2,99 €
Als Niklas Bogner, seines Zeichens passionierter, preußischer Astronom von der Sternwarte Königsberg, nach Oklahoma reist, um dort eine Sonnenfinsternis zu beobachten, gerät er dort mit seinen Begleitern in die Wirren des Kampfes um eine große Ranch und eine schöne Frau und lernt dabei einen Mann namens Jack Spade kennen, den sie dort Ace Of Spades nennen. Um diese Sonnenfinsternis kann er sich dann allerdings nicht kümmern, als es so weit ist. Aber irgendwie lohnt sich die Sache ja dann doch noch - und die nächste Sonnenfinsternis kommt bestimmt.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 422
Veröffentlichungsjahr: 2019
Hugin West
Pik-Ass schlägt alles
Sonnenfinsternis in Oklahoma
© 2019 Hugin West
Verlag und Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
ISBN
Paperback:
978-3-7482-7403-2
Hardcover:
978-3-7482-7404-9
e-Book:
978-3-7482-7405-6
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
„Was macht Ihr denn da?“, fragte Marian Dale endlich, nachdem sie gemeinsam mit ihren beiden Freundinnen Belinda Harvest und Cathy West in einigem Abstand minutenlang das Treiben der vier Männer verfolgt hatte, deren Tun ihnen ein wenig rätselhaft erschien.
Wozu etwa brauchten sie dieses große Fernrohr, an dem der eine da herumhantierte, und das noch dazu auf so einem merkwürdigen Gestell stand?
Schon aus einiger Entfernung hatten sie die vier auf der Hügelkuppe entdeckt und die Neugier hatte sie veranlasst, näher zu kommen.
Und was sie hier nun, nähergekommen, sahen, war für sie dann doch ein wenig überraschend. Ganz in der Nähe stand ein kleiner Tisch, um den einige kleine Feldstühle Platz boten. Einer der Männer hatte auch an dem Tisch Platz genommen, auf dem, im Übrigen streng geordnet, einige Bücher und Hefte lagen, sowie Schreibzeug. Der Mann saß, einen Bleistift in der Hand, vor einem aufgeschlagenen Heft. Das Ganze hätte vielleicht an einen Vermessungstrupp erinnert, wenn das Fernrohr nicht so groß gewesen wäre.
Die vier jungen Männer waren aber so sehr in ihre Arbeit vertieft, dass sie sie bisher gar nicht bemerkt hatten, woran wohl auch das hohe Gras seinen Anteil hatte, dass die Huftritte ihrer Pferde gedämpft hatte.
Jetzt allerdings fuhren sie natürlich überrascht herum und erblickten
eben drei junge Frauen oder Mädchen von wohl knapp zwanzig Jahren, die überraschend nahe auf ihren Pferden hielten und offensichtlich ganz unbemerkt so nahe herangekommen waren.
„Nun, wonach sieht ´s denn aus?“, raffte sich dann endlich der junge Mann auf, der eben an diesem großen Fernrohr hantiert hatte, und der offensichtlich als erster, nach einer kurzen, wohlgefälligen Musterung der drei jungen Ladies, seine Überraschung überwunden hatte.
Diese wenigen Worte reichten im Übrigen zunächst einmal aus, um zu hören, dass er kein Amerikaner war.
„Ich weiß nicht.“, antwortete Marian, „Das ist doch wohl ein Fernrohr?“
Und bei dieser Frage deutete sie auf ebendieses.
„Ist es“, antwortete der junge Mann und lächelte amüsiert.
Der junge Mann war vielleicht etwa Dreißig, überdurchschnittlich groß und breitschultrig, fast hünenhaft und konnte einer Frau wohl gefallen, zumal er irgendwie sympathische Gesichtszüge hatte.
Die beiden sahen sich kurz an und dann zog der junge Mann plötzlich mit einer kleinen Verbeugung seinen Hut und grüßte mit einem gewinnenden Lächeln:
„Hi, Ladies, Niklas Bogner, wenn ich mich vorstellen darf.“
„Hi!“, grüßten die Mädchen ihrerseits. Ihre Wortführerin allerdings wiederholte dann, ein wenig überrascht oder verwundert und betont:
„Niklas!“; der Name war ihr vielleicht ein wenig ungewöhnlich vorgekommen.
„Nach dem berühmten preußischen Astronomen Niklas Koppernigk.", erklärte daher der junge Mann
„Berühmt?“, wiederholte das Mädchen ein wenig fragend, „Kenn ich nicht“
Mr. Bogner nickte,
„Nun ja, wahrscheinlich kennen Sie ihn unter dem Namen Nicolaus Kopernicus.“
„Nein, eigentlich auch nicht.“, widersprach das Mädchen, „Das macht die Sache auch nicht besser.“
„Tatsächlich?“, fragte Mr. Bogner und schüttelte verwundert den Kopf – er schien echt überrascht zu sein, dass es jemanden gab, der noch nie etwas von diesem Kopernicus gehört hatte.
„Ja! Tatsächlich!“, bekräftigte das Mädchen, fast ein wenig herausfordernd, „Aber …, also, wie hieß denn dieser berühmte Astronom nun wirklich?“; und sie betonte die Worte berühmter Astronom ein wenig extra.
„Kopernicus ist die latinisierte Form seines Namens.“, erklärte darauf Mr. Bogner.
„Latinisiert?“, wiederholte Marian Dale ein wenig fragend.
„Latinisiert.“, bestätigte ihr Bogner, „Das heißt, er veränderte seinen Namen so, dass er die Form eines Wortes der lateinischen Sprache hatte. Für die Veröffentlichung seiner Werke hat er seinen Namen eben latinisiert.“
„Na schön! Und wozu?“
„Nun, das war so üblich damals bei den Gelehrten.“, erklärte Mr. Bogner.
„Damals?“
„Damals. Also …nun, sagen wir … vor vierhundert Jahren oder so. Ich meine, er hat ja auch seine Werke in lateinischer Sprache verfasst. Auch Linné zum Beispiel hat seine Arbeiten unter dem latinisierten Namen Linneus veröffentlicht:“
„In lateinischer Sprache?"
„In lateinischer Sprache."
Marian nickte, legte den Kopf ein wenig schief und fragte:
„Auch ein berühmter, preußischer Astromom?“
Bogner verzog ein wenig das Gesicht,
„Nein, weder Astronom, sondern Zoologe und Botaniker, noch Preuße, sondern Schwede.“
„Schwede? Linné klingt aber irgendwie so …“
„Französisch vielleicht?“
„Nun ja, ich glaube schon. Oder?“
„Nun ja, irgendwie schon, aber … um ganz ehrlich zu sein, über diesen Herrn weiß ich auch nicht so gut Bescheid. Aber es gäbe schon auch noch ein paar preußische Astronomen, Hevelius zum Beispiel oder Bessel, der hat zum ersten Mal die Entfernung eines Sterns berechnet."
„Die meinen, die Entfernung von …, von …?"
„Von uns hier. Von der Erde! Ich meine, sie wissen schon, das … das ist dieser große Planet unter unseren Füßen, auf dem wir leben."
"Ich weiß, was die Erde ist!", behauptete das Mädchen fast ein wenig ärgerlich.
Sie warf kurz fdie Lippen auf und meinte dann:
„Hm… Mir scheint, diese Preußen haben ´s irgendwie mit dieser Astronomie."
„Nun ja, schon! Irgendwie …"
„Und … wie weit ist denn nun dieser Stern nun von der Erde entfernt?"
„Nun ja, ich sag mal so: So weit, dass das Licht von dort fast zehn Jahre braucht bis zur Erde."
„Zehn Jahre! Was soll das heißen, das Licht braucht zehn Jahre bis zu uns?"
"Ganz einfach: Das Licht hat ja eine bestimmte Geschwindigkeit. Die ist zwar sehr groß, sber die Entfernung zu diesem Stern ist auch sehr groß. So groß eben, dass das licht von diesem Stern, trotz seiner hohen Geschwindigkeit, ungefähr zehn Jahre braucht, bis es bri uns ankommt."
Marian ließ sich die Sache kurz durch den Kopf gehen - und fragte dann weiter:
„Das Licht hat eine Geschwindigkeit?"
„So ist es. Fizeau hat sie das erste Mal genau berechnet."
„Auch ein berühmter preußischer Astronom?", fragte Marian ein wenig sarkastisch.
„Weder Preuße, sondern Franzose, noch Astronom, sondern Physiker."
Marian schüttelte den Kopf,
„Und wie schnell ist es nun?"
„Ungefähr dreihunderttausend Kilometer in der Sekunde."
„Wieviel?"
„Dreihunderttausend Kilometer in der Sekunde."
"Dreihunderttausend Kilometer … in der Sekunde !"
Das Mädchen ließ sich die Sache mit schmalen Augen durch den Kopf gehen und fragte dann weiter:
„Hm… Und … wie groß ist zum Beispiel die Erde? Ich meine, es würde mich nicht wundern, wenn Sie das auch wissen."
„Sicher weiß ich das. Sie hat einen Durchmesser von ungefähr zwölftausend Kilometer und einen Umfang von ungefähr vierzigtausend Kilometer. Das heißt, ein Lichtstrahl, der rund um die Erde läuft, würde dafür nicht viel mehr als eine Zehntelsekunde brauchen. Und das ist wahrscheinlich weniger, als hier ein Mann braucht, um seinen Revolver zu ziehen. Ich meine, weil ja immer so viel geredet wird und geschrieben, dass es hier im Westen Männer gibt, die so schnell ihren Revolver ziehen können."
„Die gibt es, verlassen sie sich d‘rauf. Und wenn Sie lange genug hier sind, werden Sie schon einen kennen lernen."
„Belindas zukünftigen Ehemann zum Beispiel.", meldete sich da plötzlich Cathy zu Wort und wies dabei auf ebendiese."
„Tatsächlich!", sagte Bogner darauf und neigte anerkennend den Kopf.
Doch da bohrte Marian schon weiter:
„Und … sagen Sie …, kann man diesen Stern auch sehen, von dem man …?"
„Von dem man weiß, wie weit er entfernt ist?"
„Genau!"
„Sicher! Das ist ein Stern im Sternbild Schwan, den können Sie zurzeit im Norden am Abendhimmel knapp über dem Horizont sehr gut sehen. Er ist zwar nicht sehr hell …"
„Auch durch ihr Fernrohr?"
„Sicher. Kommen Sie doch einmal abends, dann werde ich gerne unser Fernrohr darauf richten. Oder auch Mr. Weber und Mr. Tiefenbach werden das gerne tun für Sie." Bogner wies bei diesen Worten etwas unbestimmt auf die anderen Männer.
„Hm…"
Marian dachte wieder kurz nach und fragte dann weiter:
„Sagen Sie, heißt das: Wenn ich diesen Stern in Ihrem Fernrohr sehe, denn sehe ich ihn so, wie er vor zehn Jahren ausgesehen hat?"
„Genau!"
„Und wenn er inzwischen … zum Beispiel explodiert wäre? Kann ein Stern überhaupt explodieren?"
„Kann er. Und dann würden Sie ihn zwar sehen, obwohl es ihn gar nicht mehr gibt. So ist es. Aber Sterne explodieren für gewöhnlich nicht - sonst könnte ja auch die Sonne eines Tages explodieren."
„Wieso? Ist die Sonne auch ein Stern?"
„Genauso ist es. Also, eigentlich würde ich ja eher sagen: Die Sterne sind auch Sonnen. Nur sind wir an der Sonne ganz nahe dran, sodass sie uns so groß erscheint."
Marian nickte.
„Und … und wenn wir an diesem Stern im … im …"
„… im Schwan?"
„Genau! Also, wenn wir an dem auch so nahe dran wären, würde er dann auch so aussehen wie die Sonne?"
„Nun ja, mehr oder minder."
Wieder dachte Marian kurz nach und bohrte dann weiter:
„Wie nahe sind wir denn dran an der Sonne?"
Bogner lächelte und zuckte mit den Schultern.
„Das Licht braucht zirka acht Minuten von der Sonne bis zur Erde. Und das heißt, sie sehen die Sonne immer so, wie sie vor acht Minuten ausgesehen hat, um … um an ihre vorige, sehr richtige Überlegung anzuknüpfen. Und wenn sie explodieren würde, würden Sie das erst acht Minuten später bemerken."
„Hm… Sehr beruhigend."
„Hast du denn nicht schon bald genug?", fragte da aber plötzlich Belinda, der das wohl allmählich zu viel wurde.
„Hast ja recht."
Worauf Bogner allerdings seinerseits eine Frage hatte:
„Nun, dann erlauben Sie mir vielleicht eine andere Frage: Mit wem haben wir denn eigentlich die Ehre?“
„Ach ja.“, das Mädchen lachte kurz, „Wir haben uns ja noch gar nicht vorgestellt. Tja, also ich bin Marian Dale.“
„Mary-Ann?“, wiederholte Bogner.
„Nicht Mary-Ann, sondern Marian.“ korrigierte ihn das Mädchen und unterstrich dabei die etwas unterschiedliche Betonung der Namen.
„Marian also, na schön. Kommt mir übrigens irgendwie bekannt vor, hmm…“, Bogner überlegte.
„Der Name kommt Ihnen irgendwie bekannt vor?“, wiederholte das Mädchen und lächelte ein wenig, „Na schön, wenn ´s Ihnen eingefallen ist, warum, dann sagen sie ´s mir.“
Bogner nickte.
„Einen Kuss, wenn ich ´s errate?“, fragte er.
„Einen Kuss?“, sie sah kurz zu ihren Freundinnen und dann lachten sie alle ein wenig.
„Erraten Sie ´s erst einmal, dann sehen wir weiter.“
„Vielleicht fällt ´s Ihnen ein, wenn Sie meine Brüder kennen lernen.“, setzte das Mädchen dann mit einem fast schon schelmischen Lächeln hinzu.
„Ihre Brüder?“, wiederholte Bogner überrascht und schaute ein wenig verständnislos.
„Genau. Meine Brüder. Der Name hat aber jedenfalls nichts mit einer berühmten preußischen Astronomin zu tun.“, fügte das Mädchen mit einer gewissen ironischen Betonung hinzu.
„Wenn dem doch so wäre, sann wüsste ich das auch.“, versicherte ihr Bogner mit bekräftigendem Kopfnicken.
„Und? Miss oder Mrs.?“, wollte er dann weiter wissen - nicht zuletzt wahrscheinlich, weil er an dem Mädchen Gefallen gefunden hatte. Was wohl unter anderem an ihrem hübschen Gesicht mit den auffallend tiefblauen Augen und der kleinen Stupsnase lag, was irgendwie zu ihrer scheinbar recht neugierigen und ein wenig kecken Art passte, und von gut schulterlangen, stark gelockten, dunkelblonden Haaren umrahmt wurde, die jetzt unter ihrem Hut hervorquollen, einschließlich einer kecken Locke, die ihr in die Stirn hing. Marian Dale schien im Übrigen nicht sehr groß zu sein,
Alles in Allem war sie wohl der Typ Mädchen, den man vielleicht einen süßen Käfer nennen würde.
Für einen Augenblick legte sie den Kopf ein wenig schief und musterte Bogner abschätzend,
„Miss, wenn ´s genehm ist.“, sagte sie dann.
„Sehr sogar. Und? Die anderen?“ fragte er dann und deutete dabei mit dem Kopf auf ihre Begleiterinnen.
„Ach ja, die bin ich Ihnen ja auch noch schuldig. Nun, das sind Miss Belinda Harvest von der Harvest-Ranch und Miss Cathy West.“, beantwortete sie dann seine Frage, wobei sie jeweils auf die Betreffende deutete und außerdem auch das Wort Miss jedes Mal ein wenig extra und herausfordernd betonte, während Bogner jetzt natürlich auch diese beiden etwas genauer in Augenschein nahm.
Beide waren sie dunkelhaarig und speziell Belinda Harvest war eine ausgesprochene Schönheit mit großen, dunklen Augen in einem schmalen Gesicht mit etwas ausgeprägten Backenknochen und dunklem Teint. Sie war wohl auch etwas größer.
Und sie war es auch, die jetzt fragte:
„Und Ihre Freunde, Mr. Bogner?“
„Meine Freunde? Nun, dort drüben beim Wagen, das sind Major Thomas Winter und Dr. Herbert Hartmann. Und da drüben bei dem kleinen Teleskop, das sind Fritz Weber und Simon Tiefenbach, zwei Studenten aus Königsberg, und da am Tisch, das ist mein jüngerer Bruder Johannes, er …“
„Johannes! Auch nach einem berühmten preußischen Astronomen?“, unterbrach ihn da Miss Dale ein wenig herausfordernd.
Die Brüder lächelten amüsiert.
„Johannes?", antwortete Bogner, „Nach Johannes Kepler, einem berühmten Astronomen aus Schwaben.“, erwiderte Mr. Bogner geduldig.
„Aus Schwaben! Na schön, aber … Also, Ihr Vater hatte es aber jedenfalls mit den berühmten Astronomen.“, stellte Miss Dale darauf ein wenig belustigt fest, „Oder wie seh´ ich das?“.
Bogner fand es irgendwie nett, wenn sie ihn so herausfordernd anschaute – was ihn wohl reizte, das noch weiter herauszufordern.
„Nun, wir sind immerhin von der Preußischen Astronomischen Gesellschaft Thorn.“, erklärte er, wobei er den Namen Thorn irgendwie ein wenig extra betonte.
„Thorn?“, wiederholte Miss Dale denn darauf auch richtig fragend.
„Das war die Geburtsstadt von Kopernikus.“
„Sie meinen von diesem … diesem …“
„Koppernigk, Niklas Koppernigk.“
„Ach ja, richtig, Koppernigk.“
„Seid ihr alle solche Astronomen, also Sterndeuter sozusagen?“ fragte da jetzt aber Belinda Harvest.
„Sterndeuter!“, Bogners Gesicht verzog sich zu einer irgendwie leidenden Miene,
„Wir sind keine Sterndeuter, Miss Harvest.", wies er diesen, für einen richtigen Astronomen fast schon beleidigenden Verdacht von sich, "Was Sie meinen, das sind die Astrologen, das hat aber mit Wissenschaft nicht das Geringste zu tun."
„Die Astronomen aber schon?"
„Die Astronomie ist die Mutter aller Wissenschaften. Wir Astronomen erforschen die Sterne, den Mond und die Planeten, wir berechnen den Lauf der Planeten, wir …“
„Und die Astrologen, also die richtigen Sterndeuter, die tun das nicht?“
„Nein, eigentlich nicht. Nein, ganz bestimmt nicht. Aber …“
„Schon gut, schon gut.“, unterbrach ihn da aber Miss Dale, „Ich glaub ´s Ihnen ja. Und … was macht Ihr dann hier? Ich meine, haben Sie zuhause kein Fernrohr?“
„Er hat zuhause sogar ein sehr großes Fernrohr.“, mischte sich da aber Johannes Bogner in das Gespräch und lachte kurz, „Er ist wirklich ein richtiger Astronom. Dr. Niklas Bogner von der Sternwarte Königsberg. Er hat Astronomie studiert. Wir anderen, wir sind nur … nun ja, sagen wir, Freunde der Astronomie sozusagen.“
„Freunde der Astronomie also. Hmm… Aber trotzdem: Was macht Ihr dann ausgerechnet hier?“, fragte Belinda erneut, „Wenn er doch da in … in …"
„…. in Königsberg."
„Richtig. Wenn er da also ein viel größeres Fernrohr hat?"
„Was wir hier machen?", ergriff darauf ogner wieder das Wort, " Nun es wird hier eine Sonnenfinsternis geben und die wollen wir uns ansehen.“
„Eine Sonnenfinsternis?“, fragten darauf alle drei Mädchen fast gleichzeitig erstaunt.
„Ja, genau.“
Inzwischen waren auch die beiden Männer vom Wagen herangekommen und hatten sich an den Tisch gesetzt.
„Von wo wollt Ihr denn das wissen?“, bohrte indessen Belinda weiter.
„Alle Astronomen wissen das wahrscheinlich. Jedenfalls kann man das berechnen, also, ein Astronom jedenfalls kann das berechnen.“
„und ein Astrologe natürlich nicht?“, stellte Marian ein wenig fragend und herausfordernd fest.
„Normalerweise nicht.“, bestätigte ihr Bogner und lächelte, „Aber warum steigt Ihr nicht ab und setzt Euch kurz zu uns? Da kann man doch viel besser reden.“
Die drei sahen sich kurz an und dann stiegen sie tatsächlich von den Pferden und kamen heran, wobei Bogner sie den anderen vorstellte.
Nachdem sie sich gesetzt hatten, fragte Marian weiter:
„Und … und wann soll diese … diese Sonnenfinsternis sein?“
In ihrer Stimme waren noch immer deutliche Zweifel.
„In drei Wochen ungefähr.“
„Und da seid Ihr jetzt schon hier?“
„Nun, wir mussten rechtzeitig abreisen. Das ist ein ziemlich weiter Weg von Thorn bis hierher. Und bei einer Seereise kann man ja nie wissen.“
„Seereise? Sagt, wo ist dieses Thorn eigentlich?“
„In Preußen natürlich."
„Und Preußen ist ein deutsches Königreich im Norden von Europa, an der Ostsee.", setzte er dann erklärend hinzu, „Reicht das?“
Und obwohl Marian natürlich keine Ahnung hatte, wo zum Beispiel diese Ostsee war, sagte sie darauf:
„Ja, das reicht. Ihr seid also Deutsche?“
„Sozusagen. Und die Schwaben übrigens auch …, ich meine, wegen Johannes … “
„Gut, gut, schon gut, ich verstehe.“, Marian nickte und überlegte kurz,
„Aber trotzdem.“, bohrte sie dann weiter, „Warum seht ihr Euch diese Sonnenfinsternis nicht zuhause an?“
„Da wird man sie nicht sehen.“
„Nicht? Wieso? Ich meine, wenn es hier finster wird …“
„Bei einer Sonnenfinsternis wird es nicht auf der ganzen Erde finster.“
„Nicht? Tatsächlich? Und wieso?“
„Weil die Erde zu groß ist … und die Sonne auch. Und der Mond ist zu klein."
„Der Mond?", wiederholte Marian fragend.
„Tja, ich weiß nicht, ob ihr wisst, wie eine Sonnenfinsternis zustande kommt?“
„Nun ja, …“, begann Miss Harvest ein wenig zögernd, „Ist das nicht, wenn … wenn der Mond die Sonne verdeckt, oder so? …“
„Genau", bestätigte ihr Bogner, „und zwar immer ungefähr zur Neumondzeit. Wenn der Mond genau vor der Erde steht, fällt sein Schatten auf die Erde. Und da, wo der Schatten hinfällt, ist eben eine Sonnenfinsternis."
„Und sehen sie.“, fuhr er dann erklärend fort, ", „Es ist doch so: Wenn ich mich genau vor Sie stelle, sodass Ihre Freundin, Miss Harvest, Sie nicht sehen kann, und Miss West steht ein paar Schritte rechts oder links von ihr, dann wird die Sie trotzdem sehen, weil sie ja an mir vorbei schauen kann. Und so ist es auch bei einer Sonnenfinsternis. Wenn dann zum Beispiel in drei Wochen der Mond hier in Oklahoma vor der Sonne stehen und sie kurz verdecken wird, wird man aber ein paar hundert Kilometer trotzdem, am Mond vorbei, weiter die Sonne sehen können."
„Zum Beispiel in Thorn, in Preußen.", stellte Marian ein wenig fragend fest.
„Genau! Wenn es dort dann außerdem nicht sowie schon Nacht ist. Das müsste ich mir noch einmal kurz überlegen. Aber so oder so, zuhause wird sie jedenfalls nicht zu sehen sein. Und deswegen sind wir hier."
Die Ladies nickten und schwiegen darauf eine kleine Weile, vielleicht auch um über das Gehörte nachdenken – bis Miss Marian Dale endlich weiter fragte:
„Aber, sagen Sie: Der Mond dreht sich doch in einem Monat einmal um die Sonne. Oder?
„Genauer in achtundzwanzig Tagen und ein bisschen was."
„Na schön, aber … sagen Sie: Müsste es dann nicht sowieso jeden Monat eine Sonnenfinsternis geben? … Also alle achtundzwanzig Tage … und ein bisschen was? … bei Neumond eben?“
Bogner schüttelte den Kopf,
„Nein.“, sagte er, „Aber ich sehe immerhin, dass sie die Sache schön langsam verstehen. Die Sache ist aber die, dass die Bahn des Mondes ungefähr in der Äquatorebene der Erde liegt, also schief zur Bahn der Erde um die Sonne. Daher gibt es erstens Jahreszeiten, und zweitens können wir daher meistens über den Mond hinweg, oder drunter durch die Sonne sehen.“, Bogner deutete mit seinen Händen dieses Drüber- und Drunterdurchsehen an, „Nur zur Zeit der Äquinoktien, also um die Zeit der Tagundnachtgleiche im Frühjahr und im Herbst herum, liegen Sonne, Mond und Erde bei Neumond ungefähr auf einer Linie, und dann kann es eben eine Sonnenfinsternis geben …, oder auch eine Mondfinsternis.“
„Verstehe.“ Marian nickte, wie auch die beiden anderen Mädchen.
Ihre Mienen ließen einen aber eigentlich bezweifeln, dass sie es wirklich schon so ganz verstanden hatten. Und daher schlug Bogner vor:
„Ich kann ´s Ihnen gerne aufzeichnen.“
„Nein, nein. lassen Sie nur“, wehrte Marian allerdings ab, „Vielleicht ein andermal.“
„Sie kommen wieder?“, fragte Magister Winter.
„Nun ja, wer weiß.“, meinte Marian schulterzuckend.
„Unsere beiden Studiosi wüssten es sicher zu schätzen.“, mutmaßte Winter, wobei er mit dem Kopf auf die beiden Studenten deutete, die jetzt im Übrigen gerade heran geschlendert kamen, wohl nicht zuletzt, um eben die drei Mädchen, die da hier aufgetaucht waren, näher in Augenschein zu nehmen.
„Glauben Sie?“, erwiderte Miss Harvest – es klang aber nicht so, als ob sie wirklich im Zweifel gewesen wäre – einige Augenblicke lang sahen sich die drei kurz an, dann fragte Miss Harvest plötzlich:
„Hmm… Und …. wie lange wird diese … diese Sonnenfinsternis dann eigentlich dauern? Ich meine, ich hab‘ ja so etwas noch nie erlebt. “
„Nun, das ist nicht immer gleich", antwortete darauf Johannes Bogner, „Aber … man kann es ganz genau berechnen – wann sie anfängt und wann sie wieder aufhört. Also er jedenfalls kann das.“
Johannes Bogner wies auf seinen Bruder,
„Aber eigentlich weißt du das ja viel besser, Niklas.“, meinte er dann an seinen Bruder gewandt, „Erklär du ihnen das.“
„Nun,“ begann der, „Nehmen wir zum Beispiel diese Sonnenfinsternis. Das wird sogar eine totale Sonnenfinsternis und die Dauer der totalen Verdunklung wird hier fast fünf Minuten betragen.“
„Fünf Minuten!“, wiederholte Miss Dale fast fassungslos, „Soll das heißen, sie haben diese weite Reise unternommen für nur fünf Minuten Sonnenfinsternis?“
„Nun, so dürfen Sie das nicht sehen. Die gesamte Sonnenfinsternis wird natürlich viel länger dauern. Vom ersten Augenblick an, wo sich der Mond vor die Sonne schiebt bis zu dem Zeitpunkt, wo er die Sonne wieder ganz frei gibt, werden etwa vier Stunden vergehen. Aber … von diesen vier Stunden wird er eben nur zirka fünf Minuten voll vor der Sonne stehen … und das ist sogar relativ viel. Und das ist nun einmal die wirklich eindrucksvolle Phase einer Sonnenfinsternis, wo es auch ziemlich dunkel sein wird.“
„Hmm. … Und trotzdem … Nur um diese Sonnenfinsternis zu sehen, unternehmt Ihr so eine weite Reise?“
„So ist es. Für einen Astronomen ist das eben etwas ganz Besonderes.“
„Und für die Freunde der Astronomie auch?“, fügte Marian hinzu.
„Genau.“
Das Gespräch verstummte kurz – bis Marian weiter fragte:
„Und wird diese Sonnenfinsternis nicht einmal in New York zu sehen sein? Ich meine, sonst …“
„Nein, nicht einmal da. Wie gesagt der Schatten des Mondes ist gar nicht so groß.“
„Zeig ihr doch die Karten.“, schlug da plötzlich Johannes Bogner seinem Bruder vor.
Der holte tief Luft und meinte dann zustimmend:
„Nun ja, warum nicht?“
Dann ging er hinüber zu ihrem Wagen und kam gleich darauf mit einer langen Rolle aus Papier zurück, die er auf den Tisch legte und über den anderen Büchern und Heften da ausrollte – und zum Vorschein kam eine große Karte, die die Mädchen neugierig musterten, ohne dass sie allerdings gleich erkennen hätten können, was darauf zu sehen war.
„Sehen Sie,“, begann Bogner zu erläutern, „Hier haben wir die Vereinigten Staaten.“ Bogners Finger fuhr auf der Karte eine Kontur entlang, und jetzt erkannten die Mädchen sie auch.
„Sehen Sie, und hier ist Oklahoma.“, und bei diesen Worten umrundete Bogners Finger eine kleinere Kontur.
Die Mädchen nickten, obwohl sie wahrscheinlich Oklahoma in dieser Form gar nicht so gut erkannten.
„Seht Ihr, und da innerhalb dieser strichlierten Linie, da fällt der Mondschatten überhaupt hin.“ Bogners Finger folgte jetzt einer strichlierten Linie, die einen länglichen gekrümmten Bereich umschloss, der die halben Staaten bedeckte und bis in den Atlantik reichte.
„und hier innerhalb dieser vollen Linie liegt der Bereich, wo der Mond die Sonne wirklich voll bedecken wird.“, fuhr Bogner fort, wobei sein Finger jetzt einer voll durchgezogenen Linie folgte, die einen viel kleineren Bereich innerhalb des ersten umschloss.
Auf beiden Linien waren überdies in regelmäßigen Abständen klein geschrieben Uhrzeiten eingetragen.
Die Mädchen nickten, obwohl es nicht ganz sicher war, ob sie sich wirklich noch auskannten.
„Und wie Ihr seht, geht er hier durch Oklahoma.“ Bogners Finger kreiste irgendwo über Oklahoma;
„Und da sind wir.“, schloss er.
Und bei diesen Worten presste sich sein ausgestreckter Zeigefinger in Oklahoma, irgendwo in dem voll umrandeten Bereich auf einen, mit einem Kreuz markierten Punkt, auf die Karte.
Einige Augenblicke lang herrschte Schweigen, bis Marian fragte:
„Haben Sie die Karte gezeichnet?“
„Nein, das war Dr. Hartmann. Der ist Kartograph, der kann das viel besser. Von mir sind nur die nötigen Berechnungen.“
Und damit herrschte zunächst einmal wieder Schweigen.
„Und Sie haben das … berechnet sozusagen?“, fragte Marian.
„So ist es.“
„Das ist wohl viel Arbeit?“
„Nun ja, zwei oder drei Wochen hat es schon gedauert. Ich meine, ich habe ja was anderes auch noch zu tun.“
Die drei nickten andächtig.
„Und … wenn es bewölkt ist, oder regnet?“, wollte Marian wissen.
„Tja, dann haben wir Pech gehabt, dann war alles umsonst.“
Die Mädchen schüttelten die Köpfe.
Bogner aber begann, seine Karte wieder zusammen zu rollen.
„Wollt Ihr nicht mit hinunter kommen zu unserem Lagerplatz?“, schlug da aber Dr. Hartmann plötzlich vor.
Doch die Neugier der Mädchen war noch lange nicht gestillt.
„Sagt, was ist denn das eigentlich für ein merkwürdiges Fernrohr?“, fragte Cathy statt einer Antwort, wobei sie eben auf das große Fernrohr wies.
„Wieso merkwürdig?“, erwiderte Bogner.
„Ich meine, weil es auf so … so einem - einem komischen Gestell steht.“
„Verstehe. Nun, das nennt man eine parallaktische Montierung. Kommt mit, ich erklär ´s Euch.“
Und bei diesen Worten bedeutete er den Mädchen, ihm zu folgen.
Die sahen sich kurz an und folgten ihm dann zu dem großen Fernrohr.
„Seht Ihr,“ begann er, als sie vor dem Fernrohr standen, „das ist ein ziemlich großes Fernrohr, und man kann damit schon einiges sehen. Das Besondere daran aber ist, dass man es um diese Achse drehen kann“, und bei diesen Worten wies er auf eine Achse, die schräg nach oben wies, „und zwar indem ich hier an diesem Rad drehe.“
Er griff nach einem kleinen Kurbelrad an der Seite und begann, kurz daran zu drehen, und tatsächlich setzte sich nun das ganz Rohr in Bewegung und drehte sich langsam um die erwähnte Achse, die er ihnen gezeigt hatte.
„Und wozu das Ganze?“, fragte Marian.
„Wollte ich gerade erklären. Der Witz bei der Sache ist, dass diese Achse parallel zur Erdachse ist.“
„Zur Erdachse?“, wiederholte Marian fragend.
„Genau, zur Erdachse – also der Achse, um die sich die Erde in vierundzwanzig Stunden eben einmal dreht. Denn so kann ich mit dem Fernrohr bequem der Bewegung eines Sterns am Himmel folgen, den ich im Fernrohr im Visier habe.“
„Welche Bewegung?“, fragte Marian.
„Ich glaube, er meint, dass die Sterne, wie die Sonne oder der Mond, in der Nacht über den Himmel wandern. Oder?“, erklärte ihr Cathy mit einem fragenden Blick zu Bogner.“
„Genau.“, stimmte ihr der zu und Marian sagte:
„Ach so, die, natürlich. Dumme Frage.“
„Genau darum geht es.“, erklärte Bogner weiter, „Ich meine, diese Bewegung ist ja eigentlich nur eine scheinbare Bewegung, wie im Zug die Bäume am Fenster vorbeiziehen, wenn der Zug daran vorbeifährt. Und so bewegen sich in Wahrheit eben auch die Sterne nicht und die Sonne, sondern es ist die Erde, die sich um die Erdachse dreht und dadurch den Eindruck erzeugt, dass sich die Sonne und die Sterne bewegen würden. Ich glaube, Ihr würdet überrascht sein, wie schnell ein Stern da in diesem großen Fernrohr aus dem Blickfeld verschwindet, wenn man ihn einmal im Visier hat, weil es eben eine ziemlich starke Vergrößerung hat. So aber brauche ich nur, vorsichtig an dieser Kurbel zu drehen, um ihn nicht aus dem Auge zu verlieren, oder eben aus dem Blickfeld im Fernrohr, weil es sich dadurch um dieselbe Achse mitdreht sozusagen.“
Die Mädchen nickten und Cathy sagte:
„Verstehe.“
Ob sie es wirklich so schnell soi ganz verstanden hatten, darf wohl bezweifelt werden, aber es klang wohl zumindest irgendwie einleuchtend und sie ließen es jedenfalls vorläufig dabei bewenden.
Dafür aber wechselte Marian jetzt das Thema, indem sie fragte:
„Und das kleine Fernrohr da drüben?“, sie wies mit dem Finger auf das zweite kleine Fernrohr etwas abseits, an dem zuvor die zwei Studenten herum gewerkt hatten, „Es sieht ganz anders aus?“
„Ach, das ist unser Meridiankreis,“, übernahm es da jetzt Fritz Weber, auf diese Frage einzugehen, „da braucht man so etwas nicht.“
„Was ist das?“
„Ein Meridiankreis? Das ist ein kleines Teleskop. Mit dem …“
„Ach lassen Sie!“, unterbrach ihn da aber Belinda Harvest, „Ein anderes Mal vielleicht. Ihr habt uns jetzt schon so voll gequatscht mit all dem Zeug. Ich denke, wir sollten jetzt wieder aufbrechen.Oder?“
Sie schaute fragend zu Marian Dale.
„Ja, sollten wir wohl.“, gab Marian Dale zu, worauf Mr. Weber aber feststellte:
„Ihr solltet aber tatsächlich einmal wiederkommen. Ich meine abends natürlich, damit Ihr einmal einen Blick durch dieses Fernrohr werfen könnt …, auf den Mond vielleicht. Oder auch den Saturn, der ist zurzeit gut zu sehen, wenn ihr nicht zu spät kommt. Der ist sehr eindrucksvoll mit seinen Ringen und seinen Monden.“
„Ringe? Monde?“, wiederholte Marian fragend, „Gibt es noch einen anderen Mond?“
„Einige.“, ergriff da aber jetzt wieder Bogner das Wort. „Beim Mars, den sieht man aber erst nach Mitternacht, und eben beim Jupiter und auch beim Saturn. Sie sollten sich das wirklich einmal ansehen.“
„Nun ja, wir werden sehen.“, Marian zuckte mit den Schultern;
„Kommt!“, wandte sie sich dann an ihre Begleiterinnen.
„Wir haben unten beim Lager Zelte, da könntet Ihr auch einmal die Nacht über hierbleiben, schlug Weber noch vor, während sie sich auf ihre Pferde schwangen.
„Nun, vielleicht. Lassen Sie sich überraschen."
Und wenig später saßen die drei auf ihren Pferden.
Da aber sagte Bogner plötzlich:
„Wisst Ihr was? Johannes und ich, wir reiten mit Euch hinunter und wir zeigen Euch kurz das Lager."
„Wozu?", fragte Belinda.
„Nur so."
„Hmm…", sie schüttelte den Kopf.
„Na schön, wenn Ihr glaubt.", gab sie dann nach.
Und so ritten die Brüder wenig später mit den Mädchen den Hang hinunter zu ihrem Lager.
Und jetzt sahen die drei Mädchen auch an einem Bach den Lagerplatz - zwei Wagen und sechs Zelte, streng regelmäßig angeordnet; das Ganze hatte fast etwas Militärisches, zumal alle ziemlich gleich angezogen waren. Hinter den Wagen hatte man außerdem eine einfache Seilkoppel für die Pferde aufgebaut.
Während sie den Hang hinunterritten, fragte Belinda plötzlich:
„Habt Ihr gar keine Waffen?"
„Doch.", belehrte Bogner sie eines Besseren, „Wir haben vier Jagdgewehre in den Wagen."
„Die besten Jagdgewehre, die sie im Königreich Preußen für Geld zurzeit bekommen können.", fügte sein Bruder hinzu.
„Und sonst?"
„Sie meinen wohl solche Revolver, wie die meisten Männer hier einen tragen?"
„Zum Beispiel! Oder Winchester-Gewehre, oder …, oder Henry-Gewehre?"
„Die berühmten Winchester-Gewehre! Hmm… Nun, wir haben weder das eine noch das andere."
„Und … wie schnell können Sie denn schießen, mit Ihrem Gewehr?"
„Wie schnell? Nun ja …"
„Wissen Sie was?", schlug Belinda daraufhin vor, „Wir reiten da hinüber zu den Weiden und Ihr zeigt uns, was Ihr könnt."
„Nun, warum nicht?", erklärte sich Bogner einverstanden. „Die Preußen sind die besten Soldaten und sie schießen auch sehr gut.“
Das war natürlich die richtige Herausforderung für einen Mann, durchaus auch für Mitglieder der Preußischen Astronomischen Gesellschaft Thorn.
„Johannes! Holst du eins der Gewehre und Munition?", wandte Bogner sich dann an seinen Bruder.
Tatsächlich säumten neben niedrigem Gestrüpp und üppigem, krautigen Pflanzenwuchs immer wieder auch Weiden den Lauf des Baches. Und etwa vierzig Schritt von der nächsten Weide entfernt hielten sie dann an und stiegen von ihren Pferden.
Auch Johannes war bald wieder heran und brachte eines der gewünschten Gewehre.
„Wollen Sie versuchen?", fragte Bogner und reichte das Gewehr an Belinda weiter, die es interessiert betrachtete und in den Händen wog.
„Das Gewehr schießt sehr präzise und sie könnten damit auch auf größere Entfernung sehr gut treffen. Der Major hat mit so einem Gewehr schon Löwen und Tiger erlegt.
„Löwen und Tiger?", wiederholte Belinda fragend, wie auch verwundert.
So ist es. Er ist passionierter Jäger und hat mit einigen Gleichgesinnten schon Jagdreisen nach Afrika, Indien und Sumatra und noch einigen anderen Ländern unternommen. Er organisiert im Übrigen immer auch unsere Reisen und sorgt auch für unsere Ausrüstung. Das funktioniert immer sehr gut."
„Man merkt ´s, dass der Mann Major ist. Das heißt aber, dass das nicht Eure erste Reise ist. Oder?"
„Wie Ihr ja jetzt wisst, gibt es jedes Jahr Sonnenfinsternisse, aber eben immer irgendwo anders auf unserer schönen Mutter Erde. Das ist jetzt schon unsere dritte Reise zu einer Sonnenfinsternis."
„Oh!"
Dann aber reichte Belinda das Gewehr an Marian weiter und forderte sie dabei auf:
„Schieß Du, Marian!"
„Sie schießt am besten.", wandte sie sich dann erklärend an die Brüder.
„Haben Sie Patronen für mich?", fragte da aber Marian.
Worauf Bogner ein paar Patronen aus einer Pappschachtel fischte, die sein Bruder ebenfalls mitgebracht hatte, und drückte sie dann Marian in die Hand, die sie kurz betrachtete und dann feststellte:
„Ziemlich groß."
„Nun, wie gesagt, Sie können damit auch Löwen und Tiger, und selbst Elefanten erlegen. Und Vorsicht, der Rückstoß ist natürlich dementsprechend stark.“
„Na dann!" Und mit diesen Worten steckte Marian die Patronen in ihre Jackentasche.
„Also dann los, Marian!", verlangte Belinda ungeduldig.
„Warten Sie!“, forderte Bogner sie da aber noch einmal auf, „Ich werde Ihnen das Visier einstellen. Ich denke, ich bin mit diesem Gewehr besser vertraut.“
Nachdem das aber geschehen war, reichte Bogner Marian Dale die Waffe wieder, die darauf umgehend den Verschluss öffnete, eine Patrone in die Kammer schob und ihn dann mit einem lauten, metallischen Klicken wieder verriegelte.
Marian blickte kurz nach der Weide, wohl um nach einem geeigneten Ziel dort zu suchen.
Nach einigen Augenblicken hatte sie sich schließlich entschieden, sie hob das Gewehr an die Schulter, zielte kurz und drückte ab.
Die Detonation war ziemlich heftig und Marian bestätigte dann jedenfalls einmal mit einem anerkennenden Kopfnicken:
„Der Rückstoß ist tatsächlich nicht ohne."
„Nun ja, wie gesagt …"
„Ich weiß.", unterbrach ihn Marian, „Das war ja auch eine ordentliche Ladung."
„Worauf hast du denn genau gezielt?", fragte da aber Belinda.
„Siehst du den hellen Fleck an dem Baum?", antwortete Marian, „Dürfte ein abgebrochener Ast sein.“
„Okay!", sagte Belinda und nickte, „Nun, wir können ja dann nachsehen.“
Sie verstummte kurz und verlangte dann:
„Schießen Sie doch einmal, Mr. Bogner!"
„Na schön." sagte der, griff nun seinerseits nach dem Gewehr und schoss ebenfalls.
Als die Schussdetonation verebbt war, nickte Belinda,
„Schnell geschossen.", kommentierte sie anerkennend, „Wir können ja dann nachsehen, ob sie auch getroffen haben."
„Und wenn nur eine Kugel steckt?", wagte Bogner einen Einwand.
Worauf Belinda ihm erklärte:
„Marian trifft immer."
Bogner lächelte.
„Na dann.", beugte er sich diesem Argument - Hübsche Ladies haben immer recht, dachte er.
Doch Belinda war immer noch nicht zufrieden.
„Und jetzt zeigen Sie uns einmal, wie schnell Sie mit diesem Gewehr schießen können.", verlangte sie. „Fünf oder sechs Schüsse auf den Baum wieder!"
„Meinetwegen.", zeigte sich Bogner einverstanden. „Aber … ich hab‘ jetzt eigentlich keinen Patronengurt."
„Ich geb‘ dir die Patronen jedes Mal.", schlug da aber sein Bruder vor.
„Okay! So kann es gehen.", stimmte Bogner diesem Vorschlag zu.
Also nahm er erneut Aufstellung und feuerte dann in möglichst rascher Folge sechs Schüsse ab.
„Das soll schnell gewesen sein?", fragte Belinda darauf ein wenig spöttisch, „Marian, zeig du ihnen einmal, wie es geht!"
Die ließ sich nicht zweimal bitten,
„Aber sicher.", stimmte sie eifrig zu. Sie fand merklich Gefallen an der Sache.
Also ging sie eben zu ihrem Pferd und zog ein Gewehr aus dem Scabbard, der rechts vor dem Sattel festgeschnallt war.
„Das ist eine Winchester!“, erklärte sie den Brüdern, wobei sie das Gewehr demonstrativ ein wenig hochhob.
„Die berühmte Winchester!", stellte Bogner anerkennend fest.
„Richtig! Die berühmte Winchester.", bestätigte ihm Belinda.
„Genauer das Modell Winchester73, wenn Sie ´s ganz genau wissen wollen.", fügte Marian dem hinzu.
„Unbedingt.", antwortete Bogner, „Es gibt noch andere Modelle?"
„Sicher."
Da aber unterbrach sie Belinda,
„Jetzt mach endlich!", forderte sie Marian auf.
Die daraufhin wieder Aufstellung nahm, ihre Winchester mit einer raschen Bewegung an die Schulter hob und feuerte. In rascher Folge hebelte sie dann Patrone um Patrone in den Lauf und gab so in rascher Folge sechs Schüsse ab.
Die Brüder sahen sich an und nickten anerkennend.
Marian aber stellte, nicht ohne doch einen gewissen Stolz, darauf fest:
„Und? Wie war das?"
„Beeindruckend!", gab Bogner zu, „Sehr beeindruckend."
„Wollen sie auch einmal versuchen?"
Nun, Bogner wollte natürlich. Und nachdem sie ihm alles Nötige gezeigt hatten, versuchte auch er sein Glück. Natürlich aber war Marian deutlich schneller gewesen.
Und so stellte Marian anschließend ein wenig herausfordernd fest:
„Also, das müssen Sie noch üben, Mr. Bogner."
„Wenn Sie mir helfen.", schlug der daraufhin vor.
„Ich glaube, da habe ich was Besseres zu tun.", lehnte Marian aber ab.
„Schade! Ich glaube, Sie wären eine gute Lehrerin."
„Aber nicht …"
„Wir könnten dann einmal nachsehen, ob Ihr getroffen habt.", unterbrach sie da aber Belinda.
„Okay!", stimmte Marian zu.
Während sie daraufhin zu der Weide marschierten, fragte Bogner an Belinda gewandt:
„Und sie könnten das auch, Miss Harvest?"
„Sicher! Cathy auch! Die meisten Frauen hier im Westen können das … mehr oder minder. Aber Marian ist am besten von uns drei."
„Verstehe!"
Als sie den Baum erreichten, zeigte sich, dass es tatsächlich ein etwas größerer, noch relativ frischer Aststumpf war, den Marians scharfe Augen da erkannt und als Ziel auserkoren hatten. Er war auch richtig getroffen worden und auch rundum gab es etliche Einschusslöcher in der weichen, grauen Rinde.
„Nun ja, wir werden sie nicht zählen,", meinte Marian nach kurzer Musterung, „aber so, wie ich das sehe, müssen Sie doch so einigermaßen getroffen haben, Mr. Bogner." „Ich bin Jäger, ich meine, ich gehe jedenfalls gelegentlich auf die Jagd. Zwar selten genug, aber wenn, dann treffe ich auch."
„Nun, das ist doch immerhin etwas.", sagte darauf Marian, „Also wenn sie schon keinen Colt tragen oder sonst irgend so ein Schießeisen, dann sollten Sie vielleicht immer eine solche Winchester bei sich haben. Sie können damit umgehen. Also, jedenfalls treffen Sie."
„Warum nicht? Vorausgesetzt, sie üben doch noch ein wenig mit mir …, bis ich auch so schnell schieße wie Sie."
„Vergessen Sie ´s."
„Kann ich mir nicht vorstellen. Aber, sagen Sie: Ist es wirklich so gefährlich hier? Ich meine…"
„Wie man ´s nimmt.", Marian zuckte mit den Schultern.
Belinda aber erklärte:
„Sehen Sie: Sie werden nicht ständig auf Banditen treffen, oder Viehdiebe, oder …nun ja, und so weiter eben. Aber … man sollte doch immer darauf vorbereitet sein, denn auszuschließen ist so etwas nicht. Man kann nie wissen. Wenn man Fremden begegnet, sollte man jedenfalls immer bereit sein."
„Verstehe. Und selber? Ich meine, von wegen bereit sein."
Marian zuckte mit den Schultern.
„Wie Sie sehen, hat jede von uns ein Gewehr dabei.“, antwortete sie.
„Richtig."
„Und Marian hat für gewöhnlich sogar einen Colt in der Satteltasche, oder?", fügte Belinda hinzu und schaute fragend zu Marian."
„Sicher", bestätigte ihr die.
„Sind Sie so kriegerisch?", fragte Bogner mit einem belustigten Lächeln.
„Und wie!", antwortete Marian und wieder war da dieser herausfordernde Ton herauszuhören.
„Da muss man sich ja richtig in Acht nehmen vor Ihnen.", erwiderte Bogner und nickte beeindruckt, noch immer mit diesem belustigten Lächeln im Gesicht.
„Sollten Sie auch."
„Gut, zu wissen. Und … Ich meine …, die Rede ist hier doch von so einem Revolver, wie ihn hier viele Männer tragen … und mit dem sie angeblich so schnell schießen können?"
„Manche können das tatsächlich."
„Und dann gibt es Duelle oder so?"
„Ich weiß nicht,", ergriff darauf wieder Belinda das Wort, „Duell ist vielleicht nicht das richtige Wort. Es geht ungefähr so: Wenn Sie einem Mann gegenüberstehen und er greift nach seinem Colt, dann dürfen Sie das auch. Und wenn Sie eben schnell genug sind, dann überleben Sie die Sache vielleicht sogar."
„Sie meinen, wenn ich meinen Gegner erschieße? … wenn ich schnell genug war sozusagen?"
„Genau das meine ich."
„Und wenn nicht?"
„Dann eben nicht."
„Hmm… Und … und ich würde dann nicht vor Gericht gestellt, wenn eben doch?"
„Dann war es Notwehr. Aber so wie ich das sehe, brauchen Sie sich, darüber nicht den Kopf zu zerbrechen. Vergessen Sie den Colt. Wenn überhaupt, dann besorgen Sie sich lieber eine Winchester, damit können Sie ganz gut umgehen, glaub‘ ich. Aber bis Sie mit einem Colt schnell genug schießen können, da müssten Sie lange üben, das können Sie mir glauben."
„Nun, wenn Sie es sagen. Hmm… Kennen sie jemanden, der so richtig schnell schießen kann?"
Da aber lachte Cathy und sagte:
„Sie will so einen verrückten Burschen sogar heiraten. Sie nennen ihn auch Ace Of Spades."
„Tatsächlich? Ace Of Spades?", wiederholte Bogner während sein Bruder verwundert nickte und dazu auf Deutsch sagte:
„Pik-Ass! Seltsamer Name."
„Pik-Ass!", wiederholte Bogner, „Wie kommt er zu diesem Namen?
„Das ist eine längere Geschichte, erzähl ich Ihnen vielleicht ein andermal.“, lehnte Cathy eine Beantwortung dieser Frage für heute ab, „Wenn es so ein andermal tatsächlich einmal eben geben sollte. Und ob es diese Hochzeit , …?"
„Wir werden heiraten! Demnächst!", unterbrach da aber Belinda die Beiden hörbar entschlossen, „Und wenn ´s dem Alten zehnmal nicht passt.
„Der ist noch immer nicht zurück?"
„Nein."
„Jetzt ist er aber schon ziemlich lange weg."
„Wenn´s nach mir geht, kann er bleiben, wo der Pfeffer wächst.", stellte Belinda ein wenig gehässig fest.
„Ihr Vater?", fragte Bogner.
„Bestimmt nicht!", antwortete Belinda grimmig.
„Ihr Stiefvater …", fügte Marian darauf hinzu, „Und Ihr Onkel."
„Klingt kompliziert."
„Ist es auch.“, bestätigte ihm Cathy – um dann aber ihre Freundinnen aufzufordern:
„Ich glaube, wir sollten schön langsam."
„Hast ja recht.", stimmten ihr die zu.
Und tatsächlich machten die drei sich dann auf den Weg.
„Nettes Ding.“, stellte Niklas Bogner dann plötzlich fest, während sie ihnen nachschauten, wie sie sich allmählich entfernten.
Ein wenig verwundert wandte sein Bruder den Kopf nach ihm und fragte:
„Wer? Diese Belinda?“
„Zum Beispiel.“
Irgendwie hatte das aber so geklungen, als ob Bogner bei seinen Worten vielleicht an eine andere gedacht hatte. Johannes studierte kurz die Miene seines Bruders und meinte dann fragend:
„Oho! „Du wirst dich doch nicht etwa in Blauäuglein verschaut haben?“
„Unsinn!“, brummte Bogner, „Verschaut!“; er schüttelte den Kopf., „Und überhaupt: Wie kommst du darauf?"
„Weil ich dich kenne."
„Hmm…!", Bogner schwieg kurz,
„Sie hat so unwahrscheinlich blaue Augen.", sagte er dann nachdenklich.
„So ist es …, und noch ein paar andere Sachen."
Erneut schwieg Bogner kurz, holte dann tief Luft und seufzte:
„Nun ja, es war jedenfalls nett, die drei kennenzulernen."
„War es."
„Nun ja, reiten wir zurück zum Lager. Oder?"
Während sie also zu ihren Pferden gingen, schlug Johannes plötzlich vor:
„Du könntest sie mit nach Hause nehmen.", er lachte kurz, „Mutter würde Augen machen, wenn du ihr so ein Mädchen nach Hause bringst, das schießt wie der Teufel."
Bei dieser Vorstellung musste selbst Bogner lächeln.
„Ja das würde sie …, und die Damen in Königsberg erst."
„Genau! Aber dann würden sie wenigstens nicht mehr versuchen, bei Dir ihre Töchter an den Mann zu bringen."
„Auch das.", gab Bogner zu, „Aber wer weiß, ob wir sie überhaupt noch einmal wiedersehen?"
„Worauf du dich verlassen kannst."
„Na schön, wenn du es sagst. Du bist der große Frauenkenner."
„Eben!"
Wieder kurzes Schweigen - bis Bogner, wohl im Nachdenken, halblaut vor sich hinsagte:
„Marian! Hmm…“
„He, Niklas!“, half ihm darauf sein Bruder bei der Lösung dieses Rätsels ein wenig auf die Sprünge, „Was ist los mit dir? Lady Marian!“
„Lady Marian! Natürlich!“, Bogner schlug sich auf die Stirn, „Ich bin ein Idiot.“
„Da passt es doch grad´ irgendwie,“, fuhr Johannes fort, „dass sie Dale heißt.“
„Dale? Ach ja. Richtig. Da war doch auch noch dieser Sänger, dieser … dieser Alan Dale. Genau.“
Bogner nickte zufrieden.
„Und? Zufrieden?“, fragte Johannes.
„Ja, natürlich. Danke!“
„Tja, jetzt musst du nur noch zusehen, dass du diesen Kuss auch kriegst. Hat mich sowieso überrascht, dass du das überhaupt gesagt hast."
„Wieso? Ich meine …"
„Weil das sonst nicht deine Art ist, so was zu sagen."
„Unsinn!", wies Bogner diese Behauptung ein wenig ärgerlich zurück.
Johannes aber zuckte mit den Schultern, sagte aber darauf nichts mehr. Er lächelte nur.
Bogner aber murmelte halblaut ein wenig grimmig vor sich hin:
„Blauäuglein!"
-*-
„Die sind verrückt.“, stellte Cathy West endlich kopfschüttelnd fest, nachdem die drei Mädchen eine Weile wortlos dahin geritten waren, jede in ihre Gedanken vertieft.
„Nun ja, irgendwie …", stimmte ihr Marian halbherzig zu, „Aber… jedenfalls bin ich neugierig, ob es diese Sonnenfinsternis dann wirklich geben wird.“
„Wir müssen sie fragen, wann die eigentlich genau sein soll.", fuhr sie dann nach einem Augenblick fort, „Ich meine, so wie sie daherreden, wissen sie das sicher auf die Minute genau. Oder geben die nur so an?“
„Na ja, ein bisschen vielleicht schon, aber trotzdem …, das glaub ich ihnen schon.“, Cathy nickte.
„Na ja, wahrscheinlich. Und du willst also noch einmal da hinausreiten?"
„Warum nicht."„
„Und … ich meine …, wirklich einmal am Abend?"
„Warum nicht?“, verteidigte Cathy diese Idee, „Ich meine, neugierig wäre ich ja schon, was man sieht, wenn man einmal durch so ein großes Fernrohr schaut. So eine Gelegenheit haben wir hier sicher nie wieder"
„Das allerdings."; Marian nickte.
„Und hast du schon einmal in einem Zelt geschlafen. Das ist sicher besser als einfach so am Lagerfeuer."
„Ja! Wahrscheinlich."
„Jack kommt sicher auch mit. Der wird sicher auch neugierig sein.", meinte Belinda, „Und außerdem
„Ziemlich sicher sogar.", stimmte Marian ihrer Freundin mit einem kurzen Nicken zu. Nun, die musste ihren Jack ja am besten kennen.
„Eben!"
Eine kleine Weile ging es wieder schweigend dahin.
Bis Cathy fragte:
„Und was machst du, wenn er draufkommt, woher er den Namen Marian kennt? Ich meine, du weißt schon …"
Diese Frage galt natürlich Marian, und die wusste natürlich auch gleich, wer und was damit gemeint war, wie ihre Antwort verriet:
„Ich hab‘ ja nichts versprochen.", sagte sie schulterzuckend.
„Aber du könntest neugierig sein zum Beispiel."
„Nun, das wird sich ja dann zeigen, wenn es so weit ist."
„Immerhin hättest du gleich Nein sagen können."
„Hätte ich.", Marian hob kurz die Schultern, „Hab ich aber eben nicht. Keine Ahnung, warum. Das hat sich eben so ergeben."
„Vielleicht weil er gut aussieht …, so einigermaßen jedenfalls? Jedenfalls ist er groß und sicher auch stark. Oder weil er interessant ist? Ein Astronom! Bis heute haben wir gar nicht so richtig gewusst, was das eigentlich ist, oder?"
„Nun ja, aber … er ist auch ein wenig anstrengend."
„Ach Gott! Ich meine, zugegeben,wenn es um seine Astronomie geht, dann ist er zwar wirklich ein wenig anstrengend, aber sonst …"
„Eben! Aber sonst! Er redet ja sonst von nichts anderem.“
„Du übertreibts.“, schränkte Cathy diese Behauptung Marians allerdings ein wenig ein.
-*-
Als Belinda Harvest am späten Nachmittag dann die große Ranch erreichte, wo sie eben zuhause war, war sie überrascht, vor dem Bunkhouse ein paar Männer sitzen zu sehen, die sie nicht kannte.
Anerkennende Pfiffe und Rufe wie „He! Kleine!" ließen sie schnell wütend werden.
Das auf ihrer Ranch!
Wütend führte sie ihr Pferd in den Stall, nahm ihm den Sattel ab. und versorgte es.
Drei der Männer waren ihr aber gefolgt. Sie standen jetzt in der Tür hinter ihr und schauten ihr zu.
„He! Kleine!", begann einer grinsend, „Können wir Dir helfen?"
„Wir könnten ihr ein wenig unter die Arme greifen.“, setzte er dann hinzu, „Was sagst du, Mitch?"
„Aber sicher."
Belinda hörte sie langsam heran kommen - und da hatte sie plötzlich ihre Winchester, die sie eben aus dem Scabbard gezogen hatte, in der Hand und fuhr wütend herum, wobei sie die Waffe durchlud.
„Verschwindet!", fauchte sie.
Die drei grinsten immer noch, aber jetzt doch ein wenig unsicher und wichen einen Schritt zurück.
„Aber, Kleine!", sagte einer lauernd, „Du willst uns doch nicht alle erschießen?"
Als Antwort aber drückte Belinda ab - und schon segelte ein Hut durch die Luft.
„Verdammt!", entfuhr es seinem Besitzer, während Belinda erneut durchlud.
Wutentbrannt warnte sie drohend:
„Und jetzt verschwindet! Dem Nächsten schieß‘ ich die Eier weg!"
Diese Worte aus so zartem Mädchenmund nahmen die Burschen nun doch so weit ernst, dass sie ein wenig zurückwichen. Immerhin wies der Lauf der Waffe, bei dem Burschen, der eben geredet hatte, in etwa dahin, wo ihre Kugel im Falle eines Falles wahrscheinlich doch einigen Schaden anrichten würde an seinen Genitalien.
„So! Und jetzt marschiert ihr da nach links in die Ecke!"
Langsam und mit lauernden Blicken kamen die Männer darauf dieser Aufforderung nach.
Als sie sich dann sicher genug fühlte, marschierte Belinda wilden Schrittes bei der Tür hinaus, und, sichtlich wütend und entschlossen, weiter über den Ranchhof auf das Haupthaus zu.
Augenblicke später riss sie, immer noch wütend, die Tür zum großen Wohnraum auf, wo sie auf ihre Mutter stieß, die hier mit einem Mann, den sie ebenfalls nicht kannte, an dem großen, langen Tisch hier saß, wie auch einen Mann, der im Hintergrund am Kamin lehnte, in dem aber im Augenblick kein Feuer brannte. „Ma!", legte sie wütend los, „Wer sind diese gottverdammten, ungehobelten Burschen da draußen?"
Doch noch bevor ihre Mutter darauf antworten konnte, ergriff schon der Mann neben ihr das Wort:
„Du bist wohl meine Cousine Belinda?", fragte er und musterte dabei sehr unverhohlen und wohlwollend die höchst erfreuliche Erscheinung Belindas.
„Für Sie immer noch Miss Harvest!", antwortete Belinda darauf erbost, „Und außerdem …“
„Nun, das werden wir ja sehen.“, unterbrach sie der Mann, „ Aber die Männer da draußen, das ist jedenfalls die neue Mannschaft dieser Ranch.", erklärte ihr der Mann dann ganz ruhig.
„Die neue was?", erwiderte Belinda fassungslos.
„Du hast schon richtig gehört, liebe Cousine. Das da draußen ist die neue Mannschaft dieser Ranch."
„Aber …"
„Und bevor wir da noch lange diskutieren,“, ließ der Mann sie gar nicht erst weiter zu Wort kommen, „ sieh Dir erst einmal die Dokumente, die dort bei deiner Mutter liegen."
Und bei diesen Worten wies er auf Belindas Mutter, vor der tatsächlich ein kleiner Stapel von Papieren lag.
Belinda schaute zu ihrer Mutter, deren Gesichtsausdruck irgendwie etwas Hilfloses hatte.
„Komm her!", sagte sie.
Und jetzt nahm Belinda doch neben ihrer Mutter Platz, die ihr daraufhin wortlosdiese Dokumente hinschob.
Kurz musterte Belinda zunächst aber die Erscheinung dieses unmöglichen Menschen: mittelgroß, fast etwas beleibt, mit auffallend breiten Schultern und einem eigenartigen runden Gesicht, bartlos, mit ein wenig schwulstigen Lippen und harten Augen. Sie schätze ihn auf etwa dreißig bis fünfunddreißig.
Dann aber wandte sich Belinda diesen Dokumenten zu und begann, sie zu studieren, was eine kleine Weile dauerte, weil Belinda sie immer wieder hin und her wendete, um sie erneut zu lesen, mit boshaftspöttischer Miene beobachtet von dem Fremden, der sich unterdessen erhoben hatte, und jetzt mit verschränkten Armen neben dem anderen Kerl am Kamin lehnte.
„Heißt das …", begann sie dann unsicher.
„Das heißt,", ergriff der Mann daraufhin das Wort, „dass Dein Stiefvater in Phoenix bei einer Schießerei tödlich verletzt wurde, nachdem er seinen Sohn gesucht und gefunden hatte. Vor seinem Tod hat er noch ein Testament verfasst hat, in dem er sein ganzes Eigentum, vor allem diese Ranch hier, seinem Sohn Linus hinterlässt. Und das bin Ich. Genau das heißt es - alles amtlich geregelt und besiegelt, wie du sicher gesehen hast. Die Ranch ist schon auf meinen Namen eingetragen, wie du sicher auch gesehen hast."
„Ich bin Miss Harvest für Sie!", stellte daraufhin Belinda zunächst einmal wütend fest.
„Vergiss es! Du bist meine Cousine, wie Du siehst, … und arm wie eine Kirchenmaus."
„Sie …, sie …"
„Ich bin dein Cousin Linus Harvest und seit Neuestem Besitzer dieser schönen, großen Ranch hier. Und das da neben mir ist Cole Harper, mein Vormann."
Linus Harvest wies bei den letzten Worten auf den Mann neben ihm, der, zumindest nach seinem Äußeren, einen ganz guten Vormann abgeben mochte, denn er war groß, schlank und kräftig mit einem irgendwie sehr männlich wirkenden Gesicht, das ein prächtiger Schnurrbart zierte.
Linus Harvest beobachtete Belinda aus schmalen Augen mit boshaft--zufriedenem Gesichtsausdruck.
„Ma, sag doch auch irgendetwas!", wandte sich da Belinda ein wenig hilflos an ihre Mutter.
„Ja, ich weiß auch nicht.", antwortete die, „Ich glaube, wir sollten zum Sheriff reiten."
„Ja, tut das ruhig.", sagte Harvest spöttisch, „Bei dem war ich auch schon. Der weiß Bescheid."
Da erhob sich Belinda entschlossen und forderte ihre Mutter auf:
„Ma, komm! Hol deine Sachen und wir reiten!"
„Warte, Belinda!", hielt da Harvest sie noch einmal zurück.
„Was hältst du davon, meine Frau zu werden?", fragte er ganz überraschend.
„Ihre Frau? Sie sind ganz bestimmt der Letzte, bei dem ich an so etwas auch nur denken würde!", erwiderte Belinda giftig, „Sie sind verrückt!"
„Denk drüber nach. Für Dich wäre dann wieder alles beim Alten … und natürlich auch für Deine Mutter. Ihr würdet weiterhin hier auf der Ranch leben und …"
„Der Preis ist mir zu hoch, Sie …, Sie …", fauchte Belinda, ohne dann das richtige Ende zu ihren Worten zu finden.
Harvest zuckte mit den Schultern und meinte:
„Und ich glaube, Du wirst deine Meinung noch ändern."
„Vergessen Sie ´s!", zischte Belinda und folgte dann ihrer Mutter, die schon der Tür zustrebte.
Nachdem sich die Tür hinter ihnen geschlossen hatte, fragte Cole Harper seinen Boss:
„Willst du sie wirklich heiraten?"
