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Am 15. Juni 1964 schifft sich die Ich-Erzählerin in Marseille ein und reist mit der französischen «Foch» immer tiefer nach Westafrika, bis nach Lagos. Dort wird sie als Sekretärin auf der Schweizer Botschaft arbeiten. Sie ist erst 21 Jahre alt, aber ihr Fernweh groß, und alles kommt ihr vor wie ein unendliches Abenteuer. Wer hat denn so früh im Leben die Chance, einen vor wenigen Jahren unabhängig gewordenen Staat auf dem Schwarzen Erdteil zu erleben! Angst hat sie nicht, weder vor Malaria noch vor Gewalt oder Korruption in einer fremden Stadt, die als gefährlich gilt. Mutig tritt sie die Stelle in Nigeria an, sie will das unbekannte Land mit seiner Kultur, seinen zahlreichen Ethnien, Sprachen und ungeheuren Gegensätzen entdecken und das überhebliche Denken der Weißen überwinden. Vom ersten Tag an ist alles anders und aufregend, durchpulst von einem eigenen Rhythmus. Lagos wächst enorm schnell und vibriert von Lärm und Highlife-Musik. Es herrscht ein chaotisches Treiben auf den Märkten und in den Slums, wo sie sich mit wenigen Sätzen Yoruba frei bewegen kann. Sie führt ein privilegiertes Leben, nimmt an Cocktails und Dinners des diplomatischen Corps teil und begegnet eines Tages dem berühmten nigerianischen Bildhauer und Maler Ben Enwonwu. Als sie im gemischten Chor von Lagos mitsingt, fällt ihre helle Hautfarbe wie überall auf, aber sie stellt fest, dass es keinen «umgekehrten» Rassismus gibt und wir in Europa von Afrika viel lernen könnten. Sechzig Jahre später hat die Autorin ihre Tagebücher, Briefe und Reisenotizen zu einem farbigen Mosaik Nigerias zusammengesetzt, wie es vor dem Biafrakrieg und den darauffolgenden Militärdiktaturen war. Ein spannender autofiktionaler Bericht einer couragierten jungen Frau, die ein damals exotisches Land an der Westküste Afrikas mit allen Sinnen wahrnimmt – und zu schreiben beginnt.
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Seitenzahl: 270
Veröffentlichungsjahr: 2024
Zum Buch
Nigerianische Gastfreundschaft: Zwei Worte in ihrer Sprache, ein Lächeln – und schon bin ich nicht mehr fremd. Sie wollen mir alle die Hände geben, und ich liebkose ihr Kind. Man steckt mir bunte Schüsseln aus Emaille entgegen mit dampfendem Reis und scharfer Pfeffersauce, und alle lachen über meine ungewollten Tränen, klopfen mir auf die Schulter und wollen die Penny-Münzen nicht mehr annehmen – ich bin ihr Gast.
Am 15. Juni 1964 schifft sich die Ich-Erzählerin in Marseille ein und reist mit der französischen «Foch» immer tiefer nach Westafrika, bis nach Lagos. Dort wird sie als Sekretärin auf der Schweizer Botschaft arbeiten. Sie ist erst 21 Jahre alt, aber ihr Fernweh groß, und alles kommt ihr vor wie ein unendliches Abenteuer. Wer hat denn so früh im Leben die Chance, einen vor wenigen Jahren unabhängig gewordenen Staat auf dem Schwarzen Erdteil zu erleben! Angst hat sie nicht, weder vor Malaria noch vor Gewalt oder Korruption in einer fremden Stadt, die als gefährlich gilt. Mutig tritt sie die Stelle in Nigeria an, sie will das unbekannte Land mit seiner Kultur, seinen zahlreichen Ethnien, Sprachen und ungeheuren Gegensätzen entdecken und das überhebliche Denken der Weißen überwinden.
Vom ersten Tag an ist alles anders und aufregend, durchpulst von einem eigenen Rhythmus. Lagos wächst enorm schnell und vibriert von Lärm und Highlife-Musik. Es herrscht ein chaotisches Treiben auf den Märkten und in den Slums, wo sie sich mit wenigen Sätzen Yoruba frei bewegen kann. Sie führt ein privilegiertes Leben, nimmt an Cocktails und Dinners des diplomatischen Corps teil und begegnet eines Tages dem berühmten nigerianischen Bildhauer und Maler Ben Enwonwu. Als sie im gemischten Chor von Lagos mitsingt, fällt ihre helle Hautfarbe wie überall auf, aber sie stellt fest, dass es keinen «umgekehrten» Rassismus gibt und wir in Europa von Afrika viel lernen könnten.
Sechzig Jahre später hat die Autorin ihre Tagebücher, Briefe und Reisenotizen zu einem farbigen Mosaik Nigerias zusammengesetzt, wie es vor dem Biafrakrieg und den darauffolgenden Militärdiktaturen war. Ein spannender autofiktionaler Bericht einer couragierten jungen Frau, die ein damals exotisches Land an der Westküste Afrikas mit allen Sinnen wahrnimmt – und zu schreiben beginnt.
Zur Autorin
Barbara Traber, geboren 1943 in Thun/Schweiz. Handelsdiplom. Auslandsaufenthalte in London, Lagos, Paris. Lebt heute in Worb. Verwitwet, eine erwachsene Tochter. Freie Publizistin, Autorin, Lektorin, Übersetzerin. Zahlreiche Veröffentlichungen: Lyrik, Romane, Krimis, Erzählungen (auch in Berndeutsch), Biografien, Sachbücher. Bei Neptun lieferbar: „Muttermomente“, Gedichte, mit Fotos von Fernand Rausser; „Land der glücklichen Hühner“, Dorfgeschichten aus der Bresse (2022); „D Zyt aahalte / Arrêter le temps“, lyrische Prosa (zweisprachig), aus dem Berndeutschen ins Französische übersetzt von Corinne Verdan-Moser (2024).
Barbara Traber
Nigeria – ich komme!
Eine mutige junge Schweizerin in Lagos 1964/65
Impressum
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© 2024 by Neptun Verlag
Rathausgasse 30
CH-3011 Bern/Schweiz
Umschlagsgestaltung: Giessform Bern
Korrektorat: Erwin Messmer
Abbildungen: aus der Privatsammlung der Autorin
Umschlagsgestaltung: Giessform Bern unter Verwendung eines Bida-Stoffes aus Nigeria
ISBN 978 3 85820 365 6
Unser gesamtes Verlagsprogramm finden Sie unter
www.neptunverlag.ch
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
In jungen Jahren habe ich das unglaubliche Glück gehabt, Nigeria in seinen wenigen hoffnungsvollen Jahren auf dem Weg zu einer Demokratie erleben zu dürfen. Dafür bin ich bis heute dankbar. Aber ich hatte nie die nötige Ruhe, das Erlebte, schriftlich festgehalten in Tagebucheinträgen, Notizen und Briefkopien, zu einem längeren Bericht zu verknüpfen. Jetzt, im Alter, sind die Erinnerungen wieder hochgekommen, und ich habe versucht, sie wie Puzzleteile zu einem Ganzen zusammenzusetzen. Die Frage, ob dieses Buch Belletristik, Erlebnisbericht oder was auch immer sei, bleibt den Leserinnen und Lesern überlassen. Dafür sind die beschriebenen Ereignisse und Eindrücke der 21-Jährigen aus erster Hand, authentisch, ein Dokument aus einer Zeit, in der eine Reise oder ein längerer Aufenthalt in Westafrika etwas Außerordentliches, ja geradezu ein Abenteuer waren.
Nigeria hat leider seit den wenigen ersten Jahren nach der Unabhängigkeit 1960, die als die besten, «demokratischsten» gelten, eine traurige Berühmtheit erlangt. Nach dem Biafra-Krieg 1967 bis 1970 folgten: Militärdiktaturen, Korruption, Missachtung der Menschenrechte, unmenschliche Gefängnisbedingungen, Ausbeutung durch internationale Multis und Zerstörung der Umwelt, Arbeitslosigkeit, Armut und Analphabetismus. Die brutale Ermordung des nigerianischen Schriftstellers und Menschenrechtlers Ken Saro-Wiwa und acht seiner Mitstreitenden am 10. November 1995 in Port Harcourt ist uns immer noch gegenwärtig.
Reisen in das westafrikanische Land seien auch heute gefährlich und sollten nur in Begleitung einer ortskundigen Vertrauensperson und mit entsprechenden Sicherheitsvorkehrungen unternommen werden, warnt das Eidg. Departement für auswärtige Angelegenheiten. Als unrühmliches Beispiel wird ausgerechnet Lagos genannt, die Stadt sei häufig «Schauplatz von bewaffneten Überfällen und zahllosen Diebstählen, besonders für die Stadtteile Victoria Island, Ikoyi …» Und genau dort arbeitete und wohnte ich seinerzeit, ohne je Angst zu haben. Zugegeben, Diebstähle gehörten bereits 1964 in Lagos zum Alltag, und auch mir wurde eines Tages meine Uhr, ein Konfirmationsgeschenk, auf der Straße entrissen. Einmal wurde innert einer Woche zwei Mal mein Auto aufgebrochen, aber die Diebe fanden nichts außer einer Einkaufstasche mit Bananen; ich musste aber das Schloss ersetzen lassen. Es kam ab und zu vor, dass ganze Villen in Ikoyi samt den Möbeln im Parterre nachts ausgeraubt wurden, während die Bewohner im oberen Stock, eingelullt vom Surren der Klimaanlage, friedlich schliefen. Bei der herrschenden Armut konnte ich Nigerianer sogar ein wenig begreifen, die auch wie die reichen Leute kostbare Dinge, Uhren, Schmuck, Radios und Fernseher, besitzen wollten. Hatten sie denn nicht, endlich «befreit» von der Kolonialmacht England, ein Anrecht auf ein normales Leben und eine bessere Zukunft?
Ein einziges Mal, ungefähr im Jahr 2000, spielte ich mit dem Gedanken, Lagos nach einem halben Jahrhundert noch einmal zu sehen und erkundigte mich, was es für die Einreise nach Nigeria brauche. Ein Visum und Impfungen, nahm ich an. Doch selbst ein einfaches Tourismusvisum hätte ich nur erhalten, wenn ich auf der nigerianischen Botschaft in Bern vorgesprochen hätte, um meine Gründe für eine Reise dorthin in einem persönlichen Interview plausibel zu erklären. Das schien mir eine übertriebene, allzu komplizierte Maßnahme zu sein, und deshalb verzichtete ich und werde das Land wohl nie mehr sehen.
Im «engeren» Großraum von Lagos, der zweitgrößten Stadt Afrikas, leben inzwischen mehr als 14 Millionen Einwohner, gut 14-mal mehr als in den 1960er-Jahren, in der ganzen Region sogar zwischen 21 bis 24 Millionen! Unmöglich, «mein» übersichtliches Lagos wiederzuerkennen. Ich wäre geschockt, würde mir in der Megacity vermutlich vollkommen fremd vorkommen. Wenn ich mir Youtube-Videos der Model Mega-City anschaue, einer Stadt, that never sleeps, kann ich kaum glauben, dass dies dasselbe Lagos sein soll, das ich gekannt und geliebt hatte: futuristisch, wie in einer anderen Welt entstanden. Prestigebauten, neue Brücken und Autobahnen, Galerien, teure Restaurants und Bars, exklusive Geschäfte und Boutiquen, Shopping Malls, drei Strände, an denen eine Party nach der andern steigt, eine Stadt der Musik, der Kunst, auch der Mode für junge Menschen und für Investoren kühner architektonischer Projekte. Eine ultramoderne, klimatisierte Welt entsteht dort, eine aus Glas und Stahl für Leute mit sehr viel Geld: Eko Atlantic City, offiziell Nigeria International Commerce City.
Eko Atlantic City umfasst ein riesiges Gebiet südlich von Victoria Island, dem früheren Geschäftszentrum von Lagos: Neues Land auf einer Fläche von 10 Millionen Quadratmeter, aufgeschüttet mit Sand aus dem Atlantischen Ozean, ist übersät mit unzähligen Wolkenkratzern, die Wohnungen für 300000 Menschen und Büros für 150000 neue Arbeitsplätze bereitstellen. Dort soll das neueste, modernste Finanzzentrum Afrikas entstehen, eine Art Manhattan in Nigeria, mit einer 8,5 Kilometer langen sea wall, und dem Eko Boulevard, einer zwei Kilometer langen und 60 Meter breiten Hauptstraße wie der Champs-Elysées in Paris oder der Fifth Avenue in New York. Bis 2027 soll diese City fertigerstellt sein, die Kosten sind horrend. Apartments mit Sicht auf den Strand werden seit 2018 online bereits zum Kauf angeboten: der Gipfel an Eleganz und Luxus. Wer sehr viel Geld investieren will und kann, ist willkommen. Größenwahnsinn.
Aber über 60% der Nigerianer in Lagos sind immer noch arm und leben in über 100 Slums. Wasser, sanitäre Anlagen, alles fehlt dort. Ungeheure Gegensätze auch heute noch, die unser Vorstellungsvermögen übersteigen.
Je mehr ich online recherchiere, desto surrealer kommt mir das Lagos des 21. Jahrhunderts vor, eine Mischung aus afrikanischer Tradition, überrissenem futuristischem Fortschrittsglauben und Korruption. Trotzdem erkenne ich selbst in den Werbevideos, die Investoren anlocken sollen, das Chaotische, den Lärm und den Rhythmus, die Farbigkeit von Lagos und den typischen nigerianischen Akzent im Englischen, wie ihn selbst die im Ausland ausgebildeten Akademiker sich nicht abgewöhnen können. Mit der Aussprache im Englischen haben alle Nigerianer und Nigerianerinnen Mühe oder eher eine ganz eigene Art des Sprechens. Es ist, als wären ihre Stimmbänder für die Sprache der ehemaligen Unterdrücker nicht geschaffen. In den früheren französischen Kolonien Afrikas hingegen sprechen die Einheimischen Französisch fast ohne Akzent. Wahrscheinlich entspricht das Nasale der Franzosen eher den afrikanischen Sprachen.
Spuren von Lagos, wie ich die Stadt seinerzeit erlebt habe, finde ich in der modernen Literatur, vor allem in den Werken von Teju Cole, geb. 1975, nur nicht in Youtube-Filmchen oder verlockenden online-Reiseberichten. Und so lese ich noch einmal Every Day is for the Thief1 dieses Autors, eines Nigerianers, dessen Mutter aus Norwegen stammt: die Geschichte seines Aufenthalts in der alten Heimat nach einem guten Dutzend in New York als Student verbrachten Jahre. Er beschreibt seine Eindrücke der Megastadt Lagos, wo er aufgewachsen ist. Das Buch mit wenigen schwarzweißen, absichtlich etwas verschwommenen Fotos ist 2007 erstmals in Nigeria erschienen. Der Titel ist dem Yoruba-Sprichwort «Jeder Tag gehört dem Dieb, aber einer dem Besitzer» entnommen und spricht bereits an, was den jungen Besucher stört: die unglaubliche Korruption und Gewalt, die das Leben in Lagos täglich schwierig macht. Er erzählt aber auch von sympathischen, einfachen Menschen, die sich durch den aufreibenden wahnwitzigen Alltag kämpfen, von Lärm und Hektik, dem endlosen Verkehr, in dem man ständig steckenbleibt. Er geht über Märkte, entdeckt Neues, ein Konservatorium für Musik etwa, das ihn hoffnungsvoll für die Zukunft stimmt – doch überall muss er Bestechungsgelder bezahlen, er kommt sonst nicht durch. Und immer wieder gibt es plötzliche Stromunterbrüche mit schlaflosen Nächten wegen der Hitze, weil die Klimaanlage ausfällt. Er ist hin- und hergerissen zwischen der Liebe zur Stadt und zum Land Nigeria und Abscheu, sodass er nicht weiß, ob er bleiben oder fliehen soll. Da seine Mutter Europäerin ist, fällt er auf mit seiner helleren Haut, und die Leute rufen ihm oyinbo nach, das Yoruba-Wort für weißer Mann, das ich, oft gehört, nach wie vor im Ohr habe.
Die Atmosphäre von Lagos ist mir in Teju Coles Buch nach einem halben Jahrhundert immer noch vertraut, dieses Gefühl, diese Nähe zu einer ständig wachsenden, nie ruhigen Stadt schafft wahrscheinlich nur Literatur.
Bei einem Besuch in der bekanntesten Buchhandlung CSS (Bookshop House) im alten Zentrum von Lagos an der Broad Street – wo sich 1964 die Swiss Embassy befand! – stellt Cole fest, dass es kaum ernsthafte Literatur zu kaufen gibt, und wenn, dann ein einziges Exemplar, viel zu teuer. «Aber wo sind die Werke der in Nigeria ansässigen nigerianischen Schriftsteller?», fragt er sich. Eine Auswahl international anerkannter Belletristik ist ebenfalls nicht vorhanden, und Gedichtbände fehlen ganz. Bereits um 1850 eröffneten Missionare an diesem Ort einen kleinen Laden, in dem vor allem Bibeln und religiöse Traktate angeboten wurden. Im Jahr 1927 entstand daraus die CSS (Church and School) Buchhandlung. Ich bin mir sicher, dass ich genau dort an der Broad Street öfters Bücher gekauft habe.
Als Lichtblick empfinde ich die jungen, im deutschen Sprachraum oft noch unbekannten nigerianischen Dichterinnen und Poeten, die trotz allem Gedichte schreiben. Die Kraft und der Glaube an das Wort sind ungebrochen. Unter dem bezeichnenden Titel … und auf den Straßen eine Pest2 hat der 1963 in Nigeria geborene Uche Nduka bereits vor drei Jahrzehnten eine Anthologie junger nigerianischer Lyrik herausgegeben, in der die 35 Autoren je mit einem Gedicht auf Englisch und mit einem zweiten in deutscher Übersetzung vertreten sind. Ein faszinierendes Kaleidoskop lyrischen Schaffens, das Nigeria von einer ganz anderen Seite zeigt und Hoffnung auf die Kraft der Erneuerung nicht zuletzt durch Poesie weckt. Doch / die Erde / das Land / muss gehalten werden / für das Leben, heißt es zum Beispiel im Gedicht Maiduguri von Idris Amali, der in Maiduguri unterrichtete und zuletzt Professor für orale Literatur an der Universität Lafia war. Und was ist aus den Frauen dieses Gedichtbandes, teilweise ohne Angabe des Jahrgangs, geworden? Ihre Namen sind für mich «typisch Nigeria»: Catherine Obianuju Acholonu, Toyin Adewale-Nduka, Fummi Adewole, Angela Agali, Lynn Chukura, Margaret Folarin, Denrele Ogunwa, Tess Onwueme.
Toyin Adewale Nduka, 1968 geboren, gründete 1991 die Organisation Women Writers of Nigeria. 2003 erschien ihr Erzählband Flackernde Kerzen, aus dem Englischen übertragen von Anita Jörges-Djafari3. In diesen Frauengeschichten finde ich die oft surreal-verrückte Atmosphäre von Nigeria wieder und auch die ungebrochene Resilienz der afrikanischen Frauen
Ein seit über zehn Jahren heftig diskutiertes, umstrittenes und noch lange nicht abgeschlossenes Thema ist die Raubkunst aus der Zeit, als europäische Großmächte Gebiete auf anderen Kontinenten besetzten. Sollen und können Kunstwerke aus Afrika, die während und nach der Kolonialzeit irgendwo nach Europa oder in die USA in Privatbesitz oder in Museen und Galerien gelangten, ihren Ursprungsländern zurückgegeben werden? Im Besonderen ist die Rede von Bronze-Statuen, etwa 4000 Artefakten, die aus der heutigen Stadt Benin im Bundesstaat Edo in Nigeria stammen.
2019 kam in Nigeria eine geniale Idee auf: die Gründung einer unabhängigen Emowaa-Stiftung, die ein eigenes Museum in Benin-Stadt für die Benin-Bronzen errichten wollte. Mit dem Bau des Edo Museum of West African Art (EMOWAA), konzipiert vom britisch-ghanaischen Stararchitekten David Adjave, wurde 2021 begonnen. Die Kosten von schätzungsweise 150 Millionen Dollar sollen von der Regierung Nigerias, von staatlichen Stellen in Europa, von Stiftungen und reichen Mäzenen übernommen werden. Im April 2022 stand jedoch noch nichts als ein Zaun, nicht einmal eine Baugrube war zu sehen. König Oba Ewuare II., gekröntes Haupt von Benin, ist der Meinung, die Benin-Kunstwerke gehörten ihm, und es soll Pläne für ein eigenes Museum des Königs geben …
Eine typisch nigerianische Geschichte, ein Märchen? Oder eher eine Satire? Die Restitution von Kunstgegenständen an afrikanische Länder bleibt eine schwierige Aufgabe für die betroffenen Museen und für die Regierungen weltweit, die noch lange nicht gelöst sein wird und viel Fingerspitzengefühl und diplomatisches Geschick voraussetzt.
In meiner Wohnung gibt es beinahe sechzig Jahre nach meinem Aufenthalt in Lagos zahlreiche Spuren von Westafrika, die mir kaum mehr auffallen, so sehr gehören sie zu meinem Leben: der alte, aus Rattan, einer Palmenpflanze, geflochtene Papierkorb unter dem Schreibtisch, den ich regelmäßig leere, aber nicht mehr daran denke, woher er stammt; eine Schale mit Muscheln aus dem Atlantik am Golf von Guinea; mehrere Holzfiguren, davon eine, deren Gesicht Verdruss ausdrückt und über die ich oft lachen muss; eine unscheinbare, etwa 20 cm hohe Bronzestatue aus Benin, einen Krieger darstellend, der an einer langen Pfeife zieht (ein Geschenk des Botschafters); ein Kamm aus Holz; kleine mit Ornamenten verzierte Messingschalen; ein aus dünnem Blech gehämmerter Schöpflöffel für Fufubrei; ein hölzernes, längliches Strategie-Brettspiel (Mancala) mit Spielsteinen aus Molukkenbohnensamen, das überall in Westafrika bekannt ist, nur kenne ich die Regeln nicht, und leider sind einige Steine im Lauf der Jahrzehnte verloren gegangen.
An zwei Wänden hängen handgewobene Stoffbahnen aus Baumwolle, afrikanische Quilts in Blau- und Rottönen aus der nigerianischen Stadt Bida; die Farben sind ziemlich verblichen, aber ich finde die Wandbehänge nach wie vor schön und zeitlos. Eher unscheinbar hängt im Korridor an der Decke ein rot-schwarzes, 12 cm großes Püppchen aus Stoff und Samen, ein Juju (übernommen vom französischen joujou, Spielzeug) aus Kamerun, ein spiritueller Gegenstand, der zur Hexerei gehört und Glück bringen soll. Ich habe immer an seine Wirkung geglaubt. Überall in meinen Wohnungen fand er einen Platz, meist an der Decke, unscheinbar, als wollte er untertauchen oder nur für mich sichtbar sein; kaum jemand hat je nach der Bedeutung des Juju-Zaubers gefragt, so unscheinbar ist das Figürchen, das mich überleben wird.
Afrika hat mich früh geprägt, und vielleicht habe ich die Liebe zum Schwarzen Erdteil auch meiner Tochter unbewusst weitergegeben. Sie lebt nämlich in Ägypten. Und jedes Mal, wenn ich sie besuche und zu Fuß durch Hadaba, ihr Wohnquartier, gehe, fühle ich mich auf eigenartige Weise plötzlich wieder jung wie damals, 1964 in Nigeria.
Ich sitze herum, langweile mich und träume zu viel. Schon vier oder fünf Wochen harre ich nun in der «Pouponnière» aus, einem Büropool im Bundeshaus West in Bern, und habe jeden Zeitbegriff verloren.
Wir sind zwar alle jung, eine Handvoll ziemlich schwatzhafter Kolleginnen, aber als Kinderkrippe bezeichnet zu werden finden wir herabwürdigend, geradezu peinlich. Zudem kommen wir uns unterbeschäftigt und überflüssig vor. Ab und zu wird die eine oder andere für einen Einsatz in einem «richtigen» Büro irgendwo im Bundeshaus geholt oder telefonisch abgerufen, und irgendein Sektionschef, selten ein wichtiger Politiker, diktiert Briefe und Berichte, die in Stenografie aufgenommen und nachher möglichst fehlerfrei getippt werden müssen. Mit mehreren farbigen Kopien, genau vorgeschrieben. Noch gibt es keine Schreibmaschinen mit Korrekturtaste, und der Beruf Sekretärin, welcher mehr oder weniger «Tippmamsell» bedeutet, wird nicht hinterfragt. Es geht meist um Finanzen, Personalfragen, Renovierungsarbeiten in Botschaftsresidenzen im Ausland, um administrative Belange und Themen, für die sich keine von uns erwärmen kann. Die oft geäuszerte Meinung, die Beamten im Bundeshaus würden eher schlafen als schaffen, scheint nicht ganz falsch zu sein.
Das anfängliche Hochgefühl, an einem besonderen, architektonisch beeindruckenden Ort, mitten im Zentrum der Schweizer Politik, arbeiten zu dürfen, ist Langeweile und Ungeduld gewichen, als befänden wir uns in einem Wartesaal. Irgendwohin ins Ausland versetzt zu werden, am liebsten in ein fernes, exotisches Land, das ist der Wunsch aller. Doch wann und wohin? Wie lange müssen wir noch warten?
Nach meiner Rückkehr aus England habe ich mich beim Eidgenössischen Politischen Departement (EPD) als Sekretärin für einen Einsatz im Ausland beworben und die Aufnahmeprüfung bestanden. Eine Stelle in der Schweiz anzunehmen, kann ich mir nämlich nicht vorstellen. Heftiges Fernweh plagt mich, und ich habe deshalb nur einen einzigen Wunsch: auf eine Botschaft oder ein Konsulat ins Ausland versetzt zu werden, möglichst bald. Die politische Zentrale des EPD in Bern ist für mich das Tor zur großen weiten Welt.
Es braucht Geduld, um diese endlosen Bürotage zu überstehen, und ich bringe sie nur mit Mühe auf. Aber wir hoffen, die eine oder andere könnte bald einmal irgendwo auf einem anderen Kontinent landen und, möglichst weit weg von der Schweiz, eine Stelle bekommen. Mit mehreren Monaten Wartezeit sei zu rechnen, dämpft man unsere Erwartungen, und gerade Anfängerinnen könne man nicht überall einsetzen, gefragt seien vor allem erfahrene Sekretärinnen, und das sind die meisten von uns nicht. Wir nehmen Bücher mit ins Büro und lesen wie früher in der Schule heimlich unter dem Pultdeckel oder tippen private Briefe, um uns die Zeit zu vertreiben.
In der «Pouponnière» lese ich jeden Morgen die Zeitungen und habe deshalb einiges mitbekommen, was in diesem Jahr an wichtigen Ereignissen schon geschehen ist oder bald geschehen wird: Am 1. Januar 1964 ist Ludwig von Moos neuer Bundespräsident der Schweiz geworden und nun mein oberster Chef. Am 13. April ist Sidney Poitier als erster schwarzer Schauspieler mit einem Oscar als bester Hauptdarsteller im Film «Lilien auf dem Felde» mit einem Oscar ausgezeichnet worden. Am 12. Juni wird Nelson Mandela, Führer des African National Congress und erster schwarzer Präsident Südafrikas, wegen Subversion und Sabotage zu lebenslanger Haft verurteilt. Im gleichen Jahr werden Malawi, Malta und Sambia unabhängig werden.
Eines Tages erfahre ich, ein Posten in Nigeria werde frei, und zwar sehr bald. Ich weiß sofort: Das ist genau das, was ich mir wünsche: Afrika! Ein fremder Kontinent, weit weg. Ich melde mich sofort bei der Personalchefin – unüblicherweise ist es eine Frau mit viel Einfluss und fast mütterlicher Empathie für uns junge Sekretärinnen – und versuche, mein Interesse für das westafrikanische Land vorzubringen, das noch nicht lange ein eigenständiger Staat geworden ist: am 1. Oktober 1960. Ich wünsche mir sehr, dort zu leben und zu arbeiten, es wäre eine Traumdestination für mich, betone ich so überzeugend wie möglich, als müsste ich mich für die Hauptrolle in einem Film bewerben.
Warum kann ich mich ausgerechnet für Nigeria begeistern? Vor einem Jahr habe ich in London einen nigerianischen Philosophiestudenten kennengelernt, den ich ab und zu traf, obwohl Au-Pair-Mädchen davor gewarnt wurden, sich mit Männern aus Afrika oder Asien einzulassen. Ich versuchte, Ikem zu beweisen, dass ich kein Problem damit habe, mit einem Schwarzen auszugehen. Bei unserem allerersten Gespräch – ich zeigte mich vorsichtig und zurückhaltend – hatte er mir vorgeworfen, ich sei voreingenommen gegen Andersfarbige, das sei rassistisch. Wir besuchten zusammen ab und zu Konzerte, diskutierten viel, und er weckte in mir das Interesse für seine Heimat in Westafrika. Eines Tages, hoffentlich bald, werde er nach Nigeria zurückkehren und sich niederlassen, um etwas aufbauen, etwas Nützliches, Sinnvolles, das gerade unabhängig gewordene Land brauche dringend neue Impulse, kühne Ideen für die Zukunft müssten umgesetzt werden, referierte er voller Hoffnung auf bessere Zeiten für die ehemalige englische Kolonie. Ich war beinahe neidisch darauf, wie klar er sein Ziel vor Augen hatte, während mein eigener beruflicher Weg noch im Dunkeln lag. «Komm mit!», schlug er einmal sogar vor, und als ich etwas verlegen nach einer Ausrede suchte, warf er mir Arroganz vor. «Ach, ihr Weißen, Verwöhnten, was habt ihr gegen Afrika? Ist euch meine Heimat zu primitiv? Ihr habt keine Ahnung und seid voller Vorurteile. Immer noch steckt das koloniale Denken in euch, ihr wollt immer nur von uns Schwarzen profitieren.» Ich schwieg betreten.
Die Kolleginnen haben mich gewarnt, als eine der Jüngsten hätte ich kaum eine Chance, beim ersten Mal gleich außerhalb von Europa eingesetzt zu werden, das könne ich mir aus dem Kopf schlagen. Erst müsse man sich in einem nahegelegenen Land bewähren. Rom oder Stockholm zum Beispiel wären doch interessante Posten. Aber ich träume nur noch von Westafrika und beginne heimlich alles über Nigeria zu lesen, was ich auftreiben kann, leider wenig. Elvira, mit der ich mich angefreundet habe – sie ist nur drei Jahre älter als ich –, ist vor kurzem auf die Ambassade Suisse in Dahomey versetzt worden und hat uns eine Postkarte ins Bundeshaus geschickt, es gefalle ihr dort sehr. Vielleicht trifft das große Los bald auch mich?
Als ich an einem Morgen zur Personalchefin gebeten werde, ahne ich sofort: Sie wollen mich nach Lagos schicken, und etwas theatralisch geht mir durch den Kopf: Das ist Schicksal! Madame Monnier blinzelt mir verschwörerisch zu, als ich mit vor Aufregung schweißigen Händen in ihr Büro eintrete, und stellt mich dem Schweizer Botschafter in Nigeria vor. Er sei gerade auf Urlaub und habe gewünscht, die Sekretärin, die ihm als Anwärterin für Lagos vorgeschlagen werde, persönlich kennenzulernen, erklärt sie. Botschafter Bucher, ein auffallend kleiner Mann, elegant gekleidet, ist mir auf den ersten Blick sympathisch. Er stellt einige Fragen und unterhält sich zwischendurch kurz auf Englisch mit mir, um meine mündlichen Englischkenntnisse zu prüfen. Ich bin erst gerade 21 geworden, aber er findet zu meiner Erleichterung, das sei kein Hindernis. Im Gegenteil, er habe sehr gute Erfahrungen gemacht mit seiner jetzigen Sekretärin, einer Bernerin ungefähr in meinem Alter, und das tropische Klima sei für junge Leute ohnehin leichter zu ertragen. «Wenn Sie das Abenteuer wagen wollen, ist das für mich okay», sagt er abschließend, und am liebsten würde ich ihm vor Freude um den Hals fallen, weiß jedoch, dass dies ein Fauxpas wäre. Innerlich juble ich: «Nigeria – ich komme!»
Wie immer kann ich mich rasch entflammen. Diesmal für ein westafrikanisches Land am Golf von Guinea. Auf einmal erinnere ich mich, wie ich mit meinen Mitschülerinnen in einem Klassenzimmer der Wirtschaftsmittelschule Bern sitze, Anfang Oktober 1960. Wir haben Geografie, ein Fach, das ich eher langweilig finde. Vorne thront Frau Dr. R. und doziert. Sie hat ihr blondes, von grauen Strähnen durchwirkte Haar zu einem kunstvollen Dutt hochgesteckt und trägt ein blaues Kleid. Es geht in dieser Stunde um ehemalige Kolonien Frankreichs und Englands, und die Lehrerin erklärt, auch Nigeria, eines der größten Länder in Westafrika, 2,6-mal so groß wie Deutschland, sei gerade unabhängig geworden. Sie hat einen eben erschienenen Zeitungsartikel mitgebracht. An der Wandtafel ist eine Weltkarte befestigt, und sie zeigt auf Nigeria, links im Bild eingetragen, erwähnt die angrenzenden Länder: Benin, Niger, Tschad und Kamerun. Berühmte Reisende hätten sich ab 1796 bis 1855 um die Erschließung des Hinterlandes von Nigeria bemüht – Mungo Park, Hugh Clapperton, Richard Lander, Heinrich Barth – und sich speziell auf die Erforschung des Niger, des größten Flusses Westafrikas, konzentriert. Müssen wir diese Namen auswendig lernen? frage ich mich. Die Lehrerin fügt bei, Großbritannien habe die Stadt Lagos und ihre Umgebung 1886 zur Kronkolonie erklärt. –
Ich bin begierig, die Welt zu entdecken und sage spontan Ja zu einer neuen beruflichen Aufgabe in Afrika, weit weg von allem Vertrauten. Keinen Moment denke ich an Gefahren wie Malaria oder Gewalt oder auch nur daran, dass ich einsam sein oder das tropisch-feuchte Klima nicht ertragen könnte. Achtzehn Monate lang in Nigeria zu leben: eine Herausforderung, ja eine einmalige Chance, die nur wenige erhalten, vor allem nicht so früh im Leben. Viele finden, ich sei mutig, kühn, gar verwegen, andere versuchen mich vor allem möglichen zu warnen. Nein, es sei keine gefährliche Expedition ans andere Ende der Welt, erkläre ich immer wieder. Ich nehme eine Stelle im Auftrag der Eidgenossenschaft an, die Reise wird vom EPD für mich organisiert und bezahlt.
Es geht nun unheimlich schnell. Mit großer Vorfreude beginne ich mich auf meinen Aufenthalt in Lagos vorzubereiten und erhalte eine Liste von Dingen, die ich mitbringen darf und die ich in Holzkisten verschiffen lassen kann, vor allem Leintücher und Frottierwäsche, beides sei dort nur in ungenügender Qualität erhältlich. Die Kosten dafür werden vom Arbeitgeber übernommen, und ich erhalte sogar einen neuen Pass, einen Dienstpass wie richtige Diplomaten (insgeheim bin ich ein wenig stolz darauf). Es wird sogar empfohlen, zwei Cocktailkleider für repräsentative Pflichten in der Residenz des Botschafters mitzunehmen, Abendroben, die ich bisher nur aus Romanen gekannt habe, und ich gebe unüblich viel Geld dafür aus. Eines ist hellbeige, mit einem runden Ausschnitt, leicht tailliert, das andere schulterfrei, mit Stickereien und Puffärmeln, in einem Türkisblau, das meine blauen Augen betont. So schöne, teure Kleider habe ich noch nie gehabt. Auf dem Passagierschiff wird es wahrscheinlich einen Empfang oder ein Dinner des Kapitäns geben, da werde ich Gelegenheit haben, beide zu tragen. Eine Reise auf dem Seeweg sei, so hat man mir erklärt, günstiger als ein Flug nach Westafrika. Ich kann es kaum glauben, so viel Glück zu haben.
Auch das Autofahren müsste ich vor der Abreise noch lernen, doch die Zeit dazu ist zu kurz, es reicht nur für drei unergiebige Fahrstunden bei einem Fahrlehrer, den ich nicht besonders mag; die Eltern besitzen kein Auto, üben kann ich nicht mehr. Das werde ich in Lagos rasch nachholen, rede ich mir ein. Der Volkswagen meiner Vorgängerin wird mir in Lagos zur Verfügung stehen, ich kann ihr den Occasion-VW Käfer günstig abkaufen. Ein Auto brauche es dort unbedingt, der öffentliche Verkehr sei für Weiße, vor allem eine Frau, unzumutbar, erfahre ich. Die Fahrprüfung werde ich erst in Lagos machen können. Vorerst verdränge ich dies. Es wird sich zeigen …
Ich muss mich, was unumgänglich und dringend ist, vom Tropenspezialarzt in Basel impfen lassen, gegen Typhus, Cholera und Gelbfieber, die Nebenwirkungen der Impfungen, etwas Fieber, sind nicht schlimm. Zur Vorbeugung gegen Malaria bekomme ich Paludrine-Tabletten, die ich regelmäßig werde einnehmen müssen. Ich weiß zwar, dass diese Infektionskrankheit lebensgefährlich ist, bin aber überzeugt, mit dem neuen Medikament geschützt zu sein, und zudem werde ich unter einem Moskitonetz schlafen.
Woran ich nicht gedacht habe: Meine Eltern stellen sich – nicht zum ersten Mal – quer, sind entsetzt, ja fassunglos, dass ich, ihre Älteste, ein derartig gefährliches Abenteuer eingehen will. Jedes andere europäische Land wäre besser als ausgerechnet Westafrika, finden sie. Ein primitives, unterentwickeltes Land, ohne Kultur, ohne klassische Musik und Literatur! Wie sollte ich mich als Europäerin dort wohlfühlen und mich zurechtfinden? All die Vorurteile gegen «das Fremde» sind plötzlich da, in erster Linie die Intoleranz gegen Schwarze, geradezu eine Art Rassenhass, wenn auch nur unterschwellig ausgesprochen. Ich spüre es und hätte den Eltern diese Engstirnigkeit nicht zugetraut. Dabei habe ich während meines Sprachaufenthalts in England im Jahr zuvor gemerkt, welchen Dünkel als Weiße auch ich im Hinblick auf «unsere» Kultur gehabt hatte. Noch spricht man nicht von «Black is beautiful», doch immerhin bereits von Négritude. Und vor allem die Rede «I have a dream» von Martin Luther King beim Marsch für Arbeit und Freiheit, die er im August 1963 vor 250 000 Menschen vor dem Lincoln Memorial in Washington D.C. als Protest gegen Rassismus hielt, es ist noch kein Jahr her, hat weltweit Aufsehen erregt.
Die heftige Auseinandersetzung mit meinem Vater werde ich nie vergessen. Ich könne diese Stelle in Nigeria auf keinen Fall annehmen, es würde mich unglücklich machen, behauptet er. Nichts werde mich davon abbringen, nach Lagos zu reisen, entgegne ich so ruhig wie möglich, obwohl ich spüre, was da auf mich zukommt an väterlicher Ermahnung im Sinn von «Wir-meinen-es-nur-gut-mit-dir». Um eine solch weitreichende Entscheidung zu treffen, sei ich viel zu jung und zu naiv, ich lasse mich von irgendwelchen Versprechungen oder romantischen Illusionen beeinflussen, hält er mir vor.
Ich sei volljährig und könne selbst entscheiden, es sei das Richtige für mich, verteidige ich mich energisch. Was seien schon achtzehn Monate in einem Leben? Der Botschafter habe mir nicht das Blaue vom Himmel versprochen, es werde bestimmt auch Schwierigkeiten geben, er habe Nachteile wie das feucht-heiße Klima und die Gefahr von Malaria aufgezählt, doch ich sei in Lagos nicht allein und verlassen, die Angestellten auf der Botschaft seien eine Art Familie, und ich würde mit meiner Berner Kollegin zusammenwohnen. Ich erfülle alle Voraussetzungen für diesen Posten und sei gesund und werde deshalb kaum Mühe haben, mich an die tropische Hitze zu gewöhnen.
Das sei schön und gut, erwidert mein Vater, aber er könne sich nicht vorstellen, dass ich es so lange ohne Kultur aushalten könne, in einem Land der Analphabeten, einem Entwicklungsland, in dem das Volk noch hinter dem Mond sei.
Dann sei ich eben auch hinter dem Mond, werfe ich trotzig ein. Es stimme nicht, dass es keine Kultur gebe, im Gegenteil. Ich hätte inzwischen bereits viel erfahren über Nigeria, über die uralte Benin-Kunst, die ins Mittelalter zurückgehe. Oder über die mythische Geschichte der Yoruba, einem Volk im Südwesten des Landes, das schon früh ein Königreich war. Keine Musik? Er vergesse die wichtige Rolle des Rhythmus, des Tanzes in Afrika. Erwähnenswert seien auch die Holzschnitzerei, die Skulpturen und Masken, die moderne europäische Künstler wie Picasso beeinflusst hätten. Und die Négritude des Dichters Léopold Sédar Senghor, der 1960 sogar der erste Präsident von Senegal geworden sei. Die afrikanische Kultur sei etwas Eigenständiges, etwas Neues, das sich zu entdecken lohne. Sie, die Eltern, hätten nichts als Vorurteile, ohne etwas Genaues darüber zu wissen, trumpfe ich auf. Als wären alle Afrikaner Halbwilde, Primitive, Analphabeten. Ich wolle das alles kennenlernen, es interessiere mich, es sei für mich eine große Chance, Neues zu lernen und zu erfahren – und ich würde zudem unter dem Schutz der Schweiz stehen.
Gar nichts gebe es dort für eine junge Frau, das Land sei gefährlich, die Kriminalität extrem hoch, das sei bekannt, und ich würde todunglücklich sein, weit weg von Geschwistern und Freundinnen, entgegnet er, überzeugt, ich renne mit offenen Augen ins Unglück.
Keines meiner Argumente lässt er gelten. Auch nicht, dass mein Entschluss längst gefasst ist und ich fest zugesagt habe, den Posten in Lagos anzutreten. Nur schon auf die weite Schiffsreise freue ich mich und werde zudem recht gut verdienen, beruflich könnte die Stelle ein Sprungbrett sein.
Als er so weit geht, mir anzudrohen, er werde sich mit der Personalchefin im Bundeshaus in Verbindung setzen und ihr abraten, mich nach Nigeria zu schicken, ich sei zu jung, zu unerfahren, werde ich wütend und laut. Ich verbitte mir jede Einmischung, er habe kein Recht dazu, mir diese Stelle zu verbieten. Es würde ohnehin nichts nützen, sondern nur lächerlich wirken und mir beruflich schaden. Überängstliche Eltern, die ihre volljährige Tochter nicht in ein fremdes Land verreisen lassen wollen. Lächerlich. Ich werde es durchziehen, schreie ich zuletzt zornig.
