ist unsere Tante Susan. Unsere Mutter ist vor fünf Jahren gestorben. Sie war schwanger und ist bei der Geburt gestorben.“
„Oh, das tut mir wirklich leid.“, sagte Alexander Lancaster, dann verstummte das Gespräch für einige Augenblicke.
Damit war also fürs Erste etwas Licht in das Dunkel seiner vorigen Überlegungen gebracht worden, ging es Alexander Lancaster durch den Kopf. War Tante Susan jetzt mit Mr. Vanderbilt verheiratet? Oder vielleicht mit dem Mann, der eben mit Mr. Vanderbilt zu den Pferden gegangen war?
Vermutlich beschäftigte ihn die Sache nicht zuletzt deshalb ein wenig, weil diese Tante wirklich eine verdammt attraktive Frau war, allerdings ein paar Jahre zu alt für ihn wahrscheinlich, ein Mann sollte wohl ein wenig älter sein als seine Frau ...
An eine Frau hatte er bisher allerdings auch noch nie gedacht – sehr zum Leidwesen seines Vaters.
Aber die beiden Plaudertaschen klärten ihn über die Frage des Familienstandes ihrer Tante freundlicherweise auch ganz ungefragt auf, zumindest teilweise, indem Dolly das Wort ergriff:
„Die zwei anderen Frauen da drüben“, sagte sie, „sind Mrs. Lester und Mrs. Winter. Sie ist die Mutter von den beiden Jungs da drüben.“ – tatsächlich tollten auf der anderen Seite des Lagerplatzes zwei Jungs von etwa acht bis zehn Jahren zwischen den Zelten herum – „Mr. Winter ist vorhin mit Dad hinüber gegangen zu den Pferden.“
„Verstehe. Ist eure Tante …?“
Die Frage blieb aber unvollendet, weil in diesem Augenblick Mr. Vanderbilt wieder auftauchte, und fast im selben Augenblick schlug auch seine Schwägerin mit einem großen Schöpfer fest gegen das Eisengestell, an dem der Kessel hing, und verkündete laut, dassdas Essen fertig wäre.
Wenig später saßen die Leute mit ihren vollen Tellern in Gruppen vor den Zelten und machten sich über das Essen her. Auch Alexander Lancaster hatte einen großen Teller Bohnen mit Speck abbekommen und konnte damit endlich das Irgendetwas in ihm, das schon die ganze Zeit nach Essen verlangte, zufrieden stellen.
Er saß vor dem Zelt der Vanderbilts in einem kleinen Kreis mit Mr. Vanderbilt, seiner Schwägerin, seiner ältesten Tochter Sheila und Mr. Winter, sowie Polly und Dolly. Die Übrigen saßen etwas abseits und das wäre wohl auch der Platz von Polly und Dolly gewesen. Mr. Vanderbilt hatte zwar nichts gesagt, aber sein Blick war einen Augenblick mißbilligend gewesen.
Aber die beiden verstanden es wohl, ihren Vater um den Finger zu wickeln, und wohl nicht nur ihn – und die beiden Gören waren neugierig, verdammt neugierig, das hatte Alexander Lancaster schon gemerkt und momentan wollten sie wohl wissen, was ihr Vater mit diesem Mr. Lancaster reden würde.
„Schätze, Sie wollen nach Kalifornien?“, fragte Lancaster nach einer Weile.
„So ist es. Wir sollten ja jetzt wohl bald Granger erreichen. Da machen wir einige Tage Rast und erneuern unsere Vorräte. Und dann ziehen wir weiter über die Berge nach Kalifornien.“
„Hmm.... Da haben Sie aber noch einen verdammt weiten Weg vor sich. Haben Sie da ein bestimmtes Ziel?“
„Doch, eine Stadt namens Three-Pine-Wells. Kennen Sie sie? Ich habe da Kontakt mit einem Mann namens Owen Dexter von der Bank.“
„Mr. Dexter kenne ich nicht, aber Three-Pine-Wells ..... Ich meine, es ist schon lange her, dassich da gewesen bin, aber ... ich war schon da jedenfalls.“
„Und? Was kann man über diese Stadt sagen?“.
Lancaster zuckte mit den Schultern.
„Was man über diese Stadt sagen kann? Ich weiß nicht, wie ich schon sagte, ist lange her, dassich da gewesen bin, ... viele Jahre. Es ist aber eine ziemlich große Stadt würd´ ich sagen ..., für den Westen jedenfalls“
„Hmm....“
„Was führt Sie denn eigentlich nach Kalifornien, wenn ich das fragen darf?“, ergriff Alexander Lancaster nach einigen Augenblicken wieder das Wort: „Ich meine, Sie haben acht ziemlich große Wagen mit Sechsergespannen, da führen Sie doch wohl keinen Hausrat mit?“
Da verzog sich Mr. Vanderbilts Gesicht zu einem eigenartigen Lächeln,
„Das erraten Sie nie.“, antwortete er,
„Dann will ich ´s erst gar nicht versuchen. Verraten Sie ´s mir doch gleich.“
„Nun, ich bin Ballonfahrer.“, sagte daraufhin Mr. Vanderbilt mit einem gewissen Stolz und schaute Lancaster dabei erwartungsvoll an.
„Ballonfahrer.“, wiederholte der daraufhin ebenso verblüfft wie ratlos.
„Ballonfahrer.“
„Hmmm“
„Sie wissen doch, was ein Ballon ist?“
„Ein Ballon? Nun ja, wie man ´s nimmt.“, antwortete Alexander Lancaster vorsichtig: „Ich meine ..... schätze ich hab´ davon schon ´mal irgendwo was gehört oder gelesen. Ich meine, so ein Ding fliegt doch irgendwie? Lassen Sie mich nachdenken, ich hab da mal irgendwo ein Bild in einer Zeitung gesehen. Das ist so ´ne Art große Kugel und die fliegt dann irgendwie. Und unten dran hängt ´ne Kiste oder so und da sitzt dann einer drinnen. Meinen Sie so etwas?
„Ja, genau so etwas meine ich.“
„Hmm..., ja, jetzt erinnere ich mich, im Puff ..., äh ... ja genau, in Buffalo haben wir mal darüber geredet, ob das wirklich geht und so.“
„Es geht. Sehen Sie, wenn Sie dort ein Taschentuch über das Feuer spannen und dann loslassen würden“, Mr. Vanderbilt wies hinüber zu der Feuerstelle:
„würde es ein gutes Stück in die Höhe getragen werden.“
Alexander Lancaster blickte hinüber zum Feuer und nickte nachdenklich, ja das würde wohl geschehen. Die heiße Luft über einem richtigen Feuer konnte schon einiges in die Höhe reißen.
„Sehen Sie. Und wenn Sie das Tuch groß genug machen und zu einer Kugel zusammen nähen, dann haben Sie einen Ballon. Damit können Sie die heiße Luft viel besser einfangen. Unten dran hängt die Gondel, das ist im Prinzip ein großer geflochtener Korb, darin haben ein paar Leute Platz, und natürlich der Petroleumbrenner, mit dem Sie das Feuer machen.“
„Und so lange Sie Feuer machen, fliegt das Ding?“
„So ist es. Wir Ballonfahrer sagen übrigens fahren, Ballon fahren.“
„Fahren? Na schön, meinetwegen. Und wenn das Feuer aus ist?“
„Dann sinkt der Ballon langsam hinunter.“
„Hmm... Und wie weit könnten Sie dabei kommen?“
„Weit, unter Umständen sogar hunderte Meilen – kommt natürlich auf die Luftströmungen an und wieviel Brennstoff Sie dabei haben.“
„Sie könnten also zum Beispiel über die Berge fliegen? ... fahren?“; Alexander Lancaster wies nach Westen, wo sich irgendwo der große Gebirgszug erstreckte, hinter dem Kalifornien lag.
„Bestimmt.“, versicherte ihm Mr. Vanderbilt: „Ein gutes Stück jedenfalls.“
„Na ja, wenn Sie es sagen. Ein Ballon! Wenn mir gestern wer gesagt, hätte, dassich so was überhaupt je zu sehen kriegen würde, dann hätte ich gesagt, dasser nicht alle Tassen im Schrank hat. Und jetzt .... Ich meine, es kommen ja in der letzten Zeit die verrücktesten Leute in des Westen, aber jemand wie Sie, der wirklich mit so ´nem Ding herum fliegt ...“
„Fährt, Mr. Lancaster, fährt.“
„Ach ja, richtig, Sie fahren ja mit Ihrem Ballon.“
„Wenn Sie auch nach Granger wollen, können Sie wahrscheinlich sogar einen zu sehen bekommen. Wir wollen ja dort ein paar Tage Rast machen und eigentlich habe ich vor, dort einen der Ballons startklar zu machen und den Leuten vorzuführen. Für ein paar Dollars kann es dann jeder einmal ausprobieren.“
„Sie wollen wirklich mit den Leuten los ... äh ... fahren?“
„Na ja, nicht ganz, wir lassen ihn an Seilen in die Höhe steigen und holen ihn dann wieder herunter.“
„Verstehe. Nun, das werde ich mir ganz bestimmt ansehen. Sie scheinen aber mehrere dieser Ballons zu haben?“
„Vier. Auf drei Wagen ist immer die Ausrüstung für zwei Ballons verteilt. Sogar das Petroleum haben wir dabei.“
„Sogar das Petroleum haben Sie dabei. Da könnten Sie wohl ein ganz schönes Feuer machen?“
„Oh ja, das könnten wir.“
Lancaster nickte, dann wechselte er das Thema,
„Haben Sie eigentlich jemanden, der Sie nach Kalifornien führt?“
„Nein, eigentlich nicht. Ich meine, man weiß ja auch gar nicht, auf wen man sich verlassen kann. Und man hört ja auch eine Menge Geschichten; von Trecks, die in die Irre geführt wurden, und von Leuten die dann ausgeraubt und ermordet wurden und so weiter.“
„Oh ja, solche Geschichten gibt es.“, bestätigte ihm Lancaster und nickte.
„Und? Ist etwas dran an diesen Geschichten?“
Lancaster zuckte mit den Schultern,
„Wie man ´s nimmt. Was die Geschichten im Einzelnen betrifft... wohl meist eher weniger. Aber im Prinzip ... Es sind jedenfalls schon Trecks verschwunden und man stößt gelegentlich auch auf ausgebrannte Wagen ... und Tote.“, er hielt kurz inne und zuckte erneut mit den Schultern,
„Aber man weiß natürlich meistens nicht, was wirklich geschehen ist.“, fuhr er dann fort: „der nächste Sheriff ist meistens verdammt weit in dieser Gegend, das kommt natürlich gewissen Leuten sehr gelegen. Alles in allem mussman hier in der Prärie einfach immer auf einen Angriff gefaßt sein.“
Da mischte sich unerwarteter Weise Mrs. Susan Winter, alias Tante Susan, Mr. Vanderbilts Schwägerin, in das Gespräch:
„Nun, Sie scheinen ja jedenfalls, jederzeit auf einen Angriff gefaßt zu sein, Mr. Lancaster.“, warf sie etwas anzüglich ein, wobei ihr Blick für einen Augenblick unwillkürlich zu Lancasters Schießeisen wanderte.
Lancaster hatte schon die ganze Zeit den Eindruck, dassdie Blicke, mit welchen sie ihn gelegentlich musterte, eher mißtrauisch und/oder mißbilligend waren, was scheinbar nicht zuletzt auch etwas mit seinem Schießeisen zu tun hatte. Von dem Gefallen, den er an ihr fand, konnte scheinbar umgekehrt keine Rede sein.
Lancaster zuckte erneut mit den Schultern,
„Wie ich schon sagte“, meinte er: „man sollte hier immer auf einen Angriff gefaßt sein. Sind Sie es auch, Mr. Vanderbilt?“
„Natürlich!“, versicherte ihm dieser: „Zwei Mann halten jede Nacht Wache, und wir haben jede Menge Gewehre. Und wir sind auch genug Männer.“
„Und haben Sie ihre Gewehre auch bei der Hand?“
„Natürlich, jeder weiß, wo er ein Gewehr und Munition findet.“
„Na wenn es so ist. Und Colts oder so?“: tatsächlich schien ja Mr. Vanderbilt, der einzige zu sein, der irgendein Schießeisen trug – aber in einem geschlossenen Halfter, wie man sie teilweise bei den Armeen hatte.
„Halten Sie das für notwendig?“, fragte Mr. Vanderbilt: „Soldaten haben für gewöhnlich auch nur ihre Gewehre.“
„Na ja, teils, teils. War ja auch nur so ´ne Frage.“
Das Thema schien Mrs. Susan Winter aber ziemlich am Herzen zu liegen,
„Mein Schwager war viele Jahre bei der Fremdenlegion.“, ergriff sie wieder das Wort: „Glauben Sie mir, er weiß, was er tut. Es ist überhaupt nicht notwendig, dassjeder ständig mit so einer Waffe herumläuft. Man hört und liest im Osten sehr viel über die Schießereien hier im Westen, und von Männern, die sich etwas darauf zugutehalten, dassSie schneller schießen als die anderen, und die bei solchen Schießereien auch schon viele Menschen erschossen haben sollen.“
Mrs. Winter schien, von solchen Männern nicht sehr viel zu halten – und sie schien, ihn im Verdacht zu haben, genau zu dieser Art Männer zu gehören...irgendwie auch nicht ganz zu Unrecht.
„Lassnur, Susan“, unterbrach da aber wieder Mr. Vanderbilt seine Schwägerin: „es ist doch gut gemeint.“
„Wenn man Mr. Lancaster zuhört, könnte man meinen, dasshier überall Banditen oder Indianer lauern.“
„So war es nicht gemeint, glaube ich, nicht wahr, Mr. Lancaster?“
Alexander Lancaster lächelte ein wenig,
„Hier lauern ganz bestimmt nicht überall Banditen und Indianer, aber es kann doch nicht schaden, so zu tun, als ob. Schließlich und endlich kann man natürlich auch einmal Pech haben. Mehr wollte ich nicht sagen.“
„Eben!“, sagte Mrs. Winter in etwas undefinierbarem Tonfall – und fragte dann plötzlich nach einem Augenblick des Überlegens:
„Wer oder was sind Sie denn eigentlich, Mr. Lancaster?“.
Wofür sie einen kurzen, mißbilligenden Blick von Mr. Vanderbilt erntete, der diese Frage scheinbar als zu direkt empfand – aber die Vanderbilt-Ladies schienen, da keine Hemmungen zu haben, und sie waren sichtlich neugierig, wie fast alle Frauen eben.
Alexander Lancaster stieß sich aber nicht an der Frage, im Gegenteil, fast mit einem gewissen Vergnügen antwortete er ein wenig provokant:
„Tja, schwer zu sagen. Ich bin schon alles Mögliche gewesen. Jetzt reite ich nach Granger, und was ich dann sein werde ..., wer weiß.“
„Verstehe.“, sagte Mrs. Winter, was vieles bedeuten konnte – aber vermutlich nichts Gutes.
Da fragte einer der beiden Zwillinge:
„Haben Sie schon viele Männer erschossen, Mr. Lancaster?“
„Dolly!“, entfuhr es da jetzt aber Mr. Vanderbilt doch ein wenig ungehalten.
„Lassen Sie nur, Mr. Vanderbilt: „wehrte Lancaster ab: „man soll immer wissen, woran man mit den Leuten ist.“
Lancaster kam nämlich die Frage gerade recht, denn es war ihm ein gewisses Bedürfnis. Mrs. Winter noch ein wenig mehr zu provozieren. Er verzog den Mund zu einem breiten, freundlichen Lächeln und sagte dann:
„Ich hab Sie nicht gezählt, Dolly, aber es waren ziemlich viele.“
„Ziemlich viele!“, wiederholte Dolly etwas betont, machte große Augen, und war sichtlich beeindruckt.
„Ziemlich viele.“
„Hmm...“
Als sie nichts weiter sagte, erhob sich Lancaster plötzlich und meinte:
„Schätze, ich reite jetzt wieder weiter, Mr. Vanderbilt. Vielen Dank für die Mahlzeit, das war das erste richtige, warme Essen seit etlichen Tagen. Hat verdammt gut getan.“
„Schon gut, Mr. Lancaster: „wehrte Mr. Vanderbilt ab und erhob sich ebenfalls: „wollen Sie nicht noch Kaffee?“
„Nein, danke, ich will lieber zusehen, dassich noch ein paar Meilen schaffe. Vielleicht seh´ ich Sie ja noch in Granger.“
Und wenig später ritt Alexander Lancaster durch die monderhellte Dunkelheit nach Westen.
-*-
Und es ging ihm einiges durch den Kopf dabei.
Vor allem Mr. Vanderbilts Ballons beschäftigten ihn.
„Ich bin Ballonfahrer.“ – immer wieder gingen ihm diese Worte Vanderbilts durch den Kopf.
Er erinnerte sich mittlerweile wieder ganz gut an jenen Abend vor ein paar Jahren in einem Puff in Newton in Montana. Er und ein Kumpel namens Sid Simpson hatten ein Bad genommen, unterstützt von zwei leichtgeschürzten Mädchen. Eines der Mädchen hatte in der Zeitung von dem Ballon gelesen. Sie hatte ihnen davon erzählt und ihnen auch das Bild gezeigt. Daraufhin hatten sie lange und viel darüber geredet. Er wußte zwar nicht mehr was, aber es war wohl sehr viel Unsinn gewesen, denn sie hatten viel gelacht dabei, wohl nicht zuletzt, weil da auch noch eine Flasche Whisky im Spiel gewesen war, wahrscheinlich sogar zwei.
Er erinnerte sich nur noch, dasser am nächsten Morgen, gegen Mittag, mit dumpfem Schädel lange das Bild jenes Ballons in der mittlerweile schon etwas zerknitterten Zeitung betrachtet hatte. Ein Ding aus einer anderen Welt, das in der seinen beim besten Willen keinen Platz gehabt hatte – bis jetzt.
Denn nun gab es da plötzlich so einen Ballon. Er hatte ihn noch nicht gesehen. Aber er zweifelte nicht an seiner Existenz. Nicht nachdem er Mr. Vanderbilt kennen gelernt hatte.
Der schien ihm, trotz seines fortgeschrittenen Alters, ein sehr fähiger, unternehmungslustiger Mann zu sein – wie sonst hätte er sich in diesem Alter mit diesem ganzen Trossauf den Weg nach Kalifornien gemacht, um dort mit seinen Ballons herum zu fliegen .... zu fahren.
Alexander Lancaster lächelte kurz vor sich hin, als er daran dachte, wie viel Wert Mr. Vanderbilt darauf legte, dassman Ballon fahren zu sagen hatte.
Er war bei der Französischen Legion gewesen. Die war ihm kaum mehr als ein Name, aber er klang nach guten Soldaten und Mr. Vanderbilt war sicher nicht nur ein einfacher Soldat gewesen – wie anders hätte er es sich wohl auch zugetraut, sich ohne einen erfahrenen Mann, der ihn führte, auf den weiten Weg nach Kalifornien zu machen. Nein, Mr. Vanderbilt schien ihm ein Mann zu sein, dem man so etwas durchaus zutrauen konnte, und der mit allem möglichen fertig werden konnte. Aber er schien doch die Gefahren hier ein wenig zu unterschätzen – unter anderem die Möglichkeit, dasser von Banditen angegriffen wurde.
Es war zwar nicht Krieg – aber wozu Männer wie Jesse Crown und seine Halsabschneider fähig waren, denen ein Leben absolut nichts bedeutete, das konnten sich die meisten Leute aus dem Osten nicht vorstellen, offensichtlich auch nicht der vielleicht doch immerhin kriegserfahrene Mr. Vanderbilt.
Lancaster stoppte sein Pferd und sah sich nach einem Lagerplatz um. Er war jetzt wohl eine Meile geritten, das mußte genug sein. Schnell entschied er sich für ein kleines, niedriges Gehölz in einer flachen Senke, das er im hellen Mondschein erkennen konnte.
Während er absattelte, spann er seine Gedanken weiter.
Er hatte vorgehabt, die Leute des Trecks vor Jesse Crown und seiner Bande irgendwie zu warnen und ihnen vielleicht auch zu helfen – das wäre unter anderem durchaus eine Möglichkeit gewesen, an Jesse Crown heran zu kommen.
Er hatte aber schnell gemerkt, dassman ihm nur sehr halbherzig Glauben schenken würde – insbesondere natürlich Mrs. Susan Winter und die hatte vermutlich doch einen gewissen Einflussauf ihren Schwager. Das war im Übrigen sehr typisch für Siedler aus dem Osten. Vor den Rothäuten hatten sie alle Respekt, aber das ihnen Weiße vielleicht viel gefährlicher werden konnten, das wollte nicht so recht in ihre Köpfe, trotz allem was sie darüber vielleicht gehört hatten...
Also war er jedenfalls weiter geritten.
Alexander Lancaster schnallte seinen Gurt ab und streckte sich unter ein paar überhängenden Zweigen einfach am Boden aus, seine Winchester und den Gurt neben sich.
Es wurde ihm ziemlich flau im Magen, wenn er daran dachte, was morgen geschehen konnte.
So lange er die Leute nicht gekannt hatte, waren sie ihm nur Spuren in der Prärie gewesen, aber jetzt waren sie zu Menschen aus Fleisch und Blut geworden, Menschen an welchen er Gefallen gefunden hatte, insbesondere natürlich an Mrs. Winter und vor allem dieser Sheila ... aber natürlich auch an Vanderbilt und all den anderen, Liza und die Zwillinge.....
Vielleicht würden sie in wenigen Stunden alle tot sein, die Frauen vergewaltigt....
Lancaster schob diese Bilder zur Seite. Sein Kalkül war ein anderes. Und in wenigen Stunden würde sich ja zeigen, ob seine Rechnung auf ging. Wenn nicht ....
Aber daran wollte er nicht denken.
Er spürte die bleierne Müdigkeit, die in ihm steckte, und er wußte, dasser trotz seines harten Lagers gleich einschlafen würde.
Trotzdem mußte er noch einmal an Mrs. Winter denken, bei der kannte er sich noch immer nicht ganz aus. Sie war auch nicht die Frau von Mr. Winter, das war ja die Mutter der beiden Jungs, also konnte sie eine unverheiratete Schwester oder Cousine von Mr.
Winter sein, was bei ihrem Aussehen eher unwahrscheinlich war, oder sie war seine Schwägerin, dann war sie vielleicht verwitwet. Oder ...
Alexander Lancasters Gedanken fingen an, ein wenig durcheinander zu geraten. Wirklich schade, dasssie nicht ein paar Jahre jünger war. Sheila war jünger, viel jünger – er sah das Mädchen vor sich Sie war einfach schön ... und dazu dieser etwas herausfordernde Blick der Vanderbilt- Mädchen; sie war so schön, dasseinem Mann schlecht werden konnte – aber sie war fast zu jung für ihn ... oder er zu alt für sie … nicht viel zwar ....
Und da wurde Alexander Lancaster in einem zunehmend wirrer werdenden Wust von Bildern und Gedanken irgendwie bewußt, dass er bald über jenes Alter hinaus war, wo sich so junge Mädchen noch für ihn interessieren würden – oder ein Mann so ein junges Mädchen zu Frau nehmen konnte, ohne sich zum Narren zu machen. Vielleicht war es doch einmal an der Zeit, nach seinem Vater und seiner Familie zu sehen ....
Alexander Lancasters Gedanken gerieten nun endgültig durcheinander und dann war er plötzlich weg.
*
Sicher hätte es Alexander Lancaster interessiert, was die holde Weiblichkeit des Vanderbilt-Trecks selbige Nacht über ihn redeten – was unvermeidlich war, da er die erste richtige Abwechslung seit Tagen gewesen war.
Für die Damen war eines der vier Zelte bestimmt. Und wie jeden Abend tuschelten die schwatzhaften Zwillinge Polly und Dolly noch lange – heute natürlich vor allem über Alexander Lancaster. Und es war erstaunlich, wie lange sie sich, gemessen an der Kürze von Lancasters Gastspiel, über diesen Mann unterhalten konnten.
Nach einer guten Weile kam dabei unvermeidlich auch jenes Thema zur Sprache, das für ihre Tante scheinbar ein Reizthema war;
„Glaubst du wirklich, dasser schon so viele Leute erschossen hat?“, fragte Dolly im Zuge ihres Gespräches.
„Wieso nicht? Ich glaub schon.“
„Ich auch. Glaubst du, dasses zehn waren?“
Polly dachte kurz nach,
„Ich weißnicht – vielleicht waren es hundert.“
“Hundert?“, wiederholte Dolly jetzt doch ein wenig skeptisch.
„Könnt ihr jetzt wohl endlich den Mund halten.“, forderte sie da ihre Tante erneut energisch auf, was, zumindest für den Augenblick, durchaus auch Wirkung zeigte.
Für einen Augenblick war Stille im Zelt, dann fragte Liza plötzlich:
„He, Sheila, was hältst du von ihm?“
„Von Mr. Lancaster? Ich weiß nicht ... man muss sich erst an die Leute hier gewöhnen. Wie er da plötzlich aufgetaucht ist, stoppelbärtig und so ...“
„Ja, genau. Und er sah auch müde aus, wer weiß, wie lange er schon geritten ist.“
„Und trotzdem ist er noch weiter geritten.“
„Das ist auch besser so.“, schaltete sich da ihre Tante ein.
„Wieso? Im Grunde genommen war er nett, finde ich.“, verteidigte ihn Liza.
„Nett!“, es war Mrs. Susan Winters Stimme deutlich anzuhören, dass sie in diesem Punkt ganz anderer Meinung war.
„“Jedenfalls war er interessant.“, ergriff auch Sheila die Partei ihrer Schwester.
„Interessant! Ein Mann, der schon viele Leute erschossen hat!“, Mrs. Susan Winter wollte an Alexander Lancaster offensichtlich nichts Positives sehen.
„Dad hat als Soldat sicher auch viele Leute erschossen.“, verteidigte ihn Sheila
„Er war eben Soldat. Und man mussdarauf jedenfalls nicht stolz sein.“
„Vielleicht war er ja auch Soldat, ...., oder Sheriff oder so etwas ...“
„Lächerlich!“, Mrs. Winter war nicht zu überzeugen.
„Wie alt er wohl ist?“, überlegte Liza – eine Sache, über die sich junge Mädchen ja gerne den Kopf zerbrechen.
“Jedenfalls ist er zu alt für euch.“, entschied Mrs. Susan Winter.
„Also ich weiß nicht.“, meinte Liza: „Ich glaube, er ist gar nicht so alt. Wenn er erst wieder rasiert ist …, und in frischen Klamotten ... Dad war auch um einiges älter als Mum. Und wenn er doch zu alt ist für uns, kannst du ihn ja nehmen.“
„Na, das hätte mir gerade noch gefehlt.“
Mr. Vanderbilts Damen hatten sich im Zuge dieses Gespräches, das im Übrigen noch lange nicht zu Ende war, ganz offensichtlich in zwei Lager Pro und Kontra Mr. Alexander Lancaster gespalten.
*
Die Frauen und Mädchen standen zusammengedrängt an einem der Wagen, umringt von Jesse Crown und seinen Männern, Männer, die zum Übelsten gehörten, das der Westen zu bieten hatte, Männer, die die Frauen grinsend mit gierigen Blicken musterten, ihre Körper, ihre Gesichter, ihre Brüste, und sie ahnen ließ, was vielleicht bald mit ihnen geschehen würde. Trotzdem wirkten die Frauen gefaßt – noch jedenfalls, selbst die Zwillinge, ausgenommen vielleicht die Frau von Mr. Winter, die wohl auch Angst um ihre Söhne hatte.
Die Männer hatten sich im Halbkreis um die Frauen aufgebaut, die im Licht der aufgehenden Sonne vor ihnen standen, und Jesse Crown stolzierte in dem Halbkreis herum und zog seine Show ab, Einleitung eines grausamen Spiels, das noch folgen sollte.
Eben stand er vor Mrs. Susan Winter,
„He, Vanderbilt!“, rief er: „Du hast eine hübsche Frau.“
Mr. Vanderbilt und seine Männer lagen oder saßen gefesselt am Feuer, auch die beiden Jungs von Mr. Winter.
„Sie ist nicht meine Frau. Lassen Sie sie in Ruhe!“
„Sie ist nicht deine Frau? Nun, wir nehmen das nicht so genau. Tatsache ist, dasswir sie ein bißchen extra in die Mangel nehmen werden, wenn du nicht reden willst. Und du kannst mir glauben, das wird uns sehr viel Spassmachen.“, Jesse Crown schritt wieder auf und ab.
„Sag nichts!“, rief da Susan Winter: „Sie werden sowieso tun, was sie wollen.“
„Da gibt ´s aber große Unterschiede, Süße.“, Jesse Crown blieb vor ihr stehen und faßte ihr unters Kinn:
„Da gibt ´s verdammt große Unterschiede. Du kannst mir glauben, wir versteh´n was davon.“
Angewidert wandte sie ihren Kopf ab.
„Na, was soll denn das, Süße?“, sagte Jesse Crown und grinste: „Na schön, dann werden wir uns eben deine Tochter vornehmen.“
Er wandte sich zu Sheila Vanderbilt, die neben ihrer Tante stand. Er packte sie am Arm und zerrte sie einen Schritt nach vorne,
„Was haltet Ihr von der da?“, wandte er sich an seine Männer.
Wildes Gejohle war die Antwort und es fielen Bemerkungen, die Sheila Vanderbilt erahnen ließen, was sie erwartete, -sie wurde rot. Einer der Männer rief:
„He, Jesse! Wir wollen ihre Titten sehen!“
„Alles zu seiner Zeit.“, wehrte der ab, und stieß Sheila wieder zurück.
„Was haltet Ihr denn von der da?“, fragte er wieder und diesmal war es Liza, die er dabei am Arm packte und einen Schritt nach vorne zerrte.
Dasselbe Gejohle war die Antwort.
Da brüllte Mr. Vanderbilt:
„Lassen Sie meine Töchter in Ruhe, Sie verdammtes Drecksschwein! In den Wagen befinden sich vier Ballons mit allem, was dazu gehört. Damit können Sie sowieso nichts anfangen, also verschwinden Sie wieder.“
Jesse Crown schüttelte den Kopf,
„Verdammtes Drecksschwein.“, wiederholte er: „Das hab´ ich aber gar nicht gern gehört. Aber ich will ´s dir nachsehen, weil du endlich zur Vernunft gekommen bist. Vier Ballons sind das also ...“, es war Jesse Crown nicht anzusehen, ob er mit dieser Antwort wirklich etwas anfangen konnte: „Nun, ob ich mit deinen Ballons ´was anfangen kann oder nicht, das lassnur meine Sorge, jedenfalls kann ich einmal mit deinem Geld und mit deinen Gewehren was anfangen. Nur für dich und deine Männer habe ich keine Verwendung, schätze, du weißt, was das heißt.“
„Sie werden jemanden brauchen, der Ihnen zeigt, wie man mit den Ballons umgeht.“
„Und du würdest mir das zeigen?“
Mr. Vanderbilt würgte ein wenig, dann sagte er:
„Ja ja, natürlich würde ich ihnen das zeigen,“
„Danke für das Angebot.“, antwortete Crown spöttisch: „aber ich glaube, ich komme auch ohne dich zurecht. Du kannst dir aber vielleicht denken, dasswir für deine Weiber Verwendung haben.“
„Laßt sie in Ruhe!“, brüllte Mr. Vanderbilt erneut.
„Später vielleicht, später. Aber weil du dich nun doch endlich bequemt hast, zu reden, will ich dir eines versprechen: Wir machen sie nicht kalt, wenn wir unseren Spassmit ihnen gehabt haben, sondern wir verkaufen sie an einen Freund in Mexiko, der hat dort ein feines Puff, da steh´n sie auf blonde Weiber.“
Erneutes lautes Gejohle von Jesse Crowns Männern war die Antwort und einer meinte:
„Das ist ein weiter Weg bis nach Mexiko, da können sie unterwegs schon üben für ´s Puff.“
Jesse Crown nickte und setzte seine Rede fort:
„Und da gibt ´s auch genug Leute, die auf solches Grünzeug wie die zwei da steh´n.“
Und bei diesen Worten packte er Polly am Arm und zerrte nun sie einen Schritt nach vorne.
„Immerhin haben sie schon ganz nette Titten, glaub ich.“, fuhr er fort und faßte bei diesen Worten nach Pollys Brüsten.
Da überwand aber plötzliche ihre Wut, die Angst, die das Mädchen zweifelsohne hatte; trotzdem Crown sie am Oberarm gepackt hatte, schaffte sie eine leichte Rechtsdrehung und verpaßte dem überraschten Crown einen heftigen Tritt gegen das Schienbein – heftig genug, dass der aufbrüllte und zurück sprang. Kurz bückte er sich und rieb sich das Schienbein,
„Verdammt.“, knirschte er dabei und richtete sich dann wieder auf.
„Du verdammte Göre!“, brüllte er dann plötzlich los und sprang mit erhobener Hand, auf das Mädchen zu, das sich unwillkürlich duckte und schützend die Arme hob – in diesem Augenblick war aber plötzlich das unverkennbare Klicken eines Colts zu vernehmen, dessen Hahn gespannt wurde – augenblicklich liesses Jesse Crowns erhobene Hand erstarren, es ließ den ganzen Mann erstarren und veranlaßte seine Männer langsam und vorsichtig die Hände zu heben. Ebenso langsam und vorsichtig begannen sie, sich umzudrehen, um nach der Quelle dieses vermaledeiten Geräusches zu sehen.
„Von Umdrehen war zwar nicht die Rede.“, ertönte da eine hörbar gut gelaunte Stimme hinter ihnen: „aber es ist okay. Aber immer schön langsam, damit ich nicht nervös werde.“
Die Männer drehten sich also langsam um und Jesse Crown trat zwischen seine Männer.
Keine zwanzig Schritt entfernt saß ein Mann auf einem Pferd und hatte sein Schießeisen auf sie gerichtet.
Alexander Lancaster betrachtete die Männer und sie gefielen ihm nicht besonders. Er kannte sie nicht, zwei glaubte er, schon irgendwo gesehen zu haben, von Jesse Crown hatte er einmal einen Steckbrief gesehen, er wußte nur nicht mehr wo. Aber er erkannte ihn jedenfalls sofort und er hatte eine Menge über ihn gehört,
Auch die Männer musterten ihr Gegenüber; sie mußten die Augen ein wenig zusammenkneifen, denn sie schauten in die aufgehende Sonne, und endlich fragte Jesse Crown lauernd:
„Bist du allein?“
„Ihr seid umzingelt.“, sagte Lancaster.
„Von wem?“
„Von mir.“
„Von dir?“
„Von mir und meinem Pferd. Genügt das nicht? Oder seht Ihr sonst noch jemanden?“
Jesse Crown dachte kurz nach, dann meinte er:
„Du bist ja doch allein.“
„So könnte man ´s auch nennen.“
„Kleiner Spaßvogel, wie?“
„Manche Leute sagen ja, manche Leute sagen nein, ich weiß es nicht, schwer zu sagen.“
Es war den Männern anzusehen, dasses sie juckte, etwas zu unternehmen, da er alleine war, aber es wollte natürlich auch keiner irgendwie den Anfang machen
Jesse Crown dachte wieder einen Augenblick nach, dann meinte er:
„Du weißt aber schon, dassdu nur sechs Kugeln in deinem Schießeisen hast?“
„Tatsächlich?“, gab sich Lancaster gespielt überrascht: „Tja, und das macht euch nervös?“
„Ich meine, du kannst uns nicht alle erschießen.“, sagte Jesse Crown lauernd.
„Ist es das, was euch nervös macht? Ich glaube, da kann euch geholfen werden.“
Und mit diesen Worten langte Lancaster hinter seinen Rücken und zauberte einen zweiten Colt hervor. Es klickte vernehmlich, als er den Hahn spannte. Dann fragte er:
„Ist es jetzt besser so?“
„Scher dich zum Teufel.“, knurrte Jesse Crown: „Was mischt du dich überhaupt ein? Diese Leute da gehen dich gar nichts an.“
„Vielleicht bin ich ja ein US-Marshal?“
Jesse Crown starrte ihn einen Augenblick scharf an, dann meinte er:
„Du bist kein US-Marshal.“
„So sicher?“, sagte Lancaster spöttisch, dann gab er aber zu: „Na ja, du hast ja recht. Die Sache ist aber die, dassich mich heute Nacht entschlossen habe, diese junge Lady da hinter dir zur Frau zu nehmen.“, er wies dabei auf Sheila Vanderbilt: „und da wirst du doch wohl einsehen, dassich mich in die Sache wohl oder übel doch einmischen mußte.“
„Unsinn!“, knurrte Jesse Crown, der natürlich nicht wissen konnte, dassLancaster schon gestern Abend im Lager gewesen war.
„Unsinn oder nicht...“, dann unterbrach sich Lancaster plötzlich,
„Bleiben Sie, wo Sie sind, Mrs. Winter!“, sagte er, nicht scharf, aber doch sehr bestimmt.
Und Mrs. Susan Winter, die sich eben in Bewegung gesetzt hatte, blieb tatsächlich stehen.
„Ich werde jetzt die Männer losschneiden.“, sagte sie entschlossen, aber doch mit einem irgendwie fragenden Unterton.
„Später, Ma´ m, später, wir wollen die Dinge nicht durcheinander bringen. Ich würde die Ladies jetzt eigentlich bitten, sich da hinter den Wagen rechts zurück zu ziehen. Und halten Sie sich dabei von diesen Kerlen möglichst fern.“
Susan Winter sah ihn einen Augenblick lang an, dann wandte sie sich plötzlich ab und sagte:
“Kommt!“
Schließlich verschwanden die Damen hinter dem Wagen, der rechterhand von Alexander Lancaster stand.
Alexander Lancaster war einen Augenblick lang überrascht, dass sie so ohne jeden weiteren Widerspruch auf ihn gehört hatte – aber vielleicht war diese Frau ja vernünftiger, als er gedacht hatte.
„Ja, so ist es besser.“, sagte Lancaster jedenfalls, als das geschehen war, und sprang dabei aus dem Sattel: „Wir erledigen schön eins nach dem andern. Und das heißt, dasswir jetzt irgendwie zu einem Ende kommen müssen, Jesse.“
„Wer bist du überhaupt?“, fragte Jesse Crown, der sichtlich noch immer irgendwie auf eine günstige Gelegenheit lauerte.
„Wer ich bin?“, Lancaster zuckte mit den Schultern: „Lancaster, Alexander Lancaster, wenn ich mich vorstellen darf.
„Lancaster, Alex Lancaster.”, Jesse Crown schien kurz nachzudenken: „Bist du nicht dieser Bursche, den sie die Klapperschlange nannten?”, fragte er dann.
„Du mußt in Texas gewesen sein.“, sagte Lancaster, und plötzlich wußte er auch, wo er tatsächlich einen Steckbrief von Jesse Crown gesehen hatte: „Die Burschen von der Bande vom Boulder-Creek nannten mich so, glaub´ ich.“
„Du hast immerhin drei ihrer Männer umgelegt ... an einem Tag“
„Ja ja, ich weiß, einen am Morgen, einen mittags und einen am Abend. Aber jetzt müssen wir wirklich zu einem Ende kommen, Jesse.“
Doch Jesse Crown ließ nicht locker,
„Du hast dir damals eine Menge darauf eingebildet, wie verdammt schnell und gefährlich du nicht bist.“
„Da war ich ein junger Hüpfer, Jesse. Du weißt ja, wie das ist, mit diesen jungen Burschen.“
„Wir könnten die Sache ausschießen.“
„Du und ich? Das geht nicht, Jesse, weil ich dich noch brauche. Und die andern? Einer ist zu wenig, alle sind zu viel.“ “Du brauchst mich noch?“, fragte Jesse Crown verwundert.
„Ja, dich. Weißt du, es ist wegen Annie.“
„Annie! Welche Annie?
„Annie Simpson.“
„Annie Simpson! Meinst du diese dreckige, kleine Nutte in Remington?“
„Jesse, Jesse!“, sagte Lancaster gespielt vorwurfsvoll, „wenn deine Mutter dich hören könnte. Zugegeben, Annie ist klein, aber dreckige Nutte, Jesse? Sie ist ein feines Mädchen mit einem großen Herz für jeden anständigen Burschen.“
„Feines Mädchen!“, knurrte Jesse Crown.
„Genau das, Jesse. Und du hast ihr was weggenommen, das sie wieder zurückhaben möchte. Und du hast ihr was gegeben, das ich dir wieder zurückgeben soll, mit Zins und Zinseszins.“
„Weggenommen? Gegeben? Meinst du diese Halskette? Was braucht so eine verdammte Hure eine Halskette mit einem Diamantanhänger. Und gegeben? Ich hab ihr ein paar Ohrfeigen gegeben, als sie frech wurde, das ist alles.“
„Genau um die geht es, Jesse.“, sagte Lancaster wieder: „und du sollst schön sprechen. Da hinten hören dir ein paar wohlerzogene, junge Mädchen zu, da kannst du nicht so reden. Diese verdammte Hure eben, die kann ich dir nicht mehr durchgehen lassen, die setze ich dir auf die Rechnung. Und was die Halskette betrifft – die ist von Annies Großmutter, und es kränkt sie, dass ie weg ist.“
„Und wegen diesem verdammten kleinen Miststück jagst du seit Remington hinter uns her?“
Jesse Crowns Stimme klang ein wenig ungläubig.
„Warum nicht? Hab gerade nichts Besseres zu tun – und Annie ist wirklich ein feines Mädchen.“
„Und was machst du, wenn ich jetzt ziehe?“, fragte Jesse Crown lauernd.
„Jesse, du kriegst deine Ohrfeigen, verlassdich drauf. Wenn du jetzt nach deinem Eisen greifst, schieß ich dir ganz einfach die Eier weg, dann läßt du es ganz bestimmt bleiben. Kenne jedenfalls niemanden, der noch versucht hätte, zu ziehen, nachdem man ihm die Eier weg geschossen hatte. Und daher machst du jetzt schön langsam und vorsichtig deinen Gurt auf und wirfst ihn zu mir herüber, dann gehst du drei Schritte nach links, da legst du dich auf den Bauch und verschränkst die Arme hinter dem Kopf.“
„Und wenn nicht?“, fragte Jesse Crown lauernd.
„Jesse, denk an deine Eier.“
Einige Augenblicke lang kreuzten sich die Blicke der beiden Männer, dann endlich bequemte sich Jesse Crown, langsam nach der Schnalle seines Revolvergurtes zu greifen.
„Du machst einen Fehler.“, knirschte er dabei: „Mit dir rechne ich noch ab. Und dann wirst du den Tag verfluchen, an dem du geboren wurdest.“
„Aber sicher wirst du mit mir abrechnen.“, sagte Alexander Lancaster vergnügt: „Es haben schon so viele mit mir abgerechnet. Die Boulder-Creek-Bande hat auch mit mir abgerechnet. Warum sollst du nicht auch mit mir abrechnen.“
„Du wirst noch anders reden.“; die abgrundtiefe Wut in Jesse Crowns Stimme war nicht zu überhören.
„Sicher werde ich das, aber jetzt leg dich endlich hin, sonst ... na ja, du weißt schon, Jesse.“
Mit einem wütenden Knurren und einem letzten wütenden Blick bequemte sich Jesse Crown jetzt endlich doch, Lancasters Aufforderung nachzukommen.
Damit war der Bann fürs erste gebrochen. Die nächsten sechs machten, bis auf die üblichen Flüche und Drohungen, keine Schwierigkeiten.
Dann aber stand ein kleiner, schmächtiger Bursche in der Reihe, der aussah wie sechzehn und wohl auch allerhöchstens zwanzig war, und den Lancaster schon die ganze Zeit ein wenig extra im Auge hatte, weil er das Gefühl hatte, dass man bei dem Jungen mit allem rechnen mußte. Er hatte einige Geschichten von einem Typen gehört, der Abe McCabe hieß und den sie manchmal die Nadel nannten, und der offensichtlich äußerst unberechenbar und schießwütig war, wenn man diesen Geschichten den üblichen Wahrheitsgehalt zuschreiben wollte.
Und Lancaster hatte den Jungen im Verdacht, eben dieser Abe McCabe zu sein. Er trug zwei Schießeisen und Lancasters Bauch sagte ihm, dasser damit im Falle eines Falles verdammt schnell sein würde, und er sagte ihm auch, dasser an diesem Fall ziemlich nahe dran war. Abe McCabes starrer Blick, wenn er es denn war, hing schon die ganze Zeit über an ihm wie festgenagelt und aus ihm sprachen Haß, grenzenlose Wut und ein schier unbändiges Verlangen, endlich zu ziehen.
Lancaster beschloß, sich diesen Burschen für den Schlussaufzuheben. Er deutete auf den Burschen ganz links,
„Jetzt du.“, sagte er.
Der setzte auch richtig an, dieser Aufforderung nachzukommen, doch jetzt spielte der Junge nicht mehr länger mit.
„Was ist los?“, zischte er: „Ich bin jetzt an der Reihe.“
„Kannst du es nicht erwarten?“
„Erschieß mich!“, fauchte der Junge: „Oder du mußt es ausschießen mit mir.“
Der Junge zitterte vor Verlangen, endlich nach seinen Schießeisen zu greifen, das war ihm anzusehen.
„Ich könnte dir auch die Eier wegschießen.“
„Ich krieg dich, wenn du das tust.“
Das bösartige Funkeln in den Augen seines Gegenübers verstärkte sich, soweit das noch möglich war, und da wurde Alexander Lancaster klar, dasser nur zwei Möglichkeiten hatte:
Er mußte den Jungen erschießen – oder er mußte sich irgendwie mit ihm schießen. Und dann waren da ja auch noch die anderen drei, die noch übrig waren. Die waren jetzt auch wieder deutlich kampfbereit, wie er in ihren Augen lesen konnte.
Da fragte Lancaster, um noch ein klein wenig Zeit zu gewinnen:
„Sag, ich hörte da was von so einer miesen, kleinen Ratte, die sie die Nadel nennen ...? Ich meine, nur damit ich nachher nicht fragen muß.“
“Du verdammter ...“ – der Junge stöhnte vor Wut, offensichtlich war er tatsächlich jener Abe McCabe“
„Du bist es also tatsächlich. Na schön, Abe, wenn du dich unbedingt mit mir schießen willst ... Aber überleg ´s dir noch einmal, du stirbst ziemlich jung wenn ich dich jetzt umlege.“
„Steck deine Waffe ein und du legst nie wieder jemanden um.“, zischte McCabe.
„Na schön, du sollst deinen Willen haben.“
Tatsächlich steckte Lancaster daraufhin die Waffe in seiner Linken wieder hinten in den Gürtel und versetzte seinem Pferd hinter ihm einen leichten Schlag, das daraufhin ein paar Schritte zur Seite ging.
„So, Abe,“, sagte er dann: „ich stecke jetzt dieses Schießeisen hier wieder ein,“, er hob kurz den Colt in seiner Rechten an: „Und dann wollen wir doch mal sehen, ob die Nadel die Klapperschlange stechen kann.“
Doch noch bevor Lancaster dazu kam, diesen. Worten auch die entsprechenden Taten folgen zu lassen, sah er aus den Augenwinkeln, dassMrs. Susan Winter hinter dem Wagen hervor kam.
„Mr. Lancaster“, rief sie: „das können Sie nicht machen. Sie wissen ganz genau, was mit uns geschieht, wenn Sie erschossen werden.“
„Genau weiß ich es nicht. Aber wir können uns darüber nachher unterhalten.“
Sein Colt glitt in den Halfter.
„Mr. Lancaster! Hören Sie sofort auf mit diesem Unsinn!“, Mrs. Winters Stimme klang ziemlich energisch und wütend.
Mit einem lauernden Blick ließ McCabe seine erhobenen Hände sinken – und die drei, die noch neben ihm standen, folgten seinem Beispiel.
„Ihr ward zwar nicht gemeint,“, stellte Lancaster daraufhin fest: „aber darauf soll ´s jetzt auch nicht mehr ankommen.“
„Mr. Lancaster! Hören Sie sofort auf mit diesem Unsinn!“, forderte ihn Mrs. Winter erneut mit wütender Stimme auf. Und Lancaster sah außerdem, dassmittlerweile auch die anderen Ladies neben ihr standen.
„Ladies!“, rief er daher: „Verschwindet wieder! Wer kein Schießeisen in der Hand hat, ist hier im Augenblick alles andere als nützlich.“
Dann konzentrierte er sich endgültig auf seine Gegner, auf ihre Gestalten, ihre Augen, ihre Hände, die ihm verraten mußten, wann er ziehen mußte.
„Mr. Lancaster!“, erreichte ihn da wieder die wütende Stimme von Mrs. Susan Winter.
„Abe, wenn sie wieder den Mund aufmacht, dann ziehst du.“, sagte Lancaster trocken.
„Mister ...“ – was Mrs. Winter sonst noch sagte oder sagen wollte, ging unter in der Detonation von Alexander Lancasters erstem Schüß.
Dass Abe McCabe schnell sein würde, war zu erwarten gewesen, aber Lancaster war dann doch überrascht, wie schnell McCabes Rechte war, einen Sekundenbruchteil schneller als seine Linke – er hatte das Schießeisen schon aus dem Halfter und spannte eben den Hahn, als der Colt in Lancasters Hand losging und seine Hand zurückstieß. Der Oberkörper des schmächtigen McCabe zuckte bei dem Einschlag der Kugel heftig zusammen, dennoch vermochte er noch, den Hahn endgültig zu spannen und abzudrücken, der Schussverfehlte aber sein Ziel – doch da leerte Lancaster schon in rasender Folge die Trommel seines Colts.
Als Lancasters Colt leer geschossen war, brach der letzte der Männer in die Knie – fast automatisch wechselte Lancaster das Schießeisen in die Linke und angelte sich das zweite hinten aus dem Hosenbund, wobei er den Hahn spannte.
Eine seltsame Stille folgte den Schüssen – lauernd wartete Lancaster, ob er noch eine Kugel brauchen würde, ob sich eine der vier am Boden liegenden Gestalten noch einmal regte – doch nichts dergleichen geschah.
„Daddy!“, rief da plötzlich rechterhand Dolly, oder auch Polly, und schon jedenfalls rannten die beiden los zu ihrem Vater. Die anderen Ladies machten Anstalten, ihrem Beispiel zu folgen und wären dabei zwischen Lancaster und die sieben Männer geraten, die noch immer am Boden lagen, die Hände hinter den Köpfen verschränkt.
„Vorsicht!“, rief Lancaster, aber es war schon zu spät, einer von Jesse Crowns Männern witterte tatsächlich seine Chance und sprang ganz unversehens auf, ein Messer war plötzlich in seiner Hand, und er machte Anstalten sich auf die beiden Zwillinge zu stürzen.
„Verdammt!“, dachte Lancaster, der einen Augenblick zögerte, abzudrücken, wegen der Mädchen, doch er hatte keine andere Wahl...
Die Waffe in seiner Hand dröhnte und stieß seine Hand zurück, der Mann aber stoppte unvermittelt, erstarrte fast für einige Augenblick, und fiel dann vornüber hin. Noch im Fallen allerdings griff er nach einem der Mädchen und erwischte eben noch seinen Rock – das Mädchen quietschte und riss sich los....
Und damit war es dann aber auch schon vorbei.
„Bleibt zurück!“, rief nun auch Mrs. Susan Winter.
Und nun eilten alle um die Männer am Boden herum, aber von denen rührte sich jetzt sowieso keiner mehr.
Während Lancaster seine Waffen nachlud, befreiten die Frauen ihre gefesselten Männer.
Lancaster aber führte sein Pferd nach außen und machte es fest. Da trat Mr. Vanderbilt zwischen den Wagen hervor und kam Lancaster entgegen, wobei er ihm die Hand entgegen streckte,
„Mr. Lancaster,“, sagte mit großem Ernst „wir sind ihnen Dank schuldig, sehr viel Dank.“
Alexander Lancaster schlug in die dargebotene Rechte ein, die daraufhin seine Hand fast zerquetschte. Er schaute Mr. Vanderbilt in die tiefblauen Augen und hatte plötzlich irgendwie ein gutes Gefühl. Der Mann gefiel ihm zunehmend.
„Sie haben uns zweifellos das Leben gerettet,“, setzte Mr. Vanderbilt unterdessen fort: „und was mit den Frauen geschehen wäre, daran will ich gar nicht denken. Ich weiß jedenfalls nicht, wie ich ihnen danken soll.“
„Ein, zwei Tassen Kaffee wären jedenfalls ein guter Anfang.“
„Die sollen Sie haben und noch mehr. Kommen Sie!“
Mr. Vanderbilt packte Lancaster am Arm und zog ihn mit sich zwischen den Wagen durch.
„Setzen Sie sich doch dort zum Zelt.“, meinte er: „es wird bald Kaffee geben.“
Doch Lancaster wehrte ab,
„Ich muss erst nach den Burschen da drüben sehen.“, Lancaster wies nach rechts, wo vor einem der Wagen die sechs mittlerweile gefesselten Gefangenen saßen, auch die Toten lagen daneben
„Oh, natürlich. Kommen Sie dann eben später.“; Vanderbilt wandte sich ab.
Lancaster aber ging zunächst zu den Toten. Etwas abseits standen die beiden Jungs und starrten die Toten mit großen Augen an. Ihre Mutter war zusammen mit Liza Vanderbilt damit beschäftigt, einen der Männer zu verbinden, der etwas mehr Glück gehabt hatte als die anderen, und eben noch lebte.
Doch zunächst betrachtete Lancaster die Toten, zu denen auch einer von Mr. Vanderbilts Leuten gehörte. Er war wohl eine der Wachen gewesen. Jesse Crowns Männer hatten ihn jedenfalls erstochen, Lancaster hatte ihn schon entdeckt, als er sich an die Wagen heran gearbeitet hatte. Sein Interesse galt aber vor allem McCabe. Jetzt im Tod sah er noch schmächtiger aus, als er sowieso gewesen war, und älter, wohl durch das jetzt aschfahle Gesicht, das den spärlichen Bartwuchs jetzt mehr hervortreten ließ. Man hatte ihm die Hände gefaltet und auf den Bauch gelegt.
„Das war wirklich knapp.“, ging es Lancaster durch den Kopf, als er diese fast zarten Hände betrachtete.
„Ein zweiter hat vorhin auch noch gelebt,“, sagte da Mrs. Winter: „er ist aber nach wenigen Minuten gestorben.“
Lancaster nickte und ging hinüber zu dem Verwundeten, ein bulliger Mann, dessen Gesicht aber jetzt ebenfalls grau war. Schweißperlen standen ihm im Gesicht.
Lancaster betrachtete den Mann – es war der Mann, der sich hatte auf die Mädchen stürzen wollen,
„Tut weh?“, fragte Lancaster endlich
„Scher dich zum Teufel!“
„Du hättest liegen bleiben sollen.“
„Fahr zur Hölle!“
„Aber sicher, aber ..,. nach dir natürlich.“
„Ich kann meine Beine nicht bewegen.“
Lancaster kniff die Augen ein wenig zusammen und nickte – und meinte dann: „Hab ich das Rückgrat erwischt? Dumme Sache, das wird nicht mehr, das weißt du, aber... vielleicht machst du es sowieso nicht mehr lange, wenn du Glück hast.“
Der Mann schloss die Augen. Als er sie wieder öffnete, sagte er:
„Erschieß mich.“
Lancaster nickte abermals,
„Tja, soll ich dir was sagen? Das würd´ ich ja gerne für dich tun – wenn wir alleine wären. Aber so .... Es geht nicht. Die Ladies und die Kinder und so ... du verstehst?“
„Scher dich zum Teufel!“
Der Mann schloss wieder die Augen.
Lancaster warf noch einen kurzen Blick auf ihn und wandte sich dann ab.
Das musste eine verdammt schlimme Sache sein, so hilflos da zu liegen und wer weiß, was die Kugel sonst noch angerichtet hatte. Er hatte jedenfalls schon jemanden mit so einer Verletzung sterben gesehen – das hatte allerdings ein wenig gedauert. Mrs. Susan Winter und ihre Nichte hatten den Mann zwar recht ordentlich versorgt, aber einen richtigen Arzt hatten sie natürlich nicht.
Lancaster ließ sich vor dem Zelt der Vanderbilts nieder, dann kam auch Mr. Vanderbilt und wenig später war schließlich die ganze Familie hier vereint, einschließlich Mr. und Mrs. Winters und ihrer beiden Söhne, die im Übrigen oft nach seinem Schießeisen schielten.
Es gab genügend süßen, heißen Kaffee, sowie Bratkartoffel und gebratenen Speck, sodass Alexander Lancaster bald satt und allerbester Laune war.
„Sagen Sie, Mr. Lancaster,“, fragte Mr. Vanderbilt, nachdem er sich eine zweite Tasse Kaffee eingeschenkt hatte: „irgendwie hab ich das Gefühl, Sie wussten, dass es diesen Überfall heute Morgen geben würde... oder zumindest geben könnte? Sind Sie tatsächlich diesen Männern von Remington bis hierher gefolgt? Das liegt ja viele Tagreisen zurück.“
Doch noch bevor Lancaster antworten konnte, fragte einer der beiden Zwillinge eifrig,
„Und sind Sie ihnen tatsächlich wegen dieser ... dieser Annie gefolgt?“
„Dolly!“, sagte da Mrs. Susan Winter aber verweisend: „Wenn euer Dad mit Mr. Lancaster spricht, musst du dich nicht einmischen.“
„Tja,“, sagte Lancaster, als er nun endlich zu Wort kam: „Es ist schon so, dass ich hinter Jesse Crown und seiner Bande her war. Und als ich merkte, dass die wiederum hinter ihnen her waren, ich meine, die Spuren waren ja deutlich genug, da dachte ich: Mal sehen, was passiert. Nachdem sie aber heute Granger erreicht hätten, rechnete ich eigentlich für heute Morgen mit einem Angriff – wozu sonst wären sie ihnen gefolgt.“
„Sie hätten uns warnen können.“
„Hätten Sie auf mich gehört? Ernsthaft?“
„Tja, gute Frage.“
Alexander Lancasters Blick war aber bei seiner letzten Frage unwillkürlich zu der gestern so misstrauischen Mrs. Susan Winter gewandert. Ihre Blicke begegneten sich und da fühlte sie sich wohl auch irgendwie angesprochen, denn sie sagte:
„Entschuldigen Sie mein gestriges Misstrauen Mr. Lancaster, denn wie alle anderen weiß ich natürlich auch, wie sehr wir ihnen zu danken haben. Nichtsdestotrotz frage ich mich, ob es wirklich notwendig war, diese vier Männer zu erschießen. Die Kinder haben es gesehen und überhaupt ...“
Da aber unterbrach sie Mr. Vanderbilt,
„Ach, lass das jetzt, Susan,“, meinte er: „Es ist ja tatsächlich die Frage, was gewesen wäre, wenn Sie uns gestern konkret vor dieser Bande gewarnt hätten. Wissen Sie, ich habe ja einiges an Erfahrungen aus meiner Zeit bei der Fremdenlegion, aber .......... als Soldat hat man einen Feind. Aber hier? Wissen Sie, man hat mir ja eine Menge Ratschläge gegeben, als wir uns auf den Weg gemacht haben, und man hat uns gewarnt – vor Indianern und Banditen und was weiß ich, und man liest auch alles Mögliche in den Zeitungen und Magazinen, aber wie es dann wirklich ist ...? Ich meine, ich hätte mich ja gerne auch einem erfahrenen Führer anvertraut, wenn ich nur jemanden getroffen hätte, der ...“
„... den Sie für den richtigen Mann dafür gehalten hätten und dem Sie vertraut hätten?“
„Ja, so ungefähr.“
„Hätten Sie mich genommen?“, fragte Lancaster mit einem leichten Lächeln.
„Sie?“, Mr. Vanderbilts Blick glitt für einen Augenblick unwillkürlich musternd über Alexander Lancaster.
Lancaster machte lächelnd eine abwehrende Handbewegung,
„Sagen Sie ruhig nein.“, sagte er: „Das war nicht ernst gemeint. Sie hätten auch bei mir nicht gewusst, ob ich wirklich erfahren bin oder vertrauenswürdig. Und so gesehen, haben Sie auch ganz richtig gehandelt, denn eines sollten Sie sich hier jedenfalls zur Regel machen: Vertrauen Sie niemanden, den Sie nicht kennen – und so gesehen, ist natürlich auch Ihr gestriges Misstrauen gegen meine Wenigkeit durchaus in Ordnung, Mrs. Winter.“, schloss er an ebendiese gewandt.
„Eben.“, sagte sie und setzte dann, durchaus wieder ein wenig angriffslustig hinzu:
„Warum sind Sie denn im Übrigen nicht hier geblieben, wenn Sie schon einen Angriff erwartet haben?“
„Ich weiß nicht, ob Ihnen das recht gewesen wäre. Ich zog es jedenfalls vor, einfach in der Nähe zu bleiben. Ich hoffe im Übrigen, mittlerweile ein wenig Ihr Vertrauen gewonnen zu haben.“
„Oh ja, das haben Sie ganz bestimmt.“, ergriff da aber Mr. Vanderbilt wieder das Wort, “Wenn ich einen Mann wie Sie wirklich gekannt hätte, wer weiß ...“
„Nun, jetzt kennen Sie ja einen.“
Mr. Vanderbilt blickte für einige Augenblicke nachdenklich vor sich zu Boden, dann fragte er plötzlich:
„Würden Sie uns weiter nach Kalifornien führen, Mr. Lancaster? Immerhin sagten Sie gestern, Sie hätten keine besonderen Pläne für die nächste Zeit.“
„Ja, das sagte ich.“, wiederholte Lancaster, dann kratzte er sich nachdenklich am Kinn und blickte einige Augenblicken lang überlegend vor sich hin.
Dann wandte sich sein Blick wieder Mr. Vanderbilt zu, der ihn erwartungsvoll ansah,
„Und Sie würden sich .... an meine ...“, Lancaster suchte nach den richtigen Worten, doch Vanderbilt verstand auch so, worauf er hinaus wollte,
„Sie sagen, was geschehen soll, und ich sorge dafür, dass es geschieht.“
„Hmm....“; Lancaster dachte kurz nach, dann meinte er:
„Ich werde darüber nachdenken, Mr. Vanderbilt. Sie wollen ja einige Tage in Granger Rast machen. Ich sage ihnen dann Bescheid – wenn Sie dann noch immer daran interessiert sind.“
„Schön, so soll es sein. Ich denke, wir brechen jetzt auf. Werden wir Granger tatsächlich noch heute erreichen, Mr. Lancaster?“
Lancaster zuckte mit den Schultern,
„Wenn Sie wollen.“, meinte er: „Es ist zwar schon ein wenig spät, aber wir werden eine mondhelle Nacht haben und können bis spät in die Nacht hinein fahren.“
„Na schön, dann werden wir das auch tun.“, Vanderbilt erhob sich, und erklärte dabei,
„Ich lasse jetzt das Lager abbrechen, in einer halben Stunde sollten wir unterwegs sein.“
Sprach ´s und ging davon.
Lancaster sah zu Mrs. Susan Winter, es war ihr aber nicht anzusehen, was sie über die neuesten Entwicklungen dachte, sie würde es aber wohl bei Gelegenheit mit Mr. Vanderbilt besprechen. Sie erhob sich ebenfalls und sagte nur,
„Ich habe auch noch zu tun.“, und verschwand.
„Kann ich noch etwas Kaffee haben?“, fragte er an Sheila Vanderbilt gewandt.
„Aber sicher.“, sagte sie und griff nach der Tasse, die Lancaster ihr hinhielt.
Sie war der Unterhaltung eben mit neugieriger Miene gefolgt. Es war auch bei ihr schwer zu sagen, was sie dachte – aber immerhin war ihre Miene nicht ablehnend gewesen.
„Da.“, sagte sie, und reichte Lancaster die volle Tasse.
„Danke.“
Als er aber einen ersten Schluck von dem süßen, heißen Getränk schlürfte, fragte einer der Zwillinge plötzlich,
„Wollen Sie wirklich Sheila heiraten, Mr. Lancaster?“
Lancaster verschluckte sich fast und Sheilas hübsches Gesicht wurde ein wenig rot, wie er bemerkte, als er ganz automatisch zu ihr geblickt hatte. Es dauerte auch einen guten Augenblick, bis er begriff, wie die Kleine überhaupt auf diese Frage gekommen war. Unwillkürlich wanderte sein Blick erneut zu Sheila Vanderbilt. Ihr Gesicht verzog sich jetzt zu einem leichten Lächeln und sichtlich neugierig wartete sie ab, wie er sich aus dieser Sache heraus reden würde.
Lancasters Blick wanderte zu der lästigen kleinen Fragestellerin:
„Tja, siehst du, Polly, ...“, sagte er,
„Ich bin Dolly.“
„Na schön, dann eben Dolly. Ich wollte aber eigentlich nur sagen, dass jeder Mann sie gerne heiraten würde, weil ...“
„Nein, nein, das gilt nicht.“, unterbrachen ihn da aber die beiden fast einstimmig, “Sie haben gesagt, Sie haben sich entschlossen, also müssen Sie sie auch irgendwie herumkriegen wollen.“
„Schluss jetzt!“, unterbrach sie da aber Liza energisch: „Wir müssen jetzt das Geschirr abwaschen. Los kommt!“
Und Liza hatte offensichtlich Autorität genug bei den beiden, dass sie ihr, wenn auch widerwillig, folgten und sich erhoben.
„Entschuldigen Sie die beiden, aber sie sind manchmal unmöglich.“, sagte sie seufzend im Weggehen.
„Ach, das macht doch nichts.“, wehrte Lancaster ab, obwohl er ihr insgeheim Recht gab.
Dann schaute er zu Sheila Vanderbilt, sie war jetzt eigentlich die Letzte, die noch bei ihm saß,
„Tut mir leid.“, sagte er und hob mit einer entschuldigenden Geste die Hände.
„Wieso?“, entgegnete sie: „Sehen Sie lieber zu, wie Sie mich ´rum kriegen, wenn Sie sich schon entschlossen haben, mich zur Frau zu nehmen. Viel Glück.“
Und mit diesen Worten erhob sie sich nun ebenfalls und ging davon.
„Hmm....“, brummte er und schaute hinter der schlanken Gestalt her.
