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Wer träumt nicht davon, in einer schönen Gegend auf dem Land eine zweite Heimat zu finden? Für die Ich-Erzählerin ist es die Bresse burguignonne, wo sie mit ihrer Familie ein Haus erwirbt. In einer weiten, flachen Landschaft, wo das Leben einfach und ruhig zu sein scheint. Wo die Männer am Stammtisch täglich den Apéro trinken und die glücklichen Hühner auf den Wiesen herumstreunen. Jahrzehnte später kommen Erinnerungen hoch, und sie schildert die Schicksale von Menschen, mit denen sie in enger Nachbarschaft gelebt hat. Die Wirtinnen Anni und Odette im Café nebenan; der Dorfnarr Picou; der gebürtige Deutsche Werner, der den Zuzüglern Französischunterricht erteilt. Oder der junge Widerstandskämpfer René Clet, der am 31. Mai 1944 erschossen wurde. In Gedanken fährt sie immer noch mit ihrem Fahrrad am Fluss entlang und erfindet Figuren wie die Übersetzerin Silvia, die eine späte Liebe erlebt. Realität und Fiktion vermischen sich zu einer Liebeserklärung an die Bresse, mit Mitgefühl und Humor, mit Flair für das Frankophile und leiser Wehmut.
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Seitenzahl: 250
Veröffentlichungsjahr: 2022
Wer träumt nicht davon, in einer schönen Gegend auf dem Land eine zweite Heimat zu finden? Für die Ich-Erzählerin ist es die Bresse burguignonne, wo sie mit ihrer Familie ein Haus erwirbt. In einer weiten, flachen Landschaft, wo das Leben einfach und ruhig zu sein scheint. Wo die Männer am Stammtisch täglich den Apéro trinken und die glücklichen Hühner auf den Wiesen herumstreunen.
Jahrzehnte später kommen Erinnerungen hoch, und sie schildert die Schicksale von Menschen, mit denen sie in enger Nachbarschaft gelebt hat. Die Wirtinnen Anni und Odette im Café nebenan; der Dorfnarr Picou; der gebürtige Deutsche Werner, der den Zuzüglern Französischunterricht erteilt. Oder der junge Widerstandskämpfer René Clet, der am 31. Mai 1944 erschossen wurde.
In Gedanken fährt sie immer noch mit ihrem Fahrrad am Fluss entlang und erfindet Figuren wie die Übersetzerin Silvia, die eine späte Liebe erlebt.
Realität und Fiktion vermischen sich zu einer Liebeserklärung an die Bresse, mit Mitgefühl und Humor, mit Flair für das Frankophile und leiser Wehmut.
Barbara Traber, geb. 1943 in Thun / Schweiz. Handelsdiplom. Auslandsaufenthalte in London, Lagos, Paris. Lebt heute in Worb. Verwitwet, eine erwachsene Tochter. Freie Publizistin, Autorin, Lektorin, Übersetzerin aus dem Französischen und Englischen. Spezialgebiet: Mundart. 1993 – 1999 Generalsekretärin des Deutschschweizerischen PEN-Zentrums. Von 1997 – 2009 Mitglied der Redaktion der Schweizer Literaturzeitschrift „orte“. Zahlreiche Veröffentlichungen: Lyrik, Romane, Krimis, Erzählungen (auch in Berndeutsch), Biografien, Sachbücher. Beiträge in Anthologien und Literaturzeitschriften.
Ebenfalls als E-Book lieferbar:
Barbara Traber: Cafe de Prety
ISBN 978-3-85820-335-9
Barbara Traber: Tod im Bücherdorf
ISBN 978-3-85820-336-6
BARBARA TRABER
LAND DER GLÜCKLICHEN HÜHNER
Dorfgeschichten aus der Bresse
Die Originalausgabe erschien 2022 unter demselben Titel im Neptun Verlag Bern
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Für meinen Bruder Gerhard
In Frankreich gelandet
Papa Cuisinier und «Riesenfische»
Silvias Ausflug über den Ziegenpass
Werner aus Augsburg
Gedenken an den Widerstand
Picou, der kleine Dorfnarr
Anni
Silvias Rückkehr aus Berlin
Loulou und René
Jähzornige Männer
Halbwaisen und Monsieur «Messerspitze»
Brigitte und Arafat
Der sanfte Georges
Odette und La Mamie
Albert, der Waadtländer
Erich und seine Lamas
Wasser und Schleusen
Silvias Wunsch nach Veränderung
Christian, Carlos und Yvette
Die Poetin im Bücherdorf
Malven und ein Happy End in zwei Variationen
Ein Vorrat an Erinnerungen – Epilog
Gut dreißig Jahre müssen es her sein, dass wir zum ersten Mal in die Bresse bourguignonne fuhren, die kurvenreichen Straßen im Jura hinauf und hinunter, an Kühen und Pferden vorbei, durch Dörfer und Weiler, an einem ungewöhnlich kalten, stürmischen Apriltag, bei Regen und Schneegestöber. Die Fahrt schien endlos zu sein, und einmal mussten wir umkehren und eine Weile suchen, bis wir die richtige Abzweigung fanden. Wir schauten hinaus in die grau-weiße Landschaft, in der noch keine Spur von Frühling lag, und fragten uns etwas bang, worauf wir uns da einließen.
In einer Zeitung hatte ich das Inserat entdeckt, mit dem alles begann: Günstige Objekte (maisons, fermes) in der Bresse bourguignonne zu verkaufen. Obwohl wir nie daran gedacht hatten, je ein Haus zu kaufen, klang das Angebot verlockend. Seit langem schon waren wir auf der Suche nach einem Ort, an dem wir unser Leben freier und unabhängiger gestalten konnten als in der Schweiz, die uns eng vorkam. So hofften wir.
Nun sollten wir an diesem Nachmittag gleich vier oder fünf zum Verkauf stehende Immobilien besichtigen, die zwischen den Städtchen Louhans und Tournus verstreut waren und für schweizer Begriffe sehr weit auseinander lagen.
Das Kind begann vor Müdigkeit zu quengeln, dann schlief es ein, und es wurde still im Auto. Die flache, einsame Gegend mit dem großen, weiten Himmel und den unzähligen Disteln auf den hohen Bäumen am Waldrand, den bleichen Charolais-Kühen und glücklichen Hühnern, den Flüssen und Teichen gefiel uns vom ersten Moment an.
In der Bresse angekommen, standen wir frierend vor Herrschafts- und Bauernhäusern, die seit längerem unbewohnt waren und auf neue Besitzer hofften. Die meisten waren viel zu groß und zu teuer, die anderen halbe Ruinen. Nichts für uns. Doch dann entdeckten wir das kleine Haus am Fluss, das etwas ärmlich und heruntergekommen wirkte. Das Kind setzte sich auf die verrostete Schaukel im verwilderten Garten, wo noch nicht einmal Narzissen und Tulpen unter den Holunderbüschen blühten, und wir wussten alle drei, ohne uns abzusprechen: Nur dieses und kein anderes Haus kam in Frage, ein Blick des Einverständnisses genügte.
Die Kleine ist längst erwachsen, und ich erinnere mich genau an den Augenblick, als Jahre später nicht nur die Ferien abgelaufen waren, sondern auch ihre Kindheit ein jähes Ende nahm. Sie saß nun ohne Puppe oder Plüschtier im Arm hinten im Auto, die kläglich miauende Katze im Käfig neben sich, schaute zurück zum Fluss, und dort stand eine Gestalt und winkte: die erste große Liebe eines Sommers. Der Schmerz des Abschieds zerschnitt die Luft wie die Mauersegler, wenn sie in halsbrecherischem Flug ihre Nester anpeilen.
Als wir zum ersten Mal im Garten standen und auf den Fluss schauten, befürchteten wir ein wenig, dass auf dem Ufersträßchen im Sommer ein Auto neben dem anderen parken und das kleine Café nebenan allzu belebt sein würde. (So wird es heute, nehme ich an, leider sein.) Simon, der junge Schweizer Immobilienhändler, der uns begleitete, beruhigte uns. Das hier sei keine touristisch erschlossene Gegend, sondern ein verschlafenes Nest, wo fast nur alte Leute lebten; im Sommer würden am Ufer der Seille und hinten am Waldrand bei der Schleuse in die Saône ein paar Zelte und Wohnwagen aufgestellt und ab und zu ein Hausboot vorbeifahren. Und häufig gebe es Überschwemmungen. Das Haus, ein paar Stufen erhöht, habe allerdings noch nie im Wasser gestanden, sonst müsste dies im Vertrag vermerkt sein. Die schweren Fensterläden öffneten wir nicht und schauten auch nur flüchtig in die dunklen, verstaubten, etwas muffig riechenden Räume, die mit alten, massiven Möbeln vollgestellt waren. Das Aborthäuschen stand draußen im Innenhof, und nun verstanden wir, weshalb das Haus, das dem alten Monsieur Prabel gehört hatte, seit dessen Tod vor fünf Jahren leer stand. Es war kein passendes Objekt für Schweizer, die sich eine standesgemäße résidence secondaire mit viel Land wünschen.
Eine Welschschweizerin, die in der Nähe einen «richtigen» Zweitwohnsitz kaufte und für viel Geld renovieren lassen wollte, bezeichnete unser Haus einmal abschätzig als «Fischerhütte», eine Bemerkung, die uns verletzte. Als sich dann herausstellte, dass der von ihr eingesetzte Waadtländer Bauführer weder die Handwerker noch die Rechnungen für das Material bezahlt, sondern sie um viel Geld betrogen hatte, konnten wir uns eine leise Schadenfreude nicht verkneifen.
Mein Bruder, der auf unsere Bitte hin mitgefahren war, weil wir hofften, er würde einen klaren Kopf behalten und uns falls nötig davon abhalten einen Vorvertrag für eine Ruine oder ein zu teures Objekt abzuschließen, sagte den ganzen Tag kein Wort, schaute nur kritisch und ließ sich zu keinem Kommentar hinreißen. Wir jedoch, wie immer rasch entflammt, machten bereits Pläne, wie wir das Haus putzen, neu streichen und einrichten würden. Nur gab es ein kleines Problem: Womit sollten wir das Haus kaufen? Ersparnisse hatten wir keine.
Erst um Mitternacht, als wir längst wieder in der Schweiz waren, rief mein Bruder überraschend an und erklärte lakonisch: «Wenn ihr das Haus nicht kauft, ist euch nicht zu helfen! So günstig kommt ihr nie mehr dazu!»
Wir versuchten, Geld aufzutreiben, Darlehen innerhalb der Verwandtschaft zu bekommen. Es gelang. Und wenige Wochen später fuhren wir nach Frankreich, um den Kaufvertrag zu unterzeichnen. Wir versanken im Büro des Notars in noble, gepolsterte, allerdings ziemlich abgewetzte Louis XV-Sessel und hörten uns an, wie er die verschiedenen juristischen Paragraphen und Klauseln, für uns Kauderwelsch, in salbungsvollem Ton vortrug. Wir verstanden nicht alles, doch das Französisch des maître klang elegant und äußerst wichtig.
Neben uns thronten, andächtig und erwartungsvoll, die engsten Angehörigen des verstorbenen Hausbesitzers, Monsieur Prabel. Einer seiner Söhne, der die kleine Erbengemeinschaft vertrat, hatte die Mütze abgenommen und die Hände verschränkt als säße er in der Kirche. Seine Frau trug eine frisch gestärkte weiße Bluse und schwitzte vor Aufregung, und sie schienen beide ungemein froh, endlich jemanden gefunden zu haben, der die Hütte des verstorbenen Vaters erstehen wollte. Niemand in der Familie hing am alten Haus, keiner der Söhne wollte dort die Wochenenden verbringen und fischen gehen. Nur verkaufen wollten sie es, brauchten Geld, ganz dringend Geld! Alle Schweizer seien wohlhabend, wenn nicht gar reich, glaubten sie, obwohl wir diesem Bild in nichts entsprachen. In ihren Augen waren wir wie Engel vom Himmel gefallen und deshalb als Retter der Familie in Frankreich hoch willkommen.
Es schien in der Tat, als könnten wir fliegen, wir schwebten auf einer Wolke der Vorfreude. In knapp drei Monaten würde es so weit sein. Wir würden ein Haus am Rand des berühmten Weingebiets, im Burgund, als notre maison bezeichnen dürfen, nur drei Stunden Autofahrt von der Schweiz entfernt, und daraus unser Paradies machen, und bald würde man munkeln, wir hätten geerbt oder im Lotto gewonnen, wir besäßen ein Schloss im Burgund samt Gestüt (einem Schaukelpferdchen) und einer Jacht (einem aufblasbaren Schlauchboot).
Frankreich schien das gelobte Land zu sein: anders, unendlich größer und offener jedenfalls als die zu kleine Heimat. Euphorie des Anfangs. Als gäbe es in «unserem» Dorf eine heile Welt! Alles hatte einen eigenen Reiz: die Menschen, die Sprache, die weite Landschaft, die Chansons, der Wein, der Apéro, das mehrgängige günstige Essen …
Als der Vertrag unterschrieben war, wurden wir von Prabels zu einem Essen in ihr Haus eingeladen, eine seltene Auszeichnung in Frankreich, wo man sich normalerweise in einem Restaurant trifft. Zwei Wochen später fuhren wir kilometerweit über Land, ins Département de l’Ain, staunten über die alten Bauernhäuser mit den mysteriösen Kaminen, den cheminées sarrasines im Umkreis von Saint-Trivier-de-Courtes, die wie kleine Minarette oder Glockentürme aussehen, bis wir das Dorf unserer Gastgeber fanden. Man empfing uns mit allen Ehren und tischte alles auf, was das Burgund zu bieten hat. Wir kamen nicht darum herum, zum ersten Mal und mit Todesverachtung die von Franzosen heißgeliebten Froschschenkel hinunterzuwürgen.
Das kleine Café «Au bon coin», nur durch eine Mauer von unserem Haus getrennt, wurde auch für uns zu einer «guten Ecke», einem vom ersten Tag an wichtigen Ort, manchmal einer Zuflucht: mit Tischen und Stühlen aus den Fünfzigerjahren, mit verrauchten, im Lauf der Zeit dunkel gewordenen Wänden und einer Brotschneidemaschine, die ein Geräusch machte wie eine Guillotine. Das Café wurde von zwei Freundinnen geführt, mit denen sich bald eine Freundschaft anbahnte. Es gab kaum etwas Besseres, als gleich nebenan bei Anni und Odette morgens eine frische Baguette zu holen und später dort den Apéro trinken zu gehen und alles Wichtige und Nebensächliche über das Dorf und seine Bewohner aus erster Hand zu erfahren.
Die Ruhe am Fluss war meist paradiesisch, und wir konnten im Sommer im Pyjama nachts auf die kleine Uferstraße hinausgehen und am Geländer des Flusses den fliegenden Fischen zusehen. Die alten Leute aus den weiter hinten gelegenen Häusern, darunter Monsieur Joli, ein ancien combattant, ein Kriegsveteran, der immer blaue Latzhosen trug, kamen im Sommer und Frühherbst jeden Abend – wenn es das Wetter erlaubte – vor dem Zubettgehen auf die Holzbank vor unserem Gartenzaun mit der wilden Rebe, setzten sich, tratschten und tauschten Neuigkeiten aus. An einem der ersten Abende gesellten wir uns mit einer Flasche Calvados und kleinen Gläsern zu ihnen, schenkten ein, stießen auf gute Nachbarschaft an und baten sie, auch weiterhin von der Holzbank vor unserem Haus Gebrauch zu machen.
Wenn die Sonne noch einmal aufleuchtete und dann wie in ein Urgewässer versank, unterbrachen sie das Gespräch und schauten eine Weile fast andächtig dem Naturschauspiel zu. Sobald die Kirchenuhr zwei Mal nacheinander zehn Uhr schlug, verabschiedeten sie sich voneinander und kehrten in ihre Häuser zurück.
Bald war nur noch das Quaken der Frösche zu hören.
Jedes Mal, wenn wir in Frankreich ankamen, machten wir mit Bleistift einen Strich auf die Wand neben dem Cheminée, bis man sie kaum mehr zählen konnte, so viele wurden es.
Würde man uns vermissen, wenn wir eines Tages nicht oder nur noch selten in die Gegend fahren würden? Jeannot, der Wirt des Restaurants für Fernfahrer, in dem wir gern essen gingen, würde vermutlich trocken feststellen: «Sie sind schon lange nicht mehr gekommen, schade», und sich sogleich seinen Gästen an der Bar zuwenden. Und die Rentner am Stammtisch irgendeines Cafés in der Gegend würden vielleicht kurz an uns denken, falls die Rede auf uns käme, und wie gewohnt ihr Glas Roten oder Weißen oder Pastis trinken.
Es wäre wie bei Fred, der vor Jahren gestorben war, und in keinem Café mehr sitzen und keine Sprüche mehr reißen konnte. Er habe eine Lücke hinterlassen, das spürten alle, doch keiner außer uns sagte dies laut. Über Gefühle spricht man auf dem Land ungern, auch über die Abwesenden verliert man kaum Worte und schon gar nicht über die Toten. Trotzdem sind sie da, in meinem Kopf, in meinem Herzen – jedes Mal, wenn ich an die Bresse denke; sie leben in meinen Träumen und Erinnerungen weiter.
Zu den Verstorbenen, die wir gekannt haben und die nicht mehr altern, gehören Loulou, Picou, Yvette, Monsieur Joli (der Latzhosen-Träger) und der Mann von Elsa, der gebürtigen Italienerin aus dem Friaul, die hier nie wirklich heimisch geworden war. Oder Werner, der Deutsche aus Augsburg, ein guter Freund von uns … Und viele andere, deren Namen ich zum Teil vergessen habe, nicht jedoch ihre Gesichter. Jenes des einsam wirkenden Pensionierten etwa, der unter der Parkinsonschen Krankheit litt und ab und zu in Begleitung seines Hundes in der Pizzeria im nahen Städtchen essen ging, obwohl er kaum mehr Gabel und Messer in den Händen halten und nachher nur mit Mühe in sein Haus in der Nähe des Pont de Seille zurückkehren konnte. Er wollte nicht als Kranker bemitleidet werden, und deshalb wich er uns seit der niederschmetternden Diagnose aus und lebte noch einsamer als zuvor. Erst aus der Todesanzeige erfuhren wir, dass er früh die militärische Karriere eingeschlagen und verschiedene Auszeichnungen für seine Einsätze in Indochina, im Zweiten Weltkrieg und in Algerien bekommen hatte.
Wenn man mit einem Boot die mäandernde, hundert Kilometer lange Seille, die im Jura entspringt und südlich von Tournus in die Saône mündet, bis zur Schleuse von Loisy hinauftuckert, an den Fischern vorbei, die stunden-, manchmal tagelang geduldig am Ufer ausharren, scheint es, als würde die Kirche von Cuisery mehrmals wie von Zauberhand an das gegenüberliegende Ufer verschoben. Der Kirchturm steht da wie immer, seit Jahrhunderten gleich hoch, und der Fluss schlängelt sich wie eh und je in sanften Windungen durch das flache Land. Die Bäume hingegen sind unheimlich rasch gewachsen wie Kinder, an denen man sieht, wie die Jahre vergangen sind. Und leider sind zu viele Leute in zu kurzer Zeit gestorben, in nicht einmal zwanzig Jahren, und manchmal denke ich, die Menschen in Frankreich, besonders jene auf dem Land, sterben zu früh, vielleicht weil sie heftiger, jedenfalls weniger vorsichtig leben als wir in der Schweiz. Ohne Rücksicht auf Verluste.
All die Schicksale, an denen wir Anteil genommen haben! Zuweilen wünschte ich mir, nichts anderes tun zu dürfen, als Nachmittage lang, ohne einen Menschen zu sehen, in einem Liegestuhl im Garten zu lesen und zu träumen, einer Spinne beim Weben ihres Netzes zuzuschauen und das Gras wachsen zu hören.
André Cuisinier, von allen liebevoll «Papa» genannt, starb im Alter von siebzig Jahren in einem besonders heißen Sommer an einem Herzschlag, zu Hause in seinem Bett, wie er es sich gewünscht hatte. Die Leute, die zur Beerdigung kamen, schwitzten in den dunklen Anzügen und entwickelten einen geradezu unheimlichen Durst; das Café in unserem Dorf war bis auf den letzten Platz besetzt, und die Trauernden gerieten immer mehr in eine aufgeräumte Stimmung, wie es zum Verstorbenen passte.
Einmal erzählte Papa Cuisinier, ein Witzbold, er sei einer, der nicht gern wegfahre, er bleibe am liebsten zu Hause. Germaine, seine Frau, beklage sich deshalb oft: «Du gehst nie mit mir aus, und wenn du wegfährst, dann nur ins nächste Café, und zwar ohne mich.» Eines Tages habe er genug gehabt von diesem ewigen Gejammer und seiner Frau versprochen, auf der Stelle einen Ausflug mit ihr zu unternehmen. Sie habe darauf bestanden, erst die besseren Schuhe anzuziehen, sich ordentlich zu kämmen und einen Hut aufzusetzen, und er habe sie machen lassen und geduldiger als sonst gewartet. Endlich sei sie erwartungsvoll ins Auto gestiegen und er habe den Motor gestartet.
Er machte eine wirkungsvolle Pause, bis jemand in der Runde fragte: «Wohin bist du gefahren, Papa Cuisinier?»
Er lachte schallend: «Durch den Wald bis zur Brücke über den Fluss und auf der anderen Seite zurück.»
Nach dem allgemeinen Gelächter, das folgte, erzählte er weiter:
«So, jetzt hast du deinen Ausflug gehabt, sagte ich zu Germaine, als wir zu Hause eintrafen. Sie wollte sich erst beklagen, aber schließlich konnte sie nicht an sich halten, und wir haben zusammen Tränen gelacht und dann eine gute Flasche Wein geöffnet, um unsere glückliche Heimkehr zu feiern, denn man kann nie wissen bei diesem Verkehr.»
Suzanne, Mutter von zwei Söhnen, geschieden, brach jeden Morgen früh auf, um im Auftrag des Sozialdienstes den alten Leuten in der Gegend Mahlzeiten zu bringen. Dreihundert Kilometer machte sie Tag für Tag, von einem Dorf zum anderen bis in die abgelegensten Weiler, bei jedem Wetter, immer in Eile, eine kleine, schmal gebaute Frau, zäh und mutig und mit einer unheimlichen Kraft, mit der sie jahrelang um Anthony, ihren jüngeren, krebskranken Jungen, kämpfte. Zehn Jahre lang rannten sie von Arzt zu Arzt, von Therapie zu Therapie, steigerten das Cortison, bis die Dosis vermutlich selbst einen Elefanten hätte umbringen können. Trotzdem litt der Junge unter zunehmenden Schmerzen. Die Lehrer zeigten wenig Verständnis, bis Anthony zuletzt die Schule nicht mehr besuchen wollte und sich zu Hause versteckte, damit niemand seine Glatze sehen konnte, die ihm als Folge der Chemotherapien geblieben war. Er sah immer mehr aus wie ein Greis und hätte es sich doch so sehr gewünscht, wie sein älterer Bruder mit dem Velo herumzufahren und Sport zu treiben, aber seine Knochen wurden von innen heraus zerfressen. Die Qualen mussten selbst für ein sehr tapferes Kind kaum auszuhalten gewesen sein.
Er wusste, dass er bald sterben musste, und er tröstete seinen Bruder, dort oben in jenem anderen Leben werde es ihm gut gehen, er sei sicher, und auch die Mutter dürfe dereinst nicht zu sehr um ihn trauern. Und als sie eines Morgens nach einem seltsamen Traum erwachte, war der Körper ihres Jungen, der seit einigen Wochen neben ihr schlief, kalt und sein Gesicht friedlich wie das eines Engels …
Noch am Tag zuvor hatte er sie getröstet und gesagt, es gebe keine bessere Mutter als sie. Aber jetzt die Leere, kein kleiner Mensch mehr, den sie nachts im Bett an sich drücken und küssen und trösten konnte. Sie hatte alles getan, was in ihrer Macht stand, um das geliebte Kind zu retten.
Ich denke noch oft an Anthony, wie er ein bisschen verlegen auf den Stufen vor dem kleinen Haus unten am Fluss saß, wie er freundlich grüßte und uns mit den unheimlich groß gewordenen Augen im blassen Gesicht anschaute. Wie er sich freute, als wir ihm aus der Schweiz ein Osternest mit Schokoladehasen und farbigen Zuckereiern mitbrachten, eine kleine Geste nur, er war eigentlich schon zu alt dafür.
«Anthony ist da, er ist immer bei uns», meinte seine Mutter vertrauensvoll, als sie uns ausführlich und immer wieder von neuem erzählte, was sie empfunden habe, als er «gegangen» sei. Es gehe ihm jetzt «dort oben» gut, er warte auf sie und habe, hoffe sie, den vor zwei Jahren verstorbenen Großvater getroffen, sei in guter Gesellschaft, während sie nun allein zurechtkommen müsse. Die Tränen sparte sie auf für seltene Stunden, wenn sie allein im Bett liegen und ihren Jungen neben sich vermissen würde, nach außen versuchte sie, sich nichts anmerken zu lassen. So war es immer Anthonys Wunsch gewesen.
Im ersten Sommer machten wir uns mit viel Schwung und Begeisterung an die Arbeit, das Haus zu verschönern. Wir putzten tagelang, kratzten mehrere Schichten vergilbter Tapeten von den Wänden, die wir dann neu strichen, und kamen kaum je dazu, uns im Fluss abzukühlen. Die Dorfbewohner, die fast alle nicht schwimmen konnten, hatten uns ohnehin gewarnt, es gebe in der Seille riesige, dunkle, nachtaktive Ungeheuer, die tief unten im Wasser hausten, in Höhlen und im Schilf verborgen: Welse, die größten Süßwasserfische Europas mit einem Furcht erregenden, breiten Maul, einem richtigen Schlund mit spitzen Zähnen, mit dem sie imstande seien, Hechte, Karpfen, Molche, Ratten, Enten, Wasserhühner, Schlangen und Jungschwäne zu fressen, auch für Menschen könnten sie gefährlich sein. Zwei Mal pro Monat würden sie beinahe fünf Kilo Nahrung verschlingen, seien dann zwei Wochen lang mit der Verdauung beschäftigt und würden alles Unverdauliche wieder ausspeien. Ja, es sei schon vorgekommen, dass sogar kleine Hunde beim Apportieren eines Holzstücks am helllichten Tag verschwunden seien, man habe nur noch ein klägliches Winseln gehört. Niemals sollte man ein kleines Kind im Fluss baden lassen, man könne nie wissen, ob es Welse gäbe. «Ah, les silures!», seufzten unsere Nachbarinnen und verdrehten jedes Mal missbilligend die Augen, wenn sie uns ins Wasser steigen sahen.
Im Dorf glaubten die meisten an das Ammenmärchen von den gefährlichen Welsen, die uralte Mär ließ sich nicht aus der Welt schaffen.
Wer beim Fischen das höchst seltene Glück hat, einen gigantischen Wels, der bis zu fünf Meter lang und bis zu vierhundert Kilo schwer werden kann, aus dem Wasser zu ziehen, wird samt der Beute fotografiert und für alle Zeiten zum Helden. Das Fleisch des Fisches reicht aus, um ein ganzes Dorf satt zu machen. Das Konterfei des Fischers hängt von da an im Café des Ortes, wo er seinen Fang gemacht hat – ähnlich wie jenes von General Guisan in der Westschweiz, der immer noch bewundert wird. Von der Wels-Fischsuppe aßen wir in all den Jahren nie, nicht einmal von den Welsfilets, die eine Delikatesse seien, wie uns versichert wurde. Aber viel später lernten wir einmal einen Koch in einem Altersheim am Murtensee kennen, wo diese Monster auch vorkommen. Er schwärmte, der Wels sei ein Fisch, der sich wunderbar zubereiten lasse, wenn er nicht zu alt sei, geschmort, gebraten, gegrillt.
Wenn ich mit meinem alten Fahrrad zur Schleuse fuhr, kam ich am reich mit Blumen geschmückten Haus eines ehemaligen Gasthofbesitzers vorbei, der hier mit seiner Frau den Ruhestand genoss und der Jagd frönte. Auf dem eingezäunten Stück Land nebenan, wo heute ein Parkplatz samt verschmutzten Toiletten steht, tollten seine zwei kleinen, lebhaften Hunde herum. Nach einiger Zeit kannten sie meine Stimme und bellten nicht mehr, wenn ich sie laut in meiner Mundart grüßte. Der eine hieß Lustig, der andere Monsieur Vidoc (Namen aus der Comic-Serie «Tintin» von Hergé). Ich schaute ihnen gerne zu, wenn sie in den Fluss sprangen, um einen Holzstecken zu apportieren und wie siamesische Zwillinge eng nebeneinander mit der Beute im Maul ans Ufer schwammen, beide ohne Angst vor einem fleischfressenden Wels.
Ahnungslos begannen wir unser neues Leben auf dem Land, am südlichen Rand des Burgunds. Wir wussten zum Beispiel nicht, dass der Kehricht hinten im Wald in einer Grube entsorgt werden musste; erst ab dem zweiten Jahr gab es eine reguläre Müllabfuhr im Dörfchen, und Frankreich holte mit Riesenschritten das bisher Versäumte in Sachen Umweltschutz auf. Wir ahnten nichts von den ewig verstopften Dachrinnen und der Überschwemmung in der Küche nach jedem Gewitter und nichts von Problemen mit dem Abfluss des WC – bis Monsieur Page junior Abhilfe versprach und im Garten, wo er ein tiefes Loch graben musste, fast im Dreck zu versinken drohte, so dass wir ihn heimlich «Schlammmensch» tauften.
Wir wussten nichts von den grausigen, schwarzen ameisenartigen Insekten, die zum Sommeranfang wie eine Plage aus der Bibel oder eine Metapher für Vernichtung im Innenhof auftauchten, aus allen Ritzen und Spalten krochen und bereits nach einem Tag nicht mehr lebten; nichts vom Schreiner Edmé, der nach unseren Wünschen einen perfekten Plan für den Ausbau des Dachbodens zeichnete und dann, als wir ihm den Auftrag erteilten, nie erschien, um die Arbeit in Angriff zu nehmen; nichts von den dicken Wollpullovern mit Rollkragen, die Odette im Café nebenan für uns unbedingt stricken wollte – nur für die Wolle, deren Farbe wir auswählen durften, verlangte sie Geld. Wir trugen sie jahrelang, um ihr zu zeigen, wie sehr wir ihren aufopfernden Einsatz und Fleiß schätzten. Ich habe es bis heute nicht fertiggebracht, meinen verwaschenen, türkisfarbenen Pullover zu entsorgen.
Oder wie hätten wir voraussehen können, dass der – zugegeben museumsreife – Heizkessel bereits im zweiten Winter dringend ersetzt werden musste, was Monsieur D’Angelo, ein kleiner, unscheinbarer Mann, tatsächlich wie ein rettender Engel tat, so dass wir nicht frieren mussten. Allerdings stellte er danach eine gesalzene Rechnung – und verschwand anschließend mit seiner Geliebten auf Nimmerwiedersehen südwärts, was ihm, dem bisher treusorgenden, braven Ehemann niemand zugetraut hätte.
Wir lernten zu Beginn unseres ersten Frankreichaufenthalts nicht nur Madame Mornet und das Lesbenpaar Anni und Odette kennen, unsere Nachbarinnen auf der anderen Seite der Hausmauer. Auch Alain, ein Installateur für sanitäre Anlagen, ein liebenswerter, bärenstarker Mensch mit kräftigen Händen, gehörte schon im ersten Sommer zu unserem neuen Bekanntenkreis. Er war ein Pechvogel, der sich zwar Mühe gab, als Handwerker Reparaturarbeiten korrekt auszuführen, dem jedoch vieles misslang und der dann aus Frust über sein eigenes Versagen über den Durst trank. Wir hatten Glück, bei uns erschien er pünktlich und den kaputten Wasserhahn ersetzte er rasch. Er wurde bald ein Freund von uns und mit ihm Liliane, seine charmante, warmherzige Lebenspartnerin, mit der er zwar nicht verheiratet war, weil ihr eine Ehe mehr als genügte. Doch das machte keinen Unterschied, immerhin hatte das Paar einen Sohn, den «kleinen» Alain, nach seinem Vater benannt.
Liliane kellnerte im Café «Perron» in Cuisery, und wir gingen vor allem wegen ihr oft dort vorbei und tauften sie spontan La Grande, weil sie einer französischen Filmschauspielerin glich, die in einer TV-Serie eine Dirigentin mit diesem Beinamen darstellte. Liliane, groß gewachsen, leutselig und beliebt, eine auffallende Erscheinung, mit offenem Lachen, lebhaften Gesten und einem unverwechselbaren Muttermal oberhalb des sinnlichen Mundes, spielte mit Leidenschaft und Engagement Rugby in der Damenmannschaft von Ratenelle, einer kleinen Gemeinde nicht weit von Tournus. Sie mochte Tiere und Pflanzen und Antiquitäten jeder Art, kochte gern für Gäste, liebte Feste, vergötterte ihren Jüngsten und glaubte daran, dass sie es eher als ihr Lebenspartner schaffen würde, aus den ewigen finanziellen Problemen herauszukommen. Ihre bereits erwachsene Tochter aus erster Ehe hatte sie früh zur Großmutter gemacht.
La Grande erfüllte sich eines Tages ihren Lebenstraum und eröffnete ein eigenes Geschäft mitten im Städtchen Tournus, wo wir oft auf den Markt gingen: eine Geschenkboutique mit lauter kitschigen Souvenirs, Kerzenständern, Aschenbechern, Vasen und allerlei überflüssigen Sächelchen. Voller Elan und Hoffnung auf bessere Zeiten führte sie ihren kleinen Laden, wartete geduldig auf Kundschaft und ging zwischendurch gern hinaus auf die Gasse, um mit vorbeikommenden Bekannten, auch mit uns, ein Gläschen pétillant zu trinken, ein sprudelndes Getränk wie Champagner oder Crément – bis sie eines Abends auf der Heimfahrt auf einer geraden, wenig befahrenen Strecke mit dem Auto in einen Baum fuhr und sofort tot war. Ich fuhr oft mit dem Velo an der einsamen Stelle vorbei, wo der Unfall geschehen war, und schaute mich um, als könnte ich Liliane wie einen Geist irgendwo auftauchen sehen.
Lange machten hartnäckige Gerüchte die Runde, sie habe Selbstmord begangen, was Alain, der seine Frau stets auf Händen getragen hatte, schwer zu schaffen machte. Nein, nicht Liliane mit ihrer unbändigen Lebenslust! Könnte ihr nicht eher ein Reh über den Weg gelaufen sein, das sie nicht hatte verletzen wollen?
Möglicherweise war ihr die Tierliebe zum Verhängnis geworden. Erst nach Monaten ergaben amtliche Untersuchungen, dass sie mit überhöhter Geschwindigkeit gefahren war und falsch reagiert hatte, als sie mit großer Wahrscheinlichkeit einem Reh oder Hasen hatte ausweichen wollen.
Lange merkten wir nicht, dass der sanftmütige Mann von Madame Mornet aus Biarritz, die in der «Auberge de la Grenouillère» in unserem Dorf ein strenges Regiment führte und Haare auf den Zähnen hatte, mit der Wirtin Anni, unserer Nachbarin, verwandt war. Man sah ihn eher selten, er zog sich am liebsten in die Küche zurück, um dort in Ruhe Gemüse zu putzen.
Die Wirtinnen des kleinen Cafés und des keine fünfzig Meter entfernten Gasthofs standen seit Jahren auf Kriegsfuß und straften sich gegenseitig durch Nichtachtung. Selbst Monsieur Mornet lief stets an seinen Nachbarinnen vorbei, ohne zu grüßen. Erst später merkten wir, dass er, wenn er außerhalb des Dorfes in seinem Garten werkelte, mit seiner Cousine Anni, die jeweils mit ihrem roten Peugeot Halt machte, sobald sie ihn sah, freundschaftliche Gespräche führte, da seine Frau, der Drachen, die beiden dort nicht sehen konnte.
Als die «Fremde» aus Biarritz, ironisch «La Joconde» genannt – weil sie das Gegenteil einer Mona Lisa war, klein, dick, unförmig, mit schütterem, schwarz gefärbtem Haar, einem Damenbart und gebieterischer, lauter Stimme –, Jahre später altersbedingt ihren Gasthof verkaufen musste, kamen Steuerschulden unglaublichen Ausmaßes zum Vorschein, Steuern, die sie wohl ihr Leben lang hinterzogen hatte, und sie landete im Gefängnis.
Trotz allem tat die alte Wirtin, die immer hart gearbeitet hatte, uns nun leid, denn wir hatten auch ihre positiven Seiten erlebt. Unser Frankreichabenteuer als Hausbesitzer nahm nämlich seinen Anfang mit einem alten französischen Bett, das auf einem Zettel, den wir an unserem ersten Tag in Frankreich beim Mittagessen in der «Auberge de la Grenouillère» an der kleinen Rezeption entdeckten, zum Verkauf ausgeschrieben war. Madame Mornet, die Besitzerin des Hotel-Restaurants, nun eine unserer neuen Nachbarinnen, überließ es uns günstig, froh, das für Gäste nicht mehr zumutbare Grand-Lit endlich loszuwerden. Wir trugen das gute Stück schwitzend und übermütig lachend über die Uferstraße in unser noch fast leerstehendes Zuhause und mussten die erste Nacht nicht auf dem Boden schlafen.
